
The Devils aus Neapel sind Erica Toraldo a.k.a. Erika Switchblade, Schlagzeug und Gesang, und Gianni Vessella a.k.a. Gianni Blacula, Gitarre und Gesang. Benannt hat sich das Duo nach dem Psychohorrordrama „The Devils“ von Ken Russell aus dem Jahre 1971.
Der z.T. harsch zensierte und in Finnland bis 2001 komplett verbotene Film behandelt das Schicksal des Urbain Grandier (gespielt von Oliver Reed), Priester in Loudon, der 1632 der Hexerei beschuldigt und 1634 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Grandier ist ein charismatischer Mann, stolz und populär, der vielen den Kopf verdreht und sich mächtige Feinde macht. Eine der Nonnen von Loudun, Schwester Jeanne von den Engeln, ist besessen von ihm und verfällt in sexuelle Wahnvorstellungen; schließlich komplett deranged, löst sie die Anschuldigungen gegen Grandier aus, denen Massenhysterie folgt – Jeannes unerwiderte Obsession wandelt sich zu Hass und bringt Grandier zu Fall. Vanessa Redgrave ist Schwester Jeanne des Anges, und ein Bild von Vanessa Redgrave aus dem Film ziert die Bassdrum der Erika Switchblade.
The Devils glauben an die Hölle als Non-Stop Erotic Cabaret. Bislang gibt es 6 Alben: ihr Debut, „Sin, You Sinners!“ von 2016, ein knapp 18minütiger Wahnwitz, wollüstig, verkommen und dreckig, wird in 2 Tagen aufgenommen und produziert von Jim Diamond, der auch für The White Stripes gearbeitet hat. Ein Sound, der allen Ausschweifungen huldigt und die willigen Sünder in die Unterwelt peitscht. Ein Song heißt „Azazel“, und eben so klingt die Band: wie der Höllenfürst, dem man was in die Drogen getan hat.
Ein anderer Klassiker, „Coitus Interruptus (From A Priest“), fehlt auch heute abend nicht.
Ende 2017 erscheint „Iron Butt“, wiederum auf Voodoo Rhythm Records (echte Wohltäter der Menschheit) und wiederum produziert von Jim Diamond. „This is minimalistic, lunatic-level trash rock on amphetamines, the kind you hit it and quit it to […] minimalism yields maximum results here. Throughout the 10 tracks of Iron Butt, Toraldo and Vessella collude with the dark side by addressing topics of sin, sodomy, and other facets of man’s ruin and ecstasy with scuzzy punk/blues riffing and thrashing drums“, schreibt New Noise Magazine und verleiht entzückt 5 Sterne. Der Opener heißt „Put Your Devil Into My Ass“. Nur damit die Verhältnisse klar sind.
„Guts Is Enough“ klingt wie 2 Minuten besessene Reaktion auf die Exorzisten, die neben dem Bett stehen und mit den Armen fuchteln.
Im Herbst 2019 treten zwei Legenden auf den Plan: Erika und Gianni gewinnen Alain Johannes als Produzenten für „Beast Must Regret Nothing“. Und auf „Devil Whistle Don’t Sing“ ist Mark Lanegan als Sänger zu hören. („That was also a gift from Alain. But already when we wrote the song and realized our voice wasn’t right, we jokingly said, ‚This song needs Mark Lanegan’s voice,‘ but we never thought it would happen. Instead, while we were recording, Alain passed the recordings to Mark, and he liked us. When he returned to Los Angeles to mix the album, he was in the studio with Mark working on his audiobook, and he asked us, ‚Shall we have Mark do the song?‘ Could we possibly refuse?“) (*)
Ein Glücksfall für den Weltenlauf, daß Alain Johannes diese Band entdeckt, liebt, und sich ihrer annimmt. „Beast Must Regret Nothing“ wird wegen Pandemie-bedingter Verzögerungen erst im April 2021 veröffentlicht („Wir wollten nicht zu lange warten und riskieren, daß es ein posthumes Album wird.“) ICH BIN DER MADONNA ERSCHIENEN!
Mit Alain Johannes erschließen sich The Devils neue Dimensionen, beschäftigen sich intensiver mit den Arrangements, so sinistrer wie lasziver Groove wird eine weitere ihrer Stärken. Auf dem Song „Beast Must Regret Nothing“ ist Alain Johannes höchstselbst mit Gitarre und Gesang zu hören.
„Real Man“. Eins meiner 111 Lieblingsvideos, ein Jammer, daß Lux Interior The Devils nicht mehr erlebt.

Im Januar 2023 erscheint das Live-Album „Live at Maximum Festival“, Anfang 2024 dann „Let The World Burn Down“, aufgenommen in Padua, mixed and mastered by Alain Johannes.
You put on a blindfold
And I tear it off
Which of us is blind?
It never helps to be kind
We are just two fools
And if you don’t
And if you don’t want to see it
You can break your own mirror
„Although we’ve never really played blues or soul music, we’ve spent years exploring and pursuing these genres. We’ve delved into their roots and absorbed countless musical influences. As we celebrate our 10th anniversary, it feels fitting to create this record as a tribute to the music that has become our steadfast inspiration and something we can truly rely on.“
Auch für das brillante Cover-Album „Devil’s Got It“ (März 2025), für das man bei Bandcamp wie für alle Werke der Band genau 6,66 € zahlt, sitzt Alain Johannes wieder am Mischpult. Daß immer mehr David Lynch in die Musik von The Devils Einzug hält, läßt sich auch im Video für „Lonely For You Baby“ erkennen, kurz nach dem Tod des Regisseurs veröffentlicht als „deeply-felt homage to David Lynch“ (so die Band), Video-Regisseur Rob Schmidt:
„David Lynch’s BLUE VELVET, specifically the ‚IN DREAMS/ROY ORBINSON‘ sequence, was the specific aesthetic inspiration for our video. We even looked at stills from it on set. Now, a few days after the master’s death, I am realizing how much he has inspired our work with his dark retro style. Rest in peace good master, your voice echoes through time.“
Die Nonnen in „The Devils“ geraten in religiös-sexuelle Raserei, Urbain Grandier wird grausam gefoltert vor seinem Feuertod, am Ende masturbiert Schwester Jeanne mit einem phallisch geformten Knochen Grandiers. Obszönität, Blasphemie, Nunsploitation, The Devils – ein genuiner Nexus. Als sie in einem Interview gefragt werden, ob sie ein Paar seien, antwortet Gianni: Wir sind Geschwister, Kinder der gleichen Nonne, aber unterschiedlicher Priester. Frühe Auftritte absolvierten sie denn auch im Fetisch-Nonnen- bzw. Priester-Outfit, heute stöckelt Erika in glänzenden, hohen Lackstiefeln durch den Hafenklang-Club, lächelt ein hinreißendes „Hello“, als sie an uns vorbeigeht, und besteigt schließlich mit Gianni die Bühne zu den Klängen von Wojciech Kilar für Coppolas „Dracula“ (die ersten zweieinhalb Minuten davon).
Zwischen Songs erzählt Erika so süße Sachen wie: sie hätten mal für den Vatikan gearbeitet, aber man habe sie dann doch rausgeworfen. Wie sie mit diesen Stiefeln / diesen Absätzen das Schlagzeug bearbeitet, ist Kunst für sich. Der Rabatz dieser beiden Teufel, die so klingen, als wären sie vier, verhindert so zwingend jegliches Stillstehen, daß Filmen mir 2024 gänzlich unmöglich war, dieses Mal stehle ich mich bei „Devil Whistle Don’t Sing“, dem auf dem Album von Mark Lanegan gesungenen Song, an die Seite der Bühne, immerhin, for my bad smartphone snippet.
Gianni sitzt mit seiner Gitarre am Bühnenrand für eine wunderbare Version von „Everybody Loves A Winner“.
Für The Devils gilt jederzeit: sex is only dirty if you do it right, und das vermitteln sie in stellar performances, auf ihren Alben wie bei ihren Live-Shows. Die dunkle Seite der Gefühlswelt exponiert in der Kulisse eines Horror-Sex-Trash-B-Movies, und in dieser Welt sind sie Perfektionisten. In einem Interview zu „Beast Must Regret Nothing“-Zeiten erzählt Erika, sie sei immer enttäuscht, weil in einem fertigen Song immer nur 5% der Bilder auftauchen, die sie im Kopf hatte. Wenn Erika die anderen 95% aktiviert, gnade uns Gott. Oder der andere. Im Weltbild von The Devils ist der Teufel die Unfähigkeit des Menschen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. „We’re two people who, if they see a crowd, go the other way“ (*).
Neopuritanismus, Cancel Culture, Zensurmaßnahmen, jeder sanktioniert jeden, Kunstfreiheit ist keine Selbstverständlichkeit mehr und Abweichlertum lebt gefährlich: in solchen Zeiten bedeuten The Devils besondere Wohltat. Zwischen dem 28. Januar und dem 28. Februar spielen sie sage und schreibe 31 Konzerte in Italien, Deutschland, Österreich, der Niederlande, Belgien und der Schweiz: wir verneigen uns in Bewunderung und tiefer Dankbarkeit. Lächeln uns nochmal zu am Merch-Stand und nehmen ein von beiden dann signiertes Exemplar von „God’s Got It“ mit. Cut out the middleman, wie Jeordie White mal sagte.
„We wanna get rid of the obsession of reason.“ – Erika Switchblade
„The Devil, it seems, departed from the Mother Superior at 10:45 precisely.“ – The Devils, 1971

* Interview übersetzt aus dem Italienischen