Der böhmische Schriftsteller Oskar Baum litt von Geburt an unter Sehproblemen, verlor mit acht Jahren die Sehkraft eines Auges und als Elfjähriger bei einer Rauferei sein Sehvermögen vollends. Er beschreibt seine erste Begegnung mit Franz Kafka:
„Den tiefsten Eindruck hatte mir die erste Bewegung, mit der Kafka in mein Zimmer getreten war, hinterlassen. Er machte mir, während der vorstellenden Worte Brods, eine stumme Verbeugung. Das war, sollte man glauben, eine sinnlose Förmlichkeit mir gegenüber, der ich sie ja nicht sehen konnte. Sein glattgestrichener Haarscheitel berührte indes, wohl infolge meiner etwas zu heftigen gleichzeitigen Verbeugung, flüchtig meine Stirn. Ich fühlte eine Ergriffenheit, deren Grund mir im Augenblick nicht in vollem Umfang klar war. Hier hatte einer als Erster unter allen Menschen, die mir begegnet waren, meinen Mangel als etwas, das nur mich allein anging, nicht durch Anpassung oder Rücksicht, nicht durch die geringste Veränderung seines Verhaltens, festgestellt. So war er.“
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
09/2012
Monika Cate
Danke, faszinierende Geschichte, wunderbare Bilder. Schön, Freddie wieder zu sehen, so vertraut :)
Christian Erdmann:
Leider durfte man weder in der Krypta in Brno noch bei der Führung durch Burg Pernstejn photographieren. Das Beste wird ohnehin sein, ich lerne Tschechisch / Slowakisch, arbeite da irgendwo als Kafkableistifthersteller und verbringe meine Restzeit im dortigen Burgenfurioso. :)
ray05:
No bad idea. :) Apropos: hab mich beworben als Chef aller Magazine und Kellergewölbe der hiesigen Stadtbibliothek. Will nur 3500 netto, dafür wisch ich abends auch nass durch und stell mein Lager dort auf. :)
Christian Erdmann:
Traumarbeit! Wenn Nachgelassenes von Meyrink, Kubin, Rilke, Wedekind, Panizza Dein Lager umgibt, wenn Du auf 1000 Thomas Mann-Briefen schläfst, gibt es aber kein Entrinnen mehr, dann erwarten wir, daß der genius loci des Kellergewölbes Dich endlich zu Deinem ersten Roman zwingt. :)
Kafkableistifte gibt es leider schon. Lese gerade wieder „Das Schloß“. Wieder? Unmöglich.
ray05:
Oweh, das „Schloss“. Ball/Chain des Kafkawerks für mich, unverarbeitet immernoch. Da sind ganz furchtbare Sachen drin, erschütternder als alles, was der „Process“ je. – Ich schreib keinen Roman, zefix, wollt ihr meinen Untergang … :)
Christian Erdmann:
Schaurige, schaurige Sachen. Als K. telefonisch die Verbindung zum Schloß herstellt: „Aus der Hörmuschel kam ein Summen, wie K. es sonst beim Telefonieren nie gehört hatte. Es war, wie wenn sich aus dem Summen zahlloser kindlicher Stimmen – aber auch dieses Summen war keines, sondern war Gesang fernster, allerfernster Stimmen -, wie wenn sich aus diesem Summen in einer geradezu unmöglichen Weise eine einzige hohe, aber starke Stimme bilde, die an das Ohr schlug, so, wie wenn sie fordere, tiefer einzudringen als nur in das armselige Gehör.“
Mit 11 oder 12 war ich allein in diesem Dachbodenzimmer meiner Grandma. Aus irgendeinem Grund lief der Fernseher, und aus irgendeinem anderen Grund kam da nur Rauschen. White Noise. Und aus noch irgendeinem anderen Grund ließ ich das laufen, ausgestreckt auf dem Sofa, schläfrig oder irgendwie hypnotisiert von diesem Rauschen. Und dann plötzlich kamen durch dieses Rauschen diese seltsamen verzerrten Stimmen. Ich hatte eine vage Vorstellung von Übertragung und Frequenzen und Störungen, aber für mich klang es damals wie der Versuch der toten Seelen, irgendwie durchzukommen. Es war nicht erschreckend, nur schaurig, und ich hatte das Gefühl, mit einer anderen Welt verbunden zu sein. Seitdem fasziniert mich das Phänomen: gestörte Übertragungen. Fasziniert mich halb bewußtlos in seiner Schaurigkeit; mir scheint es völlig normal, daß der Tod durchs Autoradio spricht. :)
Drum ist diese Szene, wo Kafka die nicht beschreibbaren Geräusche einer fernen Welt beschreibt und näherkommen läßt, eine der erschütterndsten für mich. Kafkas Macht, die opaken, auf unheimliche Weise anziehenden Gesetze des Traums in tagheller Sachlichkeit spielen zu lassen, wo sie noch unbegreiflicher werden, ist einzigartig. – Die Gehilfen. Slapstickartig diese ständige, übertrieben deutliche, unverständliche Erregung ihrer Gesten, aber schauderhaft die Unbeirrbarkeit ihrer voyeuristischen Gegenwart, Gefühl ständigen Entblößtseins. Aus schaurigsten Träumen geholt, wo nach dem Erwachen für eine Weile noch das Wissen um Formationen des Selbst in der Traumtopographie mit atavistischem Restzweifel kollidiert, dem Unbehagen, externer Beobachtung ausgesetzt gewesen zu sein.
All diese traumgleichen Szenen, die für K. Realität sind und uns in Tiefen eigener Traumwelten schleudern, wo es diese Fassungslosigkeit gab, daß dies möglich ist; K. geht durch diese Szenen mit einer für uns wiederum unbegreiflichen Ausschaltung der Fassungslosigkeit. Als Fremder. Fremder den eigenen Echo-Räumen gegenüber, darum „entsetzlich unwissend“ hinsichtlich der Verhältnisse, darum Bedeutungen hermetisch abgeriegelt, Unmöglichkeit von Hermeneutik.
Castorp im Schnee, K. im Schlitten des Kutschers im Hof, in der unwirklichen Wärme mit all den Polstern und Pelzen wie betäubt zu dämmern (überhaupt diese ganze Szene im Hof!), bis sich der Kognak über einen Pelz ergießt, Annäherung ans Ausschalten hochmütig verengter Wahrnehmung, Realität ein befremdliches Traumreich, solange die eigenen Tiefen befremdliche Realität sind, phantastisch jedoch, wie K. diese Traumerfahrung verkörpert, das Streben, nicht mehr Unwissender zu sein in einer wissenden Ordnung, die nichtmenschliche Trance des proteischen Klamm, keine verbindliche faßbare Gestalt, nur der Wunsch, da hinzukommen. Tiefer einzudringen. „Tiefer einzudringen“ ist gleich: der Gesang allerfernster Stimmen eingedrungen in uns.
Untergang? Man kann Romanschreiben überleben. Knapp. :)
Kommentarsektion Letzte Lockerung (Rays Blog)
07/2016
Christian Erdmann:
Finde gerade besonders schön bei Stach, wie Felice erscheint bei ihm. Auch schlüssig beschrieben: warum gerade Felice. Da Stach auch Literat ist, kann man es wie einen Roman lesen, brillanter In-Szene-Setzer, feine Formulierungen, feiner Sinn für Pointe.
Komme nicht über diese Szene hinweg: Thieberger, Hebräischlehrer in Prag: „Mein Vater hatte einige Tage vorher die ‚Verwandlung‘ gelesen, und wiewohl sich Kafka in ein abweisendes Lächeln hüllte, wenn man von seinen Arbeiten sprach, ließ er sich von meinem Vater einige Worte über diese Verwandlung eines Menschen in einen Käfer gefallen. Dann wich Kafka einen Schritt zurück und sagte mit einem erschreckenden Ernst und einem Kopfschütteln, als ob es sich um eine wirkliche Begebenheit gehandelt hätte: ‚Das war aber auch eine furchtbare Sache.'“
Kann Kafka deutlich hören bei diesem Satz.
ray05:
Ja, unter Stachs Händen materialisiert sich Kafka gleichsam wieder, aber nicht als papiernes Gespenst, sondern als handfeste Vorstellung, mit der ich was anfangen kann (die ich fassen und internalisieren kann). Stach ist durchaus eine Art „Urtext“ gelungen in der Art des neuen Testaments zum Beispiel. Leidens- und Heilsgeschichte gleichzeitig. Kafkas Auferstehung. DIE Kafkaerzählung als paradigmatische Erzählung der Moderne. – Bin kein großer Leser von Biografien, vor Stach gefielen mir eigentlich nur zwei Arbeiten, beide von Hildesheimer, seine Mozart-Biografie und „Marbot“, die perfekte Biografie, die bewies, dass eine Biografie eigentlich erst möglich wird, wenn ihr Gegenstand frei erfunden ist.
Roman also, wie Du sagst. – Gibt’s was Schöneres als Stachs Aufriss der Prager Welt von 1870? Absolut filmisch, ich musste sofort an die Meister der Exposition denken, Scorsese und Hitchcock. Wie Stach virtuos zwischen panoramischen Tableaus und detailgenauen Aufnahmen des Bezeichnenden hin- und herzoomt, wobei er immer auf Tiefenschärfe Wert legt, das ist schon klasse, der wahre Jakob. – Kafka/Felice. Dass Stach wie ein Paartherapeut die ersten Jahre dieser Beziehungskiste aufdröselt, … ich musste mich durchackern, „Franz, Du Dodl“ rief ich einmal in die Baden-Badener Nacht. Gibt noch tausend Dinge zu sagen zu Stach/Kafka, wollte eigentlich auch zuerst auf ganz was anderes hinaus, … ja, die geglückte Auswahl an Fotografien. Mann, auch hier gibt’s wieder tausend Dinge zu sagen… :)
Tuschkin, welcher Sohn kann Kafka nicht hören bei dem Satz? Es ist unser aller Satz, die wir Söhne sind.
Christian Erdmann:
„Franz, du Dodl“. :) Der Terminkalender des Sisyphos. Stach vermag es wie kein Biograph vor ihm, fühlen zu lassen, was Felice fühlen mußte, – als hielten wir selbst Kafkas Brief in der Hand.
„Das war aber auch eine furchtbare Sache.“ – Ich glaube, ich höre Kafkas Stimme bei diesem Satz so kristallklar, weil der ganze Kafka in dieser Szene präsent scheint. Er, der sich im wirklichen Leben fühlt, als wäre er darin nur ein Spuk. Er, für den das Schreiben der Ort war, an dem er die Unfähigkeit zu sein nicht fühlte. Oder wenigstens am wenigsten. Und dann hört er diese Sätze über sein Werk, und seine ganze Unfähigkeit oder sein ganzer Unwille, das im sozialen Kontext Erwartete zu produzieren, paart sich wieder einmal mit seiner unwirklichen Liebenswürdigkeit, für einen weiteren Versuch der Konzession an die Prager Lebenswelt, und er versucht, eine Reaktion nachzuspielen, die er für richtig hält, mit ernsthaftem Kopfschütteln und bizarrer Anteilnahme, und heraus kommt dieser vollkommen phantastische Satz, dabei geht es um sein eigenes verdammtes Werk, und eben weil sein Werk das wirklichste ist für ihn, kehrt sich alles gleichzeitig wieder um, kein als ob mehr in „als ob es sich um eine wirkliche Begebenheit gehandelt hätte“, „unser aller Satz, die wir Söhne sind“, aber dieser Satz auf der Straße für einen entfernt bekannten Hebräischlehrer ist so erschütternd und gleichzeitig von so absurder Komik, – er ist so unheimlich nah in dieser Szene.
„Der Jäger Gracchus“: „… ein Erzählbeginn von beinahe schmerzlicher Schönheit, eine totlebendige, geräuschlose Szenerie, ausdrücklich in Riva und dennoch im Nirgendwo, das Fragment eines Stummfilms, oder besser noch: eines Films, dessen Tonspur leer ist, dessen leises Knistern aber die Erwartung von Ungeheurem weckt…“ – wäre Stach ein Bild, würde ich ihn mir an die Wand hängen.
Die Fotografien – wie schön Valli ist auf ihrem Hochzeitsbild – „Im Hintergrund ist Kafka zu erkennen“ – als verwischter Spuk, liebenswürdig lächelnd.
