„‚Mon Dieu!‘ she exclaimed to the empty blue, ’now I know…‘ ‚What do you know?‘ asked Greta McCraw, suddenly peering up over the top of her book, alert and factual, as was her disconcerting way. The Frenchwoman, seldom at loss for a word, even in English, found herself embarrassingly tongue-tied. It simply wasn’t possible to explain to Miss McCraw of all people her exciting discovery that Miranda was a Botticelli angel from the Uffizi… impossible to explain or even think clearly on a summer afternoon of things that really mattered.“ – Joan Lindsay, Picnic at Hanging Rock
SPIEGEL ONLINE Forum
26.05.2006
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Okay, das war’s dann, ich oute mich: „Picknick am Valentinstag“ ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Ich fürchte, meine Seele trägt Spitzenrüschen. Jedenfalls war ich unsterblich verliebt in Miranda St. Clare. Daß Sie hier alte Wunden aufreißen müssen! :)
07.02.2007
Christian Erdmann:
Ein heimlicher Star meiner Adoleszenz war die Schauspielerin Constanze Engelbrecht – als ich begriff, daß sie in den deutschen Synchronfassungen sowohl Isabelle Adjani in „Nosferatu – Phantom der Nacht“ als auch Anne Lambert in „Picknick am Valentinstag“ ihre Stimme lieh. Leider so entsetzlich früh verstorben. Wunderbare Stimme.
21.03.2007
BerSie:
Zu Gemälde im Film fällt mir „Der Kontrakt des Zeichners“ von Greenaway ein. Ein barocker Whodunit!
Christian Erdmann:
Die Darstellerin der Sarah Talmann ist übrigens auch „Miranda“ in Peter Weirs „Picknick am Valentinstag“, Anne Lambert. Die, so las ich mal, auch deshalb über die Jahre hinweg nicht so häufig auf der Leinwand zu sehen war, weil irgendein Psycho ihr das Leben zur Hölle machte.
19.02.2008
marks&spencer:
Ich habe selten ansprechende australische Filme gesehen.
Christian Erdmann:
„Picnic at Hanging Rock“? Als Peter Weir noch Australier war.
marks&spencer:
Kommt mir bekannt vor… ich habe den Film schon mal gesehen, aber da war ich noch ein Kind. Ich erinnere mich nur an Mädchen in weißen Kleidern…
Christian Erdmann:
Ja, der. Dürfte der einzige Film sein, bei dem der „Director’s Cut“, der nun auf DVD erhältlich ist, kürzer ist als die bis dahin zirkulierende Version. Ich weiß nicht, was Weir da geritten hat, ich fand, das war keine gute Idee.
Ich war auch noch sehr jung, als ich den Film zum ersten Mal sah, und beschloß, Knecht an einem Mädchenpensionat zu werden, in Australien, im Jahre 1900.
BerSie:
Aljoscha, Aljoscha… zwischen Botticelli-Engeln im Pferdestall, das sieht Dir ähnlich! :) Neulich wolltest Du noch Deborah Kerr vor dem Stier retten! :)
„Everything begins and ends at exactly the right time and place.“
„We worked very hard at creating an hallucinatory, mesmeric rhythm, so that you lost awareness of facts, you stopped adding things up, and got into this enclosed atmosphere. I did everything in my power to hypnotize the audience away from the possibility of solutions.“ – Peter Weir
1987 wurde das von Joan Lindsay auf Anraten des Verlegers für das Erscheinen von „Picnic at Hanging Rock“ 1967 zurückgezogene Kapitel 18 schließlich doch noch veröffentlicht, und obwohl „a hole in space“ explizit im Text erscheint, bleibt auch dieses Schlußkapitel noch wunderbar rätselhaft. Miranda, der „Botticelli-Engel“, der die physische Welt transzendiert und die strikten, repressiven Bedingungen von Raum und Zeit verläßt, scheint zu wissen, daß sich am Hanging Rock ein Portal in andere Dimensionen öffnet. Zu Sara, mit der sie eine besondere Zuneigung verbindet, sagt sie vor dem Ausflug: „You must learn to love someone else, apart from me. I won’t be here much longer.“
„The ‚readings‘ are endless, the mood impossibly eerie and the legacy untouchable.“ – Kevin Maher in der Times, 2023. Peter Bradshaw schreibt im Februar 2025 im Guardian über die Mädchen: „There is something almost hypnotised in their behaviour, as if they know what is to happen, that they are to be secret sacrifices to a hidden god or be returned to their planet of origin.“
Und ich fand immer, daß Miranda in der Szene, als sie sich noch einmal umdreht und der Französischlehrerin zum Abschied zuwinkt, die Lippen bewegt, als würde sie sagen: home.
„Alles beginnt und alles endet zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sagte das Mädchen Miranda beim Picknick am Valentinstag.“
Ein Absatz später: IT’S BEEN SO LONG, die Zeile aus Bowies „Cat People“, die insgesamt 5x in „Aljoscha“ vorkommt.
Anne Lambert hat erzählt, wie sie, after one tough filming session where nothing went well, in ihrem Miranda-Kleid davonging, um allein zu sein, aber nach einer Weile bemerkt sie, daß sie nicht allein ist. Sie dreht sich um und sieht eine alte Dame, die sich über den Fels müht. Es ist Joan Lindsay, und sie umarmt Anne und sagt unter Tränen: „Oh, Miranda, IT’S BEEN SO LONG!“
The Devil made it all, Schnaps, Dialektik, me do it, und ich weiß auch, wo er herkam. Liebste Bunuel-Szenen („Wollen nicht wenigstens die Mönche bleiben?“) machen wir dann morgen.
„Der Teufel kam aus Akasava“ ist der letzte Film, in dem Soledad Miranda zu sehen ist. „The pale, haunted, mysterious icon of Franco’s movies“ (Amy Brown) verstarb kurz nach Abschluß ihrer Dreharbeiten für Akasava bei einem Autounfall. Von Jess Franco hatte sie die Nachricht erhalten, daß der von ihr hingerissene Produzent Artur Brauner sie mit einem Dreijahresvertrag, der ihr für zwei Großproduktionen pro Jahr Hauptrollen garantierte, zum internationalen Star machen wollte. Am Morgen des 18. August 1970 befand sich Soledad Miranda angeblich auf dem Weg zur Vertragsunterschrift, auf der Schnellstraße zwischen Estoril und Lissabon, am Steuer ihr Mann, ein portugiesischer Rennfahrer, als ihr Auto bei der Kollision mit einem Kleinlaster komplett zerschmettert wurde. Soledad erlitt Verletzungen an Schädel und Wirbelsäule, an denen sie Stunden später in einem Krankenhaus in Lissabon verstarb. Sie war 27 Jahre alt.
Ist „Der Teufel kam aus Akasava“ ein guter Film? Falsche Frage: natürlich ist ein Film mit Soledad Miranda per se ein brillantes, unvergeßliches Kunstwerk. Die besten Filme von Jess Franco sind nicht im klassischen Sinne gut, haben aber Genies wie Fritz Lang und Orson Welles zutiefst beeindruckt. Sie haben die Logik eines bizarren Traums, sie huldigen erotischen Obsessionen mit perversem Romantizismus, sie kennen keine Grenzen zwischen Glamour, Pulp, Sleaze und Delirium, zwischen rabiatem Realismus und betörendem Surrealismus, zwischen geschmacklos und grandios, zwischen phantasievoller, ausgeklügelter, gewagter cinematography und unfasslichem Dilettantismus, es gibt Hirnbrecher-Momente zuhauf und, nun ja, zuweilen unerklärliche Bilder. Lineare Narrativität ist nicht unbedingt Jess Francos Hauptanliegen. Filme von Jess Franco gleichen Jazz-Improvisationen, wie z. B. Cathal Tohill und Pete Tombs in „Immoral Tales, European Sex and Horror Movies 1956-1984“ (New York 1995) unterstreichen:
„In some ways […] Bunuel and Franco are creative bedfellows. Each follows a different trajectory, but they […] curve inexorably towards sex. […] Franco has followed its steamy siren-call further and longer, he’s taken his flesh-filled interest to the very limits of human imagination.
There’s only one thing more important than the sexual undertow in a Franco film, and that thing is jazz. Franco’s films move to a jazz beat. They ebb and flow to some crazy musical rhythm that only he seems to understand. […] Perhaps he liked (jazz’s) primitive undercurrents, its spontaneity and veneer of anarchy.“ (Tohill/Tombs 77)
Jack Taylor, neben Soledad Miranda, Christopher Lee und Klaus Kinski Darsteller in Jess Francos El Conde Dracula:
„She was killed only a short time later… in an auto accident on a dangerous curve of the highway bordering the sea at Estoril, Portugal. A strange thing happened while I was shooting Polanski’s The Ninth Gate there… I was in my car on the way to work and concentrating on my lines for the day’s scenes when suddenly I felt an electric shock; as I looked up I realised just where I was… the exact spot where Soledad died… I could reach out and touch her.
What Soledad could or might have done as an actress will always be a mystery… at the time of her death we all thought that destiny had been extremely cruel to her… but as the years pass, perhaps it was a blessing reserved for a chosen few. She will always be there in shadows, beautiful, enigmatic, untouchable…
When I first saw her in Fuego [Pyro] I thought, there is someone magical… after all is there any magic greater than cinema? Only the camera catches qualities that the human eye doesn’t see… it transforms those before it into another reality… another dimension… so close but at the same time so far away… Soledad will always be beautiful, mysterious… so close to us yet so enigmatically unreachable.“
(soledadmiranda.com)
Jess Franco
“ […] comes from a family of ’super-intellectuals‘. His uncle Julian Marias is a famous philosopher, his brother Enrique a musicologist, and his nephews are respected writers, critics and film-makers. […] Today he’s fluent in at least six languages […] In many ways he’s a man who knows no boundaries. His tastes in reading range from comics to more highbrow and literary pleasures. His knowledge of Spanish and World literature is complex and complete, his diversity and enthusiasm are awe inspiring. Add to these his freakishly fantastic memory and you have a truly unique creation.“ (Tohill/Tombs 80)
„You could describe the people who work with Franco as misfits, but that misses an important point. They’re all cultured, charming and intelligent. They choose to work with him because he offers things that money can’t buy… unpredictablity, spontaneity, a chance to do things their own way. (…) What’s more, life in the bargain basement was interesting and fun. With Franco there are no rules. It’s like being back at the birth of the motion picture industry […] As Howard Vernon says, he’s just a ‚terribly intelligent guy‘ […]“ (Tohill/Tombs 90 ff.)
Über Jess Francos Nachtclub-Szenen:
„At it’s most extreme you’ll have a gal tweak her way along a spider’s web to make love to a mannequin. At it’s simplest she’ll wiggle around in fishnet stockings and corset, warbling some snazzy number (…) In American films, the nightclub number is usually a backdrop to the action. Not so with Franco. It’s the main event, so he focuses lingeringly on it and gives it his own anarchic twist. Sometimes it’s cheeky, a black stockinged charmer wiggling her spotlighted bottom with naughty aplomb. In lesser hands it would be cheap and dull. But Franco makes it look like the most important event in the world.“ (Tohill/Tombs 88)
Soledad Miranda und Christopher Lee in „El Conde Dracula“:
„The normally reticent Lee waxed poetic about the sheer chemistry of this naturally poised beauty. During filming they had to retake the neck biting scene over two dozen times, and even after twenty or thirty takes he still felt goosebumps and shivered with natural electricity during every take. She had the X ingredient […] (Franco) was haunted by her memory. He dreamt about her. Karl-Heinz Mannchen remembers changing their shooting location because of Franco’s dreams. He said she had come to see him, and that they had to find another location.“ (Tohill/Tombs 103).
Jess Franco verstarb am 2. April 2013 in Malaga. Christoph Twickel schrieb in seinem Nachruf für den SPIEGEL:
„Zum Beispiel sein Frühwerk ‚Miss Muerte‘ von 1966, das Franco mitten im faschistischen Spanien drehte. Hier bringt die Tochter eines genretypisch verrückten Wissenschaftlers eine Striptease-Tänzerin unter ihre mentale Kontrolle. Auf diese Weise lockt sie die Wissenschaftlerkollegen ihres Vaters an und tötet sie bestialisch, weil sie sie für seinen Tod verantwortlich macht. ‚Während das spanische Regime Frauen forderte, die ergeben, milde und dienstbar waren‘, resümiert die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Pavlovic, ’schuf Jess Franco phantastische und unübliche Heldinnen: Frauendetektive, weibliche Vampire, lesbische Wärterinnen und weibliche Killer.‘ […]
Das oft bizarre, echo- und hallgetränkte Sounddesign seiner Filme, die jazz- und beatlastigen Soundtracks, die handlungsarme Bilderflut, die waghalsige Kameraführung: Franco war ein Maniac, Cineast und Jazzfan, der, wenn man so will, das Erotikbusiness dafür ausnutzte, den Zuschauern eine gehörige Portion Psychedelik und Lust an formalen Filmexperimenten zu verabreichen. Ein Hochstapler des voyeuristischen Kinos – aus Liebe zum Film.“
Maria Rohm, die wunderbare Maria Rohm, bzw. Maria Towers Rohm, vermählt mit dem Produzenten Harry Alan Towers, Wanda in „Venus in Furs“ von 1969 und Actrice in mehreren anderen Jess Franco-Filmen, meldete sich damals eigens im SPIEGEL ONLINE Forum an, um zu schreiben:
„Es tut mir sehr leid dass Jess nicht mehr mit uns ist. Ich haette ihn gern wieder gesehen. Wir haben gute Filme zusammen gemacht. Ich weiss dass Jess sehr traurig war letztes Jahr wenn er Lina verloren hatte. Empfehle seine Seele zu Gott.“
Und ich wagte, ihr dort zu antworten: „Maria, wir knien nieder vor dem Altar, den Jess für Dich gebaut hat.“
Es geht in „Der Teufel kam aus Akasava“ um irgendeinen strahlenden Stein, den irgendwer in irgendeinem Dschungel eines Landes namens Akasava findet. Die Strahlung dieses Steins verbritzelt Menschen zwar direkt zu Zombies, das mysteriöse Mineral garantiert aber Weltherrschaft und ist daher so begehrt, daß im undurchsichtigen Gewirr der Interessengruppen quasi jeder jeden ermordet und Sir Philipp von Scotland Yard (Siegfried Schürenberg) die als Hure getarnte Agentin Jane Morgan (Soledad Miranda) irgendwohin schickt, um dort als Tänzerin getarnt irgendwas auszurichten. Sie richtet bei ihrer Striptease-Darbietung zunächst einmal an, daß Fred Williams als Rex Forrester (Held) und Jess Franco als Tino Celli (irgendein Geheimagent) nebeneinander an der Bar sitzen und ihr gebannt zuschauen; dabei blicken beide aber nur so ungefähr in dieselbe Richtung. Jess Franco in a nutshell: ein Auftritt von Soledad Miranda, von so faszinierender Schönheit und Erotik, und im Gegenschnitt zwei Typen, bei denen es folgenden Dialog nicht gab: So, Fred, da hinten steht Manuel, den schauen wir jetzt beide an, wenn die Kamera läuft, damit es in der Szene nicht so aussieht, als wäre Soledad an zwei Orten gleichzeitig. In diesem Film gibt es auch eine kurze Szene, in der ein Schiff auf der Themse rückwärts fährt. Man hat auch beim zwanzigsten Mal keine Erklärung dafür, aber schon für Soledad Miranda schaut man diesen Film zwanzigmal, und irgendwann macht auch alles andere Sinn.
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
07.06.2013
ray05:
Soledad Miranda und Blandine Ebinger im selben Film. Schon irre. :)
Antirat / Christian Erdmann:
Und Horst Tappert. Jess Franco: „Ein guter Schauspieler. Aber er hatte diese schreckliche Perücke und weigerte sich standhaft, diese abzunehmen.“ Ach, wer nennt die Wirren, mit denen Franco immer zu kämpfen hatte. :) Aber, ja, Jess Franco war seine eigene EU, damals. :)
„She left behind an incredible legacy. All of the women who acted in my films after her were deeply affected by her legend. My actors, my crew, and myself as well – we all had tremendous feelings for her. She still exists for us.“ – Jess Franco
Soledad Miranda as seen by Jess Franco Video by Dreams of the Projected Night
„I feel that cinema should be like a box of surprises, like a magic box. And in that world, anything is allowed to enter.“ – Jess Franco
Wie war es Dir bei „Im Lauf der Zeit“? Der Film hat ein paar Momente/Szenen, bei denen ich das Bedürfnis hatte, ihm zu widerstehen, und dann setzte er doch wieder ein, dieser hypnotische Sog. Beide, Bruno wie Robert, haben eine ganze Reihe verdammt guter Gründe, irgendwann auf einen Zettel zu schreiben „Es muß alles anders werden“, ich meine, man erwärmt sich nicht gerade für sie, trotzdem folgt man ihnen drei Stunden lang wie in Trance. „Über die Bildgewalt zuendemythologisiert“, der Rhein sah nie so mystisch aus in der Dunkelheit, sieht aus wie der verdammte Mississippi oder der Fluß in „Die Nacht des Jägers“. Sand und Kies knirschen unter ihren Stiefeln/Schuhen, als würde nur noch Morricone fehlen. Stattdessen Pink-Floyd-artige Musik dieser ex-Roy-Black-Begleitband, als Robert den Geräuschen in dieser Industrieruine folgt und den Mann, der seine Frau verlor findet. Marquard Bohms „Es gibt doch nur das Leben. Den Tod gibt’s doch gar nicht.“, schnitt tief, damals, blieb immer. Sogar ein David Lynch-Moment, der alte Mann, der schweigend und rätselhaft dasitzt, bei „Ich brauche Wasser für meinen Wagen.“
Was für ein Film, was für Bilder, dieses Schwarzweiß so makellos, aus untergehender Provinz Kupferstiche für die Ewigkeit, im Banalsten faszinierende Fremdartigkeit auffindend. Diese Projektorräume, überall im Film hängen Fotografien, Filmstars, Pin-Ups, sterbender Glamour auf blätterndem Putz. Was neu für mich ist, Lisa Kreuzer, die etwas so subversiv Leidendes hat, in „Der amerikanische Freund“ zumal, und hier war ich geradezu in sie verliebt plötzlich. In diesem Verschlag von Kinokasse, eine der allerbezauberndsten Szenen, als Vogler das kleine Türchen öffnet und mit ihr spricht, eingerahmt von Karin Baal und Dr Hillers Pfefferminz. Vogler erfindet den Endlosloop für sie („Härte! Action! Sinnlichkeit!“), ihre Geste bei 1:39:21 (TV-Geschwindigkeit), wie sie sich kurz die Stricknadel an die Nasenspitze tickt, so bezaubernd, hat fast ähnliche Wirkung auf mich wie die Träne an Nastassja Kinskis Kinn. (Die übrigens auch Wenders im Audiokommentar nicht übergeht.) So sweet, so sad, und in Schwarzweiß sogar irgendwie, als wäre sie die Dritte neben Marianne Faithfull und Anita Pallenberg, if you get my drift. „Möbel Traurig“. Sehr schön, wie Zischler von der Zeit spricht, in der Buchstaben und Ziffern noch Abenteuer waren, von dem Jungen, für den die Zeilen wie Wege waren, auf dem die Buchstaben mit Hilfe eines Motorrads einfuhren. Erinnert mich daran, wie ich Dich mal fragte, wieso eigentlich ray05? Und Du sagtest, weil es aussieht wie eine kleine Dampflok, stell Dir hinten in der 5 den Lokführer vor. :)
14.08.2020
ray05:
In meinen Augen ist Wenders ein radikaler Platoniker, Platonist. In jedem seiner Filme – Meisterwerk oder genial missglückt – versucht er, uns die kosmologische Welt der reinen Ideen, des Guten-Schönen-Wahren, näherzubringen, das ist sein Eschaton. Dieser „Sog“ entsteht im steten Wechselspiel vom Akzidenziellen zum Substanziellen und umgekehrt, das Beiläufige wird plötzlich zum Sprungbrett für das große performative „Weltbild“ (das auch im kleinsten Kabuff noch welthaltig sein kann, wie Wenders beweist); und das kann nur geschehen, wenn man dem Beiläufigen den ihm gebührenden Platz einräumt. „Lauf der Zeit“ zeigt Dich und mich und uns alle aus platonischer Weltsicht. Alles aus dem Film, das Du anführst, hat auch mich affiziert oder erschüttert existenziell. Nur ein Unmensch würde sich in Lisa Kreuzer nicht verlieben. Für den Platoniker ist die Elbe tatsächlich der Mississippi und der Rhein bei Bingen ist es auch. Die Kinematographie von „Lauf der Zeit“ ist skandalös gut, dieses Available-light-Verständnis gefällt mir grundsätzlich, als Rezipient von Wendersfilmen gewöhnt man sich an derlei Approaches aber immer allzu schnell. Musste mir zwischenzeitlich „2001“ reinziehen, zur Läuterung gewissermaßen. :)
15.08.2020
Christian Erdmann:
Haha, Werner Herzog am Anfang der „Wim Wenders, Desperado“-Doku, die gerade im Ersten läuft: „Ich würde einem 18jährigen Filmstudenten sagen: SCHAU DIR WIMS FILME AN, DU DEPP!“ :)
ray05:
Solche Lehrer oder Professoren habe ich immer geliebt. :)
20.08.2020
Christian Erdmann:
Daß die Wenders-Doku mit purem Wernerismus einsetzt, ist natürlich von schlagender Richtigkeit und kam doch herrlich aus dem Nichts. Herzogs enragiertes DU DEPP!, einfach weil neben Wenders jeder ein Depp ist. Und die ganze Generation von Filmstudenten erst recht ein Depp ist. :) Und weil laut Herzog ja schon immer gilt: wo man hintritt, knirscht ein Depp. Danach war alles gewissermaßen nur noch Anmerkungsapparat. Direkt Amen rufen mußte man schon auch bei Herzogs Bemerkung, diese Filme, die deutsche Wirklichkeit der 70er und 80er darstellen wollten, „die stauben einem heute zu den Ohren heraus“, soviel Mittelmäßiges und Prätentiöses, da müsse man sich an einen Stuhl fesseln lassen, um das durchzustehen. Sehr schön, wie Wenders und Herzog da in den Lederpolstern als Freunde sitzen, wiewohl auch als heroische Einzelgänger, Herzog: „Ich wollte mit diesem ganzen Sauhaufen nichts zu tun haben.“
Du meinst, ein Fluß ist ein Fluß und wird zugleich Idee des Fluß-Seins? Ich weiß nicht arg viel von Paul Klee, der Dich gerade so in Bann schlägt, aber sein Satz, Kunst reproduziere nicht das Sichtbare, sondern Kunst macht sichtbar, ist natürlich erstmal die 10 Gebote. Wenders hat Jan Vermeer (in „Bis ans Ende der Welt“ stellt er ja in einer Szene ein Vermeer-Bild her), Edward Hopper sowie Paul Klee tatsächlich als die Maler bezeichnet, die ihn am tiefsten berühren. Patti Smith in der Doku: Wenders gelingt es, die Dinge in einem völlig anderen Licht zu präsentieren; normale Dinge, die uns in seinen Filmen ihre Magie offenbaren. Kunst als Sichtbarmachung einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. Ein Himmel ist ein Himmel ist ein Himmel? Ry Cooder: sky has meaning, bei Wenders. Filme zu machen, um zu verstehen, was den Menschen und das Leben im Innersten ausmacht, sagt Vogler, aber Wenders sagt auch, wie soll man leben? – ist die eine Frage, die man nie beantworten kann. Die Antwort immer neu zu finden, immer neu in Frage zu stellen,- „das ist mein Beruf.“
„Unablässig bringt Wenders Mythen zusammen und erschafft so neue Mythen. Wenders ist wie THE EVER WATCHFUL EYE, schwebend über der Welt, beobachtend und miteinander verbindend, was in seiner Schönheit / Wahrheit für ihn miteinander korrespondiert“: glaube, Willem Dafoe meint dasselbe, als er das Talent von Wenders bewundert, Elemente zusammenzubringen, die normalerweise nicht zusammengehören. Nicht zusammenzugehören scheinen. :) – Der rühmende Wenders: der über die Meisterwerke unter seinen Werken sagen kann, ja, ich habe unendlich viel dafür getan und darum gekämpft, aber unendlich viel wurde mir auch geschenkt. Nur hätte nicht jeder bekommen, was er bekam, von Schauspielern, von Mitarbeitern, von der Realität, die er möglichst unmittelbar einfangen wollte (wie Bruno Ganz noch sagen darf) wie von der Welt hinter der Welt. Was man ahnte, wird in der Doku, eigentlich besonders von Donata, relativ nüchtern analysiert. Erzählen als Wagnis und Abenteuer, das sich auf die Dinge und die Menschern einläßt, das selbst eine Art von on the road mit offenem Ausgang ist, ein Erzählen, das spontan reagieren kann auf das Unvorhergesehene: das gibt es in der Filmindustrie eigentlich nicht mehr. Wenders sagt selbst, es würde mir ja niemand mehr gestatten, einen Film so zu machen wie „Der amerikanische Freund“. Wenders versucht immer noch, Spielfilme zu machen, die unmißverständlich seine Filme sind, aber Dokumentarfilme zu machen, entspricht ihm mittlerweile mehr. Als nächstes für mich wohl „Pina“, endlich. :)
Gesehen habe ich nun „Die linkshändige Frau“; war eigentlich froh, daß es kein Wenders-Film ist. Schwer, schwer, schwer. Oft faszinierend, oft unerträglich. In „Das Gewicht der Welt“ schreibt Handke irgendwo: „Die vorsichtig schönen Lebensformen der alten Literatur wiederfinden, fürs Leben.“ Mal so („Stefan würde sich freuen, wenn du ihm einmal schriebest“), und fast allzu virtuos darin, mal freudloses Deklamieren. Allzu meta, weil sowieso die Schwierigkeit, sich wirklich aufeinander zu beziehen. Bruno Ganz hat ein paar vitriolische Sentenzen, die er mit maliziöser Freude ins Gedächtnis ätzt („Wie eitle Fotos von euch selber lümmelt ihr in euren wohlaufgeräumten Wohnungen! Entmündigungsmaschinen für alles Lebendige!“), und Bernhard Minetti ereignet sich natürlich. Wir wissen nichts wirklich über den anderen, alright. Manchmal ist mir der Selbstfindungssymbolismus zwischen Dysfunktionalität und Befreiung zu regieanweisungshaft angestrengt (Frau trinkt ein Glas Wasser. Frau geht im Kreis. Frau würgt Kind.). Was manchmal feinfühlig und empfindsam scheint, wirkt manchmal phlegmatisch und dull. It’s only me, aber ich glaube, für mich paßt Handkes Sprache perfekt und zuvörderst in einen poetischen Gesamtzusammenhang wie „Wings of Desire“. Handke zum Einrahmen: wenn Angela Winkler davon spricht, wie sie ihre eigene leidenschaftslose Freundlichkeit verachtet. Muß den vielleicht nochmal sehen.
Tatsächlich zum ersten Mal gesehen auch „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Filme verlieren etwas von ihrer Anziehungskraft, wenn Erika Pluhar nurmehr tot auf dem Bett liegt. :) „Thriller ohne jede Spannung“, sagt Wenders selbst? Yeah, schon. Psychopath ohne Psychopathologie auch. Charakterstudie ohne Charakter. In der Zeitung steht: „Hinten aus seinem Kopf flog eine Fledermaus heraus und klatschte gegen die Tapete. Mein Herz übersprang einen Schlag.“ Gibt keine Erklärung für den Mord, das ist wohl vergleichbar mit Camus, sonst nichts vergleichbar mit Camus. Arthur („Art“) Brauss, falls wir noch zu „55 Mehrteiler und Serien“ ansetzen, wäre der Weihnachtsvierteiler „Lockruf des Goldes“ natürlich auf meiner Liste, Brauss ist Charles Clayton, der in Dawson City das „Tivoli“ eröffnet, skrupellos und bad-ass, nie den Plan gehabt, selber Gold zu suchen, sieht einfach zu, wie die Goldgräber ihm die Taschen füllen für Alkohol und Damen und wie sie den Rest einfach verprassen. :) Der Mord an G-L-O-R-I-A hat keinen Kontext und findet faszinierenderweise auch keinen mehr. Sein Platzverweis verrät schon einen jähen Zorn, aber worauf? Weil er nicht verführt werden will? Zu Teilnahme überhaupt? Unvermittelte Aggression, weil er es nicht ertragen kann, wenn man ihm seine Kaltblütigkeit nimmt? Circulus vitiosus. Drücken Sie Q4. Vielleicht ist die Erklärung auch, daß hinten aus seinem Kopf eine Fledermaus herausflog. Nichts für die Attention Span-Gehandicapten.
27.08.2020
ray05:
Die Geschichte vom Derangement (Persönlichkeitsverlust) des Tormanns Bloch erinnert mich an die Verwandlung des Gregor Samsa einerseits, und dann auch an das paranoisch-psychotische Tierchen in einer weiteren Kafkageschichte: „Der Bau“. Die Phase, in der die Grenze zwischen normalem und pathologischem Verhalten überschritten wird, beschreibt Handke ohne jede Rücksicht auf die Sensationslust des Lesers, und Wenders macht den eins-zu-eins-Film daraus, er macht also dezidiert keinen „Psychothriller“. Zur mentalen Regression passt, dass der Psychotiker in seiner eingeschränkten Wahrnehmung von „Welt“ irgendwann zum Steinzeitmenschen wird, dessen Flucht- und Angriffsverhalten mit unseren Maßstäben freilich nicht mehr gut in Einklang stehen kann. Blochs Herumgetigere im Wirtshaus seiner Freundin, seine Unfähigkeit, Sprachduktus und Verhalten der Menschen in seiner direkten Umgebung noch adäquat einzuschätzen – bis zum Ende kann Bloch nicht internalisieren, dass er wegen Mordes gesucht wird, der Mord an Erika Pluhar selbst ist gewissermaßen bereits ein Steinzeitmenschenmord, einer aus der totalen Überforderung heraus. :) – Warum ist der Psychotiker Bloch ein Fußballtormann in Roman und Film? Vermutlich weil der Tormann als einziger keinen großen Bewegungsspielraum hat im Spielgeschehen, weil er als einziger die gegnerischen Angriffe immer ganz subjektzentriert auf sich selbst gemünzt erleben muss, weil seiner Erfahrung nach alle nur eines wollen: ihn zu einer falschen Bewegung verleiten. Vor dem Mord erzählt er Pluhar von einem Eigentor, das waren Blochs letzte zusammenhängenden Sätze.
Christian Erdmann:
Torhüter und Linksaußen haben eine Macke, hieß es einst. Was ausgerechnet den Linksaußen zum Psychofall prädestinieren soll, weiß ich nicht, aber das latent paranoische Welterleben des Tormanns auf dem Spielfeld hast Du ganz wunderbar beschrieben. Abgesehen von seinen Beiträgen zur Spieleröffnung erfährt er als Grundsituation, daß immerfort Geschehen auf ihn zurollt, Geschehen, das darauf abzielt, Unheil anzurichten, und zu einem bestimmten Zeitpunkt ist er der Einzige, der dieses Unglück noch verhindern kann. Sogar in „Hier war der Torwart machtlos“ liegt immer der stille Vorwurf, ein besserer Keeper hätte das Unheil womöglich verhindert. Geschehen, das immer darauf abzielt, gerade ihn zu prüfen; für jeden Fehler eines anderen gibt es einen, der es noch richten kann, ein Fehler des Tormanns bedeutet fast immer Tragödie, unausweichliches Schicksal. Torhüter sind Held oder Trottel, als Einzelkämpfer stets unter besonderem Druck, gleichzeitig in ihrem Radius eingeschränkt, so daß ihnen das Ex-Zentrische geradezu notwendig ist, der spektakuläre Ausbruch aus der Restriktion.
Als versierte Exzentriker haben sie immer das Potential zum Kult, zugleich sind sie in der Konstellation des Spiels immer auch Spielverderber. Ihre Aufgabe ist es, zu verhindern, was zuletzt den Wert eines Spiels bestimmt, Spiele zuweilen gar legendär macht, die Tore. Zwar bleibt ihnen die Glanzparade für Ruhm und Verehrung, aber by default wohnt in jedem Keeper ein bad guy. Oder gar ein evil motherfucker. Remember Uli Stein, der „Kobra“ Wegmann unmittelbar nach dessen Torerfolg eine zimmert, die Faust direkt ins Gesicht. Einmal im Jahr muß man sich den Scorpion Kick von René Higuita ansehen: all the world’s a stage, für den Torhüter.
Vielleicht probiert Bloch also aus, in aller Konsequenz das zu sein, was ohnehin alle in ihm sehen, zumal durch den Platzverweis, der ja sagt: du bist kein Bestandteil mehr, Bloch, und der sein bad guy und outcast-Sein nur für alle sichtbar macht.
Als Türhüter ist der Torhüter eigentlich eine mythische Gestalt. Wenn ein Ball an ihm vorbei die Torlinie überquert, ist er eigentlich kein Hüter mehr. Er verliert also seine Identität. Damit gehen auch Moralsinn und rationales Verhalten perdu. Herumgetigere, schönes Wort. Er zählt die 1 nicht mehr mit, sagt er. Er würde jetzt immer erst bei 2 anfangen zu zählen. Unklar, ob er einen zweiten Mord plant, was eigentlich nicht zu seiner Planlosigkeit paßt, oder ob er den ersten Mord damit „auslöscht“, den ja ohnehin niemand begangen hat, wenn er ohne Identität ist, wenn er, wie Du sagst, nicht internalisieren kann, daß er wegen Mordes gesucht wird, obwohl er mit den Zeitungen den Versuch zu unternehmen scheint, sich klarzumachen, daß eben dies jetzt seine Identität ist: gesuchter Mörder. Daß er in der Provinz als ebensolcher irgendwie so gar nicht auffällt, ist auffällig.
Fahrstühle, für die man einen Schilling braucht. Those were the days. :)
29.08.2020
ray05:
„Er zählt die 1 nicht mehr mit, sagt er. Er würde jetzt immer erst bei 2 anfangen zu zählen“ – das ist ein schönes Beispiel für’s magische („wilde“) Denken von 4jährigen. Nur dass der 4jährige nach und nach hineinwächst ins rational-diskursive Denken & Sprechen und den Unsinn vergisst, während Bloch gegenläufig in einem kognitiven Regress befangen ist, der ihm auch poco a poco schlankweg die Fähigkeit zur Rezeption von Sprache wegschlägt. Wie schon die konkrete Mordtat imgrunde für Bloch „Traumarbeit“ war, so rezipiert er später auch die Berichte der Suche nach ihm wie eingespannt in seinen eigenen Traum, in den sich immer auch die Suche nach dem verschwundenen mysteriösen Schüler einwebt. Aber nur der Träumende könnte seinen Traum zum Beispiel aufschreiben und einer Bewertung unterziehen, also „internalisieren“, und das ist ein Ding der Unmöglichkeit. – Im Zusammenhang mit der Figur Bloch in „Angst des Tormanns“ fielen mir die bruitistisch-sprachreduktionistischen Gedichte des Till Lindemann ein. Es ist kein Wunder, dass nur jene „funktionieren“, in denen der Autor seiner Gewaltphantasien freien Lauf lässt, sobald er dieses Level verlässt, wirken seine elliptischen Reime so rührend unreflektiert wie improvisierte Stanzerln von Kindern. – Was haben sie eigentlich vor 50.000 Jahren geträumt? Zum Beispiel die Leute von Lascaux, die ihre Höhlen mit riesigen Tierabbildungen ausstatteten und in denen der Mensch ja nur in einer einzigen winzigen Strichmännchenzeichnung vorkommt. :)
„Die Nacht ist auf den Hund gekommen. Es gibt keine Nacht mehr. Jede Menge Andeutungen, aber was sind Andeutungen gegen Nächte? Hören Sie doch auf zu wischen.“ – Phillip Winter
„In Wahrheit sind wir alle wiedergekommene Verschwundene, wissend, daß wir hier so ziemlich… hoppla.“ – Phillip Winter
„Da hinten ist das, wo wir hinwollen.“ – Wim Wenders
Impressionen zur Wim Wenders-Werkschau in der ARD-Mediathek. Exzerpte aus 111 Lieblingsfilme, Kommentarsektion
Eine Wenders-Retrospektive ist zugänglich gerade in der Mediathek des Ersten. Stehe gerade bei „Paris, Texas“, der Streifen ist womöglich besser noch als wir ihn je hielten. Handkes „Linkshändige Frau“ sah ich gestern überhaupt zum ersten Mal, die Zeit wird sicherlich kommen, in der so ein Kunstwerk mal adäquat gewürdigt werden kann mit Worten. „Die Angst des Tormanns“ gefällt mir immernoch gut in jedweder Hinsicht, „Der Amerikanische Freund“ ist in meinen Augen heute ein unsterbliches Meisterwerk, wie konnte ich das je missachten. Geh jetzt direkt auf den Himmel/Berlin-Komplex zu, Gott sei meiner lieben Seele gnädig. :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
„Paris, Texas“ und „Der Himmel über Berlin“ hattest Du ja schon zielsicher in Deinen 111. „Die linkshändige Frau“ sah ich auch noch nie, das wird sich nun ändern. „Alice in den Städten“ noch zu Schulzeiten mehrmals in Programmkinos gesehen. „Im Lauf der Zeit“ zuletzt in einer heißen Sommernacht im TV, 2015. Kinoprojektoren reparieren im Zonenrandgebiet, eigentlich Traumjob prä-Strumpfnahtgeraderücker im Pariser Lido. Rüdiger Vogler. Hanns Zischler, der mal ein Buch über Kafka geschrieben hat.
Orte und Entortetsein. Am falschen Ort sein und den richtigen Ort suchen. Unterwegssein, zerbrochene Träume, wiedergefundene Träume. Träume. Am anderen Ende der Welt bin ich mal zu einer Handleserin gegangen, sie hieß Ruth. Sie sagte mir, „You travel a lot, and you will travel a lot, but you don’t travel blindly, you go with a purpose.“ Travel / finding a purpose. Und dabei: Obsession mit Rock’n’Roll und seiner Bedeutung. Musik als plot development. Als Begleitstimme des Schicksals, vgl. „From Her To Eternity“, Damiel, Marion. Such a dear man, Wenders. Daß „La sirène du Mississipi“ auch der liebste Truffaut-Film von Wenders ist, hielten wir hier ja schon fest, und bringt ihn an den Rand der Unfehlbarkeit. :)
„Bis ans Ende der Welt“. Einer dieser Filme, den alle hassen oder mißlungen finden, und ich finde ihn phantastisch. Gerade ausgekramt, was ich 2010 schrieb auf SPON:
„Ich fand schon die Kinofassung klasse, schon, weil Wenders sich so furchtlos mit fast jedem Bild dem Unglaublichen nähert. Es war in den 90ern opportun, Wenders und Herzog hierzulande zu bashen, vielleicht gelingt es ja in den Zeiten von Zweiohrküken und Einsacktüten, auch Wenders über das Renommee, das er ebenso wie Herzog im Ausland genießt, auch hier wiederzuentdecken, über Herzog-Filme fällt einer neuen Generation schon längst die Kinnlade runter. Die Protagonistin aus ‚Bis ans Ende der Welt‘ heißt Claire Tourneur – Hommage an den genialen Jacques Tourneur, Regisseur u.a. eben des ‚Cat People‘-Originals. Gespielt wird sie von Solveig Dommartin, die ja auch in ‚Der Himmel über Berlin‘ erschien, und die leider Anfang 2007 verstorben ist.“
Zum ersten Mal eines Nachts in Dänemark gesehen, mir unvergeßlich die Euphorie, als am Ende die Musik von U2 einsetzt und die Credits durchrauschen. Wollte immer schon die 100-Stunden-Langfassung sehen, und jetzt bringst Du mich da hin. Love you, man. :)
19.07.2020
ray05:
Mein cineastischer Traum ist: Wenders, Herzog und Jarmusch verfilmen parallel Kafkas Schlossroman. Die Werke werden dann weltweit einen Monat lang konkurrenzlos in den Kinos gezeigt, täglich abwechselnd. Dann können die Leut‘ sich mal über was Or’ntliches die Köpfe heißreden und produzieren nicht mehr ihren üblichen Scheiß. :) – Alle drei sind ja absolute Großmeister im genauen Austarieren von Weltwissen und Heilswissen, sie rechnen – so mein Eindruck – stets mit dem namenlosen Reisenden, der plötzlich an der Tür klopft und dem du stumm eine Mahlzeit bereitest. Das ist die Story. In meinem Kopfkataster stehen Jarmusch, Wenders und Herzog nebeneinander, flankiert von Antonioni und Godard. Dieser Komplex des zugleich skrupulösen und intuitiven Weltbildererfindens hat mich geprägt, das kann ich heute sagen. Ein komplettes Wunderwerk sind die ersten 40 Minuten von „Falsche Bewegung“. HC Blech, Nastassja Kinski („Mignon“) und Vogler („Wilhelm Meister“) im Bahnabteil, und auf der Parallelstrecke verfolgen wir mit Vogler den Zug mit Schygulla am Abteilfenster. Das ist mehr als genial gemacht, das ist überhaupt keine „Mache“, die Szenenfolge rührt intuitiv und locker ausgreifend an voraristotelische Dinge. Es ist schwer, über Wenders zu reden, so wie es schwer ist, über seinen eigenen großen Bruder zu reden.
Christian Erdmann:
Ein Malerfreund und ich erörtern immer, wenn wir uns auf der Straße begegnen, Pläne zur Weltverbesserung, über unseren Köpfen eingeblendeter Titel: Die wohlwollenden Diktatoren. Der Plan, die drei Verfilmungen von „Das Schloß“ einen Monat lang alternativlos aufzuführen, ist jedoch unübertrefflich in seiner despotischen Philanthropie. :)
Traumprojekt, ernsthaft. Stach spricht bei K. / Das Schloß von „Da ist nur ein Mann, der mit unbegreiflicher Beharrlichkeit versucht, in einem Dorf Fuß zu fassen.“ Großmeister die drei tatsächlich auch im Vorstellen dieser unbegreiflichen Beharrlichkeit. „Die Unenträtselbarkeit des Nicht-Untergehns“ (Kafka). People are strange when you’re a stranger. Dem Schloß näherkommen, Annäherung an ein Absolutes, das verborgen bleibt, Mächte, die mächtig sind, ohne sich zu zeigen, Sein, Identität, Glück, Erlösung, alles muß Mächten entrissen werden, irgendein Graf Westwest hat aristotelische Rationalisierungen überlebt, irgendein Deus absconditus hat das Buch der Liebe geschrieben.
„Die Oma wohnt gar nicht in Wuppertal.“ Gestern nacht also meine Dir verdankten Wenders-Festspiele begonnen mit „Alice in den Städten“, zum ersten Mal wiedergesehen nach 156 Äonen. Wie unsentimental dieser Film. Das Italienische Eiscafé beschwor meine Kindheit in Schwarzweiß, direkt daneben hätte das Metropol-Kino in Remscheid stehen können, in dem ich Barbara Steele verfiel, mit 7 oder so. Rüdiger Vogler, verbindungsloser Outsider, seine leicht schnöselige Verschrobenheit, still belustigt und troubled. In irgendeiner internationalen Produktion, in der er sich selbst synchronisiert mit seiner unverwechselbaren Stimme und Diktion (hab vergessen was, spielt er irgendwo einen König oder so?), sagt er „Potzblitz! Das ging schnell.“ Immer, wenn ich „Potzblitz!“ sage oder denke, ist es quasi Rüdiger Voglers Stimme. Alice: „Traum. Solche Sachen gelten nicht. Nur Sachen, die es wirklich gibt.“ Alice stellt auch die Frage, die ein Teil von mir eigentlich jederzeit und überall stellt: „Warum ist hier eine andere Zeit?“ Heute nacht „Falsche Bewegung“, hopefully.
21.07.2020
ray05:
Die ersten knapp drei Stunden von „Bis ans Ende der Welt“ gerieten heute nacht zum beinharten Exerzitium, weil dieses Springen von Kontinent zu Kontinent mir vorderhand unzureichend motiviert schien, weil halt allzu lange im Dunkeln blieb, worauf der Sohn des Erfinders hinauswollte. Im Moment des Erscheinens von Jeanne Moreau und Max von Sydow im australischen Busch änderte sich dies schlagartig. Fühlte mich erinnert an die Rezeption von „Faust II“, in dem auch der Nachvollzug der vielen Etappen langwierig schwer wurde, bis dann endlich Philemon & Baucis auftraten an ihrem Deich und sich der Komplex zu fügen begann. Werde mir die ersten zwei Drittel nochmals ansehen müssen. :)
Übrigens nahm Wenders mit der Darstellung von Claires Suchtverhalten bzgl. ihres kleinen Traumreproduktionsrechners die Smartphonesucht von heute um zwanzig Jahre vorweg. Eine 18jährige, der man das Smartphone wegnimmt, wird kaum anders reagieren als Claire im Wendersfilm. Ja, am Anfang war das Wort, aber der Schriftsteller schreibt seine Geschichte rekapitulierend vom Ende her. Gerne hätte ich noch ein Stündchen dabei zugesehen wie er Claire von der Traumtechnobildersucht befreit durch Re-Alphabetisierung, aber der Schluss ist natürlich großartig: das Buch erscheint und alle sind glücklich, in Raumstation und auf Erden. :)
Christian Erdmann:
„Falsche Bewegung“ funktioniert tatsächlich genau wie ein Roman aus dem 19. Jahrhundert, in dem es lange Abschweifungen gibt, theoretische Erörterungen und Dialoge, von denen eine bestimmte Art von Lesern behauptet, daß sie den Plot nicht voranbringen. Dabei gehören sie natürlich konstitutiv zum Plot. Völlig unmöglicher Film eigentlich, diese Charaktere aus Wilhelm Meister-Zeit, die in Bonn das Sternhotel verlassen und den Mauspfad hochspazieren. Und dabei nur noch ein paar hundert Meter entfernt sind übrigens von „Aljoschas Ankunft in B*** vollzog sich kurz vor Mitternacht.“
Peter-André Alt bemerkt irgendwo zu „Das Schloß“, daß es eine Reihe von „handwerklichen Unebenheiten, Abstimmungsfehlern und Versehen“ gibt. Das kann man natürlich so formulieren für ein, technisch gesehen, Fragment gebliebenes Werk, das trotzdem ein unangreifbares Meisterwerk ist. Vielleicht gehören diese scheinbaren Aussetzer schöpferischer Macht aber einfach zum Abbild einer Wirklichkeit, die nicht den Gesetzen von Logik und Linearität gehorcht, in der das Sinnhafte ständig abbricht usw. So sie stehenbleiben als ungewollt Gewolltes, sind sie doch wieder etwas anderes als „Aussetzer“. In „Falsche Bewegung“ verspricht sich Hanna Schygulla an einer Stelle, als sie zu Vogler sagt: „Deine läch… deine sachliche Miene ist nämlich sehr lächerlich.“ Diese Momente scheinen awkward, Wenders läßt sie stehen, weil in ihnen das Leben selbst sich offenbart. Auch darin ist er sehr furchtlos. Zumindest in seinen frühen Filmen gibt es diese Momente des Nichtschauspielerhaften der Schauspieler.
Ich dachte, ich hätte den Film vor langer Zeit schon gesehen, aber nein, ich kannte ihn gar nicht. Oh, ja, diese Zugfahrt, Vogler, HC Blech, Nastassja Kinski, im Parallelzug Hanna Schygulla. Blechs Nasenbluten, sein leicht unheimliches Lächeln, das ist schon recht nah am Slapstick des Unverständlichen bei Kafka. Nastassja Kinski, die Jongleuse, die nicht jonglieren kann. Wunderbar die Szene, in der sie Vogler / „Wilhelm“ beim Lesen des „Taugenichts“ zusieht, als würde er ihr vorlesen.
„Die Rückkehr der reitenden Leichen“ im Glückstadter Kino. „Ich möchte etwas schreiben, das ganz und gar notwendig ist.“ Die Einsamkeit in Deutschland immer maskiert „mit all diesen verräterisch entseelten Gesichtern“. Hanna Schygulla zwischen „Dir ist so vieles fremd. Das gefällt mir an dir.“ und ihrem Schauder davor, daß Wilhelm sich von nichts berühren läßt. Existentieller Romantizismus ohne Romantik.
Sah dann gestern abend, weil schon Wenders-süchtig, „Tokyo-Ga“, auch zum ersten Mal. Das Gespräch mit Ozus langjährigem Kameramann endet genau so bewegend, wie man sich das Gespräch mit Ozus langjährigem Kameramann vorstellt, dieses respektvolle Weinen, damn. Schön auch der Kurzauftritt von Werner Herzog, der von der Schwierigkeit spricht, in dieser „beleidigten Landschaft“ noch Bilder zu finden, Bilder, die rein und klar sind. A true Wernerism. Ach, und wie Atsuta, der Kameramann, erzählt, wie sie die Locations immer auf langen Fußmärschen gesucht haben, woraus sie dann irgendwann den Witz gemacht hätten: „Motivsuche dauert so lange, bis man umkippt.“ So mittelwitzig, der Witz, aber in seiner Mittelwitzigkeit wieder sehr witzig. – Dann 1,5 Stunden „Bis ans Ende der Welt“, parallel zu Deinem Exerzitium. :) Aber ich muß nochmal von vorn anfangen, ich kann nicht fassen, wie unfaßbar gorgeous die 4-K-Restaurierung aussieht, was jedes Bild da hergibt, ich war nach anderthalb Stunden völlig fertig. :)
Ja, Wenders hat eine ganze Menge vorweggenommen, non? Satelliten-Navigation fürs Auto mit Frauenstimme. :) Rüdiger Vogler wieder (wie in „Alice“) mit Kopfschmerzen im Flugzeug die Stewardess um Aspirin bittend, Werkschau-Binge hilft doch sehr, die Querverbindungen im Werk zu erkennen. :)
Die Macht des Unterwegsseins, die Macht der Bilder, die Macht von Geschichten, die Macht der Obsession.
SEEING THINGS.
Die Macht der Musik. Wenders hat damals die Künstler darum gebeten, ihre Musik 10 Jahre in die Zukunft zu projizieren. Patti Smith hat das hingekriegt. :) Hab gelesen, daß Wenders nach einer Aufführung der Langfassung von „Until The End Of The World“ im Museum of Modern Art in New York 2015 standing ovations & cheers entgegennehmen durfte. Das wärmt mir das Herz.
23.07.2020
ray05:
Der schönste Wernerismus ist ja „Also ich zieh mir erstmal die Schuhe aus, denn so eine Frage kann man nur ohne Schuhe beantworten“. Gesagt, getan; „Chambre 666“. Herzog ist auch der einzige der vielen befragten Filmemacher, der autoritativ die Flimmerkiste ausmacht neben sich. :) – Von den non-fiction works ist „Tokyo-Ga“ sicherlich derjenige, der am ehesten ein Essayfilm ist in der Tradition von Chris Marker, und nicht umsonst kommen Marker (und auch Herzog) vor in diesem Film. Klasse sind ja auch die wundersamen Sequenzen aus der Manufaktur für Speisen-Attrappen. Vielleicht der „dialektischste“ Film von Wenders. Leider hat er nicht erkannt, dass die speziell japanische Adaption des Golfspiels der uralten Tradition der vielfältigen Konzentrations- und Meditationsübungen dienstbar gemacht wurde, also kulturell einverleibt, es geht tatsächlich nicht ums Einlochen. – Non-fiction days: ich bin gleich weitergegangen zu den „klassischen“ Dokumentarfilmen. „Buena Vista Social Club“ hat vermutlich mehr getan für die kubanische Tourismusindustrie als alles andere. Der Streifen gefällt mir immernoch sehr gut, aber mit den heutigen Augen kann ich auch die damalige Leftwing-Kritik ansatzweise nachvollziehen, die ja einen „kolonialistischen Blick“ am Werke sah. Wie auch immer, jedenfalls kommt Wenders in diesem Film dem verwandten „touristischen Blick“, den er ja mal als „tödlich“ bezeichnete, gefährlich nahe. – Dann „Pina“: Nummer 112. Hier ist Wenders der beste Wenders, womöglich ist „Pina“ der Scheidepunkt von mittlerem und Spätwerk. Der Auftakt mit „Sacre“ ließ mir schon Wasserfontänen aus den Augen schießen, und auch im weiteren Verlauf trat kaum Beruhigung ein.
25.07.2020
Christian Erdmann:
Wasserfontänen aus den Augen bei „Sacre“ in „Pina“ und auch weiterhin kaum Beruhigung, sagst Du. Es ist einfach so, daß Wenders, wie David Lynch, wenn auch ganz anders, dich, deine Psyche, dein Herz, dein Unbewußtes auf eine Weise ansprechen kann, die Sturzbäche auslöst. Seine Waghalsigkeit kann mißglücken, maybe sometimes he tries too hard, I don’t know. Nach „In weiter Ferne, so nah!“ verlor ich Wenders aus den Augen, ich sah noch „The Million Dollar Hotel“ und „Palermo Shooting“, aber ich drang nicht mehr durch zu der Magie, vielleicht war da auch keine. Weiß noch, daß Du und Monika schon zu SPON-Zeiten „Pina“ sehr geliebt habt. Und daß Ihr Pina sehr geliebt habt. Habe ja eher klassisches Ballett und die Neumeier-Werke in meiner DNA, Nijinsky-Obsession und vor allem meine ewige Faszination mit „Sacre“, -> so gespannt schon auf „Pina“.
Chambre 666, bester Wernerismus, ja. :) Im Grunde hätte er die Frage auch beantworten können mit: ich habe gerade „Fitzcarraldo“ gemacht, wovor sollte ich Angst haben. – Cannes, Mai 1982, Fassbinder auch zu sehen, das kann doch nur ganz wenige Tage vor seinem Tod sein. – Godard: Film heißt, das Unglaubliche zu zeigen. Ja, Ähnliches dachte ich auch, bzgl. der speziell japanischen Adaption des Golfspiels, dachte, es geht um die Schönheit der Bewegung bzw um die Bewußtheit in der Bewegung als Schönheit, Zen, something like that. In „Bis ans Ende der Welt“ erscheinen die beiden Ozu-Schauspieler Chishû Ryû und Kuniko Miyake als Mr und Mrs Mori, um William Hurt zu heilen. Ich war fasziniert bei Kuniko Miyake von der unfaßbaren Grazie und Anmut ihrer Haltung und Bewegung, sie ist 75 und die wenigen Sekunden in Wenders‘ Film, das ist der letzte Auftritt dieser Frau, die ihre Filmgeschichte als Mädchen von 12 Jahren begann. Und ich dachte, vielleicht ist Wenders da sogar noch eigentlicher Dokumentarist als in seinem Dokumentarfilm, da wir diese grazile Bewegung einer japanischen Schauspielerin jenseits der 70 sehen, die etwas nie verliert, was schon eine Geisha 100 Jahre vor ihr nie verlor.
„Was passiert mit dem Werk von Goethe! Überlegen Sie mal! Goethe! Weg für immer!“ Dieser Moment, Claire und Trevor/Sam im Propellerflugzeug, und man hört/fühlt diesen sound, der Erde und Himmel erschüttert. Die Stille danach. „Sie haben es getan. Sie haben den Satelliten abgeschossen.“ Dieser Moment, Claire steigt aus dem Zug, Sung Li Station, nachts um 3 Uhr 20, der einsamste Ort der Welt. Dieser Moment, als der Computer die ersten Traumbilder aus dem Gehirn überträgt. „Bis ans Ende der Welt“ ist eine Abfolge eindringlicher Momente. Eine Abfolge von Bildern, die Bildersucht erklärt, zugleich Warnung vor der Verführungskraft des Bildes. Diese australische Landschaft, da würde ich auch Aborigine werden. „Wir müssen uns in unseren Träumen ein Bild von der Zukunft machen.“ (Eugene). Ich hoffe, daß die 20-Stunden-Version auch noch zugänglich gemacht wird. :) „Nur Wunder machen Sinn.“ (Eugene). Claires Bericht aus China, den sie per Videofax sendet, die Sachen hat Solveig Dommartin tatsächlich auf eigene Faust aufgenommen, nur in Begleitung eines einzigen Kamerahelfers, weil das Budget auf dem Nullpunkt war. Man weiß so wenig über sie? Was für eine Heldin.
ray05:
Dommartin scheint irgendwie durch die Schubladen gefallen zu sein. Schwerer kosmischer Irrtum. Leider haben wir keinen Peeperkorn mehr, der alles in die richtigen Verhältnisse zueinander bringt. :)
„Bis ans Ende der Welt“ werde ich mir ganz am Ende dieser Werkschau nochmal geben, tagsüber und ausgeschlafen, Business kann warten. :)
Es sind erst zehn Tage vergangen seit ich „Paris, Texas“ wiedersah, aber mir kömmt diese kurze Zeitspanne vor wie ein ganzes Jahr. Wenders müsste mal einen Film machen über einen Mann, der Werkschau betreibt. Milesdaviswerkschau, Albertaylerwerkschau, Thomaspynchonwerkschau, Werkewerkschau. Es wäre ein Film über die Zeit, wie sie sich dehnt und wie sie zusammenschnurrt, ganz so wie der Zauberberg ein Roman ist über all das. :) – Als Werkschauender wirst du zum Landvermesser K.; du kannst dir fast schon selber bei der Verstrickung zusehen in die Verhältnisse, die du schaust. So manches vom Wim Wenders der 90er Jahre entzieht sich mir, ganz so, wie sich die Schlossbeamten dem Landvermesser entziehen. So wie K. unaufhörlich rätselt über die Bedeutung Klamms oder der ihm zugesellten Gehilfen oder über den Boten Barnabas, so rätsele ich über Streifen wie „Am Ende der Gewalt“ und „Million Dollar Hotel“. Im ersteren scheint Wenders tatsächlich den Lynchkosmos bereisen zu wollen – aber sollen doch die Aliens, die dereinst hermeneutische Archäologie und Anthropologie auf der Erde betreiben werden darüber befinden, ob ihm das gelungen ist. :) – „Hotel“ hat Milla Jovovich zu bieten. Allerorten wurde damals von Milla Jovovich gesprochen. Ein Gegengesicht, eine Botin. Der „Soundtrack“ ist stark, jedenfalls immer dann, wenn die „MDH-Band“ zu hören ist. Unfassbar: Brian Eno und Bill Frisell in derselben Band. – Wenders wäre allerdings nicht der große Künstler, der er ist, wenn er nicht auch manchmal groß gescheitert wäre, aber selbst seine Idiosynkrasien – dieses „too much“ – sind es wert, dass dereinst in den Bibliotheken Regale freigeräumt werden für Zeug, das sich nur damit beschäftigt. – Über der Wenders/Lynch-Verschränkung müsstest Du ein ganz eigenes Kataster im Tempel eröffnen. Danke für Ry Cooder, Kamerad. :)
29.07.2020
ray05:
In „Lisbon Story“ (1994) sehen wir Rüdiger Vogler nochmals als „Philipp Winter“, diesmal ist er ein Tonmeister und -ingenieur, auch einer dieser seltsamen Feldforscher des Klangs der Welt für den Film. Wie viele Berufe hat „Philipp Winter“ eigentlich in den Wendersfilmen ausgeübt, und in wie vielen fahrbaren Untersätzen ist er unterwegs gewesen, sogar die Wuppertaler Schwebebahn hat er mal benutzt; in wie vielen Flugzeugen ist er gesessen – in diesem wundervollen low-swinging movie kommt die altehrwürdige Lissaboner Trambahn hinzu. :) – In meinen Augen gehören die Passagen, in denen Winter mit Stabsurroundmikrophon und Rekorder durch Lissabon zieht, um den Sound der Stadt einzufangen zum besten, was Wenders gelungen ist. Und hier der Klang des Scherenschleifers, des Schuhputzers, der Klang der Fähre beim Ablegen vom Kai – „und hier der Klang der Tauben im Tonstudio und jetzt ein Mann mit gebrochenem Bein… und jetzt der Klang der Abwesenheit“. Genial ist die Szene, in der Winter mit einem Schulkind auf einer Mauer sitzt, Winter bewegt sein Mikrofon hoch oben in der Luft hin und her, das Kind hat die Kopfhörer auf und errät die Klangquellen, die es dabei hört. – In „Lisbon“ nutzen Kinder wie selbstverständlich das Stadthaus, in dem Winter seine Filmtonsynchronisationsarbeit verrichtet, für Explorationen mit eigener Videokamera, und dann ist da ein New-Folk-Quintett – eine Art portugiesisches „Pentangle“ -, das unter gleichem Dach bewegende Songs aufnimmt für einen Filmsoundtrack. Manoel de Oliveira spricht Winter sein Credo ins Mikrofon. Der ganze Prospekt ist entfaltet in ein affirmatives Weltsituationsbild, wie es auf diese Art & Weise nur Wim Wenders gelingen kann. Aber der Grat ist extrem schmal, auf dem Wenders sich bewegt, vermutlich wurde er immer schmaler zeitläuftig und Wenders hat seiner eigenen Weltimagination nicht mehr recht getraut. Dass der Schluss gleichsam in eine medien- oder bilderkritische Coda münden musste, kann ich eingedenk der damals zirkulierenden Diskurse über Postmodernismus nachvollziehen. Heute wirkt das aber wie aufgepropft, vor allem der nachgängige Slapstick hätte unbedingt überflüssig sein müssen. Aber gut. Vielleicht ist Wenders ein Hölderlin, aber einer, der unter allen Umständen keiner sein will. :)
31.07.2020
Christian Erdmann:
„Lisbon Story“ vorgezogen, um zu verstehen, was Du sagst. :) „Bewegte Bilder können immer noch bewegen“, sagt Winter/Vogler am Ende, und da beginnt meine Pein: das zu fühlen und es auszusprechen, ist Sache des Zuschauers, nicht des Films, der den Zuschauer soeben dazu gebracht hat, das zu empfinden. Auch wenn es im Kontext – Winter ist ja auch Zuschauer, und er trotzt Friedrich mit dieser Bemerkung – Sinn macht, der Film klingt, als würde er über sich selbst sprechen, und ich fühle Pein dabei. :) Eine Nuance, nur ein µ, ist mir dieser Film zu sehr berechneter Zauber. Noch nicht Wohlfühlfilm für die Bionade-Bourgeoisie, aber doch zu sehr inszenierte Magie. Voglers versonnenes Lächeln bei Madredeus, stellvertretend für unser versonnenes Lächeln bei gepflegtem Arthouse-Kino. :) Vergib mir, ich bin völlig auf Deiner Seite, was die brillanten Momente angeht. Aber als die Madredeus-Sängerin Winter den Schlüssel zum Haus gibt und Winter sagt: „Ist das auch der Schlüssel zu Ihrem Herzen?“ – Gasch! Gasch! :) -, verlor mich dieser Film, der mich nach einer Viertelstunde so packte, als Winter das Haus betrat. Ich würde Wenders sogar verstehen, wenn er eines Tages sagte, ich habe diesen Film nur gemacht, um in diesem Haus filmen zu können. Die Kacheln! Die alte Stativkamera vor diesen Kacheln! UND! DIE KUNST DES GERÄUSCHEMACHERS! Compadre! Allein das! Ich liebe das so sehr, ich wäre gar nicht ich ohne dieses Pütschern des Geräuschemachers in der Wasserschüssel bei Szenen in „Der Seewolf“. Überhaupt war in diesen Weihnachtsvierteilern der Geräuschemacher mein geheimer Held. „Manchmal, wenn Aljoscha aufs Meer hinaus sah, meinte er sich an sein Schiff erinnern zu können, an das Ächzen und Knarren der Planken und Spanten.“ Aber zuerst hörbar machte es der Geräuschemacher. :) Die Geräusche des Geräuschemachers machten die große weite Welt, die voller Abenteuer war, zu a cozy place. Ich sah auch schon früh einen Bericht im TV über diese Kunst, und weiß daher schon seit meiner Kindheit, wie Pferdegalopp mit Kokosnußschalen erzeugt wurde. :) So, yeah, das bleibt das perfid-Schöne an Wenders-Filmen, Du hast es ja schon formuliert, selbst wenn er scheitert, scheitert er grandios, und er bleibt turmhoch über den daily Peinlichkeiten der Gegenwart. Völlig d’accord, was den Slapstick am Ende angeht.
Sah auch „Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten“, dindu much for me, filmisch, aber Leda liebte Yamamoto sehr, und das war, was ich nachvollzog, zum Beispiel, als Yamamoto von seiner Faszination für alte Fotografien spricht und erklärt, auf alten Fotos tragen die Menschen keine Kleider, sie tragen Wirklichkeit. Es gibt auch eine Stelle, wo er quasi sagt: Männer sind D-Dur, Frauen sind A-Dur. :) Vom Anrührenden des Nichtperfekten sprechen und dann das Nichtperfekte perfektionieren wollen. Man versteht, wie sehr es Yamamoto nicht um MODE geht.
08.08.2020
Christian Erdmann:
Kurzer Exkurs: habe mir „Supermarkt“ von Klick angesehen. Muß ihn damals irgendwann im TV gesehen haben, weil ich sofort diesen Song erkannte, „Celebration“. Das Beste, was Marius West je gemacht hat. :) Hatte damals verstanden „I want my celebration day before I die“, und der Satz war irgendwie in mein Notenbüchl gelangt. Er singt aber „Babe“ und nicht „day“, methinks. Jedenfalls, über diesem Hamburg steht tatsächlich wie über Dantes Höllentor: die ihr hier eintretet, laßt alle Hoffnung fahren. :) Das Schönste war der PEZ-Automat nach 3 Minuten. Roh, schmutzig, und, nunja, nicht mehr ganz leicht anzusehen (Alfred Edel als Chefredakteur? Excuse me?) :) Im Vergleich nur noch deutlicher die so überragende Kunst von Wenders, einen Ort nicht nur Kulisse sein zu lassen. – Früher kämpfte man für das Recht auf Bildung, heute geht man auf die Straße für das Recht auf Verblödung, da kommt die alte Dame wie gerufen, die irgendwo mault: „Man hat doch ein Recht als Staatsbürger, zu wissen, was hier los ist!“ :)
In den letzten Tagen auf den DVDs mehrmals den Trailer zu „Der Himmel über Berlin“ gesehen, die Szene, in der Curt Bois sagt: „Ich kann den Potsdamer Platz nicht finden“, und man denkt unwillkürlich, ach Curt. Du würdest ihn auch heute nicht finden. :)
10.08.2020
ray05:
Curt Bois ist nur ein Jahr jünger als Vladimir Nabokov und nur drei Jahre jünger als Bertolt Brecht und nur 11 Jahre jünger als Fritz Lang, alle auch im Berlin der Weimarer Republik unterwegs, dieser hypermodernsten denkbaren Stadt neben New York damals. :) – Wikipedia gibt in aller Breite einen schönen faktischen Überblick über Bois. Obwohl ich mich stets als umfassenden Kenner der Weimarer Republik selbstbezeichne, sind mir doch Bois‘ Erinnerungen und Lebenszeugnisse, die ja seit den 1960er Jahren durchaus vorliegen und verschiedentlich weitergeführt wurden, bislang entgangen. Epoche, hier tut sich wieder ein Feld auf. :) – Bruno Ganz und Otto Sander – so lese ich – haben einen Dokumentarfilm über Curt Bois und Bernhard Minetti gemacht, der hängt freilich schon rein zeitlich mit „Himmel über Berlin“ zusammen, womöglich muss man den Wendersfilm und den Dokumentarfilm zusammenschauen. – Wollte „Himmel über Berlin“ ursprünglich „übergehen“ in der Werkschau, gleichsam so, wie ich heuer meine alljährliche Rilkesaison ausfallen lasse. Sah ihn dann doch, aber gewissermaßen schwermütig-kontraindikatorisch; der Film vermochte es nicht, mir die Zeichnung Paul Klees vom Menschen in Engelsgestalt (allerdings in sensationell zerzauster und ruinöser Verfassung, Tagebücher, 1905) aus dem Kopf zu schlagen; versehen mit Klees Notat: „Dieser Mensch im Gegensatz zu göttlichen Wesen mit nur einem Flügel geboren, macht unentwegt Flugversuche. Dabei bricht er Arm und Bein, hält aber trotzdem unter dem Banner seiner Idee aus.“ Aber vielleicht ging es Wenders gerade um das. :)
13.08.2020
Christian Erdmann:
Ein Dokumentarfilm von Bruno Ganz und Otto Sander über Bois / Minetti? Wenn Du drauf stößt, bitte 4-Minuten-Alarm bei mir losgehen lassen.
Die Weimarer Republik, mhm, ich bin beileibe kein umfassender Kenner, aber umfassend fasziniert. Las kürzlich „Lulu in Berlin und Hollywood“ von Louise Brooks. In meiner Vorstellung sieht Berlin 1928 genau so aus, wie sie es schildert. :)
„Im Eden Hotel, wo ich in Berlin wohnte, bevölkerten die Luxusflittchen die Café-Bar. Draußen vor der Tür gingen die Mädchen der preiswerteren Kategorie auf den Strich. An der Ecke standen die Mädchen in Stiefeln und annoncierten ihre flagellantischen Dienste. Agenten der Schauspieler verkuppelten die Damen in den Luxusappartements des Bayrischen Viertels. Tipgeber vom Pferderennen in Hoppegarten arrangierten Orgien für ganze Sportlergruppen. Der Nachtclub Eldorado präsentierte eine ganze Reihe verlockender Homosexueller in Frauenkleidern. Im Maly standen Lesbierinnen – feminine und in Schlips und Kragen – zur Auswahl.“
Wunderbar und fesselnd ihre Beschreibungen der Dreharbeiten mit Pabst. Vermutlich Dir bekannt, falls nicht, 4-Minuten-Alarm.
Klees Notat rüttelt mir grad die Knochen durch.
Schrieb ja, Wenders bringe unablässig Mythen zusammen und erschaffe so neue Mythen, beileibe nicht nur von Menschen die Rede da, aber Otto Sander auf der Bühne neben Nick Cave in „Der Himmel über Berlin“ – das ist schon ein prägnantes Bild dafür.
18.07.2020
Christian Erdmann:
Im Zuge der Reevaluationofeverything vergewisserte ich mich, und war doch gleichwohl überrascht, wie sehr ich „Der Himmel über Berlin“ liebe. Wie alles in diesem Film und überhaupt alles in diesem Kontinuum kulminiert in: „Das Bild, das wir erzeugt haben, wird das Begleitbild meines Sterbens sein.“ Nick Cave, Crime & The City Solution, der Film war auch Aljoschas Sache, so sehr.
Impressionen zur Wim Wenders-Werkschau in der ARD-Mediathek. Exzerpte aus 111 Lieblingsfilme, Kommentarsektion
18.07.2020
ray05:
Eine Wenders-Retrospektive ist zugänglich gerade in der Mediathek des Ersten. Stehe gerade bei „Paris, Texas“, der Streifen ist womöglich besser noch als wir ihn je hielten.
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
„Paris, Texas“, loved it to bits, leistete mir damals das Buch mit hundertplus hochwertigen Filmstills. Als die Simple Minds, kurz bevor sie von absolut großartig zu absolut schauerlich mutierten, in „Up On The Catwalk“ einfach den Namen „Nastassja Kinski“ als Textzeile unterbrachten. Weil es richtig war. :) So sweet, die „She’s Leaving The Bank“-Sequenz, mit der brillanten Musik von Ry Cooder.
Stanton, einer der größten Monologe der Filmgeschichte, aber Nastassja Kinski eben auch unter Bewegendstes Zuhören der Filmgeschichte weit oben.
25.07.2020
Christian Erdmann:
Was Nastassja Kinski sonst gemacht hat oder nicht gemacht hat, I don’t care. Ihre Szenen in „Paris, Texas“ sind so atemberaubend und herzzerreißend, daß sie eine der größten Schauspielerinnen der Welt ist. Warte, da sind ansonsten nur die Super-8-Aufnahmen, a glimpse of her in ihrem kleinen roten Chevy, die kurze Szene an der Bar, und die Wiederbegegnung mit Hunter am Ende. Ansonsten sieht man sie ausschließlich in dieser schäbigen kleinen Peepshow-Kabine. Unglaublich.
… Jedenfalls, „Paris, Texas“, it hits so hard. Harry Dean Stanton, die tieftraurige Poesie seiner Präsenz, yet somehow uplifting, die unauslotbare Determiniertheit seiner strangeness, das ist sowieso groß, perfect acting, und als er die Liebe seines Lebens in einer Peepshow wiederfindet, erreicht es eine Ebene, die man über so einen Blechtrottel hier kaum mehr formulieren kann. Aber Nastassja Kinskis Performance, in dieser Peepshow-Kabine, in ihrem Angorapulloverkleid zum Niederknien schön und traurig, vor dieser fast nicht sichtbaren Gegenwart, vor seinem Schweigen, seiner Konfusion, dann vor seiner Geschichte, it’s just stunning. All diese subtilen Nuancen, mit denen sie reagiert. Vielleicht weiß sie es schon kurz vorher, aber bei „The trailer?“ ist sie sicher. Der Moment, in dem ich zusammenbreche. Als sie weint, die Stirnader plötzlich sichtbar, wie bei ihrem Vater. Die Träne an ihrem Kinn. Haunts you forever.
Das Schöne zu zerstören, das einzig Schöne, das man hat, es bricht dir Herz und spirit. Und dann wandert man für Jahre durch den Irrsinn und die Einsamkeit, und dann findet man wieder, was man liebt, und dann muß man es wieder aufgeben, weil man es liebt. Die letzte Szene, die Wiederbegegnung im Hotel, Geringere hätten es spielend leicht vermasselt. Aber Nastassja Kinski und Hunter Carson, Wenders sowieso, machen alles in jeder Zehntelsekunde so genau richtig, schau, wie der Junge, als er auf sie zukommt, zweimal Halt sucht an der Wand mit seiner linken Hand.
Mein einziges Problem – abgesehen von der Übersetzung für „a fancy woman“ – war Hilmar Thate. God bless him, aber als Stimme für Stanton falsch. Originale ohnehin im Anflug. Der Mann auf der Brücke war glaube ich eines der Vorbilder für meinen Plan, mit 75 zeternd durch die Weltgeschichte zu ziehen und, Du weißt schon, Reden zu halten wider Julius Caesar etc. „Es wird überhaupt keine Sicherheitszonen mehr geben! Ich garantiere euch, die Sicherheitszone wird ausradiert! Vom Erdboden verschwunden! Ihr werdet alle von hier verschleppt! In ein Land ohne Wiederkehr! Ein Blindflug ins Nichts!“ Robby Müller kann man ja wohl auch nicht genug würdigen, bei dem stand doch „Zauberer“ im Passport? Das ist so unfaßbar spektakulär, was der macht. Jurypräsident damals Bogarde. In der Jury Isabelle Huppert und Ennio Morricone.
Etwas so Schmerzhaftes, etwas so überwältigend Schönes. Diese Wenders-Werkschau ist gut für die Seele. Thanks so much for reminding me, actually inviting me.
08.08.2020
Christian Erdmann:
Sicher bist Du mit der Entstehungsgeschichte von „Paris, Texas“ vertraut, aber laß uns das nochmal festhalten: Wenders und Shepard hatten in einem Prozeß, den Wenders „Alchemie“ nennt, diese Figur Travis und seine Geschichte erschaffen, aber das Drehbuch reichte nur bis zu dem Punkt, an dem Travis und Hunter beschließen, nach Houston zu fahren und Jane zu suchen. „Nach der Hälfte des Films hatte ich kein Drehbuch mehr.“ Shepard ist irgendwo im Norden bei einem anderen Film unabkömmlich. Wenders entläßt Schauspieler und Team für 14 Tage, schreibt fieberhaft die zweite Hälfte des Films und schickt den Entwurf an Shepard, beschwört ihn, das in ein Script zu verwandeln. Shepard sagt, unmöglich, aber wenn du es bis zur Peepshow schaffst, kann ich dir die letzten Szenen schreiben. Mit Hilfe von Hunters Vater arbeitet Wenders sich also bis zur Peepshow vor. Und dann – es gibt noch nichtmal Fax – diktiert Shepard nachts den Dialog Wenders durchs Telefon. 48 Stunden, ohne zu schlafen, hat Nastassja Harry Dean den Text eingebläut, der in hundert Filmparts noch nie mehr als zwei Sätze am Stück zu sprechen hatte. Und sie haben diese beiden Szenen jeweils in einem Take gedreht. Nastassja konnte ihren Text perfekt, wenn Harry Dean sich bei seinem langen Monolog versprochen hat, oder wenn er sagte „Cut“, haben sie neu angefangen. Sie haben den Text auf die Silbe so gespielt, wie Shepard ihn geschrieben hatte. Alles ist echt. Die Tränen bei Harry Dean Stanton in der ersten Szene, die Tränen bei Nastassja Kinski in der zweiten Szene. – Sam Shepard also: hängt praktisch kopfüber vom Kronleuchter und liefert diese Sternstunde der Filmgeschichte.
Danny Lloyd in Kubricks „The Shining“ und Hunter Carson als Hunter: bei jedem Sehen wird unbegreiflicher, wie diese beiden in jeder Sekunde alles richtig machen. Tatsächlich war Hunter ein Improvisationskünstler, Stanton brauchte eine Weile, bis er sich darauf eingestellt hatte. Daß er die Entstehung des Weltalls auf eigene Faust erklärt, dachte man sich, komplett improvisiert auch die Szene, als er auf der Ladefläche sitzt und mit Travis durchs Walkie Talkie spricht, die Sache mit der Lichtgeschwindigkeit, da ist Stanton tatsächlich einfach nicht mehr mitgekommen. Als er, nachdem sie die Super 8-Filme gesehen haben, zuerst zu Walt sagt „Good night, Dad“, und dann zu Travis geht und zu ihm auch sagt „Good night, Dad“, das hat er sich selbst ausgedacht. Weil er, wie Wenders sagt, einfach selbst rausgekriegt hat, wie die Szene funktioniert.
Der ganze Film wurde chronologisch gedreht, bis auf die Super 8-Szenen natürlich und die Szene auf der Brücke, und auf die Begegnung im Hotel haben sich beide, Hunter und Nastassja, schon glühend gefreut. Nastassja zu umarmen, the way he does, und dieses „Your hair… it’s wet…“, auch darauf ist er allein gekommen. Was mich so beeindruckt hat, remember, wie seine Hand zweimal kurz die Wand berührt, bin sicher, auch das hat ihm niemand gesagt. Jemand schrieb zu einer Sequenz des Films auf YT: What a collaboration – Wim Wenders, Robby Müller, Ry Cooder, Sam Shepard, Harry Dean Stanton, Nastassja Kinski. Man muß unbedingt hinzufügen: Und Hunter Carson.
Nur diese Namen nacheinander hinzuschreiben, bedeutet in der Tat fast schon Beschwörung mythischer Größe. Wenders versucht zu beschreiben, wie die an „Paris, Texas“ Beteiligten im *Einklang* waren. So wie Miles Davis einen *Einklang* beschreibt. An dem sich dann auch Landschaften und Farben beteiligen. Die Präsenz der Farbe Rot, den ganzen Film hindurch, die zu Nastassjas wunderschönem Pulloverkleid führt, das sie buchstäblich erst am Tag vorher in einem Secondhandshop für 2 Dollar gefunden haben. Selbst das Rot der Marlboro-Schachtel wirkt wie gemalt, selbst der Himmel hängt anders. Die Farben, die unglaublichen Farben, die *cinematography*, jeder einzelne *frame* ist ein Kunstwerk.
Die Autoszenen, Wenders und Müller hatten den Ehrgeiz, sich in keiner Autoszene zu wiederholen, und sie haben Split Focus (auch in der Peepshow), waghalsige Kamerapositionen und Lichtmagie eingesetzt, um ihr Ziel zu erreichen. Wahrscheinlich tust Du gut daran, keine Reviews an Dich heranzulassen grad. Las vorhin eines, in dem eine Frau 2019 von „Wenders‘ one-dimensional portrayal of Jane“ spricht. Das ist alles so vorhersehbar mittlerweile. Klar: für diesen Shot von Nastassja Kinski, als Lurie Stanton den Rückweg aus der Bar antreten läßt und sie sich kurz umdreht, nur für die Schönheit dieses einen Shots würden tausend andere Filmemacher einen Deal mit dem Teufel machen müssen. Aber was Nastassja Kinski über ihre innere Welt *erzählt*, in den beiden Peepshow-Szenen, schauen diese Leute denn nicht hin, muß man den Millennials denn alles vorbuchstabieren, ist das zu subtil, no fucking idea. Jemand, der so schön ist, *kann* nichts anderes repräsentieren als *shallow aestheticism*, schon klar. Ich bin es so leid. Ich bin so müde. :)
Wenders war selbst überrascht, was für eine großartige Schauspielerin Nastassja Kinski seit „Falsche Bewegung“ geworden war. Sie hat wochenlang mit einem Coach diesen leichten texanischen Akzent gelernt. Bei der Drive-In-Bank-Szene trägt sie eine Perücke. Sie haben erst am Tag vorher beschlossen, Nastassjas Haare blond zu färben, aber die Blondierung hatte in der Eile nicht richtig funktioniert, also trägt sie diese Perücke, schaut aber im Auto nicht zur Seite, damit man die Perücke nicht als Perücke erkennt. Dadurch entsteht in dieser Szene der großartige Effekt, daß Hunter seine Mutter erkennt, ohne sie wirklich gesehen zu haben. Dies heilig-zufällige Zustandebringen, wie Du sagst, oder „a blessing in disguise“, wie Wenders sagt.
Harry Dean und Hunter sind sich wirklich sehr nahe gekommen, sagt Wenders; den Fuß-Weg nach Hause hätten die beiden noch stundenlang weiterdrehen können. An anderer Stelle: Nastassja und Harry Dean haben sich sehr gemocht. All das spürt man so sehr, was dazu beiträgt, daß wir immer noch, auch beim xten Mal, mit dieser großen Wehmut, mit Harry Dean Stantons nassen Augen, als er davonfährt am Ende, und der Frage zurückbleiben, warum er den letzten Schritt nicht gehen kann, um die kleine Familie wieder zusammenzuführen; warum er selbst nicht bleiben kann. Wenders sagt, er hat lange Gespräche mit Shepard gehabt, aber beiden schien es am Ende richtiger, daß Travis aus Liebe zu den beiden auf sie verzichten muß. Vielleicht sind die Sünden der Vergangenheit *nur* dadurch auszulöschen, daß er Hunter und Jane wieder zusammenbringt, vielleicht muß er gehen, weil er *zu sehr liebt*, vielleicht muß er gehen, weil Ry Cooders Gitarre es so will, die seine Seele besser kennt als wir alle, die all die endlosen Wege kennt, die er gegangen ist, und die klingt wie sein eigener Geist. Er ist so nah daran – to face things. Aber das letzte *facing each other* traut er sich nicht zu, oder er versagt es sich. Übrigens habe ich auch die Frage gelesen, warum Jane in der Peepshow Travis nicht schon viel früher an der Stimme erkennt. Hören die auch nicht zu? An einer Stelle, als sie Travis von sich erzählt, erklärt sie doch: „I hear your voice all the time. Every man has your voice.“ Es ist doch völlig konsistent, daß sie die echte Stimme von Travis dann nicht sofort erkennt.
Konsistenz ist bei Wenders allerdings ohnehin immer eine idiosynkratische, eine, die entsteht, wenn ein Film gemacht wird „with the kind of passion and willingness to experiment“ (Roger Ebert) wie „Paris, Texas“. Von einem Regisseur mit einem Unbewußten voller Filme; der jederzeit empfänglich reagiert auf das, was ihn umgibt; der zugleich das, was ihn umgibt, mythologisch auflädt; und der sich nicht an Standardregeln des Filmemachens hält, sondern neue Regeln schafft.
Good Lord. Alles fing damit an, daß Du sagtest, „Paris, Texas“ *noch* besser, als wir immer schon wußten, und ich muß gerade überlegen, wohin jetzt von hier. Ebert auch über den Film: „true, deep and brilliant.“ Wenn man nur 3 Worte hätte. Ein Film von wirklich außergewöhnlicher Schönheit. Wahr, tief, überwältigend.
Die zweite Peepshow-Szene: manchmal sieht man die Realität erst, wenn man das Licht ausmacht.
10.08.2020
ray05:
„Paris, Texas“ ist von der ersten bis zur letzten Klappe ein Wunderwerk, zum Glück ein beschreibbares. Danke also. Wie in der Gestaltung dieser wahrhaft epischen (fast alttestamentarisch anmutenden) Story die Einzelteile organisch ineinanderfunktionieren, wie jeder Aufriss gewissermaßen über die Bildgewalt zuendemythologisiert wird; das alles ist von 2020 aus gesehen – jessas, der Film ist mehr als fünfunddreißig Jahre alt mittlerweise – ganz krass erfahrbar. Lach mich aus, aber Shepards Dialoge scheinen direkt aus dem alten Griechenland zu kommen. „Paris, Texas“ kann heute sicherlich ohne mit der Wimper zu zucken als einer der wirklich besten und auch einflussreichsten Filme überhaupt gesehen werden. Das Ding ist ein echtes „Werk“ im klassischen Sinne, es ist komplett auratisch und sowohl überwältigend wie auch bildend, also „heilig“. Man sollte Reihentests mit Millennials machen, ob und wie sie „Paris, Texas“ kognitiv „verarbeiten“. :)
Irgendetwas herauszuheben verbietet sich fast schon aus Ehrfurcht vor dem Gesamtpaket; über die langen Passagen mit dem kleinen Hunter möchte ich aber noch etwas ergänzen: die Wendersregie bringt es fertig, dass man diesem Zehnjährigen lange vorbehaltlos ins Gesicht sehen kann, als sei er der Menschensohn ganz überhaupt, ich denke da zuerst an die Barszene in Houston, aber es gibt noch andere. Bis ihn Nastassja Kinski in die Arme nimmt (die Hotelszene, komplett singulär in der Filmhistorie in der Art), ist er der Prophet, der durch die Wüste führt. Ganz intuitiv sagt er seinem Dad, welchem roten Wagen er folgen muss auf der Interstate, eine crossroads-direktionale Szene, die schwer wiegt. Hunters Aufwachen am Parkhaus (performativ für sich schon singulär) und seine Verbindungsaufnahme mit dem Walkietalkie zu seinem poofenden Dad, diese Verzögerung der Kommunikation erinnert stark an Gethsemane: und könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen. Keine Sorge, werde kein Esoteriker werden, aber das fiel mir auf. :)
13.08.2020
Christian Erdmann:
Neben den Peepshow-Szenen gehört die She’s Leaving The Bank-Szene ohne Widerrede in den „Today’s Best Scene Ever“-Fundus, die Dramatik und Schönheit dieser 6 Minuten, die Musik von Ry Cooder, die nach einer Weile Tempo aufnimmt und perfekt zum Ausdruck bringt, wie dieses Abenteuer nicht mehr aufzuhalten ist. Tatsächlich war Hunter bei den Dreharbeiten sogar erst 7einhalb. „Als sei er der Menschensohn ganz überhaupt“, phantastisch, ja. Eigentlich ist es Hunter, der seinen Vater führt, das größere Kind, den ragged wayfarer, den mühselig Beladenen, der jedes Zeitgefühl und jede Orientierung verloren hat, ihm Mut zum Leben wiedergibt; der sich, wie Du sagst, intuitiv zwischen zwei identischen roten Chevys entscheiden kann und auch sonst die Richtung kennt („Left, Dad.“).
Im Audiokommentar erwähnt Wenders zur Szene im Warteraum des Waschsalons, wie das eigentlich die klassische Psychoanalyse-Situation ist, Travis liegt auf der Couch und beginnt zu erzählen, der Sohn sitzt daneben und hört zu. Dieser Junge hat – wie Danny Lloyd bei Kubrick – einen Sinn für Timing. Der Junge in „Der amerikanische Freund“ macht das zwar auf seine Weise auch großartig, bringt aber Bruno Ganz einmal kurz aus der Fassung, weil ihm die Fähigkeit fehlt, abzuwarten. Hunter kann übersprudelnd sein und sogar komisch, aber man kann ihm auch beim Nachdenken zusehen. – Oh my, „über die Bildgewalt zuendemythologisiert“, besser ist Wenders wohl nicht mehr zu beschreiben. :) „Heilig“ hatte ich schändlicherweise auch vergessen. Was ich nicht wußte bis vor 48 Stunden, „Paris, Texas“ war der Lieblingsfilm von Kurt Cobain.
Impressionen zur Wim Wenders-Werkschau in der ARD-Mediathek. Exzerpte aus 111 Lieblingsfilme, Kommentarsektion
18.07.2020
ray05:
„Der Amerikanische Freund“ ist in meinen Augen heute ein unsterbliches Meisterwerk, wie konnte ich das je missachten.
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
„Der Amerikanische Freund“. Unter freiem Himmel wiedergesehen vor ein paar Jahren. Wie leer Hamburg ist in diesem Film. Zu den raren Privilegien eines Hamburgers gehört es, an der Elbchaussee-Villa vorbeiradeln zu können und zu denken: HIER! DENNIS HOPPER UND BRUNO GANZ! HIER! „I’m on the roof with the gun!“ Hopper, gerade aus dem Herz der Finsternis zurück, die Chemie zwischen ihm und Bruno Ganz bei den Dreharbeiten, blutige Nasen und trunkene Verbrüderung.
25.07.2020
Christian Erdmann:
Next stop „Der amerikanische Freund“.
ray05:
„Der amerikanische Freund“ wird Dich umhauen, Photographie und generell Kameraarbeit sind extrem stark hier, die Takes im Zug und dann am Strand sind allerbester Wenderismus. Bin glücklich, diesen Streifen wiederentdeckt zu haben.
27.07.2020
Christian Erdmann:
Hopper stieg in Hamburg aus dem Flugzeug, kam direkt aus dem philippinischen Dschungel, wo er mit Coppola und Brando „Apocalypse Now“ gedreht hatte, mit noch blutenden Wunden, in einer Art Schockzustand, selbstmordgefährdet, im Körper alle der Menschheit bekannten Drogen. Er hatte das Drehbuch vergessen und überhaupt den Sinn und Zweck seiner Reise nach Deutschland. Wenders nach ein paar Tagen: Entweder reißt du dich jetzt zusammen, oder du fährst nach Hause, ich will nicht, daß du hier bei mir am Set stirbst. In diesem Interview von 2008 sagt Dennis Hopper: „Wissen Sie, ich torkelte damals durch Hamburg wie ein Verlorener durch einen Schneesturm. Aber in all dem Chaos war Wim immer da… Er fing mich auf und holte mich zurück ins kreative Leben. Ins Leben überhaupt. Die Arbeit am ‚Amerikanischen Freund‘ hat mich gerettet.“
Wenders sagt auch: so beängstigend Dennis Hopper vor der Kamera wirken kann, tief im Innern sei er die liebenswürdigste Seele, die er je getroffen habe.
„What’s wrong with a cowboy in Hamburg?“ – „Meine Damen und Herren, wir kommen zu dem Höhepunkt der Auktion.“ Dennis Hopper inmitten honorig-biederer hanseatischer Statisten, und hinter ihnen David Blue. Der in Bob Dylans „Renaldo & Clara“, remember, der erste Film, den ich je auf Video aufnahm, am Flipper steht und Geschichten erzählt. Fucking Samuel Fuller – auch wenn der tatsächlich schon 1973 in Deutschland einen „Tatort“ gedreht hat – in einem Speisewagen der DB und später am Steuer eines Krankenwagens, der nächtens in der Elbchaussee steht.
Unablässig bringt Wenders Mythen zusammen und erschafft so neue Mythen. Wenders ist wie The ever watchful Eye, schwebend über der Welt, beobachtend und miteinander verbindend, was in seiner Schönheit / Wahrheit für ihn miteinander korrespondiert (Keats-Maxime # 1: „Beauty is truth, truth beauty“.) Surreale Effekte, die Bestandteil sind der hypnotischen Kraft, die ein Wenders-Film hat, wenn sein furchtloses Experiment mit dem Möglichmachen des Unmöglichen gelingt. Hier gelingt alles. Die Story, die Schauspieler. Bilder und Szenen, die noch lange geblieben sind, seit mich der Film zum ersten Mal umhaute, und bleiben werden. Die Musik. Hamburg, als „marvellously gloomy city“ (jemand bei imdb). Der Film ist unendlich traurig. Und voller Momente, die einfach nur hilarious sind. Du hast mir mal erzählt, daß Du als Achtklässler mit einer Kurzgeschichte den Schulwettbewerb gewonnen hast, eine wüste Film noir-Hommage. Wer diese Art von Achtklässler ist, muß Glück empfinden beim Wiederentdecken von „Der amerikanische Freund“. :)
Fuck „Der Untergang“, wir wußten lange vorher, daß Bruno Ganz der Größte ist. Mir stiegen Tränen in die Augen, als wir auf Burg Pernstejn den Tiroler Hof betraten und ich an derselben Stelle mit dem Fuß zwischen zwei Steine kam und ganz leicht strauchelte wie Bruno Ganz in Herzogs „Nosferatu“, so wie man es für immer sehen kann in diesem so unendlich bedeutenden Film, den ich schon so lange Zeit liebte, Zeiten meines Lebens hindurch. Da ging es mir mit der Zeit vielleicht so, wie Du es beschreibst, wie dieses Gefühl einer unfaßbaren Kontinuität in deinem Leben dich ergreift, wie es aus so einem plötzlichen „Zufall“ (ha), oder aus so einer Werkschau entsteht, oder aus dem Geschmack einer in Tee getunkten Madeleine, wie Zeit dann einfach nichts Lineares mehr ist, sondern nur noch in deinem Bewußtsein existiert, die wahre Zeit, die nur deiner eigenen Psyche, Seele, Intuition zugänglich ist.
Herausragend, wie Dennis Hopper seinem Ripley diese manische Böswilligkeit verleiht und diese verstört, *demented* und psychotisch wirkende Amoralität, zugleich berechnend und völlig unberechenbar, impulsiv und nicht ganz in der Fassung, und wie er zugleich Ripleys tiefe Einsamkeit sichtbar macht, Dylans „I pity the poor immigrant“ singend, wie er diabolische Intensität ausstrahlt und wie er doch spürbar und glaubhaft macht, daß er sich, fast gegen seinen Willen, nach einem Freund sehnt. Die Kaschemme, in der sie sitzen, fehlt nur noch Fritz Honka am Nebentisch und Hopper sagt zu dem Mann, der ihn mit „Ah ja? I’ve heard of you“ und verweigertem Handschlag so tief gekränkt hat, daß er ein perfides Täuschungsmanöver inszeniert: I would like to be your friend. Er weiß, es ist nicht mehr möglich, aber er meint es. In New York sagt er zu Nicholas Ray „I got a friend in Hamburg who told me“ (das veränderte Blau), trotzig stolz darauf, einen so unglaubwürdigen Satz sagen zu können. Zum ersten Mal kann ich lesen, wie das Bild heißt, das Ripley von Zimmermann rahmen läßt. „Des Auswanderers Sehnsucht“.
Wie Hopper Bewunderung, Zuneigung, Liebe und Sorge zu empfinden beginnt für diesen Mann, so sehr, daß er den zweiten Mord zu verhindern sucht. Wie er in Zimmermanns Werkstatt den genius loci spürt, unwiderstehlich angezogen von der Wärme, die vom Leben dieses Mannes ausgeht, seiner Liebe zu den Dingen, seiner Arbeit, seiner Familie, wie er in diesem Leben etwas sieht, das seinem fehlt. Zwei Momente vor allem: Hopper hat mitangesehen, wie Bruno Ganz diesen Bilderrahmen zerschlagen hat, ganz kurz ist tiefes Mitleid ist seinem Blick zu sehen. Dann der kurze Moment, wie er in seiner Verzweiflung, allein in seiner Säulenvilla, *liebevoll* dieses sich bewegende Bild anschaut, das Jonathan ihm geschenkt hat.
Der erste Mord in der Pariser Metro, 10 Minuten absolut atemberaubende Choreographie, Spannung fast unerträglich, als Lou Castel / Rudolphe schließlich aussteigt, ist Jonathan der einsamste Mann der Welt. Wie ihm immer wieder die Augen zufallen vor Anspannung, vor Eigentlichnichtmehrweiterkönnen. – Die Sequenzen im Zug, da muß Coppola gedacht haben: damn, some German Hitchcock. Bewegungsenergetisches Wunderwerk. Hoppers plötzliches Auftauchen und Eingreifen im Zug, als die Dinge final schiefzugehen drohen für Bruno Ganz – das, und was dann folgt, einfach phantastisch. Todsicher haben beide, nachdem sie sich einmal die Rübe poliert hatten, ein tiefes Gefühl dafür gehabt, wie *special* das ist, was sie hier entstehen lassen. Die Szene mit den Fahrkarten („in der blauen Jacke“). Wie der Zug durch einen Tunnel fährt und irgendein schwaches Licht nur noch die Silhouetten der beiden nachzeichnet, das ist so großartig, so schön.
Knieper, diese großartige ominöse Musik throughout, ätherisch, manchmal arvopärtisch (diese zwei Minuten (?) ganz am Anfang des Films!), und manchmal wie Bernard Herrmann für Hitchcock. Surreal auch: wie Samuel Fuller durch den Speisewagen geht, um seinen Mann zu suchen, Hopper sitzt da und hält eine Zeitung hoch und man kann lesen: „4:1! Hamburger SV im Fußballrausch“. Man, those were different times. :)
Yeah, you know? Eigentlich sind WIR ja schon die Aliens, von denen Du sprichst. :) In Zeiten, da vermeldet wird: 85% der Filme auf Netflix stammen aus der letzten Dekade, ist ein Mann, der sich auf Wenders-Werkschau mit Verstrickung in die Verhältnisse begibt, a man out of time. Aber das war man ja eh schon immer, so what, mit der Geschichtslosigkeit der instagram-Generation wird das nur anders virulent. Den Boomern wird alles Mögliche vorgeworfen, aber den gigantischen Kulturverlust, den die Millennials zu verantworten haben, die (Kunst-)Geschichtsvergessenheit einerseits und die Bilderstürmerei im Namen einer neopuritanischen political correctness andererseits, werden Deine Alien-Anthropologen hoffentlich kopfschüttelnd nachvollziehen. Oder was immer die dann schütteln. :)
Aber natürlich sehen wir in „Der amerikanische Freund“ bei allem, was an diesem Film immer fasziniert und immer gegenwärtig ist dadurch, auch eine untergegangene Welt. Dennis Hopper tot, Bruno Ganz tot, Hamburg tot. Die ruschige Schönheit der 70er. Der SPEICHER AM FISCHMARKT, things I remember. Die Milchtüte auf dem Tisch, als Bruno Ganz nach Hause kommt, zurück von seinem Mord aus Paris. „Trink/Milch/frisch“ = Freitagabende, an denen man aus der Badewanne kam und Stan & Ollie-Filme im TV sah, präsentiert von Theo Lingen. Bruno Ganz in der U3, Landungsbrücken, er steigt Baumwall aus. Baumwall like I remember it. Einer der Bieter hält das Taschenbuch „Sie“ von Gabor von Vaszary hoch, ich erinnere die Coverzeichnung aus dem Bücherschrank meiner Eltern. Das Fischmarkt-Areal ist kaum wiederzuerkennen, das Haus, in dem Zimmermann lebt, steht allerdings noch. Auch das Haus, in dem er seine Rahmenwerkstatt hat. Weiß nicht, ob die Seitenstraße (Kleiner Pinnas), in die Hopper mit seinem weißen Ford Thunderbird einbiegt, als er Bruno Ganz dort zum ersten Mal aufsucht, so noch existiert. Gotta go there. Soon. And marvel.
Einer meiner liebsten Wenders-Momente überhaupt, kurz nachdem Dennis Hopper Bruno Ganz um den Hals gefallen ist, vor dem Krankenwagen, vermutlich am Drehbuch vorbei; wie er dann Lisa Kreuzer zu erklären versucht, wir müssen diese Geschichte zuendebringen, es gibt da zwei Leichen, Bruno Ganz am Rand der Zerrüttung goes „beepbeepmbeepbeep“ („Drive My Car“, Beatles) und Hopper sagt zu ihr, sie müsse den zweiten Wagen fahren, „I think he’s too exhausted to do it“, und sie schaut in den Wagen: Bruno Ganz, sein Lächeln, sein sure, baby-Augenzwinkern, einfach completely out of it, aber wer weiß, vielleicht auch hölderlinhintersinnig, es ist Bruno Ganz, so großartig, so *hilarious*, diese Momente zum Hintenüberfallen funktionieren bei Wenders besser als z.B. der intendierte Slapstick in diesem japanischen Kapselhotel in „Bis ans Ende der Welt“.
All diese sonderbaren bizarren bewegenden versponnenen Wenders-Momente. Der Mann, der im Cafe Abdallah seine Arzttasche öffnet und Jonathan ein Pflaster auf die Stirn klebt, zu Bauchtanzmusik aus dem TV. Die Szene, in der Bruno Ganz sich das Blattgold auf die Hand schweben läßt. Der Mann, der vor Jonathans Augen auf der Rolltreppe zusammenbricht, ohne weitere Erklärung. Samuel Fuller offenbar Pornofilmregisseur. :) Vor allem aber das fast beängstigende Charisma von Hopper & Ganz, die *chemistry* zwischen beiden.
Auch das Täuschende kann Wahrheit offenbaren. Beide, Ripley und Jonathan, haben Dinge getan, die vorher für sie undenkbar waren. „Well… we made it anyway, Jonathan. Be careful.“
29.07.2020
ray05:
Abschweifung: Vor einiger Zeit sah ich „Supermarkt“ (1974) von Roland Klick; wie „Der amerikanische Freund“ ein Film aus dieser Zeit, in dem Hamburg gleichfalls als gloomy city erscheint. Bei Klick ist diese Düsternis aber trist und desperat, weil Hamburg nicht als Tor zur Welt gezeigt wird, sondern als Außenposten des immernoch provinziellen Landes, das im Rücken dieser Stadt gewissermaßen ungut nach ihr ausgreift. Bei Wenders hingegen wird die Hamburger Düsternis als „marvellous“ erfahrbar, weil die Stadt in Beziehung zu anderen Weltstädten gesetzt wird (New York, Paris), also ein Schauplatz ist, der mit welthaltigen (erzählenswerten) Geschichten in Verbindung steht. Klick trennt Hamburg ab von der Welt, Wenders öffnet das berühmte „Tor zur Welt“ vier Jahre später wieder. – Wie auch immer, ich stelle mir vor: einen speziellen Reise- oder Kulturführer mit dem Titel „Hamburg, Gloomy City“, in dem genau beschrieben und nachgezeichnet wird, wie die Stadt als dezidiert ausgewählter Schauplatz für den Film (ja, auch für den Roman) funktioniert und in welchen Kontexten und unter welchen Umständen und in welcher Zeit. All die Hamburgweltbilder müssten mal in einem riesigen Brikett von Buch beschrieben und zueinander in Beziehung gesetzt werden. – Meine Imagination eines Werkes (1500 Seiten?), das ich gerne noch studieren würde. :)
31.07.2020
Christian Erdmann:
… hörte Bruno Ganz einmal im Hamburger Rathaus Hölderlin-Gedichte lesen, darum drängt sich mir diese Verbindung ohnehin auf, bin zwar nicht auf der Seite von Pierre Berteaux, der Hölderlins Wahnsinn als schauspielerische Schutzmaßnahme deutete, aber vielleicht war Hölderlin eben zugleich completely out of it und hatte doch irgendwas im Sinn. Jedenfalls ein Bruno Ganz-Moment, der in seiner Schönheit einfach aus dem Himmel seiner Ganz-heit fällt, Hopper und Ganz reichern den Film unentwegt mit ihrer unscripted reality an, auch ganz wunderbar in der Szene, als Hopper das Essen, das er Bruno Ganz in die Kälte bringen will, an den Gitterstäben direkt wieder runterfällt, die subtile und geniale Improvisationskunst bei beiden funktioniert, weil sie Wenders vertrauen und Wenders ihnen, und weil sie als Duo nach kurzer Phase völliger Asynchronität plötzlich vollgepumpt mit Zielwasser sind. :)
Brauche wieder 6 cm Platz im Regal, für die drei heute vom Postmann überbrachten DVDs, „Der amerikanische Freund“, „Paris, Texas“, „Bis ans Ende der Welt“, so schön gestaltet, und ich habe Audiokommentare von Wim Wenders und Dennis Hopper (!) vor mir, ich gebe zu, meine Werkschau tritt etwas auf der Stelle. :) Muß noch im Bann dieser 3 Filme bleiben, for a little while. 4 Wochen Freiheit vor mir, „Supermarkt“ treibe ich mir auf, von wegen „gritty“ (und „gloomy“): kürzlich sah ich meinerseits „Blutiger Freitag“ von Rolf Olsen mit Raimund Harmstorf, 1972, beinharter deutscher Sleaze, ein Muß. :) Trailer -> hier
Überlege, kurz nach Bad Oldesloe zu pilgern, am Grab vom Harmstorf zu stehen und zu sagen: glaube, ich kann den ganzen „Seewolf“ auswendig, thanks to you, Sir. :) Für 1500 Seiten „Hamburg, Gloomy City“ wäre ich natürlich der richtige Mann. Von der Seitenzahl her. :) Wunderbare Idee. Besitze übrigens ein Büchlein namens „Hamburg bei Nacht“, etwa so alt wie ich, hinübergerettet in mein Leben aus dem Schrank meiner Eltern, irgendein sleazy Privatverlag, und die gezeichneten Damen darin gehörten zu den ersten, die meine Phantasie erhitzten. :)
4.08.2020
Christian Erdmann:
Postscript zu „Der amerikanische Freund“: Du hast ins Schwarze getroffen mit der Betonung der besonderen Weise, in der die drei Städte miteinander in Verbindung stehen. Im Audiokommentar sagt Hopper: Hamburg, Paris, New York, „it all looked like one place“, das habe ihn fasziniert, und Wenders bestätigt genau das als seine Intention, die drei Städte sollten wie ein einziger Seelenzustand, ein einziger state of mind wirken. – Hopper: „I was a mess.“ Als er in Hamburg ankam, trug er noch seinen Apocalypse Now-Kampfanzug, die Kameras um den Hals baumelnd wie im Coppola-Film, und sie fuhren mit ihm direkt ins Tropenkrankenhaus. „Eines Morgens bin ich aufgewacht mit einem Lampenschirm über dem Kopf.“ Er war hypernervös in seiner allerersten Szene in Jonathans Laden, und Wenders gab ihm dieses Bild, und das veränderte die Szene.
Immer wieder: „Things were written as we were doing them.“ Hopper: das Geheimnis der Kreativität = learning to make the accident work for you. Vieles war Improvisation, aber es fühlte sich an wie ein Script. Bruno Ganz war in allem, was er tat, sehr genau. Meticulous & „so precise in everything“. Er hatte sich wochenlang bei einem echten Rahmenmacher vorbereitet. Hopper erfand die Dinge vor Ort, did things on the spot. Bin Dir unendlich dankbar für die Annoncierung der Wenders-Werkschau, fühlt sich an für mich wie der fehlende Schlußstein für die 111 :), absolut herzbewegend gerade nachzuvollziehen, welche Bewunderung Bruno Ganz und Dennis Hopper füreinander empfanden. Wenders sagt irgendwann zu Hopper: er wollte unbedingt mit dir arbeiten. „Bruno is so much in awe of you.“ Hopper: „In the same way I was in awe of him.“ Hopper war am Set, um zuzusehen, wie Bruno Ganz den Laden fegt, zu „Too Much On My Mind“. – „I will never forget the way he swept the room“, und überhaupt: „Unglaublich, was für ein Schauspieler.“ Die Szene mit dem Blattgold stand nicht im Drehbuch, ist durch den Ort, durch die Requisiten inspiriert, Brunos Idee. Hopper, als er die Polaroids von sich macht auf dem Billardtisch, weint tatsächlich.
Zunächst waren beide, weil sie so unterschiedlich vorgingen, voneinander irritiert, und zu dem legendären Faustkampf sagt Wenders: I had to stop shooting. Weil die beiden plötzlich auf dem Boden rumkrabbelten und sich schlugen. Er kann sich nur erinnern, daß sie irgendwie zusammen abgehauen sind. Und am nächsten Morgen kamen sie zurück – „and it was just paradise to work with both of them.“ Hopper: nach dem Boxscharmützel haben sie sich zusammen betrunken & „we passed out together arm in arm.“ Danach wollte Ganz nie mehr, wie es bis dahin seine Gewohnheit war, mit Wenders am Abend die Szenen des kommenden Drehtags besprechen, er sagte, das machen wir dann, wenn wir drehen. Dafür kam Hopper jetzt jeden Abend zu Wenders und wollte seinen Text haben und die Szene besprechen. :)
Der Laden, in dem Jonathan seine Werkstatt hat, gehörte damals einem Hutmacher, er taucht im Film auf, es ist der Mann, der im Zugabteil sitzt mit dem kleinen Hund. Der Bruno Ganz tatsächlich gebissen hat. :)
Patricia Highsmith war zunächst nicht begeistert von Dennis Hopper als Ripley, aber sie hat Wenders später einen Brief geschrieben: I must say my first impression was all wrong. Ich habe Ihnen Unrecht getan, Dennis caught the soul of Ripley. – Hopper hat den Krankenwagen so geliebt, daß er ihn am Ende der Dreharbeiten gekauft hat. (In die Luft gejagt haben sie – in St. Peter Ording :) – eine billige Reproduktion des Wagens). 10 Jahre später hat Wenders Hopper besucht, und er fuhr den Wagen immer noch mit dem Hamburger Nummernschild. :) – Bruno Ganz steuert den VW-Käfer tatsächlich selbst den Deich hoch (in der ersten Szene), „es war beängstigend, aber er war der Meinung, er könnte es.“
Am Ende erklärt Hopper, wie sehr er an „Der amerikanische Freund“ hing. Gehörte zu den Dingen, die er am liebsten gemacht hat im Leben, & „certainly one of the best films that I’ve ever been in.“ Er bewundert die „artistic integrity“ von Wenders, und er nennt „Der Himmel über Berlin“ „one of the greatest movies ever made in the history of motion pictures“. Gemacht, und das ist so wahr, zu der einzig möglichen Zeit, in der man ihn machen konnte.
05.08.2020
ray05:
Die winzige Blattgoldszene lässt mich in all den Tagen (Wochen?) auch nicht mehr wirklich los. Ja, sowas schreibt dir kein Drehbuchautor mal eben rein ins Skript, nichtmal einer wie zum Beispiel Sam Shepard; wie auch. Und wenn doch, dann würde wesentlich mehr Aufwand betrieben beim Mise en scène. :) – Dieses Finden-ohne-groß-zu-suchen, dieses heilig-zufällige Zustandebringen gelingt ja besonders den vifen Kindern und den sehr guten Schauspielern, wenn ihnen Zeit & Muße gelassen wird, einfach mal in einem „magisch-realistischen Raum“, wie es eine Werkstatt im schroffen Gegensatz zu einer Werkhalle ist, die vorgefundenen Dinge „Ding“ sein zu lassen. Kurz: Dinge muss man in bestmöglicher Selbstvergessenheit in die Hand nehmen. :) – Die Werkstattszenen hast Du ja dankenswerterweise weiter oben schon gewürdigt. Die Filmpublizistik würde generell einen Schritt weiter kommen, wenn Titel möglich wären wie: „Die Repräsentation des Handwerks bei Wim Wenders und Werner Herzog“, ich sage das ganz unironisch, handdrauf. :) – Die Blattgoldszene erinnert mich auch an etwas, das Miles Davis mal sagte über seine Musik. Sinngemäß: Die wirklich unsterblichen Sachen kommen nur zustande, wenn du den Leuten in der Band die Möglichkeit lässt, ihre ganz persönlichen tiny litte things einzubauen; später fragst du die Typen, hey, das ist phantastisch, wie bist du drauf gekommen, und sie antworten dann immer: es war einfach da in der Situation und ich musste es nur noch spielen.
Dennis caught the soul of Ripley: Gibt ja Leute, die behaupten, der Auteur sei der letzte, der irgendwas wüsste über die Figuren, die er erfindet. Bis dann Dennis Hopper eine dieser Figuren spielt. :) Spaß beiseite, Highsmith dürfte im Weiterverfolg ihrer Ripleyfigur durchaus klar geworden sein, dass der Amoralist (Immoralist) als performanter Daseinsbewältiger durchaus kein Un-Mensch ist, bloß weil er das Über-Ich leugnet und jede Goldene Regel für Kokolores erklärt. :) – Entdeckte, dass auch John Malkovich den Ripley von „Der amerikanische Freund“ spielte, und zwar in Liliana Cavanis „Il gioco di Ripley“ (2002). Liliana Cavani! Dem Streifen muss ich wohl unbedingt habhaft werden. Trotzdem gefragt: Kennst Du den, und wenn ja: taugt der was? :)
08.08.2020
Christian Erdmann:
„Il gioco di Ripley“ / Cavani: nein, den kenne ich nicht, B kennt ihn, und sie liebt John Malkovich, daher steht sie dem Film prinzipiell wohlwollend gegenüber. :) – Wenders selbst sagt ja, für ihn ist es schwer, einen „Bösen“ im Film zu zeigen, weil er mit Menschen arbeitet, für die er Sympathie empfindet. Nun ist Hoppers Ripley ja tatsächlich nicht eigentlich durch und durch „böse“, Du hast gerade perfekt paraphrasiert, was Hoppers Unberechenbarkeit aus der Ripley-Figur macht. In der Szene mit Lisa Kreuzer am Ende, als er ihr erklärt, was sie zuendebringenmüssen, „he was very tender“.
Wenders erklärt rundheraus, Hopper hat ihm gezeigt, wer Ripley ist. Das liebe ich übrigens auch an Wenders: er liebt es, zu rühmen. Er hat den ständigen Wunsch, auf die Größe anderer zu weisen. Was natürlich selbst Zeichen von Größe ist. – Alle Gangster im Film sind Regisseure. :)
Tom Ripley, der Cowboy in Hamburg, lebt in dieser Säulenvilla:
Elbchaussee 186 August 2020
(clic to enlarge)
Bruno Ganz und Dennis Hopper auf dem Areal der Säulenvilla, die um 1820 nach dem Vorbild eines Schlößchens auf der Krim errichtet wurde. Ripley erklärt Jonathan, er solle die Lage von dieser „strange construction, this underground space around the house“ (Wenders im Audiokommentar) aus beobachten, „I’m on the roof with the gun!“ Bei Nacht schleichen sie durch den Garten, um den Krankenwagen zu kapern, der auf der anderen Seite der Elbchaussee steht, mit Sam Fuller am Steuer.
Das Haus, in dem Jonathan Zimmermann seinen Laden für Bilderrahmen und Gemälde-Restaurierungen betreibt, Ripley auf der Treppe:
Das Haus heute: Lange Straße 22.
Die kleine Straße, in die Dennis Hopper als Ripley mit seinem weißen Ford Thunderbird einbiegt, gibt es nicht mehr.
Der dunkelgraue Altbau, der hier auf der linken Straßenseite im Vordergrund zu sehen ist, wurde abgerissen.
Im Film erkennbar ist das Straßenschild „Kleiner Pinnas“; die Straße führte zum Pinnasberg und in Richtung Elbe. Geblieben ist nur eine Tiefgarageneinfahrt und ein Durchgang zu einem größeren Hof-Areal.
Man kann aber noch genau dort stehen, wo Dennis Hopper steht auf dem Weg zu Bruno Ganz.
Die beiden Häuser am St. Pauli Fischmarkt, die zur Drehzeit dem Abriß geweiht schienen, Jonathan auf dem Balkon seiner Wohnung.
Vor Benedict Cumberbatch gab es Jeremy Brett: zwei beste Sherlock Holmes-Darsteller ever. Verbeugung vor Jeremy Brett durch Teilnehmer des SPIEGEL ONLINE-Forums „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“.
The Resident Patient
11/2009
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Ist zwar eigentlich TV, aber jemand war so charmant, mir die komplette erste Staffel der ITV-Granada-Serie mit Jeremy Brett als Sherlock Holmes zu leihen. Ist das ein Schatzkästchen. Ich wußte zwar, daß es diese Serie gab, habe aber nie eine Folge davon gesehen. Jeremy Brett ist der ultimative Holmes, wie ich jetzt weiß; ich kann die Serie nur jedem heiß empfehlen. In der Folge „The Resident Patient“ gibt es nicht nur die eleganteste Spurensuche, die jemals in einem englischen Zimmer stattgefunden hat – Bretts Körpersprache ist einzigartig, geradezu eine Choreographie -, sie findet auch, ich glaube drei Minuten lang, in völliger Stille statt. Und ich habe in diesen drei Minuten nicht einmal zu blinzeln gewagt.
The Dancing Men
Thr Priory School
The Solitary Cyclist
01/2010
Christian Erdmann:
Dann empfehle ich nochmal den ultimativen Holmes: Jeremy Brett. Der Kult um diesen Mann intensiviert sich scheinbar täglich, obwohl die Serie aus den 80ern stammt. Aber nachdem ich jetzt die ersten 25 Folgen der Serie gesehen habe, schließe ich mich dem Kult vorbehaltlos an. In Deutschland ist die Serie bislang kaum bekannt, die Synchronisation, soweit geschehen, stammte damals von der DEFA und ist erstklassig. Im Westen liefen nur einige Folgen versteckt im Dritten Programm. Die großartig ausgestatteten DVD-Sammlungen stammen von Koch Media. Die haben für die dritte Box, die gerade erschienen ist, tatsächlich neue Synchronfassungen erstellt für Folgen, die nie im deutschen Fernsehen liefen – ziemlich einmalig, glaube ich. Die Rezensionen bei Amazon für die erste Box lassen aber erkennen, daß nahezu jeder, der mal Jeremy Brett als Holmes gesehen hat, sich das Ticket für den Guy Ritchie-Holmes schon aus Loyalitätsgründen sparen wird.
The Greek Interpreter
christian simons:
Ich kenne diese Serie zwar leider nicht, aber ich habe Jeremy Brett einmal auf der Bühne erlebt, und zwar als… Überraschung… Dr. Watson.
Das war im Jahre 1980 im Los Angeles Music Center. Das Stück hieß „Sherlock Holmes and the Crucifer of Blood“, und meine Touristengruppe und ich waren deshalb scharf auf diese Veranstaltung, weil Charlton Heston den Holmes gab.
Jeremy Brett kannten wir damals noch nicht, aber ich kann mich erinnern, dass sein Understatement und seine trockene Art einen angenehmen Kontrast zu Charltons Theaterdonner lieferte.
Christian Erdmann:
Das ist ja interessant, ich wußte nicht, daß Jeremy Brett auch mal Watson gespielt hat! Er hatte Skrupel, die Holmes-Rolle zu übernehmen, weil er ahnte, daß dieser exzentrische Charakter seinem eigenen Leiden – manic depression – nicht guttun würde. Und als Holmes ist er dann beunruhigend definitiv und definitiv beunruhigend. Rathbone schön und gut, aber blaß gegen diesen phänomenalen Mann, der sein Leben Sherlock widmete, nachdem seine Frau viel zu früh starb.
Seine Wechsel von holmesesquer Trance zu nervöser motorischer Energie & the other way round, einzigartig. Brett sagte, wichtig sei ihm auch gewesen, bei diesem brillanten, komplexen, exzentrischen und letztlich isolierten Mann, der in seinem Gehirn lebt und den nur Watson und die Fälle, die er zu lösen hat, mit der Welt verbinden, das Aufblitzen von Menschlichkeit zu zeigen. Und das sind in der Tat atemberaubende Momente dann.
The Crooked Man
oliver twist aka maga:
… aber das „Koksen“ trifft es schon fast gut. Auch wenn es bei Holmes altmodisches Opium war. :-)
Christian Erdmann:
„Was ist es heute, Kokain oder Morphium?“ Die klassische Frage von Watson an Holmes. In der Serie mit Jeremy Brett ist die Spritze in diversen Szenen prominent. Opiumgenuß kommt nur in der Folge „The Man with the Twisted Lip“ vor, wo Holmes sich verkleidet in eine Opiumhöhle einschleicht. Möglicherweise wurde Morphium teilweise als Mittel eingesetzt, um Opiumsucht zu bekämpfen, weiß ich nicht, paßt aber nicht zu Holmes, der konsumiert o.g. Drogen nur, wenn sein brillanter Intellekt brachliegen muß.
The Naval Treaty
Kryoniker:
Für mich gehören zu Sherlock Holmes Nebel in London, eine schicke Mordserie, Tweed-Anzüge, Kaffee (oder Opium) am Kaminfeuer, ein stets schusseliger Watson und ein kühl kalkulierender Holmes, der so brillant ist, daß er sogar als Externer von Scotland Yard (denn Scotland Yard haßt eigentlich Privatdetektive) angerufen wird, um Licht ins Dunkel zu bringen. :)
Christian Erdmann:
Die Ausstattung und die cinematogrophy der Granada ITV-Serie (also Jeremy Brett als Holmes) würden Dich entzücken. Das Ganze hat eine stille Intensität, die dann immer in atemberaubende kleine Eruptionen umschlägt. All diese grandios bizarren, liebenswerten Charaktere in den verschiedenen Folgen von erstklassigen Schauspielern zu Leben erweckt. Und ja, auch sehr viel Nebel und Dunkelheit. Außenaufnahmen vom feinsten, nie in strahlenden Sonnenschein geschönt oder mit Filtern realistischer Atmosphäre beraubt. Interieurs mit soviel Sorgfalt und Liebe zum Detail gestaltet… oder vorgefunden.
Eine Reihe von andernorts liebgewonnenen Schauspielern taucht auch noch auf, etwa Natasha Richardson in ihrer – glaube ich – ersten Rolle, kurz vor ihrem Auftritt in Ken Russells „Gothic“. Eine Reihe von Hammer-Horror-Ikonen, so Eric Porter (aus „Hands of the Ripper“) als Professor Moriarty, der „Napoleon des Verbrechens“ – großartig -, oder Damien Thomas (aus „Twins of Evil“); in der „Abbey Grange“-Folge dann die wunderbare Anne Louise Lambert in der dritten mir überhaupt bekannten Rolle, nach Miranda in „Picknick am Valentinstag“ und Mrs. Talmann in Greenaways „Kontrakt des Zeichners“.
Mit Watsons Schusseligkeit ist das so eine Sache, die stammt aus der Rathbone-Zeit, aber man hat zurecht gefragt, ob Holmes sich mit so einem Trottel abgegeben hätte? In der Serie gibt es zwei Watsons, zunächst David Burke, der es ganz wunderbar vermag, auf seinem Gesicht Unverständnis sich abzeichnen zu lassen, wenn er Holmes‘ Manövern in Anwesenheit Dritter für einen Moment nicht folgen kann, und das dann, wenn er versteht, übergeht in die Zufriedenheit darüber, daß er seine Bewunderung für Holmes wieder genießen kann. Ab Folge 14, The Empty House, erscheint Edward Hardwicke als Watson, vergleichsweise gloomy. Beide aber keine Trottel, sondern ernsthafte, gewissenhafte Männer, nur eben weit diesseits Holmes’scher Brillanz.
The Abbey Grange
02/2010
Haio Forler:
Aljoscha, wie hieß nochmal die von Dir bevorzugte Serie über Sherlock Holmes?
Kryoniker:
Ich bin zwar nicht Aljoscha, aber er meint die Reihe mit Jeremy Brett.
Haio Forler:
Ja, der war’s, danke. Jetzt schau ich da doch mal rein.
bicyclerepairmen:
Klasse Schauspieler, leider zu früh verstorben.
Christian Erdmann:
Der junge Jeremy Brett führt als Nikolai in „War and Peace“ Audrey Hepburn die Treppe hoch zu ihrem ersten Ball. Wo sie ja wirklich umwerfend bezaubernd ist.
The Second Stain
Siebziger:
Großen Dank an Aljoscha und Ray für den Hinweis auf die „Sherlock Holmes“-Reihe mit Jeremy Brett! Das ist doch endlich mal wieder Fernsehen, wie es sein sollte — eben großes Kino im TV-Format. Die erste Staffel habe ich jetzt durch, die restlichen DVDs sind bestellt.
BerSie:
Vor 10 min. habe ich mir die erste Holmes-Staffel geholt! Ich will Holmesianer werden und bitte während meiner Lehrzeit um Nachsicht. ;) 664 min. für 19.99 €! Kann man ja nicht so viel falsch gemacht haben! ;)
Seltsamerweise sind die vier DVDs nicht nummeriert!? Im Begleitmaterial erscheint „Die einsame Radfahrerin“ als erste Episode; die ist auf der DVD aber erst an vierter Stelle!? Und die zweite im Begleittext „Das gefleckte Band“ ist auf einer anderen DVD?? Reihenfolge des Schauens egal?
Christian Erdmann:
An sich schon, solange Du mit der Liga der Rothaarigen und „Sein letzter Fall“ aufhörst.
Haio Forler:
Ich will den eigentlich auch haben, *ggrrr* ;)
AndersSehend:
Ja, so langsam und sehr sicher wächst auch mein Appetit auf diese Sherlock-Holmes-Instanz.
Aljoscha, kannst Du mal ein Auge darauf werfen, ob das wirklich alle Staffeln sind?
ekdotin:
Das ist ja wirklich ziemlich unübersichtlich, was Koch Media da auf den deutschen Markt geworfen hat. Ich glaube, AndersSehend liegt da schon ganz richtig, nur hat man mit der UK-Version nicht die sehr hörenswerte Deutschspur. Ich weiß nicht, wer Jeremy Brett synchronisiert hat, aber er hat das Original noch übertroffen! Glückwunsch!
Christian Erdmann:
Originalfassung ist natürlich unerläßlich und unersetzlich, tatsächlich ist aber die deutsche Synchronfassung wirklich großartig – abgesehen davon, daß einige Szenen, die mit Holmes‘ Morphium-/Kokainkonsum zu tun haben, damals rausgeschnitten wurden (nur kurze Sequenzen aber, die jetzt in der deutschen Fassung als englische Originalszenen mit Untertiteln erscheinen); ein paar Szenen, bei denen die Synchronfassung doch die eine oder andere semantische Verschiebung vornimmt, habe ich auch schon gefunden, aber das ist alles eher marginal. Entscheidend ist, daß das Timbre der Synchronsprecher die Darsteller wirklich trifft, auch hinsichtlich der Nebenrollen von ausgesuchter Sorgfalt. Die ursprüngliche Synchronfassung geht allerdings nur bis „The Six Napoleons“ auf der DVD-Box 2 von Koch Media; von „The Devil’s Foot“ bis „The Bruce Partington Plans“ auf DVD-Box 2 existieren nur die Originalfassungen, also für 4 Folgen der Serie.
Ich erwähnte ja schon, daß die Synchronfassung durch die DEFA vorgenommen wurde. Auf den ersten beiden DVD-Sammlungen gibt es insgesamt drei Synchronsprecher für Holmes. Sie sind alle gut, mein Favorit ist aber Arno Wyzniewski.
Er spricht Holmes in der ersten Staffel (nach Koch Media-Zählung) von Folge 8-13 und taucht auch in der zweiten Staffel wieder auf. Wen’s interessiert, das ist in diesem Trailer hier der junge Mann im Hintergrund zwischen 0:25 und 0:38.
Die anderen Holmes-Sprecher wurden 2006 im Synchron-Forum als Franz Viehmann und Peter Hladik identifiziert.
ekdotin:
Aljoscha: informativ wie häufig. Bitte mehr von solchen erstklassigen Beiträgen! Dann macht es auch wirklich Spaß, hier zu sein.
Haio Forler:
Danke. Ähem, wie heißt Watson eigentlich mit Vornamen?
ekdotin:
Nun ja, man lernt ja immerhin, daß es auch im viktorianischen London schon Männer-WGs gab. Die Beziehung zwischen Holmes und Watson ist natürlich asexuell und rein platonischer Natur, aber Watson, ein Armeedoktor, wird immer nur mit „Dr. Watson, mein bester Freund und Gefährte“ angesprochen. Den Vornamen verschweigt des Autors Höflichkeit.
Christian Erdmann:
John. Ein einziges Mal kommt Watsons Vorname aus Holmes‘ Mund, in einer Szene in „The Devil’s Foot“, und ich denke, wer sich bis dahin vorarbeitet, wird mir zustimmen, daß dies einer der aufwühlendsten Momente der Serie überhaupt ist. „The Devil’s Foot“ ist die erste Folge, die nach Jeremy Bretts erstem schweren Zusammenbruch entstand, und es ist geradezu erschütternd, wie das in der Serie eine Parallele findet. Seine physische Veränderung, die Augenringe, die Wirkungen des Lithiums vielleicht schon, der seltsame Haarschnitt, mit dem er zurückkam: man sieht ihn an diesem Punkt bereits, wie man sich um einen nahen Verwandten sorgt. Ich sage mal, ohne zu spoilern, daß Holmes‘ einmaliges „John!“ einem wirklich Schauer über den Rücken jagt.
ekdotin:
Das ist für mich eh das Phantastische, das Unglaubliche: Wie sehr Jeremy sich mit dieser Rolle identifiziert hat. Vielleicht war sie fast schon zu viel für ihn. Wie Michael Cox, der Produzent, geschrieben hat, hat er in Hollywood direkt unter dem großen W gelebt, und er kam zurück nach London, um sich an Holmes abzuarbeiten. Die Nachwelt dankt es ihm!
Christian Erdmann:
Eggsackt. Dieses intensive und vollkommene Verschmelzen von Bretts Persönlichkeit mit dem Charakter Sherlock Holmes gehört zu dem, was die Serie so einzigartig macht. Brett hatte es sich nach eigener Aussage zur Aufgabe gemacht, die „Risse im Marmor“ zu zeigen, das Innenleben dieses Charakters unter der überlegenen Arroganz, der Brillanz, der aus messerscharfer Analytik geborenen Intoleranz zu zeigen. Die Natur der psychischen Probleme, mit denen Jeremy selbst kämpfte, war derart, daß nichts Vergleichbares mehr an Mimik, Gestik, Bewegungen denkbar ist, um Holmes‘ mood swings darzustellen; aber der Preis für diese Identifikation war hoch.
Tatsächlich sind es diese „Risse im Marmor“-Momente, die einem besonders unter die Haut gehen, und im Grunde schafft es Brett, zu zeigen, daß Holmes kein Fall für den Club der clubunfähigsten Männer Londons wäre, der konsequente Misanthropie zur Bedingung für die Mitgliedschaft macht – nein, er ist eine Art von Menschenfreund, nur eben der versteckteste von allen. Er ist unter seinem Outsiderstolz empfänglich für Anerkennung, ja er braucht sie, nur eben nicht die von Narren. Die Parameter für seinen „Erfolg“ steckt er selbst. Aber wie z.B. auf Bretts Gesicht Ungeduld umschlägt in die spontane Bereitschaft zu helfen, das sind immer sehr faszinierende Momente.
The Final Problem
Haio Forler:
Aljoscha, da hast Du uns was angetan. Ich hab nun die komplette Sherlock-Holmes-Reihe hier stehen für schlappe 37 Euro. Alle 5 Staffeln. Jetzt muß man nur noch Zeit haben.
Christian Erdmann:
Wohlgetan, wohlgetan! Sagtest Du nicht mal, Beethoven wird überschätzt? :) Sehr schön in „The Resident Patient“, wie Bretts Tonfall geradezu „weiblich“ wirkt bei „My eyes were closed because I was trying to recall as vividly as I could the concert that we attended last night“ (Beethoven, Violinkonzert) und dann, zack, das Analyse-Fallbeil, der Selbsttadel des Unbestechlichen: „That was because I made a slight error in my recollection“.
Watson bei Doyle: „Von Liebe und Leidenschaft sprach er immer nur in abschätzigem, verächtlichem Ton. Sie waren ausgesprochen nützlich für den Beobachter – hervorragend geeignet, um Motive und Taten der Menschen ans Tageslicht zu bringen. Aber für einen geschulten Denker wie Holmes bedeutet das Eindringen von Gefühlen in sein eigenes kompliziertes, letztendlich hochempfindliches Wesen einen Störfaktor, der möglicherweise Zweifel an seinen logischen Schlüssen aufkommen lassen könnte. Für ihn wäre ein starkes Gefühl genauso irritierend wie Sand in einem empfindlichen Instrument …“
Aber all das ist nicht so eindeutig. Mycroft irgendwann zu seinem Bruder: Du hältst nach wie vor nicht viel von der Seele der Frauen, was. Aber da ist Irene Adler, die Holmes wahrscheinlich mehr als nur bewundert, da sind einige andere Szenen, in denen sich auf Jeremy Bretts Gesicht offensichtlich ganz bestimmte, dennoch undurchschaubare Empathie- und Sympathie-Sturzbäche abzeichnen, natürlich nur in minimalsten Regungen… und da ist diese Fähigkeit zur Hingabe an die Musik. „Kompliziertes, hochempfindliches Wesen“ – irgendwo beklagt er sich: The motives of women – so inscrutable. How can you build on such quicksand? Their most trivial actions may mean volumes, und das extraordinärste Verhalten kann mit einer Haarnadel zu tun haben. Aber in der Beziehung zu Watson ist er irgendwie auch selbst der unberechenbare, „weibliche“ Part. Die Art, auf der Suche nach einem Dokument in Sekundenschnelle ein ganzes Zimmer mit Papieren zuzuschütten, das wäre als komplett irrationaler Bewegungssturm zu Freuds Zeiten als weibliche Hysterie gedeutet worden. :)
Doyle schuf zwar diesen Hyperanalytiker, hatte aber selbst einen Hang zum „Übernatürlichen“, was sich ja u.a. darin ausdrückte, daß er für den „Spirit Photographer“ William Hope in die Bresche sprang. Wir alle sind komplizierte, hochempfindliche, undurchschaubare Wesen. :)
The Six Napoleons
BerSie:
In vielen Folgen hat Holmes nie Hunger und Watson ständig, was natürlich auf gewohnheitsmäßigen Kokainkonsum hindeuten kann. ;)
„Der blaue Karfunkel“ ist eine wirklich wunderbare Weihnachtsgeschichte und damit sie eine wird, hat man die Filmhandlung – vom Original – ein paar Tage vorverlegt… wie man in den Produktionsnotizen von Cox schön nachlesen kann!
Völlig unblutig und mit Weihnachtsamnestie – und die Frage, wie Holmes das Auffinden des Edelsteins erklären will, bleibt sein Geheimnis und wäre eine weitere Geschichte wert gewesen. ;)
Aber ich will nicht zu viel verraten und bin froh, dass ich die Geschichten, die ich vor vielleicht 30 Jahren las, nicht mehr detailliert in Erinnerung habe.
Der beste Schurke (bin jetzt bei Season 2 Folge 1) ist wohl der beängstigend intensive Jeremy Kemp als Dr. Grimesby Roylott in „Das gefleckte Band“; und die ergreifendste Geschichte ist vielleicht „Der verkrüppelte Mann“. „Ein Skandal in Böhmen“ ist die bisher schwächste, was aber meiner mangelhaften Empathie für den europäischen Hochadel geschuldet sein kann…
Christian Erdmann:
In vielen Folgen hat Holmes nie Hunger und Watson ständig, was natürlich auf gewohnheitsmäßigen Kokainkonsum hindeuten kann. :)
Holmes kann zwar „Erstmal frühstücken, mein guter Watson, bedenken Sie bitte, ich habe 30 Meilen Landluft durchwandert!“ postulieren, aber im Grunde nimmt er so gut wie nie etwas zu sich. Sie lassen sogar das gute Bier stehen in „The Blue Carbuncle“, auf das sich Watson so pragmatisch freut (David Burke ist immer ganz groß in diesen kleinen Dingen, eigentlich macht er sehr viel mehr aus seiner Rolle als Edward Hardwicke später), weil Holmes ihn mit „Vorwärts, Watson, los, Marsch!“ wegreißt. :)
Meine Suchtphase habe ich gerade hinter mir, und es wurde klar, je öfter man die Folgen sieht, um so mehr erübrigt sich die Rede von „Lieblingsfolgen“ – „The Blue Carbuncle“ war aber tatsächlich der Punkt, wo ich mir eingestand, daß die Serie süchtig macht. Nächste Weihnachten hole ich mir auch eine Weihnachtsgans aus dem Alpha Inn, neben dem nachts diese rothaarige Schönheit steht, und lasse mich in eine haarsträubend bizarre Geschichte verwickeln. – Sehr schön in „Der blaue Karfunkel“ auch die Deutung des Huts – und das Ende, ja. Zuerst scheint Brett / Holmes so unduldsam gegen die Kläglichkeit, aber dann sein „Gehen Sie!“, seelenrettend.
(Lieblingsfolgen, trotzdem: „The Speckled Band“, „The Blue Carbuncle“, „The Abbey Grange“ (Anne Louise Lambert!), „The Dancing Men“, „The Resident Patient“.)
Der beste Schurke … ist wohl der beängstigend intensive Jeremy Kemp als Dr. Grimesby Roylott in „Das gefleckte Band“; und die ergreifendste Geschichte ist vielleicht „Der verkrüppelte Mann“. „Ein Skandal in Böhmen“ ist die bisher schwächste, was aber meiner mangelhaften Empathie für den europäischen Hochadel geschuldet sein kann…
„A Scandal in Bohemia“ wurde beim zweiten Sehen gleich viel grandioser, muß aber auch sagen, als erste Folge der DVDs ist sie etwas unglücklich.
Joss Ackland als Mr. Rucastle in „The Copper Beeches“ („Ein verflucht extremer Charakter, der Küster“) müßtest Du dann ja auch schon gesehen haben, ebenfalls ein Ereignis. Die Exzentrik dieser Schurken ist fabelhaft dargestellt, ziemlich gaga wird es in „The Greek Interpreter“. Dort taucht ja auch Mycroft auf, Sherlocks Bruder, der Darsteller Charles Gray ebenfalls ein alter Haudegen, hat wahrscheinlich in allen Verfilmungen von Shakespeare-Stücken mal mitgewirkt, gleichzeitig aber auch, was bei den Engländern ja nie ein Widerspruch ist, in dem Hammer Horror-Film „The Devil Rides Out“, der mich mal sehr beeindruckt hat – außerdem war er „The Criminologist“ in der „Rocky Horror Picture Show“. :)
Eins der Highlights, finde ich, in der unfaßbaren, besessenen Präzision von Bretts Gestik und Mimik sind seine ersten Minuten bei Major Murphy in „The Crooked Man“. Was er da sagt und offenbart ohne ein Wort über seine Einstellung zum Militär, grandios.
The Blue Carbuncle
AndersSehend:
„… and sought refuge in the sanity [ausgerechnet! :-)] of the barber shop“, „Nevertheless, there is an element of truth in what you say — huhuheheuum…“ Herrlich, diese Risse in der Murmel und die Sprünge in der Schüssel, als die solcherlei Äußerungen in der Art und Weise, wie sie vorgebracht werden, häufig primär gedeutet werden. Und Holmes „verwüstet“ tatsächlich ein ganzes Zimmer auf der Suche nach einem Beweis für… , nachdem Mrs. Hudson ihren Frühjahrsputz mehr oder weniger bereits abgeschlossen hatte? Sehr schön :-)
Christian Erdmann:
Schwer zu sagen, was ergetzlicher ist in der Barbershop-Szene, Holmes‘ huhuheheuum oder sein what the fuck-Blick danach. :)
AndersSehend:
Der ganze vorherige Austausch inkl. der Lacherei, vor allem Watsons, deutet darauf hin, dass Watson trotz Holmes‘ wunderbaren Nebelkerzen mit seiner Analyse den Nagel auf den Kopf getroffen hat, ohne freilich, dass Holmes das komplett realisiert oder realisieren möchte. :)
ekdotin:
Ja, je mehr man über diese Serie nachdenkt, desto besser wird sie. Gerade „A Scandal in Bohemia“ gefiel mir, weil die Holmes-Visagisten es wirklich geschafft haben, ihn, Holmes, bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen, als er sich als Pferdekutscher ausgab … Ich habe Brett selbst nicht auf den ersten Blick erkannt.
Christian Erdmann:
Sagte ich schon, daß in der Holmes-Folge „Wisteria Lodge“ Freddie Jones als Inspector Baynes ganz enorm den Freddie Jones gibt? Jones war der skrupellose, schmierige Bytes, auf der „Monstrositätenschau“ der „Besitzer“ von John Merrick, in Lynchs „The Elephant Man“. Ja, ich glaube, ich sagte es schon. :)
The Norwood Builder
03/2010
BerSie:
Den Oscar für die beste Nebenrolle in den ersten beiden Sherlock-Holmes-Staffeln kriegt von mir Freddie Jones als kauzig-raffinierter Inspector Baynes in Wisteria Lodge!
Christian Erdmann:
Dürfte ja schon deutlich gemacht haben, daß ich mit dieser Wahl der Academy sehr gut leben kann. :) Wunderbar in seiner blauäugigen Beflissenheit auch Roger Hammond als Jabez Wilson in „The Red-Headed League“. Wo der auch überall auftaucht: – zum Beispiel als Jonathan Swift in Sally Potters phantastischem „Orlando“ mit der göttlichen Tilda Swinton.
The Copper Beeches
05/2010
Haio Forler:
Die Sherlock-Holmes-Folgen machen süchtig.
Kryoniker:
Nicht wahr? :) Ich hab sie aber zu schnell hintereinander weggeguckt — am Ende hab ich die Fälle alle innerlich durcheinandergebracht. :)
wildbrando:
Die mit Jeremy Brett??
BerSie:
Na klar, der einzig wahre! Aljoscha hat die „Droge“ hier verteilt! :-)
wildbrando:
Versteh ich völlig. Einmal damit angefangen, konnte ich auch nicht mehr aufhören, die zu gucken. Wenn Holmes, dann bitte so…
Kryoniker:
Da hat er wirklich ’ne Lawine losgetreten, der Aljoscha.
valasthor:
Wahrscheinlich habt Ihr Recht und Jeremy Brett ist der beste Darsteller.
Das heisst natürlich nicht, dass die anderen schlecht sind. Sie sind nur nicht so britisch wie Brett und kommen nicht ganz an seine Spielweise heran.
The Speckled Band
06/2010
Haio Forler:
Ich finde, daß Brett das Flair der Erzählungen phantastisch rüberbringt.
Schon in den Büchern merkt der Leser, daß Sherlock doch immer ein wenig belehrend, überheblich, snobistisch herüberkommt, aber alles gerade so an der Grenze.
Und das vermisse ich halt ein wenig bei dem zu „amerikanischen“ Holmes. Der echte Holmes ist halt kein Kumpel, sondern ein Einzelgänger; er ist keiner, der primär den Verbrecher fangen will, sondern er will primär ein Rätsel lösen, weil er – auf eine gewisse Art und Weise – in Verachtung seiner Mitmenschen ein Ästhet ist, dem es um die Logik als solche geht.
Sein Manko, wenn es denn eines ist, daß er kaum bis keine Beziehung zu seiner Umwelt, zu seinen Mitmenschen aufbaut, ist zugleich einer seiner größten Vorteile: er kann Problemstellungen losgelöst von Emotionalität und Befangenheit betrachten; dadurch sieht er das Problem in kristalliner Form vor sich. Sicherlich bezieht er auch psychologische Aspekte der Handelnden mit ein, aber er wird nicht Opfer von Fehlschlüssen aufgrund von Gefühlen.
Es gibt einen bestimmten Gesichtsausdruck bei Brett, der dies phantastisch darstellt ;))
Aljoscha würde mir in diesem Punkt eventuell zustimmen.
Christian Erdmann:
Der Moment, in dem er das Problem in kristalliner Form vor sich sieht? :)
Ästhet, arrogant, nicht im mindesten vom Gedanken an Bestrafung inspiriert, eine Maschine, die sich im Leerlauf selbst in Stücke reißt (wie er in „The Devil’s Foot“ sagt), die überlegene Denkmaschine, alles richtig, aber auch die Art, wie sich Emotionen unter der scharfintellektuellen Oberfläche auf Jeremy Bretts Gesicht abzeichnen, fasziniert mich über die Maßen: etwa, wenn am Ende von „The Six Napoleons“ Lestrade sagt, jeder bei Scotland Yard wird stolz sein, ihm die Hand zu geben – oder als Lady Brackenstall ihn am Ende von „Abbey Grange“ umarmt, things like that.
Die auf diesem Gesicht stets präsente dunkle Seite dieses Charakters, aber auch das Durchglühen von Wärme. Schon richtig, die Lebensgeister kehren nur so zurück: „Deduce, Watson, come… deduce!“ (auch „The Devil’s Foot“) – wie sich das doch auf seduce reimt.
Bretts Verlangen und seine Intelligenz darin, diesen Charakter so präzise wie nur möglich darzustellen, scheint tatsächlich manchmal so weit zu gehen, daß er Herr über ein Funkeln im Auge ist, das genau den Moment markiert, an dem er die „wissenschaftliche“ Herausforderung eines Falles erkennt.
Als „Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft“ gehört Jeremy Bretts Darstellung des Sherlock Holmes eigentlich ins UNESCO-Welterbe. :)
Haio Forler:
Es gibt einen Gesichtsausdruck bei Brett, der all dies am besten zeigt: wenn er den Mund verzieht und die Luft durch die Nase nimmt. Das ist, als rieche er nun die Lösung, die nur einem Genie vorbehalten ist. :)
Ja zu allem, natürlich! Ein Schatz, immer, diese Serie. ♥ Ein Schatz auch diese Konversation auf SpOn. Schön, sie wieder zu lesen, Dear, at the end of 2014.
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Auch wenn es mittlerweile zwei ultimative Sherlocks gibt. :) – „Jemand war so charmant“ bedeutet natürlich: Catherine auf ewig sicher vor der Karmapolizei. :)
Monika Cate:
Ohja! Zu beidem without any reservation!
Catherine:
Das Auffinden und Aufdrängen von Sherlock gilt als Sicherung vor der Karmapolizei? :) Freue mich auch sehr über die obige Konversation und die generierten Sherlockjunkies. :)
„Dieser ‚gesunde Menschenverstand‘ macht mich rasend.“ (Nagisa Oshima, Die Ahnung der Freiheit)
Sequenzen aus dem Forum „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“ auf SPIEGEL ONLINE. (Keine Lieblingsfilme, aber bedingungslos großes Kino).
Babel / Sanjuro
Juli 2010
ray05:
In Babel [2006] von Alejandro González Iñárritu, den ich mir gestern abend im WDR-TV ansah, wird die These durchdekliniert, dass es kein „globales Dorf“ geben kann, das auf „Kommunikation“ aufgebaut ist, weder Face-to-Face noch hochtechnisiert vermittelt, sondern nur eins, das die monadischen Individuen in einer Art „Umarmung im Schmerz“ existenziell verbindet. Nicht mal der Vorteil einer gemeinsamen Sprache und schon gar nicht die Tatsache, dass wir heute in Quasi-Echtzeit zwischen Hamburg und München oder zwischen Tokio und LA kommunizieren täuscht darüber hinweg, sagt der Film, dass wir im Grunde immer noch die gleichen armen Teufel sind wie zu Kain & Abels und Hiobs Zeiten. Auf uns selbst zurückgeworfen und existenziell verlassen. :) Ein Verstehen des Anderen gibt es nur in der gemeinsamen Erfahrung der Not und des damit verbundenen Schmerzes, sagt der Film, der Rest ist Illusion.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Ja, so sagt der Film vielleicht. Vielleicht sagt er aber auch nur, daß alles, was uns auseinanderbringt, die Vorstellungen sind, die wir voneinander haben und übereinander hegen, Images, die so gut wie immer falsch sind und eine endlose Kette von Mißverständnissen produzieren.
Andererseits sagt der Film aber auch ganz nach Zizek und Erdmann *g* : alles mit allem verbinden, weil alles mit allem verbunden ist.
Wer nach diesem Film Brad Pitt als „primär Schönling, als Schauspieler nicht der Rede wert“ qualifiziert, redet einfach Brölk. Kein Film, der mein „Lieblingsfilm“ werden könnte. Aber einer, der einem elend unter die Haut geht, Szene für Szene. Weil er im Zeigen der Distanz zwischen den Menschen eine Nähe zu ihnen herstellt, die ihresgleichen sucht. Fühlst Du Dich nicht, als hättest Du Cate Blanchetts blut- und dreckverklebtes Haar berührt?
Poppins, Mary:
Die Szene, wo Brad Pitt am Ende, als sie gerettet werden, seinen Gastgebern und Helfern dankend Geld zustecken will und der Mann abwinkt, es nicht annimmt, hat mich sehr gerührt: denn wenn wir alle auf das Allzumenschliche zurückgeworfen werden, dann zeigt sich wahre menschliche Größe, ich glaube Schiller würde sagen: In der Not allein bewährt sich der Adel großer Seelen.
Sonst kann ich nur Aljoscha zustimmen (schön, „Sie“ wieder zu lesen). Liebe Grüße
chevy57:
„Alles mit allem verbinden, weil alles mit allem verbunden ist“ – Hat die Kanzlerin nicht neulich etwas ganz Ähnliches verlauten lassen? Euer Einfluss auf die Realpolitik scheint doch intensiver zu sein, als ich vermutet hätte. ;)
Christian Erdmann:
Keine Ahnung, ich höre grundsätzlich nie auf irgendwas, das die Kanzlerin verlauten läßt. Zeitverschwendung, man lebt schließlich nicht ewig. Kürzlich „Sanjuro“ von Kurosawa gesehen. Aus der Serie
Ebenso epochal betont der Film auch Nylonstrümpfe als unverzichtbar. In einer ähnlich berühmten Szene dieser phantastisch photographierten Schwarzweißperle galt es, eine einzelne Blüte in einem strömenden Flüßchen zu filmen. Um die zu dirigieren, überlegte man, sie an Klavierdraht zu befestigen, aber die Gefahr bestand, daß das Licht auf dem Draht reflektiert. Eine Kostümdesignerin am Set kam dann auf die Idee, einen Nylonstrumpf zu opfern, um die Blüte am festen, im Film aber nicht sichtbaren Nylonfaden zu befestigen. Es funktionierte, und Kurosawa fühlte ein unbeschreibliches Glück darob. Zen.
Sonst kann ich nur Aljoscha zustimmen (schön, „Sie“ wieder zu lesen). Liebe Grüße
Eh, arigato :)
Streng geheimer Geheimdienst-Scheiss
Oktober 2008
BerSie:
Es gibt einen Faden, der viele Coen-Filme verbindet. Ein „Durchschnittsbürger“ wird durch eine moralisch fragwürdige, aber günstige Gelegenheit zu Geld zu kommen dazu verleitet, diese Chance zu ergreifen. Diese Entscheidung führt ins Verderben.
Hat jemand schon „Burn After Reading“ gesehen?
Christian Erdmann:
Ja, und ich würde sagen, ein anderer „Faden“ ist, daß Beknacktheit einfach nicht stillhalten kann.
Klasse Film darüber, wie ständig Bedeutungen produziert werden, die dann, wegen gleichzeitiger randomness der Dusseligkeit, zielsicher aneinander vorbei jagen.
Sehr schön auch, wie vier Ikonen selbstironisch bestimmte *images* bis zur Farce überhöhen, George Clooney den konfusen womanizer, Brad Pitt den Body mit Hohlkopf, John Malkovich den verbissenen Choleriker, Tilda Swinton the icy bitch. Krönung allerdings das Gesicht des CIA-Abteilungsleiters – „Repeat back to me when… it makes sense.“ Irgendwann dachte ich an den Satz, den mal jemand über Computer sagte: strohdumm, das aber mit rasender Geschwindigkeit. Ein etwas distanzierterer Blick auf die Comédie humaine als sonst, ähnlich wie eins der Mädchen, die in Peter Weirs „Picnic at Hanging Rock“ den Felsen hochklettern: „Was treiben die Leute da unten eigentlich? Wie ein Haufen Ameisen.“ Nur, daß die Ameisen nicht immer das Problem haben, an ihren eigenen Mißinterpretationskünsten zu scheitern, fragt sich noch, wessen Gewimmel letztlich strukturierter ist.
Fellini / Capucine
Februar 2007
schnuppe:
Ich glaube, das ist das Ursprungsmilieu von Fellinis Filmen. Der Vaudeville. Obwohl La Strada vielleicht noch anders ist als die späteren Fellini-Filme. Irgendwie mehr noch italienischer, wie hieß das noch gleich? Neorealismus? Ich glaube ja. Eine richtige Erzählung von Anfang bis Ende.
Ich glaube, dass Fellini sich von den Clowns, dem Zirkus ableitet. So ein kreativer, verrückter Reigen, aus dem spontane Situationen entstehen, die visuell einfach hyperbeeindruckend sind. Hauptsache bunt, verrückt, schräg. Das Spiel und die Illusion sind ganz oft Thema, der Traum vs. Realität (die aber auch nur Schaum). Und sein Witz ist unglaublich anarchisch.
Wenn ich überlege, habe ich eigentlich eine ganze Menge gesehen, obwohl ich zugegebenermaßen nicht alle Filme in Gänze sehen konnte, da eben oft ein roter Faden verloren geht. Ich glaube nicht, dass Fellini den unbedingt selber hat. Er hat Ideen und aus einer Idee wird die nächste geboren – er hat ein Thema, aber er legt keinen Wert auf stringente Erzählung. Fellini gucken ist wie sich in ein Karussell setzen und man wird darin herumgedreht, man weiss natürlich nicht wo es lang geht, aber dass man nirgendwo ankommt ahnt man schon. Es wird einem schwindelig und durchaus auch mal schlecht, aber das Karussell dreht sich weiter…
Ich kenne außer La Strada noch Ginger und Fred, Amarcord, Casanova (nur eine Stunde lang geguckt), La Dolce Vita, Stadt der Frauen (die ersten 5 Minuten sind die allerbesten, vor allem die Frau hat auf Deutsch auch eine ultracoole Synchronstimme…)
Egal wie irre Fellini auch sein mag, er hat Bilder geschaffen, die einen nicht mehr loslassen, einfach, weil sie geheimnisvoll sind. Was besseres kann doch über einen Filmregisseur gar nicht gesagt werden…
Christian Erdmann:
…obwohl ich zugegebenermaßen nicht alle Filme in Gänze sehen konnte…
Man verliert jegliches Zeitgefühl bei Fellini, jeder Film scheint endlos, „Casanova“ muß 8 Stunden lang gewesen sein, zeitweise kollabiert man einfach zwischen den wildesten Träumen. Ich nehme an, Sie haben „Casanova“ bis zum Schluß gesehen, Sie wissen es nur nicht. :) Jagen Sie unbedingt auch nach „Satyricon“. Auch da fallen Sie einem hypnotischen Sog zum Opfer, und dieses unglaubliche Gesicht wird Sie nicht mehr loslassen, Capucine als Tryphaena.
Nachtrag: Fundstück auf Facebook
Night of the Eagle
Oktober 2006
Christian Erdmann:
„Night of the Eagle“, 1962, Regie Sidney Hayers. Erinnert von der Ästhetik und von der Atmosphäre her ein wenig an Tourneurs „Night of the Demon“. Peter Wyngarde ist ein ultra-rationalistischer, erfolgreicher Akademiker, der feststellen muß, daß seine Frau sich mit Voodoo und Magie auskennt. Er verbittet sich den seinweltbilderschütternden Kram – und der Kram verbittet sich dann, wir sind im Horrorfilm, solch schnöden Skeptizismus. Es geht um die von den rationalen Strategien („your Aristotelian mind“) ausgeblendeten Bereiche, sehr spannend, sehr schön photographiert.
März 2009
Christian Erdmann:
„Night of the Eagle“ müßte Dir dann auch sehr gefallen. Jemand bei imdb schreibt: „Like the great Lewton/Tourneur film-noir horror movies of the 1940’s it lets your mind, not the special effects, do the thinking and thus literally scares the hell out of you.“ Phantastische Hauptdarsteller (Peter Wyngarde, Janet Blair), sehr glaubwürdig und unspektakulär intensiv – bis zum spektakulär intensiven Ende.
Gwynplaine:
Genial! Ein echter Geheimtip! Bezüglich der Hauptdarsteller stimme ich Dir voll zu. Auch Margaret Johnston sei hier lobend erwähnt. Das Ende ist tatsächlich spektakulär – und vor allen Dingen uneindeutig, wie der ganze Film eigentlich. Was den Film auch so intensiv macht, ist das Verhältnis der zwei Hauptfiguren, der Eheleute (er, der Rationalist – sie diejenige, die an Übernatürliches glaubt und Magie praktiziert), das von echter Liebe und Fürsorge geprägt ist, – was zum Drama beiträgt.
Und der Vergleich zu Tourneur bietet sich auch deswegen an, weil auch hier das Übernatürliche zumindest als Möglichkeit letzendlich akzeptiert werden muß.
Christian Erdmann:
Der Sieg über die angreifenden mythischen Mächte läßt sich jedenfalls nicht durch den ignoranten wissenschaftlichen Standpunkt erringen. Van Helsing bei Stoker: „Do not fear to think even the most non-probable.“ Thomas Kuhn hat Wissenschaftsgeschichte auch nicht sehr anders betrachtet: das konstitutive Paradigma legt fest, welche Fragestellungen als zulässig (als „wissenschaftlich“) zu gelten haben, aber Denken des Non-Probablen ist geradezu Bedingung der Möglichkeit für wissenschaftliche Revolution im Sinne eines Paradigmenwechsels.
Und Van Helsing weiß, daß er die Strukturen des Mythos anerkennen und übernehmen muß, um die Präsenz des Mythischen zu bannen. Du kannst den Pflock nur in das reinrammen, was du als Gegebenheit akzeptierst. :)
Der Film bleibt, wie Du sagst, uneindeutig; ob es Zufall ist oder Notwendigkeit, daß Wyngarde am Ende in seiner Panik, mit dem Rücken an der Tafel, das „not“ aus „I do not believe“ verwischt – you decide.
Es geht nicht um Rücksturz ins Mythische, sondern um den Glauben, wir wüßten schon besonders viel über „die Realität“. Van Helsing ist auch Zen-Lehrer: es gibt diesen langen Monolog in Stokers „Dracula“, wo er mögliche Unmöglichkeiten aneinanderreiht – einfach mit dem Ziel, festgefügte Denkstrukturen zu erschüttern, Empfänglichkeit zu schärfen. Und er kritisiert es als wissenschaftssymptomatisch, eine „small truth“ für „all the truth in the universe“ auszugeben.
Und das ist ja nicht nur in der Wissenschaft so. :)
(Die gekürzte 1:23:30-Version „Burn, Witch, Burn!“ kann man hier sehen)
„There’s only one moment in which you can arrive in time. If you’re not there, you’re either too early or too late.“ – Johan Cruyff
Mai 2007
Christian Erdmann:
„Man erkennt eine verwandte Seele nicht, wenn man sie zu früh trifft … oder zu spät.“ Diese drei Punkte, diese Lücke, diese Welt, wo wir sind, und wo wir sind, ist dieser lost highway of melancholy, auf dem wir die Vergangenheit nie hinter uns lassen, weil sie immer vor uns ist, 2046 macht … aus uns allen, es sei denn … es sei denn. Ich glaube immer mehr, daß Leute wie David Lynch und Wong Kar-Wei die wahren Realisten sind. An diesem Film stimmt alles, aber ich muß ihn noch 10x sehen, um zu verstehen, warum. Die Szenen zwischen Chow und Bai Ling schier herzbrechend, das Unsagbare gesagt in verspäteten Androidentränen.
Januar 2010
erastel:
Guten Abend,
mein persönliches Wunder 2010 ist geschehen! Nach einem wundervollen Film sehe ich mich geradezu gezwungen, mich hier anzumelden.
Aber zuerst einmal möchte ich allen Postern hier danken! Auch wenn es niemandem bewusst war (wie auch), gelang es Euch hervorragend, mich zu neuen, unbekannten Filmen zu interessieren und inspirieren.
Ich verfolge diesen Thread schon seit Jahren, habe seitdem viel Wissen von „Cineasten“ übernommen, mein Blickwinkel manchen Filmen gegenüber hat sich verändert, ich habe neue Regisseure und Filme kennengelernt… Kurz, Danke an alle!
Speziell geht mein Dank an zwei Personen:
Aljoscha, Sie begeistern mich immer wieder auf ein Neues mit Ihrem Stil! „Ein Satz von Ihnen zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht“ – um ein Zitat zu Ihrem, wohlbemerkt, wunderschönen, faszinierenden, aufregenden (ich könnte hier nun noch tausend weitere Attribute aufzählen) Werk abzuwandeln.
Und an Haio Forler: Sie hatten „2046“ immer und immer wieder erwähnt, seine Besonderheiten hervorgehoben…
Nachdem ich gerade eben endlich dieses Werk gesehen habe… Mir bleiben die Worte weg.
Christian Erdmann:
Oh hell, sehe ich jetzt erst, dankeschön. Aber seien Sie versichert, mein Werk zaubert auch Finsterdreinblicken auf Gesichter. :)
Der Satz „Man erkennt eine verwandte Seele nicht, wenn man sie zu früh trifft … oder zu spät“ – vielleicht geht es in „2046“ um die Schwierigkeit, in den Raum dieser drei Punkte zu kommen. Eine Schwierigkeit, die sich eben auch daraus ergibt, daß man im Grunde permanent auch in der Vergangenheit verweilt und eine imaginierte Zukunft bewohnt, daß die Gegenwart ständig überlagert wird. Zugleich zeigt „2046“ virtuos, wie Liebe – in welcher Couleur auch immer, außer blau – wie Liebe selbst Zeit und Raum dehnt, aushöhlt, untergräbt, verändert. Folgerichtig ist es nicht so leicht, einfach zu sagen: laß Vergangenheit Vergangenheit sein, wenn die Vergangenheit auch in der Zukunft ist.
Ich habe den Verdacht, als Breton sagte, man müsse, um zu IHR zu gelangen, erst einen ganzen Berg Wäsche aus dem Weg räumen, meinte er gewissermaßen dasselbe wie Wong Kar-Wai, nur ein bißchen… sloppy. Aber es gibt diese Chance, und dann heißt es hellhörig sein für das, was Breton wiederum „die unwahrscheinliche Mitwirkung“ nannte. Und die läuft in „2046“ auch ständig mit, denn auch sie erschüttert unser Konzept von Linearität.
Oscar an alle Damen des Films, Lebenswerk-Oscar für die Cinematography.
„The one thing he can never lend is his heart. Because it belonged to a woman from his past. He will never be over her.“
Die Büchse der Pandora
Louise Brooks las während der Dreharbeiten zu „Pandora’s Box“ Schopenhauer.
„Die Vorbereitungen für Die Büchse der Pandora waren schon eine ziemlich sagenhafte Geschichte, denn Pabst konnte keine Lulu finden. Mit keiner Schauspielerin, die zur Verfügung stand, war er zufrieden, und monatelang liefen alle, die an der Produktion beteiligt waren, auf der Suche nach Lulu herum. Ich sprach Mädchen auf der Straße an, in der U-Bahn, in Bahnhöfen – ‚Könnten Sie vielleicht einmal in unser Büro kommen? Ich möchte Sie gern Herrn Pabst vorstellen.‘ Pflichtgemäß schaute er sie alle an und lehnte sie alle ab. Und schließlich nahm er Louise Brooks.“ (Paul Falkenberg, einer von Pabsts Assistenten, 1955).
Wie Pabst bestimmte, daß ich seine nicht gezierte Lulu mit der Kindereinfalt des Lasters sei, war Teil einer mysteriösen Verbindung, die zwischen uns schon zu bestehen schien, sogar ehe wir uns noch kennenlernten.
… als wir Die Büchse der Pandora drehten und Sex das Geschäft der Stadt war. Im Eden Hotel, wo ich in Berlin wohnte, bevölkerten die Luxusflittchen die Café-Bar. Draußen vor der Tür gingen die Mädchen der preiswerteren Kategorie auf den Strich. An der Ecke standen die Mädchen in Stiefeln und annoncierten ihre flagellantischen Dienste. Agenten der Schauspieler verkuppelten die Damen in den Luxusappartements des Bayrischen Viertels. Tipgeber vom Pferderennen in Hoppegarten arrangierten Orgien für ganze Sportlergruppen. Der Nachtclub Eldorado präsentierte eine ganze Reihe verlockender Homosexueller in Frauenkleidern. Im Maly standen Lesbierinnen – feminine und in Schlips und Kragen – zur Auswahl.
Als ich nach Berlin kam, um Die Büchse der Pandora zu drehen – wie herrlich befreiend wirkte da die Pabst-Atmosphäre auf mich, und was für eine Offenbarung der Regiekunst zeigte sie mir!
Das Verhalten Fritz Kortners war ein vollkommenes Beispiel dafür, wie Pabst die wahren Gefühle eines Schauspielers nutzte, um seiner Darstellung mehr Tiefe, Größe und Intensität zu verleihen. Kortner haßte mich. Nach jeder Szene mit mir stapfte er aus den Kulissen und zog sich in seine Garderobe zurück. Mit seinem geheimnisvollsten Lächeln ging Pabst dann persönlich zu ihm, um ihn durch Schmeichelei zur Rückkehr für die nächste Szene zu bewegen, In der Rolle des Dr. Schön empfand Kortner für mich (oder für die Figur der Lulu) Gefühle, in denen sich sexuelle Leidenschaft mit dem gleichermaßen leidenschaftlichen Wunsch verband, mich zu zerstören. Eine Sequenz gab ihm die Gelegenheit, mich mit einer solchen Gewalttätigkeit zu schütteln, daß auf meinen Armen zehn grüne und blaue Fingerabdrücke zurückblieben.
Mit gewitzter Perversität wählte Pabst Gustav Diessl für die Rolle des Jack the Ripper in Die Büchse der Pandora und Fritz Rasp für die Rolle des lüsternen Apothekergehilfen in Tagebuch einer Verlorenen. Sie waren die einzigen Schauspieler in jenen Filmen, die ich gutaussehend und sexuell anziehend fand.
Für Pabst war die Übertragung der Schauspieltechnik des Theaters, die jedes Wort, jede Geste, jedes Gefühl im voraus festlegte, der Tod des Realismus im Film. Er wollte die Schocks des Lebens, die unvorhersehbare Gefühle freisetzten. Proust schrieb: „Unser Leben steht in jedem Augenblick vor uns wie ein Fremder in der Nacht, und wer von uns weiß, welchen Punkt er am Morgen erreichen wird?“
Um die Dinge vom Standpunkt des Regisseurs zu sehen, braucht man nur einmal daran zu denken, wie schwierig es ist, in einem einzigen Schnappschuß das wahre Lächeln eines Menschen, den wir kennen, einzufangen.
Daß ich Tänzerin war und Pabst als Regisseur im wesentlichen Choreograph, war für uns beide am ersten Tag der Dreharbeiten zur Büchse der Pandora eine wunderbare Überraschung.
Am Nachmittag des ersten Drehtages sagte Pabst zu mir: „In dieser Szene probt Schigolch mit Ihnen eine Tanznummer.“ Nachdem er eine kleine Fläche markiert und mir ein schnelles Tempo vorgegeben hatte, sah er mich neugierig an: „Sie können sich hier doch ein paar kleine Schritte ausdenken, nicht wahr?“ Ich nickte, und er ging ab.
(…) doch wie sehr ihm die Gestaltung am Herzen lag, zeigte seine Freude, nachdem die Szene abgedreht war. Als ich aus der Kulisse kam, fing er mich in seinen Armen auf, schüttelte mich und lachte, als ob ich ihm einen Streich gespielt hätte: „Aber Sie sind ja eine ausgebildete Tänzerin!“ Das war der Augenblick, als ihm klar wurde, daß er mit mir instinktiv die richtige Lulu erwählt hatte.
Pabst suchte alle meine Kostüme mit Sorgfalt aus; aber in Szenen, die durch sexuellen Haß motiviert waren, suchte er sie gleichermaßen nach ihrer verführerischen Wirkung auf Augen und Hände aus. (…) An dem Morgen, als wir die Sequenz drehen wollten, in der ich, aus dem Bad kommend, eine Liebesszene mit Franz Lederer zu spielen hatte, erschien ich eingehüllt in ein grandioses Négligé aus bemalter gelber Seide. Mit dem Morgenrock, den zu tragen ich mich weigerte, ging Josifine zu Pabst, um seinen Zorn auf sich zu nehmen. Sie trug die Verantwortung dafür, daß ich seinen Anordnungen gehorchte, und er antwortete auf ihre Ausflüchte mit einem strengen Tadel. Dann wandte er sich mir zu, „Louiiiss, Sie müssen diesen Morgenrock tragen und darunter nackt sein.“ „Warum? Ich hasse diesen Bademantel“, sagte ich. „Und wer wird schon wissen, daß ich unter diesem bauschigen, flauschigen weißen Mantel nackt bin?“ „Lederer“, sagte er. Überrumpelt von dem vernünftigen Argument kehrte ich ohne ein weiteres Wort mit Josifine in die Badezimmerkulisse zurück, kleidete mich aus und zog den Bademantel an.
Meine endgültige Niederlage, die mir echte Tränen in die Augen trieb, kam gegen Ende des Films, als er meine Garderobe durchwühlte und ein „abgetragenes“ Kleid suchte für die Szene, in der Lulu als Straßenmädchen in den Armen Jack the Rippers ermordet wird. Mit seiner instinktiven Kenntnis meines Geschmacks entschied er sich für Rock und Bluse meines Lieblingskostüms. Ich litt Qualen. „Warum können Sie nicht irgendein billiges Fähnchen kaufen, um es ruinieren zu lassen? Warum muß es ausgerechnet mein Kleid sein?“ Auf diese Fragen bekam ich keine Antwort, bis ich am nächsten Morgen meine einst so hübschen Kleidungsstücke in der Studiogarderobe zurückerhielt. Sie waren zerrissen und vollgeschmiert mit lauter Fettflecken. Nicht irgendwelche unscheinbaren Fetzen aus dem Studiofundus, sondern mein eigenes Kostüm, das ich noch am letzten Sonntag zum Lunch im Hotel Adlon getragen hatte! Josifine hakte mir den Rock zu, ich zog mir die Bluse über den Kopf und trat vor die Kamera mit dem Gefühl, ebenso hoffnungslos besudelt zu sein wie meine Kleider. In dieser Aufmachung war es mir völlig egal, was mit mir geschah.
Die zwei Jahre in der Tanztruppe von Ruth St. Denis und Ted Shawn hatten mich eine Menge über die magische Wirkung gelehrt, die von authentischen Kostümen ausgeht.
… auf welch wunderbare Weise Pabsts vollkommenes Gefühl für Kostüme Lulus Charakter und Zerstörung symbolisierte. Kein einziger Blutfleck ist auf dem reinen, bräutlich-weißen Satin, in dem sie ihren Mann tötet. In ihrer Liebesszene mit Alwa, in der sie den weißen Bademantel trägt, fragt Alwa sie: „Liebst du mich … Mignon?“ – „Ich? – Keine Seele!“ Es sind die zerrissenen und schmutzigen Kleider des Straßenmädchens, in denen sie zum ersten Mal Leidenschaft verspürt – zum Leben erwacht, um zu sterben. Als sie auf der nebligen Londoner Straße Jack the Ripper aufgabelt und er ihr sagt, daß er kein Geld habe, um sie zu bezahlen, antwortet sie: „Komm nur – du gefällst mir.“ Es ist Heiligabend, und auf sie wartet das Geschenk, von dem sie seit ihrer Kindheit geträumt hat: Tod aus den Händen eines Lustmörders.
In Berlin betrat ich den Bahnsteig, lernte Pabst kennen und wurde eine Schauspielerin. Ich wurde von ihm mit jenem Anstand und jener Achtung behandelt, wie sie mir aus Hollywood unbekannt waren. Es war geradezu so, als ob Pabst mein ganzes Leben und meine Karriere miterlebt hätte und deshalb genau wußte, wo ich Sicherheit und Schutz brauchte.
Louise Brooks, Lulu in Berlin und Hollywood, Frankfurt am Main 1986
Für mich ist großes Kino ein Film, der auch große Themen des Menschseins anspricht.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Ja, aber welcher tut das nicht? Gerade genoß ich „Circus of Horrors“, deutsch „Der rote Schatten“, Regie Sidney Hayers, der zwischen 1965 und 1967 dann 8 der Emma Peel-Folgen von „The Avengers“ („Mit Schirm, Charme und Melone“) gemacht hat. Ein englischer „Horror“-Film von 1960 im Pulp-Stil, halb verwandt mit „Peeping Tom“, halb mit „Les yeux sans visage“. Ein großes Thema des Menschseins, die Kombination aus genialer Skalpellhand und perverser Disposition: heraus kommt Anton Diffring als Vorreiter der plastischen Chirurgie namens Rossiter, dem ein weibliches Gesicht derart mißlingt, daß er nach Frankreich fliehen muß, wo er sich einen heruntergekommenen Zirkus unter den Nagel reißt (wobei Donald Pleasence in einer gloriosen Nebenrolle ein böses Ende nimmt), für den er, jetzt als Dr. Schüler, in der Folge vorzugsweise weibliche ähm, Ex-Schönheiten rekrutiert, die sich bei der Ausübung ihres gefahrvollen Berufes garstige Entstellungen eingehandelt haben. Mit dem Skalpell macht Rossiter/Schüler aus ihnen Glamour-Pulp-Königinnen vom Schlage Erika Remberg, Yvonne Romain und Vanda Hudson; Yvonne Monlaur betört kurz vor „The Brides of Dracula“ wie die anderen Damen als versierte Artistin dieser bemerkenswerten Zirkustruppe, die im Triumph durch halb Europa zieht.
Ein großes Thema des Menschseins ja auch die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben, die Rossiter mit seinen beiden Komplizen jedoch diabolisch zunichtemacht; wann immer eine der Schönen aus dem Käfig auszubrechen versucht, findet sie dortselbst ein herbeimanipuliertes, gar schröckliches Ende. Plakativ, geschmacklos, blutig und sexy. Und bei alldem seltsam atmosphärisch, um nicht zu sagen schön, ein echtes Juwel. Ganz großes Thema des Menschseins auch der bei den Darbietungen wiederkehrende Song „Look For A Star“, an „Blue Velvet“ erinnernd, bei dem David Lynch ja die Untertöne der Perversion herausgehört hat, ähnlich unheildräuend auch hier der schmeichelnde Wohlklang.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“]
How beautiful she was. Und wie traurig. Das Lied vom einsamen Mädchen: Estella Blain, geboren als Micheline Estellat am 30. März 1930, Tochter einer Familie baskischen Ursprungs, verbringt ihre Kindheit im Montmartre-Viertel, in der Nähe der Pathé-Studios in der rue Francoeur, sieht dort fasziniert die Künstler kommen und gehen, singt nach dem Krieg in Pariser Terrassencafés, nimmt Schauspielunterricht, aus dem Traum wird ernste Berufung, 1953 spielt sie im Théâtre du Grand-Guignol neben Michel Piccoli, dreht noch im selben Jahr ihren ersten Film, blondiert ihr Haar, heiratet den jungen Schauspieler Gérard Blain, das schüchterne Mädchen wird zum Star, orientiert sich in Kleidungsstil, Frisur und Make-up an den Hollywood-Schauspielerinnen der 1950er, der Glamour verdeckt das Trauma der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie aufwuchs. Scheidung von Blain 1956, doch sie behält den Namen. Sie heiratet ein zweites Mal, sie hat einen Sohn. Sie ist Madame de Montespan in „Angelique und der König“. Sie dreht über 20 Filme in 15 aufregenden Jahren. Und erlebt dann, wie andere Idole die Fantasie der Öffentlichkeit bewegen.
Als sich in den 1970ern Produzenten und Regisseure nicht mehr für sie interessieren, kehren die Dämonen der Kindheit zurück, ihre Zerbrechlichkeit, Empfindsamkeit und Melancholie wandeln sich in Depression. Als der Sohn sein eigenes Leben zu leben beginnt, fühlt sie sich allein, elend, nutzlos.
Am Neujahrstag 1982 findet man sie am Strand in der Nähe ihres Hauses in Port-Vendres im Département Pyrénées-Orientales. Sie hat sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Für ihre letzte Reise wird ihr Körper nach Toulouse gebracht, im Beisein zahlreicher Künstler und Filmschaffender wird ihr Leichnam im Krematorium Cornebarrieu eingeäschert.
1967 oder 1968, die tragische Schönheit singt die Einsamkeit.
„Miss Muerte“ / „The Diabolical Dr. Z“, 1965, einer der Hauptgründe für Orson Welles‘ Begeisterung für Jess Franco.
Originally titled Miss Muerte („Miss Death“), this is one of Franco’s best movies. It was supposedly based on a novel by „David Kuhne,“ but it owes its essential plot to Cornell Woolrich’s novel THE BRIDE WORE BLACK, which Francois Truffaut would film two years later. THE DIABOLICAL DR. Z opens with the death of Dr. Zimmer, another Orloff disciple whose disfigured daughter (Mabel Karr) seeks revenge on the Medical Board responsible for shaming him into a fatal coronary. As the instrument of her vengeance, she employs an exotic dancer named Miss Death (Estella Blain), whom she brainwashes with a sadistic acupuncture machine and sends out into the male world with a translucent danceskin and poisoned fingernails. Franco himself plays the rather large supporting role of a police inspector, unable to sleep since becoming a father; his partner in detection is played by Daniel White, who composed the scores for many of Franco’s films.
Franco co-wrote this kinky melodrama with Jean-Claude Carrière, an unsung specialist in fetishistic storytelling who also scripted several of Luis Bunuel’s last films, like DIARY OF A CHAMBERMAID (1969) and THAT OBSCURE OBJECT OF DESIRE (1977). As embodied by Blain (who committed suicide in 1981), Miss Death is one of the most lethal divinities of European horror. Beautiful black-and-white photography suffuses the visuals with an unnerving, silvery, surgical sheen.
Tim Lucas, Horrotica, The Sex Scream of Jess Franco
Jesús Franco’s The Diabolical Dr. Z (1966) is a heady, atmospheric venture that stands out among the director’s works as one of his most striking films. With its singularly captivating female antagonist and a plot thick with gothic flair, Dr. Z was groundbreaking in several ways. The film presents a unique departure from traditional horror tropes, challenging the norms with a woman leading the charge into villainy, a rarity for its time and an element that adds to its enduring fascination.
[surgeonsofhorror.com, 2024]
In einem Interview sagte Jess Franco einmal, wenn er nur drei Filme aus seinem Werk für die Nachwelt erhalten dürfte, würde er sich für Succubus, Venus in Furs und The Diabolical Dr. Z entscheiden.