
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
„April“, Kurzgeschichte von Joseph Roth, hätte ich gerne als Grabbeigabe.
easystreets:
Lege ich Ihnen einmal eine „Lokation“ ans Herz, und falls Sie mal in Berlin sein sollten, ein Kaffeehaus. Mit Berliner Stullen und sonst auch ganz nettem Berliner Essen. Gehen die vom Tagesspiegel zwei Meter weiter gerne in ihrer Mittagspause hin. Und natürlich liegen Bücher von Joseph Roth aus. Die riechen wahrscheinlich nach Zwiebeln und Kartoffelsuppe.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
„Der Teufel hieß Jenö Lakatos aus Budapest, und er führte die falschen Korallen im russischen Lande ein, die Korallen aus Zelluloid, die so bläulich brennen, wenn man sie anzündet, wie das Heckenfeuer, das ringsum die Hölle umsäumt.“
Niederknien nach so einem Satz ist das Mindeste. „‚Das Leben ist sehr wichtig!‘ lachte ich. ‚Sehr wichtig!‘ und fuhr nach New York.“ („April“). Das Leben ist phantastisch, überraschend, unvorhersehbar, und das Schicksal eine Macht, mit der zu rechnen ist. Diese täuschende Einfachheit, diese täuschende Leichtigkeit, mit der Roth die Dinge berührt. Als Getriebener, für den das Schreiben die eigentliche seelische Heimat ist, weiß er, wie es ist, ermüdet zu sein vom Strudel der Eindrücke, aber er läßt nicht ab, für uns, das Wundersame im scheinbar Alltäglichen aufzufinden, scheinbar anstrengungslos diese Sätze von verblüffender, atemberaubender Schönheit, mit denen er das wertvolle Detail im unaufhörlichen Getriebe rettet, den Charakter, dessen eigene Welt und dessen eigener Wert keinen Platz zu haben scheint im Lärmen irgendeiner Moderne, irgendeines Zeitgeistes. In einen Stil von unsentimentaler Distanz kann diese Schönheit einbrechen, als Zeugnis tiefer Empathie. Nicht von ungefähr liebte Roth Hotels, diese Orte einer einzigartigen Mischung von Distanz und Intimität. Meinetwegen aus Knoblauchsuppe ziehen, den Joseph Roth, aber lesen.
easystreets:
Die Joschas und die Hotels
Ich glaub ja immer noch, tief in Dir steckt ein Duellant. So mit Vorderladerbüchse. Muß ich noch etwas weiterforschen mit Dir.
Durch die Feuerreifen, die man anderen hinhält, soll man ja selber zuerst springen. Ging ich also gestern in jene Diele und aß Spätzle mit Salat und erwarb eine Sonderausgabe eines gebundenen Bandes. „Die Erzählungen“ lagen auch aus, ich entschied mich ob Deines Stichwortes „Hotel“ aber zu dem kleinen Büchlein „Hotel Savoy“.
Der schreibt schon fein, der Joscha. Der guckt auch so, dass man ihn postum Joscha nennen darf.
Auszug vom Anfang:
„Ich freue mich, wieder ein altes Leben abzustreifen wie so oft in diesen Jahren. Ich sehe den Soldaten, den Mörder, den fast Gemordeten, den Auferstandenen, den Gefesselten, den Wanderer.
Ich ahne Morgendunst, höre den Trommelwirbel der marschierenden Kompanie, auf klirrende Fensterscheiben im höchsten Stockwerk; erblicke einen Mann in weißen Hemdsärmeln, die zuckenden Glieder der Soldaten, eine Waldlichtung, die vom Tau glänzt; ich stürze ins Gras vor ‚fiktivem Feind‘ und habe den brünstigen Wunsch, hier liegenzubleiben, ewig, im samtenen Gras, das die Nase streichelt.
Ich höre die Stille des Krankensaals, die weiße Stille. Ich stehe an einem Sommermorgen auf, höre das Trillern gesunder Lerchen, schmecke den Morgenkakao mit Buttersemmel und den Duft von Jodoform in der ‚ersten Diät‘.
Ich lebe in einer weißen Welt aus Himmel und Schnee, Baracken bedecken die Erde wie gelber Aussatz. Ich schmecke den süßen letzten Zug aus einem aufgeklaubten Zigarettenstummel, lese die Inseratenseite einer heimatlichen, uralten Zeitung, aus der man vertraute Straßennamen wiederholen kann, den Gemischtwarenhändler erkennt, einen Portier, eine blonde Agnes, mit der man geschlafen hat.
Ich höre den wonnigen Regen in durchwachter Nacht, die hurtig schmelzenden Eiszapfen in lächelnder Morgensonne, ich greife die mächtigen Brüste einer Frau, die man unterwegs getroffen, ins Moos gelegt hat, die weiße Pracht ihrer Schenkel. Ich schlafe den betäubenden Schlaf auf dem Heuboden, in der Scheune. Ich schreite über zerfurchte Äcker und lausche dem dünnen Sang einer Balalaika.
So vieles kann man in sich saugen und dennoch unverändert an Körper, Gang und Gehaben bleiben. Aus Millionen Gefäßen schlürfen, niemals satt sein, wie ein Regenbogen in allen Farben schillern, dennoch immer ein Regenbogen sein, von der gleichen Farbenskala.
Im Hotel Savoy konnte ich mit einem Hemd anlangen und es verlassen als Gebieter von zwanzig Koffern – und immer noch der Gabriel Dan sein. Vielleicht hat mich dieser Einfall so selbstbewußt gemacht, so stolz und herrisch, daß der Portier mich grüßt, mich, den armen Wanderer in der russischen Bluse, daß ein Boy geschäftig meiner harrt, obwohl ich gar kein Gepäck habe.“
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“

[Gedenktafel]
IN DIESEM HAUS
WOHNTE 1914 – 1916
DER SCHRIFTSTELLER
JOSEPH ROTH
(1894 – 1939)
Wien, Wallensteinstraße 14
Foto Christian Erdmann 26.08.2017
4 replies on “Joseph Roth, der guckt auch so”
Sehr schön. Die Fotografie von Roth auf dem Bahnsteig wurde im Frühling 1926 aufgenommen. Es gibt auch eine interessante Joseph Roth-Biographie von David Bronsen.
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Danke für den Bronsen-Tip! Und auch für die „Bildunterschrift“, Joseph Roth, auf einen Zug wartend – mein liebstes Bild von ihm, sehr berührend.
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Das war auch eines der Lieblingsbilder von Jörg Fauser, beschrieben in seiner „Hommage für Joseph Roth“: „Roth im Frühling 1926 auf einem Bahnsteig wartend. Vor einem Gepäckwagen, von dem man nur einen Ausschnitt sieht, sitzt Roth auf seinem Koffer. Der Waggon ist bedeckt mit den üblichen, mit Kreide geschriebenen, bahntechnischen Chiffren; über Roths linker Schulter sieht man einen von einem Kreis umschlossenen sechszackigen Stern. Roth sitzt im Halbprofil, sein Gesicht tief im Schatten der breiten Hutkrempe. Er trägt einen dunklen Anzug und helle Krawatte. Aus den Manschetten ragen seine langen, schmalen Hände, Daumen und Zeigefinger der rechten Hand halten eine Zigarette. Roth wirkt elegant, nervig, konzentriert, fast hart; und doch liegt über diesem flüchtigen Bild eines Mannes auf der Durchreise auch die Melancholie eines Heimatlosen, das Atemholen auf der Flucht.“
( Aus „Der Strand der Städte“, Verlag Jakobsohn, Berlin, 1978)
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Wie schön zu erfahren, daß es dem Fauser auch so naheging, das Foto. Roth ist also Anfang 30 hier, wirkt schlanker als er wahrscheinlich war, „elegant, nervig, konzentriert, fast hart“, indeed, fast wie der ältere Bruder von Rowland S. Howard, die Eleganz, die der Outlaw auch im Staub behält. Konzentrierte Anspannung, aber da scheint auch ein Anflug von exhaustion, „ermüdet vom Strudel der Eindrücke“ (s.o.), der Getriebene (s.o.), innehaltend im ewigen Unterwegssein. Das Bild beschwört viel; ein jüdischer Autor vor einem Güterwaggon, schwer, das nicht weiterzudenken; vor allem aber – Friederike. Auf Antirat widmete ich ihr einen kleinen Beitrag, bei dem mich die Zahl der Aufrufe überraschte. Vielleicht wurde nach einer anderen Friederike Roth gesucht, ich weiß es nicht. „Sie war ein hübsches Mädchen, die Friedl. Schlank, mit langen Beinen, einem feingeschnittenen Gesicht, und einem süffisanten Lächeln um den kleinen Mund.“ (Soma Morgenstern) Ihr Schicksal hat mich sehr ergriffen, und nun zu wissen, das Foto von Joseph Roth ist 1926 entstanden – es war das Jahr, in dem sich erste Anzeichen ihrer Erkrankung zeigten. Die Verzweiflung, in die Friederikes Zustand ihn stürzte – auch das sehe ich nun auf diesem Bild. Vielen lieben Dank nochmal für die Fauser-Passage, trifft gerade sehr ins Herz.
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