
Im Ersten Weltkrieg ist Zürich Fluchtpunkt vieler emigrierter Künstler, der junge, in Rumänien geborene Dichter Tristan Tzara gehört dort 1916 mit Hugo Ball, Hans Arp und Emmy Hennings zu den Begründern der Dada-Gruppe. Richard Huelsenbeck nennt ihn „das skrupellose Genie“. Tzara schreibt die ersten Dada-Texte, stellt der Absurdität des Weltgeschehens eine absurde Poesie entgegen, im Züricher Cabaret Voltaire, der „Wiege des Dadaismus“, kommt es mit Tzara an der Spitze zu Aufführungen, deren spektakulärer Tumult legendär wird („Wir vollführen einen Höllenlärm“, Hans Arp). Tagebuch von Hugo Ball: „Ein undefinierbarer Rausch hat sich aller bemächtigt. Das kleine Kabarett droht aus den Fugen zu gehen und wird zum Tummelplatz verrückter Emotionen.“
Dada versteht sich als Revolte: als Antwort auf das brutale, sinnlose Gemetzel des Krieges und auf die Verblendung nationaler Ideologien. Die Anarchie der Worte, ihre Spontaneität (Tzara will „unmittelbar erschaffen“), die sich den Zufall zunutze macht, protestiert gegen Sprache als Werkzeug einer konservativen, bürgerlichen Ratio, deren „Werte“, deren Moral, deren Materialismus und deren Logik vollkommen versagt hatten.
Tzara schreibt Manifeste („8590 Artikel über Dadaismus“, behauptet er), lehnt aber jedes Dogma ab. 1919 geht er nach Paris, um sich André Breton und Louis Aragon anzuschließen, mit den Pariser Dadaisten überwirft er sich jedoch schon 1921 wieder, die Auflösung der Gruppe führt zur Gründung des Surrealismus, dem Tzara sich ab 1930 zuzuwenden beginnt.
Tzara kämpft im Spanischen Bürgerkrieg, beteiligt sich an kommunistischen Aktivitäten und schließt sich im Zweiten Weltkrieg der französischen Widerstandsbewegung an. Hans Arp erklärt 1948:
Angeekelt von den Schlächtereien des Weltkrieges 1914, gaben wir uns in Zürich den schönen Künsten hin. Während in der Ferne der Donner der Geschütze grollte, sangen, malten, klebten, dichteten wir aus Leibeskräften. Wir suchten eine elementare Kunst, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen und eine neue Ordnung, die das Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle herstellen sollte. Wir spürten, daß Banditen aufstehen würden, denen in ihrer Machtbesessenheit selbst die Kunst dazu diene, Menschen zu verdummen.
Und 1958:
Die Dadaisten waren, sind und werden stets gegen den Krieg sein.
Die Cut-up-Methode wird von William S. Burroughs popularisiert, ihr eigentlicher Erfinder aber ist Tristan Tzara. Cut-up ist eine Neuabmischung von (linearen) Texten, die sehr viel später auch David Bowie zuweilen einsetzt. 1920 gibt Tzara die Anleitung für ein dadaistisches Poem: ein Zeitungsartikel wird in Stücke zerteilt, die aus wenigen Worten oder nur einem Wort bestehen. Die so entstandenen Fragmente werden gemischt und die Worte nach dem Zufalls(?)prinzip neu zusammengesetzt, so daß ein Text entsteht, bei dem die Methode selbst als Bedeutungsgenerator wirkt.
„The Hearts Filthy Lesson“ vom „1. Outside“-Album (1995) ist ein Song, für den Bowie u.a. die Cut-up-Technik zur Anwendung bringt.:
Something like ‚Hearts Filthy Lesson‘ was a montage of subject matter, bits from newspapers, storylines, dreams and half-formed thoughts. (David Bowie 2000)
Zu dieser Zeit hat sich Bowie für sein Apple PowerBook sogar ein Computerprogramm entwickeln lassen, das eingegebene Informationsfragmente neu arrangiert:
‚I’ll take articles out of newspapers, poems that I’ve written, pieces of other people’s books, and put them all into this … container of information, and then hit the random button and it will randomize everything.‘ Amid that randomness, Bowie says, ‚if you put three or four dissociated ideas together and create awkward relationships with them, the unconscious intelligence that comes from those pairings is really quite startling sometimes, quite provocative.‘
Comte de Lautréamont (Isidore Ducasse, 1846 – 1870) wird von den Surrealisten als Pionier und Prophet verehrt: im 6. Gesang der „Gesänge des Maldoror“ wird Mervyns Schönheit beschrieben als „schön wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“, Matrix für die surrealistische Schocktechnik der Montage des scheinbar Unverbundenen, Wesensfremden als einer der Wege zur „konvulsivischen Schönheit“ (Breton).
Nico betrachtete Tristan Tzara als einen ihrer Lehrmeister. Tobias Lehmkuhl in „Nico – Biographie eines Rätsels“, Berlin 2018, 62:
Nico traf auch Tristan Tzara, eine der Gründerfiguren des Dadaismus (…) Nico behauptete, von ihm Ende der Fünfziger (er starb 1963) das Spiel mit den Worten gelernt zu haben.
die fasern unterwerfen sich deiner sternen-hitze
eine lampe nennt sich grün und sieht
vorsichtiger eintritt in die fieber-zeit
der wind hat den zauber der flüsse verjagt
und ich habe den nerv durchlöchert
am klargefrorenen see
den säbel zerbrochen
aber der tanz der runden terrassentische
umkreist den schock des marmornen kälteschauers
neu nüchternSo lautet der neunte Teil aus Tristan Tzaras ‚kinoprogramm des abstrakten herzens‘, einem Gedichtzyklus, der 1920 zusammen mit Holzschnitten von Hans Arp erschien. Wer weiß, ob Nico gerade dieses Gedicht kannte. Einzelne Elemente wie der ‚marmorne Kälteschauer‘ oder der ‚gefrorene See‘ erinnern durchaus an ihr erstes Soloalbum ‚The Marble Index‘ und insbesondere an den Song ‚Frozen Warnings‘. Die Vorstellung eines ‚abstrakten Herzens‘ könnte zudem ein hilfreicher Begriff sein, um das komplizierte Wesen, das wir Nico nennen, besser zu erfassen.
Foto:
Cimetière de Montparnasse, Division 8
September 2002
One reply on “Tristan Tzara, Poete”
Dada überkommt mich doch sofort DAS
… HAch ja ;-) mal schauen wie viele es werden bei meiner nächsten Bestellung deines Buchs. Da sind eine Menge extravagante BuchliebhaberInnen und Freunde in meinem Bekanntenkreis. Es geht mir da nicht um’s Geld – im Sinne von dass ich mir auch was in meine Taschen stecke – sondern darum, dein für mich phänomenal~grandios~fantastisches Werk zu verbreiten.
Einen noch gesellig feinen Sonntag dir
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