Philosophie des Horrors 005.
„Ein jeder Engel ist schrecklich.“
(Rilke 2006, 689)
Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto veröffentlichte 1917 mit „Das Heilige“ ein Schlüsselwerk der Religionspsychologie, das als überholt gelten mag, sofern man dem Autor ein rein spekulatives, nicht-empirisches Verfahren zuschreibt und dies als Mangel ansieht. Für uns indes empfiehlt sich Rudolf Ottos Werk als bedeutend, weil es nachvollzieht, wie sich an jener ersten Grenze, die den Kosmos strukturiert, ein Psychodrama ereignet, das den Eindruck verstärkt: Weltordnung und Horror are born twins.
Für das ursprünglich Heilige, das eigentlich Innerste aller Religion, das sich in rationalen Aussagen und Begriffen nicht zu vollständiger Klarheit und Deutlichkeit bringen läßt, das zu erschließen ist nur über die Gefühlsreaktion, die es erregt, prägt Rudolf Otto den Begriff des Numinosen.
Für die Urform religiösen Erlebens, diese Begegnung mit einem Unaussprechlichen, sei das Gefühl der schlechthinnigen „Abhängigkeit“, von dem Schleiermacher sprach, eine zu sehr aus dem Subjekt heraus gedachte Bestimmung, die R. Otto durch das „Kreaturgefühl“ (RO 10) ersetzt, das Gefühl des Versinkens und der Nichtigkeit vor einem unsagbar Übermächtigen, als einer Wirkung des Numinosen. Übermacht und Unnahbarkeit des Numinosen, das als objektive Präsenz erfahren wird, bewirken im Erlebenden die Scheu. Scheu ist die primäre Gefühlsbestimmtheit, aus der das Kreaturgefühl resultiert; dasjenige am Numinosen, was mit sinnverwirrender Gewalt erregt, was Ursache und Gegenstand ehrfürchtigen Erschauerns oder verklärter Demut sein kann, wird von R. Otto bezeichnet als Mysterium tremendum (RO 13).
Tatsächlich kann dieses „Grausen und Schauder“ auslösen, tatsächlich geht es um das „Erzittern und Verstummen der Kreatur“ vor dem, „was im unsagbaren Geheimnis über aller Kreatur ist“ (RO 14); mit dem tremendum soll etwas der Furcht Analoges umschrieben sein, das doch „noch ganz etwas anderes ist als Sichfürchten“ (RO 15). Fällt auch der Begriff selbst nicht, geht es doch gerade hier um Horror: als einen durch die erlebte, ja verhängte Grenze zum Übernatürlichen, Heiligen, Numinosen inspirierten Affekt.
Das Mysterium tremendum, das Schauerliche, löst einen Schrecken aus, der genuin verschieden ist von „natürlicher“ Furcht. Bei dieser läßt sich angeben, was gefürchtet wird; was im numinosen Schrecken erschreckt, was in dieser Scheu gescheut wird, läßt sich nicht erfassen. Der erste, aus anderem nicht ableitbare Grundfaktor der Religion ist für R. Otto eben dieses durch nichts Geschöpfliches ausgelöste Grauen: als „erstes Sich-Erregen und Wittern des Mysteriösen“ (RO 17). Daß hier de facto die Rede ist von Horror, wird gerade auch deutlich in der Bemerkung, daß „diese eigentümliche Scheu vor dem ‚Unheimlichen‘ auch eine völlig eigentümliche, bei natürlicher Furcht und Schrecken niemals so vorkommende körperliche Rückwirkung hervorbringt: ‚Es lief ihm eiskalt durch die Glieder‘, ‚mir lief eine Gänsehaut über den Rücken‘. Die Gänsehaut ist etwas ‚Übernatürliches‘.“ (RO 18)
Für R. Otto ist der physiologische Horrorschauer Effekt der numinosen Erfahrung – und nur der numinosen Erfahrung. Der Zustand Horror, hier wird er religiöses Urerlebnis. Engländern sei er bekannt als „(…) ‚awe‘, das nach seinem tieferen und speziellsten Sinne ungefähr auf unseren Gegenstand geht.“ (RO 15) Im Deutschen gibt es Ausdrücke „für die roheren und niederen Entwicklungsstufen dieses Gefühles. Nämlich unser ‚Grausen‘, auch unser ‚Schauer‘ und ’schauervoll‘. Und ‚Erschauern‘ z.B. ‚Erschauern in Andacht‘ bringt uns doch auch das Höhere ziemlich rein zum Anklingen.“ (RO 16)
Nacktes Grauen und vornehmeres Erschauern werden also als Formen religiösen Horrors erkannt. Die „erhabene“ religiöse Scheu hat ihre Vorstufe im „panischen Schrecken“, in der dämonischen Scheu, „mit ihrem apokryfen Absenker, der ‚gespenstischen Scheu‘. Und in dem Gefühle für das ‚Unheimliche‘ hat sie ihre erste Regung.“ (RO 16) Von diesem Gefühl eines Unheimlichen, das in den Gemütern der Urmenschheit auftauchte, „ist alle religionsgeschichtliche Entwicklung ausgegangen.“ (RO 16).
Die Ehrfurcht vor dem Numinosen ist auf ihren höheren Stufen erheblich verschieden von der dämonischen Scheu, doch auch die Götter behalten als numina immer etwas Gespenstisches an sich, auch das Erhabene behält den eigentümlichen Charakter des Unheimlich-Furchtbaren, und dieses Moment verschwindet auch nicht auf der Stufe des Gottesglaubens: „Das ‚Grauen‘ kehrt hier wieder in der unendlich geadelten Form jenes tiefst innerlichen Erzitterns und Verstummens der Seele (…)“ (RO 19)
Auch im erhabenen Erschauern bleibt elementares Grauen. Horror ist schon religiöse Erfahrung, und in jeder religiösen Erfahrung ist noch Horror. Zum tremendum hinzu kommen das Gefühl schlechthinniger Übermacht oder Übergewalt (majestas), und das als „Wirken“ des Numinosen Empfundene, das Moment des „Energischen“, die Bewegtheit und Erregung dieser Übermacht, die z.B. als „Zorn“ gefühlt wird und wiederkehrt in den verschiedenen „Affekten“ mythologischer Gottheiten.
Das eigentliche Mysterium am mysterium tremendum aber, das nicht Tremor (Zittern, Beben, Erschütterung), sondern Stupor bewirke, das „starre Staunen, das ‚völlig auf den Mund geschlagen sein‘, das absolute Befremden“ (RO 29), ist schließlich „das Ganz andere, das aus der Sphäre des Gewohnten, Verstandenen und Vertrauten und darum ‚Heimlichen‘ schlechterdings Herausfallende und zu ihm in Gegensatz sich Setzende, das darum das Gemüt mit starrem Staunen Erfüllende.“ (RO 29)
Drei Symptome religiösen Horrors werden also benannt: der Schauer der „Gänsehaut“, der Tremor und der Stupor. Das vornehmlich Stupor Bewirkende weist menschliches Erkennen gänzlich in die Schranken: das Ganz andere, vor dem es nur das Zurückprallen in erstarrendem Staunen gibt, ist menschlichem Wesen inkommensurabel (vgl RO 31).
Genaugenommen hat dieses Ganz andere, nicht nur bei R. Otto, das Problem, daß seine „Inkommensurabilität“ die Metapher ist für letztmögliche Kommensurabilität. Es kann zu keinem Etwas ein Ganz anderes geben ohne ein letztmögliches gemeinsames Maß; ansonsten liefe es am Etwas schlicht vorbei, es gäbe keinen Bezug mehr zwischen dem Etwas und dem sogenannt Ganz anderen. Insofern ist ein Ganz anderes gar nicht denkbar. Nun behauptet R. Otto auch gar nichts anderes vom Ganz anderen: denkbar ist es nicht, doch es ist. Das Ganz andere ist „ein Etwas, das nicht hineingehört in den Kreis unserer Wirklichkeit“ (RO 32) – das sich aber doch in irgendeiner Form in dieser Wirklichkeit bemerkbar macht, sonst gäbe es keine Wahrnehmung davon und keine Rede von ihm.
Wie ganz anders das Ganz andere sein kann, bestimmt die jeweilige Wirklichkeit. R. Otto nennt das Übernatürliche als das Ganz andere der Natur, das Überweltliche als das Ganz andere von „Welt“; es sind Bezeichnungen „einer eigentümlichen, ‚ganz anderen‘ Realität und Qualität, von deren Eigenart wir etwas fühlen, ohne ihm begrifflich klaren Ausdruck geben zu können.“ (RO 34). Die Grenze, um die es geht, ist stets dieselbe: sie verläuft zwischen einer gewohnten und vertrauten „Wirklichkeit“ und dem, was diese Vertrautheit übersteigt.
Auf allen Stufen der Religion ist nach R. Otto also ein Grundelement vorfindbar, das er „das numinose Gefühl“ (RO 1932, 2) nennt, den sensus numinis (Zinzendorf hatte den Begriff im 18. Jahrhundert verwendet), der den geschichtlichen Ursprung der Religion darstellt. Charakteristisch am Begriff des numen ist das „Schwebende, Indefinibele, Übergreifende, Mysteriöse dieser Bezeichnung“ (RO 1932, 5). Der sensus numinis, als Entsetzen und Scheu, wird durch eine Sinneswahrnehmung aktiviert, ist aber nicht durch diese gegeben: etwas löst Furcht aus, etwas, von dem eine dunkle Vorstellung durch etwas Gegebenes angestoßen, angeregt, „aufgeweckt“, zur Ahnung gebracht wird; der sensus numinis ist Wahrnehmer (und Für-Wahr-Nehmer) der Dinge hinter den Dingen. Das Erschrecken und Erschauern hüllt sich erst nachträglich in Vorstellungen von Geistern und Dämonen und setzt diese nicht etwa voraus; das Erschrecken und Erschauern bricht spontan hervor, als Erlebnisart, die auch weit elementarer sei als jede „Seelen“- oder „Mana“-Vorstellung. Das heißt, auch R. Otto lehnt sowohl die Theorie des Animismus ab, nach der aus den Vorstellungen von „Seelen“ die Vorstellungen von Geistern, Dämonen und Göttern entstanden seien, als auch die Theorie des Präanimismus, nach der es vor allen Seelenvorstellungen die Annahme einer magischen Kraft (mana) gab, die zunächst an einzelnen Dingen, dann als eine einheitliche vorgestellt wurde. Das Unheimliche, das Übernatürliche, das mächtige „Ganz andere“: all dies provoziert nach R. Otto elementares Grauen, bevor es die Vorstellungen von „Beseeltheit“ oder magischer Kraftwirkung gibt; es ist Grauen vor einer ganz anderen Seinsweise schlechthin, ein dunkel gefühlter Vorstellungsinhalt, der sich erst später zu konkretisieren beginnt. Das numinose Gefühl spürt, mit einem Wort, „a presence“ (RO 1932, 68); eine fremde, seltsame Wesenheit, die ihm Entsetzen und Scheu einflößt, weil ihre Präsenz die Grenze des „Natürlichen“ überschritten hat.
An der Gespensterfurcht ist nicht so wichtig, daß man in ihr den „apokryfen Absenker“ und in der Gespenstergeschichte eine Art Abfallprodukt des numinosen Gefühls sehen muß, sondern daß sie den Reiz verdeutlicht, der vom Ganz anderen ausgeht. Was das Lustgefühl an der Gespenstergeschichte ausmache, sei nicht, das Gespenst am Ende wieder loszuwerden; der Reiz sei vielmehr das Gespenst selbst, als Mirum und Wunderding, als etwas, das es eigentlich gar nicht gibt, als Ganz anderes; der Reiz ist die Lust an der numinos aufgefaßten Macht selbst.
So gibt es neben dem tremendum als dem schreckenden und abdrängenden Moment des Numinosen auch ein anziehendes, gar zusichreißendes Moment, ein Faszinierendes, mit dem es in „seltsame Kontrastharmonie“ (RO 39) tritt: das fascinans des Numinosen. „Diese Kontrast-Harmonie, dieser Doppelcharakter des Numinosen ist es, für den die ganze Religionsgeschichte zeugt“ (RO 39). Das Dämonische, das Göttliche, das Numinose ist zugleich grauenvoll-furchtbar und lockend-reizvoll. Mit dieser „Kontrast-Harmonie“ – Erstarren, Zurückschrecken, Erschauern, in dem zugleich Hinwendung liegt – exponiert Rudolf Otto die dem Zustand Horror elementare Ambivalenz.
In dämonischer Scheu allein gebe es keine positive Hinwendung zum numen. Das Mysterium könne als beseligend erfahren werden, weil im fascinosum ein (religiöses) Sehnsuchtsgefühl zum Tragen kommt. Zum einen geht dies in die Richtung des von R. Otto dann proklamierten sensus numinis, eine in den irrationalen Sphären des Menschen erregbare Kapazität der Reaktion auf das sich offenbarende Ganz andere; zum anderen spräche dies aber auch dafür, daß ein Verlangen nach Ohnmacht vor dem Übermächtigen existiert, das Entzücken des Versinkens in die Nichtigkeit vor der majestas, eine Lust am Überwältigtwerden und Sichausliefern. Unterstrichen wird ausdrücklich „das Dionysische der Wirkungen des numen“ (RO 39). Dionysisch ist gerade das Zulassen der Überschreitung, in der die Grenzen der Identität sich lösen.
R. Otto zieht Parallelen zwischen dem Numinosen und dem im 18. Jhdt. entwickelten Begriff des Erhabenen: auch das Erhabene wirke abdrängend und anziehend zugleich, demütigend und zugleich erhebend, das Gemüt zugleich einschränkend und es über sich hinaus tragend, Schrecken wie Beglückung auslösend. Das Erhabene ist ein Reiz, den das ihm vorausgehende religiöse Gefühl ermöglicht; das aus keinem anderen Gefühl ableitbare religiöse Gefühl, der sensus numinis, hat den Sinn für das Erhabene entbunden. Dem Zustand Horror wird hier also, als Urgrund aller religiöser Erfahrung und als Symptom für das Erlebnis des Erhabenen (in der Tat sprach englische Philosophie vom Erhabenen als delightful horror), höchste Signifikanz sowohl für den Bereich der Religionswissenschaft als auch für den Bereich der philosophischen Ästhetik zugesprochen.
Twitchell erinnert an das von R. Otto Entwickelte wie folgt: „Otto (…) argued that it is from this shiver (‚daemonic dread‘) that the visionary and mystical experience (‚mysterium tremendum‘) emanates.“ (Twitchell 1985, 11). „Daemonic dread“ ist bei R. Otto zwar die erste Stufe im Erleben des Numinosen, doch emaniert das Gefühl für das Numinose nicht aus dem „shiver“. Twitchell biegt hier R. Ottos Gedankengang seiner eigenen Prämisse entsprechend um, nach der Horror primär eine physiologische und allenfalls sekundär eine numinose Erfahrung sei (vgl. Twitchell 1987, 43); R. Otto geht indes gerade vom objektiv gegebenen Numinosen aus; das einbrechende Ganz andere bewirkt den Schauer, keineswegs wird aus dem Schauer erst die religiöse Erfahrung abgeleitet. Twitchell macht die von R. Otto gegenüber Schleiermacher vorgenommene Umkehrung der Erlebnisrichtung also wieder rückgängig.
Das Numinose beugt und zwingt als äußere Macht das Innere des Menschen; sobald aus dem gefühlten Überwältigtwerden durch Übermächtiges die Anerkennung der äußeren Macht durch ein sich beugendes Inneres wird, entsteht das Heilige. So wie Horror noch im „erhabenen“ religiösen Gefühl präsent ist, so ist schon im „primitiven“ religiösen Gefühl das Heilige präsent: schon „primitive“ Götterbilder und -schilderungen vermögen durch den Ausdruck des Gräßlichen und entsetzlicher Fürchterlichkeit „echte Gefühle echter religiöser Scheu“ (RO 77) hervorzurufen und höchste Heiligkeit auszudrücken eben durch die Form der Fürchterlichen, die auf anderen Entwicklungsstufen dem Darstellungsmittel des Erhabenen weiche.
Es gibt also ein nur allmählich und nacheinander sich vollziehendes Auftauchen und Wachwerden der einzelnen Momente des Numinosen. Was unverständlich und schreckend hineinfuhr in den Bereich menschlichen Handelns, hat von jeher Dämonenfurcht geweckt; der daimon ist nach R. Otto ein „Vorgott“, eine niedere Stufe des numen, aus der allmählich der „Gott“ hervorgeht; parallel zum Übergang von daimon zu theos wird „Grauen (…) zum heiligen Erschauern“ (RO 132). Keine heilige Scheu ohne Horror zwar, aber je weniger Horror in der heiligen Scheu, um so mehr entsteht Andacht. In allem aber, woran Religion sich knüpft, bleibt ein Fremdes, Unnahbares, das Ganz andere.
R. Otto hält das Empfinden des Numinosen als seelisches Urelement fest. So wie nach Kant Erkenntnis mit Erfahrung anhebt, aber nicht aus ihr entspringt, so wird der sensus numinis durch Anregung aktiv, existiert jedoch nicht aus ihr; er ist apriori Angelegtes. Das Gefühl des Unheimlichen ist letztlich unableitbar, und durchaus mag die Gefühlsintensität dem eigentlichen Anlaß gegenüber unangemessen sein. Aber dämonische Scheu ist weder Autosuggestion noch völkerpsychologischer Alpdruck, sondern Erstregung aller religionsgeschichtlichen Entwicklung.
Nicht im Seelenglauben, sondern gerade auch im archaischen Ausgesetztsein des Menschen, der sich einem „natürlichen Lebensraum“ durch Bewußtwerdung entfremdet, sieht R. Otto den Ursprung der Tiefe des Grauens vor den numina: „Das numen, das im geheimnisvollen Grauen der Höhlen und Grotten, dieser weltweiten und allmenschlichen Anreger und Geburtsstätten der ‚Scheu‘, dämmert, das Numen der Einöden und grauenhaften Stätten, der Berge und Klüfte, der ‚haunted places‘, der wunderlichen und auffallenden Natur-erscheinungen wird nur mit Gewalt auf Seelen-vorstellungen, ja auf irgendeine klare Vorstellung überhaupt bezogen“(RO 1932, 39).
Wenn der biblische Jakob spricht: Wie schauerlich ist diese Stätte, dies ist Elohims Wohnsitz (1 Mose 28,17), dann enthalte der erste Teil dieses Satzes „den numinosen Urschauer selber“, der hinreichte, um heilige Stätten auszuzeichnen, sie zu Plätzen scheuer Verehrung und des Kultes zu machen, auch ohne „diesen Eindruck des Schauervollen aufzulösen in die Vorstellung eines numen, das dort hause, oder ohne daß das numen ein nomen ward“ (RO 151). Der zweite Satzteil ist dann die reflektierte, konkrete Deutung jenes Urerlebnisses. Ein Satz wie „Es spukt hier!“ hat auch noch „gar kein rechtes Subjekt“ (RO 151), ist vielmehr „nur rein ein Ausdruck des Gefühles des Unheimlichen selber“ (RO 151 ff,)
Der frühe Mensch findet das Heiligtum in der Natur vor: der heilige Wald, der heilige Berg usw. Das numinose Elementarerlebnis findet „schauervolle“, „heilige“, vom numen besessene Stätten auf. 1 Mose 28,17 oder 2 Mose 3 (der Dornbusch) berichtet von Stätten, die „haunted“ sind, an dem ein „Jenseitiges“, ein Schauerliches sich verdichtet zum numen loci – Stätten, „an denen ‚es nicht richtig ist'“ (RO 152). Und das Erschauern im Halbdunkel heutiger Heiligtümer habe „eine letzte Verwandtschaft mit der ‚Gänsehaut‘, deren numinosen Charakter wir früher erwogen haben“ (RO 153) – mit dem Horror also. Das Gebet ist die Fortsetzung von Grauen und Schrecken auf anderer Ebene.
Rudolf Otto schärft den Blick dafür, daß Horror zugleich Erschauern vor dem Untergang und lustvoller Schauer der Erwartung ist, Grauen und Faszination, das Zugleich von Zurückschrecken und unwiderstehlicher Anziehung. Der psychophysische Erregungszustand Horror bestätigt sich als Elementarerlebnis an einer Grenze: als Grenzerfahrung am Ganz anderen, Unheimlichen, an der erlebten Grenze zum Numinosen, Übernatürlichen, Überweltlichen oder der gezogenen Grenze zum heiligen Raum. Der ehrfürchtige Schrecken hält zurück, ist hemmend und restriktiv, doch zugleich auch „erhebend“, insofern der fasziniert Schaudernde über sich hinaus, an eine Grenze und über sie hinaus getragen wird.
Virulent wird der Zustand Horror demnach an der elementaren Grenze, die das „Übernatürliche“ als Erlebnis von der „natürlichen“ Lebenssphäre abtrennt; sie ist die „Rauheit“ in der Wahrnehmung, die zugleich stasis und ekstasis bewirkt, Erstarrung und Ekstase. Horror ist eine Variante von Plessners Deutung menschlicher Existenz als Exzentrischer Positionalität insofern, als sowohl die Positionalität, die Gesetztheit eines Körperlichen, das Gebanntsein in eine Existenz innerhalb dieser positionierenden Grenze, und die Exzentrizität, das Über-die-Grenze-des-Körpers-hinaus, extreme Potenzierung erfahren. Und diese Variante ist eine veritable Zerreißprobe: das fascinans saugt die Identität geradezu aus ihrer Positionalität, während das tremendum den Körper festnagelt.
Das Ganz andere, das Grauen auslöst, awe, Scheu, Gänsehaut, Horror, heiliges Erschauern, Ehrfurcht, wirkt wie ein aufgerichtetes Grenzzeichen mit der Inschrift: Von hier an Ende der „normalen“ und „natürlichen“ Wirklichkeit. Das solcherart, einer Aufrichtung gleich, Herausgehobene, „das absolut Inkommensurable des Heiligen“ (Van der Leeuw 1957, 195), diktiert sich als Grenze zum Außerordentlichen, diktiert einen permanenten Zusammenhang von Grenze und Horror, diktiert die unvergängliche schreckliche Lust am Ganz anderen. Das von R. Otto formulierte Zugleich von tremendum und fascinans verdeutlicht, welch extreme Dynamik dem Erstarren des Horrors innewohnt. Starrheit, in der keine Bewegung mehr ist, wird eher durch rigor angezeigt – rigor mortis, letzte Erstarrung. Horror ist heftigste Emotion bei blockierter Lokomotion, als „full-passioned fixity“ und als „static turbulence“ (Twitchell 1985, 10 u.11). Horror ist keine gewöhnliche Furcht, sondern ein potentiell ekstatischer Zustand, ein Ausnahmezustand nahe am Außersichsein. Das Zugleich von tremendum und fascinans bedeutet Kopräsenz von Erstarrung und Hinwendung, Schrecken und Lust, Panik und Genuß.
Durch die im Horror gesetzte Grenze wird das Jenseits der Grenze zur tatsächlichen oder zur drohenden Zufügung, wird das plötzliche Erscheinen des (Ganz) Anderen zum tatsächlichen oder drohenden Übergriff, und doch ist das Bedrohende, Abstoßende zugleich ein Anziehendes, ist an der Schwelle der ekstatische Wunsch des Über-sie-hinaus. Das von jenseits der Grenze her Übergreifende und Zufügende provoziert die „faszinierte Vermeidung“; die Grenze wird zur Schwelle und die Schwelle zum Zustand der Ambivalenz. Was jenseits der Schwelle liegt, entfernt, unvereinbar, fremd, im Widerspruch, verboten – der heilige Raum ist auch der verbotene Raum – und bedrohlich, ist doch zugleich durch die Schwelle nah, in Beziehung, unwiderstehlich und ersehnt. Der Zustand Horror als fasziniertes Grauen an einer elementaren ontologischen Rauheit, die zum Grenzerlebnis zwingt, erfährt in seiner Ambivalenz durch das Phänomen der Grenze selbst kaum Besänftigung; vielmehr ist die Grenze selbst ein paradoxer Ort, eine genuine Ambivalenz: jede Grenze leistet Abgrenzung, aber keine Grenze leistet nur Abgrenzung.

John Martin [1789 – 1854]: Trees
Literatur:
Otto, Rudolf: Das Heilige, 4. Auflage Breslau 1920 (Erstveröff. 1917). (= RO)
Otto, Rudolf: Das Gefühl des Überweltlichen (Sensus numinis), München 1932. (= RO 1932)
Rilke, Rainer Maria: Die Gedichte, Frankfurt am Main und Leipzig 2006.
Twitchell, James B.: Dreadful Pleasures – An Anatomy of Modern Horror, New York/Oxford 1985.
Twitchell, James B.: Forbidden Partners: The Incest Taboo in Modern Culture, New York 1987.
Van der Leeuw, Gerard: Vom Heiligen in der Kunst, Gütersloh 1957.