Metro bis Nové Butovice, dort zum Busbahnhof, Abfahrt 10:30, die 9. Station auf dem Weg nach Hořovice ist Žebrak.
Die Burg Točnik, von Žebrak aus gesehen.
Am südlichen Rand von Křivoklátsko, dem Pürglitzer Wald, stehen nahe beieinander auf einem schon in vorchristlicher Zeit besiedelten Berg die beiden Ruinen von Žebrak und Točnik, einstmals ein majestätischer Burgkomplex an der wichtigen Route, die Prag mit Nürnberg verband.
Žebrak, die ältere Burg, wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut. Wer die Festung gegründet hat, ist unbekannt. Man weiß, daß Fürst Oldrich Zajic von Valdeck (Ulrich von Waldeck) um 1280 die Kapelle des Hl. Apolinarius auf der Burg errichten ließ. Die Anlage besteht aus drei linear gereihten Bauten: ein Rundturm in der Mitte, südlich davon ein kleinerer Turm, nördlich ein Palas.
Johann von Luxemburg, König von Böhmen, erwirbt die Burg 1336 und macht Žebrak damit zur Königsburg. Sein Sohn Karl IV. weilt zunächst gern auf der Burg, 1351 jedoch stirbt sein erstgeborener Sohn Wenzel (aus der Ehe mit Anna von der Pfalz) auf Žebrak, und der König kehrt nie wieder auf die Burg zurück.
Unter König Wenzel IV. (Sohn Karls IV. aus der Ehe mit Anna von Schweidnitz) erlebt die Burg einen Aufschwung. Wenzel hält sich ab 1383 mit Vorliebe hier auf, macht die Burg zu seinem Jagdsitz, läßt sie umbauen und wohnlich gestalten. Ihm gefällt die Burg sehr, doch als 1395 Žebrak bei einem Feuer fast ausbrennt, läßt er auf einem nordöstlich gelegenen, strategisch günstigeren Kamm, etwa 500 Meter entfernt von der unteren Burg, die Burg Točnik errichten. Auf Žebrak wird ein neuer Palas für den König errichtet, doch er zieht Točnik als Regierungs- und Privatsitz vor. Wenzel empfängt seine Besucher dort in prunkvollen Räumen, der größte Saal ist größer als alle Räume auf Karlštejn, Křivoklát und sogar Prag. Nach Absicherung der Burg mit Mauern und Türmen werden um 1400 Teile der Reichskleinodien auf die Burg geschafft; 1409 trägt man auf der Burg den Streit um die (1348 gegründete) Karlsuniversität aus.
1421 wurde die Burg verpfändet. 1425 belagerte die Armee der Hussiten Točnik erfolglos; die Hussiten schleppten Ekel, verwüsteten die Orte Žebrak, Točnik und Hořovice und zogen weiter nach Pilsen.
Auf Žebrak bricht 1532 während eines Besuches von König Ferdinand I. erneut ein schweres Feuer aus; der König muß fliehen, Žebrak brennt nieder und bleibt danach Ruine. 1553 wird die Burg als wüst erwähnt.
Točnik wurde ab 1522, nachdem die Burgbrücke eingestürzt war, unter den Herren von Wartenberg im Stil der Renaissance umgebaut, ab 1567 setzten die Herren von Lobkowicz diese Bauarbeiten fort. Georg Popel von Lobkowicz verlor 1593 wegen einer Intrige gegen Kaiser Rudolf II. sämtliche Güter, 1594 wurde die konfiszierte Burg Točnik mit Zbiroh und Königshof zu einer Kameralherrschaft vereinigt, deren Hauptmann seinen Sitz auf Zbiroh hatte. Rudolf II. von Habsburg übernachtete hier nur ungern und ängstlich. Nach dem Dreißigjährigen Krieg verfielen Teile der Burg, die vorübergehend als Gefängnis für Schwerverbrecher diente, 1674 lebte nur noch ein einzelner Wächter auf der Burg, 1681 war die Burg nicht mehr bewohnt. 1733 wurde der ehemalige Audienzsaal in eine Kapelle umgewandelt.
Der Bus hält in der kleinen Ortschaft Žebrak, und da steht man dann. Aber wenn eine lange Straße Hradni heißt, sollte man ihr folgen. Nachdem man einen Friedhof passiert hat,
scheint ein Weg durch wilden Wald allerdings attraktiver. Wir fragen den einzigen Menschen, den man gerade fragen kann, eine junge Mama. Sie sagt, man könne beide Wege nehmen. Wie immer im Leben. Wir beschließen, daß es schon eine Leistung wäre, die Burgen zu verfehlen, und verschwinden im Wald.
Am Fuß des Felsens, der Ort Točnik ist erreicht, könnte man auf einer gewundenen, asphaltierten Straße weitergehen, aber Madame zieht den direkten, steilen Aufstieg vor, wir bewegen uns also praktisch senkrecht auf dem Ziegenpfad nach oben und erreichen so den Weg, der zum Westtor der Burg führt.
Eine scharfe Biegung nach rechts und man steht vor dem Eingang. Die Wappen über dem Tor versammeln die Titel Wenzels IV.
Die Burg Točnik war Kulisse für tschechische Märchenfilme, versteht sich. Aber nicht nur: Der russische Regisseur Alexander Sokurov wählte Točnik als Drehort für seinen „Faust“-Film, der ihm 2011 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig einbrachte,
der slowakische Regisseur Juraj Jakubisko drehte Szenen für „Bathory (2008) auf Točnik,
und auch die internationale TV-Koproduktion „Borgia“ fand sich auf der Burg ein.
In „Bathory“ erscheint das Westtor von Točnik als Tor zur Burg Čachtice, dem Sitz der Elisabeth Bathory. Die oben erwähnte scharfe Biegung nach rechts ist vom Burginneren aus gesehen natürlich eine scharfe Wegbiegung nach links:
„Bathory“: die Mönche Peter und Cyril, von Elisabeth Bathory aus der Burg Čachtice geworfen, auf dem Felsen vor dem Westtor.
Burghof:
Ebendort: toter Mönch im Schnee in „Bathory“.
Blickwinkel des Mönchs, wenn er noch einen hätte: die Große Halle vom Burghof aus.
„Borgia“, Staffel 1, Folge 7: John Doman als Rodrigo Borgia, Papst Alexander VI.; Mark Ryder als Cesare Borgia; Diarmuid Noyes als Alessandro Farnese. Unter Cesares Leitung wird die verfallene Festung der Farnese in Orvieto wieder instandgesetzt. Die Große Halle der Burg Točnik als Farnese-Festung Orvieto:
Rodrigo Borgia auf Visite:
Wir auf Visite. Der Eingang zur Großen Halle:
Die Große Halle: ein 34 Meter langer Saal.
Die Eröffnungssequenz von „Bathory“. Zunächst sieht man die Ruinen von Burg Čachtice im Schnee, ab 1:20 die Burg Točnik, die Große Halle ab 1:45.
Nachbau eines mittelalterlichen Lastkrans mit Tretrad
Imperial Walls
Der Wohnpalas
Hier hing ein Skelett, denn
dies sind die Räume, die in der „Bathory“-Eröffungssequenz ab 1:20 zu sehen sind:
Bei 1:25 sieht man rechts den Brunnen, aus dem Flammen emporschießen (1:27). Der Rand des Brunnens ist übersat mit bat dropping, und in der Tiefe des Brunnens machen sich junge Fledermäuse deutlich bemerkbar: bis zu 400 Große Mausohren nutzen den Königspalast als Sommerresidenz, um ihre Jungen zur Welt zu bringen und aufzuziehen.
Innenräume des Wohnpalas: die Burgkapelle, ehemals Audienzsaal.
„Borgia“ – Diarmuid Noyes als Alessandro Farnese, späterer Papst Paul III., und Mark Ryder als Cesare Borgia, genau hier:
Chambre du roi
Der schmale Schrank mit dem Spitzdach erscheint als Requisit sowohl in „Bathory“ als auch in „Borgia“.
In „Bathory“ ist dies der Raum, in dem Elisabeth Bathory den Maler Merisi (Caravaggio) unterbringt. Spitzdachschrank im Hintergrund.
Alessandro Farnese und Cesare Borgia. Spitzdachschrank im Hintergrund.
Kellergewölbe. Der Keller diente als Stall für bis zu 90 Pferde.
Der Keller in der Eröffnungssequenz von „Bathory“: 1:36 – 1:45.
Dies die Säule, vor der in der folgenden Szene Juan Borgia im Keller von Tocnik den Leuchter umstößt.
Vor der Burg streifen Ziegen umher, und seit 1994 lebten Braunbären direkt unterhalb der Burg. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs auf Točnik wird das Bärengehege noch modernisiert und vergrößert für zwei Bärenkinder, die im Januar 2013 geboren wurden; Agatha und Martin sind dann im November 2013 hier eingezogen. Beim Umbau der Bärenanlage helfen viele Freiwillige, ein Bürgerverein finanziert Unterhalt und Pflege der Bären aus Sponsorengeldern und Spenden. Wir beteiligen uns also am neuen Zuhause für Agatha und Martin, und nehmen bei der Holzhütte am Eingang noch einen türkischen Kaffee, mit dem man ganze Armeen aus den Latschen kippen kann. Zurück in Prag, beim Novy Smichov Centre werden die allerköstlichsten Himbeeren auf der Straße verkauft: „Preise dem Engel die Welt“ (Rilke).
Bären-Supporter-Button
28. August 2013
Im Zug nach Karlštejn scheint eine Mama ihren Sohn zu ermahnen: Nuschel‘ nicht wie ein Slowak! 40 Minuten Zugfahrt, auf dem Weg vom Bahnhof in den Ort Karlštejn überquert man den Fluß Berounka:
Die Burg Karlštejn über dem Dorf wie in jeder klassischen Vampirgeschichte. The villagers: „Hier gibt es keine Burg!“
Man kommt nur mit einer Führung in die Burg, und Fotos von den Innenräumen sind leider nicht gestattet. Unsere Tour führt durch den Marienturm mit Katharinenkapelle, Sakristei und Marienkapelle, den Großen Turm mit der Kapelle des Heiligen Kreuzes, das Burglapidarium, die Burggemäldegalerie und die Bibliothek.
Mit dem Bau der Burg wurde 1348 begonnen. Sie ist benannt nach ihrem Bauherrn Karl IV., König von Böhmen seit 1347 und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches ab 1355. Karlštejn entstand nicht als Regierungsssitz, sondern war von Beginn an vorgesehen als eine Burg, auf der die königlichen Schätze, vor allem Karls gewaltige Sammlung heiliger Reliquien und die Reichsinsignien verwahrt werden sollten. Ein Aufenthalt Karls IV. auf der Burg ist erstmals für das Jahr 1355 belegt; Fertigstellung und Ausgestaltung der Burg wurden von ihm persönlich beaufsichtigt.
Seit ca. 1350 wurden die heiligen Reliquien, die Reichskleinodien des Heiligen Römisches Reiches und die Kronjuwelen der böhmischen Könige in der Heiligkreuzkapelle des Großen Turms verwahrt. 129 Tafelgemälde aus der Werkstatt des Meisters Theodorikus (Theoderich), Hofmaler Karls IV., schmücken die Heiligkreuzkapelle, eine bis heute einzigartige gotische Galerie. Wände und Decke der Kapelle bedeckt Goldverzierung mit eingefassten Halbedelsteinen und Glaslinsen, die am Deckengewölbe die Illusion des Sternenhimmels schaffen. Chronisten zu Zeiten Karls schreiben in ihren Aufzeichnungen, daß es in der ganzen Welt keine andere Burg und keine andere Kapelle von solcher Herrlichkeit gibt. Die Burg erlebte einen Umbau in spätgotischer Zeit und eine in der Renaissance durch den Hofarchitekten Rudolfs II. durchgeführte Umgestaltung, ihr heutiges Aussehen erhielt sie Ende des 19. Jahrhunderts (1887 – 1899).
Die Außenmauern des Großen Turms sind an jeder Stelle mindestens vier Meter stark. Die Gestaltung und Verzierung der Kapelle des Heiligen Kreuzes dauerte bis 1365. Als Zeichen seiner Ehrfurcht und Demut betrat Karl IV. die Kapelle nur barfuß. Gesichert war sie mit mehreren Eisentüren und einer Vielzahl von Schlössern. 1421, während der Hussitenkriege, wurden unter König Sigismund I. die Reichskleinodien evakuiert und über Ungarn nach Nürnberg verbracht.
Der Brunnenturm
Die Prager Fraktion der Hussiten belagerte 1422 die Burg ohne Erfolg, trotz biologischer Kriegsführung (außer Pech und Feuer wurden mittels Katapulten Jauche und sogar Leichen ins Burginnere geschleudert, um Infektionen unter der Burgbesatzung hervorzurufen). 1436 kamen zumindest die böhmischen Reichskleinodien nach Karlštejn zurück, zusammen mit den wichtigsten Urkunden und Dokumenten des böhmischen Archivs. Von 1498 bis 1526 wurde Zdeniek Lev von Rosental zunächst zum Burggrafen von Karlštejn, dann zum Prager Oberstburggrafen berufen. Ende des 16. Jahrhunderts wurden auf Anordnung des Kaisers Rudolf II. die Außenmauern nochmals befestigt und erneuert. Zu Beginn des Dreißigjährigen Kriegs, im Jahre 1619, wurden die verbliebenen böhmischen Königsschätze aus Sicherheitsgründen nach Prag gebracht. Nach der Niederlage des Böhmischen Winterkönigs Friedrich von der Pfalz gegen die Truppen Ferdinands II. bei der Schlacht am Weißen Berg 1620 wurde die Burg kampflos an Karl von Liechtenstein übergeben. 1648 wurde sie von den Schweden erobert, danach verfiel sie langsam.
1371 erkrankte Karl IV. auf Karlštejn schwer; seine vierte und letzte Gemahlin Elisabeth von Pommern unternahm zu Fuß eine Fürbitte-Wallfahrt von Karlštejn nach Prag zum Grab des heiligen Sigismund (Burgunderkönig, gestorben 523), 1354 hatte Karl dessen Reliquien nach Prag in den Veitsdom überführen lassen. Karl erholte sich wundersam, so wie Lotte Eisner dem Tod von der Schippe sprang, nachdem Werner Herzog, als er von ihrem Zustand erfuhr, zu Fuß von München nach Paris wanderte, um sie zu retten. Karl IV. verbrachte hernach jedoch nicht mehr viel Zeit auf der Burg; er verstarb im November 1378.
Post Scriptum – Karls dritte Gemahlin Anna von Schweidnitz (rechts) neben Margarete von Brabant (Großmutter Karls) und Elisabeth von Böhmen, Mutter Karls. Auf einer Wandmalerei in der Katharinenkapelle auf Karlštejn halten Karl und Anna zusammen ein Reliquienkreuz.
Zurück in Prag, Nacht im Red & Blue, Ghosts at Kinsky Garden.
Anděl, die Metrostation, in der die Kosmonauten grüßen, und wo am Sonnabendnachmittag, als wir ankommen, mehrere Helfer Filmprops bewachen, die auf ihren Einsatz warten: Dreharbeiten für den Agententhriller „Child 44“, produziert von Ridley Scott, mit Tom Hardy, Noomi Rapace, Gary Oldman und Vincent Cassel. „Child 44“ spielt in der Sowjetunion der Stalin-Ära, und die Hollywood-Produktionsgruppe um Scott fand die Anděl-Ästhetik offenbar derart zweckdienlich, daß man die Prager Verkehrsbetriebe dazu überredete, an diesem Wochenende gleich die ganze Prager Metro-Linie B vorübergehend zum Stillstand zu bringen. „To enable a complex shooting, schedule services on line B will be restricted, especially at Anděl station … Metro services will be restricted between 23rd and 25th August, but only in the late evening and early morning.“ Puh. „Filming will take place on the stated dates, i.e. Fri-Sat and Sat-Sun from 10 pm – 8 am. During this time the Metro line between Smichovske nadraži – Florenc will be closed. Then from 8 am – 10 am Metro trains will pass through Anděl station without stopping.“
Wir erreichen unser Hotel, ohne auf Herrn Oldman oder Herrn Cassel zu treffen: das Red & Blue Design Hotel mit Blick auf den Kinsky-Garten, einer Maitresse beim Frühstück, die jeden Morgen auf hohen Absätzen knallend den Saal sortiert, die man aber mit aller Entschiedenheit strahlend anlächeln kann, bis sie einem zum Abschied zwei Schokoladentaler schenkt, und mehr Rot als Blau.
Der erste Weg führt zu Botanicus, wie immer ist Chinesisch die vorherrschende Sprache, mittlerweile beschäftigt Botanicus eigens Dolmetscher für die Invasion aus dem Reich der Mitte und der Mittel, in China selbst gibt es mittlerweile 10 Botanicus-Shops. Madame versieht sich mit Kleopatra-Essenzen, ich entscheide mich für Limette-Seife, die ich mir in meine Schreibtisch-Schublade legen werde. Die Lade gelegentlich aufziehen und sich am Duft berauschen, die alte Schiller-Strategie, nur daß Schiller bekanntlich mit verfaulten Äpfeln operierte.
Abendessen unter freiem Himmel und mit Xavier Cugat-Musik, böhmische Knödel mit Gulasch, was sonst, dann wandern wir den Hradschin hinauf. Die Goldene Stadt vergoldet sich an diesem Abend weiter oben.
Die erste Staffel der international koproduzierten Serie „Borgia“, mit John Doman als Rodrigo Borgia / Papst Alexander VI.,
Mark Ryder als Cesare Borgia,
dem wunderbaren Udo Kier als Rodrigos Vorgänger, Papst Innozenz VIII.,
sowie Isolda Dychauk als Lucrezia Borgia,
wurde in Tschechien gedreht; in den legendären Prager Barrandov-Studios entstand u.a. eine Kopie der Sixtinischen Kapelle. Als vor der Ausstrahlung der zweiten Staffel das ZDF im August die erste Staffel wiederholte, fragte ich mich eines Nachts, wie eigentlich John Doman Papst wurde, und fand dieses Interview:
Bei 5:10 erwähnt er den „Martinicky Palace“ – „… which we were able to actually paint, handpaint all the rooms that we needed in the palace. And they’re absolutely spectacular.“ Was war das für eine Geschichte?
Martinický palác, das Martinitz-Palais – erbaut, nachdem in den 1540ern eine Feuersbrunst den Hradschin und die Kleinseite verwüstet hatte – mit seiner Sgraffito-Fassade gilt als einer der schönsten Prager Renaissancebauten des 16. Jahrhunderts. Die aristokratische Familie der Martinitz war katholisch, und Jaroslav Borsita Graf von Martinitz überlebte 1618 als königlicher Statthalter nur mit Glück den zweiten der drei Prager Fensterstürze, der den Beginn des Dreißigjährigen Krieges markiert.
Nachdem der letzte Martinitz gestorben war, wurden im Palais Wohnungen vermietet. Vor einer Sanierung in den 1970ern lebten im Martinický palác ungefähr 200 Menschen. Die Räumlichkeiten waren in einem beklagenswerten Zustand. Der fehlende Mittelteil zu John Domans Ausführungen: bei der Renovierung hatte man die meisten der Innenräume mit kahlen weißen Wänden hinterlassen, und so waren sie verblieben, bis die Produzenten der „Borgia“-Serie auf den Plan traten – für ein ungewöhnliches Arrangement.
Der jetzige Eigentümer des Martinický palác, ein Italiener, verzichtete auf einen Teil der Summe, die im Filmbudget für die Palastmiete vorgesehen war, und kam dafür in den Genuß, fortan in der exquisiten Dekoration leben zu dürfen, die ein Team von Spezialisten für „Borgia“ nach Renaissance-Vorbildern in 8.000 Arbeitsstunden mit meisterhafter Präzision und so authentisch wie möglich an die Decken und Wände zauberte. „The basis for the wall paintings and trompe l’oeil paintings was a very precise survey of architecture in Rome, the Vatican, the Apostolic Palace, the Borgia apartments, original oil paintings and reproductions“, so Jindrich Kocí, tschechischer Art Director bei „Borgia“. Der Eigentümer hätte eigentlich im Sinn gehabt, das Palais zu verkaufen, nachdem es aber Raum für Raum in die Renaissance versetzt wurde, sei davon keine Rede mehr.
Das Martinitz-Palais ist nicht öffentlich zugänglich, aber da die Nacht hereinbricht, können wir noch ein wenig die Sgraffito-Fassade aus dem 16. Jahrhundert bewundern.
Links das Wohnhaus Mozarts in Milos Formans „Amadeus“.
Das Martinitz-Palais als Papstpalast – Screenshots aus „Borgia“:
25.08.2013
Sunday Morning, da in der Metro noch „Child 44“ zu Leben erweckt wird, schlagen wir uns mit Bus und Tram zum Busbahnhof Florenc durch, in Bus 150101 trage ich den Satz „Zwei Fahrkarten nach Mělnik, bitte“ in offenbar verständlichem Tschechisch vor, und so fährt uns Mister Jaroslav Stěpanek (auf allen listky tschechischer Überlandbusse steht der Name des Busfahrers) an den Zusammenfluß von Moldau und Elbe etwa 30 Kilometer nördlich von Prag.
Dort befindet sich auf einer Anhöhe das Schloß Mělnik, einst Pšov, nach dem slawischen Stamm der Pschowanen, der hier im 9. Jahrhundert eine Burgstätte errichtete. Der Sage nach soll die später heiliggesprochene Ludmilla von Böhmen auf der Burg geboren sein. Laut der Chronica Boemorum (Chronik der Böhmen) des Cosmas von Prag verkaufte Slavibor, der letzte der Pschowanenfürsten, seine Tochter Ludmilla um 880 dem christlichen Přemyslidenfürsten Bořivoj, und nach Slavibors Tod fielen dessen Besitzungen an die Přemysliden. Der Přemyslidenfürst Wenzel, der heilige Patron der Böhmen, war ein Enkel Ludmillas.
Ende des 10. Jahrhunderts wurde die ursprüngliche Holzfeste durch eine Steinburg ersetzt; Emma, die zweite Frau des böhmischen Fürsten Boleslav II. des Frommen, nahm hier ihren Witwensitz. Auf den Silbermünzen, die sie prägen ließ, erscheint erstmals der Name Civittas Melnic. Mělnik blieb Refugium der Gemahlinnen böhmischer Herrscher; zu Zeiten, als Eliška Přemyslovna im Zwist mit ihrem Gemahl Johann von Luxemburg lag, verweilte sie längere Zeit auf Mělnik, später war die Burg der Witwensitz u.a. der Barbara von Cilli, zweite Frau des Sigismund von Luxemburg, König von Böhmen seit 1419 und römisch-deutscher Kaiser seit 1433. Barbara, die sich den okkulten Wissenschaften und der Alchemie widmete, starb 1451 in Mělnik bei einer Pestepidemie.
Auch Elisabeth von Pommern, die letzte Gemahlin Karls IV., lebte bis zu ihrem Tod im Jahre 1393 auf Mělnik. Sie ließ die Burgkapelle errichten, die heute der heiligen Ludmilla gewidmet ist. Karl IV. war es, der an den Hängen von Mělnik Weinreben aus Burgund pflanzen ließ; heute ist Mělnik die bedeutendste Weinbaulage in Böhmen.
Zuletzt lebten hier die Frauen des Georg von Podiebrad, und nach dem Tod der Johanna von Rosental 1475 wurde Mělnik mehrmals verpfändet. 1542 war die Burg im Besitz des Zdislav Berka von Duba, der sie zu einem Renaissanceschloß umbauen und mit Sgraffito schmücken ließ.
Das im Dreißigährigen Krieg stark verwahrloste Schloß wurde 1646 an Hermann Czernin von Chudenitz verpfändet, 1687 kaufte Hermann Jakub Czernin das Schloß dem Kaiser Leopold I. ab. Unter den Czernin wurde das Schloß wieder bewohnbar gemacht und um den barocken Südflügel erweitert. Als 1753 die letzte Herrschaftserbin der Czernin, Maria Ludmilla, mit August Anton Lobkowicz (Lobkowitz) verheiratet wurde, ging das Schloß an die Lobkowitz über, in deren Besitz es bis zur Enteignung 1948 verblieb. 1992 ging das Schloß durch Restitution an die Lobkowitz zurück, die sich aus eigenen Mitteln um Rekonstruktion und Erneuerung der Schloßanlage bemühen. Jiři Jan (Georg Johann) Lobkowitz lebt mit seiner Lebenspartnerin Zdenka Belas, einer bekannten Opernsängerin, im linken Flügel des Schlosses.
Die Familie Lobkowitz gehört zu den ältesten böhmischen Adelsgeschlechtern. Die jüngere Linie trägt den Namen Popel, was sich aus dem Wahlspruch des Geschlechts der Lobkowitz herleitet: „Popel jsem a popel budu“, zu Deutsch: „Asche bin ich, Asche werde ich.“
In den Interieurs ist Fotografieren nicht erlaubt, der Rundgang beginnt im Schlafgemach von Georg Christian von Lobkowitz, ein bekannter Gentleman Driver, der 1932 im Alter von 25 Jahren mit seinem Bugatti T54 – von dem nur 9 Fahrzeuge gebaut wurden – beim Rennen auf der Berliner AVUS in der Südschleife tödlich verunglückte.
Das II. Zimmer ist August Longin von Lobkowitz (1797 – 1843) gewidmet, einem der ranghöchsten Beamten der Habsburger Monarchie, zugleich Gouverneur der Lombardei. August Longin war ein überaus kultivierter Mann; Goethe, der bekannte Schnorrer, hat ihn in Mělnik besucht und lobend den Mělniker Wein erwähnt.
Man wandert durch das Kinderzimmer (mit Spielzeug aus dem 19. Jahrhundert), das Speisezimmer (mit Antwerpener Barockaltären aus dem 17. Jahrhundert), den Großen Salon, überall die erlesensten Exponate, Boulle-Marketerie, Rokoko-Möbel, böhmische Glaskunst, Porzellan aus Delft, Vasen aus dem Orient, Gemälde; im Großen Saal eine Kollektion von Landkarten und Stadtansichten, vorwiegend das Werk von Amsterdamer Kartografen des 17. Jahrhunderts. Kettenhemden im Rittersaal, Militärtrommeln, Schloßkanonen aus dem 18. Jahrhundert, im Großen Speisesaal hängen Gemälde von Jusepe de Ribera und Paolo Veronese, in der Kapelle hängt ein ziemlich aufreizender Jesus, der heilige Wenzel backt Hostien.
But actually we came for something else. Ins Beinhaus von Mělnik geht es
In wunderbaren Antikvariat Josef Peitz, Kleinseite, Ujezd 26, erwerbe ich Band 19/20 aus der Bibliothek der Kunstgeschichte, Leipzig 1922, Oskar Wulff über Donatello, bei alten Fotos und Postkarten verweilen wir lange, aber der Rabbi ruft.
„Ohne Überlegung hingebaut standen sie da, wie Unkraut, das aus dem Boden dringt. An eine niedrige, gelbe Steinmauer, den einzigen standhaltenden Überrest eines früheren, langgestreckten Gebäudes, hat man sie angelehnt – vor zwei, drei Jahrhunderten, wie es eben kam, ohne Rücksicht auf die übrigen zu nehmen. Dort ein halbes, schiefwinkliges Haus mit zurückspringender Stirn – ein andres daneben: vorstehend wie ein Eckzahn. Unter dem trüben Himmel sahen sie aus, als lägen sie im Schlaf, und man spürte nichts von dem tückischen, feindseligen Leben, das zuweilen von ihnen ausstrahlt, wenn der Nebel der Herbstabende in den Gassen liegt und ihr leises, kaum merkliches Mienenspiel verbergen hilft. In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat sich der Eindruck in mir festgesetzt, den ich nicht loswerden kann, als ob es gewisse Stunden des Nachts und im frühesten Morgengrauen für sie gäbe, wo sie erregt eine lautlose, geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal fährt da ein schwaches Beben durch ihre Mauern, das sich nicht erklären läßt, Geräusche laufen über ihre Dächer und fallen in den Regenrinnen nieder – und wir nehmen sie mit stumpfen Sinnen achtlos hin, ohne nach ihrer Ursache zu forschen. Oft träumte mir, ich hätte diese Häuser belauscht in ihrem spukhaften Treiben und mit angstvollem Staunen erfahren, daß sie die heimlichen eigentlichen Herren der Gasse seien, sich ihres Lebens und Fühlens entäußern und es wieder an sich ziehen können – es tagsüber den Bewohnern, die hier hausen, borgen, um es in kommender Nacht mit Wucherzinsen wieder zurückzufordern. … Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem künstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Getto ein kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen automatischen Dasein berief … “ – Gustav Meyrink, Der Golem
Jenes Viertel von Prag, das im 13. Jahrhundert durch königlichen Erlaß zur Judenstadt bestimmt wurde, ein abgegrenzter Bezirk, in dem die jüdische Bevölkerung zu leben hatte, wurde 1849 umbenannt in Josefstadt (Josefov), nach Kaiser Joseph II., der die Juden mit dem Toleranzpatent 1781 gefördert hatte. Mit der Verfassung von 1849 wurde es Prager Juden ermöglicht, das Ghetto zu verlassen, 1861 wurden den Juden sämtliche Bürgerrechte zugestanden. Wer es sich leisten konnte, ließ das Ghetto hinter sich, die Mehrzahl jedoch, die ärmere Bevölkerungsschicht, verblieb in den Häusern des noch immer überfüllten Viertels. Viele der alten und uralten Wohnhäuser im Gewirr der düsteren Ghettogäßchen verfielen, die hygienischen und sanitären Verhältnisse verschlimmerten sich dramatisch. Ein geheimnisumwittertes, verschachteltes Labyrinth, das die zwielichtigsten Gestalten des Stadtlebens anzog. Unzählige Spelunken neben Freudenhäusern, die Straßen voller Trödler und Verkäufer, komplett undurchsichtige Wohn- und Eigentumsverhältnisse; auf einen Hektar Wohnfläche kamen etwa 1.800 Bewohner, mehr als das Dreifache der Bevölkerungsdichte der Altstadt. Es gab keine funktionierende Kanalisation, über die Pflaster huschten tausende von Ratten, entsprechend hoch waren Infektions- und Seuchengefahr. Nachdem Kaiser Franz Joseph I. das Assanierungsgesetz unterzeichnet hatte, begann man 1893 mit dem fast kompletten Abriß des Viertels. Widerstand gegen diese radikale und tragische Lösung formierte sich erst spät; nur sechs Synagogen, der alte Jüdische Friedhof, die Zeremonienhalle und das alte Jüdische Rathaus blieben erhalten. Innerhalb von zwei Jahrzehnten wurden im Josefov mehr als 260 Gebäude abgerissen, sie wichen neuen, prachtvollen Jugendstil-Gebäuden.
„In uns leben noch immer die dunklen Winkel, geheimnisvollen Gänge, blinden Fenster, schmutzigen Höfe, lärmenden Kneipen und verschlossenen Gasthäuser. Wir gehen durch die breiten Straßen der neuerbauten Stadt. Doch unsere Schritte und Blicke sind unsicher. Innerlich zittern wir noch so wie in den alten Gassen des Elends. Unser Herz weiß noch nichts von der durchgeführten Assanation. Die ungesunde alte Judenstadt in uns ist viel wirklicher als die hygienische neue Stadt um uns. Wachend gehen wir durch einen Traum: selbst nur ein Spuk vergangener Zeit.“ – Franz Kafka
In der Josefstadt steht dieses Haus, Haštalská 1, und daß dieses Haus da steht, ist ein Mysterium.
Haštalská 1, eines der ältesten Häuser Prags – erste schriftlichen Erwähnungen für einen Bau an dieser Stelle datieren vor das Jahr 1000 -, hat das Verschwinden des sagenumwobenen Viertels erlebt, und warum das Haus noch existiert, weiß niemand. Es heißt, aus den Unterlagen gehe eindeutig hervor, daß es am Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen werden sollte. Aber es wurde nicht abgerissen. Und weil Prag ein Mythengenerator ist, lautet die Erklärung: das Haus hat sich selbst geschützt.
Im Sommer 2002, als Prag die schlimmste Überschwemmung seit 500 Jahren erlebte, brachte das Wasser eine Mauer im Keller von Haštalska 1 zum Einsturz, und der Eigentümer bemerkte, daß die Kellerräume weit ausgedehnter waren als angenommen. Als Trümmer und Schutt beseitigt waren, hatte man ein alchemistisches Laboratorium aus der Zeit Kaiser Rudolfs II. entdeckt. Rudolf, der von 1576 bis 1612 regierte, war ein großer Förderer der Wissenschaften, der Künste und insbesondere der Alchemie. Unter seiner Herrschaft wurde Prag zu einem Zentrum für Alchemisten, Mystiker und Gelehrte aus ganz Europa. Schriftlichen Dokumenten zufolge bildeten diese verborgenen Räume im 16. Jahrhundert ein geheimes unterirdisches Labor, an dem Prager Alchemisten Experimente durchführten, Elixiere herstellten, sich an der Transmutation von unedlen Metallen zu Gold und an der Suche nach dem Stein der Weisen erprobten. Und das bedeutet, daß sich in diesen für Jahrhunderte nicht mehr zugänglichen Kellern einige bedeutende Persönlichkeiten aufgehalten haben: Tycho Brahe, John Dee, Edward Kelley, Thaddaeus Hagecius (Tadeáš Hajek, Astronom und persönlicher Arzt Rudolfs II.), der böhmische Alchemist Bavor Rodovsky, und auch der „kabbalakundige Rabbiner“ selbst – Rabbi Löw.
In den Katakomben hat man ein Elixier gefunden, das im Ladenteil des nun in Haštalská 1 beherbergten Muzeum Speculum Alchemiae als Elixier der ewigen Jugend verkauft wird. Der Inhalt der gefundenen Flaschen wurde analysiert, und das Elixir of Youth wird sorgfältig nach originaler Rezeptur hergestellt, abgesehen von einigen wenigen Komponenten wie Opium. Die Produktion ist kompliziert, die Rezeptur gibt für die verwendeten 77 Kräuter und Heilpflanzen (u.a. Milchdistel, Ginkgo biloba, Taigawurzel) exakte Mengen vor, ebenso die exakte Dauer der Mazeration. Der gesamte Prozeß nimmt etwa zwei Monate in Anspruch.
Wir kaufen Tickets für eine Führung in Englisch, die junge Dame bittet uns zu warten, bis weitere Teilnehmer erscheinen, entscheidet sich aber sogleich anders, sie geht einfach mit uns beiden los, schließt eine schwere Tür hinter uns, Schächte der Vergangenheit, unendliche Ferne.
Ein schmaler Gang (Tycho Brahe an der Wand), dann betritt man einen Raum, der, nach Stichen und Bildern des 16. Jahrhunderts rekonstruiert, mit Reproduktionen und einigen originalen Artefakten in die Zeit der Alchemisten zurückführt. Von der Decke hängt ein schwerer Kerzenleuchter, an dem drei gehörnte Masken befestigt sind, die nicht den Teufel repräsentieren, sondern Moses. Auch Michelangelo hat Moses mit Hörnern dargestellt, was auf einem Übersetzungsfehler der Vulgata beruht, für die Alchemisten symbolisierten die Hörner offenbar eine spezifische Macht, der Leuchter hängt über einer Stelle, an der die Alchemisten einen besonderen Kraftstrom vermuteten.
Der Mechanismus, der den geheimen Zugang in die Unterwelt öffnet, ist in einem Schrank versteckt, der sich wie in einem Film öffnet, und als unsere junge, charmante, überaus enthusiastische und kenntnisreiche Führerin den Schrank hinter uns wieder schließt, jagt es einem Schauer über den Rücken: dies ist der Weg hinab ins 16. Jahrhundert.
Das Laboratorium ist überdies Kreuzpunkt geheimer Tunnel, von denen einer zum Prager Schloß, ein zweiter zum Altstädter Ring führt, heimliches Kommen und Gehen ermöglichend. Obwohl man in diesem Haus offensichtlich schon im 15. Jahrhundert Kräuter und Tränke erwerben konnte, war Geheimhaltung ihrer Aktivitäten für die Alchemisten unabdingbar, zumal das mysteriöse Haus in keinem guten Ruf stand. Der Legende zufolge (ein zeitgenössisches Dokument berichtet davon) soll gelegentlich eine Gruppe feuerglühender und übelriechender Ziegenböcke an dem Haus vorbeigezogen sein.
Ofen zur Glasherstellung
Mit unserer Führerin, die von echter Leidenschaft für die Sache erfüllt ist, plaudern wir angeregt, von den Facetten der Alchemie zwischen ambitionierter, avancierter Wissenschaft und Scharlatanerie bis zu Stargazer Rudolf II. und Lovecraft. Und natürlich verlassen wir das 16. Jahrhundert mit zwei Flaschen vom Elixir věčneho mládi („Kräuterelixier mit verjüngender Wirkung“) in der Tasche.
Rudolf II. soll Rabbi Löw um diesen magischen Trank gebeten haben, der ihm irdische Freuden für Jahrhunderte ermöglichen sollte. Zusammen mit Tadeáš Hajek, anerkannter Experte für Kräuter, versuchte der Rabbi die bestmögliche Kombination von Kräutern zu finden, die den Körper reinigen sollte von schädlichen Substanzen und den Geist von negativen Gedanken. Schließlich entwickelten die Alchemisten jenes einzigartige Elixier, das den Alterungsprozeß anhalten sollte.
Die Legende sagt, daß Rudolf II. skeptisch war und den Rabbi Löw zwang, das Elixier zuerst zu trinken. Es wurde bis 1612 hergestellt, dem Jahr von Rudolfs Tod, worauf der Rabbi Elixier und Rezeptur im Laboratorium einmauern ließ.
Den Ort des Fundes kann man bewundern, die Steinplatte, die ihn verdeckte, ist allerdings eine Nachbildung, da das Original beim Versuch, es abzunehmen, zerbrach.
Rabbi Löw wurde steinalt, so there you go.
St. Nikolaus auf der Kleinseite. Die Kostel sv. Mikulaše ersetzte die Kleinseitner Pfarrkirche von 1283; 1704 – 1711 errichtete Christoph Dientzenhofer das neue Kirchenschiff mit der Westfassade, unter seinem Sohn Kilian Ignaz Dientzenhofer entstanden 1737 – 1752 der Chor und die 70 Meter hohe Kuppel.
In diesem Haus, Skořepka 1,
lebte Franz Kafkas Freund Max Brod bis zu seiner Heirat 1913 mit seinen Eltern und seinem Bruder. Hier las Kafka seinem Freund oft die gerade entstandenen Texte vor, und hier beginnt „die bedeutsamste und zugleich traurigste Liebesgeschichte in Kafkas Leben (…) Am Dienstag, dem 13. August 1912 betritt Kafka gegen 21 Uhr, eine Stunde später als verabredet, die Wohnung der Brods im Obergeschoß des stilvollen Eckhauses in der Schalengasse 1. Der stets nervöse Freund, der den Vertragsabschluß mit Rowohlt in die Wege leitete, hat ihn gedrängt, an diesem Abend die endgültige Anordnung der Manuskripte für die Betrachtungen festzulegen, die am folgenden Tag nach Leipzig geschickt werden sollen. Kafka fühlt sich unbehaglich, weil er den letzten Schritt zur Veröffentlichung, der eine verbindliche Fixierung bedeutet, fürchtet. Den gesamten Monat über bewegt er sich in einer tranceähnlichen Stimmung aus Lethargie und Träumerei, die ihn daran hindert, die Urlaubszeit seines Chefs zu konzentrierter literarischer Arbeit zu nutzen. Als er bei Brods ankommt, wirkt er unaufmerksam und zugleich angespannt. Rasch jedoch werden seine Lebensgeister durch eine fremde junge Frau geweckt, die vollkommen selbstverständlich am großen Eßzimmertisch sitzt. Trotz ihres bürgerlichen Habitus wirkt sie auf ihn, so hält das Tagebuch fest, ‚wie ein Dienstmädchen‘: eine Beobachtung, die bei Kafka eine deutlich erotische Komponente erhält.“ (Peter-André Alt, Franz Kafka, 262). Der Gast ist die aus Berlin stammende 24jährige Felice Bauer.
Die Familie Brod wohnte im obersten Stockwerk.
Auch diese wunderbare Szene hat sich hier abgespielt: Kafka, der eines Nachmittags Max Brod besucht, beim Weg durch das Wohnzimmer den auf dem Sofa schlafenden Vater weckt und, auf Zehenspitzen weitergehend, flüstert: „Bitte, betrachten Sie mich als einen Traum.“
In der Husova ein kleiner feiner Laden mit tausend Tafeln Schokolade. Jordi’s Chocolate wird liebevoll in Hradec Králové komponiert. Zur schönen Kommandantin gibt es Bitterschokolade mit Pfeffer und Meersalz.
„Then came a silence; and in October the Wards received a picture card from Prague, stating that Charles was in that ancient town for the purpose of conferring with a certain very aged man supposed to be the last living professor of some very curious mediaeval information. He gave an address in the Neustadt, and announced no move till the following January, when he dropped several cards from Vienna (…)“ – H.P. Lovecraft, The Case of Charles Dexter Ward
Am Karlovo náměsti steht das Faust-Haus, eines der geheimnisumwittertsten Häuser Prags. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstand dort ein gotischer Palast, der zunächst den Fürsten von Opava (Troppau) gehörte. Allein, das Faust-Haus wechselte seine Eigentümer nachgerade furios.
1441 trat Vaclav, Herr von Troppau, das nach den hussitischen Wirren stark beschädigte Gebäude an den Neustädter Schreiber Prokop ab, der das Haus renovieren ließ. Erhalten ist ein Brief des Vaclav von Troppau, in dem er Prokop schreibt: „Wir bitten dich, einen erwachsenen Gesellen zu finden, der sich in der Alchemie auskennt und den du uns hierher schicken könntest…“ – eine erste Spur der seltsamen Vorgänge im Faust-Haus. Vaclav von Troppau wie Prokop waren leidenschaftliche Adepten der Alchemie; man vermutet, daß Vaclav schon in seiner Jugend alchemistische Versuche im Palast durchführte.
Seit 1543 gehörte das Faust-Haus Jan Kop, dem Leibarzt Rudolfs II., der es im Renaissancestil umbauen ließ. Nächster Besitzer war der Astrologe Jakub Krucinek, auch er am Hofe Rudolfs II. tätig. Krucinek hatte zwei Söhne – der jüngere Bruder mordete den älteren, angeblich wegen eines Schatzes, der in dem Gebäude versteckt war, und wurde auf dem Rossmarkt hingerichtet.
Nach der Familientragödie erwarb Edward Kelley das Haus (1590), seines Zeichens Urkundenfälscher (ein Vergehen, für das man ihm noch in England beide Ohren abschnitt, eine in der Tudorzeit übliche Bestrafung), Okkultist, Duellant, Spiritist, gelegentlicher Nekromant, Prahler, Scharlatan, Urheber der henochischen Sprache, kurz, von Beruf Abenteurer und, auf Empfehlung des Wilhelm von Rosenberg, als Alchemist im Dienste Rudolfs II. mit okkulten Experimenten beschäftigt. Kelley trug erheblich zum finsteren Ruf des Hauses bei, nicht nur, weil er mit chemischen und pyrotechnischen Versuchen die Nachbarn verstörte. Nach seiner Einstellung am kaiserlichen Hof ließ die Herstellung von größeren Mengen Gold auf sich warten, was Kelley auf ungünstige Sternenkonstellationen oder verunreinigte Grundsubstanzen schob, bis sein Hochmut ihn zu Fall brachte: als sich die Gerüchte, er sei ein Betrüger, zu verdichten begannen, tötete er einen Zweifler. Kelley versuchte zu entkommen, doch die kaiserlichen Garden holten ihn auf der Flucht ein, und Kelley tauschte im Mai 1591 das Faust-Haus gegen das Gefängnis auf Burg Křivoklát.
Fürbitten der englischen Königin Elisabeth I. und des Wilhelm von Rosenberg vermochten den Kaiser zunächst nicht umzustimmen. Man verhörte Kelley zu seinen Tinkturen, zum Elixier der ewigen Jugend und zu jenen seltsamen Ziffern in symmetrischen Arrangements, die man unter seinen Papieren fand. Bei einem Fluchtversuch erlitt Kelley einen Beinbruch: unzulängliche Behandlung, schließlich eine schauderhafte Amputation. 1595 begnadigt, gelang es Kelley trotz seines Versprechens, nunmehr zu „kooperieren“, naturgemäß auch fürderhin nicht, Gold herzustellen, und er wurde ein zweites Mal eingekerkert. Bei einem weiteren Fluchtversuch aus der Burg Most verletzte Kelley auch das verbliebene Bein schwer, kurz darauf verstarb er in der Haft, vermutlich durch Suizid mit Gift.
Nachdem das Faust-Haus der Familie Netvorsky gehört hatte, ging es 1725 in den Besitz der Adelsfamilie Mladota von Solopisk über. Seit dem Umbau durch die Mladota präsentiert sich das Haus im Barockstil. Ferdinand Anton Mladota von Solopisk war ein weiterer berühmt-berüchtigter Bewohner des Hauses, ein Exzentriker, der nicht nur mit „metaphysischen“ Versuchen schockierte (mittels einer Reihe von Geräten, die auf den Grundlagen der Optik, des elektrischen Stroms und des Magnetismus arbeiteten); zusammen mit seinem Sohn, Experte in Mechanik, verblüffte er die Gäste mit Automatenfiguren, die sich mithilfe aufgezogener Federn bewegten, oder auch mit Türen, die sich scheinbar von selbst öffneten. Mladota stieg auf zum Meister des Unerklärlichen, und bald ging das Gerücht, er sei ein Magier und mit dem Teufel im Bunde. Nach einer alten lateinischen Überschrift im Faust-Haus, die aus den Zeiten der Mladota stammt, wird jeder, der das Haus unter Sklavenjoch bringen möchte, verflucht.
Im 19. Jahrhundert lebte ein gewisser Karl Jaenig im Faust-Haus, vormals Priester der benachbarten Kirche St. Johannes von Nepomuk am Felsen. Jaenig war besessen von allem, was mit dem Tod zusammenhängt. Er bemalte die Wände mit Begräbnisformeln, sammelte Grabschmuck, verzierte seine Räumlichkeiten mit einem Galgen und schlief in einem Holzsarg. In seinem Testament verfügte er, in diesem Sarg bestattet zu werden – mit dem Gesicht nach unten.
Und dann gibt es noch die Legende von dem armen Studenten, der in dem vorübergehend verlassenen Palast nicht nur eine Unterkunft, sondern auch Bücher über Schwarze Magie gefunden haben soll. Jeden Tag entdeckte er eine Münze auf dem Tisch. Als er auf die Idee kam, einige der schwarzmagischen Formeln laut zu lesen, holte ihn der Teufel – vermutlich durch jenes Loch in der Decke, das sich nicht schließen läßt. Daß Doktor Faustus höchstselbst das Buch dort hinterließ, ist natürlich eine mephistophelische Erfindung. Das ominöse Loch in der Decke scheint jedoch keine Legende zu sein, wird doch immer noch darüber spekuliert, ob es sich der preußischen Belagerung Prags im 18. Jahrhundert verdankt, oder ob es bei den Versuchen mit explosiven Mischungen entstand, die Kelley, Mladota et al. durchführten.
Das Faust-Haus – für die Öffentlichkeit nicht zugänglich – steht auf einem Areal, das in heidnischen Zeiten dem Opferkult für die dunkle, mit Winter, Nacht und Tod assoziierte slawische Göttin Morana diente. Die Gegend heißt noch heute Na Morani, ebenso eine Straße, die vom Karlsplatz Richtung Moldau führt.
Es waren die Romantiker des 19. Jahrhunderts, die das vermeintlich fluchbeladene Haus mit der Legende des Doktor Faustus verbanden, der „nit alleyn der artznei, sonder auch Chiromancei, Nigramancei, Visionomei, Visiones imm Christal, vnd dergleichen mer künst, sich höchlich berümpt.“ Durch das Loch, das sich nicht zumauern ließ, entführte der Teufel den Doktor Faustus in die Hölle, in einer anderen Version der Legende holt der Teufel Faust aus dem zweiten Stock des Eckturms, seitdem gebe es dort unerklärliche Schmierspuren an der Wand.
Im 19. Jahrhundert war das Faust-Haus ein Heim für Taubstumme, heute gehört das Faust-Haus der medizinischen Fakultät der Karls-Universität und beherbergt eine Apotheke. Daß man nach dem 2. Weltkrieg in den Hausfundamenten die Skelette von sieben Katzen fand, die dort eingemauert wurden, ist so ungewöhnlich nicht, auch im dänischen Schloß Nyborg kann man hinter Mauern mumifizierte Katzen bewundern – irgendein alter Baumeister-Brauch zum Schutz des Gebäudes. Im Sommer 2003 brach in der Bibliothek im rechten Flügel des Faust-Hauses ein Feuer aus. Bei den Renovierungsarbeiten fand man im Erdgeschoß des Eckerkers Malereien mit alchemistischen Zeichen und Symbolen aus dem 16. Jahrhundert.
Ah, Dear! So gorgeous again! Das Licht auf den Abendstimmungsbildern! Die blaue Stunde durch kerzenscheinähnliche Beleuchtung erhellt! So schön. Und mein favourite – Sie ahnen es, wissen es. Salieri in Verkleidung über den verschneiten Platz davon schreitend. Amadeus, erschrocken und erschöpft, aus dem Fenster auf ihn herunter schauend. Was für ein herrliches Bild. Habe in Kürze etwas mehr Zeit, um Neuigkeiten auszutauschen. Sie hören von mir. :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Hellgespannt auf Von-Ihnen-Hören! Aber entzückt, schon von Ihnen gehört zu haben derart! Wäre ich die gute Fee, die Ihnen meine drei Wünsche erfüllen könnte :), würde ich Sie genau dorthin versetzen, vor jene beiden Häuser zur blauen Stunde. Die anderen beiden Wünsche bräuchte ich, um Sie von dort wieder zurückzuholen. Ich will tot umfallen, wenn ich je ein Blitzlicht in Prag verwende, ach, ich vermute, die ständige Überlagerung von Zeitschichten, die ich an diesem mythengenerierenden Ort immerzu wahrnehme, würde mir Blitze einfach auspusten.
02.10.2013
Catherine:
Sie brauchen zwei Wünsche, um mich zurück zu holen?? Möglich. Aber dass Sie Ihre drei Wünsche selbst erfüllen dafür, mich hin und her zu wünschen, wünsche ich Ihnen! Obwohl. Was man mit drei Wünschen machen könnte, Sie und ich! Gibt ja nicht mal mehr ordentliche Glühbirnen. Schön aber, wenn man kleine verrückte Ladenbesitzer findet, die mehrere tausend altmodische Birnen lagern. Zeitschichtenüberlagerung nur allzu gern, mein Hirn schickte mich erst kürzlich auf eine Hintertreppe in einem Wiener Altbau. Kleine Fenster im Orkan des Alltags. Prager Unterwelt. Werde den großen schwarzen BBC-Schirm bereit halten, falls Staub rieselt. :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Zwei Wünsche, ja. Weil nur einer gegen Ihr „Hinfort mit Euch!“, gegen Ihre Weigerung, Prag wieder zu verlassen, machtlos wäre. Zugegeben projiziere ich da vielleicht etwas zu sehr. Ich würde ja, wenn ich Tschechisch könnte, da leben wollen, aber niemand kann Tschechisch außer Tschechen. Ein Professor sagte mal: wenn Sie eine echte Herausforderung suchen, lernen Sie Tschechisch.
„Schön das Nachhausewandern gegen Mitternacht über die alte Schloßstiege zur Stadt hinunter.“
(Franz Kafka)
Montag, 03.09.2012
Übrigens befindet sich in dieser Kirche – Maria vom Siege – das Prager Jesulein, das seit 1628 bei den Unbeschuhten Karmeliten weilt, ein Geschenk der Adeligen Polyxena von Lobkowicz.
Unter dämonischem Gelächter
lassen wir das Jesulein links liegen und bewegen uns auf der Kleinseite (Malá Strana) erneut in Richtung Hradschin. In den Innenräumen des Erzbischöflichen Palais am Schloßplatz drehte Milos Forman für „Amadeus“ die Szenen der ersten Begegnung Salieris (F. Murray Abraham) mit Mozart (Tom Hulce).
Gegenüber das Palais Schwarzenberg
und, nicht weit davon entfernt, dieses Haus – in „Amadeus“ Mozarts Wohnhaus.
Das Prager Loreto liegt ca. 1 km westlich von der Burg, nicht weit entfernt vom Kloster Strahov. Das Heiligtum entstand nach dem Sieg der Katholiken über die Protestanten (Schlacht am Weißen Berg, 1620) zwischen 1626 und 1631, um die Rekatholisierung zu stärken; der Loreto-Kult, Ausdruck der Marienverehrung, war in ganz Europa verbreitet und drang im 17. Jahrhundert auch nach Böhmen vor.
Als Casa Santa (oder Santa Casa) gilt jenes Haus, in dem der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria verkündet haben soll, daß sie durch den Heiligen Geist empfangen werde – ursprünglich also das Haus, in dem Maria in Nazareth lebte. Schon früh ein Ort der Christenverehrung und Ziel wiederholter Angriffe der Sarrazenen, wurde das Haus offensichtlich im Jahre 1291 in Sicherheit gebracht: Pilger ließen die drei Wände des Hauses, das sich an einen Felsen anlehnte, abtragen und in Einzelteilen über Dalmatien nach Italien verschiffen. 1294 erreichte das Haus Loreto (bei Ancona). Vermutlich steht der Name der Familie Angeli, die maßgeblich für die Überführung verantwortlich war, in Verbindung mit dem Entstehen der Legende, nach der eine Schar von Engeln das Haus aus dem Heiligen Land zur Lorbeerplantage von Loreto trug.
Mit dem wachsendem Ruhm Loretos seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden „abgeleitete“ Wallfahrtsorte; für diese war die Form der Casa Santa von Loreto verbindlich, ebenso die architektonische Gestaltung der Marmor-Ummantelung des Hauses im Renaissancestil (in Loreto ein Werk Bramantes), die das Haus wie ein Reliquienschrein schützt.
Das ikonographische Programm der Relief-Ummantelung ist konsequent von der italienischen Vorlage abgeleitet und wurde auf Kosten von Elisabeth Apolonia Gräfin Kolowrat angefertigt.
Das fensterlose Häuschen, die eigentliche Casa Santa, ist also eine Nachbildung der Casa Santa von Loreto, das „wahre Abbild“ (vera effigiens) des italienischen Musters. Die Begine Katharina von Lobkowicz, Begründerin des Baus, engagierte 1626 als Architekten den italienischen Baumeister Giovanni Batista Orsi, der die Casa Santa 1631 vollendete.
Hinter der Gitterwand befindet sich das Gnadenbild der Jungfrau Maria von Loreto, welches, aus Lindenholz gefertigt, das heute nicht mehr existierende Original aus Zedernholz kopiert. Die Statue steht in einem Rahmen aus getriebenen Silber von 1671 mit dem Wappen der Stifterin, Elisabeth Apollonia Gräfin Kolowrat, geb. Tilly.
Die Freskofragmente auf dem Ziegelmauerwerk entstanden erst 1795.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts griff die bedeutende Architektenfamilie der Dientzenhofer in die bauliche Entwicklung des Loreto ein. Christoph Dientzenhofer (d.Ä.) begann den Umbau der Loreto-Kirche und entwarf die Westfassade des ganzen Komplexes, die nach seinem Tod (1722) sein Sohn Kilian Ignaz fertigstellte. Christophs unehelicher Sohn J.G. Aichbauer beendete 1735 den von Maria Margarete Gräfin Waldstein finanzierten Umbau der Kirche.
Böhmischer Hochbarock mit Zange.
Der Kreuzgang der Wallfahrtsstätte
führt von Kapelle zu Kapelle, zwischen den Kapellen Heiligenbildnisse hinter Glas, so der von Pfeilen durchbohrte Sebastian:
Gigereuses Detail am Brunnen mit der Figurengruppe der Himmelfahrt Mariens. Sichtbar auch in einer Szene von „Der Student von Prag“ mit Paul Wegener, 1913.
Im ersten Stock des Kreuzganges befinden sich die Räume der Neuen Schatzkammer, in der ein Teil des lauretanischen Schatzes gezeigt wird, und wir können auch noch die season exhibition bewundern: ARS MORIENDI.
Im Zentrum dieser Ausstellung die faszinierende Entdeckung in einem lang verschlossenen Raum der Krypta unter der Loreto-Kirche – Wandmalereien von exzeptioneller Qualität, datiert auf das Jahr 1664. In Auftrag gegeben von der damaligen Patronin von Loreto, Gräfin Elisabeth Apollonia von Kolowrat, ausgeführt vielleicht von einem Maler des Kapuzinerordens. Die Motive – Tod und Auferstehung, Vergänglichkeit der menschlichen Existenz, Allegorien der Zeit – haben Vorbilder in flämischen und holländischen Werken. So basiert die Szene der Erweckung des Lazarus auf der berühmten Radierung von Rembrandt; das Fresko von Loreto ist allerdings deshalb besonders bemerkenswert, weil es noch zu Lebzeiten Rembrandts entstand. Aus verständlichen Gründen ist die Krypta selbst der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die ARS MORIENDI-Ausstellung zeigt allerdings ein dreidimensionales Modell der Krypta, dies sind zwei der Fresken.
Wir sehen einen Film über die Öffnung der Krypta und die Entdeckung der Fresken, bewundern barocke Mortuarien und stoßen schließlich auf den aus Brno geliehenen Sargdeckel, unter dem der dort mumifizierte Pandur für gewöhnlich liegt.
An der Decke der Schatzkammer sind unzählige Gläser befestigt, die im Luftzug leise aneinanderklimpern für ein sehr anderweltliches Geräusch. Das kostbarste Stück der Sammlung ist die 1696 – 1699 in den Wiener Hofwerkstätten gefertigte Diamantenmonstranz. Dieses Kleinod zieren 6222 Diamanten aus dem Vermächtnis der Ludmilla Eva Franziska Gräfin Kolowrat. Die „Prager Sonne“ ist ca. 90 cm hoch und wiegt 12 kg.
No way out,
der nette kustod, der schon in den Regionen der Ars Moriendi unser Diderot’sches Sichfürallesinteressieren mit wohlwollendem Lächeln begleitete, will uns nicht gehen lassen, schickt uns noch einmal in den Kreuzgang und weist explizit auf die Kapelle mit der kuriosen Statue der Heiligen Kümmernis (Wilgefortis, Starosta). Die hatten wir schon gesehen, aber wir schauen uns die bärtige Dame gern noch einmal an. In der ältesten Eck-Kapelle des Kreuzganges, der Kapelle der Schmerzensreichen Muttergottes, findet sich die Statue an einem Seitenaltar. Wilgefortis, der Legende nach die schöne, aber christliche Tochter eines heidnischen Königs von Portugal, weigerte sich, den ihr zugedachten Mann zu heiraten, einen heidnischen Prinzen, und zum Schutz ihrer Jungfräulichkeit betete sie um ein sichtbares Zeichen von Männlichkeit, das sie entstellen sollte, und das sie in Form eines prächtigen Bartes auch erhielt; der wütende Vater ließ seine Tochter darauf ans Kreuz nageln, damit sie ihrem himmlischen Bräutigam gleiche.
Vorab fand man widersprüchliche Informationen darüber, ob das Loreto on Mondays besuchbar sei, Mgr. Petr Basta hatte „Sehr geehrte Christian“ in einer email diesbezüglich beruhigt. Ich frage den kustod, ob er zufällig Petr heiße und erkläre ihm die Frage. Aber er heißt Karel und berichtet, Mgr. Petr Basta sei der Chefkurator des Komplexes. How nice. Wir plaudern noch ein Weilchen, und Karel verabschiedet uns mit „Very pleased to meet you“ in den frühen Nachmittag.
Loreto – Westfassade
Albin! A lion has wandered into my frame!
Das Loreto ist eine Oase der Ruhe, und im pittoresken Viertel namens Nový svět, ganz in der Nähe des Loreto-Heiligtums, ist es ebenfalls überraschend still. Der Distrikt heißt „Neue Welt“, weil er außerhalb des Hradschin lag, und wird Mitte des 14. Jahrhunderts zum ersten Mal erwähnt. Das heutige Aussehen der Häuser / Häuschen stammt vornehmlich aus dem 18. Jahrhundert. Die Neue Welt hat immer Künstler angezogen, in den 1960er Jahren befand sich hier auch das kreative Hauptquartier von „Pan Tau“-Regisseur Jindrich Polák.
In Haus No. 1 soll um 1600 der dänische Astronom Tycho Brahe gelebt haben, den Kaiser Rudolf II. (der „Sterngucker“) nach Prag berufen hatte.
begeben wir uns auf den letzten Abendspaziergang, vorbei am Svaty Jan, in dem wir letztes Jahr wohnten, und, unter erototheologischem Gespräch, zur Apolinárska. Dort, in einem von Touristen nur selten besuchten Areal, steht das Maternity Hospital Apolinář – das Marylebone Work-House aus dem Film „From Hell“.
2010 machten wir das Marylebone Work-House zum ersten Mal ausfindig. Die verwitterte Kiste, an der Johnny Depp und Heather Graham in der Filmszene vorbeigehen, stand noch immer vor der Mauer.
Im Antikshop reicht es noch für Jupiter-Zündholzbriefchen, im Jewish Quarter bei Nacht der Drehbuchentwurf für „Der Ghoul von Olsany“.
Dienstag, 04.09.2012
Beim Ständetheater
„Das ist keine Stadt. Das ist der zerklüftete Boden eines Zeitozeans, bedeckt mit dem Steingeröll verglühter Träume und Leidenschaften, zwischen denen wir – wie in einer Taucherglocke – spazieren gehen.“
Das „Franz Kafka Museum“ am Moldau-Ufer der Kleinseite beherbergt die 1999 in Barcelona eröffnete Ausstellung „The City of K. – Franz Kafka & Prague“.
Die Schönheit der Majuskeln, fast schon Kalligraphie (Brief an den Vater). Kafkas Faszination am Fall Hilsner. Bilder und verfremdete Filmaufnahmen des alten Prag. Der Horror auf dem Weg zur Schule. RAVACHOL! „This was the word that the Kafka family cook applied to young Franz to describe his awkward behaviour.“ – RAVACHOL! „became a terrible magical spell“. Tagebucheinträge in den Schubladen von Büroschränken, unheimliche Musik und Klangeffekte überall. Krähengeschrei. Sisyphos was a bachelor. Erstausgaben. Ein Hungerkünstler, Berlin, Die Schmiede, 1924. Der Vater, Hermann Kafka, im Alter, das Gesicht schmal geworden – wie hätte Franz Kafka mit 78 ausgesehen? Das traurige Foto vom Sanatorium Kierling, lonely, lonely. Kafka starb dort am 3. Juni 1924. Erstausgabe der Verwandlung, Kurt Wolff Verlag, 1915. Schubladen mit den Namen der Romangestalten aus dem Prozeß. Bakelit-Telefon, am anderen Ende Karl Roßmann. Audiovisuelle Installation zu „Das Schloß“. „Deep down I am Chinese, and I am going home.“ Erstausgabe „Das Schloß“. Erstausgabe „Der Prozeß“. The moment when the punishment starts to become the darkest part of the penal process. The punitive celebration dies away, transformed into just another administrative act. Besuchen Sie dieses Museum.
St. Thomas verwendet eine gute Weihrauchmischung. Dientzenhofer was here.
St. Thomas: 1285 stiftete König Wenzel II. zum Gedenken an seinen Vater Przemysl Otakar II. eine Kirche, zunächst für Augustiner-Eremiten. In zwei Bauabschnitten entstand dann eine dreischiffige gotische Basilika, deren langgestreckter Chor 1316 geweiht wurde. Fertiggestellt wurde die Kirche erst nach dem Tod des Kaisers Karl IV. im Jahr 1379. Unter Rudolf II. wurde die Thomas-Kirche zur Hofkirche erhoben und 1727–1731 von Kilian Ignaz Dientzenhofer barock umgestaltet.
Entree-Glas der Salvatorkirche spiegelt Altstädter Brückenturm
Last thing: ein Sparta Prag-Shirt erworben bei einer bezaubernden alten Dame im Fanshop, den die Siebziger vergaßen.
Als er eines Nachmittags Max Brod besucht und beim Weg durch das Wohnzimmer dessen auf dem Sofa schlafenden Vater weckt, flüstert Kafka, auf Zehenspitzen weitergehend: „Bitte, betrachten Sie mich als einen Traum.“ – [Peter-André Alt]
Sonntag, 02.09.2012
Vom Hotel Europa in Brno in den Zug nach Prag. Uns gegenüber sitzt ein goldkettenbehangener Kahlkopf, der uns eine Viertelstunde lang finster anstarrt, like a loose cannon skinhead, sinistres Gedankengut im Schädel. Nach besagter Viertelstunde hat er irgendwas beschlossen, kramt in seinem Rucksack, öffnet umständlich eine Tüte Bonbons und hält sie uns formvollendet hin. Der Beginn einer wunderbaren Zugfreundschaft, er entpuppt sich als Bauarbeiter aus Bratislava auf dem Weg nach Nürnberg, der einfach darauf besteht, uns eine Überdosis Lakritzbonbons zu verabreichen, später sprühen wir uns gegenseitig mit Parfum ein, wir ihn mit Serge Lutens, er uns mit Harem von Ting Tong. Eingecremter Arbeiter. Wir waren sicher, er würde desweiteren darauf bestehen, uns in Prag in irgendeinen darkroom zu führen, doch er verabschiedet sich dann doch, herzlichst.
Metro nach Anděl, Schlüssel für die Austria Suites, an der Balkontür unseres Zimmers ein Schildchen, das darum bittet, keine Zigarettenstummel hinauszuwerfen: „Plastdach unter Ihnen kann abbrennen“, ein Apfelkuchen von Monsieur Paul vor der Kostol svatého Václava, dann nach Olšany. Wichtiger Besuch zu machen auf dem Neuen Jüdischen Friedhof.
Wahrscheinlich der Schriftsteller, den ich am meisten liebe und verehre und der, der mich am meisten erschüttert.
Die Gedenktafel für Max Brod, direkt gegenüber Kafkas letzter Ruhestätte.
Der Friedhof von Olšany (Olšanske hrbitovy) ist der größte Prager Friedhof. Die Nekropole gibt es seit 1680, als in Prag eine Pestepidemie wütete und die Stadtfriedhöfe für die zahlreichen Opfer zu klein geworden waren. Der Friedhof hat 12 Sektionen; die ältesten Abteilungen erwarten den Schauerromantiker mit, wenn man genau hinsieht, Unaussprechlichem.
Einmal war auch Kafka auf diesem Friedhof mit einem Fahndungsauftrag unterwegs. Milena Jesenská hatte einen Bruder, der früh verstorben war, und Kafka suchte auf Milenas Bitte nach dem Grab ihres kleinen Bruders.
Für den Film „From Hell“ von 2001 – Johnny Depp als Inspector Frederick Abberline im London von 1888 dem Geheimnis von Jack The Ripper auf der Spur – zogen die Hughes Brothers nach Prag und Kutna Hora. Einige Szenen des Films wurden auf dem Friedhof Olšany gedreht. Mary Kelly und ihre Freundinnen, Straßenprostituierte im Whitechapel District, müssen zusehen, wie das zweite bestialisch hingemetzelte Opfer aus ihrer Schar beerdigt wird, Polly Nichols. Abberline und Sergeant Godley (Robbie Coltrane) sind anwesend, es kommt zum ersten Gespräch zwischen Abberline und Mary Kelly (Heather Graham).
Die zweiminütige Sequenz, die auf Olšany gedreht wurde, beginnt mit einem shot auf diesen Engel. 2010 hatten wir uns zum ersten Mal auf die Suche nach ihm begeben, er hat an Glanz gewonnen und bewacht noch immer den Ort der Dreharbeiten.
Sektion II, eine der beiden ältesten Abteilungen des Friedhofes.
Das Unaussprechliche an Olšany? Vermeidet man, indem man nicht in Abgründe wie diese blickt. Sometimes they stare back.
Wie man zur Burg Pernštejn kommt: Man nimmt einen Zug von Brno nach Tišnov, steigt dort um in einen Zug nach Nedvedice, schaukelt durch wilde Gebirgslandschaft, ruft „Hüte festhalten, Ladies!“, Mylady ruft „Ich halte nicht am Borgo-Pass!“, es riecht verdammt stark nach Knoblauchwurst, man erinnert sich an die Fledermaus von gestern abend mitten in Brno, groß wie die von Willem Dafoe ausgelutschte in „Shadow of the Vampire“, steht dann recht unvermittelt auf dem Bahnhof dieses Fleckens unterhalb der Burg und hat noch zwei Kilometer zu gehen. Aufwärts. Aufregend, die Burg in der Ferne zu sehen.
Man kommt nur mit Führung in die Burg. Es gibt vier verschiedene Besichtigungsrouten, für drei davon muß man vorab eine Reservierung tätigen. Und wenn man „Nosferatu – Phantom der Nacht“ von Werner Herzog – mit Klaus Kinski, Bruno Ganz, Isabelle Adjani – für einen der besten und schönsten Filme aller Zeiten hält, ist es von höchster Wichtigkeit, herauszufinden, welche der Besichtigungsrouten an möglichst viele der Punkte führt, die Herzog zwischen dem 1. Mai und dem 6. Juli 1978 für seine Kamera auswählte. Alle Szenen auf der Burg in „Transsylvanien“, auf der Nosferatu / Graf Dracula (Klaus Kinski) Jonathan Harker (Bruno Ganz) empfängt, wurden auf Burg Pernštejn gedreht – insgesamt etwa 25 Minuten des Films.
Mein „Mám otázku“ („Ich habe eine Frage“) war bei der wunderbaren Radka Loukotova aus dem Ticket Office gelandet. Sie bedauerte zunächst, daß die Tour, die ich favorisiert hatte, nur auf Tschechisch angeboten wird. Ich antwortete, das sei kein Problem, erwähnte „Nosferatu“ und unseren Wunsch, auf der Burg so viele Schauplätze des Films wie nur irgend möglich sehen zu können. Mlle. Loukotova kannte den Film nicht, setzte aber Hebel in Bewegung, „trying to figure out where it was taken“, und teilte wenig später mit, ein Kollege habe bestätigt: „it was taken in the Entrance Hall, Tyrolean Courtyard, Reception Hall“. Ich schickte ihr einige Screenshots aus dem Film, unter anderem mit dem Gang, den Bruno Ganz im oberen Stock unternimmt, bis er an die dritte Tür kommt: jener Raum, in dem Harker untergebracht ist, an Lucy schreibt, und bei Nacht dem Nosferatu schließlich zum Opfer fällt. Die charmante Antwort: „Dear Mr. Erdmann, you are welcome, there’s nothing to thank for. :) Thank you for that pictures, they helped a lot. It is – as I thought – Entrance Hall and Reception Hall and they both are in number I. But because of that corridor it would be better to join number III… But I have to tell you that the room in the corridor isn’t included. You will see just the closed doors – is it enough? :) Well, it seems it’s really complicated at our castle, but I believe you will like it here :)“
Besichtigungsrunde III also. Im Ticket Office kommt es zur herzlichen Begrüßung mit Mlle. Loukotova („You must see that movie!“). Wir waren für 14:00 gebucht, dürfen aber noch in die 13:00-Tour rutschen. Daß man nur mit Begleitung in die Burg darf, hat sicher auch den Vorteil, daß man sich nicht verirren kann, unabsichtlich oder absichtlich. Gewissermaßen ist es in der Tat „really complicated at our castle“: der Palas ist labyrinthisch.
Im Burghof hinter dem IV. Tor schauen wir uns die Kapelle an und warten auf den Beginn der Führung. Überwältigt von dem Gefühl, wirklich hier zu sein.
Der erste Teil der Szenen, die Herzog auf Burg Pernštejn dreht: Harkers Ankunft.
Man betritt den Palas über dieselbe Treppe, auf der Bruno Ganz zur Begegnung mit Klaus Kinski emporsteigt.
Die Treppe ist überdacht, ein diagonaler Korridor gleichsam, und sie ist so lang, daß man sich fragt, ob bzw. wie Herzogs Kamera auf den Trittstufen stand. Klaus Kinski dagegen steht im Freien.
Es ist leider nicht erlaubt, im Palas zu fotografieren. Auf dem folgenden Bild ist aber zu sehen, wo die Szene spielt. Links, erkennbar an den runden Fenstern, der Aufgang mit der Treppe, die Bruno Ganz hochsteigt. Klaus Kinski wartet hinter der Tür, von der ein kleines Stück zu sehen ist. Besichtigungsrunde III verweilt auf diesem Plateau, und während 25 Menschen der jungen tschechischen Dame zuhören, die uns durch die Burg führen wird, stehen wir da, wo Kinski stand, und flüstern mit Augen groß wie Untertassen. „Ich bin Graf Dracula und heiße Sie in meinem Schloß willkommen“: right here. In der Mitte die Mauer, von der Kinski den Kerzenleuchter nimmt; rechts, unter dem Wappen, der Eingang, durch den Dracula und Harker ins Burginnere gelangen.
Wir kommen in die Entrance Hall: die im 16. Jahrhundert entstandene Eingangshalle mit dem phantastischen Diamantengewölbe. Die erste Szene, die hier spielt, ist das Nachtmahl, mit dem Graf Dracula seinen Gast bewirtet.
Der Erker mit dem Tisch befindet sich auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite der Halle. Teile des Diamantengewölbes der Entrance Hall sind im establishing shot sichtbar.
Die Ausstattung unternahm Herzogs Team, Herzog erwähnt im Audiokommentar des Films „völlig leere Eingangsräume“. Teilweise benutzte man für die Szenen Mobiliar und Gegenstände, die andernorts auf der Burg zu finden waren; die Uhr dagegen wurde von einem handwerklich begabten Mathematiker namens Cornelius Siegel eigens für den Film angefertigt. – Jörg Schmidt-Reitwein, der Kameramann, von Herzog zurecht gerühmt als Magier der Beleuchtung, ist Sohn eines Malers.
„Hören Sie? Hören Sie! Die Kinder der Nacht, wie sie Musik machen!“
Harker schneidet sich mit dem Brotmesser in den Finger, das Blut reizt den Vampir, der vorgibt, nur die Wunde aussaugen zu wollen, „Bitte lassen Sie mich… das ist das älteste Heilmittel der Welt…“, Harker weicht vor dem enragierten, plötzlich gefährlichen Vampir zurück, Nosferatu / Kinski drängt ihn durch die Halle, an einem der Treppenaufgänge vorbei, Harker fällt in einen der Stühle vor dem Kamin. Der Vampir läßt schwer atmend ab: „Wir sollten noch zusammen aufbleiben… es ist noch lange bis zum Sonnenaufgang.“ Harker schlummert vor dem Kamin ein.
Der Kamin existiert nicht. Im Audiokommentar sagt Herzog: „Dieser Kamin ist gebaut“, wir dachten, daß Herzog an einen vorhandenen Kamin diesen bizarren Vorsatz anbringen ließ, tatsächlich befindet sich aber in der Halle kein Kamin.
Nach dieser alptraumhaften Nacht erwacht Harker in der Halle; der Vampir ist verschwunden. Harker findet einen reich gedeckten Tisch vor und beginnt dann, die Burg zu erforschen, dieses Gemäuer, „das so irregulär und so seltsam ist und so viele merkwürdige Türen hat, da habe ich gesagt, das muß ohne Schnitt gehen, wir dürfen hier nicht schneiden, wir müssen sozusagen dem Mann jetzt folgen. Und wir müssen das Gefühl haben, es gibt keinen Ausgang.“ (Herzog)
(Bei der Silhouette, die man am Ende dieses Filmausschnittes sieht, handelt es sich um die Ruine von -> Burg Strečno in der Slowakei, nicht um Pernštejn)
Hinter Bruno Ganz eine rätselhafte Tür, die auch später für ihn verschlossen bleibt, und von der wir auch während der Führung nicht erfahren, wohin sie führt.
Blick in Richtung Eingang:
Harkers Blick fällt auf eine der beiden Treppen, die sich an den Längsseiten der Halle befinden – sofern man bei diesem unübersichtlichen Grundriß von „Längsseiten“ sprechen kann.
Die Handkamera folgt ihm durch die Halle, und schwenkt dann, seinem Blick folgend, zum Diamantengewölbe hoch.
Harker takes the stairs. Auf der anderen Seite der Halle führt eine fast identische Treppe hinauf. Falls der Nosferatu-Liebhaber darob in der Halle die Orientierung verliert: ein kleines Fenster gibt es nur bei dem einen Treppenaufgang.
Auch einige Szenen des Films „Bathory“ von Juraj Jakubisko wurden auf Burg Pernštejn gedreht. Hier führt Erika, eine Dienerin Elisabeths, Caravaggio (the same) die Treppe hinauf; auch Jakubisko läßt zum Diamantengewölbe schwenken.
Herzogs Kamera steht hier in der Reception Hall, einem Saal, der die Eintrittshalle im ersten Stock gleichsam wiederholt. An einem Punkt der Führung stehen wir genau da, wo die Kamera steht, um dann wie Bruno Ganz den Gang zu erforschen. Dieser Gang führt rund um den Palast und war ursprünglich ein Wehrgang auf der Burgmauer.
Harker geht an zwei Fenstern vorbei, schaut in zwei Räume, deren Türen offenstehen, und kommt dann zur dritten Tür; in diesem Raum findet er seine Packtaschen.
Man findet Inschriften an mehreren Stellen der schmalen Gänge; im Ausschnitt Herzog – Nosferatu – III erkennt man eine davon bei Minute 2:55. Vermutlich haben Soldaten, die sich bei der Nachtwache langweilten, im 16. Jahrhundert die Wände mit Rötelstift bekritzelt. Manche der Inschriften sind Zitate, etwa aus der Bibel, man findet auch eine der ersten Übersetzungen Ovids ins Tschechische, anderes ist originäres Gedankengut der Soldaten. Vielleicht hat sich auch eine unglückliche Prinzessin verewigt, oder die in den Burggängen umherirrende Weiße Frau: natürlich hat Pernštejn sein Gespenst, der Geist einer Kammerzofe, die es vorzog, sich im Spiegel zu bewundern, statt fromm zu beten. Darum gibt es hier auch einen Spiegel, von dem es heißt, daß jeder, der hineinblickt, binnen eines Jahres seine Schönheit verlieren wird.
Harkers Zimmer:
Blick auf die Burg von außen. Harker befindet sich in dem Eckzimmer mit den hell umrahmten Fenstern. Links der Turm der Vier Jahreszeiten.
Die folgende Szene: Harker erwacht aus der Nacht, in der er von Graf Dracula heimgesucht wurde, eilt hinunter, und wir können die Entrance Hall noch einmal en detail erkunden. Zuletzt läuft er, wie schon in einer Szene zuvor, in den kleinen Burghof: dies ist der „Tyrolean Courtyard“.
Unfaßbar, als wir den Hof betreten, gerate ich an derselben Stelle in das Löchlein zwischen den Steinen wie Bruno Ganz. Während die Führung im Tiroler Hof erneut anhält, besetze ich die Stelle, an der Bruno Ganz für immer leicht ins Straucheln kommt (1:20), und muß fast weinen. Niemand bessert diese Stelle jemals aus, das ist ein Befehl.
Auch diese Szene aus „Bathory“ wurde im „Tyrolean Courtyard“ gedreht:
Schaut man im Tiroler Hof nach oben, sieht man nur ein winziges Stück Himmel. Durch das bizarr zusammengewachsene Gebilde der Gebäude blieb über dem alten Burghof nur noch ein Lichtschacht in der Mitte des Palas.
Die Ursprünge der Burg liegen im 13. Jahrhundert, 1285 wird Burg Pernštejn erstmalig erwähnt. „Pernštejn“ ist eine altböhmische Abwandlung von Bärenstein. Die ersten Herren der Burg trugen den Namen von Medlov, später übernahm der auf der Burg lebende Familienzweig den Namen Pernštejn. Im Laufe des 14. Jahrhunderts verlor die Familie an Bedeutung, auf der Burg wußte sich Vilém I. von Pernštejn jedoch zu behaupten. Er hielt eine kleine Truppe auf der Burg, die man manchmal nur schwer von einer Diebesbande unterscheiden konnte, und es gelang ihm, Vorteile aus der Unterstützung verfeindeter Parteien zu ziehen. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde damit begonnen, die Burg zu befestigen; Viléms Sohn Jan I. ließ die Wehrhaftigkeit der Burg erhöhen, seine Herrschaftszeit und die Regentschaft seiner Söhne Vratislav I. und Vilém II. (in der zweiten Hälfte des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts) bedeuten die Aera der größten Bautätigkeit auf der Burg.
Im 16. Jahrhundert wurden Burgen als Familienwohnsitz weitgehend von komfortablen Schlössern abgelöst. Unter Vilém II., der seine Familie zur reichsten im Böhmischen Königreich und in der Markgrafschaft Mähren gemacht hatte, begann sich auch Pernštejn in das Denkmal einer Adelsfamilie zu verwandeln. Die letzte Bautätigkeit von Bedeutung erlebt Pernštejn in der Mitte des 16. Jahrhunderts unter Jan II., von dem der Satz stammt: „Wenn es nichts mehr zu bauen gibt, laßt etwas abtragen und baut es neu auf.“ 1596 aber zwingt der unaufhaltsame Vermögensverlust die Familie zum Verkauf der Burg; einige Jahrzehnte später stirbt die Familie, als wäre ihr Fortbestand nur auf der Burg möglich gewesen, vollkommen aus.
Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges ging die Burg in den Besitz der Grafen von Lichtenstein-Kastelcorn über, kaisertreu und trotz Belagerung durch die Schweden (1645) auf der Seite der Sieger, 1655 wurde Pernštejn zur mährischen Landesfestung ernannt, während viele andere Burgen als mögliche Nester des Widerstandes gegen die Habsburger zerstört wurden.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts übernahm die Familie der Stockhammer die Burg, unter deren Herrschaft die Wände und das Deckengewölbe des Rittersaals mit Stuckverzierungen versehen wurden. Seit 1760 keine Festung mehr, kam die Burg gegen Ende des 18. Jahrhunderts in den Besitz von F. I. Schroeffel von Mansberg; dessen Nichte ehelichte 1828 Vilém Mitrovsky. So gelangte Pernštejn in den Besitz der letzten Adelsfamilie, die, obgleich nicht ständig auf der Burg wohnhaft, bedeutende Spuren hinterließ: Viléms Sohn Vladimir I. ließ die vernachlässigte Burg mit großem Aufwand sanieren.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mit Büchern aus dem Familienbesitz der Mitrovsky im großen Saal des Renaissancegebäudes eine Bibliothek gegründet, eine naturgeschichtliche Sammlung kam hinzu.
In dieser Bibliothek drehte Herzog die Szene aus „Nosferatu“, in der Graf Dracula den Kaufvertrag für das Haus in Wismar umgehend abschließen will, als er ein Bildnis von Harkers Frau Lucy – Isabelle Adjani – sieht. Es ist die wunderbare „Ich lege keinen Wert mehr auf Sonnenschein und blitzende Fontänen“-Szene: „Die Papiere, den Vertrag, ich unterschreibe sofort!“ – „Eigentlich haben wir noch keinen Preis festgesetzt…“ – „Das ist doch ganz unwichtig!“ Unsterblich.
Wir dürfen die Bibliothek von einer Treppe aus sehen. Und in der naturgeschichtlichen Sammlung haben wir unter der Vielzahl ausgestopfter Vögel den einen entdeckt, von dem Herzog oder ein Requisiteur bei den Dreharbeiten sagte: den stellen wir Kinski auf den Tisch. Es gibt dort zwei ausgestopfte Adler; den für den Film ausgeliehenen Adler erkennt man daran, daß er etwas in den Fängen hat, das einmal ein kleines Füchslein war.
Der ausgestopfte Wolf, der am Anfang dieser Szene zu sehen ist, steht noch an derselben Stelle.
„Zeit, das ist ein Abgrund, tausend Nächte tief…“
Als wir in einem der oberen Stockwerke, man hat längst die Orientierung verloren, einen Treppenabsatz erreichen, flattert hinter einer Glasscheibe, die einen Gang abtrennt, aus unerfindlichen Gründen eine kleine Fledermaus, wie ein Nachkomme der kleinen Gesellen, die bei Bruno Ganz am Fenster hängen. Den Enthusiasmus, mit dem wir dem zur Unzeit aufgeregten Flattermäuschen begegnen, quittiert unsere Führerin mit abgeklärtem Lächeln.
Nach der Führung durch den Palas genießen wir eine köstliche heiße Schokolade in der Gaststube, der alten Burgschenke aus dem 16. Jahrhundert, dann erkunden wir noch einmal das weitläufige Burgareal, jeden Zentimeter, der von außen zugänglich ist.
Blick auf das IV. Tor mit den Wappen des Grafen Vilém Mitrovsky und seiner Gemahlin Josefina Schroeffel von Mansberg.
Blick in die andere Richtung: das III. Tor, rechts die alten Kutschenhäuser, links der sogenannte Schroeffel-Garten.
Im Schroeffel-Garten
Zuletzt identifizieren wir noch den Schauplatz der Szene, in der Harker von der seltsamen Kutsche in die Burg gebracht wird; die Kutsche fährt durch das Tor des sogenannten Barbakan, der die Verteidigung mit Feuerwaffen ermöglichte.
WOW!! Danke, wunderschöner abendlicher Ausflug für mich. Als ich sah, daß Teil 3 Eurer Reise dran war, hab ich mir erstmal eine köstliche heiße Schokolade gemacht und als ich von Eurer las, nahm ich gerade einen Schluck :) Werde den Film nun mit wieder neuen Augen sehen, nehme ich mir gleich fürs Wochenende vor. DANKE!
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
In der Schenke hört man noch das Gejohl und Geklirr der Soldaten, die da vor Jahrhunderten ihren Sold verzechten, und genießt diese köstliche heiße Schokolade folglich etwas verschämt. Danke also für Deine Solidarität. :)
ray05:
Die Sachwalter des Burgtourismus wissen nichts von „Nosferatu“? Da treibt’s mir gleich den Pflock ins Herz, wenn das höre. Erinnert an Prag: dort sind auch alle mit plötzlicher Taubheit geschlagen, wenn der Name Kafka fällt. :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Seufz, ja. Um meine Zähren zu trocknen, sagte ich mir: keiner von uns kennt alles. Ich zum Beispiel kannte bis vor kurzem „Inception“ nicht. Ich kenne „Inception“ auch jetzt noch nicht so richtig, weil mir der autistische Krach von Hans Zimmer, gegen den die Schauspieler phasenweise anschreien müssen, so auf den Senkel ging.
Daß man keine heilige Zusammengehörigkeit von „Nosferatu“ und Pernstejn zelebriert, hat sicher viele Gründe, und für viele Dinge ist vielleicht auch erst jetzt langsam Zeit. Im Sozialismus dürfte die Burg tatsächlich nichts als ein leerer Spuk gewesen sein. Kafka: Prag, Hotel, Nacht, an der Rezeption saß dieser studentisch aussehende Mensch mit Buch. Ging nochmal runter zu ihm, weil ich dachte, den könnte ich nach dem Kafka-Museum fragen. Also nicht dem in Kafkas Geburtshaus, sondern dem anderen, von dem man nie was liest. „What was the name?“ Über seinem Nerd-Pizzateller googelte er dann erstmal nach Kafka. Ich meine, der hat ja auch einiges hinter sich da, der Kafka. Verfemung aus politischen Motiven, Vereinnahmung aus politischen Motiven, Vermarktung. Verstehe schon, wenn es Zeit braucht, Kafka einfach so entdecken zu wollen als weltbesten Literaten aus Prag. Something else aber: die schmerzliche Einsicht, daß man tatsächlich einen Schritt vor den anderen setzen kann, ohne Herzog, Kinski, Kafka, Rilke und Rimbaud, Cave und Cale, 89% dessen, was unsereins so liebt, auch nur zu kennen. Ist aber so. Diese Einsicht macht aus unsereins den Nerd. Ich hab nur irgendwann beschlossen, unverdrossen ins Wasser schreiben. :)
ray05:
Ins Wasser schreiben: da denk ich an Flaschenpost. Ist eh alles Flaschenpost durch Zeit und Raum. Jedes gut verkorkte Zettelchen trägt die geheime Überschrift „Message to our folks“. :) Ich werd der Isar ne richtig altmodische Flaschenpost mit auf die Reise geben. Meinste, die können Englisch in Bulgarien?
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Ne Menge alter Verstecke von Schwarzmeerpiraten da unten. Was hast Du vor, eine Piratenbraut aus dem 17. Jahrhundert nach Marienbad einladen? :) „Alles ist Flaschenpost durch Zeit und Raum“, voilà. Take them down the only road you’ve ever been down. You know the one that takes you to the places where all the veins meet.
Anonym:
…unverdrossen ins Wasser schreiben: Ja, tun Sie das weiter!
Ohlsdorf Cemetery is a huge park actually, you have to search a little to find these angels and many of them look like they just crash landed. It’s a space of bruised angels really.
Ich träumte von einer Tigerin, die mit 12 Meter hoher Eleganz über die Ebene lief wie durch ein Dali-Bild, in einem 60°-Winkel zu den Gleisen, so daß ich vom Zugfenster aus das Schauspiel ihrer Gangart noch bewundern konnte, bevor es verglühte.
Elisabeth Bathory, die berüchtigte „Blutgräfin“, wurde auch „Tigerin von Čachtice“ genannt.
Im Juni 2012 wurden die Ruinen von Burg Čachtice geschlossen für reconstruction works. Trotzdem fahren wir an diesem Morgen von Bratislava nach Nové Mesto nad Váhom und nehmen dort den Zug nach Čachtice. Wie erwartet steigt außer uns nur The Ghost of Electricity an diesem Bahnhof aus.
Wir nehmen uns vor, die Burg Čachtice noch einmal zu besuchen, sobald die Arbeiten an der Ruine abgeschlossen sind, und im Sommer 2014 erfüllt sich der Plan. Dieser zweite Besuch ist hier erzählt:
Auf Befehl des Königs Matthias II. von Ungarn (= Kaiser Matthias HRR) stürmt und durchsucht Palatin Graf György (Georg III.) Thurzo, ein Vetter von Elisabeth, in einer kalten und schneereichen Nacht am 29. Dezember 1610 mit einem Trupp Soldaten die Burg Čachtice. Elisabeth Bathory wird wegen vielfachen Mordes an jungen Mädchen auf ihrer Burg festgesetzt. In Bitcse (Bytca) werden zwei Prozesse abgehalten, auf Ungarisch und Latein, bei denen Elisabeth keine Anwesenheit erlaubt ist. Der Prozeß besteht aus der Vernehmung von Mitangeklagten und einer Unmenge von Zeugen.
Die Aussagen der Mitangeklagten, drei Dienerinnen und ein Diener der Gräfin, werden laut Prozeßunterlagen einmal freiwillig, ein weiteres Mal unter der Folter erbracht. Als Resultat des Prozesses werden zwei der Dienerinnen, Ilona Jó und Dorottya Szentes, die Finger abgerissen, beide dann lebendig verbrannt. Elisabeths Gehilfe Johannes („Ficzko“, Bürschchen) wird geköpft, seine Leiche auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Matthias verlangt „die Einhaltung göttlichen Rechts“, also das Todesurteil gegen Elisabeth, Thurzo läßt sie jedoch in einem kleinen Turmzimmer auf Burg Čachtice einmauern. Sie wird nur mit dem Nötigsten versorgt, bis an ihr Lebensende gibt es Kontakt zur Außenwelt für sie nur durch eine kleine Öffnung in der Mauer.
Am 31. Juli 1614 macht sie ihr Testament. Am 21. August 1614 stirbt Elisabeth Báthory.
Das Grab der „Blutgräfin“ ist unbekannt. Einem Bericht zufolge wird sie am 25. November 1614 – nach drei Monaten also – in der Kirche von Čachtice beigesetzt. Ein Sarg wird dort aber auch nach mehreren Untersuchungen nicht gefunden.
Zwei kleine Mädchen, die am Straßenrand spielen, sagen artig „Dobry den!“, als wir vorbeigehen, wir sagen auch „Dobry den!“. Ein Hund sagt auch Guten Tag. Dem war wohl seit Äonen langweilig, er bellt, daß es eine Art hat, und läuft ein Weilchen freudig mit. Die schmalen Straßen, die sich hinter der Kirche in die Höhen des Burgbergs winden, sollen Kúria und Podzámska heißen, aber Straßenschilder finden wir hier nicht. Vom Ort aus ist die Burgruine nicht zu sehen, sie liegt versteckt hinter den Wäldern, die man beim Anstieg durchquert und dabei an die 1800 freilaufenden Bären in der Slowakei denkt, zuerst auf Asphalt, dann auf Lehmwegen. Erst aus einigen hundert Metern Entfernung sieht man die Burg.
Und man sieht dies. Die Stille, die nichts mehr weiß von den Schreien gefolterter und sterbender Mädchen.
As close as we can get.
Die Kirche von Čachtice von der Straßenseite aus. Ursprünglich gotische Kirche aus dem Ende des 14. Jahrhunderts.
Eingemauerter Grabstein bei der Kirche
Kaltes Rajec unter Sonnenschirmen, ein süßes „Auf Wiedersehen!“ der Saaltochter. Das kleine Schloß Draškovic, im Stil der Spätrenaissance im 17. Jahrhundert erbaut, beherbergt das Museum von Čachtice. Die Präsentation zu Elisabeth Báthory ist sichtlich modernisiert. Enthielt eine Reportage von 1999 (T. Niederberghaus im Tagesspiegel) noch die klassische Folklore („Was wollen Sie denn dort oben in den geheimnisvollen Gemäuern“, „Viele von ihnen meiden das verfallene Anwesen noch Generationen später“ und „Daß die Einwohner in Čachtice empfindlich reagieren, wenn man sich nach der Báthory erkundigt…“), scheint man sich nun mit der Historie langsam zu arrangieren.
Zu sehen ist Elisabeths Handschrift. (Original im Staatsarchiv in Bytca)
Präsentiert wird auch diese Reproduktion eines Gemäldes, das Elisabeth Báthory zeigt.
Das Original dieses Portraits befindet sich im Ungarischen Nationalmuseum Budeapest. Ein anderes Bildnis Elisabeths wurde 1991 aus dem Museum von Čachtice gestohlen.
Das zweite Testament der Elisabeth Báthory vom 3. August 1614. Nicht Elisabeths Schrift. Denn: „Wir, das Domkapitel von Esztergom, geben dies zu Gedächtnis: daß wir auf die freundliche Bitte der vornehmen und erhabenen Frau Gräfin Elisabeth Báthory, der Witwe des erlauchten und erhabenen einstigen Herren Grafen Nádasdy, da sie wegen ihrer Gefangenschaft nicht persönlich zu uns kommen konnte, zwei unserer Ehrwürdigen, nämlich die Herren Andreas Kerpelich und Emericus Agiens, unsere Brüder und Mitkanoniker, zur Kenntnisnahme des nachstehenden Bekenntnisses der Frau ausgeschickt haben, um uns ihrerseits als hierfür geeignete Zeugen zu dienen, worauf diese schließlich, nachdem sie zu uns zurückgekehrt waren, unter Eid, wie er hierfür in einem allgemeinen Dekret festgelegt ist, dies berichteten:
Daß diese im gegenwärtigen Jahr des Herrn 1614, am Tag des 31. Juli in der Burg namens Csejte, erbaut im Komitat Neutra angekommen waren, wo die vorgenannte Frau Gräfin Elisabeth Báthory in der persönlichen Gegenwart dieser unserer Brüder freiwillig und aus eigenem Antrieb folgendes aussagte und sich auf diese Weise äußerte: (…)“
Der berühmte Brief von Thurzo an seine Frau vom 30. Dezember 1610.
(…) Geliebtes Herz, ich kam gestern hier in Ujhely an, Gott sei Dank in guter Gesundheit. Ich ließ Frau Nádasdy festnehmen, jetzt wird sie in die Festung gebracht. Ihre Folterer, die bösen, Unschuldige tötenden Frauen mitsamt einem jungen Mann, der ihr Helfer war in vielen Schandtaten, habe ich ebenfalls hinaufgeschickt. Sie sollen unter strenger Bewachung und in Haft bleiben, bis Gericht über sie gehalten wird. Die Frauenzimmer werden in der Stadt, der junge Mann aber in der Festung gefangengehalten. Als unsere Männer und Knechte in das Kastell in Csejte ankamen, fanden sie gerade ein Mädchen tot, ein zweites gefoltert und voller Wunden im Sterben liegend. Eine dritte Frauensperson war ebenfalls gepeinigt und verwundet. Außerdem waren einige für künftige Folterungen in strenger Haft gehalten von der verdammten Frau. Ich warte nur, daß die verdammte Frau in die Festung gebracht und versorgt wird. Dann mache ich mich auf den Weg, und wenn der Herr es gibt, komme ich morgen nach Hause. Gott gebe, daß wir uns in guter Gesundheit wiedersehen. Seiner guten und heiligen Vorsehung empfehlen wir uns und unsere geliebten Kinder. Geschrieben in Eile, in Ujhely, am 30. Dezember 1610. Dein Dich liebender Wandergeselle, der Dich so liebt, wie sein eigenes Herz, seine Seele und sein Leben. Graf Georg Thurzo manu propria
Auch die Krypta der Kirche von Čachtice barg keinerlei Anzeichen für Elisabeths letzte Ruhestätte. Die Kirche durch ein Fenster des Museums gesehen.
„Csejte, 16. November 1607. Elisabeth Báthory teilt mit, daß sie am vergangenen Dienstag (13. Nov.) bei gutem Wohlbefinden Csejte erreicht hat. Wenn Gott ihr die Gesundheit gibt, wird sie, Thurzos Wunsche Folge leistend, bei der Vermählung seines Kindes anwesend sein. Es ist ihr ein Vergnügen, sich ihm dienstbar zu erweisen.“ – Brief von Elisabeth an Thurzo. „Die Briefe zeigen eine schöne und gleichmäßige, gut leserliche Handschrift und deuten auf viel Übung hin…“ (Ravelsberg; Farin 239).
In der Halle begegnet man Elisabeth noch einmal. Als Plakat ans Gewölbe geschraubt, damit man sich von ihrem Blick verfolgen lassen kann.
Das Draškovic-Kastell.
Wir wandern zum Bahnhof zurück. Trotz gewissenhaften Studiums slowakischer Fahrpläne vor der Reise wird schnell die Frage drängend, ob hier noch ein Zug kommt.
An diesem Bahnhof ist bis auf die letzte Glühbirne alles abgeschraubt. Irgendjemand brauchte auch dringend ein C.
Der Versuch, bei den Gleisen die Burg Čachtice nachzubauen, blieb in den Kinderschuhen stecken.
Once Upon a Time in the East
Der Mundharmonikaspieler kommt mit dem Zug
Donnerstag, 30.08.2012
Bär erschien nur 5 km vor Bratislava!
Zum letzten Mal wurde ein Bär vor den Toren Preßburgs um 1600 gesichtet. Hatte ich mir so mein Ende vorgestellt? Auf dem Weg zum Bahnhof von Bratislava von Meister Petz gefressen zu werden? Stefánikova: coast is clear.
„Dva listky do Brno, prosim“ wird verstanden, jeder furchtlose Ausflug ins Paraslowakische lächelnd entgegengenommen. Auch schrilles „Tri listky! Tri listky!“ stört die Atmosphäre auf dem Bahnhofsplatz nicht sehr.
Mähren, Brno, Brünn, Hotel Europa, Kapitana Jaroše 27, Zimmer 105. Der Blick aus unserem Hotelzimmer.
1000 Meter Luftlinie entfernt von hier wohnte Robert Musil, in der ehemaligen Augustinergasse, heute Jaselska. Die Musils zogen nach Brünn, als Robert 10 Jahre alt war.
Nichts von „Brünner Funktionalismus“ zu sehen. Klassische Schönheit, Historismus, Gründerzeit, Jugendstil.
Als erstes besuchen wir die Kapuziner.
Das Schild führt zur Krypta unter der Kapuzinerkirche. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden in der Kapuzinergruft die Ordensbrüder bestattet, auch einige prominentere Tote, Gönner und Förderer des Ordens. Die Beschaffenheit des Gesteins im Kirchenfundament und ein ausgeklügeltes System von 60 kleinen Schächten, das für einen steten Luftzug sorgt, führten zur Mumifizierung der Toten. Um die 50 Mumien haben sich in der Gruft erhalten, aus den Jahren zwischen 1658 und 1784 – danach verfügte Joseph II. die Schließung aller Friedhöfe im Stadtgebiet und verbot auch Bestattungen in Kirchen oder kirchlichen Grüften.
Die Welt hier unten ist nicht unbedingt für die zartesten Gemüter. Im ersten Raum mumifiziert ein Pandur. Franz Freiherr von der Trenck, Vetter des Friedrich Freiherr von der Trenck, eine der schillerndsten Gestalten des 18. Jahrhunderts.
Geboren am 1. Januar 1711, Sohn eines preußischen Offiziers, Jesuitenschule, wo er während einer Fronleichnamsprozession seine geweihte Kerze auf dem Kopf eines Studenten in kleine Stücke schlägt. Mit 17 im kaiserlichen Regiment, gefährdet er sein Leben in einer Reihe von Duellen, seine Eskapaden machen Trenck in Adelskreisen bekannt und berüchtigt, eine der ersten Damen der Wiener Gesellschaft bekommt seinen Zorn auf besonders unangenehme Weise zu spüren. Aus dem Regiment entlassen aufgrund ausschweifenden Lebens und ausgeprägter Streitlust. Rittmeister in einem russischen Husarenregiment, dann Dragonerregiment, erneuter Ärger, als Trenck den Obersten öffentlich ohrfeigt. Trenck steht schon vor dem Erschießungskommando, Pardon des Feldmarschalls in letzter Sekunde, Trenck wird zu Strafarbeit auf der Festung Kiew verurteilt, danach Rückkehr auf seine Güter in Slawonien.
Bei Ausbruch des österreichischen Erbfolgekriegs 1740 erhält er von der jungen Maria Theresia die Erlaubnis, einen Trupp von 1000 Panduren auf eigene Kosten auszurüsten und nach Schlesien zu führen. Die Pandurenarmee wächst auf 5000 Mann an, fällt durch wagemutige Streifzüge und tollkühne Eroberungen auf, aber auch durch grausame Härte vor allem gegen die Zivilbevölkerung; ein bunter Haufen von Galgenvögeln und Schwerverbrechern, und ein blutiger: bald waren Trenck und seine Panduren, mit ihrer eigentümlichen Tracht und Bewaffnung, wegen ihrer Raub- und Mordlust landauf, landab gefürchtet. 1744 nimmt Maria Theresia den Vorschlag an, Trenck zum Obristen zu befördern. Als Trenck bei der Schlacht von Soor das preußische Lager plündert, bringt er das Tafelsilber Friedrichs II. an sich. Die Beschuldigungen gegen Trenck häufen sich, Maria Theresia muß eine Untersuchungskommission anordnen. Hausarrest in Wien mißachtet er, fährt in den schönsten Equipagen in der Stadt herum. Im Theater, Maria Theresia ist ebenfalls anwesend, stürzt sich Trenck auf einen seiner Gegner, den er in einer Loge entdeckt, um ihn zu züchtigen.
Damit ist das Maß endgültig voll, Trenck wird 1746 vor dem Kriegsgericht in Wien der Prozeß gemacht, unter den Anklagepunkten fahren Trencks Gegner auf: daß er einige seiner Panduren niedergemetzelt habe; daß er zum Raub von Kirchengerät aufgefordert und Geistliche mit Schlägen mißhandelt habe; daß er Regimentsgelder veruntreut habe; Greueltaten, Ungehorsam, Insubordination. Während der Verhandlung packt er den Präsidenten des Gerichts, schleift ihn zum Fenster und macht Anstalten, ihn hinauszuwerfen, was die anwesenden Wächter gerade noch verhindern können. Trenck wird zum Tode verurteilt, das Einschreiten Maria Theresias ändert das Urteil 1748 zu lebenslanger Festungshaft in den gefürchteten Kasematten der Burg Spielberg in Brünn. Im schrecklichsten Kerker der Monarchie erkrankt Trenck, trotz Maria Theresias Befehl, ihm „alles, was er nur wünsche, nur nicht die Freiheit“ zu gewähren, nach nur einem Jahr und stirbt, mit 38 Jahren, am 14. Oktober 1749.
Trencks Mumie liegt seit 1872 in einem verglasten Metallsarg aufgebahrt. Der Deckel dieses Zinksarges ist mittlerweile, eigentlich, an einer der weißen Wände dieses Raumes aufgehängt, befindet sich aber gerade in der Memento Mori-Ausstellung im Prager Loreto. Man kann um den Abenteurer und daredevil herumgehen und durch die Glasfenster die äußerste Seltsamkeit seines post mortem-Sonderweges betrachten. Schaurige Präsenz, die durch Jahrhunderte spukt. Ob der Kopf Trencks eigener ist? Es geht die Geschichte, daß der Pandur zwei Wochen nach seinem Begräbnis geköpft und sein Schädel gestohlen wurde. Ein zur gleichen Zeit verstorbener Kapuzinermönch soll ihm seinen Kopf geliehen haben. Eine gewisse Verbindungslosigkeit zwischen Kopf und Körper scheint erkennbar, aber das Rätsel bleibt. Kopfräuber oder Kopf wurden nie gefunden.
Im September 1749 hatte Trenck sein Testament aufgesetzt, in dem er auch die Kapuziner großzügig bedachte. 1740 hatte er mit 30 Panduren türkische Räuber bis in deren Heimat verfolgt und sich dann einem Konflikt mit der Justiz wegen seines eigenmächtigen Vorgehens durch Flucht nach Wien entzogen, wo die Kapuziner ihm Asyl gewährten, bis die Angelegenheit durch Vermittlung Herzogs Karl von Lothringen bereinigt war.
Es heißt, daß Trenck zu der Stunde starb, die er vorausgesagt hatte. Daß er sich die Tonsur scheren ließ und das Habit der Kapuziner anlegte. Daß er ausrief: „Gottlob, meine Stunde ist gekommen!“, sich an einen Tisch setzte, den Kopf auf die Arme stützte und so verweilte. Als die Anwesenden ihn nach einer Weile berührten, stellten sie fest, daß er tot war. Es ging auch das Gerücht, Trenck sei im Besitz des legendären Giftes namens Aqua Tofana gewesen. Mozart glaubte während der Arbeit am Requiem, durch Aqua Tofana vergiftet worden zu sein.
Mit Trenck in einem Raum: Clementiana, Märtyrerin aus der Zeit der Christenverfolgung, das Gesicht unter rätselhaft schöner weißer Maske.
In einem anderen Raum die Mitglieder der Familie Grimm. Barockbaumeister Moritz Grimm, seine Frau Vorsila, sowie Franz Anton Grimm, beider Sohn, ebenfalls Baumeister und Ingenieur. Moritz Grimm installierte das System von Lüftungskanälen, das zusammen mit den geologischen Besonderheiten der Gruft für die Mumifizierung der hier Bestatteten verantwortlich ist.
Im nächsten Raum einige Angehörige der besseren Gesellschaftsschichten, Adelige, Angehörige der Geistlichkeit, bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Sie mumifizierten in Särgen aus dunklem Holz, aus einfachen Brettern gezimmert, Reste von Bemalung, nachgedunkelte und verblichene Ornamente. Einem alten Brauch folgend, blieben die Hobelspäne, die bei der Herstellung der Särge anfielen, in diesen liegen. Der älteste Körper, von Jakob Kunes, stammt von 1658. Jan Zinzendorf, Reichsgraf, ehemaliger General und Herr von Spielberg. Der stumme Schrei seines mit den Jahrhunderten immer weiter aufgerissenen Mundes immer lauter. Daneben seine Schwiegertochter, die 1719 verstorbene junge Komtesse Isabella von Zinzendorf. Ihr Körper ist seltsam verdreht. Ernst Trost schrieb in einer Reportage über Brünn:
„Man starrt die Leiche an und fühlt sich als Zeuge einer schrecklichen Tragödie. Die Haltung der anderen Mumien in der Gruft drückt das Endgültige des Todes aus. Dieses Mädchen aber verkrampft seine mageren Hände in die Schenkel, seine Beine sind ein wenig angezogen, der Körper ist gekrümmt. Unruhe, Entsetzen, Angst, Verzweiflung – all das bekannt diese Mumie mit einem einzigen stummen Aufschrei für die Ewigkeit. Jetzt ist ihr Sarg geöffnet. Damals war er geschlossen und das Mädchen erwachte (…) hier in der Gruft, wo es für jedes Klopfen und Schreien zu spät war“.
Ob die junge Komtesse tatsächlich in panischem Schrecken in ihrem Sarg erwacht ist, oder ob sie an einem epileptischen Anfall starb, der ihre heimgesucht wirkende Haltung erklären könnte – der Anblick ist schauerlich.
Martin Löw, Kaufmann aus Brünn, der Schlag traf ihn während eines Klosterbesuchs, 1773. Jiri Barnabas Orelli, Zunftmeister, die Stiefel wie eben gerade über die ausgetrockneten Überreste gezogen. Franz Preisler, ein Arzt, der die Kapuziner 36 Jahre lang behandelte, ohne Entgelt zu verlangen, trägt ein Rokokohemd nach spanischer Mode.
Ein 12 Jahre alter Ministrant, der während der Messe beim Altar starb.
Der letzte Raum: die Grabstätte der Mönche. Von den 150 hier beigesetzten Kapuzinermönchen haben sich die Leichen von 24 als Mumien erhalten. In Einhaltung ihres Armutsgelübdes verwendeten die Kapuziner nur einen einzigen Holzsarg, in dem sie den verstorbenen Bruder nach den Bestattungsriten auf einer schmalen Treppe in die Gruft hinabtrugen und ihn dann auf den kahlen Erdboden der Krypta legten. Der Kopf wurde durch zwei Ziegelsteine gestützt.
Zwei Räume. In einem kleinen Raum die Mumien von vier Mönchen. Einer scheint uns aus dem Jenseits noch anzulächeln.
Der andere Raum: die Mumien von zwanzig Mönchen in zwei Reihen. Nie etwas Vergleichbares gesehen. Erschreckend und faszinierend. Einige halten noch den Rosenkranz oder ein Kruzifix in den brüchigen Fingern. Einer hält ein langes Holzkreuz im Arm. Manche friedlich, andere mit Furcht in den bröckelnden Gesichtszügen, Schemen der einst lebendigen Physiognomie, verzerrte Fratzen. Alle in den graubraunen Resten ihrer Kutte, mancher noch mit Kapuze. Als würden sie gleich gemeinsam einen Gesang aus der ewigen Dunkelheit anstimmen.
Fotografieren ist in der Krypta nicht erlaubt. Ein Bild aus dem Heft, das man am Eingang erwerben kann:
Ein Fundstück:
Haunting, und da kommt der Kirchenkitsch-Laden bei der Kathedrale St. Peter und Paul wie gerufen. Die Dame konstatiert unser weltliches Erscheinungsbild zunächst skeptisch, wir überraschen sie jedoch mit gezieltem Einsatz religiöser Mimikry, Madame verläßt den Laden mit einem Container Kerzen, ich mit einem Betbild, das mich an gewisse Innencover von Nick Cave-Platten erinnert. Wir werden freundlich verabschiedet.
Die Kathedrale bei Tag.
Die erste dem Apostel Petrus geweihte Kirche wurde hier um 1180 im romanischen Stil errichtet, von diesem Bau ist noch die Krypta erhalten. Im 14. Jahrhundert, während der Herrschaft der Luxemburger, wurde die Kirche in eine dreischiffige gotische Basilika umgebaut. Um 1500 wurde das Patrozinium der Kirche auf den Apostel Paulus ausgeweitet, die Kirche in eine Hallenkirche umgewandelt.
Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Brünn 1643 und 1645 von den Schweden belagert, die Kirche wurde durch Kanonenfeuer stark beschädigt und brannte schließlich nieder. Die Türme stürzten ein. Zunächst nur notdürftig instandgesetzt, wurde die Kirche nach Plänen von Moritz Grimm zwischen 1743 und 1746 umfangreich erneuert. 1777 wurde St. Peter und Paul zur Bischofskirche, der Innenraum aus diesem Anlaß im Barockstil neu gestaltet. Die Türme wurden erst zwischen 1901 und 1909 durch den Wiener Architekten August Kirstein erbaut.
Die Mittagsglocken von St. Peter und Paul läuten um 11, nicht um 12, in Erinnerung an eine List, die General Raduit de Souches im Dreißigjährigen Krieg während der Belagerung von Brno durch die schwedische Armee anwandte. Der Legende nach erklärte der schwedische General Torstenson am Morgen des 15. August, daß er die Belagerung aufgeben würde, wenn er die Stadt nicht vor dem Läuten der Mittagsglocke einnehmen kann. General Raduit de Souches ließ die Mittagsglocke eine Stunde früher läuten, und die getäuschten Schweden zogen sich zurück.
In der St. Jakobs-Kirche befindet sich das Grab von Jean-Louis Raduit de Souches, der Frankreich nach dem Hugenottenkrieg 1629 verlassen hatte. Er gilt als der heldenhafte Retter von Brünn.
St. Jakob wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts als romanische Kirche erbaut, zu Beginn des 16. Jahrhunderts durch einen dreischiffigen Hallenbau ersetzt, unter Beteiligung des seinerzeit berühmten, in Brünn geborenen Baumeisters Anton Pilgram, der zwischen 1511 und 1515 auch die Bauhütte am Wiener Stephansdom leitete.
Baumeister Pilgram neigte zu Schabernack. Am Alten Rathaus hat er ein Türmchen kurios verbogen, an der Fassade von St. Jakob huckt dies Männchen.
St. Thomas
Billa Break, Birne umsonst, zwei Shelties in der Kapitana Jaroše. Der Volkssport „Pflastersteine stehlen“ wurde auch in Brno von der Bevölkerung überaus gut angenommen. Wir gehen Dessous kaufen.
Die Kathedrale bei Nacht.
Petrus und Paulus beobachten den Flug der methodischen Fledermäuse.
Die Burg Spielberg (Špilberk) wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts unter Przemysl Ottokar II. angelegt. Die ältesten schriftlichen Quellen über die Existenz der Burg stammen aus den Jahren 1277 / 1278; 1278 fand in den Burgräumen der Landtag statt. Die gotische Burg war als Sitz der böhmischen Könige und der Markgrafen von Mähren konzipiert, die böhmischen Herrscher weilten jedoch nur gelegentlich auf Spielberg. Die erste Gemahlin des böhmischen Königs Karl IV., Blanche von Valois, verweilte nach ihrem 1337 erzwungenen Weggang aus Prag auf Spielberg.
Im 15. Jahrhundert tritt die militärische Bedeutung der Burg in den Vordergrund, während der Hussitenkriege und vor allem während der Kämpfe zwischen dem böhmischen König Georg von Podiebrad und dem ungarischen König Matthias Corvinus. 1469 gelang es Matthias Corvinus, die erschöpfte böhmische Besatzung der Burg Spielberg zur Aufgabe zu zwingen.
Bis zum 17. Jahrhundert erlebt die Burg unter wechselnden Besitzern einen langsamen Verfall, während des Dreißigjährigen Krieges läßt die geringe militärische Präsenz von etwa 40 Mann zunächst nicht darauf schließen, daß die Burg noch jemals eine bedeutende militärische Rolle spielen sollte.
Das änderte sich schlagartig mit der partiellen Besetzung Mährens durch die schwedische Armee und mit der unmittelbaren Bedrohung Brünns in den Jahren 1643 / 1645. Die Befestigung der Burg und der Stadt wurden umgehend repariert und modernisiert. Als Brünn 1645 unter dem Kommando von Oberst Raduit de Souches drei Monate lang der Belagerung durch die schwedische Übermacht trotzte, war dies ein neuer Beweis für die strategische Bedeutung der Festung. In der Mitte des 18. Jahrhunderts bildete die Burg mit der befestigten Stadt Brünn das bedeutendste Bollwerk in Mähren, das 1742 auch für den preußischen König Friedrich II. zu einem unüberwindbaren Hindernis wurde.
Zur Burg gehörte auch das Festungsgefängnis. Dort wurden nach dem Ständeaufstand 1620 führende mährische Mitglieder der Rebellion gegen die Habsburger einige Jahre lang festgehalten, es gab „gewöhnliche“ Sträflinge, aber auch einige hochgestellte Militärs wie die österreichischen Heerführer Bonneval und Wallis. Berühmtester Häftling war der 1749 hier verstorbene Pandurenoberst Franz von der Trenck.
Die Kasematten, 1742 fertiggestellt, sollten einem 1200 Mann starken Soldatencorps dienen, letztlich blieben sie jedoch Depots für militärische Ausrüstung. 1783 wurde auf Anordnung des Kaisers Joseph II. im Zuge der Reform des Gefängniswesens in den Kasematten ein ziviles Gefängnis für die gefährlichsten Schwerverbrecher eingerichtet. Die gemeinsame Nutzung der Burg als Festung und als ziviles Gefängnis brachte einige Schwierigkeiten mit sich.
Nach der Zerstörung einiger wichtiger Festungsteile durch abziehende napoleonische Truppen im Herbst 1809 verlor die Festung ihre militärische Bedeutung, 1820 wurde sie aufgegeben. Die gesamte Festung Spielberg wurde zu einem zivilen Gefängnis, das Franz Joseph I. 1855 wieder aufhob. Bei der Umwandlung in ein Gefängnis Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte die Burg ihren letzten ausgedehnten Umbau, die radikale Instandsetzung beseitigte mit Ausnahme des Ostflügels praktisch alles, was noch von der mittelalterlichen Burg und ihren späteren Anbauten übrig geblieben war. Die Burg Spielberg erhielt damit ihr heutiges Aussehen.
Es gibt mehrere Ausstellungen auf der Burg. Die „Vulcanalia“-Exposition widmet sich der Geschichte und der Kunst des Feuerwerks, von der Beherrschung des Feuers bis zu Furttenbachs Pyrotechnischem Theater. Seit 1998 findet in Brünn jeden Sommer das „Ignis Brunensis“ statt, ein internationales Feuerwerk-Festival, in das zwei Wochen lang die ganze Stadt involviert ist, denn es ist zugleich Teil eines historischen Festivals („Brno – City in the Centre of Europe“): Kanonen werden abgefeuert, Pferde ziehen alte Tramwagen durch die Stadt, Damen in historischen Kostümen wedeln mit dem Fächer. In der Ausstellung sieht man alte Abschußmörser und -rampen, darf sich in die Arbeit des Pyrotechnikers vertiefen, und man lernt, daß es 1767 auf der Burg Spielberg ein großes Feuerwerk gab zu Ehren der wiederhergestellten Gesundheit der Kaiserin Maria Theresia.
Zwölftens: Liefen zwey andere versetzte Feuerräder neben diesen zwoen Pyramiden, und immittelst aus zweenen Pöllern versetzte Luftkugeln aufstiegen.
Zu sehen gibt es auch Fundstücke aus dem 112 Meter tiefen Brunnen im westlichen Teil des Hofes, der mit der Zerstörung Spielbergs durch französische Truppen zugeschüttet wurde; bei der vollständigen Freilegung des Brunnenschachtes 1990/91 kamen Waffen, Pfeifenköpfe, Hufeisen, Knöpfe, Münzen, Patronenhülsen, Brillen, Gürtelschnallen zum Vorschein. Man hat in diesem Brunnen auch ein Skelett gefunden. Es soll sich um einen Soldaten handeln. Die Schuhe, die man bei ihm fand, stammen aus der Zeit zwischen 1870-80. Auch ein gewisser Johann Rader soll 1833 beim Wasserschöpfen in den Brunnen gestürzt und dort gestorben sein. Rader sollte in Spielberg eine 12jährige Strafe abbüßen, offenbar ist sein Skelett aber in Lovecraft’sche Tiefen davon, im Brunnen hat man es nicht mehr gefunden. Am Grund des Brunnens befinden sich zwei horizontale Schächte von 17 bzw. 26 m Länge.
Dann durchstreifen wir die Räume der Ausstellung „Spielberg – Kerker der Nationen“. Man wird mit den Geschichten vieler Häftlinge vertraut gemacht, und man kann sich ein Bild vom Dasein der Gefangenen auf Spielberg machen. Man gewinnt Einblick in die Constitutio Criminalis Theresiana, das umstrittene Strafgesetzbuch, das Maria Theresia 1768 als Erzherzogin erließ – in den „Beylagen“ präzise Anleitungen für korrekte Durchführung des Langziehens und anderer „legaler“ Foltern.
Man bestaunt „Die Spitzbubensprache“ von 1802, eine Art Gaunerwörterbuch, oder eine Kundmachung von 1815, „den Raubmörder Johann Georg Grasel betreffend“. Zu sehen auch das Bild des berühmt-berüchtigten Grasel mit den komplici Fähding und Stangel. Wir begegnen Vaclav (Wenzel) Babinsky, dem legendären böhmischen Räuberhauptmann, geboren 1796. Babinsky wurde 1841 als Häftling Nummer 1042 in die Festung Spielberg eingeliefert. Er war als ruhiger Gefangener bekannt, der stets einen Rosenkranz bei sich trug und betete, das Vertrauen der Gefängnisleitung gewann, bald kranke Mithäftlinge betreute und zahlreiche Vergünstigungen erhielt.
Auch Jean-Baptiste Drouet war hier. Drouet, der am 21. Juni 1791 den fliehenden König Louis XVI. erkannte und Maßnahmen zu dessen Verhaftung in Varennes einleitete. Drouet geriet im Herbst 1793 in österreichische Gefangenschaft, die er auf Spielberg verbingen mußte, bis er im Zuge eines Gefangenenaustausches im September 1795 nach Frankreich zurückkehrte.
Ausgiebig dokumentiert auch die Geschichte des 1789 geborenen Schriftstellers Silvio Pellico, Autor der Tragödie Francesca da Rimini, wie Manzoni ein patriotischer Kämpfer für die Einheit Italiens und wider die Fremdherrschaft, 1820 als Mitglied der Carbonari verdächtigt und verhaftet. 1824 wurde er zum Tode verurteilt und zunächst in die Bleikammern von Venedig überführt; durch einen Gnadenakt des Kaisers von Österreich, Franz I., wurde das Todesurteil in Kerkerhaft umgewandelt, die Pellico auf der Festung Spielberg verbüßte. Pellico wurde 1830 vorzeitig entlassen, doch er war ein gebrochener Mann, körperlich schwer gezeichnet. Er lebte zurückgezogen und schrieb ein aufsehenerregendes Buch über seine Haft (Le mie prigioni, dt. „Meine Kerker“, 1832), das ihm internationalen Ruhm einbrachte; später, als er mit der Erziehung der Kinder des Conte Lambertenghi betraut war, kamen u.a. Lord Byron, Madame de Stael und August Wilhelm Schlegel, um Pellico kennenzulernen.
Pellico gehörte zu den politischen Gegnern der Habsburger Monarchie, die auf der Festung Spielberg inhaftiert waren. Auf die politischen Häftlinge warteten jedoch nicht die Kasematten. Für Gefangene höheren Standes, auch für die „Staatsgefangenen“, die aus politischen Gründen interniert waren – italienische Carbonari, Angehörige der republikanischen Bewegung in Ungarn (die „ungarischen Jakobiner“), polnische Revolutionäre des Krakauer Aufstandes von 1846 -, gab es auf Spielberg separate Zellen, zunächst in der oberen Etage des alten Gefängnisgebäudes, später in einem Teil der Kasernen.
Ein anderer italienischer Revolutionär war Graf Federico Confalonieri (1785 – 1846), nach zermürbenden Prozeß seit Januar 1824 auf Spielberg inhaftiert. Einmal im Gefängnis, weigerte sich Confalonieri bei weiteren Befragungen, auch nur noch ein einziges Wort zu sprechen oder zu schreiben, und wurde während seiner Haft mit außerordentlicher Strenge behandelt. Teresa Casati, mit der Confalonieri seit 1806 verheiratet war, setzte sich unermüdlich für Erleichterung der Haftbedingungen ein. Sie starb 1830; Federico erfuhr erst zwei Jahre später von ihrem Tod.
Persönliche Gegenstände des Franz von der Trenck, von Pellico, Bücherlisten, Erzeugnisse der Häftlinge, ein ausgehöhltes Buch.
Eine Figur auf einem Bild von Pieter Brueghel dem Älteren, die aus einem Turmfenster schaut. Feels like this.
Der Eingang zu den Kasematten. Ein netter junger Mann erklärt uns vorab den Weg durchs Labyrinth, schickt uns mit Faltblättchen auf die Reise, ich sage „In case I come back alone, I have locked her up“, er lacht: „It’s only prison for men!“
Die Kasematten – Gänge und fensterlose Räume mit Tonnengewölbe – wurden 1742 vollendet, als Spielberg unter Oberst de Rochepin eine neuerliche Befestigung erfuhr. Als Kaiser Joseph II. 1783 entschied, Spielberg zum Gefängnis für Schwerstverbrecher zu machen, wurde zuerst die obere Etage der (zweigeschossigen) nördlichen Kasematten umgebaut zu Massenzellen für Gefangene, 1784 entstanden auf Anordnung des Kaisers, nachdem er das Gefängnis von Spielberg persönlich inspiziert hatte, in der unteren Etage der nördlichen Kasematten 29 Holzverschläge, in denen die zu lebenslanger Haft verurteilten Sträflinge an Ketten angeschmiedet werden sollten. 22 Gefangene wurden tatsächlich in diesen tiefsten und ärgsten Verschlägen untergebracht, wo es nicht einmal indirekte Beleuchtung gab. Einer von ihnen war der Soldat Joseph Lippmann, 1786 zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er seinen Hauptmann von hinten erschossen hatte. 1790 ließ Leopold II. diese schlimmste Form des Arrestes auf Spielberg wieder aufheben. 1785 wurde auch die obere Etage der südlichen Kasematten zum Gefängnis umgewandelt, der sogenannte Leopoldinische Trakt. Die Kasematten von Spielberg wurden schnell zum berüchtigtsten Kerker der Habsburger Monarchie, europaweit bekannt und gefürchtet, eine Hölle der Lebenden.
1939 wurde Spielberg zum Gefängnis der Gestapo im besetzten Brünn. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nahmen die Nazis Umbauten in den nördlichen Kasematten vor, um Unterkünfte für ihre Truppen zu schaffen. Einen Rest der von den Nazis installierten Telefonanlage sieht man noch, an diesem unheimlichen Ort.
Zwischen 1987 und 1992 erhielten die Kasematten von Spielberg im Rahmen einer umfassenden Rekonstruktion wieder weitgehend das Erscheinungsbild, das sie am Ende des 18. Jahrhunderts hatten.
In den Massenzellen der Kasematten waren „gewöhnliche“ Kriminelle wie Mörder, Diebe, Brandstifter untergebracht. Verliese „for 29 prisoners“, „for 23 prisoners“, „for 27 prisoners“, im größten dieser Kerker, der sich in den südlichen Kasematten befindet, vegetierten 50 Gefangene.
Bis 1790 durften nur kranke Gefangene auf Strohmatten schlafen. Alle anderen Häftlinge verbrachten die Nächte auf Gestellen aus Holz, an Eisenringe angekettet.
In den nördlichen Kasematten.
Flucht aus den Kasematten war im Grunde unmöglich.
Neues Rathaus, Innenhof, Drache.
Cappuccino in einem Keller bei der Dominikanerkirche, Abendmesse in St. Thomas, Brünn bei Nacht.
Im Sommer 1920 lernt der Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau den Grafiker Albin Grau kennen, der für Murnaus Film „Der Gang in die Nacht“ (mit Conrad Veidt) die Filmplakate gestaltet. Der enigmatische, im Okkulten versierte Grau gehört der Pansophischen Loge der Lichtsuchenden Brüder an, offenbar auch dem seit der Mitgliedschaft Aleister Crowleys skandalumwitterten O.T.O. (Ordo Templi Orientis), in späteren Jahren trifft er Crowley auch persönlich. 1921 gründet Albin Grau mit anderen Mitgliedern der esoterischen Kreise Berlins die Prana-Filmproduktion. Grau gewinnt Murnau für die Regie von NOSFERATU – EINE SYMPHONIE DES GRAUENS, den ersten – und letzten – Film, den die Prana produziert. Grau selbst übernimmt die künstlerische Leitung, zeichnet detaillierte Entwürfe für den ganzen Film, entwirft Dekorationen, Kostüme und Werbeplakate. Ein „wahrhaft okkulter“ Film soll es werden.
„Nach dem Roman ‚Dracula‘ von Bram Stoker. Frei verfaßt von Henrik Galeen“, verkünden die Credits von NOSFERATU. Galeen ist mit Hanns Heinz Ewers bekannt, hat an den Filmen „Der Golem“ (1914) und „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (1920) mitgearbeitet und führt 1926 Regie bei „Der Student von Prag“ mit Conrad Veidt. Murnau und Grau haben keine Verfilmungsrechte für den Stoker-Roman, Galeen ändert Zeit und Ort der Vorlage, verändert die Handlung, ebenso die Namen der Protagonisten, dennoch verklagt Stokers Witwe Florence Balcombe, nachdem ein anonymer Brief aus Berlin sie über die Existenz des Films informiert hat, die Prana-Filmproduktion; das Urteil ordnet 1924 die Vernichtung aller existierenden Negative und Filmkopien an. Die Prana erklärt sich zwischenzeitlich für bankrott. Ende der 1920er tauchen erste – rechtzeitig in Sicherheit gebrachte – Prints von NOSFERATU in den USA wieder auf.
Murnau beginnt mit den Dreharbeiten zu NOSFERATU – EINE SYMPHONIE DES GRAUENS im Juli 1921, zunächst in Lübeck. Ende Juli befindet sich das Filmteam in Wismar, wo man per Zeitungsannonce „30 bis 50 lebende Ratten“ für Filmaufnahmen sucht, in den ersten Augusttagen erscheinen Berichte über die Dreharbeiten in den Zeitungen von Wismar. Dann geht es weiter nach List auf Sylt, wo die Strandszenen gedreht werden. Im August 1921 bricht Murnau mit seinem Team in die Slowakei auf. Neben Grau und Galeen sowie Kameramann Fritz Arno Wagner ist auch Murnaus Freund als „Künstlerischer Berater“ dabei, der Maler Walter Spies, der am 17. August 1921 aus Prag eine Karte an seinen Bruder schreibt: man sei auf dem Weg in die Hohe Tatra. In Prag wird die einzige Kamera der Produktion beschlagnahmt und drei Tage lang von Zollbeamten des Masaryk-Bahnhofs einbehalten, „bis wir diese gegen 5000 Kronen Zollgebühr und einige Bestechungsgelder auslösen konnten“. Im Zeitungsartikel „Filmreise zur Hohen Tatra“ berichtet Albin Grau weiter:
„Endlich kamen wir in Poprad an, vor uns die gigantische Tatra. Wir mieteten zwei Wagen, Pferde und eine Postkutsche, und stiegen hinauf bis zur Schlesierhütte auf 1700 Metern Höhe. Wir gingen alle zu Fuß, nur die Kutscher blieben auf ihrem Kutschbock. Alle halbe Stunde hielten sie an und tranken einen kräftigen Schluck Schnaps. Bei den Filmaufnahmen unterwegs zeigten sie viel Geschick und verhielten sich wie gut geschulte Statisten.“
„Wir verbrachten die Nacht in einer Hütte unweit der polnischen Grenze. Am nächsten Tag stiegen wir, schwer beladen mit den Geräten, hinauf zum Gebirgskamm, und nach einem Aufstieg von sieben Stunden erreichten wir den Gipfel. Herrliche Luft. Die gigantischen Berge. Ein Bild von bezwingender Gewalt.“
Schließlich:
„Von Poprad gingen wir durch Kralovany bis Dolny Kubin.“
Aus einer Karte von Walter Spies geht hervor, daß sie am 25. August 1921 bereits dort sind.
Die Arwaburg befindet sich bei Oravsky Podzamok, 10 Kilometer von Dolny Kubin entfernt.
Sonnabend, 06.09.2014
93 Jahre später.
Zugfahren in der Slowakei ist alles andere als kostspielig, die 259 km von Bratislava nach Dolny Kubin (4 Stunden Fahrzeit) kosten genau 11,62 € pro Person. Mit uns im Abteil ein junges Paar, Madames Augen in Hubot-Blau verwirren den jungen Mann, in äußerst hübschem Englisch bekennen sie Liebe zu Rammstein, leider können wir ihrem entzückten Grusel das gerollte R nicht auch noch bieten. Leicht verspätet erreichen wir Kralovany, laufen durch einen Tunnel zum anderen Gleis, wo schon ein Zug wartet, „Dolny Kubin?“ – „Ano!“ – Und dann rollen wir sehr langsam auf eingleisiger Strecke durch das schon beeindruckend wilde Land der Kleinen Fatra, an der Orava entlang. Madame ist hingerissen, als sie einen Adler seine Kreise ziehen sieht. Ein echter Karpatenadler, put that in your bleeding book.
Gegen 16 Uhr erreichen wir Dolny Kubin. Warnung. Dolny Kubin ist ein kleiner Ort. Aber er hat zwei Bahnhöfe. Wir steigen in Dolny Kubin zast. aus. Was immer zast. bedeutet. Es bedeutet wahrscheinlich: Wenn Sie hier den Zug verlassen, wird die Lage undurchsichtig, und die beiden orientierungslosen Mädchen, die Sie ansprechen, haben auch keinen Plan, welche Richtung es nun einzuschlagen gilt. Ein alter Mann nutzt den ereignislosen Samstagnachmittag, um langsam die Straße zu überqueren und uns davon abzuhalten, für immer in den Karpaten zu verschwinden. Er weist uns die Richtung mit Zeichensprache und einigen verständlichen Brocken. Der Teil von Dolny Kubin, den wir dann durchqueren, ist sozialistische Hochhausarchitektur aus dem Katalog von 1968, aber wir bereiten uns ja ohnehin auf das HOTEL PARK vor, in dem noch Zobelmützendeals à la „Gorky Park“ stattgefunden haben, dead sure. Unser Zielpunkt ist diese Sleepy Hollow-Holzbrücke, die wir dann auch finden und überqueren, im Hotel wird das Foyer gerade von einer Hochzeitsgesellschaft vollständig eingenommen, wir warten erst einmal draußen und entdecken auf der Speisekarte Gegrillten Hermelin. Geht in Ordnung: ein hiesiger Weißschimmelkäse.
Wir bekommen Zimmer 310, und auf diesem Hotelkorridor
steht plötzlich eine The Shining-Erscheinung, ein kleiner Junge, vielleicht vier Jahre alt, im eleganten schwarzen Anzug, ein surrealer Zwerg. Bevor er „Come play with us“ sagen kann, stöckelt seine todschicke Mama ins Bild und lächelt surreal. Albin, das ist surreal.
Wir begeben uns auf die Suche nach dem anderen Bahnhof, von dem aus der Zug nach Oravsky Podzamok fahren soll, to appreciate the situation, wie Lawrence von Arabien sagt, kaufen ein und finden für ein Abendessen outside das Restaurant Lucia, am Hviezdoslavovo namestie, das heißt, wir blicken auf jenen Platz, von dem Albin Grau schreibt:
„Einen der Wagen hatten wir auf dem vollen Marktplatz unter den staunenden Blicken der Einwohner zur Geisterkutsche umgebaut.“
Gedreht wurden die berühmten Kutschenszenen aus NOSFERATU in Vratna Dolina, etwa 20 km von Dolny Kubin entfernt. Vorbereitet wurde die Kutsche aber genau hier:
Dolny Kubin, in the evening:
„Murnau’s somewhat inconsistent notes in the screenplay indicate that the arrival at and departure from the „Carpathian inn“ were filmed at Dolny Kubin, where he was also reported to have hired Jozef Sárený as an extra for the role of the head coachman.“ (Martin Votruba)
Wir erreichen Dolny Kubin am 6. September; der 6. September 1879 war der Geburtstag des geheimnisvollen Nosferatu-Darstellers Max Schreck. Einige Tage zuvor gab es auf der Arwaburg ein nächtliches Fest zu Ehren des berühmten Vampirs.
Sonntag, 07.09.2014
6 Uhr morgens im rätselhaften Dolny Kubin, panisches Glockengeläut, ab 7 Uhr lärmt unfaßbar laute Musik durch den Ort. Vom Hotelbalkon läßt sich die Quelle des dionysischen Sonntagmorgenspektakels nicht ausmachen, genaugenommen sieht man, abgesehen von den Senioren, die unten vor dem Hotel resolut ihren Reisebus stürmen, keine Seele. Keine Ahnung, ob sich ein Junggesellenabschied am Rande des Malá Fatra-Gebirges so anhört oder ob die hiesige Kirche eine frühe Charme-Offensive mit Eurodance und Streetpunk startet. Als ein Dropkick Murphys-CanCan verebbt und Eno-artiger Drone über dem Städtchen schwebt, läßt sich die bizarre Schönheit nicht leugnen. Trotzdem bleibt es unheimlich. Das Zimmertelefon klingelt, aber niemand meldet sich. Fehlen noch die Douglastannen. Das ist osteuropäisches Twin Peaks hier. Parole des Tages, mit David Lynch-Stimme: „They’re planning their actions, Coop.“
Wo sind wir eigentlich?
Gar nicht so weit entfernt von den berühmten Wintersporthochburgen Zakopane (im südlichen Teil Polens) und Strbske Pleso.
Pünktlich um 10:00 besteigen wir den Zug, denn pünktlich um 10:00 soll der Zug nach Oravsky Podzamok abfahren. Leider ist es der Zug nach Kralovany. Wir rollen also nochmals gemächlich durch das Reich des Karpatenadlers. „Albin, wir fahren in die falsche Richtung.“ Als ich der Großmutter auf dem Nebensitz ein fragend-verzweifeltes „Prosim, Oravsky Podzamok?“ antrage, erklärt sie mir eine Minute lang die Sachlage, die recht ungünstig anmutet, auf Slowakisch. Leider ist Slowakisch nicht unser Fachbereich. Doch anders als Jonathan Harker in Stokers „Dracula“ in seinem Reisebericht vermerkt („Die fremdartigsten Gestalten, die wir sahen, waren die Slowaken. Sie sehen zwar sehr malerisch aus, wirken aber nicht sehr vertrauenerweckend. Auf der Bühne würden sie sofort als altorientalische Räuber durchgehen. Sie sind jedoch, wie man mir berichtete, sehr harmlos …“), gibt es scheinbar jederzeit und überall einen Slowaken, der bereit ist, aufzustehen und in der Verwirrung auf Deutsch auszuhelfen. Der junge Mann, der uns seine Hilfe anbietet, bringt beim Schaffner in Erfahrung, daß um 11:28 ein Zug von Kralovany nach Oravsky Podzamok abfährt. Nun gut, Albin. Tatsächlich sogar eine glückliche Fügung, denn während wir den kleinen Bahnhof von Kralovany in seiner ewigen Unwandelbarkeit ausloten,
verzieht sich der Morgendunst. Wenn man sich schon zur Arwaburg durchschlägt, möchte man sie nicht in Nebel eingehüllt vorfinden. Stattdessen bietet sich, da man den Bahnsteig von Oravsky Podzamok verläßt, dieser Anblick.
Die Burg liegt auf einer steilen, 112 Meter hohen, seit der Hallstattzeit besiedelten Felsklippe über dem Orava-Fluß. Für die Anwesenheit der Slawen auf dem Platz der Burganlage gibt es Zeugnisse aus dem 9. Jahrhundert. Aus der Holzbefestigung dieser großmährischen Burgstätte entstand die Arwaburg im 13. Jahrhundert, nach der mongolischen Invasion Ungarns 1241, die erste schriftliche Erwähnung einer steinernen Burg findet sich 1267. Oravsky Hrad diente als Grenzfestung und als Schutzburg an der Handelsroute nach Polen.
300 Jahre blieb die Arwaburg königliche Festung, verwaltet von Kastellanen; Ende des 15. Jahrhunderts erwarb Matthias Corvinus die Burg, König von Ungarn, Gegenkönig von Böhmen und Eroberer weiter Teile der Habsburgischen Erblande. Unter Matthias kam es ab 1474 zu umfangreichen Bauarbeiten, ebenso unter Jan von Dubovec, der 1534 in den Besitz der Burg gelangte. Unter den Erben des Jan von Dubovec kam es zum Streit, und die Burg wurde schließlich 1556 an Ferenc Thurzo verpfändet. So ging die Arwaburg an eine der reichsten und einflußreichsten Adelsfamilien des damaligen Ungarn. Unter den Thurzo kam es ebenfalls zu bedeutenden baulichen Veränderungen und Erweiterungen.
Georg (György) Thurzo, Palatin von Ungarn, verhaftete die als „Blutgräfin“ bekannte hohe Adlige Elisabeth Báthory im Auftrag des ungarischen Königs, setzte sie auf ihrer Burg Čachtice gefangen und organisierte den Prozeß. Eben dieser György Thurzo ist in einer Krypta der Burgkapelle von Oravsky Hrad bestattet.
Während man die Burg halb umrundet, um zum Eingang zu gelangen,
wird jener Turm sichtbar, auf den in NOSFERATU der Lenker der Geisterkutsche, Nosferatu selbst, mit der Reitpeitsche zeigt, um Hutter ins Kommende zu befehligen:
Es ist ein Wehrturm, der Archívna veža heißt, Archivturm. Murnau filmte ihn von einer Burgterrasse aus, die nicht Teil der Führung ist, man sieht diesen Turm also nur auf dem Weg zur Burg.
Der Eingang zur Burg 1921:
2014:
Phantastisch, hier zu stehen, on holy ground, genau dort, wo Murnau zusah, wie Gustav von Wangenheim in den frame von Fritz Arno Wagner wandert. Der Aufgang, der zum Burgtor führt, ist deutlich steiler, als es im Film erscheint. Location filming, Aufnahmen an Originalschauplätzen, das war 1921 ein höchst ungewöhnliches Vorgehen; Landschaften, ganze Städte erstanden als Atelierbauten in den Filmstudios. Als Murnau mit seinem Team durch wilde Tatralandschaften zog, war das eine noch unerhörte Guerilla-Taktik, eine Frühform von rogue film-making.
Vor Gustav von Wangenheim öffnet sich das Tor zur Burg auf mysteriöse Weise; weniger mysteriös öffnet eine junge Slowakin, die für die nächsten zwei Stunden unsere Führerin sein wird, das Tor um 13:15. Man kommt nur mit Führung in die Burg, wir bewegen uns meistens am Ende einer Schar von 25, vielleicht 30 Menschen, loitering with intent, die Tour ist auf Slowakisch, aber wir sind vorbereitet, zur Orientierung haben wir ausgedruckte NOSFERATU-Screenshots als Dossier dabei.
Hutter betritt die Burg des Grafen Orlok: der erste Burghof.
Der erste Burghof in diesem Moment aus Hutters Perspektive:
Im Hintergrund ist schon jener Tunnel zu sehen, aus dem Max Schreck als Orlok / Nosferatu auftaucht, um Hutter in Empfang zu nehmen. Dieser Tunnel zwischen zwei Burgtoren entstand unter Georg Thurzo. Über dem Tunnel befindet sich die nicht zugängliche Terrasse, auf der Murnau den Archivturm filmen konnte, ebenso den in der Nähe des Archivturms gelegenen Pavillonturm, in dem Hutter seinen Brief an Ellen schreibt.
Kurzer Blick zurück: als Gustav von Wangenheim den ersten Burghof betritt, schaut er kurz nach links, wo man eine Treppe erkennen kann:
Das obere Ende der Treppe ist hier im Hintergrund zu sehen:
Blick in den Tunnel:
Max Schreck in der berühmten Szene des Films, aus völliger Dunkelheit erscheinend. Die „genial photographierte schwarze Silhouette Orloks im leeren Burghof“, eines jener Bilder, durch die, so Béla Balázs 1923, „ein frostiger Luftzug aus dem Jenseits weht“.
Murnaus Standpunkt ziemlich genau getroffen.
Dann steht Murnaus Kamera im Tunnel. Genau hier steht auch Max Schreck, bevor er aus dem Dunkel auf die Kamera zugeht. Der Blick aus dem Tunnel mit derzeit dort befindlicher Kutsche, Max Schreck steht in der folgenden Szene zwischen den beiden Durchgängen, Nosferatu erwartet Hutter.
Ausschnitt aus dem Tunnelbild mit Kutsche, viragiert:
Bei dieser Aufnahme steht Murnaus Kamera dann wieder mit den beiden Protagonisten im Hof zwischen beiden Durchgängen:
Orlok fordert Hutter auf, ihm zu folgen; auch unsere Führung bewegt sich nun weiter durch diesen Tunnel.
Am Ende des Tunnels kommt man erneut in einen kleinen Hof:
Es ist der – seit 1921 erheblich veränderte – Hof, in dem der Nosferatu die Särge, mit denen er nach Wisborg aufbricht, auf seinen Pferdewagen lädt.
Wie man sieht, wurde das Geländer links zur Gänze erneuert; Murnaus Kamera stand auf der Burgebene über dem Tunnel.
Dann erreichen wir den Großen Burghof.
Die Führung bewegt sich nun durch Innenräume, verwinkelte Gänge, Aufstiege, weitere Höfe, dann wieder auf Außentreppen, durch den mittleren Burgkomplex bis zum obersten Burgteil, wo Zeitgenossen mit Höhenangst offenbar eine kleine Warnung erhalten, tatsächlich ersparen sich zwei ältere Herrschaften den allerletzten steilen Aufstieg.
Es ist nicht ausgeschlossen, wenn auch nicht mehr nachweisbar, daß Franz Kafka sich für seinen Roman „Das Schloß“ auch von der Arwaburg inspirieren ließ:
„Nur 90 Kilometer von Oravský hrad entfernt befindet sich das Lungensanatorium von Matliary; hier hält sich zu eben der Zeit, da Murnaus Team in der Burg arbeitet, Kafka auf. […] Am 8. August 1921, wenige Tage bevor Murnau in Dolný Kubín eintrifft, unternimmt Kafka gemeinsam mit einer Reihe von Mitpatienten einen längeren Ausflug in der Tatra. Die erste Station ist der Höhenkurort Szentivány Csorbató, der am Tschirmer See (heute Strbské Pleso) liegt. Dort schreibt Kafka eine Ansichtspostkarte an seine Schwester Ottla in Prag, auf der auch zwei seiner Reisebegleiterinnen – die Patientinnen Annie Nittmann und Elena Roth – mit ihrem Namen unterzeichnen. Es ist durchaus denkbar, dass die Gruppe anschließend die Burg Oravský hrad besucht hat, die zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der westlichen Tatra gehörte und mit ihrem 1868 gegründeten Museum ein besonders prominentes Ausflugsziel darstellte.
Von Strbské Pleso zur Gemeinde Oravský Podzámok beträgt die Entfernung nur 92 Kilometer. In Strbské Pleso existierte damals eine Zahnradbahn, die zum Bahnhof Strba fuhr; von dort ging ein Zug bis Kral’ovany, das durch Droschkenverkehr mit dem Städtchen Árvaváralja am Fuß der Burg verbunden war. Insgesamt hätte der einfache Weg vom Sanatorium über Strbské Pleso bis zur Anlage von Oravský hrad nicht mehr als drei Stunden gekostet. Es blieb also genügend Zeit für eine Besichtigung der Burg und die Rückreise mit der Bahn.“
(Peter-André Alt, Die Burg des Grauens – Franz Kafka und Murnaus „Nosferatu“, sueddeutsche.de, 10. Mai 2010)
Auch nicht ausgeschlossen, daß Kafka den Film dann tatsächlich im Kino gesehen hat. Am 27. Januar 1923 erlebte „Nosferatu“ seine Prager Premiere in einem Saal des Louvre-Cafés.
„Die Dreharbeiten im Schloß Oravsky verliefen ruhig und zügig“, heißt es in „Die Sprache der Schatten“ von Luciano Berriatua.
Albin Grau: „Die geisterhaft bleiche Gestalt des Nosferatu-Darstellers wurde von der Bevölkerung mit entsetzten Blicken beobachtet und wie der Teufel gemieden.“
Oh no it isn’t?
Yes it is.
Hier erkennt man einen kleinen Teil jener Terrasse, auf der Murnau den Archivturm und den Pavillonturm filmen konnte. Und jene Bergwälder, die in der Pavillonturmszene zu sehen sind.
Die Innenaufnahmen für NOSFERATU wurden in Berlin-Johannisthal gedreht, inspiriert von den Originalaufnahmen auf Oravsky Hrad. Also entstanden im Jofa-Atelier auch die Szenen in der Gruft, in denen Hutter entdeckt, wo sich Graf Orlok bei Tag aufhält – in einem Sarg, verborgen vor dem tödlichen Licht der Sonne.
Beim Abstieg entdecken wir diese Treppe, die allerdings so aussieht, als könnte sie in die Gruft von Nosferatu führen. Passend viragiert:
Unsere Führerin verabschiedet sich auf der Burgebene über dem Großen Burghof, die Gruppe spendet Applaus und löst sich auf, und da uns niemand dazu auffordert, zügig dem Ausgang entgegenzugehen, wandeln wir einfach langsam weiter auf den Steinen, die 1921 die Nosferatu-Welt bedeuteten.
Maybe touched by Murnau, Max Schreck, Albin Grau, und dem „törichten Gustav“, wie John Malkovich als F. W. Murnau ihn nennt in „Shadow of the Vampire“.
Schließlich identifizieren wir noch dieses Tor. Im Film erscheint es als Eingang zur Gruft, als Hutter „das Entsetzen seiner Nächte zu ergründen“ sucht:
Als wir den Großen Burghof wieder erreichen, sehen wir die charmante Führerin vor der Burgkapelle, keine anderen Lebewesen mehr im Hof, ich rufe „Oh, certainly we’re too late for this now?“ Da schließt diese wunderbare junge Dame, obwohl ihr Tagewerk getan ist, eigens für uns die Kapelle nochmals auf. So sehen wir auch noch die letzte Ruhestätte des Georg Thurzo. In der Kapelle sind keine Fotos erlaubt, dies sind Wappen und Inschrift über dem Eingang:
Sie fragt uns, woher wir kommen, erzählt uns, daß sie schon einige Male in Deutschland war. Im ersten Burghof, schon fast beim Eingangstor, begutachtet sie unsere Nosferatu-Screenshot-Kopien, und ich darf noch einmal zurücklaufen, für ein Bild vom jetzt leeren Großen Burghof. 1921 lief Gustav von Wangenheim hier noch auf einem Grasweg an Bäumen vorbei.
„Es gelang uns schließlich doch, alle geplanten Aufnahmen zu realisieren. Nach einem heftigen Streit über die Entlohnung der Kutscher verließen wir zufrieden das Dorf.“
Miss Führerin und wir geben uns die Hand für einen geradezu herzlichen Abschied, wir bleiben noch eine Weile beim Burgtor sitzen, stunned. Auf dem Rückweg dann sieht man noch einmal den „Archivturm“ und auch den Pavillonturm, in dem Hutter an Ellen schreibt:
Im Restaurant am Fuße des Felsens gibt es Thurzo-Bier, hergestellt von einer lokalen Brauerei (Kastelan). Direkt neben mir läßt die Maid vor Aufregung alle Gläser vom Tablett fallen. God only knows.
Das Bahnhofsgebäude von Oravsky Podzamok scheint leer, aber irgendwo da drinnen halten sich Gestalten auf, ein Hund bellt uns aus zwanzig Metern Entfernung unentwegt an, irgendwann, schließlich brauchen wir noch Fahrkarten für die Rückfahrt, klopfe ich an die Scheibe, unterbreche vermutlich ein sinistres Kartenspiel in einem Hinterzimmer, das so weit hinter ist, daß es in dieser Realität gar nicht mehr zum Gebäude gehört. „Albin, wir können froh sein, wenn sie uns nicht essen.“ Just kidding. Visit Slovakia. The Beautiful People.