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Musik

Zeit macht nur vor dem Teufel halt

Denn er wird niemals alt. Die Hölle wird nicht kalt.


Alice & Ellen Kessler.

9 replies on “Zeit macht nur vor dem Teufel halt”

Weil der Schlager nicht weiterentwickelt, sondern kaputtrationalisiert wurde, verkam er zur Ölpest der Tonkunst. In den 20er und 30er Jahren war er noch lebendig. Der Rock ’n‘ Roll blies ihn davon.
Die jetzige Retorten-Rhythmik eines Grundstampfs für Rhythmosleptiker verbunden mit gesungenen Wand-Tattoos, was auch schon wieder kein deutsches Wort mehr ist, macht einmal mehr deutlich: Wir haben keine Alltagskultur mehr. Wir sind zu wonnabi-amis verkommen.
Klar findet man so am Rande immer die eine oder andere Ausnahmenummer. Aber von keinem Schlager-Fuzzi mal eine LP, die im ganzen genießbar wäre.
Ich würde nicht auf Ricky Shayne verfallen, dessen Mamy Blue im „Kessel Buntes“ 1971 mich nachhaltig traumatisierte. Ich würde eher an Juliane Werdings 80er Jahre Songs denken „Stimmen im Wind“ u.ä.
Und „Seemann lass das träumen“ ist auch irgendwie KULT geworden, im Laufe der Jahre.

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„Ölpest der Tonkunst“, sehr schön! Ich denke allerdings nicht, daß der Rock ’n‘ Roll den Schlager weggeblasen hat, der Schlager hat sich selbst erledigt. „Wir haben keine Alltagskultur mehr“, meine Diagnose dazu wäre: der Deutsche hat keinen authentischen / natürlichen Tonfall (mehr).

Rock ’n‘ Roll können wir schließlich auch nicht, und es stimmt, daß deutsche Musik immer dann im Ausland größte Anerkennung und Wertschätzung fand, wenn sie von angloamerikanischen Einflüssen weit entfernt war: Can, Kraftwerk, Einstürzende Neubauten. Vor allem aber besaßen diese Bands Wagemut, und sie waren dem Harmlosen abhold. In der Regel aber will es der Deutsche, vor allem, harmlos.

Wir sind das Land, dem in den 60er Jahren Aktricen unheimlich wurden, sobald sie von der niedlichen Sissi zum bedrohlichen Eros übergingen, dessen Kino in den 70er Jahren Sex und Jodeln symbiotisch zu verbinden wußte, dessen Werbefernsehen noch in den 80er Jahren verdächtig manisch vom Reinwaschzwang beherrscht war und das sich noch in den 90er Jahren allen Symptomen einer „schmutzigen“ Erotik weitgehend enthielt. Die Feindseligkeit, die der „Vaterlandsverräterin“ Marlene Dietrich bei ihrer Rückkehr nach Deutschland teilweise entgegenschlug, hatte durchaus nicht nur mit dem Vaterland zu tun; unterschwellig protestierten die Unverbesserlichen dagegen, daß hier eine Frau die Macht eines autonomen Eros repräsentierte, der sich nie um die vom Regime verlangte „zusätzliche Unterdrückung“ (H. Marcuse) gekümmert hatte. Was gemeint ist, wurde auf der anderen Seite des Rheins direkter ausgetragen: die Schauspielerin Arletty, der Liaisons mit deutschen Besatzern vorgehalten wurden, soll geantwortet haben: mein Herz ist französisch, aber mein Hintern ist international.

Zur zeitgenössischen zusätzlichen Unterdrückung gehört Verharmlosung des Eros, und der nicht verharmloste Eros ist so unheimlich wie eh und je. Wo ist, nebenher gefragt, auf dem deutschen Markt eigentlich der schwere, sinnliche Parfumduft für den Vamp geblieben? Es dominieren, passend zur Verniedlichung des Eros, Fruchtbonbon- und Babygriesbrei-mit-Vanille-Düfte. Wo ist, nebenher gefragt, eigentlich der Vamp geblieben? Daß Verona Feldbusch zur Jahrtausendwende hierzulande Kultfrau wurde, hat sicher auch damit zu tun, daß sie die Apotheose des auf Männer angenehm unbedrohlich Wirkenden ist.

Es gibt eine grundsätzliche Tendenz zur Infantilisierung, die erschreckend ist, und mittlerweile auch von Koryphäen wie Georg Seeßlen thematisiert wird. Synchronarbeit war einmal eine hohe Kunst in Deutschland, aber seit mindestens 10 Jahren klingen alle jungen Frauen in Filmen wie pampige 11jährige. Die Synchronsprecherinnen kommen offenbar aus dem Kinderfernsehen und haben es tatsächlich nie verlassen. Die „Lidl lohnt sich“-Stimme soll wohl irgendwie erfrischend sexy klingen, tatsächlich klingt sie einfach nur unfaßbar bescheuert, infantil, nervtötend. Nichts ist mehr echt am deutschen Tonfall, nirgends, das ist alles schon so nah an KI, daß der Sprung dorthin kaum bemerkbar sein wird. Wie man glauben kann, an Helene Fischer sei irgendwas bedeutungsvoll, authentisch, oder hätte irgendeinen ernstzunehmenden Standard , bleibt mir ein Rätsel.

Verblödungsarbeit also durch Verharmlosung, Infantilisierung und den wahren Jakob scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Übrigens ist auch der allgegenwärtige Manichäismus auf politischer Ebene Ausdruck dieser Infantilisierung – wir die Macht des Lichts, dort die Mächte des Finsternis. All die Strategien der Verdrängung haben nach dem letzten Weltkrieg nichts genützt, und sie werden auch jetzt nichts nützen. Wir werden uns von unseren Verbrechen der NS-Zeit nicht reinwaschen, indem wir Israel bedingungslos unterstützen. Wir werden den neuen Faschismus nicht damit verschleiern, daß wir uns als „links“ deklarieren. Wir waren so sehr das Böse und wollen jetzt so verzweifelt die Guten sein, daß wir alle Differenzierung über Bord werfen, alle Tatsachen dafür auszublenden gewillt sind, froh, endlich wieder ein Feindbild aufzubauen nach alten Mustern,- endlich ein „Böses“ bekämpfen zu können.

Nach dem Krieg war so etwas wie die Flucht in den Heimatfilm ja fast noch verständlich. Aber der deutsche Schlager hatte noch Momente von Poesie, Echtheit, Schönheit, Drama und Melodrama, konnte schräg sein und skurril. Aber wie zur Hölle soll man den Zustand der deutschen Popmusik der Gegenwart anders erklären als damit, daß wir vor lauter Verdrängungs- und Verharmlosungsleistungen irgendwann wirklich jeden Zugang zu Authentizität verloren haben. Deutsche Popmusik bedeutet fast nur noch schluffige Simulation von Tiefe und Emotion, oberflächliche Phrasendrescherei, Beliebigkeitsakkorde. Sie hatte ein kurzes Zwischenhoch in Teilen der NDW. „Wannabe-Amis“ – kämen Ideal heute mit so einem Song um die Ecke – und der Text klingt, als wäre er von heute -, hätten sie gute Chancen, gecancelt zu werden.

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Was für ein Lied, was für ein Text, was für eine Performance, was für eine Schauspielerin, was für eine Schönheit. Erika Pluhar fand ich immer schrecklich faszinierend, wenn sie im TV erschien, an eine Verfilmung von „Die Kameliendame“ erinnere ich mich noch. Besaß dann auch „Aus Tagebüchern“ aus purer Liebe zu ihr. Ich bin kein begabter Zeichner, kann nur Prinzessinnen, und wenn ich gebeten wurde, einen Prinz zu malen, sah der auch aus wie eine Prinzessin. Aber bei einer der Handvoll Bleistiftzeichnungen, die ich nicht gleich wieder wegwarf, war Erika Pluhar mein „Modell“, das heißt, ein Foto von ihr. Irgendwann im Leben war ich hingerissen von Marisa Mell. Irgendwann später im Leben fand ich heraus, daß Marisa Mell und Erika Pluhar Freundinnen waren. Irgendwann noch später, nämlich 2017, den Weg hinaufgewandert zum Kahlenbergerdorfer Friedhof, zum Grab von Marisa Mell, und als ich da oben stand, dachte ich daran, wie oft wohl Erika Pluhar hier gewesen sein mag. Und dann las ich „Marisa – Geschichte einer Freundschaft“ von Erika Pluhar und weinte am Ende ziemlich heiße Tränen. Und dann schickst Du mir sowas. :)

Ich fürchte, das sind beides keine Schlager :), aber was machts. So schön, danke Dir.

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Da bin ich aber jetzt erleichtert, dass ich auch mit einem LIED von der Pluhar hier punkten konnte ;-)
Die Marisa Mell, ja, was für eine Schönheit aber auch; ein Prachtweib. Ja, ich sag’ Weib, weil Marisa ist für mich ein Vollweib par excellence, sinnlich, erotisch, sie zählt für mich ausstrahlungsmäßig zu den Frauen wie eine Gina Lollobrigida, Sophia Loren, Brigitte Bardot, Raquel Welch … . Die Pluhar hingegen zähle ich da nicht dazu, ihre Wirkung auf mich ist eine andere, ihre Stärke ist nicht die sexyness. Auch als Prinzessin *lach* sehe ich sie nicht, auch nicht die Marisa, Prinzessinnen haben meist dieses Zarte, dieses etwas zerbrechlich Wirkende, etwas Feenhaftes an sich (ich glaube, alle Kinder zeichnen eine Prinzessin auf diese Weise und zudem wie auch du, klassisch blond *schmunzel*), nun, und gerade diese Wahrnehmung fehlt mir bei den beiden.
Ich denke mir, die beiden Frauen waren grundverschieden (kenne aber das Buch ihrer “ … Freundschaft“ nicht, weiß daher auch nicht deine heißen Tränen zu deuten),
was ich aber glaube, ist, dass Frauen an ihrer sexyness oft schwer zu tragen haben, sie verkannt werden.

Ich dank DIR *smile*

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Nein, als Prinzessinnen sehe ich die beiden auch nicht, ganz bestimmt nicht, und ja, diese Prinzessinnen entstehen mit Kindern, hin und wieder passiert uns auch eine Meerjungfrau, aber zum Zeichenlehrer hätte es bei mir nicht gereicht, nur das wollte ich sagen, darum bleibt meine Pluhar-inspirierte Zeichnung auch in der Schublade. :) Erika Pluhar war ja mal mit André Heller zusammen, und gerade las ich „Sternenmenschen – Bowie in Gugging“ von Uwe Schütte. Bowie hat 1994 die „Künstler aus Gugging“ besucht, Patienten der dortigen Nervenklinik, deren künstlerisches Talent durch den Psychiater Leo Navratil entdeckt und gefördert wurde, und dieser Besuch gehört zur komplexen Entstehungsgeschichte von Bowies phantastischem „1. Outside“-Album. Bowie war fasziniert von der rohen Unmittelbarkeit dieser Kunst. Bowies Halbbruder Terry hatte, an Schizophrenie erkrankt, einen Großteil seines Lebens in einer Nervenheilanstalt verbracht, bis er dieses Leben 1985 freiwillig verließ. In seinem Werk sucht Bowie immer wieder eine Verbindung zu Terry, zugleich begleitet ihn stets die Furcht, selber wahnsinnig zu werden. Die er manchmal dadurch zu exorzieren versucht, daß er dieser Outsider-Wahrnehmung des „Wahnsinns“ bewußt nahekommt. Den Besuch in Gugging jedenfalls hatte André Heller arrangiert, der Bowie und Brian Eno dann auch in das Haus führte. Das zweite Album der Einstürzenden Neubauten hatte den Titel „Zeichnungen des Patienten O.T.“ – O.T. ist Oswald Tschirtner, einer der Künstler aus Gugging.

Und darum singt jetzt Blixa Bargeld ein LIED von David Bowie. :)

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Hach, DU, weißt, ich finde es höchst bemerkenswert, ja, ganz wunderbar fantastisch, wie du es immer wieder schaffst, an diversen Fäden zu ziehen und damit verdeutlichst, wie alles mit allem zusammenhängt, sich plötzlich Bilder in mir auftun, die vorher von mir nicht wahrnehmbaren waren, du die wunderbare Gabe besitzt, des Öfteren diesen gewissen „AHhaa!“ – Effekt in mir auszulösen. HERZENSDANK dafür. *bigSMILE*

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