
27. August 2013
Metro bis Nové Butovice, dort zum Busbahnhof, Abfahrt 10:30, die 9. Station auf dem Weg nach Hořovice ist Žebrak.
Die Burg Točnik, von Žebrak aus gesehen.

Am südlichen Rand von Křivoklátsko, dem Pürglitzer Wald, stehen nahe beieinander auf einem schon in vorchristlicher Zeit besiedelten Berg die beiden Ruinen von Žebrak und Točnik, einstmals ein majestätischer Burgkomplex an der wichtigen Route, die Prag mit Nürnberg verband.
Žebrak, die ältere Burg, wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut. Wer die Festung gegründet hat, ist unbekannt. Man weiß, daß Fürst Oldrich Zajic von Valdeck (Ulrich von Waldeck) um 1280 die Kapelle des Hl. Apolinarius auf der Burg errichten ließ. Die Anlage besteht aus drei linear gereihten Bauten: ein Rundturm in der Mitte, südlich davon ein kleinerer Turm, nördlich ein Palas.
Johann von Luxemburg, König von Böhmen, erwirbt die Burg 1336 und macht Žebrak damit zur Königsburg. Sein Sohn Karl IV. weilt zunächst gern auf der Burg, 1351 jedoch stirbt sein erstgeborener Sohn Wenzel (aus der Ehe mit Anna von der Pfalz) auf Žebrak, und der König kehrt nie wieder auf die Burg zurück.
Unter König Wenzel IV. (Sohn Karls IV. aus der Ehe mit Anna von Schweidnitz) erlebt die Burg einen Aufschwung. Wenzel hält sich ab 1383 mit Vorliebe hier auf, macht die Burg zu seinem Jagdsitz, läßt sie umbauen und wohnlich gestalten. Ihm gefällt die Burg sehr, doch als 1395 Žebrak bei einem Feuer fast ausbrennt, läßt er auf einem nordöstlich gelegenen, strategisch günstigeren Kamm, etwa 500 Meter entfernt von der unteren Burg, die Burg Točnik errichten. Auf Žebrak wird ein neuer Palas für den König errichtet, doch er zieht Točnik als Regierungs- und Privatsitz vor. Wenzel empfängt seine Besucher dort in prunkvollen Räumen, der größte Saal ist größer als alle Räume auf Karlštejn, Křivoklát und sogar Prag. Nach Absicherung der Burg mit Mauern und Türmen werden um 1400 Teile der Reichskleinodien auf die Burg geschafft; 1409 trägt man auf der Burg den Streit um die (1348 gegründete) Karlsuniversität aus.
1421 wurde die Burg verpfändet. 1425 belagerte die Armee der Hussiten Točnik erfolglos; die Hussiten schleppten Ekel, verwüsteten die Orte Žebrak, Točnik und Hořovice und zogen weiter nach Pilsen.
Auf Žebrak bricht 1532 während eines Besuches von König Ferdinand I. erneut ein schweres Feuer aus; der König muß fliehen, Žebrak brennt nieder und bleibt danach Ruine. 1553 wird die Burg als wüst erwähnt.
Točnik wurde ab 1522, nachdem die Burgbrücke eingestürzt war, unter den Herren von Wartenberg im Stil der Renaissance umgebaut, ab 1567 setzten die Herren von Lobkowicz diese Bauarbeiten fort. Georg Popel von Lobkowicz verlor 1593 wegen einer Intrige gegen Kaiser Rudolf II. sämtliche Güter, 1594 wurde die konfiszierte Burg Točnik mit Zbiroh und Königshof zu einer Kameralherrschaft vereinigt, deren Hauptmann seinen Sitz auf Zbiroh hatte. Rudolf II. von Habsburg übernachtete hier nur ungern und ängstlich. Nach dem Dreißigjährigen Krieg verfielen Teile der Burg, die vorübergehend als Gefängnis für Schwerverbrecher diente, 1674 lebte nur noch ein einzelner Wächter auf der Burg, 1681 war die Burg nicht mehr bewohnt. 1733 wurde der ehemalige Audienzsaal in eine Kapelle umgewandelt.
Der Bus hält in der kleinen Ortschaft Žebrak, und da steht man dann. Aber wenn eine lange Straße Hradni heißt, sollte man ihr folgen. Nachdem man einen Friedhof passiert hat,

scheint ein Weg durch wilden Wald allerdings attraktiver. Wir fragen den einzigen Menschen, den man gerade fragen kann, eine junge Mama. Sie sagt, man könne beide Wege nehmen. Wie immer im Leben. Wir beschließen, daß es schon eine Leistung wäre, die Burgen zu verfehlen, und verschwinden im Wald.
Am Fuß des Felsens, der Ort Točnik ist erreicht, könnte man auf einer gewundenen, asphaltierten Straße weitergehen, aber Madame zieht den direkten, steilen Aufstieg vor, wir bewegen uns also praktisch senkrecht auf dem Ziegenpfad nach oben und erreichen so den Weg, der zum Westtor der Burg führt.
Eine scharfe Biegung nach rechts und man steht vor dem Eingang. Die Wappen über dem Tor versammeln die Titel Wenzels IV.

Die Burg Točnik war Kulisse für tschechische Märchenfilme, versteht sich. Aber nicht nur: Der russische Regisseur Alexander Sokurov wählte Točnik als Drehort für seinen „Faust“-Film, der ihm 2011 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig einbrachte,



der slowakische Regisseur Juraj Jakubisko drehte Szenen für „Bathory (2008) auf Točnik,


und auch die internationale TV-Koproduktion „Borgia“ fand sich auf der Burg ein.

In „Bathory“ erscheint das Westtor von Točnik als Tor zur Burg Čachtice, dem Sitz der Elisabeth Bathory. Die oben erwähnte scharfe Biegung nach rechts ist vom Burginneren aus gesehen natürlich eine scharfe Wegbiegung nach links:


„Bathory“: die Mönche Peter und Cyril, von Elisabeth Bathory aus der Burg Čachtice geworfen, auf dem Felsen vor dem Westtor.



Burghof:

Ebendort: toter Mönch im Schnee in „Bathory“.

Blickwinkel des Mönchs, wenn er noch einen hätte: die Große Halle vom Burghof aus.


„Borgia“, Staffel 1, Folge 7: John Doman als Rodrigo Borgia, Papst Alexander VI.; Mark Ryder als Cesare Borgia; Diarmuid Noyes als Alessandro Farnese. Unter Cesares Leitung wird die verfallene Festung der Farnese in Orvieto wieder instandgesetzt. Die Große Halle der Burg Točnik als Farnese-Festung Orvieto:
Rodrigo Borgia auf Visite:
Wir auf Visite. Der Eingang zur Großen Halle:

Die Große Halle: ein 34 Meter langer Saal.


Die Eröffnungssequenz von „Bathory“. Zunächst sieht man die Ruinen von Burg Čachtice im Schnee, ab 1:20 die Burg Točnik, die Große Halle ab 1:45.


Nachbau eines mittelalterlichen Lastkrans mit Tretrad


Imperial Walls


Der Wohnpalas







Hier hing ein Skelett, denn


dies sind die Räume, die in der „Bathory“-Eröffungssequenz ab 1:20 zu sehen sind:
Bei 1:25 sieht man rechts den Brunnen, aus dem Flammen emporschießen (1:27). Der Rand des Brunnens ist übersat mit bat dropping, und in der Tiefe des Brunnens machen sich junge Fledermäuse deutlich bemerkbar: bis zu 400 Große Mausohren nutzen den Königspalast als Sommerresidenz, um ihre Jungen zur Welt zu bringen und aufzuziehen.


Innenräume des Wohnpalas: die Burgkapelle, ehemals Audienzsaal.


„Borgia“ – Diarmuid Noyes als Alessandro Farnese, späterer Papst Paul III., und Mark Ryder als Cesare Borgia, genau hier:




Chambre du roi


Der schmale Schrank mit dem Spitzdach erscheint als Requisit sowohl in „Bathory“ als auch in „Borgia“.


In „Bathory“ ist dies der Raum, in dem Elisabeth Bathory den Maler Merisi (Caravaggio) unterbringt. Spitzdachschrank im Hintergrund.


Alessandro Farnese und Cesare Borgia. Spitzdachschrank im Hintergrund.
Kellergewölbe. Der Keller diente als Stall für bis zu 90 Pferde.

Der Keller in der Eröffnungssequenz von „Bathory“: 1:36 – 1:45.


Dies die Säule, vor der in der folgenden Szene Juan Borgia im Keller von Tocnik den Leuchter umstößt.

Vor der Burg streifen Ziegen umher, und seit 1994 lebten Braunbären direkt unterhalb der Burg. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs auf Točnik wird das Bärengehege noch modernisiert und vergrößert für zwei Bärenkinder, die im Januar 2013 geboren wurden; Agatha und Martin sind dann im November 2013 hier eingezogen. Beim Umbau der Bärenanlage helfen viele Freiwillige, ein Bürgerverein finanziert Unterhalt und Pflege der Bären aus Sponsorengeldern und Spenden. Wir beteiligen uns also am neuen Zuhause für Agatha und Martin, und nehmen bei der Holzhütte am Eingang noch einen türkischen Kaffee, mit dem man ganze Armeen aus den Latschen kippen kann. Zurück in Prag, beim Novy Smichov Centre werden die allerköstlichsten Himbeeren auf der Straße verkauft: „Preise dem Engel die Welt“ (Rilke).

Bären-Supporter-Button
28. August 2013
Im Zug nach Karlštejn scheint eine Mama ihren Sohn zu ermahnen: Nuschel‘ nicht wie ein Slowak! 40 Minuten Zugfahrt, auf dem Weg vom Bahnhof in den Ort Karlštejn überquert man den Fluß Berounka:

Die Burg Karlštejn über dem Dorf wie in jeder klassischen Vampirgeschichte. The villagers: „Hier gibt es keine Burg!“

Man kommt nur mit einer Führung in die Burg, und Fotos von den Innenräumen sind leider nicht gestattet. Unsere Tour führt durch den Marienturm mit Katharinenkapelle, Sakristei und Marienkapelle, den Großen Turm mit der Kapelle des Heiligen Kreuzes, das Burglapidarium, die Burggemäldegalerie und die Bibliothek.
Mit dem Bau der Burg wurde 1348 begonnen. Sie ist benannt nach ihrem Bauherrn Karl IV., König von Böhmen seit 1347 und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches ab 1355. Karlštejn entstand nicht als Regierungsssitz, sondern war von Beginn an vorgesehen als eine Burg, auf der die königlichen Schätze, vor allem Karls gewaltige Sammlung heiliger Reliquien und die Reichsinsignien verwahrt werden sollten. Ein Aufenthalt Karls IV. auf der Burg ist erstmals für das Jahr 1355 belegt; Fertigstellung und Ausgestaltung der Burg wurden von ihm persönlich beaufsichtigt.
Seit ca. 1350 wurden die heiligen Reliquien, die Reichskleinodien des Heiligen Römisches Reiches und die Kronjuwelen der böhmischen Könige in der Heiligkreuzkapelle des Großen Turms verwahrt. 129 Tafelgemälde aus der Werkstatt des Meisters Theodorikus (Theoderich), Hofmaler Karls IV., schmücken die Heiligkreuzkapelle, eine bis heute einzigartige gotische Galerie. Wände und Decke der Kapelle bedeckt Goldverzierung mit eingefassten Halbedelsteinen und Glaslinsen, die am Deckengewölbe die Illusion des Sternenhimmels schaffen. Chronisten zu Zeiten Karls schreiben in ihren Aufzeichnungen, daß es in der ganzen Welt keine andere Burg und keine andere Kapelle von solcher Herrlichkeit gibt. Die Burg erlebte einen Umbau in spätgotischer Zeit und eine in der Renaissance durch den Hofarchitekten Rudolfs II. durchgeführte Umgestaltung, ihr heutiges Aussehen erhielt sie Ende des 19. Jahrhunderts (1887 – 1899).

Die Außenmauern des Großen Turms sind an jeder Stelle mindestens vier Meter stark. Die Gestaltung und Verzierung der Kapelle des Heiligen Kreuzes dauerte bis 1365. Als Zeichen seiner Ehrfurcht und Demut betrat Karl IV. die Kapelle nur barfuß. Gesichert war sie mit mehreren Eisentüren und einer Vielzahl von Schlössern. 1421, während der Hussitenkriege, wurden unter König Sigismund I. die Reichskleinodien evakuiert und über Ungarn nach Nürnberg verbracht.

Der Brunnenturm

Die Prager Fraktion der Hussiten belagerte 1422 die Burg ohne Erfolg, trotz biologischer Kriegsführung (außer Pech und Feuer wurden mittels Katapulten Jauche und sogar Leichen ins Burginnere geschleudert, um Infektionen unter der Burgbesatzung hervorzurufen). 1436 kamen zumindest die böhmischen Reichskleinodien nach Karlštejn zurück, zusammen mit den wichtigsten Urkunden und Dokumenten des böhmischen Archivs. Von 1498 bis 1526 wurde Zdeniek Lev von Rosental zunächst zum Burggrafen von Karlštejn, dann zum Prager Oberstburggrafen berufen. Ende des 16. Jahrhunderts wurden auf Anordnung des Kaisers Rudolf II. die Außenmauern nochmals befestigt und erneuert. Zu Beginn des Dreißigjährigen Kriegs, im Jahre 1619, wurden die verbliebenen böhmischen Königsschätze aus Sicherheitsgründen nach Prag gebracht. Nach der Niederlage des Böhmischen Winterkönigs Friedrich von der Pfalz gegen die Truppen Ferdinands II. bei der Schlacht am Weißen Berg 1620 wurde die Burg kampflos an Karl von Liechtenstein übergeben. 1648 wurde sie von den Schweden erobert, danach verfiel sie langsam.

1371 erkrankte Karl IV. auf Karlštejn schwer; seine vierte und letzte Gemahlin Elisabeth von Pommern unternahm zu Fuß eine Fürbitte-Wallfahrt von Karlštejn nach Prag zum Grab des heiligen Sigismund (Burgunderkönig, gestorben 523), 1354 hatte Karl dessen Reliquien nach Prag in den Veitsdom überführen lassen. Karl erholte sich wundersam, so wie Lotte Eisner dem Tod von der Schippe sprang, nachdem Werner Herzog, als er von ihrem Zustand erfuhr, zu Fuß von München nach Paris wanderte, um sie zu retten. Karl IV. verbrachte hernach jedoch nicht mehr viel Zeit auf der Burg; er verstarb im November 1378.

Post Scriptum – Karls dritte Gemahlin Anna von Schweidnitz (rechts) neben Margarete von Brabant (Großmutter Karls) und Elisabeth von Böhmen, Mutter Karls. Auf einer Wandmalerei in der Katharinenkapelle auf Karlštejn halten Karl und Anna zusammen ein Reliquienkreuz.

Zurück in Prag, Nacht im Red & Blue, Ghosts at Kinsky Garden.
