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Musik

Swans & Anna von Hausswolff, Hamburg, 17.10.2016

Michael Gira, Swans.

Anna von Hausswolff ist Schweden, wie man Schweden träumt. Ein schönes Mädchen, du ziehst mit ihr durch den Schnee, um das Gold am Krähenberg zu suchen, da ist das alte verlassene Bergwerk, das Luciafest, sie weiß, was in den Wäldern haust, sie weiß, daß Berge manchmal Menschen verschlucken, ihre Lieder handeln von Grabinschriften, Sterbebett und der Beerdigung ihrer noch nicht geborenen Kinder. Um sie sind Spukgeschichten, bei ihrem rätselhaften Treiben beschwört das wunderliche Mädchen mysteriöse Dinge an mysteriösen Orten, und du bist so verliebt in sie, daß du dich viel zu spät fragst, ob dieses schöne Mädchen nicht selbst ein Phantom ist.

Anna von Hausswolff baut Songs wie Kathedralen, für „The Miraculous“ (2015) stand ihr eine der voluminösesten Orgeln weit und breit zur Verfügung. 9000 Pfeifen. Auf den kolossalen Klang der Orgel türmt sich bisweilen ein episches Darkwave / Gothic / Ambient / Doom / Drone Metal-Klanggewitter, entfernte Verwandtschaft zu Miranda Sex Garden, als dort entrückte Madrigalsängerinnen brachialen Riffs die Tore öffneten wie dämonischen Liebhabern. Auch Anna von Hauswolffs Weg von „Singing From The Grave“ über „Ceremony“ (von ihr als „Funeral Pop“ bezeichnet) zu „The Miraculous“ führt Fragilität zunehmend in metallischen Donner. Der Anna Sex Garden liegt freilich auf anderen Wahrnehmungsebenen. Annas Vater, Carl Michael von Hausswolff, beschäftigte sich intensiv mit electronic voice phenomena, akustische Aufzeichnungen, bei denen man, so man will, im Rauschen Geisterstimmen wahrnimmt:

„Meine Schwester und ich hörten uns dieses in Spukhäusern aufgenommene Rauschen stundenlang an, ab und zu stoppte unser Vater aufgeregt das Band und fragte: ‚Habt ihr das gehört?‘ Meistens verstand man überhaupt nichts, aber manchmal hörte man tatsächlich deutlich Wörter, ich erinnere mich an ‚Pass auf!‘  und ‚Ich rieche dich‘. Das Gruseligste aber war eine Stimme, die klang, als würde sie leise vor sich hin singen.“ (1)

Anna von Hausswolff.

„The Miraculous“ ist vor allem The Miraculous Place, ein Ort, der sich bei Göteborg befinden soll, dessen Namen die Sängerin indes nicht preisgeben mag, a place of mystery, magic and terror:

„Es liegt ein unerklärlicher Nebel über dieser Landschaft, kein sichtbarer Nebel, mehr eine Art außer­weltliche, dunkle Energie, die sich zwischen Himmel und Erde angesammelt hat. Ich kenne diesen Ort seit meiner Kindheit. Die vielen Legenden, die sich um ihn ranken, haben meine Wahrnehmung sicher beeinflusst.“ (1) Ein See, aus dem bei Nebel die Schatten der Ertrunkenen aufsteigen und sich langsam über das Gras auf das Dorf zubewegen: Carnival of Souls.

Anna von Hausswolff, Foto von Armin Rudelstorfer.

Foto: Armin Rudelstorfer

„He came from the sunset / He came from the sea / He came from the shadows / And can love only me.“ („Come Wander With Me / Deliverance“). „I think I see a knight / I’m gonna fuck him for a while“ („The Hope Only Of Empty Men“). Mystik und Lüsternheit, Banner aus alter Zeit wehen um Anna von Hausswolffs Lieder, wenn sie „Ocean“ singt, denkt man an eines der Schiffe Karls V., das „mit 150 Mann Besatzung, einem Dutzend Freudenmädchen und hundert wertvollen Pferden“ (4) im Meer versank. Wie in „Come Wander With Me / Deliverance“ nach drei Minuten der eisige Zauber in ein Black Sabbath-Riff gestürzt wird, wie dann ein knochenschinderisches Etwas von erschreckender Schönheit anhebt, wie dann, in Swans-esquer Gangart, brutalstmögliche Intensität sich in rhythmische Trance versetzt, wie dann die Stimme der Sängerin wiederkehrt, hysterisch sich ergießend, zugleich in makelloser Majestät, zugleich so, als würde eine Somnambule den Vampirgeliebten rufen: weiß gerade nichts Anbetungswürdigeres.

Vor dem Konzert in Hamburg stand Reims auf dem Tourplan, unterwegs besucht Anna Kirchen, um begeistert Orgeln zu bestaunen, so auch in der Kathedrale von Reims: „It has one of the most beautiful pipe organs I’ve ever seen (7000 pipes!)“. Anna von Hausswolff reist mit den Swans, eine in ihrer Richtigkeit ähnlich sensationelle Kombination wie seinerzeit, November 2014, The Damned und Motörhead. Kein support act, einfach eine lange, magische Nacht. Eine sehr lange.

Anna von Hausswolff.

Anna von Hausswolffs Auftritt ist wie die Zeremonie einer Messe, bei der man in Tränen ausbrechen möchte, weil dieses Mädchen mit reiner, strahlender, dramatischer Stimme Mächte des Universums ansingt, die man näherkommen fühlt, hinter der Orgel sieht man von der Nachfahrin eines von Hausswolff, der in Schweden Schluß machte mit den Hexenverbrennungen, nur die langen blonden Haare, die aber sind überaus aussdrucksstark. Zwei Musiker mit ihr auf der Bühne, Karl Vento wirkt Wunder auf der Gitarre, Filip Leyman bedient Keyboards, E-Beats und allerlei Regler, viel Raum für schwingungsfähige Systeme, improvisierte Loops und Drones. Exkursionen in ein Märchen düster und sexy, wir sind da, wo Schönheit und Horror sich begegnen, wieviel Zeit vergangen ist, bis sie „the one and only Swans“ ankündigt, weiß ich nicht, niemand weiß es, Anna Michaela Ebba Electra von Hausswolff = you lose the track of time.

Foto: Elin Bryngelson

Michael Gira, Swans.

Dann ist ER auf der Bühne, „the rather intimidating Michael Gira, a man who resembles a gargoyle clinging to the side of a High Gothic cathedral, or a major antagonist in a Cormac MacCarthy novel“ (2), ER und die Seinen bewerkstelligen den Bühnenumbau höchstdarselbst, im Saal ehrfürchtige Stille, und man denkt an Sätze von Michael Gira wie: „Schwäne sind diese wunderschönen Tiere, die in Wahrheit vollkommen widerlich drauf sind. Hasserfüllte Kreaturen.“ (5)

„Um die Liveauftritte der Swans ranken sich Legenden. Es geht dabei meistens um die infernalische Lautstärke, die immer wieder Menschen im Publikum in die Ohnmacht gezwungen haben soll. Einmal, das war in den Achtzigerjahren, hat die Band in London angeblich in einem kleinen Club eine Musikanlage aufgebaut, die gereicht hätte, um ein ganzes Stadion zu beschallen. Dann verriegelten sie die Ein- und Ausgänge mit Ketten und legten los. Es soll eine Massenpanik gegeben haben.“ (3)

Mit seiner grimmig enervierenden Präsenz testet Gira die Gitarre, und die Missus haucht: „Ich hab Angst!“ Natürlich im Gegenteil. Alle sind bereit für den Sprung in den Abyssos, alle warten auf die Entfesselung der brachialen Urgewalt, die Gira seit „The Seer“ ausdrücklich als spirituelle Reise beschreibt. Die Musik der Swans ist wie der schaurige Kult auf einer nicht kartographierten Insel, aber Michael Gira ist natürlich auch mittelalterlicher Mystiker, und, wenn Anna von Hausswolff den Weg zum Hades weiß, ist Gira natürlich auch der Herrscher jener unterirdischen Gefilde, aus denen es keinen Weg hinaus gibt. Heute ohne Ketten an den Ausgängen. Gira trägt das lange graue Haar so, wie ein schonungsloser Gott eben sein Haar trägt. Wir entscheiden uns für die Ohrstöpsel. Machen, daß für die nächsten drei Stunden im Bombardement monolithischer Brocken unfaßbare Schönheit kenntlich wird. Ja, wirklich, irgendwann denke ich einfach nur noch: das ist unfaßbar schön. Hier, im Herzen absolut infernalischen Geschehens. Irgendwas Unendliches im Herzen des Klangs. Es gibt nur Unterwerfung.

„Es ist nicht die Lautstärke an sich, die Swans-Konzerte zu einer Herausforderung machen. Es ist das allumfassende Tosen, das da von der Bühne über das Publikum flutet […] ein Schwellen bis zur Ekstase, die abebbt und wieder anhebt. Manchmal scheint der Song vorbei zu sein, aber dann singt Gira kehlige Laute wie ein tibetischer Mönch, und der Moloch setzt sich wieder in Bewegung. ‚The Knot‘ heißt dieser erste Song, wenn man dieses kolossale Stück Musik so nennen will, und er dauert an die fünfzig Minuten.“ (3)

Christoph Hahn kämmt sich zuweilen das Bukowski-Haar und schabt dann mit dem Kamm über seine modifizierte lap steel guitar. Er würde auch mit den Zähnen einer Baggerschaufel drüberschaben. Norman Westberg sieht mittlerweile aus wie ein Professor für Astronomie, Christopher Pravdica am Bass hat sichtlich Spaß als Antriebsmaschine und Rädelsführer, Schlagzeug Phil Puleo (Thor Harris fehlt, kümmert sich um seine Mutter), Keyboards Paul Wallfisch. Spürbare Vibrationen überall, beim Atmen kommt die Luft in Soundwellen durch die Nase, später atmet man einfach gar nicht mehr. Das Bass-Intro von „Screen Shot“, die ominösen Drums, Giras hypnotischer chant: „Love, child, reach, rise / Sight, blind, steal, light / Mind, scar, clear, fire ……… No mind, no greed, no suffering / No thought, no hurt, no hands to reach / No knife, no words, no lie, no cure / No need, no hate, no will, no speech / No dream, no sleep, no suffering / No pain, no now, no time, no here / No knife, no mind, no hand, no fear / Love! Now! Breathe! Now! Here! Now! Here! Now!“ – man muß erlebt haben, welchen Effekt das hat, live. Beschreiben kann man es nicht.

Die beiden prayers „Cloud Of Forgetting“ und „Cloud Of Unknowing“, „The Glowing Man“, ein ganz neues Stück namens „The Man Who Refused To Be Unhappy“. Gira beschwört das Anschwellen des Klangs mit Wellenbewegungen seiner Arme, er beschwört damit auch uns, zur Grenze des Aushaltbaren, er ist zugleich diabolische Präsenz und complete openness, er ist die Zeichensprache der Apokalypse, die Bandmitglieder reagieren exakt auf jede Nuance, die er vorgibt, manchmal legt er bei einem Blick zu Puleo oder Hahn den Finger ans Auge: keep your eyes peeled. Schnell schneller werden kann jeder, aber so langsam schneller werden wie die Swans, so monströs und mächtig, das ist barbarisch. Und brillant.

„Manchmal fällt die Band in einen Rhythmus, der klingt wie Heavy Metal in Zeitlupe, wie träge, glühende Lava. […] Immer wieder holen die drei Gitarristen, der Bassist und der Drummer aus zu einem erderschütternden BOOM, nochmal und nochmal und nochmal. […] Ein Swans-Konzert ist mindestens so sehr eine körperliche und seelische Erfahrung wie eine ästhetische.“ (3)

Irgendwann sagt Gira auf Deutsch „Bitte sagen Sie danke zu Anna von Hausswolff“, irgendwann wühlt Christoph Hahn im Notfalltäschchen, weil Gira seinen Finger verarzten muß, irgendwann hat Norman Westberg seinen Verstärker verheert und verwüstet, irgendwann steht Anna von Hausswolff direkt neben mir und filmt, irgendwann ist die Musik nur noch ein Glimmen und Gira singt ohne Mikrofon, irgendwann fühlt es sich an wie die Sprengung eines Eisbergs. Von innen.

Am Ende strahlen die sechs Swans Arm in Arm, Kampnagel hat standgehalten, Glück, Licht, Liebe.

Swans, Live 2016.

Es ist die letzte Tour der Swans in dieser Inkarnation, vielleicht das letzte Mal überhaupt, daß unsereins Michael Gira zu Gesicht bekommt. Das Herz der Finsternis spuckt uns aus, ins Foyer, Anna von Hausswolff ist am Merch-Stand, plötzlich ist ihr erlesener Namenszug auf meinem Ticket, plötzlich frage ich sie:
„What was that last song you played?“
„Oh, it’s not yet recorded!“
„It’s not on CD yet?“
„No, unfortunately“ sagt sie und fragt mit großen Augen: „Did you like it?“
Grundgütiger. Ob mir der Song gefallen hat? Fragt sie mich.
„Oh, brilliant… absolutely stunning“, stottere ich, „Thank you so much!“

Völlig paralysiert werde ich von der Missus umdirigiert, da steht Gira, Kaninchenfellmütze auf dem Kopf. Ich hatte ein Glowing Man-Shirt erworben und lege es ihm hin, „You think you could sign this shirt?“ – „Sure“, sagt er, und fragt nochmal nach, auf der Rückseite? Macht er dann. Die Missus läßt das „To Be Kind“-Booklet signieren, Gira schenkt ihr ein Lächeln so bright and shiny, es ist geradezu… barbarisch. :) Nach alldem alles andere belanglos, for a while.

Die letzten drei Alben der wiedervereinigten Swans – gibt nichts Vergleichbares. Die überwältigende Erfahrung, sie live zu sehen – zwei Honigkuchenpferde wandern durch die Nacht.

Notiz an mich: Superlative ausdenken, falls Anna von Hausswolff nochmal fragt, wie es für mich war.

Michael Gira Autograph.
Anna von Hausswolff autograph. Anna von Hausswolff, Swans, Konzert Ticket 2016 Kampnagel.

(1) – Anna von Hausswolff: „Meine Fantasie ist einfach zu mächtig“, rollingstone.de, 08.01.2016
(2) – A fitting swansong: Swans & Anna von Hausswolff in London, Live Review von Adam Elmahdi, 17.10.2016
(3) – Oliver Kaever, spiegel.de: BOOM! BOOM! BOOM! – Swans live in Hamburg
(4) – Herbert Nette, Karl V., Reinbek bei Hamburg 1979, S. 20
(5) – „Swans are majestic, beautiful looking creatures… with really ugly temperaments.“

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