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Film

David Hemmings, Blow-Up: Try „disconnected“

SPIEGEL ONLINE Forum: „Lieblingsfilme – was ist ‚großes Kino‘?“

März 2010 

ray05:

Es gibt ja in Antonionis Filmen immer dieses verstörend-voraussetzungslose, unhistorische und oftmals nur vage motivierte Handeln der Protagonisten […] Immer diese Landschaftstableaus bei Antonioni: urbane, industrielle und natürliche – und immer die Menschen darin, wie … [nein, ich sage jetzt nicht „Fremde“ und auch „Entfremdung“ kommt nicht über meine Lippen …].

Try „disconnected“. Wie der Propeller, den David Hemmings in „Blow-Up“ in diesem Antique Shop findet, plötzlich unbedingt haben muß und sich ins Auto lädt. Wie der Gitarrentrümmerfetisch, den er mit seiner permanenten Gespanntheit, immer auf dem Sprung, beim Yardbirds-Auftritt erobert und dann in der Passage achtlos wegwirft. Der unhistorisch, verstörend voraussetzungslos agierende Hemmings kommt von Bild zu Geschichte in „Blow-Up“. Siehst du die Dinge in Schwarz und Weiß, ist da kein Geheimnis. Plötzlich kriecht das Geheimnis zurück ins Schwarzweiß. Als er den imaginären Tennisball aufhebt, hat er akzeptiert, daß es Wahrheit auf verschiedenen Ebenen gibt. Und daß es notwendig ist, sich in andere Versionen von Realität hineinziehen zu lassen. Ich finde, daß unter seiner Arroganz von Anfang an eine Art von Unschuld liegt; jedenfalls könnte man die verstörende Voraussetzungslosigkeit auch so nennen. Sie erscheint verzerrt, in seinen ambivalenten Handlungen, sie ist abgetrennt, entfernt, ohne „connection“. Alles bleibt unzusammenhängend. Ich denke, in dem Moment, wo er begreift, daß aller Wahrnehmung ein nicht auflösbares Geheimnis eingewoben ist, hat er eine andere Art von Unschuld wieder.

Und darum ist das unheimlichste Blätterrauschen der Filmgeschichte so angemessen und Antonionis größter Coup. Ich weiß nicht, wie oft ich den Film gesehen habe, zigmal. Ihn nebenher laufen zu lassen und mehr oder weniger nur zu hören, macht erst recht klar, daß dieses Rauschen abgrundtief ist, numinos, übernatürlich.

Außerdem kann man ja keine weiße Hose anziehen, ohne Herbie Hancocks Thema im Kopf zu haben.

„I thought you were supposed to be in Paris.“ – „I am in Paris.“

Veruschka von Lehndorff in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings, Veruschka von Lehndorff in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings, Veruschka von Lehndorff in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings, Veruschka von Lehndorff in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings, Veruschka von Lehndorff in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
Vanessa Redgrave in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
Vanessa Redgrave in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
"Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings, Sarah Miles in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings, Veruschka von Lehndorff in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.
David Hemmings in "Blow-Up", 1966, Regie Michelangelo Antonioni.

„The real star of Blow-Up is a park – an anonymous, largely deserted one at that. Maryon Park, situated off the Woolwich Road, Greenwich, grazes the mystical Meridian line where time both begins and ends – a primordial Narnia, full of twisted trees and winding tarmac paths that disappear into the heavens. Oddly, sounds normally associated with the area, like traffic and trains, seem to have been switched off, replaced by an organic tinnitus of wind rustling through the trees, as if the leaves were gossiping about the intruders.

And as one trips further into the park there comes a growing awareness that something not altogether happy has occurred here, something psychically disruptive. The Hanging Woods surrounding the park were named after the many executions carried out, and Samuel Pepys often spoke of his fear of the place whenever he visited the area.“

SPIEGEL ONLINE Forum

März 2008

hans-werner degen:

Bin ich jetzt ein Banause?… denn 1) erkannte ich mein London nicht wieder und 2) sagte mir der Film nichts.

Als ich in Rom vor der Fontana di Trevi stand, erkannte ich sie praktisch auch nicht wieder, Anita Ekberg war nicht drin.

(Aus einem Brief, 2013)

Filme, die wir lieben, sind immer Nah-Lebens-Erfahrung, oder? Die SPON-Beiträge, die ich über Filme schrieb, waren zu distanziert. Mein ganzes Leben, der ganze Stil meines Lebens mitsamt allen dunklen Geheimnissen, meine Vorlieben, alles bekam unwiderruflich Richtung durch all die Filme, die ich so zwischen 10 und 15 sah in der „Flohkiste“. Das Kino, das heute „Alabama“ heißt, auf Kampnagel residiert, aber nichts mehr mit dem kleinen schäbigen plüschigen Picture Show-Haus von damals zu tun hat. Die ließen mich und Jörgi einfach immer rein, wir sahen alles, den ganzen Kram zwischen Jess Franco und „Theatre of Blood“, Trash-Sex-Horror, diese ganze wagemutige, untergegangene Welt. All das war so outrageous, da sind vergessene Perlen dabei, die ich nie wiederfinden werde, falls Du Dir eine Kombination von Rollin, Giallo und Hardcore vorstellen kannst, things like that.

All meine Sehnsüchte wurden durch Film, Literatur, Musik, Kunst vom Hier in ein Anderes gezogen, und das Andere im Hier zu finden, war ja Aljoschas Auftrag. – Filme gehörten ganz elementar zu meiner Sozialisation… was Sozialisation in gewisser Hinsicht erschwert.

„Blow-Up“ hat was Magisches. The whispering leaves. Ich glaube ja, die „Stimmen“, die Jeanne d’Arc hörte, als sie ein kleines Mädchen war in Domrémy – es war der Wind in den Blättern. Nicht von dieser Welt. You can hear a sound from beyond in it. Als ich in einem dunklen Park war, in der Nacht, als meine Mutter starb, – there was this whisper. Geniestreich von Antonioni, dieses Blätterrauschen übernatürlich klingen zu lassen, numinos.

Zynismus und Ennui und dann das Geheimnis, die Rückkehr des Mysteriums. Wobei alles Drumherum das Drumherum ist, das man sich genau so wünscht, um darin in Zynismus und Ennui zu fallen, bis das Mysterium einen wieder einholt – und heilt. Atemberaubend, wie Antonioni und Hemmings das auf die Leinwand bringen, was man heute wohl flow nennt, Hemmings zwischen seiner Dunkelkammer und der Wand, an der er die Vergrößerungen aufhängt, da ist zum einen natürlich die Spannung, – was werden wir sehen? -, aber vor allem beeindruckt mich, wie Antonioni in diesen Sequenzen zu sagen scheint: wir müssen uns Hemmings als einen glücklichen Mann vorstellen. Here, right here, he is.

Hemmings, zuerst, ist einer, der sich nicht einfangen läßt, von nichts und niemandem, der in seinem Blick aber zuweilen Sehnsucht nach etwas aufblitzen läßt, und der die Gelegenheit, die diese park affair ihm bietet, nicht ungenutzt läßt.

Hemmings sieht so unfaßbar gut aus in diesem Film, Vanessa Redgrave sieht so unfaßbar gut aus in diesem Film (sie sieht gewissermaßen genau so aus, wie ich mir die ganze Profumo-Affäre vorstelle), alles sieht so unfaßbar gut aus in diesem Film, selbst noch dann, wenn es einen befremdet.
Wie Antonioni es macht, daß sich all diese Szenen anders ins Hirn brennen noch als sonst? Ich weiß es nicht.

Wie der ganze Film sagt: Kohärenz? Kontinuum? It’s not there, so go for it yourself. Realität an sich? It’s not there, so go for it yourself.

Einer der besten Filme zum Alleinsehen, indeed. Ich hatte den auch schon laufen, während ich konzentriert an etwas arbeitete, auf dem Boden kniend. Ihn also praktisch nur gehört. It still sucks you in, und es entsteht diese dritte Ebene, auf der Phantastisches passiert.

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