
AndersSehend:
… ebenso wie die Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen mit Vincent Price, die auch immer unter dem Der Phantastische Film-Banner gesegelt sind.
Christian Erdmann:
Wegen dieser Filme war ich einmal eine Weile Mitglied in einer Vincent Price Appreciation Society. Die schickten mir dann ein Heft zu, in dem es ein sehr gutes Interview zu lesen gab mit Ferdy Mayne – Graf Krolock aus „Tanz der Vampire“. Zu meinem großen Bedauern finde ich das Heft gerade nicht… es ist ein Tohuwabohu hier, man möchte Jeanne Moreau als Kammerzofe.
„Laura“, „Leave Her To Heaven“, „House of Wax“, „The Fly“, „Diary of a Madman“, die beiden „Dr. Phibes“-Filme, „Theatre of Blood“, „Witchfinder General“ – die Liste der Filme mit Vincent Price, die mir ans Herzl geklebt sind, ist lang, aber tatsächlich ist der Corman / Poe-Zyklus mit Price für mich das gewesen, was für andere der „Struwwelpeter“ war, und ich bekenne mich dazu, daß C.G. Jung mir wahrscheinlich sagen würde, Barbara Steele müsse irgendwas mit meiner Anima zu tun haben… die älteren Söhne einer befreundeten Familie schleusten mich regelmäßig durch ins Kino, und Vincent Price war sowas wie ein vertrauter Onkel. :)
Es scheint lange ein ungeschriebenes Gesetz gegeben zu haben, nach dem schauspielerische Leistungen in einem Horrorfilm tunlichst nicht als solche zu würdigen sind, Vincent Price hätte ansonsten in der Kandidatenliste der Motion Picture Academy wiederholt auftauchen müssen. Er hat perfektioniert, was eigentlich ein Widerspruch in sich ist: süffisantes, subtiles Overacting. – Mit seinem Minimalbudget hat Corman es irgendwie geschafft, Poe’sche Alpträume mit einer zumindest gefühlten Opulenz wie aus Hammer Horror-Filmen zu verbinden, und das alles mit seiner eigenen psychedelischen Extravaganz aufzuheizen. Und Price genießt seine Rollen zwischen sadistischem Prospero und zerkrumpelnd-melancholischem Psychopathen so sehr. Wunderbare Szene aus „The Masque of The Red Death“: Hazel Court – „in whose bosom you could sink the entire works of Edgar Allan Poe“ (TIME Magazine) – Hazel Court als Juliana versucht ja immerzu vergeblich, eine magische Vereinigung mit Satan zu vollziehen; als Prospero ihrer müde wird, wird sie Opfer seines Falken. Unvergleichlicher Genuß, Price dabei zuzusehen, wie er das rotgefärbte Dekolleté betrachtet und erklärt: „I beg you, do not mourn for Juliana. We should celebrate. She has just married a friend of mine.“
AndersSehend:
Verrückt, war das ein US-Amerikanischer Verein? Das klingt für mich eher nach der liebevollen Verschrobenheit, die den Engländern immer nachgesagt wird.
Christian Erdmann:
Das war eine deutsche Society. Das war Anfang der 90er, ganz kurz vor seinem Tod, und die Society schlief dann auch ein. Ein Autogramm von Vincent Price bekam ich aber. Er hatte nicht die Schrift, die man von einem so weitausholenden Wesen möglicherweise erwartet. :)


AndersSehend:
Ich weiß zwar nicht, wie ich heute auf die Corman’schen Poe-Verfilmungen reagieren würde, erinnern kann ich mich jedoch daran, dass sie lange nachgewirkt und einen enormen Eindruck auf mich gemacht haben, auch in dem Alter noch, als ich bereits ironiefähig war. Diese Wirkung hat sicherlich viel mit Prices Schauspielkunst zu tun, süffisantes, subtiles Overacting trifft es auch für mich genau :-), wobei die Synchronisation auch sehr gut gewesen sein muß.
Christian Erdmann:
Wobei uns natürlich klar ist, daß „Verfilmungen“ ein bißchen das falsche Wort ist, der Deal war immer loosely based on, mal mehr, mal weniger. Und ja, ich liebe die Synchronfassungen auch sehr! Auch wenn, siehe „Tanz der Vampire“, zuweilen doch recht heftig manipuliert wurde, haben die Synchronsprecher in den 60ern oft Großes geleistet. Vincent Price wurde am kongenialsten von Friedrich Schoenfelder gesprochen, darf mal zitieren: „Vor allem seine Synchroneinsätze für den Amerikaner Vincent Price haben einen legendären Status.“ [lauschrausch.eu]
AndersSehend:
Hast Du einen Tipp für mich, welche zwei, drei Filme aus dem Corman-Poe-Zyklus ich mir wieder anschauen sollte? Ich glaube, ich habe damals alle gesehen, für mehr wird meine Zeit wahrscheinlich nicht reichen, und diesmal auf jeden Fall die Originalfassungen. Ich freue mich jetzt schon auf Prices Stimme, die ich bisher bewusst nur aus dem Thriller-Finale kenne.
Christian Erdmann:
The most hilarious ist wohl „The Raven“ mit Price, Boris Karloff, Peter Lorre und Jack Nicholson, und alle vier kennen keinen Bahnhof mehr. „House of Usher“ ist der Klassiker, „The Pit and The Pendulum“ mein spezieller Favorit wegen Barbara Steele, „Premature Burial“ ist zwar auch phantastisch, aber ohne Vincent Price, dafür mit Ray Milland. „The Haunted Palace“ ist dann ja eigentlich mehr an Lovecraft orientiert, auch ein überaus gelungener Film; „The Masque of the Red Death“ ist dann der opulenteste, Corman durfte den ja in den Kulissen von „Becket“ drehen, in denen gerade noch Richard Burton und Peter O’Toole brilliert hatten. Kameramann war übrigens Nicolas Roeg. „Red Death“ ist vielleicht der ernsteste und beeindruckendste. Aber dann ist da noch „Tomb of Ligeia“, der meiner Erinnerung nach beim „Phantastischen Film“ des ZDF immer fehlte, jedenfalls kenne ich ihn erst durch die DVD. „Ligeia“ war Prices Lieblingsfilm aus der Serie. Unterscheidet sich vom Rest schon dadurch, daß er Außenaufnahmen hat, wurde in Norfolk Abbey, England, on location gedreht. Price trägt eine schwarze Sonnenbrille, die seltsam anachronistisch, weil überaus cool und futuristisch wirkt. Der Film hat immer exzellente Kritiken gefunden, wurde mit „Vertigo“ oder Cocteaus „Orphée“ verglichen.

[SPIEGEL ONLINE Forum
Lieblingsfilme – was ist ‚großes Kino‘?
Januar 2010]

„The Masque of the Red Death is Corman’s most vivid illustration of the ways in which perversity and horror can be thinly disguised as beauty.“ – David J. Hogan, Dark Romance
„I think a reason those films were so successful was that we all took them very seriously, and managed to convince the audience of our sincerity. There was no tongue-in-cheek attitude until we made The Raven, which was meant to be funny!“ (Hazel Court)


[Diary of a Madman]
Roger Corman in „How I Made a Hundred Movies in Hollywood and Never Lost a Dime“ über seine erste Poe-Adaption, „House of Usher“ („Die Verfluchten“):
„In Vincent, I found a man of cultural refinement for Usher. He was a first-rate actor and handsome leading man who had a distinguished career. I felt audiences had to fear the leading man but not on a conscious, physical level based on strength. I wanted a man whose intelligent but tormented mind works beyond the minds of others and who thus inspires a deeper fear. Vincent’s performance was brilliant.“
„Vincent would always have a twinkle in his eye on the set, laughing and joking, but when we would be shooting, he’d flip right back into character. We became very good friends. In fact it was Vincent who encouraged me with my painting, which eventually led to sculpting. He loved my work and even bought a number of them.“ (Hazel Court)
„You remember the fun we had when you poisoned me?“

Für die Rolle des Matthew Hopkins in „Witchfinder General“ war ursprünglich Donald Pleasence vorgesehen, AIP jedoch bestand auf Vincent Price.
„But the result is nothing short of sensational. As AIP head Sam Arkoff put it, ‚Michael Reeves brought out some element in Vincent Price that hadn’t been seen in a long time. Vincent was more savage in that picture. I was surprised how terrifying Vincent was in that. I hadn’t expected it.‘
Price’s white-gloved Witchfinder is indeed terrifying – monolithic, implacable, frighteningly inscrutable. Reeves occasionally tracks into his face to study his reaction to the mayhem he’s set in train, as when he oversees the ducking of Lowes and two other ‚confessed idolaters’… But Price is giving away nothing. It’s only when Sara, anxious to save her uncle’s life, expediently agrees to meet Hopkins at night „in private talk“ that we see his features, seamed yet somehow sad, flicker fleetingly into life. Prior to taking his leave of her, he frowns in brief puzzlement at her feigned coquettishness. He can’t work this woman out, or indeed any woman.“ (Jonathan Rigby, English Gothic)
Der durch und durch puritanische Hexenjäger scheint sich jeden sadistischen Genuß an seinen grausamen Hinrichtungen zu verweigern; sogar diese perverse Lust hat er in sich abgetötet, und das ist vielleicht das Irritierendste an der Performance von Vincent Price in diesem Film.
