Kategorien
Cesky Krumlov Travelogue

Salzburg / Cesky Krumlov / Prag – 2011 [4]

Die Wenzelskeller befinden sich unter dem 4. Schloßhof, sie entstanden Anfang des 14. Jahrhunderts als eine Art Hinter- und Unterland der Burg. In diesem mehrstöckigen Labyrinth wurde angeblich auch König Wenzel IV. festgehalten. Als Ausstellungsräume für Gegenwartskunst sind die Wenzelskeller überaus effektiv. Der Künstler Miroslav Páral findet hier unten die „Czech-Krumlov Surreality“ ohnehin lediglich verdichtet. Andere finden hier unten ein unterirdisches Abberline-Whitechapel.

St Veit

Never a dull moment with Ting Tong – als wir in einem der in Tschechien häufig von Vietnamesen geführten Lebensmittelläden die Gebäcklage studieren, zupft einer der Verkäufer Birgit am Ärmel und deutet verschmitzt auf das Pumpernickel. Schwarzbrot für Schwarzgekleidete.

Wir haben vor, die Ausgrabungsstätte zu finden, jenen Ort, an dem 2007 die Skelette der drei im 18. Jahrhundert als Vampire Verdächtigten entdeckt wurden, die man offensichtlich daran hindern wollte, aus ihrem Grab zu steigen. Wir haben drei Anhaltspunkte: wir wissen, daß die Stelle an einer Moldaubiegung liegt, die sich damals außerhalb des Stadtgebiets befand; wir haben ein Bild von den Grabungsarbeiten, auf dem ein Geländer deutlich zu sehen ist,

und auf einer Website namens shroudeater.org (!) gab es die Andeutung, daß die Straße namens Plesivecka in die richtige Richtung führt.

Wir begeben uns also in Richtung Süden, den alten Stadtkern verlassend, und die Plesivecka stellt sich als Gasse heraus, in die sich am späten Nachmittag schon niemand mehr verirrt.

In der Plesivecka befand sich 1910 ein kleines Häuschen, in dem zwei Studenten der Prager Universität eine Dame entdeckten, die heute zum kostbarsten Besitz des Kunsthistorischen Museums in Wien zählt: die Krumauer Madonna, entstanden um 1400, Inbegriff der spätgotischen Madonnenfiguren vom Typus der Schönen Madonna oder auch des Weichen Stils, der im Umfeld des Prager Hofes gedieh.

Und wir entdecken im Abendlicht das Geländer, das den Platz der 3 Toten von Krumau anzeigt,

jenen Ort, durch den ein archäologischer und forensischer Beleg für die Vampirhysterie des 18. Jahrhunderts gelang.

Rückweg durch die Plesivecka,

vorbei am Haus der Tausend Leichen, in dem wir, Rob Zombie möge uns verzeihen, Boleslav den Behämmerten vermuten,

vorbei an offensichtlich bearbeiteten Steinen von Werweißwann, die einfach so am Straßenrand liegen.

Bemalte Front des Hauses Na Louži Nr. 54, ein ursprünglich gotisches, mehrfach umgebautes Haus, die Renaissancemalerei-Verzierung stammt aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Ting Tong hat die dünnsten Plastiktüten, die er aus den Flügeln des Cellophanschmetterlings schneidet.

For Sale.

Montag, 12.09.2011

Egon Schiele, 12.6.1890 – 31.10.1918.

Schiele weilte oft und gern in Cesky Krumlov, dem Geburtsort seiner Mutter. Die Stadt inspirierte ihn zu einer Vielzahl von Zeichnungen und Bildern. Aber Schieles Bohème-Leben und die erotischen Motive seiner Kunst erregten Ärgernis; er mußte Krumau verlassen und zog nach Neulengbach, wo ihn 1912 der Schock seines Lebens traf – er wurde wegen „Gefährdung öffentlicher Sittlichkeit“ eingesperrt und angeklagt.

Am Morgen des 28. Oktober 1918 stirbt Schieles Frau Edith an der Spanischen Grippe, drei Tage später liegt Schiele auf dem Totenbett. Schieles Schwester überlieferte seine letzten Worte: „Der Krieg ist aus – und ich muß gehn.“

Zitate aus: Franz E. Wischin, Schiele und Krumlov, 2010.

„Trotz der Protektion durch den Kunstsammler Heinrich Benesch und den Kunstkritiker Arthur Roessler, die Egon Schiele Zugang zu Wiener Kunst- und Sammlerkreisen verschafft hatten, hatte Schiele immer wieder finanzielle Probleme und konnte sich nicht einmal die notwendigen Zeichen- und Malutensilien kaufen. Dazu kam noch die Rivalität und der Neid einiger Malerkollegen, von welchen ihm nur Anton Peschka und Erwin Osen als Freunde blieben. Von Wien enttäuscht beschloss er, im Mai 1910 nach Krumau zu fahren und dort ein ganz neues Malerleben zu beginnen.“

An Peschka schreibt er:

„In Wien ist Schatten, die Stadt ist schwarz, alles heißt Rezept. Ich will allein sein. Nach dem Böhmerwald möcht‘ ich.“

Im Mai 1910 bezieht Schiele Quartier in der Fleischgasse 133 (Masná ulice), Osen kam mit nach Krumau, Peschka folgt ihnen wenig später nach.

„Das extravagante Auftreten der drei Künstler aus der Großstadt erregte natürlich bei der Bevölkerung der Kleinstadt bald einiges Aufsehen. Die Jugend begegnete ihnen mit Interesse und Bewunderung. Die älteren Bürger hingegen fanden es unschicklich, wenn Schiele in weißer modischer Kleidung mit schwarzer Melone und Spazierstock mit seinen Malerkollegen Peschka und Osen am Ringplatz beim Korso zwischen den jungen Menschen einherstolzierte und sich in lauten Worten über die kleinbürgerliche Gesellschaft der Stadt ausließ oder im Café Fink, dem einzigen Café der Stadt, ungeniert seine Füße auf Sessel und Tische legte.“

„Drei Cousinen seiner Mutter Marie lebten in Krumau. Eine dieser Tanten Egons hatte eine Ziehtochter namens Ada, die im Tuchgeschäft am Krumauer Ringplatz arbeitete, wo sie einiges sehen und von den Kunden vieles über Egon hören konnte. Sie berichtete jeden Fauxpas Egons an seinen Onkel und Mitvormund Leopold Czihaczek nach Wien. Dieser war ein höherer Beamter im technischen Dienst der k.u.k. Eisenbahnen, konservativ, korrekt bis kleinkrämerisch und vollkommen verständnislos gegenüber der Berufswahl Egons. Egons Eskapaden machten ihn wütend. Drei Tage nach seiner Ankunft hatte dieser aus Krumau telegrafiert: ‚In Nöten, bitte um 40 Kronen, Egon, Krumau, Fleischgasse 133.‘ (…) Der briefliche Streit eskalierte weiter: Onkel Leopold beschwerte sich bei Mutter und Sohn Schiele über das ‚perfide Telegramm‘, dieser beantwortete das Schreiben und wurde vom Onkel mit noch mehr Zorn bedacht:
‚… für Dein bodenloses, freches, orthographisch und stilistisch miserables Schreiben – ohne Anrede und Datum, erhalten am Pfingstsonntag, wirst Du zur Verantwortung gezogen werden!'“

Es kommt zum Bruch mit dem Onkel und Vormund; Leopold Czihaczek schrieb später an seine Schwägerin Marie Schiele:

„Habe als Mitvormund alles getan, um Egon auf dem rechten Pfad zu erhalten; aber leider alles umsonst. Bodenlos freche lügnerische Briefe habe ich für meine Ermahnungen geerntet. Er führt in der letzten Zeit ein Lotterleben! An der Akademie hat er, wie ich hörte, einen ‚Wirbel‘ gemacht. Unter seinen Kollegen detto. Und glaubt auch seinen Vormund traktieren zu können. Aber da hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Er wird schon sehen, ob die Bäume in den Himmel wachsen.“

In Krumau sucht Schiele immer wieder die Sicht auf Motive von erhöhten Punkten aus:

„Er suchte die Galerie auf dem Schlossturm oder die Anhöhen rings um die Stadt auf, um von dort mit Malstift oder Pinsel ihre Eigenart und ihr Wesen zu ergründen. Vom Plateau hinter der Mantelbrücke (Pláštovy Most) beim Schlosstheater bot sich ihm die Sicht hinunter zum Moldaubogen entlang der Breiten Gasse (Široka ulice) mit der alten Stadtmühle, die 1910 das Motiv für die erste seiner Ansichten der Toten Stadt bildete (…)

1910 galt Schieles Vorliebe in der Innenstadt den alten Mauern und den ineinander verschachtelten alten Häusern, die er für seine Bilder Häuser an der Moldau, Blick auf Häuser und Dächer von Krumau, Alte Stadt, Tote Stadt, Krumau bei Nacht, Blick über Dächer auf Häuserfassaden des Krumauer Ringplatzes oder Dämmernde Stadt als Motive wählte.“

Schieles Mutter Marie und seine Schwester Gerti kommen zu Besuch; Gerti lernt Peschka kennen, den sie 1914 heiratet.

Schiele, Peschka, Osen:

„Am liebsten suchten sie aber den Hofgarten oberhalb des Schlosses auf, wo der riesige Park in französischem Stil des 18. Jahrhunderts mit seinem Rokoko-Lustschloss Bellaria, den Wasserfontänen und dem Schwanenteich – von Schiele in seinen Notizen Parksee genannt – zu Spaziergängen einlud.
Auf Spaziergängen kamen die drei auch den jungen Mädchen und Frauen der Stadt näher und Schiele versuchte mit mehr oder weniger Erfolg, sie zum Modellstehen zu überreden.“

„Es scheint, als habe sich Schiele damals in Krumau zeitweise recht wohl gefühlt und mit dem Gedanken gespielt, sich ganz in Krumau niederzulassen, was aber Peschka immer bezweifelte. Als Schiele und Peschka wieder einmal im Goldenen Engel saßen, nahm Schiele ein Stück Papier und schrieb:

„Ich bestätige, daß ich auf Jahre hinaus, vielleicht immer in Krumau wohnen will – dort, wo ich mich Selbstsehen will. Egon Schiele.“

Anton Peschka drehte das Blatt um und schrieb auf die Rückseite:

„Diese Bestätigung schrieb Schiele in Krumau nach einem Gespräch, in welchem ich bezweifelte, daß er dort bleiben will. 1910.“

„Wie wohl ist aber der Herbst in diesem Windwinterland!“ – Schiele im Oktober 1910 an Roessler.

Im Frühjahr 1911 wurde die 17jährige Wally Neuzil, ein ehemaliges Klimt-Modell, Schieles Lebensgefährtin. Der Gymnasiast Lidl, den Schiele bei seinem ersten Aufenthalt in Krumau kennengelernt hatte, schrieb an Schiele, daß er versucht habe, eine passende Wohnung mit Atelier in Krumau für Schiele aufzutreiben. Lidl fand schließlich eine Stadtwohnung im Parkán 111 und ein Gartenhäuschen an einem Steilhang mit Terrassen. Besitzer des Häuschens war Max Tschunko, ein Textilwarenhändler und Kunstliebhaber. Lidl traf unermüdlich Vorbereitungen, um die Wohnung im Parkán und das Gartenhaus bezugsfertig zu machen. Der 19jährige war ein glühender Bewunderer Schieles, verfaßte auch einen Essay über Schiele.

Schiele kommt im Mai 1911 nach Krumau. Durch Tschunkos Entgegenkommen darf er das Gartenhaus unentgeltlich nutzen, was seine finanziellen Schwierigkeiten aber kaum lindert. Trotzdem ist er optimistisch und – glücklich. In einem Brief an Peschka heißt es:

An Peschka.
Die alten Häuser sind so durchwärmt von der Sienaluft, überall gibt es sonnenverbrannte Rouleaus, weiß, rot und dazu spielt zuzelig eine alte Drehorgel, – der große schwere Jahresrock des blinden Musikanten ist altgrünbraun, geschossen und abgeschunden. – Ich rufe Dich, um Dir all das Vergönnte zu zeigen; da lachen große und kleine Kinderaugen herein und sprechen laut von mir. Oben im Garten gibt es alle Grüns und menschenähnliche Blumen. Draußen in einer Farbenwiese sind farbige Gestalten zerschmolzen, braune buschige Bauern am braunen Weg und gelbe Mädchen in der Maiblumenwiese. Hörst Du? Im Blätterbaum sitzt ein inniger Vogel, er ist dumpffarbig, er rührt sich kaum und singt nicht, – tausend grüne Blätter spiegeln sich in seinen Augen – er weint.

„Allein Schieles Zusammenleben mit Wally sorgte schon für Entrüstung, ebenso dass sie ihm im Gartenhaus Modell stand. Dass er dafür auch Krumauer Mädchen gewinnen wollte und konnte, löste in der Kleinstadt natürlich zusätzlich Aufregung aus.“

Daß sich in dem Gartenhaus am Moldauufer der junge Maler aus Wien, den man schon aus dem Vorjahr kannte, mit seiner rothaarigen Freundin niedergelassen hat, spricht sich in der Kleinstadt schnell herum und lockt junge Besucher an. So schreibt Schiele bereits am 25. Mai an Arthur Roessler:

Ich heiße bei den Kindern der Herrgottsmaler, weil ich in diesem Malhemd im Garten gehe; ich zeichne an verschiedenen Kindern und alten Frauen, Ledergesichtern, Trotteln usw. es ist hier wirklich viel besser, am besten daß ich nichts über mich hören brauche.

Schieles Krumauer Sommer ist produktiv, die Freude des Krumauer Sommers
„…war aber nicht ungetrübt, das Moos, wie Schiele das Geld nannte, fehlte ständig, trotz aller Hilferufe an seine Freunde und Gönner in Wien. In Krumau selbst gab es kaum Interessenten und Käufer für seine Bilder und Zeichnungen, weil seine Darstellungsweise natürlich nicht der Kunstauffassung der Krumauer Bürger entsprach. Noch weniger konnte er hier seine Aktstudien und Aktbilder verkaufen. Trotz dieser Situation zeigte sich Schiele immer nobel, besuchte Gasthäuser oder das Café Fink, wo er mit Zechschulden in der Kreide stand. Im Café soll er mit den Worten: ‚Herr Ober, bringen Sie den Damen Stühle!‘ junge Mädchen zum Bleiben animiert haben, nicht immer mit Erfolg. Natürlich waren Schiele und seine Freundin Wally, mit der er ja offensichtlich unverheiratet zusammenlebte, mit ihrem großstädtischen Auftreten eine Attraktion und Anlass für jede Art von Tratsch und Gemunkel. Trotz der Äußerungen über Schiele und seine Lebensweise, die es in der Stadt sicher hinter vorgehaltener Hand gab, hatte sich Schiele bis Ende Juli in Briefen nie über eine feindliche Stimmung geäußert.
Umso dramatischer erscheint sein Schreiben an Arthur Roessler am 31. Juli:

Sie wissen, wie gern ich in Krumau bin und jetzt wird es mir unmöglich gemacht: die Leute boykottieren uns einfach, weil wir rot sind. Freilich könnte ich mich dagegenstellen, aber die Zeit habe ich nicht dazu und wozu (sich) auf die Art ausgeben. Das Übrige kann ich Ihnen erst erzählen. Ich muss bis 6. August ausgezogen sein und will aber schon am 4. Fortfahren und zwar nach Neulengbach (…)

„Otto Kallir meint, dass Schiele der Aufenthalt in Krumau unerträglich geworden sei, weil seine freie Lebensweise und die Wahl seiner Modelle für Aktstudien bei der kleinbürgerlichen Bevölkerung Anstoß erregte. Ähnlich macht auch Rudolf Leopold den Umgang Schieles mit jungen Mädchen, die er für Aktstudien Modell stehen ließ, und seine Lebensgemeinschaft mit Wally dafür verantwortlich, dass ihm offene Feindseligkeit entgegenschlug und er aus Krumau fortgehen musste.“

„Die Aussagen über Schieles Lebensweise scheinen alle mehr oder weniger der Wahrheit zu entsprechen. Es wäre aber ein Irrtum anzunehmen, dass die Bürger Krumaus auf die Barrikaden gestiegen wären und die Ausweisung Egon Schieles und seiner Lebensgefährtin verlangt hätten. Dass sich ihm einige enthusiastische Gymnasiasten als begeisterte Anhänger der Moderne angeschlossen hatten, schlug sich auch darin nieder, dass zwei der 25 Maturanten des Krumauer Gymnasiums im Jahr 1911 freischaffende Künstler werden wollten.“

„Roessler irrt sich aber auch, wenn er meint, Schieles politischer Radikalismus sei der Grund gewesen, warum man ihn aus der Stadt vertrieben habe. Von Schiele sind keine parteipolitischen oder radikal politischen Äußerungen bekannt. Der Vorwurf, ein ‚Roter‘ zu sein, beinhaltete in der Monarchie ja noch nicht die Gleichsetzung mit einem parteipolitischen Bekenntnis, sondern galt im Volksmund als Synonym für antiautoritär, fortschrittlich, freizügig und unkonventionell. Eigenschaften, die auch auf andere Stadtbewohner zutrafen, ohne dass man sie dafür behördlich verfolgen konnte. Eine Ausweisung, einen Stadtverweis oder eine ähnliche behördliche Zwangsmaßnahme hat es in Krumau gegen Schiele nicht gegeben, weil eine solche Maßnahme in der Monarchie weder strafrechtlich noch verwaltungsrechtlich vorgesehen war.“

„Tatsache ist, dass sich im Terrassengarten neben dem von Schiele bewohnten Gartenhaus ein Vorfall ereignete, der den Hausbesitzer Max Tschunko veranlasste, von Schiele und seiner Freundin binnen acht Tagen die Räumung zu verlangen.
An einem schönen Tag Ende Juli hatte sich Schiele in seinem Terrassengarten niedergelassen, wobei ihm ein junges Mädchen aus Krumau, Liesl Woitsch, vor einem blühenden Rosenstrauch Modell stand. Den Terrassengarten oberhalb des Gartenhauses, der auch Max Tschunko gehörte, hatte die Familie des Postpferdehalters Pollak gepachtet. Paula Pollak, die Tochter der Familie Pollak, besuchte an diesem Tag den Garten und hatte, indem sie auf den unteren Terrassengarten hinunterblickte, den besten Ausblick auf die Szenerie. Empörend für Paula Pollak war nicht nur den Anblick eines nackten Mädchens in einem von drei Seiten einsehbaren Gelände, sondern auch die Tatsache, dass sie in dem jungen Mädchen die Tochter ihrer Nachbarn erkannte. Nun waren alle Voraussetzungen für einen Skandal erfüllt und Hausbesitzer Tschunko musste sich Vorwürfe aus der gesamten Nachbarschaft anhören. Diesem Druck war selbst dieser kunstverständige Mann nicht gewachsen, zumal ihm aus der Umgebung dringend nahegelegt wurde, Schiele und seine Freundin baldigst von seinem Grundstück zu entfernen. Nach diesem stadtbekannten Skandal konnte Schiele in der Folge auch kein Ersatzquartier in der Stadt mehr finden, daher wird die Klage verständlich, dass er und Wally boykottiert werden.

Der Hinauswurf durch Max Tschunko war für Schiele gleichbedeutend mit der Vertreibung aus Krumau überhaupt. Dass Schiele über den Vorfall in seinem Garten, den eigentlichen Grund seiner Vertreibung, in Briefen keine Worte verliert, hat wohl damit zu tun, dass für ihn die Arbeit mit nackten Modellen seit seiner Akademiezeit zu seinem selbstverständlichen Alltag als Künstler gehörte. Ähnlich zurückhaltend hat er sich auch später in der Neulengbacher Affäre nach seiner strafrechtlichen Verurteilung verhalten. (…) Dem Gericht in St. Pölten genügte für eine Verurteilung (…) allein schon die Tatsache, dass Schiele in seinem Wohnzimmer in Neulengbach ein aus Krumau mitgebrachtes Aquarell eines Mädchenaktes an der Wand hängen hatte. Die Strafbarkeit hatte das Gericht damals darin erblickt, dass Kinder, welche öfters aus Neugierde in seine Wohnung und sein Atelier gekommen waren, die Möglichkeit hatten, das Aktbild zu sehen.“

Egon Schiele verließ noch vor der von Max Tschunko eingeräumten Frist die Stadt Krumau. Einen Tag nach seiner Ankunft in Wien, wo er vorerst bei seiner Mutter Quartier bezog, schrieb er an Arthur Roessler:

Ich will nicht an Krummau denken, so lieb hatte ich die Stadt, aber die Leute wissen nicht, was sie tun.

Nach seinem Weggang ist Schiele noch mehrfach wieder zurückgekehrt, so im Mai und Juni 1913 und im November 1914:

„Da logierte er im Gasthaus zum Goldenen Engel am Ringplatz, dessen Pächter Hessina Schiele von früher gut kannte.“

1917, ein Jahr vor seinem Tod, war Schiele das letzte Mal in Krumau.

„Er hatte sich inzwischen von seiner Freundin Wally getrennt und unmittelbar vor seiner Einberufung zum Militär im Juni 1915 Edith Harms, die er schon längere Zeit verehrt hatte, geheiratet. (…) So nützte er auch im September 1917 einen Urlaub für einen Abstecher mit seiner Gattin nach Krumau. Ausgestattet mit Pinsel und Zeichenstift stieg er wieder die zahllosen Stufen des Krumauer Schlossturms hinauf, wo er 1910 und 1911 viele seiner Krumauer Stadtbilder ‚von oben herab‘ gezeichnet und gemalt hatte. Diesmal, als letzte Erinnerung, das Kleinformat Krumau 1917, ein Blick hinunter zum St. Jodokusgebäude und die Zeichnung Alte Giebelhäuser in Krumau, welches die Renaissancefassade des Bürgerhaus Latran 19 zeigt.“

Arthur Roessler 1911:

„Schieles Malereien enthalten nicht viel von der beliebten ‚fein säuberlichen‘ Ausführung, von der gepriesenen Naturwahrheit, keine moralische Tendenz, nichts gegenständlich Anmutendes. Weder das Bürgertum noch die Aristokratie finden ihr Herz durch Schieles Bildwerke bewegt, ihren Geist natürlich erst recht nicht, kaum die Sinne. Er steht außerhalb der Gesellschaft, ein ‚Einsamer‘.“

„Arthur Roessler hat dem Maler einmal in einem Gespräch vorgehalten, dass über all seinen wohl starkfarbigen, zum Teil aber dennoch dumpfdüsteren Städtebildern – die mehr oder minder unheimlich anmutenden, vom blutwarmen Leben entleerten Behältern gleichen – eine eigentümliche Schwermutsstimmung liege.“

Schieles Antwort, nach Roessler:

„Mit zuweilen oft übermütig heiterem Sinn ging ich auf die Suche nach Trauer und Verlassenheit, sterbenden Städten und rotsiechenden Landschaften.“

Schiele erklärt weiter, daß er den Herbst schöner finde als jede andere Jahreszeit:

„Wohl liebe ich auch den Frühling, dessen herber Zauber uns, von der Ahnung eines fremdartigen Glücks beseligt, durchbeben läßt, der nicht von dieser Welt zu sein scheint; noch mehr aber liebe ich den Herbst – und nicht nur als Jahreszeit, auch als Zustand der Menschen und Dinge, also auch der Städte (…) Die vegetative Melodie, von der im Herbst die Natur umsponnen erscheint, haucht auch aus alten Mauern und füllt das Herz mit Wehmut und mahnt uns daran, daß wir nur Pilger sind auf dieser Erde.“

Schiele über seine Methode, in Krumau von oben herab in die Tiefe zu schauen:

„Das hat sich in Krumau so aufgedrängt. Dort lernt man die Welt von oben herab zu betrachten (…).“

Otto Benesch, 1915: „Diese Städte sind so rein, so unberührt von den häßlichen Zufallswucherungen da, wie sie nur in der Vorstellung eines Ungewöhnlichen existieren (…) Weit muß man zurückgreifen, um jenes Dunkle, Unwirkliche und doch sehr Reale, Eindringliche der stummen, schlafenden Städte wiederzufinden (…)“

Vom Budweiser Tor in Krumau gibt es eine Farbkreidezeichnung Schieles von 1906, entstanden rund einen Monat vor Schieles Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie; die früheste bekannte Landschaftsdarstellung Schieles.

1908 entstand ein Ölbild vom Budweiser Tor. Das Budweiser Tor ist das einzige noch erhaltene Stadttor von Krumlov.

Der Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern erwarb einen Teil des Areals, auf dem 1350 ein vereintes Kloster von Minoriten und Klarissinnen mit einer gemeinsamen Kirche gegründet wurde. Auf einer Bleistiftzeichnung von 1913 dient Schiele die Klosteranlage als Motiv, und zwar so, wie sich ihm der Anblick vom Schloßturm herab bot. Tür der Klosterkirche:

Im Haus der Fürstlich Schwarzenbergschen Schloss-Apotheke links der Eingang zu einem „Shop with Minerals“, Madame erwirbt Böhmischen Granat.

Im Haus Latrán 37 lebte zwischen 1573 und 1588 der Schloßhauptmann mit dem phantastischen Namen Slatinsky von Slatinka, aber wer unter der Budweiser-Werbung hindurchgeht, folgt auch Egon Schieles Spuren; Anfang des 20. Jahrhunderts befand sich dort das Café Fink, in dem Schiele sein „Herr Ober, bringen Sie den Damen Stühle!“ vernehmen ließ.

Hausfront Latrán 39: der „Rosenberger Reiter“. Die Rosenberger verwendeten dieses Motiv sehr oft, z.B. bei Siegeln, Buchzeichen, als repräsentatives Zeichen an Fassaden, schließlich auch als das Hauptmotiv ihrer Grabstein-Epitaphe.

Der von Quentin Tarantino produzierte Splatterfilm „Hostel“ von 2005, in dem auch Takashi Miike einen Cameo-Auftritt hat, wurde zum Teil in Cesky Krumlov gedreht; das im Film gezeigte Foltermuseum existiert hier tatsächlich, das Museum Tortury.

In den Ecken sitzen sinistre Mönche, ein Barbara Steele-lookalike-Mannequin wird als Hexe verbrannt, Audioeffekte inbegriffen, Folterinstrumente und Totenschädel galore.

Wir besuchen das Egon Schiele Art Centrum, Široká 71, in den Renaissance-Räumen einer ehemaligen Brauerei, phantastische Gewölbe, Balkendecken. Dokumentation zu Leben und Werk Schieles. Die Traueranzeige für Edith. Schieles Totenmaske – lange Wimpern. Seine schöne Handschrift in den Briefen. Möbel aus Schieles Nachlaß, zum Teil von ihm selbst entworfen. Das lackschwarze Bett. Die berühmten Schiele-Photos von Anton Trcka, die magischen Posen. Überhaupt all die wunderbaren Photographien, Schiele als Kind, als Jüngling, seine schönen Schwestern, Elvira, Melanie, Gertrude. Elvira, die älteste, starb im Alter von 10 Jahren; Gerti, von Schiele mehrfach porträtiert, gehörte zu den ersten Wiener Mannequins.

Es gibt einen Film zu sehen von 1994, Presenter ist Serge Sabarsky, der Expressionismus-Sammler, der auch bedeutend zum Aufbau des Schiele Art Centrum in Cesky Krumlov beitrug. Sabarsky erzählt in diesem Film, wie Schiele als psychopath, sex maniac or at least a pornograph rezipiert wurde. Spricht von the clarity of his message, the sincerity of his language.

Schieles Vater war station master des Bahnhofs von Tulln, Egon liebte alles, was mit railway zu tun hatte.

„You have to study the Academy in order to forget it.“

Die Bilder, die Schiele während seiner Inhaftierung in der Gefängniszelle von Neulengbach schuf, erschütternde Dokumente einer gemarterten Seele.

NICHT GESTRAFT SONDERN GEPEINIGT FÜHL ICH MICH

DIE EINE ORANGE WAR DAS EINZIGE LICHT

KUNST KANN NICHT MODERN SEIN KUNST IST UREWIG

DIE TÜR IN DAS OFFENE!

DEN KÜNSTLER HEMMEN IST EIN VERBRECHEN,
ES HEISST KEIMENDES LEBEN MORDEN!

ICH WERDE FÜR DIE KUNST UND FÜR MEINE GELIEBTEN GERNE AUSHARREN!

… aber was hier an Verzweiflung, Angst, Schmerz, Müdigkeit und Halbwahnsinn in Schieles Gesicht eingegraben ist…

Ein anderes Selbstbildnis, das Schiele im Gefängnis von Neulengbach zeichnete, beschriftet mit:

ICH LIEBE GEGENSÄTZE.

Zwei Proletarierkinder und Zwei Gassenbuben von 1910:
„An Modellen für seine Zeichnungen und Bilder von Kindern und Jugendlichen scheint es keinen Mangel gegeben zu haben, wie die Vielzahl solcher Darstellungen aus diesen beiden Jahren beweist: Gassenjunge, Proletariermädchen, Arbeiterjunge, Bauernjunge sind Beispiele aus einer großen Zahl posierender Kinder.“

Schieles Bilder von Krumau, Traumvorstellungen einer von jeder Kommunikation abgeschlossenen Stadt, Schiele selbst nennt sie zuweilen Inselstadt.

Einen Absatz höher: die Ausstellung „Heights of Fashion – A History of the Elevated Shoe“.

Wir lernen: „Throughout its history in Western fashion, the high heel has been used to enhance stature, status, and sex appeal.“

Indicator of wealth, status, privilege, Indikator auch für pursuit of private pleasures. Ende des 19. Jahrhunderts ist der hohe Absatz schließlich clear signifier of the female gender, und derart sexuell aufgeladen, daß junge Mädchen keine Absätze mehr tragen dürfen.

Madame tätigt ihren Großeinkauf bei Botanicus, dann Gulasch & Semmelknödel, the real gourmet shit of Bohemia, direkt gegenüber im Goldenen Engel, Zlaty Andel, also ebendort, wo Schiele für Peschka auf ein Blatt Papier schrieb: „Ich bestätige, daß ich auf Jahre hinaus, vielleicht immer in Krumau wohnen will – dort, wo ich mich Selbstsehen will.“ Allerdings, the weather is so fine, sitzen wir draußen, beobachtet von einer schlauen Maus, die sich im Mauerwerk bei den Tischen eingenistet hat. Sagte ich schon, daß auch Rilke von Krumau fasziniert war?

St. Veit. Die Nepomuk-Kapelle. Unter diesem roten Teppich befindet sich das Grab der „Vampirprinzessin“, Eleonore von Schwarzenberg.

In einem Antique Shop halte ich die ganze Zeit dieses kleine Blechdöschen mit alten Schreibfedern in der Hand, schließlich erläßt mir der Inhaber ein Siebtel, als ich erzähle, daß ich einen Roman mit diesen Dingern geschrieben habe.

Madame erwirbt schwarze Knöpfe, in einem anderen Antikladen alte Keksformen, Zeit für einen Trdlnik, der Dorfdepp pfeift.

Renaissanceportal des Hauses Siroka Nr. 77. Von 1588 bis 1592 lebte hier der Magister Michael Anton von Ebersbach, der als Alchemist am Hofe des Krumauer Herrschers Wilhelm von Rosenberg tätig war. 1592 wurde Ebersbach wegen finanzieller Betrügereien in das Schloßgefängnis geworfen, 1593 starb er im Kerker.

Auf der ganzen Reise sind Reiseleiter not amused, wenn wir Freddie irgendwo postieren oder Birgit ihn am Faden hält, weil sich das Interesse der Reisegruppe jedes Mal um 90° wendet. Im 3. Schloßhof nun, als Madame Freddie gerade am ausgestreckten Arm hält und ich auf den Knien den richtigen Winkel suche, um den Arm nicht im frame zu haben, bemerke ich hinter mir einen ganzen Pulk Japaner, die alle fasziniert und angeregt ihre Kameras auf die sehr blonde, sehr blasse, sehr schlanke Frau richten, die gerade im Schloßhof steht und eine Stoff-Fledermaus am Band in die Höhe hält. Sie lächeln sehr japanisch und nicken eifrig, photographieren und filmen die Szene. Wir grinsen also alle, und ich verständige mich ein bißchen mit ihnen, einer Dame zeige ich schließlich das Bild von Freddie, das ich gerade gemacht habe. Sie schaut sich das an, deutet dann aber auf Birgit und sagt:

„She pretty, SHE pretty!“
Tja, damn.

Vom Gardeplatz im Krumauer Schloß gelangt man über zwei Innenhöfe und über die Mantelbrücke auf das Plateau vor dem Schloßtheater. Von dort aus geht es weiter zu einem schmiedeeisernen Tor und über einen steilen Weg zum Schloßgarten. Kurz hinter diesem Tor liegt der Standort, von dem aus Schiele einen bevorzugten Blick auf die Häuser und Dächer von Krumau fand. Im Schloßgarten, den Schiele so liebte, steht das 1755 – 1757 im Rokokostil erbaute Lustschloß Bellaria, von leicht bröckelndem Charme.

Bellaria von der anderen Seite

Im Schloßgarten

Kaskadenfontäne mit Amphitrite

1910 schrieb Anton Peschka auf einer Karte an Gerti, die schöne Schwester Egon Schieles:

„Liebes Fräulein! Krumau bekommt jetzt ein Aeroplan! Sie werden bald in den Zeitungen lesen davon. Das Komitee besteht aus den Herren Tschunko, der alles konstruierte, Maler Tupy und meine Wenigkeit, welche alles zusammenschraubten, Egon, der die Flugversuche macht und Herren Hessina und Fink, welche sonstwie mithelfen. Samstag wird der erste Flugversuch stattfinden. Wir hoffen das Beste. Egon wird mit Luftpolstern an den Apparat angebunden. Es wird ihm gar nichts geschehen. Viele Grüße an Mama! Ihr Freund Ant. P.“

Das Flugprojekt scheiterte kläglich, der Apparat brach schon beim Transport auseinander.

Meist war es Schieles Freund Erwin Osen, der vor den allegorischen Statuen des Schloßparks pantomimisch posierte.

The Last of Krumlov

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s