



Zu den Damen, in die schoolboy Aljoscha verliebt war, gehörte die sowjetische Kunstturnerin Ljudmila Turischtschewa (Tourischeva, Тури́щева). Zur Olympiade 1972 in München kam ein Farbfernseher ins Haus, Kunstturnen war eine der großen Attraktionen, Siegerehrungen mit der sowjetischen Hymne fieberte ich geradezu entgegen, weil ich die Melodie schon als Kind wunderschön fand. Olga Korbut wurde zum Liebling der 11.000 in der Olympiahalle, ihre Tränen rührten die ganze Nation zu der Erkenntnis, daß auch Mädchen aus der Sowjetunion Gefühle hatten, zu Hause in Grodno bekam Olga fortan 20.000 Briefe pro Jahr, die weißrussische Post stellte zum Sortieren einen eigenen Beamten ein. Turischtschewa schien umschattet, die Sympathien für den strahlenden Spatz nahmen abenteuerliche Ausmaße an, aber mein Herz gehörte ihr, die selten zu lächeln schien und von eher mysteriöser Eleganz war. Unvergeßlich auch, wie sie bei der Olympiade 1976 in Montreal um das Siegerpodium ging, um mit huldvoller Vornehmheit der Mehrkampf-Siegerin Nadia Comaneci zu gratulieren, bevor sie auf dem Podium ihre eigene Bronzemedaille entgegennahm.
Ihre Bodenübung in München
90 Minuten Zeit? Das Gerätefinale.
Eine Erscheinung unter den Turnerinnen, mit ihrer geradezu majestätischen Haltung, und mit ihrer Anmut den klassischen russischen Ballett-Tänzerinnen-Stil verkörpernd.
Skill, strength, style and class: ein Wort wie „Beherrschtheit“ würde Turischtschewa jedoch nur bläßlich beschreiben. Warum? Wegen dieser atemberaubenden Szene. Darunter You-Tube-Kommentare.
As she told in an interview, while performing she already felt the bars were about to collapse. But she decided not to break her performance. When they fell at last, it was no surprise to her, she knew it will happen. Her wonderful composure is not that she didn’t look back, but that she continued her performance, KNOWING that bars may fall in any second. It is a miracle they fell only AFTER.
Do you want to know the definition of „cool?“ WATCH THIS VIDEO! Ludmilla Tourischeva is one of my favorite athletes of all time. Skill, strength, style and class…The bars collapse – had it happened 2 seconds earlier she might have been badly hurt – and she doesn’t even blink! If only more athletes today – regardless of sport – would emulate her class and grace…
Cool Girls don’t look at destruction.
Cool girls don’t look at large collapsing structures.
Talk about bringing down the house.
Damn! She just walked away like, „So what?“ Sheesh.
She said, „Top that bitches!“
It’s as though the bars decided, „Forget it, no one else is going to be worthy.“
This is the gymnastics version of having a car explode right behind you and having a tire fly directly past you on one side and a serrated piece of metal on the other side of you all while not even blinking.
„What mother fuckers? What?“
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
04.01.2012
ray05:
Zum Niederknien, danke. München 1972 ging noch fast komplett an mir vorbei, an drei Dinge kann ich mich aber noch erinnern, weil sie für helle Aufregung unter den Erwachsenen sorgten: Einmal die Eröffnungsshow, bei der sich Großvater fürchterlich empörte, weil die BRD-Athleten nicht im Gleichschritt ins Stadion einmarschierten, sondern irgendwie entspannt reinschlenderten und fröhlich ins Publikum winkten. Dann die fast schon groteske Szene mit dem Ringer Dietrich, der seinen Gegner, dieses 200-Kilo-Riesenbaby, emporhob und auf die Matte schmiss. Von dem Jubelschrei aus abertausend Kehlen gleichzeitig bebte das Dorf und wir Kinder kamen angelaufen und fragten, was denn los ist. :) Das gleiche dann nochmal bei diesem Hochsprung von Fräulein Meyfarth.
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Wirklich einer der spektakulärsten und schönsten Momente der ganzen Sportgeschichte für mich – wie sie die Arme hochstreckt, um die Übung zu vollenden, während hinter ihr mit ohrenbetäubendem Krachen die ganze Apparatur zusammenstürzt. „In the end it is beauty that is going to save the world, now.“ (Nick Cave) :)
Oh, ja, Ulrike Meyfarth. An diesen quasi menschenunmöglichen Ringer-Überwurf erinnere ich mich auch, vor allem natürlich an das Entsetzen nach dem Anschlag im Olympischen Dorf, aber auch an viele seltsame kleine Details – wie Harry Valérien den Namen „Shirley Babashoff“ aussprach, zum Beispiel. Diese phantastischen Moderatoren, diese Stimmen. Rainer Günzler, Auto-Test im „Sport-Spiegel“, das war LITERATUR! :) „Die meiste Zeit schleppt man leeren Raum mit sich herum.“ Der Bremswegstrich. Der „ZweiLITTERmotor“. :)
7 replies on “Ljudmila Turischtschewa”
Hach, da triggerst du was an bei mir, meine Begeisterung für das Kunstturnen in jungen Jahren war über die Maßen groß (war ja selbst auch eine gute Turnerin, vor allem der Stufenbarren hatte es mir angetan), und, was soll ich sagen, als ich dann bei den Olympischen Spielen der Nadia Comăneci gewahr wurde, bin ich ihr regelrecht verfallen. (Ljudmila Turischtschewa hingegen sagt mir nichts, wahrscheinlich war sie früher dran, kann mich nicht an sie erinnern.) Boah, aber die Nadia, was für eine Körperbeherrschung aber auch! Meine Freundin und ich waren soooo dermaßen angetan von ihr, dass wir während der olymp. Spiele in ihre Haut schlüpfen wollten, indem wir versuchten, ihren Stil nachzuahmen. Wir turnten mit grazilen Bewegungen auf der Wiese herum, stellten eine große Gartenbank vor die Wäschestange im Garten und turnten dann auf jener oder bauten uns Balancierbretter etc. . Irgendwie habe ich das noch immer in mir lach dieses grazile, leichte mich Bewegen, das Schwingen und Gleiten, habe so ein Leichtigkeitsgefühl in mir.
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Nadia Comaneci! Atemberaubend und zauberhaft. Sie war ja die erste, die eine perfekte 10,0 erhielt, ich kann mich noch an die Szene erinnern, die 1,0 auf der Anzeigetafel, auf der eine 10 nicht vorgesehen war. :) Ihr Abgang am Stufenbarren damals war von überirdischer Schönheit.
Wie wunderbar, daß sie Dich und Deine Freundin so inspirierte! Und daß Du diese grazile Leichtigkeit und Anmut für immer in Dir hast, kann ich mir lebhaft vorstellen! Von Dir als leidenschaftlicher Kunstturnerin am Stufenbarren hätte ich sicher rote Ohren bekommen. Hast Du denn Olga Korbut am Stufenbarren schon gesehen? Rückwärtssalto von der oberen Stange, unglaublich, der „Korbut-Flip“, wurde später verboten.
Es gab ja Bundesjugendspiele hier, back then, und ich bekam immer eine „Siegerurkunde“. Nur einmal, als es ausnahmsweise Bundesjugendspiele mit Kunstturnen gab, bekam ich eine „Ehrenurkunde“, aber ich weiß beim besten Willen nicht mehr wofür. :)
Meine Kindheit: ein Areal mit drei Wohnblocks, es gab zwei Sandkisten, viel Rasen, Gebüsche, die damals dschungelgroß erschienen, drei Garagenvorplätze, und die magische Straße, eine Sackgasse mit Rondeel am Ende. Wir wohnten da, seit ich 3 war, und wir waren über viele Jahre hinweg etwa 20 – 25 Kids. Wir spielten Fernsehserien weiter, spielten leidenschaftlich Fußball, bis die Sonne unterging, fuhren mit Kett-Cars Formel 1-Rennen, trugen eine Eishockey-WM auf Rollschuhen aus (den Schläger habe ich noch), ein begrenzt-unbegrenztes Universum mit erstaunlichen Organisationsformen und all den früherotischen Dramen. Und so mit 13 oder 14 baute ich aus 2 Holzlatten, die ich knallrot lackiert hatte, Nägeln, einer Bambusstange und Matratzen, die wir vom Nachbargrundstück gestohlen hatten, eine Hochsprunganlage, weil wir eine ganze Olympiade veranstalteten, eines der älteren Mädchen schrieb wunderschöne Urkunden dafür. Das erste Seitenstechen, an das ich mich erinnere, bei einem Langstreckenlauf. :)
Ich sehe Euch beide auf der Gartenwiese genau vor mir. :)
Beim Kunstturnen verschwanden dieses Grazile, Fließende, das Ballerina-Element und die schöne Choreografie irgendwann zugunsten donnernder Athletik. Wenn’s noch eine Olympiade gibt, bin ich zur Rhythmischen Sportgymnastik desertiert. :)
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… das hört sich ja nach einer wunderbaren Kindheit an bei dir, Herzensdank für den Einblick, den du uns hiermit gewährt hast. War bei uns nicht unähnlich, auch wir spielten Filme oder Serien nach oder hielten uns an Bücher, die wir gelesen hatten. Wir hatten zudem eine aus geringen Mitteln selbst hergestellte „Showbühne“ (meine Freundin und ich), wo wir das alles aufführten. ;-)
Im Grunde genommen waren wir ein ganz enges Zweierteam, wobei wir uns aber schon auch der Gruppe anschlossen (unser Viertel war ebenfalls sehr kinderreich) und viel gemeinschaftlich spielten, agierten und austauschten. Es gab aber auch Banden“kriege“. Die Kinder der Siedlung gegenüber unserer Straße wurden „bekämpft“; da flogen schon mal die Fetzen, oder wir rissen uns gegenseitig die Haare aus. Hach, ich ufere da lieber nicht weiter aus … ;-oh
Und all die früherotischen Dramen, wie du sagt *lach*, ja, die Erotik war immer zugegen, das kann ich auch bestätigen … Flirtereien, offen, geheim, die Sexualität war immer vorhanden, dieses Getriebensein ob des anderen Geschlechts. ;-)
Aber, um beim Thema zu bleiben bzw. wieder zurückzufinden, ja, dieses dein „Beim Kunstturnen verschwanden dieses Grazile, Fließende, das Ballerina-Element und die schöne Choreografie irgendwann zugunsten donnernder Athletik“, spreche ich dir nicht ab, dennoch, es ist da immer noch Anmut erkennbar; bei der Rhythmischen Sportgymnastik steht dies ohnehin außer Frage. ;-)
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Mich erstaunt, wenn ich zurückschaue und es mit der heutigen Zeit vergleiche, was unsere Eltern uns erlaubten, aber eben auch, wie sehr sie uns vertrauten.
Und ich behaupte mal, wir hätten uns geweigert, mit 6 oder 7 noch von der Schule abgeholt zu werden und in einem E-Cargobike mit Regenschutz, Windschutz und Sicherheitsgurt zu sitzen. :)
Die perfekte 1,0 :)
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Ljudmila und Olga … gut, an Olga Korbut kann ich mich schwach erinnern, an Ljudmila so gar nicht. Leider. Aber wie gesagt, ich war total auf Nadia fixiert, und wenn ich wen im Auge habe, dann blende ich alle andere aus. War auch so, wenn ich verliebt war; und wenn mir gar zehn Burschen zu Füßen lagen, ich sah nur den Einen. ;-)
Das Video mit Nadia beschert mir Gänsehaut, und auch das, wie sie den Stufenbarren mit ihren Augen VOR ihrer Kür fixiert, boah, wie wenn sie Zwiesprache mit ihm halten würde. Am Schwebebalken (das nächste Video), also, DAS ist für mich jenseits von dieser Welt. Anmut, Grazie, geballte Kraft, phänomenale Körperbeherrschung … für mich ein absolutes Unding, wie so ein zartes Wesen das zustande bringt.
Und ja, wir Kinder durften damals alles, bzw. wir taten es einfach ohne zu fragen, wir steckten uns die Grenzen selber, ganz individuell, entwickelten ein Gefühl dafür. Es war da wirklich eine unglaubliche Vertrauensbasis zwischen Kindern und Eltern; ich bin ihnen sehr dankbar dafür.
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Zu allem: wholeheartedly yes. ❤️ Und dankeschön; diese unfaßbaren 20 Minuten mit Nadia gefunden zu haben, verdanke ich schließlich Dir. :)
Bei der Suche auf YT fand ich noch einen Bericht von CTV News, sie war gerade vor kurzem wieder in Montreal, auf dem Programm stand u.a. eine Parade all der Nadias, die damals nach ihr benannt wurden. :) Und sie sagte:
„I’m impressed as an adult right now about the courage that that 14 year old had.“
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Mein DANK gilt alleine Dir, nämlich für den zauberhaften Touch, der diese Ereignisse wieder neu in mir aufleben ließ. ;-)
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