How beautiful she was. Und wie traurig. Das Lied vom einsamen Mädchen: Estella Blain, geboren als Micheline Estellat am 30. März 1930, Tochter einer Familie baskischen Ursprungs, verbringt ihre Kindheit im Montmartre-Viertel, in der Nähe der Pathé-Studios in der rue Francoeur, sieht dort fasziniert die Künstler kommen und gehen, singt nach dem Krieg in Pariser Terrassencafés, nimmt Schauspielunterricht, aus dem Traum wird ernste Berufung, 1953 spielt sie im Théâtre du Grand-Guignol neben Michel Piccoli, dreht noch im selben Jahr ihren ersten Film, blondiert ihr Haar, heiratet den jungen Schauspieler Gérard Blain, das schüchterne Mädchen wird zum Star, orientiert sich in Kleidungsstil, Frisur und Make-up an den Hollywood-Schauspielerinnen der 1950er, der Glamour verdeckt das Trauma der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie aufwuchs. Scheidung von Blain 1956, doch sie behält den Namen. Sie heiratet ein zweites Mal, sie hat einen Sohn. Sie ist Madame de Montespan in „Angelique und der König“. Sie dreht über 20 Filme in 15 aufregenden Jahren. Und erlebt dann, wie andere Idole die Fantasie der Öffentlichkeit bewegen.
Als sich in den 1970ern Produzenten und Regisseure nicht mehr für sie interessieren, kehren die Dämonen der Kindheit zurück, ihre Zerbrechlichkeit, Empfindsamkeit und Melancholie wandeln sich in Depression. Als der Sohn sein eigenes Leben zu leben beginnt, fühlt sie sich allein, elend, nutzlos.
Am Neujahrstag 1982 findet man sie am Strand in der Nähe ihres Hauses in Port-Vendres im Département Pyrénées-Orientales. Sie hat sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Für ihre letzte Reise wird ihr Körper nach Toulouse gebracht, im Beisein zahlreicher Künstler und Filmschaffender wird ihr Leichnam im Krematorium Cornebarrieu eingeäschert.
1967 oder 1968, die tragische Schönheit singt die Einsamkeit.
„Miss Muerte“ / „The Diabolical Dr. Z“, 1965, einer der Hauptgründe für Orson Welles‘ Begeisterung für Jess Franco.
Originally titled Miss Muerte („Miss Death“), this is one of Franco’s best movies. It was supposedly based on a novel by „David Kuhne,“ but it owes its essential plot to Cornell Woolrich’s novel THE BRIDE WORE BLACK, which Francois Truffaut would film two years later. THE DIABOLICAL DR. Z opens with the death of Dr. Zimmer, another Orloff disciple whose disfigured daughter (Mabel Karr) seeks revenge on the Medical Board responsible for shaming him into a fatal coronary. As the instrument of her vengeance, she employs an exotic dancer named Miss Death (Estella Blain), whom she brainwashes with a sadistic acupuncture machine and sends out into the male world with a translucent danceskin and poisoned fingernails. Franco himself plays the rather large supporting role of a police inspector, unable to sleep since becoming a father; his partner in detection is played by Daniel White, who composed the scores for many of Franco’s films.
Franco co-wrote this kinky melodrama with Jean-Claude Carrière, an unsung specialist in fetishistic storytelling who also scripted several of Luis Bunuel’s last films, like DIARY OF A CHAMBERMAID (1969) and THAT OBSCURE OBJECT OF DESIRE (1977). As embodied by Blain (who committed suicide in 1981), Miss Death is one of the most lethal divinities of European horror. Beautiful black-and-white photography suffuses the visuals with an unnerving, silvery, surgical sheen.
Tim Lucas, Horrotica, The Sex Scream of Jess Franco
Jesús Franco’s The Diabolical Dr. Z (1966) is a heady, atmospheric venture that stands out among the director’s works as one of his most striking films. With its singularly captivating female antagonist and a plot thick with gothic flair, Dr. Z was groundbreaking in several ways. The film presents a unique departure from traditional horror tropes, challenging the norms with a woman leading the charge into villainy, a rarity for its time and an element that adds to its enduring fascination.
[surgeonsofhorror.com, 2024]
In einem Interview sagte Jess Franco einmal, wenn er nur drei Filme aus seinem Werk für die Nachwelt erhalten dürfte, würde er sich für Succubus, Venus in Furs und The Diabolical Dr. Z entscheiden.
Lieblingsfilme: Was ist ‚großes Kino‘? [SPIEGEL ONLINE Forum], 2007 – 2009.
Christian Erdmann:
Während hier alles brachliegt, breche ich eine Lanze für Stanley Kubricks „Barry Lyndon“. Entgegen aller anderslautenden Gerüchte ist der Film nur lang, aber in keiner Sekunde langweilig. Im Zeitalter der screenshots ist es möglich, sich Gainsborough-Bilder an die Wand zu hängen, die nicht von Gainsborough sind, weil sie von Kubrick sind. Schauspieler, von denen man das nicht unbedingt erwartet – Ryan O’Neal, Marisa Berenson – gehen einem plötzlich mit der stillen Intensität an die Nieren, die Kubrick in ihre Gesichter gezaubert hat. Von Nebendarstellern wie Murray Melvin als Reverend Runt gar nicht zu reden, der seine geheime Liebe zu Lady Lyndon unter seiner zimperlichen Pietät verbirgt; wenn man Melvin am Spieltisch sieht, wie er der Blicke zwischen Redmond Barry und Lady Lyndon gewahr wird, und man Zeuge wird, mit welch minimalen Mitteln er ausdrückt, daß für ihn gerade eine Welt zusammenbricht, möchte man Helmut Berger zustimmen: „Es gibt keine Charlotte Rampling mehr“.
Der Film ist ebenso ätzende Satire wie distanziert-zärtliche Annäherung. Man fällt in Szenen hinein, bis die Erzählstimme ironisierende Kontrapunkte setzt. Ein ständiges Wechselbad zwischen tiefer, süßer Romantik (Barry und Lady Lyndon auf dem Balkon) und knallharter Entlarvung von Opportunismus und Oberflächlichkeit.
Bei der Duellszene zwischen Barry Lyndon und Lord Bullingdon nach 2½ Stunden war seinerzeit die Hälfte der Kritiker, die nach „Clockwork Orange“ von Kubrick offenbar alles, nur nicht dies, erwartet haben, vermutlich bereits eingeschlafen; mir hingegen stockte der Atem. Über 10 Minuten hinweg. Im Grunde ist „Barry Lyndon“ ein Actionfilm par excellence, nur daß der special effect, den Kubrick dabei einsetzt, darin besteht, die „Action“ aus Gesichtern hervorscheinen zu lassen, Gesichter entweder von einer dem Zeitalter entsprechenden Maskenhaftigkeit, oder, wie bei Redmonds Barrys Mutter, dem höflichen Highwayman-Räuber und seinem Sohn, oder dem englischen Offizier, den Redmond zu Beginn des Films brüskiert und hernach in einem Duell zu töten vermeint, von einer gnadenlos überzeugenden Authentizität. Souveräner und virtuoser als Kubrick, das in jeder Sekunde detailversessene Genie, führt niemand in die Mitte des 18. Jahrhunderts.
Händel, Vivaldi, Schubert, The Chieftains – nicht nur setzt Kubrick mit dem Einsatz der Musik immer, IMMER, auf unübertreffliche Weise Stimmungen, die Musik gehört so sehr zu diesen Bildern, daß man hinterher Schuberts Klaviertrio (opus 100) nicht mehr hören kann, ohne an Marisa Berensons stummes Leiden zu denken. Dös is faktisch, wie Joseph Roth immer sagte, außer für jene, die bei Schuberts Klaviertrio an Catherine Deneuve in „The Hunger“ denken, natürlich.
Unterschätztes Meisterwerk, ganz großes Kino.
Gwynplaine:
Auf jeden Fall! „Barry Lyndon“ bewundere ich sehr. Die Duell-Szene ist in der Tat sehr intensiv. Auch der Hass in Bullingdons Augen, als er von seinem Stief-Vater demütigende Prügel bezieht.
Christian Erdmann:
Das Großartige und Wunderbare ist, daß Kubricks angeblich immer so „kühler“ Blick und diese permanente Desillusionierung nicht verhindern, daß man genuine compassion mit diesen Figuren empfindet, noch nach 27 Stunden, als Redmond und Lady Lyndon am Bett ihres sterbenden Sohnes sitzen. Kubrick bringt einem, bei aller Kritik an ihnen, diese Figuren näher, als es viele andere „ach so intime“ Filme der 70er heute – wenigstens bei mir – vermögen. „Das siebente Siegel“ wird immer groß sein, aber „Szenen einer Ehe“? Gut, wichtig… aber nichts für mich.
BerSie:
Bei „Barry Lyndon“ möchte ich ergänzen, dass in den Innenräumen mit lichtstarken Objektiven nur bei Kerzenlicht gefilmt wurde! Damals eine Innovation!
Christian Erdmann:
Mit Equipment von der NASA! Marisa Berenson hat erzählt, daß bei manchen close-ups die Schauspieler sich keine Handbreit rühren durften, sonst wären sie aus dem Fokus verschwunden.
Ich könnte gar nicht aufzählen, wo überall ich, seit Marisa Berenson in „Barry Lyndon“, überhaupt nicht mit mir handeln lasse und auf Einwände bezüglich schauspielerischer Leistung sofort in verständnisloses Anstarren verfalle, im günstigsten Fall die Virtuosität zartester Mundwinkelbewegungen rühme und insgeheim eine Karriere als Minnesänger ins Auge fasse. Kann mich noch gut erinnern, wie mal, als ich 15 war oder so, Wolf von Lojewski den Film „The Jungle Princess“ mit Dorothy Lamour ansagte und dabei schwer didaktisch wurde. Als der Film vorbei war, beschloß ich: ich höre dich nicht, Wolf von Lojewski, nie mehr.
Christian Erdmann:
Marisa Berenson in „Barry Lyndon“ ist so verstandraubend, ich krieg‘ immer SO’N Hals wegen Redmond, wenn er seinen Tabakqualm in ihr Antlitz bläst.
Sagte ich schon, daß „Barry Lyndon“ der Lieblingsfilm von Brian Eno ist? Wahrscheinlich schon. Das Leben ist ja auch deshalb oft so unverständlich, weil es Menschen gibt, die sich nicht sofort beim ersten Auftauchen von Lady Lyndon in Spa in sie verlieben.
Es war einer dieser Tage, an denen nichts so ist, wie es sonst ist. Anfang oder Mitte der 90er Jahre, im großen Saal mit ebensolcher Leinwand, im Schloßtheater in Münster. Eigentlich wollte ich ‚Barry Lyndon‘ sehen, zum allerersten und bis heute letzten Mal. Irgendwie habe ich das auch, und dann doch wieder nicht. Normalerweise kann ich problemlos zwischen ‚Im Film, in der Geschichte sein‘ und ‚Zwischendurch einmal die Machart bewundern‘ wechseln, wobei ich meistens bis auf kleine Millisekundenausflüge komplett in der Geschichte bin beim ersten Viewing. Aber damals saß ich nur so da in diesem Kinosessel – völlig umsetzungshingerissen – und habe mich first and foremost seit der Kerzenszene den Restfilm über immer nur gefragt „Wie zum Henker haben die das gefilmt?“, weil nirgendwo Anzeichen für eine andere Beleuchtung als eben diese Kerzen auszumachen waren. Makes perfect sense, lichtstarke Objektive von der NASA. Was auch sonst, Kubrick halt … trotzdem, ich kann mich überhaupt nicht an die Geschichte erinnern, die Du – zusätzlich zur Umsetzung und vor allem Marisa Berenson – so wunderbar und bewundernd beschreibst. Lediglich Ryan O’Neal ist bei mir hängengeblieben nach ‚Paper Moon‘, dachte so bei mir „Was für ein gutaussehend-blasiertes Arschloch dieser Mann, in dieser Rolle, einfach großartig“, während ich den Film nicht sah. Da fällt mir ein, ich muss Peter Greenaway in meine Lieblingsfilmliste aufnehmen, weil ich bis ‚Prosperos Bücher‘ alle seine Filme eben in jenem Schloßtheater erwischt habe.
Anonym:
(Annette to Barry Lyndon) …wenn ich Ihren Blog weiter verfolge, kann ich meinen Job an den Nagel hängen, nur noch all dies in mir, was mich so sehr an das erinnert, das ich liebte. Thackereys „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ hat mal zu meinen geheimnisvollen Top Ten gehört, die man nie wirklich erklären kann. Eine Berührung ohne Grund. Den Film von Kubrick kenne ich noch nicht. Die Szene, die Sie zum Abspielen hineingestellt haben, ist a-tem-be-raubend. Ich werde mir nun ein Kino mieten, ein Glas Schampus einschenken und schauen! Monsieur, wie halten Sie all das aus!
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Britta: *Neglected masterpiece* wie „Marnie“, I seem to have a penchant for those. Mich verwirrt immer, wenn Kubricks Filme, zumal dieser, „kalt“ genannt werden. Weil jemand Leidenschaft, Herz und Seele in seiner Kunst nicht nach gängigen Klischee-Vorstellungen zeigt? Finde die zweite Hälfte von „Barry Lyndon“ in ihrer Intensität manchmal kaum auszuhalten. Ein guter Satz, den man bei imdb lesen kann:
„[…] so beautiful to look at that it almost becomes artistic pornography (in the sense of creating intense emotion).“ Auch: „The film’s greatest scene – the gambling table, where Barry and Lady Lyndon stare at each other in the candlelight like clockwork figures forced into humanity, is a masterpiece of cinema translating minimalist acting into genius …“
Ist es wichtig, daß der Erzähler mit ironischer Überlegenheit kommentiert, was wir sehen und hören? Schon. Bedeutender aber ist, wie die Intimität und Tiefe der Bilder, wie all die subtilen Gesten und Blicke die Selbstsicherheit des Erzählers unterminieren. Wie Ryan O’Neal Barry eine Komplexität gibt, die eine Beschreibung als irischer Halunke, Opportunist & upstart oberflächlich bleiben läßt. „Barry Lyndon“ betritt man wie eine Welt, und man gleitet durch sie wie durch einen Traum. Kubrick gibt einem die Zeit dazu. Und in there fühlt man, wie unendlich komplexer alles ist, als selbstgerechte Kommentare glauben machen wollen. So wie man hinter der makellosen Beherrschtheit und scheinbaren Unnahbarkeit bei Marisa Berenson a flood of emotions erkennt. Bis mit ihren Tränen die Geschichte absolutely heart-wrenching wird. Und man verläßt diese Welt mit derselben Melancholie, mit der man aus manchen Träumen erwacht.
Marisa Berenson bekam die Anweisung, schon Monate vor Drehbeginn jedes Sonnenlicht zu meiden. :)
Nach meinem Greenaway-Elaborat (pej.) auf SPON könnte ich auch forschen. Ray und ich hatten da mal diese Perückenphase. „Der Kontrakt des Zeichners“ und „Drowning By Numbers“, meine Favoriten von Greenaway.
Ich habe übrigens einen Brief von Murray Melvin (Reverend Runt), eine äußerst liebenswürdige Antwort, die er auf dem Briefpapier eines Theaters in Nordwales schrieb, wo er in einer Inszenierung von „The Devils“ gerade dieselbe Rolle spielte, die er auch in Ken Russells Film hatte (Father Mignon): „It’s a sort of rebirth and a very strange feeling.“
Annette: a-tem-be-raubend. Nichts weniger. Zu Zeiten kenne ich überhaupt keine atemberaubendere Szene der Filmgeschichte, hands down. Es wäre mir aber sehr lieb, wenn wir all das zusammen aushalten könnten, zumindest bis wir alle unseren Job an den Nagel hängen und auf dem Zauberberg der geheimnisvollen Top 10(0)(0) einchecken, empfangen von Händels Sarabande im Kubrick-Arrangement, ready for one spellbinding experience after another. Naja. Sorry it took me wild. Was ich eher NICHT mehr aushalte, ist dieser ganze Dödelkram, mit dem man zugeschüttet wird.
Matt Packer, thequietus.com, 29.07.2016:
For Barry Lyndon is not just a hidden gem in the Kubrick canon that struggles for attention among glitzier company. It is, by monolith-shattering light years, the director’s greatest achievement – certainly the Kubrick Fan’s Kubrick Film; the one that his most ardent devotees consider to be the optimal showcase for all of his finest flourishes: ravishing symmetry, plunging depth-of-field, immaculate script structure, clever casting – every supporting player as crucial to the overall mosaic as the leads – and outstanding performances, particularly from co-stars Ryan O’Neal and Marisa Berenson. Oh, yes… and matchless, faultless music timing – the kind that, if you really focus on it, sprains your mind with its agonising levels of concentration.
Ryan O’Neal’s lead performance is flat-out astonishing, and confoundingly under-acknowledged. This is, in every sense, his captain Willard or Michael Corleone: a whole, three-dimensional figure who feels more like a real person than a scripted character worn by an actor. O’Neal sells Redmond’s three-hour transition from sympathetic underdog to contemptible bum with exquisite subtlety.
Marisa Berenson doesn’t even make her first appearance in the film until the 99th of its 187 minutes, but more than earns her co-star billing, exuding ornate poise and bone-China fragility as a woman who doesn’t realise she has let a morally rabid dog into her home until it’s too late. Drawn at first to Redmond’s chivalric veneer – a mirage cultivated on the Chevalier’s watch – the Countess of Lyndon eventually crumples into the countenance of a bagged-up cat that has been hurled into a river in the company of a brick. Never much of a household name, despite her superb showing in the film, Berenson follows Lolita’s Sue Lyon and 2001’s Keir Dullea in the distinguished line of ace Kubrick finds that are almost wholly identified by their work with the director.
Marisa Berenson:
„I liked him [Kubrick] very much. He had a lot of dry humour. Contrary to what people think – they have this image of Stanley as this difficult ogre – he wasn’t at all. He was a perfectionist but every great director I’ve worked with has been a perfectionist. You have to be to make extraordinary films.“
Vielen Dank für das Feature! Mittlerweile gibt es also Filmkritiker, die in „Barry Lyndon“ nicht nur den schönsten Film aller Zeiten sehen, sondern ihn sogar als Kubricks besten Film bezeichnen. Jedenfalls finde ich es überaus erfeulich, daß Marisa Berenson und auch der vor zwei Jahren leider verstorbene Ryan O’Neal noch erleben können (konnten), wie ihre schauspielerischen Leistungen in dem Film endlich angemessen gewürdigt werden. Bilgi Ebiri zum Beispiel schreibt:
„I think O’Neal gives an excellent performance, and I would direct anyone who does not agree to the scene where he faces his dying son on the deathbed. O’Neal’s performance is perfect — at first, averting his eyes, avoiding eye-contact, and then facing his son, trying to lie to him, telling him that he’s not going to die. Listen to the way he whispers his lines, and to the way his voice breaks as he does so. This kind of emoting without affecting is SO difficult, even for the finest actors, that I still have a hard time believing that he was acting in that scene. When he finally breaks up — it’s shattering, every time I watch it, and I’ve watched this scene many times. Also, note how well his delivery of the story of his heroics matches his earlier delivery of the same story. His intonations are the same, but this time he’s got tears in his eyes, and he can’t keep it up — his voice breaks up and he falls apart. O’Neal portrays this deterioration so well that it’s terrifying.“
Barry verliert ja nach dem Duell mit Lord Bullingdon ein Bein, und Ryan O’Neal hat erzählt, Kubrick habe ihn gefragt, ob er sich das Bein amputieren lassen könne. Offenbar war er tatsächlich für einen Moment nicht sicher, ob Kubrick das ernst meine. „I wasn’t sure if he meant it or not.“ – In diesem Sinne, alles für die Kunst :), wünsche schöne Weihnachtszeit! Gruß, CE
SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – was ist ‚großes Kino‘?“
08/2009
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Ansonsten, heute nacht: „Die Nacht des Leguan“. Richard Burton auf der „phantastischen“ Ebene, am Ende der Welt, zwischen Ava Gardner, Deborah Kerr und Sue Lyon.
ray05:
Ava Gardner ist eine für Herzogs obszönen Dschungel. „Diva“ ist ein zu schwacher Begriff für die Frau, ich kann da gar nicht hinkucken. :)
Christian Erdmann:
Da kennen wir keine Gnade, ray. Keine.
Bei den Dreharbeiten für „The Night of the Iguana“ muß es gebritzelt haben bis Texas. Elizabeth Taylor war anwesend, um Burton vor Ava zu beschützen, die wiederum mal mit dem ebenfalls vor Ort wachenden Peter Viertel zusammen war, der mittlerweile aber mit Deborah Kerr verheiratet war. Man wäre ja geneigt zu sagen, Burton war nie besser, aber da ist noch „Becket“.
07/2010
Cugel:
Ebenfalls mit Ava Gardner und ganz großes Kino: Die Nacht des Leguan. Mit dabei ein wie immer genialer Richard Burton als strauchelnder Priester sowie eine allerliebste Deborah Kerr.
Christian Erdmann:
Ja, Sie sagen es, gehört unabdingbar in mindestens eine schwüle Sommernacht pro Jahr. Wenn ich so müde wäre wie jetzt, würde ich wahrscheinlich einfach nur nicken, wenn jemand behauptet: gleich alle drei, Burton, Gardner, Kerr, auf den Achttausendern ihrer ohnehin überragenden Kunst. Und wer „allerliebste Deborah Kerr“ schreibt, darf meinetwegen sowieso behaupten, die Welt sei eine Cugel.
Cugel:
Anmerken möchte ich noch, dass in dem Film eine meiner Lieblingssterbeszenen stattfindet. Hoch über der Brandung auf einer umwucherten Terrasse sitzend, nach vollbrachtem Leben in den wolkenumhangenen Vollmond schauend endlich den Stock wegwerfen und vielleicht noch ein schwaches „also gut, ich bin soweit“ denken… das wär’s doch. Wird aber schwierig.
Christian Erdmann:
Vorher der älteste praktizierende Poet der Welt werden, bitte.
Nonnos letztes Gedicht, das alle zum Schweigen bringt, die letzten Wolken, die am letzten Mond für ihn vorbeiziehen, Deborah Kerr, die irgendwas, irgendwen bittet: Oh God, please can’t we stop now… ja.
Hannah ist ja wie Laura in „Die Glasmenagerie“ und Blanche (Streetcar) einer dieser Rose-Charaktere. Rose, Tennessee W’s Schwester, zu der er ein so obsessives Verhältnis hatte, schön, ätherisch, schlank, blond, verstört, als schizophren diagnostiziert, Lobotomie. Can’t we stop now… nach der Nacht des Leguan läßt er sie gehen, das Schicksal von Rose, für das er sich immer schuldig fühlte, akzeptierend, er läßt etwas gehen, das schon lange vergangen ist. Nachdem sie, in Gestalt von Hannah, ihn, in Gestalt von Shannon, vielleicht verstehen ließ, wie man mit seinen Blauen Teufeln leben kann.
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
22.05.2020
Moves:
Meine Güte, 2010, das muss ein anderes Universum gewesen sein. Da fanden Szenen noch statt :-))) … unsichere Gehversuche im SPON-Forum. Ein Haifischbecken, wo sich Aljoschas und rays05 tummelten. Aber immerhin glitzerten sie schön, wenn die Sonne durch die Wellen brach und die schönsten Hockneys auf den Grund malte.
Wegen Deborah Kerr und Ava Gardner muss man dem Polytheismus verfallen. Ein Göttinnenhain, gegen den Asgard und der Olymp nur graue Vorzimmer sind, darin Zeus und Odin sich einen Schreibtisch teilen und eifersüchtig über ihren Zugang zu den Göttlichen streiten.
In „From Here To Eternity“, poetischer geht es nicht, da liegt Deborah Kerr mit Burt Lancaster nachts am Strand auf Hawaii in einer einsamen Bucht, und man merkt, wie das Meer es bitter bereut, seinerzeit Aphrodite schaumgeboren zu haben und nun versucht, Deborah Kerr auf ebensolche Weise wieder zurückzuholen. Vermutlich wurde die ganze Aktion nur deshalb abgeblasen, weil Mr Lancaster infolge der erotischen Verschlingung ja auch mitgekommen wäre, als Beifang sozusagen, oder Wermutstropfen?
Anyway… Meeresbrandung im Mondlicht auch in der Nacht des Leguan, wie ein roter Faden. Brandeten die Fluten auch in Quo Vadis? Wobei ich bei diesen alten Filmen immer verdrängen muss, dass der Mondschein kein Mondschein ist sondern die Sonne und nur die Blende soweit zugedreht wurde, dass es wie Nacht aussieht…
Ach Ava, Du hast Cpt. Towers einfach ziehen lassen in „On the Beach“, selber schuld der Typ, wenn er lieber mit seinen Kumpels in seiner Blechbüchse in See sticht anstatt die letzten Tage mit ihr zu verbringen. Nicht eine Silbe der Überredung hat sie an ihn verschwendet, der arme Tropf. Immerhin schaut sie ihm von den Cliffs herab nach, während die Kamera so tief sinkt, dass die auslaufende „Sawfish“, sein U-Boot, perfekt vom Windschutzscheibenrahmen ihres schnittigen kleinen Cabrios eingerahmt wird.
„You never take me alive, said he“
24.05.2020
Christian Erdmann:
„Wegen Deborah Kerr und Ava Gardner muss man dem Polytheismus verfallen.“ – Ganz entschieden. Trägerinnen heiliger Macht. Schließlich ist Antirat ja auch ein Tempelbezirk, dem Untergang geweiht, ein Reich erotisierter Wehmut. :)
„… und man merkt, wie das Meer es bitter bereut, seinerzeit Aphrodite schaumgeboren zu haben und nun versucht, Deborah Kerr auf ebensolche Weise wieder zurückzuholen.“ Ein so schöner Satz, daß darunter LA NASCITA DE VENERE von Respighi zu hören ist.
„From Here To Eternity“ – die Schauspielerleistungen sind alle phantastisch (Donna Reed als Lorene!), aber Deborah Kerr in diesem Film, da steht mir der Verstand still. Tatsächlich ist alles, was an ihrer poetischer-geht-es-nicht-Szene mit Burt Lancaster am Strand mythisch wurde, kein Mythos. Könnte hier
stundenlang zusehen.
So very beautiful: Deborah Kerr am Set.
„Brandeten die Fluten auch in Quo Vadis?“ – Fluten roter Haare. Von Deborah Kerr besitze ich tatsächlich ein Autogramm, hier in einer Überblendung mit Lygia.
Sie ließ mir diese Widmung großzügigerweise zukommen, nachdem ich ihr einen komplett konfusen, für sie wahrscheinlich äußerst rätselhaften Brief geschrieben hatte, der von ihren roten Haaren handelte und daß sie mich an ein früheres Leben erinnern, und davon, daß ich nach „Quo Vadis“ geträumt hatte, in der Arena zu stehen mit ihr und den anderen, kurz bevor die Löwen losgelassen werden, und wir singen „All The Young Dudes“ von David Bowie. Der Audiokommentar der „Quo Vadis“-DVD spricht von Deborah Kerrs „tremendous gracefulness“, sie war a trained ballerina, aber gemeint ist natürlich auch eine Form von Anmut des Charakters. Schrieb hier über Robert Mitchum:
„Neben all seinen anderen Vorzügen hatte Mitchum noch einen überaus bedeutenden Charakzerzug: er schätzte Deborah Kerr mehr als alle anderen Partnerinnen. Er meinte mal, sie könne ihre Szenen in der Schweiz spielen und er in Maryland, das Ergebnis wäre trotzdem perfekt. ‚Heaven Knows, Mr. Allison‘ ist auch noch so ein schwacher Punkt von mir, Mitchum als Corporal Allison, der auf einer Insel strandet, auf der sich erstmal wenig befindet außer Schwester Angela, Deborah Kerr als Nonne. Und die konnte ja Nonnen wie keine andere.“ Vgl. Black Narcissus. Das hier -> ist nicht von mir, obwohl es von mir sein könnte.
Good Lord, „On The Beach“ hast Du mir schon vor vielen Monden als einen Deiner Lieblingsfilme beschrieben, und ich habe ihn immer noch nicht gesehen. Das ändert sich jetzt, I promise. Vor nicht allzu langer Zeit sah ich diese Doku über Ava Gardner, über ihre Zeit in Spanien als, well, Göttin der Ausschweifung, und als klassisches Steinbock-Mädchen voller Selbstzweifel.
Ein komplett anderes Universum. :) Daß die Lieblingssterbeszene stattfindet, fand ich gerade schön. Ich glaube aber nicht, daß Ray und ich die Haie im Haifischbecken waren. Wenn doch, konnte man uns immerhin erkennen. :) Nicht nur uns, es gab ja noch identifizierbare Individualität. Ein abermals relaunchtes Kryptoforum existiert ja noch, aber ob man da schreibt oder nicht, es ist ein Tropfen im Ozean. :)
„On The Beach“. Gregory Peck, Ava Gardner, Anthony Perkins, alle schon immer voller Zuneigung, Bewunderung, Respekt gesehen, aber durch ihr Wirken in diesem Film werden sie immer very special sein. Du hast mir die Szene einmal geschildert, Dwight Lionel Towers und Moira Davidson in dem Zimmer dieser Herberge, in der betrunkene Australier „Waltzing Matilda“ gröhlen, bis der Gesang plötzlich andächtig wird für die Zeile „You’ll never take me alive, said he“.
„In diesem Satz ist alles zusammengefasst. Moira und Towers haben keine Zeit. Sie wird ihn und er wird sie niemals lebend bekommen, behalten. Sie schauen sich an. Diese Erkenntnis, obschon längst vorher latent vorhanden, lässt sich plötzlich nicht mehr unterdrücken. In ihren Blicken ist alles versammelt: Bestürzung, Trauer, Verlangen, und Liebe! Sie fallen sich in die Arme und küssen sich endlich. Als alter Romantikjunkie kann ich diese Szene noch immer nicht anschauen ohne feuchte Augen zu bekommen.“
So hast Du es damals perfekt beschrieben. Was man aber eigentlich nicht beschreiben kann, ist Ava Gardners Blick, kurz vor dem Kuss. Bestürzung, Trauer, Verlangen, Liebe. Aber noch etwas anderes, etwas fast Überirdisches. It’s otherworldly.
Vieles an diesem Film wird unvergeßlich sein. Wie Ava Gardner sagt: „I wanted to walk down the Rue de Rivoli. And I wanted to buy gloves.“ Das mysteriöse Morse Code Signal aus San Diego, das bittere Lächeln, als das Rätsel gelöst ist, und wir erinnern uns, wie die Besatzung am Funkgerät irgendwann die Worte „Water“ und „connect“ dechiffriert hatte. Ava Gardner, als sie das Segelboot zum Kentern bringt, ihr Schrei, Gregory Peck, der sie, die Hand an exponierter Wohlgeformtheit, ins Boot hochschieben darf, ihr hinreißendes Lachen, Fred Astaire mit dem Fernglas die Szene beobachtend: „It’s like looking at a French movie.“ Die fürchterliche, todtraurige Verlegenheit nach „Sharon is the most terrible liar that – „ Die verlassene Golden Gate Bridge, das U-Boot, das unter der Brücke in die Bucht gleitet, das menschenleere San Francisco durchs Periskop. Swain, der an Land schwimmt. Gregory Pecks Stimme aus dem U-Boot-Lautsprecher beim letzten unheimlichen Dialog zwischen Towers und Swain in seinem kleinen Boot: „We won’t be coming back.“ – „I know.“ Das Periskop so unwirklich nah. Then gone. Gone forever.
Fred Astaire und sein Ferrari. Wie Ava Gardner über ihn sagt, voller Zärtlichkeit: „He doesn’t make the slightest bit of sense.“ Das Plakat THERE IS STILL TIME .. BROTHER. Das letzte Glas Sherry für Lieutenant Hosgood und ihren Vorgesetzten, Admiral Bridie, der sie fragt: „A girl like you – why no young men?“ – „They never asked me. I guess maybe it was the uniform.“ – „To a blind, blind world.“ Wie Gregory Peck schließlich erklärt, daß er mit der Crew in See stechen wird, zurück in die USA, für die allerletzten Tage und Stunden, und es doch nicht erklären kann. Moiras Verzweiflung, aber keine Vorwürfe, keine Szene, nicht eine Silbe der Überredung, nur: „It’s been nice, Dwight Lionel. It’s been everything.“
Just love, kindness, tenderness. IT’S BEEN EVERYTHING.
Und wie schließlich Peter zu Mary sagt: „And I want you to know that I could never have been happy with anyone in the world but you.“ Wie auch Mary aus ihrer Totentrance erwacht schließlich sagen kann: „We have been happy and fortunate“, während dieser letzten Zärtlichkeit auf Erden. All das, und doch wird nichts so unvergeßlich sein wie Ava Gardners Blick.
Mit 7 oder 8 sah ich einen japanischen Film, bei dem ich mir am Ende die Augen aus dem Kopf heulte. Ich werde nie mehr heraufbeschwören können, welcher Film das war, aber wie unendlich traurig er war, werde ich nie vergessen. Sätze wie „Still haunts me to this day all these years later“ finden sich zu „On The Beach“ auf YT in Hülle und Fülle. Habe ich die USS 623 Sawfish umkehren lassen? Sure.
Danke dafür, daß Du mir diesen Film ans Herz gelegt hast. Took me a while but now I got it.
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
03.06.2020
Moves:
20 Jahre, vermutlich noch länger (mein Zeitgefühl unterschlägt meistens mindestens 10 Jahre, wenn nicht die Hälfte) warte ich darauf, bei jemandem eine ähnliche Begeisterung für diesen Film zu wecken… nein, zu finden! wie ich sie selbst hege, seit ich ihn zum ersten Male sah. Welch Labsal, finally!
Normalerweise blicke ich in gelangweilte bis verständnislose Gesichter, wenn ich die Handlung grob umreisse: ein Katastrophenfilm, um Himmels Willen. Aber niemand soll sagen können, er habe von nichts gewusst, es sei ihm nicht ausführlich genug erklärt worden, wenn Armageddon anbricht und das große Sortieren losgeht. Also mache ich weiter und erzähle von meinen Lieblingsszenen, von dramatischen Abschieden, von leisen Abschieden, von einsamen Abschieden und von traurigen Abschieden, bei denen auch noch das Licht ausgeht.
„Hast Du On the Beach gesehen, und hat er Dich umgehauen?“ wird eine ohrenbetäubende Donnerstimme rufen, und ein großes Gestammel und Wehklagen wird anheben unter den Banausen.
Einer meiner besten Freundinnen erzählte ich begeistert von der Hotel-Szene, rezitierte Waltzing Matilda, schilderte Blicke und Gesten und zeigte ihr schließlich den Ausschnitt auf YT. Aber sie mag nicht, wenn Frauen Männer „auf diese Art anschmachten und anhimmeln“. Eine verlorene Seele. I did my very best!
In Erinnerung geblieben ist mir auch die Szene, als sich Dwight Lionel von Julian verabschiedet. Er besucht ihn in seiner Garage und teilt ihm mit, dass er am nächsten Morgen auslaufen wird. Beim Hinausgehen hält er kurz inne, ein letzter Gruß, Julian schaut nicht auf, „also dann“ (mein Gehirn liefert mir nur die Synchro, und auch die nur ungefähr). Es ist wohl die vollkommene Endgültigkeit dieses Abschieds, die mich so fasziniert, obwohl ich sie mir für mich selbst nicht wünsche. Ein einfaches „also dann“ muss und wird genügen für die Ewigkeit, soviel ist sicher, als hätte man die Worte einen Tag früher abgedreht als den Rest der Welt.
Ganz anders dann auf dem Kai. „IT’S BEEN EVERYTHING“, und man merkt, man fühlt, wie die Ewigkeit hier aufschreit vor Wut unter diesem Schlag, unter diesen Worten. Damit hat sie nicht gerechnet. Sie hat doch noch nicht einmal richtig begonnen, aber schon war etwas ALLES. Heul doch, Ewigkeit!
Ich haderte lange mit dem prosaischen Titel „On The Beach“, fand sogar das deutsche „Das letzte Ufer“ besser und passender und liebäugelte lange mit „From Here To Eternity“ als Alternativtitel, der war aber leider schon vergeben, eine Poesie-Bazooka, viel zu schade für Burts, Montys, Franks und Ernests Testosteronfestspiele. Nur wenn ich mir vorstelle, Deborah lässt sich nicht auf Hawaii, sondern auf einem Strand einer Insel in der Ägäis von Meeresbrandung umspülen, mit einem marmornen griechischen Tempel auf hohen Klippen im Hintergrund, die Säulen weiß im Mondlicht schimmernd und noch lange nicht jahrtausendschwer, ja, dann geht’s.
To a blind, blind world.
05.06.2020
Christian Erdmann:
Es gibt ein Ava Gardner-Museum in Smithfield, North Carolina, das auch einen Official Ava Gardner Blog betreibt. Fand da einen Auszug aus „Ava: My Story“, ein Buch, das ich dringend auftreiben muß, sie schreibt zu „On The Beach“: „Though I’d read the book, Stanley’s script made me weep. You couldn’t say it was marvellous – that was somehow the wrong word. It was compelling, tragic, moving, chilling… It was a fictional scenario, but my God, everyone in the cast and crew knew it could happen. And that added a dimension of reality to the unreal world of filmmaking that none of us had experienced before.“
Im Museum gibt es eine „On The Beach“ lobby card, auf die Gregory Peck geschrieben hat: „A gloomy film, but Ava at her best.“ – „The two were lifelong friends.“ – Tatsächlich war „On The Beach“ „one of Ava’s favorite projects, and in Ava: My Story she summarizes her feelings on the film: ‚I was proud of being part of this film, proud of what it said.'“ ♥
Ava Gardner: All I wanna know is… if everybody was so smart – why didn’t they know what would happen!
Gregory Peck: They did.
Deborah Kerr über die iconic beach scene: „It wasn’t about seduction – it was about two people finding one honest moment in a world built on lies.“
Etwas in die Schatten gesunken ist der Film, den Carol Reed nach „The Third Man“ machte und den ich auch überaus beeindruckend fand – „Der Verdammte der Inseln“ („Outcast of the Islands“). An diesem Film ist gar nichts perfekt, er wird Joseph Conrad nicht gerecht, er kann sich für nichts entscheiden, und man kann die Darbietungen von Robert Morley und Ralph Richardson in diesem Film als komplett verunglückt ansehen. Oder aber sie, als pure Ereignisse (Morley!), zu den besten ihrer Karriere zählen. Was zweifellos für Trevor Howard gilt.
Man erliegt der brütenden Üppigkeit des an exotischen Schauplätzen gedrehten Films, obwohl es ein Schwarzweißfilm ist. Man findet niemanden sympathisch, es wird einem unwohl von der ganzen Intensität, und trotzdem wartet man auf Kerima, die Darstellerin der Aissa, den wandelnden Untergang Trevor Howards ohne eine Zeile Dialog, damit man auch endlich komplett in diesem faszinierenden Desaster untergeht. Einer der seltsamsten Filme, die ich kenne. Die dramatisch dahinwehende Filmmusik von Brian Easdale kündigt an, was einem bevorsteht: der „spell of the East Indies“, so wie Jacques Tourneurs „I Walked With A Zombie“ den „spell of the West Indies“ beschwor.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“]
Kommentarsektion Antirationalistischer Block:
28.05.2017
Moves:
Alles ist so lange her, verschmilzt im Zurückblicken zu einer winzigen, verschwommenen Unwahrscheinlichkeitswelle. Wo ist der Beobachter, der durch sein Bewusstsein die Welle kollabieren lässt? Die alles entscheidende Frage ist allerdings: wenn die Vergangenheit so absurd weit weg ist, wo befinde ich mich dann jetzt? Was sehe ich, wenn ich mich um 180° drehe und nach vorne blicke anstatt in den Tunnel des Vergangenen?
Anyway… dieser Unwahrscheinlichkeitswelle ist es geschuldet, dass ich nicht weiß, ob ich mich an dieser Stelle schon einmal über die Schlussszene des Dritten Manns ausgelassen habe. Ich vermute: ja. Aber da ich mir grundsätzlich nichts glaube, lautet die Antwort wohl eher: nein.
Na gut, Der dritte Mann. Kam vor drei Tagen auf 3sat, und natürlich habe ich ihn mir nochmals angesehen. Mit dem herrlichen Trevor Howard, ein Gesicht wie aus britischem Sattelleder geschnitten. Aber es ist die Schlussszene, stupid. Holly Martins hat sich von Major Calloway absetzen lassen, um neben der Straße, an einen Handkarren gelehnt, auf Anna Schmidt zu warten, die auf dieser ewig langen, schnurgeraden Friedhofsstraße auf den Zuschauer zugeht. Endlich ist sie auf gleicher Höhe mit Martins, doch sie würdigt ihn keines Blickes, geht einfach an ihm vorüber und aus dem Bild. Jetzt hat Martins das Bild für sich alleine. Er holt seine Zigaretten aus der Manteltasche, zündet sich eine an, und… und… ja, da möchte man sofort Raucher werden, er wirft das Streicholz mit einem Schwung zur Seite, in dem der ganze Film Platz hat, zusammengefasst wird. Und mehr noch. Das ganze Leben. Erst ein Ausholen, wie ein stummes Luftholen, dann mit Schmackes zur Seite. Nichts weiter, kein „Aufschrei und kein Gebet“ (Die Nacht des Leguan), „und ohne ein Verzweiflungszeichen“, nur eine ausholende Bewegung, und Ende. Welche Zigarettenmarke dafür wohl am besten taugt?
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Yes, totally yes. Nicht zwei, drei Dinge sind unendlich, die Dummheit, das All und die Richtigkeit von allem an „Der dritte Mann“. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme, aber es muß ja absoluter Lieblingsfilm von jedem sein, der auch nur halbwegs bei Verstand ist. Die Synchronfassung auf ihre Art brillant und liebgewonnen, aber das Original natürlich unabdingbar. Im Deutschen sagt der Portier (Paul Hörbiger) im Treppenhaus zu Holly, „Er ist schon im Himmel… oder in der Hölle“ und zeigt dabei in die uns vertrauten Richtungen. Tatsächlich zeigt er im Original bei „already in hell“ nach oben und bei „or in heaven“ nach unten. Wenn alles upside down ist, weiß immerhin der französische Vertreter der internationalen Polizeipatrouille noch, was sich gehört: als sie Anna abholen und er ihr rasch noch reicht, was unverzichtbar ist – „Mademoiselle, your lipstick.“
Und jeder Mann kommt irgendwann bei dieser Zigarette an, auch wenn er keine mehr dabei hat, wie ich seit Januar. You can’t figure her out. Can’t get close. Fräulein Schmidt, die schöne, mysteriöse, traurige, todernste Tschechin, zu der Harry einst sagte, sie lache zuviel. „I couldn’t do a thing to harm him.“
Die Vergangenheit ist absurd weit weg, wenn jemand behauptet, daß sie ganz anders war. Was sehe ich, wenn ich nach vorne blicke? Zwei Bilder, die sich übereinanderlegen.
Zufällig werde ich diesen Sommer nach Wien reisen. Auch den Hauseingang in der Schreyvogelgasse suchen, in dem Harry Lime stand. Wiens Wunden wirken so faszinierend in der atemberaubenden cinematography von „The Third Man“.
Jack White hat ein eigenes label namens Third Man Records. Ob der Name ausschließlich auf den Film zurückgeht, weiß ich nicht, sicher ist aber, daß „Der dritte Mann“ auch davon handelt: Love is Blindness.
Am Donnerstag zeigt arte um 0:45 „Blut an den Lippen“ von 1971, Regie Harry Kümel, der auch „Malpertuis“ gemacht hat. Garantiert nicht jedermanns Sache, aber allein Delphine Seyrig als moderne Bathory-Vamp-Version lohnt das frühe Aufstehen.
30.09.2010
ray05:
Wecker gestellt wegen Blut an den Lippen. Madame Seyrig ist außerhalb jeder Diskussion. Sage nur Nymphenburg. Und dann: Andrea Rau. Auch außerhalb jeder Diskussion. Ach, ich schenk Dir jetzt was, schau:
Christian Erdmann:
Auf der Ile Saint-Louis, als wir die Regenrinne aus „The Ninth Gate“ gefunden hatten und somit das Haus, aus dem Johnny Depp kommt, das sich dann als Hôtel de Lauzun herausstellte, Club des Hachichins, stießen wir dann auch auf das Haus, in dem Nancy Cunard wohnte, die der dritte bedeutende Ray, außer Dir und Put a Raygun to my Head, so vortrefflich in Szene setzte,
danke also fürs Geschenk, Du weißt einfach, wie Du „Jetzt reichts, du schläfst heute auf dem Sofa!“ verhinderst. :)
Das Suchtmittel in Marienbad heißt Delphine, for sure. In „Les lèvres rouges“ / „Daughters of Darkness“ ist Andrea Rau eine Art, hm, Zofe für Delphine Seyrig, sehr entzückend mit ihrer Pagenkopf-Frisur, und sie wurde Kult als eine der schönsten – wie sage ich das, ohne zu spoilern – also es hat mit Wasser zu tun.
In den verfallenden Luxus eines riesigen, menschenleeren Hotels in Ostende tritt „die halluzinatorische Gestalt der Gräfin Bathory in enganliegendem Silberlamé, maskenhaft weiß geschminkt und mit tadelloser Dauerwelle – das genaue Abbild eines Vamps der dreißiger Jahre“ – so David Pirie in „Vampir Filmkult“, der auch Delphines „disziplinierte erotische Gier“ und den „entsetzlichen Stil ihrer Grausamkeit“ zu würdigen weiß. Mind you: 1971, Kunstkino, slow, mit allem strangeness-Pipapo, das der moderne Oberchecker „ungeschickt“ nennen wird, heutigen „Twilight“-Aficionados und Herzog-Bashern muß das schrecklich langweilig erscheinen, wenn gar nichts geht, bleibt immer noch Kümels „Malpertuis“, der ist MUSS.
ray05:
Club des Hachichins…
Christian Erdmann:
Klasse. Danke. Das Dritte, das mir bei Delphine Seyrig einfällt: ihr strahlendes „Wie Hitler!“ in „Geraubte Küsse“. Strömt einem schon die Libido über. Memo from Aljoscha: „The Hashishin“, Ry Cooder, „Performance“, im Film allzusehr im Hintergrund, es gibt kein besseres Sitar-Tabla-Dulcimer-und-Maultrommel-Stück, ‚ma sagen.
04.10.2010
ray05:
Oh ja! … :)
Mise-en-scène: Wunderbar die folgende lange Coffee-for-two-Einstellung. Austausch der Figuren Ehemann/Dienstbote in EINEM Move mit Tempogewinn. Unmittelbare physische Aktivierung des Seyrigvampirs: Mit Herrschaft über das Tablett („ICH werde servieren“) Herrschaft über die Szene mit Raumgewinn und direktem Swing ins Vorzimmer des Ungeheuerlichen zwischen Moccatischchen und Musikapparat. Ist gleich Herrschaft über Doinel gleich Raumgewinn im Kopf des Zusehers. Hypnotisierendes Servierritual, Todesangst des Opfers mit strammer Eiffelturmsymbolik. Alles EINE Einstellung bis zur Vorbereitung des berühmten Flucht-Montageclashs durch Zwischenschnitt ins Opferantlitz. Alfredismus pur. :)
Christian Erdmann:
… kapital, kapital. :) Unvergeßlich auch der Schnitt auf Lonsdale nach „Comme Hitler!“: klonk. Ein so wunderbar behämmert pißnelkiges Klonk gilt es erstmal zu leisten. Größer war Lonsdale nur noch mit Mademoiselle Rosenblum. :)
Bei „Daughters of Darkness“ wurde auch nochmal klar, daß Delphine Seyrigs Stimme zu den drei erotischsten Stimmen der Filmgeschichte gehört. Das bringt uns zu Marie-France Pisier. Der nächste obskure Film, der auf meiner Lieblingsliste landen wird, ist „Le Vampire de Düsseldorf“ von 1965, mit Robert Hossein als Peter Kürten, Hossein auch Regie und Beteiligung an Story und Drehbuch. Das hier ist Hossein mit Marie-France Pisier, und da habe ich dann schon keine weiteren Fragen mehr. :)
ray05:
Nun, vor „Daughters“ erfuhr ich wieder mal, dass es eine direkte Proportionalität zwischen der Anzahl entgangener Filmgenüsse ab null Uhr und zu Klump gehauener Elektrowecker geben muss. Die Kürtensache kenne ich auch nicht, aber Pisier musste ja mal die Clawdia Chauchat geben. Beim Geissendörfer. Von wegen Steppenwolfslichter! Von wegen kirgisenäugig! Ich kann mir beim besten Willen keine ordentliche Zauberbergverfilmung vorstellen; einfach, weil ich mir keine materialisierte Clawdia Chauchat vorstellen kann. :)
05.10.2010
Christian Erdmann:
Versteh schon. Hab Affinität zu dieser Verfilmung ja schon zugegeben, einmal, weil sie mir nach demotivierendem Deutschleistungskurs mal nahelegte, den „Zauberberg“ endlich auch mal zu lesen :), Christoph Eichhorn als Castorp, Hans Christian Blech als Hofrat Behrens, Rod Steiger, Flavio Bucci als Settembrini, Marie-France Pisier als Clawdia, für mich gingen die Figuren sehr gut durch, und später habe ich liebevoll Patina drübergestrichen, vielleicht über Gebühr. Wußte damals noch nicht, daß der kleine magere Mann von ätzender Häßlichkeit, an dem alles „scharf“ ist, „scharf sentenziös“, nach Georg Lukács modelliert ist. Katia: „Er legte sofort mit der Entwicklung seiner Theorien los, redete ununterbrochen auf uns ein und dozierte eine volle Stunde lang in unserem Zimmer. Mein Mann kam gar nicht zu Wort; er konnte gerade sagen: Ja, ja, das war ja sehr interessant. Da ging Lukács schon wieder weg.“ – Da wirkt Charles Aznavour vielleicht zu scheu, zu wehmütig, zu hintersinnig, nicht ätzend genug… mag sein. :)
22.10.2010
Monika Cate:
Sah „Last Year at Marienbad“ mit Delphine Seyrig drei Mal in drei Tagen, jedesmal ein anderer Film und er hätte diese Qualität auch beim nächsten und hundertsten Mal. Er bestätigte all das, was ich vorher gelesen hatte und was mich faszinierte Last Year und die Krönung war der tiefe persönliche Bezug, der sich herstellte, weil er mir bei aller Andersartigkeit soviel näher war mit dem, was er sichtbar machte, als die Mehrzahl von anderen Filmen, die ich bisher gesehen habe. Ich könnte fast sagen, er ist mein liebster Film, jedenfalls im Augenblick :) Er müsste mit auf die Insel, nein, er ist eine Insel. An keiner Stelle wiederholte er sich beim wiederholten Sehen, es waren immer neue Verbindungen, die sich fast wie von selbst herstellten zwischen den Figuren, den Korridoren, und mir. Nie fühlte ich mich als Betrachter, eher waren die Bilder, die Figuren, die Abläufe, die Gespräche Teile von mir, wie alte Bekannte.
Christian Erdmann:
„Am nächsten Morgen, nach Träumen schwer und süß, befindet sich Aljoscha in einem langen Korridor. Das Haupt-Gebäude, die Baukunst des Bewußtseins, muß von unermeßlicher Größe sein. Äußerst erstaunliche Architektur voller absurder, barocker, widersinniger, labyrinthischer, der Logik spottender und alles in allem doch wieder klarer Konstruktionen, die jedes Wort in Schweigen und jedes Schweigen in ein Wort verwandeln können. Das Echo ist eine Frage des Standpunkts. Die Begegnung ist eine Frage der Zeit.“
Das ist Marienbad. Irgendwann vor „Cat People“ war er Wegzeichen für Aljoscha, im Briefwechsel mit Pjotr würde man mehr darüber finden. :) Die Konstruktion des Roman-Anfangs trägt im Grunde dem in Filmthreads nicht beschreibbaren Phänomen Rechnung, daß sich Seinsströme durch Filme hindurch, nein, fast muß man sagen, in Form eines Films einen Weg in die Psyche bahnen und in der Innenwelt eine noch undefinierbare Determiniertheit mitgestalten. Nicht Determinismus, denn zwischen Erstaunen und Erkühnen machen wir dieses Schicksal. Just like you say: „nie fühlte ich mich als Betrachter“. Genau! das erklärt, warum Aljoscha „am nächsten Morgen“ von seinen nächtlichen Träumen in einen „langen Korridor“ gelangt und dieser zur „Baukunst des Bewußtseins“ gehört. Es ist das Wissen, daß es jetzt nach Marienbad geht, daß Marienbad schon immer da war.
Hätte jetzt wieder schwören können, dass die berühmte Kloschüsselszene aus „Charme discret“ ist und nicht aus „Fantôme“. Ist freilich genau andersherum. Seltsam, ich kann die beiden Filme nur als einen großen Monsterfilm denken. FSK ab 12, okay mit 12 hab ich den ganzen Bunuel-Kram hintereinander im TV gesehen – die große Bunuelreihe, muss so 1976 gewesen sein – mit Tristana & Viridiana & Archibaldo de la Cruz, Milchstraße [für den war ich eindeutig zu jung :)], Belle de Jour [für den auch :)]. Ah ja, Anne-Marie Deschodt als Mlle. Rosenblum, irrsinnig, die Frau, aber seltsam: mir fällt jetzt auf Anhieb kein Streifen ein, in dem Deschodt eine Hauptrolle gespielt hätte. War, glaube ich, mit Louis Malle liiert; Louis Malle, ausgerechnet. Kennst Du „Atlantic City, USA“ mit Susan Sarandon? Wieder ein Film auf meiner TODO-Liste, hab den fast völlig vergessen. Gruß, Ray
12.06.2011
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Bunuel hat die ja auch beinahe als einen einzigen Film verstanden. :) Haben Dich damals auch all diese Bunuel-Frauen nicht mehr losgelassen? Irgendwann kam mein ex-bester Freund aus unserer Straße mal wieder vorbei. Das war der, der mir ein Paket mit 20 Zappa-Platten geschickt hatte, zum Anhören; und der dementsprechend komplizierte Rhythmen auf meine Sessellehne trommelte, während er dasaß und Befehl gab, daß ich mir an diesem Abend „Belle de Jour“ im TV anzusehen hätte: weil ich mich umgehend in Catherine Deneuve verlieben würde. So geschah es.
Ja, „Atlantic City, U.S.A.“ kenne ich, ist aber lange her, weiß nur noch, wie beeindruckend ich Burt Lancaster darin fand. Anne-Marie Deschodt und Louis Malle?! Wußte ich nicht! :)
Im September 2002 gesucht und gefunden: das Grab von Delphine Seyrig auf dem Montparnasse-Friedhof, Paris.
Delphine Seyrig als Countess Bathory erwidert die schmachtende Zärtlichkeit ihrer Zofe Ilona mit eleganter Noblesse und wird, da sich der vermeintlich normale Bräutigam als Paradebeispiel toxischer heterosexueller Maskulinität mit sadistischen Tendenzen entpuppt, zur verführerischen Rachegöttin. Harry Kümel hat einen der besten Vampirfilme der Siebziger, einen der besten Vampirfilme überhaupt erschaffen. „We sense that the past did not really look like this, but feel that it should have“, schreibt David J. Hogan in „Dark Romance“ über Delphine Seyrig in „Daughters of Darkness“.
Andrea Rau, die einst bei John Cranko in Stuttgart im Corps de Ballet tanzte, erzählt 2022 in einem Radio-Interview beim Filmfest Oldenburg, daß sie immer noch mit Harry Kümel befreundet sei und nur gute Erinnerungen an die Dreharbeiten habe. Sie sei aber immer verwundert, wenn man sie „ausgrabe“.
Die Wahrheit ist:
„Der belgische Filmemacher Harry Kümel, dessen ‚Daughters of Darkness‘ als einer der Schlüsselfilme der siebziger Jahre gilt, sagte über sie: ‚Es war eine wahre Freude, mit ihr zu arbeiten. Ihr Charisma war das eines Super-Filmstars. Auch die große Schauspielerin Delphine Seyrig, die es wissen musste, hielt sie für eine Sensation auf der Leinwand.‘
Die Rede ist von Andrea Rau, die in Kümels lesbischem Vampirdrama die Zofe der Gräfin Bathory spielt und mit ihrer devot mysteriösen Erscheinung, ihrem strengen Bubikopf gleichsam so unendlich viel Erotik und Melancholie ausstrahlt, dass ihre schiere Präsenz die einer Leinwandgöttin war. A Star was Born – viel unbekümmerter und erotischer als das ‚Schätzchen der Nation‘ Uschi Glas, die den Hauch des Bürgerlichen nie ganz abstreifen konnte. Eine Anna Karina, der nur noch der Belmondo an ihrer Seite fehlte. Nie Femme Fatale, immer nouvelle vague.“
… ebenso wie die Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen mit Vincent Price, die auch immer unter dem Der Phantastische Film-Banner gesegelt sind.
Christian Erdmann:
Wegen dieser Filme war ich einmal eine Weile Mitglied in einer Vincent Price Appreciation Society. Die schickten mir dann ein Heft zu, in dem es ein sehr gutes Interview zu lesen gab mit Ferdy Mayne – Graf Krolock aus „Tanz der Vampire“. Zu meinem großen Bedauern finde ich das Heft gerade nicht… es ist ein Tohuwabohu hier, man möchte Jeanne Moreau als Kammerzofe.
„Laura“, „Leave Her To Heaven“, „House of Wax“, „The Fly“, „Diary of a Madman“, die beiden „Dr. Phibes“-Filme, „Theatre of Blood“, „Witchfinder General“ – die Liste der Filme mit Vincent Price, die mir ans Herzl geklebt sind, ist lang, aber tatsächlich ist der Corman / Poe-Zyklus mit Price für mich das gewesen, was für andere der „Struwwelpeter“ war, und ich bekenne mich dazu, daß C.G. Jung mir wahrscheinlich sagen würde, Barbara Steele müsse irgendwas mit meiner Anima zu tun haben… die älteren Söhne einer befreundeten Familie schleusten mich regelmäßig durch ins Kino, und Vincent Price war sowas wie ein vertrauter Onkel. :)
Es scheint lange ein ungeschriebenes Gesetz gegeben zu haben, nach dem schauspielerische Leistungen in einem Horrorfilm tunlichst nicht als solche zu würdigen sind, Vincent Price hätte ansonsten in der Kandidatenliste der Motion Picture Academy wiederholt auftauchen müssen. Er hat perfektioniert, was eigentlich ein Widerspruch in sich ist: süffisantes, subtiles Overacting. – Mit seinem Minimalbudget hat Corman es irgendwie geschafft, Poe’sche Alpträume mit einer zumindest gefühlten Opulenz wie aus Hammer Horror-Filmen zu verbinden, und das alles mit seiner eigenen psychedelischen Extravaganz aufzuheizen. Und Price genießt seine Rollen zwischen sadistischem Prospero und zerkrumpelnd-melancholischem Psychopathen so sehr. Wunderbare Szene aus „The Masque of The Red Death“: Hazel Court – „in whose bosom you could sink the entire works of Edgar Allan Poe“ (TIME Magazine) – Hazel Court als Juliana versucht ja immerzu vergeblich, eine magische Vereinigung mit Satan zu vollziehen; als Prospero ihrer müde wird, wird sie Opfer seines Falken. Unvergleichlicher Genuß, Price dabei zuzusehen, wie er das rotgefärbte Dekolleté betrachtet und erklärt: „I beg you, do not mourn for Juliana. We should celebrate. She has just married a friend of mine.“
AndersSehend:
Verrückt, war das ein US-Amerikanischer Verein? Das klingt für mich eher nach der liebevollen Verschrobenheit, die den Engländern immer nachgesagt wird.
Christian Erdmann:
Das war eine deutsche Society. Das war Anfang der 90er, ganz kurz vor seinem Tod, und die Society schlief dann auch ein. Ein Autogramm von Vincent Price bekam ich aber. Er hatte nicht die Schrift, die man von einem so weitausholenden Wesen möglicherweise erwartet. :)
AndersSehend:
Ich weiß zwar nicht, wie ich heute auf die Corman’schen Poe-Verfilmungen reagieren würde, erinnern kann ich mich jedoch daran, dass sie lange nachgewirkt und einen enormen Eindruck auf mich gemacht haben, auch in dem Alter noch, als ich bereits ironiefähig war. Diese Wirkung hat sicherlich viel mit Prices Schauspielkunst zu tun, süffisantes, subtiles Overacting trifft es auch für mich genau :-), wobei die Synchronisation auch sehr gut gewesen sein muß.
Christian Erdmann:
Wobei uns natürlich klar ist, daß „Verfilmungen“ ein bißchen das falsche Wort ist, der Deal war immer loosely based on, mal mehr, mal weniger. Und ja, ich liebe die Synchronfassungen auch sehr! Auch wenn, siehe „Tanz der Vampire“, zuweilen doch recht heftig manipuliert wurde, haben die Synchronsprecher in den 60ern oft Großes geleistet. Vincent Price wurde am kongenialsten von Friedrich Schoenfelder gesprochen, darf mal zitieren: „Vor allem seine Synchroneinsätze für den Amerikaner Vincent Price haben einen legendären Status.“ [lauschrausch.eu]
AndersSehend:
Hast Du einen Tipp für mich, welche zwei, drei Filme aus dem Corman-Poe-Zyklus ich mir wieder anschauen sollte? Ich glaube, ich habe damals alle gesehen, für mehr wird meine Zeit wahrscheinlich nicht reichen, und diesmal auf jeden Fall die Originalfassungen. Ich freue mich jetzt schon auf Prices Stimme, die ich bisher bewusst nur aus dem Thriller-Finale kenne.
Christian Erdmann:
The most hilarious ist wohl „The Raven“ mit Price, Boris Karloff, Peter Lorre und Jack Nicholson, und alle vier kennen keinen Bahnhof mehr. „House of Usher“ ist der Klassiker, „The Pit and The Pendulum“ mein spezieller Favorit wegen Barbara Steele, „Premature Burial“ ist zwar auch phantastisch, aber ohne Vincent Price, dafür mit Ray Milland. „The Haunted Palace“ ist dann ja eigentlich mehr an Lovecraft orientiert, auch ein überaus gelungener Film; „The Masque of the Red Death“ ist dann der opulenteste, Corman durfte den ja in den Kulissen von „Becket“ drehen, in denen gerade noch Richard Burton und Peter O’Toole brilliert hatten. Kameramann war übrigens Nicolas Roeg. „Red Death“ ist vielleicht der ernsteste und beeindruckendste. Aber dann ist da noch „Tomb of Ligeia“, der meiner Erinnerung nach beim „Phantastischen Film“ des ZDF immer fehlte, jedenfalls kenne ich ihn erst durch die DVD. „Ligeia“ war Prices Lieblingsfilm aus der Serie. Unterscheidet sich vom Rest schon dadurch, daß er Außenaufnahmen hat, wurde in Norfolk Abbey, England, on location gedreht. Price trägt eine schwarze Sonnenbrille, die seltsam anachronistisch, weil überaus cool und futuristisch wirkt. Der Film hat immer exzellente Kritiken gefunden, wurde mit „Vertigo“ oder Cocteaus „Orphée“ verglichen.
[SPIEGEL ONLINE Forum Lieblingsfilme – was ist ‚großes Kino‘? Januar 2010]
„The Masque of the Red Death is Corman’s most vivid illustration of the ways in which perversity and horror can be thinly disguised as beauty.“ – David J. Hogan, Dark Romance
„I think a reason those films were so successful was that we all took them very seriously, and managed to convince the audience of our sincerity. There was no tongue-in-cheek attitude until we made The Raven, which was meant to be funny!“ (Hazel Court)
[Diary of a Madman]
Roger Corman in „How I Made a Hundred Movies in Hollywood and Never Lost a Dime“ über seine erste Poe-Adaption, „House of Usher“ („Die Verfluchten“):
„In Vincent, I found a man of cultural refinement for Usher. He was a first-rate actor and handsome leading man who had a distinguished career. I felt audiences had to fear the leading man but not on a conscious, physical level based on strength. I wanted a man whose intelligent but tormented mind works beyond the minds of others and who thus inspires a deeper fear. Vincent’s performance was brilliant.“
„Vincent would always have a twinkle in his eye on the set, laughing and joking, but when we would be shooting, he’d flip right back into character. We became very good friends. In fact it was Vincent who encouraged me with my painting, which eventually led to sculpting. He loved my work and even bought a number of them.“ (Hazel Court)
„You remember the fun we had when you poisoned me?“
Für die Rolle des Matthew Hopkins in „Witchfinder General“ war ursprünglich Donald Pleasence vorgesehen, AIP jedoch bestand auf Vincent Price.
„But the result is nothing short of sensational. As AIP head Sam Arkoff put it, ‚Michael Reeves brought out some element in Vincent Price that hadn’t been seen in a long time. Vincent was more savage in that picture. I was surprised how terrifying Vincent was in that. I hadn’t expected it.‘
Price’s white-gloved Witchfinder is indeed terrifying – monolithic, implacable, frighteningly inscrutable. Reeves occasionally tracks into his face to study his reaction to the mayhem he’s set in train, as when he oversees the ducking of Lowes and two other ‚confessed idolaters’… But Price is giving away nothing. It’s only when Sara, anxious to save her uncle’s life, expediently agrees to meet Hopkins at night „in private talk“ that we see his features, seamed yet somehow sad, flicker fleetingly into life. Prior to taking his leave of her, he frowns in brief puzzlement at her feigned coquettishness. He can’t work this woman out, or indeed any woman.“ (Jonathan Rigby, English Gothic)
Der durch und durch puritanische Hexenjäger scheint sich jeden sadistischen Genuß an seinen grausamen Hinrichtungen zu verweigern; sogar diese perverse Lust hat er in sich abgetötet, und das ist vielleicht das Irritierendste an der Performance von Vincent Price in diesem Film.
Nicht der beste Buñuel-Film, aber einer meiner liebsten: „Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“, über, nun ja, Archibaldo de la Cruz und dessen beständigen Versuch, zum Frauenkiller zu werden, der aber beständig scheitert, weil irgendwelche Fügungen ihm im letzten Moment die Arbeit abnehmen. Am Ende muß dann eine lebensgroße Puppe im Feuer schmelzen, aus mehreren Gründen eine unvergeßliche Szene. Die wunderschöne Darstellerin der Lavinia – das Vorbild der Puppe – beging einige Tage nach Abschluß der Dreharbeiten Selbstmord.
07.02.2007
Nachtschwester Ingeborg:
Immer wieder stelle ich fest, dass der interessanteste Europäische Film seit einigen Jahren aus Spanien kommt. Erinnern möchte ich auch an einen der wirklich großen Regisseure der Filmgeschichte: Luis Buñuel – der Mann hat über 40 Filme gedreht, von denen die allermeisten absolut phantastisch sind, große Filmkunst eben.
Christian Erdmann:
Spanien: einer meiner Favoriten ist Julio Médem, „Die Liebenden des Polarkreises“. Beantwortet die Frage „Können zwei Menschen füreinander bestimmt sein?“ überaus intelligent mit einem dezidierten „Ja, aber“. Buñuel wurde hier ja schon mehrfach gewürdigt (kann man natürlich nicht oft genug tun), Allmacht des Verlangens und Ohnmacht des Verlangens, beides Buñuel-Spezialitäten. Und richtig, 40+, da war immer das Gefühl, daß es noch viel zu entdecken gibt (aus seiner mexikanischen Phase), aber jetzt wird es langsam Zeit. Man lebt nicht ewig.
Nachtschwester Ingeborg:
Letzte Woche lief auf 3sat „Die Last mit der Lust“ von Manuel Gómez Pereira, mit Victoria Abril und Javier Bardem, fesselnde Geschichte, tolle Schauspieler, Erotikthriller. „Tesis“ von Alejandro Amenábar, der Snuff-Video Thriller schlechthin. Luis Buñuel ist eine Galaxie für sich. Kaum ein Filmemacher hat eine eigene Welt erschaffen so wie es Buñuel gelang. Der Regisseur der Moderne.
Christian Erdmann:
Zu den ersten Filmen, die ich mal auf Video aufgenommen habe, gehörten „Tanz der Vampire“ und „Das Gespenst der Freiheit“. Jeden, der zu mir kam, habe ich dann erstmal gezwungen, „Das Gespenst der Freiheit“ anzusehen. Ich weiß gar nicht, warum dessen Erzählweise so ungewöhnlich sein soll – genau so geht das Leben. Dramaturgie quittiert den Dienst am Linearen, Episoden entstehen aus Abzweigungen, nichts ist schockierender als Ansichtskarten, Mademoiselle Rosenblum beendet das soziale Ritual, und durchs Zimmer tappt in der Nacht ein Strauß, was soll sein.
Hab immer das Gefühl, hinter der perversen Komik sagt Buñuel todernst: Koinzidenz und das essentielle Mysterium aller Dinge kannst du umarmen oder nicht.
13.03.2008
David M.:
„Die Elixiere des Teufels“ von Hoffmann fand ich schon sehr gut!
Christian Erdmann:
Dann kennen Sie bestimmt auch „The Monk“ von M.G. Lewis? Wenn nicht, auch unbedingt lesen! „Die Elixiere des Teufels“ wurde ja mal verfilmt mit Dieter Laser, hab aber keine Erinnerung daran, zu lange her. Meine Lieblingsfilmmönche sind natürlich die rauchenden, trinkenden und kartenspielenden aus Buñuels „Das Gespenst der Freiheit“, die dann bei den flagellantischen Exerzitien von Mademoiselle Rosenblum und ihrem Begleiter hochmoralisch entrüstet aus allen Wolken fallen: „Er will Schläge? Die kann er haben!“
06.07.2009
Christian Erdmann:
The Devil made it all, Schnaps, Dialektik, me do it, und ich weiß auch, wo er herkam. Liebste Buñuel-Szenen („Wollen nicht wenigstens die Mönche bleiben?“) machen wir dann morgen.
15.02.2010
Christian Erdmann:
Buñuels Filme sind alle großartig, aber „Belle de Jour“ ist mein liebster… dann vielleicht „Tristana“, „Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“, „Das Gespenst der Freiheit“, „Viridiana“… eine Schweizer Zeitung schrieb 1962 nach „Viridiana“, Buñuel gehöre in eine Zwangsjacke gesteckt. Feuer und Schwefel kommen immer so anstrengungslos aus Buñuels Unbewußtem, aber es gab auch handfeste Inspirationen: lustigerweise wurde Buñuel dafür der Blasphemie geziehen, daß er in „Viridiana“ ein Messer in Form eines Kruzifix zeigte. Buñuel meinte, die Dinger gebe es überall in Albacete, und überhaupt hätte seine Schwester mal eine Nonne gesehen, die mit so einem Kruzifixmesser ihre Äpfel schälte. Surrealisten und Nonnen, immer ein inniges Verhältnis, da konnte man kaum mal Zigarettenpause machen.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“]
„Un Chien Andalou“ mit einem neuen Score von „The Flushing Remonstrance“, live eingespielt am 26. März 2017 im LetLove Inn, Astoria, Queens, NYC.
Die faszinierende Person, die wir auf der Straße sehen (5:30 – 7:50) und die als „Hermaphrodit“ bezeichnet wird, ist Fano Messan (1902 – 1998). Fano Messan (auch Maesens) war eine Künstlerin, die sich der Bildhauerei widmete, von Man Ray fotografiert und von Kees van Dongen gemalt.
Aus „The Questionnaire“, The Guardian Weekend, 21 November 1992, Frage an Siouxsie Sioux:
With which historical figure do you most identify ?
Siouxsie: Luis Buñuel, for his humour and conviction. I like the story of him taking rocks to the preview of Un Chien Andalou, to pelt the critics when they showed disapproval. To his surprise they applauded.
„Mystery is the essential element of every work of art.“
„People always want an explanation for everything. It’s the logical result of centuries of bourgeois education. And when they can’t explain something, they end up by turning to God. But what good does that to them? They then have to explain God. As for myself, I simply cannot change the way I am. I have not been blessed with the faith. I’m afraid that a life that includes ambiguities and contradictions interests me. Mystery is beautiful.
The idea that I might be eternal fills me with horror. For example, if my best friend, who died a long time ago, appeared before me and touched my ear with his fingers and immediately set fire to it, even then I wouldn’t believe that he had just come from Hell. Nor would I have any greater belief in God, or in the Immaculate Conception of the Virgin; nor would I think that the Virgin could help me pass my exams. I would simply say to myself, ‚Luis, look, this is just another mystery that you can’t understand.'“ – Luis Buñuel
In einem Interview zu „Belle de Jour“ erzählt Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, wie der Schauspieler Paco Rabal, „der viele Frauen in ganz Madrid kannte“, für Informationen aus erster Hand sorgte. Er nahm Carrière in Bordelle mit, „wo wir mit den Frauen sprechen konnten – nur sprechen – und vor allem mit der Madame, der Lady.“ Und man fand bestätigt, ja, es gäbe durchaus gut situierte Frauen, die in solchen Etablissements arbeiten. Buñuel und Carrière merkten bei der Arbeit am Drehbuch „bereits am allerersten Tag“, daß es nötig war, der Protagonistin Séverine eine weitere Dimension zu verliehen: sie sollte Tagträume haben, Visionen, Fantasien, die von ihr Besitz ergreifen.
„Und so überlegten wir direkt, was Séverines Tagträume sein könnten. Wir trauten uns nicht, uns etwas auszudenken, weil wir Männer waren. Also fragten wir die Frauen um uns herum (…), um ihre sexuellen Fantasien zu erfahren. Zwei Männer wie wir hatten nicht das Recht, einer Frau Fantasien anzudichten. Und so haben wir uns für verschiedene Fantasien entschieden. Alle Fantasien im Film entstammen der Vorstellungskraft von Frauen.“
12.06.2011 @ray05
Bin im übrigen davon überzeugt, der obere Rand der schwarzen Strümpfe, der sich in Buñuels Filmen so häufig sichtbar von der milchweißen Haut abhebt, bedeutet nicht einfach Obsession oder Fetisch, das hat bei ihm apotropäischen Charakter, so wie in Vampirfilmen dem Bösen das Kreuz entgegengehalten wird, so wird dieser Anblick all den „bösen“ Mächten entgegengehalten, die bestreiten wollen, daß es Eros ist, der die Realität ständig überfließen läßt in Poesie. :)
Wie man zur Burg Pernštejn kommt: Man nimmt einen Zug von Brno nach Tišnov, steigt dort um in einen Zug nach Nedvedice, schaukelt durch wilde Gebirgslandschaft, ruft „Hüte festhalten, Ladies!“, Mylady ruft „Ich halte nicht am Borgo-Pass!“, es riecht verdammt stark nach Knoblauchwurst, man erinnert sich an die Fledermaus von gestern abend mitten in Brno, groß wie die von Willem Dafoe ausgelutschte in „Shadow of the Vampire“, steht dann recht unvermittelt auf dem Bahnhof dieses Fleckens unterhalb der Burg und hat noch zwei Kilometer zu gehen. Aufwärts. Aufregend, die Burg in der Ferne zu sehen.
Man kommt nur mit Führung in die Burg. Es gibt vier verschiedene Besichtigungsrouten, für drei davon muß man vorab eine Reservierung tätigen. Und wenn man „Nosferatu – Phantom der Nacht“ von Werner Herzog – mit Klaus Kinski, Bruno Ganz, Isabelle Adjani – für einen der besten und schönsten Filme aller Zeiten hält, ist es von höchster Wichtigkeit, herauszufinden, welche der Besichtigungsrouten an möglichst viele der Punkte führt, die Herzog zwischen dem 1. Mai und dem 6. Juli 1978 für seine Kamera auswählte. Alle Szenen auf der Burg in „Transsylvanien“, auf der Nosferatu / Graf Dracula (Klaus Kinski) Jonathan Harker (Bruno Ganz) empfängt, wurden auf Burg Pernštejn gedreht – insgesamt etwa 25 Minuten des Films.
Mein „Mám otázku“ („Ich habe eine Frage“) war bei der wunderbaren Radka Loukotova aus dem Ticket Office gelandet. Sie bedauerte zunächst, daß die Tour, die ich favorisiert hatte, nur auf Tschechisch angeboten wird. Ich antwortete, das sei kein Problem, erwähnte „Nosferatu“ und unseren Wunsch, auf der Burg so viele Schauplätze des Films wie nur irgend möglich sehen zu können. Mlle. Loukotova kannte den Film nicht, setzte aber Hebel in Bewegung, „trying to figure out where it was taken“, und teilte wenig später mit, ein Kollege habe bestätigt: „it was taken in the Entrance Hall, Tyrolean Courtyard, Reception Hall“. Ich schickte ihr einige Screenshots aus dem Film, unter anderem mit dem Gang, den Bruno Ganz im oberen Stock unternimmt, bis er an die dritte Tür kommt: jener Raum, in dem Harker untergebracht ist, an Lucy schreibt, und bei Nacht dem Nosferatu schließlich zum Opfer fällt. Die charmante Antwort: „Dear Mr. Erdmann, you are welcome, there’s nothing to thank for. :) Thank you for that pictures, they helped a lot. It is – as I thought – Entrance Hall and Reception Hall and they both are in number I. But because of that corridor it would be better to join number III… But I have to tell you that the room in the corridor isn’t included. You will see just the closed doors – is it enough? :) Well, it seems it’s really complicated at our castle, but I believe you will like it here :)“
Besichtigungsrunde III also. Im Ticket Office kommt es zur herzlichen Begrüßung mit Mlle. Loukotova („You must see that movie!“). Wir waren für 14:00 gebucht, dürfen aber noch in die 13:00-Tour rutschen. Daß man nur mit Begleitung in die Burg darf, hat sicher auch den Vorteil, daß man sich nicht verirren kann, unabsichtlich oder absichtlich. Gewissermaßen ist es in der Tat „really complicated at our castle“: der Palas ist labyrinthisch.
Im Burghof hinter dem IV. Tor schauen wir uns die Kapelle an und warten auf den Beginn der Führung. Überwältigt von dem Gefühl, wirklich hier zu sein.
Der erste Teil der Szenen, die Herzog auf Burg Pernštejn dreht: Harkers Ankunft.
Man betritt den Palas über dieselbe Treppe, auf der Bruno Ganz zur Begegnung mit Klaus Kinski emporsteigt.
Die Treppe ist überdacht, ein diagonaler Korridor gleichsam, und sie ist so lang, daß man sich fragt, ob bzw. wie Herzogs Kamera auf den Trittstufen stand. Klaus Kinski dagegen steht im Freien.
Es ist leider nicht erlaubt, im Palas zu fotografieren. Auf dem folgenden Bild ist aber zu sehen, wo die Szene spielt. Links, erkennbar an den runden Fenstern, der Aufgang mit der Treppe, die Bruno Ganz hochsteigt. Klaus Kinski wartet hinter der Tür, von der ein kleines Stück zu sehen ist. Besichtigungsrunde III verweilt auf diesem Plateau, und während 25 Menschen der jungen tschechischen Dame zuhören, die uns durch die Burg führen wird, stehen wir da, wo Kinski stand, und flüstern mit Augen groß wie Untertassen. „Ich bin Graf Dracula und heiße Sie in meinem Schloß willkommen“: right here. In der Mitte die Mauer, von der Kinski den Kerzenleuchter nimmt; rechts, unter dem Wappen, der Eingang, durch den Dracula und Harker ins Burginnere gelangen.
Wir kommen in die Entrance Hall: die im 16. Jahrhundert entstandene Eingangshalle mit dem phantastischen Diamantengewölbe. Die erste Szene, die hier spielt, ist das Nachtmahl, mit dem Graf Dracula seinen Gast bewirtet.
Der Erker mit dem Tisch befindet sich auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite der Halle. Teile des Diamantengewölbes der Entrance Hall sind im establishing shot sichtbar.
Die Ausstattung unternahm Herzogs Team, Herzog erwähnt im Audiokommentar des Films „völlig leere Eingangsräume“. Teilweise benutzte man für die Szenen Mobiliar und Gegenstände, die andernorts auf der Burg zu finden waren; die Uhr dagegen wurde von einem handwerklich begabten Mathematiker namens Cornelius Siegel eigens für den Film angefertigt. – Jörg Schmidt-Reitwein, der Kameramann, von Herzog zurecht gerühmt als Magier der Beleuchtung, ist Sohn eines Malers.
„Hören Sie? Hören Sie! Die Kinder der Nacht, wie sie Musik machen!“
Harker schneidet sich mit dem Brotmesser in den Finger, das Blut reizt den Vampir, der vorgibt, nur die Wunde aussaugen zu wollen, „Bitte lassen Sie mich… das ist das älteste Heilmittel der Welt…“, Harker weicht vor dem enragierten, plötzlich gefährlichen Vampir zurück, Nosferatu / Kinski drängt ihn durch die Halle, an einem der Treppenaufgänge vorbei, Harker fällt in einen der Stühle vor dem Kamin. Der Vampir läßt schwer atmend ab: „Wir sollten noch zusammen aufbleiben… es ist noch lange bis zum Sonnenaufgang.“ Harker schlummert vor dem Kamin ein.
Der Kamin existiert nicht. Im Audiokommentar sagt Herzog: „Dieser Kamin ist gebaut“, wir dachten, daß Herzog an einen vorhandenen Kamin diesen bizarren Vorsatz anbringen ließ, tatsächlich befindet sich aber in der Halle kein Kamin.
Nach dieser alptraumhaften Nacht erwacht Harker in der Halle; der Vampir ist verschwunden. Harker findet einen reich gedeckten Tisch vor und beginnt dann, die Burg zu erforschen, dieses Gemäuer, „das so irregulär und so seltsam ist und so viele merkwürdige Türen hat, da habe ich gesagt, das muß ohne Schnitt gehen, wir dürfen hier nicht schneiden, wir müssen sozusagen dem Mann jetzt folgen. Und wir müssen das Gefühl haben, es gibt keinen Ausgang.“ (Herzog)
(Bei der Silhouette, die man am Ende dieses Filmausschnittes sieht, handelt es sich um die Ruine von -> Burg Strečno in der Slowakei, nicht um Pernštejn)
Hinter Bruno Ganz eine rätselhafte Tür, die auch später für ihn verschlossen bleibt, und von der wir auch während der Führung nicht erfahren, wohin sie führt.
Blick in Richtung Eingang:
Harkers Blick fällt auf eine der beiden Treppen, die sich an den Längsseiten der Halle befinden – sofern man bei diesem unübersichtlichen Grundriß von „Längsseiten“ sprechen kann.
Die Handkamera folgt ihm durch die Halle, und schwenkt dann, seinem Blick folgend, zum Diamantengewölbe hoch.
Harker takes the stairs. Auf der anderen Seite der Halle führt eine fast identische Treppe hinauf. Falls der Nosferatu-Liebhaber darob in der Halle die Orientierung verliert: ein kleines Fenster gibt es nur bei dem einen Treppenaufgang.
Auch einige Szenen des Films „Bathory“ von Juraj Jakubisko wurden auf Burg Pernštejn gedreht. Hier führt Erika, eine Dienerin Elisabeths, Caravaggio (the same) die Treppe hinauf; auch Jakubisko läßt zum Diamantengewölbe schwenken.
Herzogs Kamera steht hier in der Reception Hall, einem Saal, der die Eintrittshalle im ersten Stock gleichsam wiederholt. An einem Punkt der Führung stehen wir genau da, wo die Kamera steht, um dann wie Bruno Ganz den Gang zu erforschen. Dieser Gang führt rund um den Palast und war ursprünglich ein Wehrgang auf der Burgmauer.
Harker geht an zwei Fenstern vorbei, schaut in zwei Räume, deren Türen offenstehen, und kommt dann zur dritten Tür; in diesem Raum findet er seine Packtaschen.
Man findet Inschriften an mehreren Stellen der schmalen Gänge; im Ausschnitt Herzog – Nosferatu – III erkennt man eine davon bei Minute 2:55. Vermutlich haben Soldaten, die sich bei der Nachtwache langweilten, im 16. Jahrhundert die Wände mit Rötelstift bekritzelt. Manche der Inschriften sind Zitate, etwa aus der Bibel, man findet auch eine der ersten Übersetzungen Ovids ins Tschechische, anderes ist originäres Gedankengut der Soldaten. Vielleicht hat sich auch eine unglückliche Prinzessin verewigt, oder die in den Burggängen umherirrende Weiße Frau: natürlich hat Pernštejn sein Gespenst, der Geist einer Kammerzofe, die es vorzog, sich im Spiegel zu bewundern, statt fromm zu beten. Darum gibt es hier auch einen Spiegel, von dem es heißt, daß jeder, der hineinblickt, binnen eines Jahres seine Schönheit verlieren wird.
Harkers Zimmer:
Blick auf die Burg von außen. Harker befindet sich in dem Eckzimmer mit den hell umrahmten Fenstern. Links der Turm der Vier Jahreszeiten.
Die folgende Szene: Harker erwacht aus der Nacht, in der er von Graf Dracula heimgesucht wurde, eilt hinunter, und wir können die Entrance Hall noch einmal en detail erkunden. Zuletzt läuft er, wie schon in einer Szene zuvor, in den kleinen Burghof: dies ist der „Tyrolean Courtyard“.
Unfaßbar, als wir den Hof betreten, gerate ich an derselben Stelle in das Löchlein zwischen den Steinen wie Bruno Ganz. Während die Führung im Tiroler Hof erneut anhält, besetze ich die Stelle, an der Bruno Ganz für immer leicht ins Straucheln kommt (1:20), und muß fast weinen. Niemand bessert diese Stelle jemals aus, das ist ein Befehl.
Auch diese Szene aus „Bathory“ wurde im „Tyrolean Courtyard“ gedreht:
Schaut man im Tiroler Hof nach oben, sieht man nur ein winziges Stück Himmel. Durch das bizarr zusammengewachsene Gebilde der Gebäude blieb über dem alten Burghof nur noch ein Lichtschacht in der Mitte des Palas.
Die Ursprünge der Burg liegen im 13. Jahrhundert, 1285 wird Burg Pernštejn erstmalig erwähnt. „Pernštejn“ ist eine altböhmische Abwandlung von Bärenstein. Die ersten Herren der Burg trugen den Namen von Medlov, später übernahm der auf der Burg lebende Familienzweig den Namen Pernštejn. Im Laufe des 14. Jahrhunderts verlor die Familie an Bedeutung, auf der Burg wußte sich Vilém I. von Pernštejn jedoch zu behaupten. Er hielt eine kleine Truppe auf der Burg, die man manchmal nur schwer von einer Diebesbande unterscheiden konnte, und es gelang ihm, Vorteile aus der Unterstützung verfeindeter Parteien zu ziehen. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde damit begonnen, die Burg zu befestigen; Viléms Sohn Jan I. ließ die Wehrhaftigkeit der Burg erhöhen, seine Herrschaftszeit und die Regentschaft seiner Söhne Vratislav I. und Vilém II. (in der zweiten Hälfte des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts) bedeuten die Aera der größten Bautätigkeit auf der Burg.
Im 16. Jahrhundert wurden Burgen als Familienwohnsitz weitgehend von komfortablen Schlössern abgelöst. Unter Vilém II., der seine Familie zur reichsten im Böhmischen Königreich und in der Markgrafschaft Mähren gemacht hatte, begann sich auch Pernštejn in das Denkmal einer Adelsfamilie zu verwandeln. Die letzte Bautätigkeit von Bedeutung erlebt Pernštejn in der Mitte des 16. Jahrhunderts unter Jan II., von dem der Satz stammt: „Wenn es nichts mehr zu bauen gibt, laßt etwas abtragen und baut es neu auf.“ 1596 aber zwingt der unaufhaltsame Vermögensverlust die Familie zum Verkauf der Burg; einige Jahrzehnte später stirbt die Familie, als wäre ihr Fortbestand nur auf der Burg möglich gewesen, vollkommen aus.
Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges ging die Burg in den Besitz der Grafen von Lichtenstein-Kastelcorn über, kaisertreu und trotz Belagerung durch die Schweden (1645) auf der Seite der Sieger, 1655 wurde Pernštejn zur mährischen Landesfestung ernannt, während viele andere Burgen als mögliche Nester des Widerstandes gegen die Habsburger zerstört wurden.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts übernahm die Familie der Stockhammer die Burg, unter deren Herrschaft die Wände und das Deckengewölbe des Rittersaals mit Stuckverzierungen versehen wurden. Seit 1760 keine Festung mehr, kam die Burg gegen Ende des 18. Jahrhunderts in den Besitz von F. I. Schroeffel von Mansberg; dessen Nichte ehelichte 1828 Vilém Mitrovsky. So gelangte Pernštejn in den Besitz der letzten Adelsfamilie, die, obgleich nicht ständig auf der Burg wohnhaft, bedeutende Spuren hinterließ: Viléms Sohn Vladimir I. ließ die vernachlässigte Burg mit großem Aufwand sanieren.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mit Büchern aus dem Familienbesitz der Mitrovsky im großen Saal des Renaissancegebäudes eine Bibliothek gegründet, eine naturgeschichtliche Sammlung kam hinzu.
In dieser Bibliothek drehte Herzog die Szene aus „Nosferatu“, in der Graf Dracula den Kaufvertrag für das Haus in Wismar umgehend abschließen will, als er ein Bildnis von Harkers Frau Lucy – Isabelle Adjani – sieht. Es ist die wunderbare „Ich lege keinen Wert mehr auf Sonnenschein und blitzende Fontänen“-Szene: „Die Papiere, den Vertrag, ich unterschreibe sofort!“ – „Eigentlich haben wir noch keinen Preis festgesetzt…“ – „Das ist doch ganz unwichtig!“ Unsterblich.
Wir dürfen die Bibliothek von einer Treppe aus sehen. Und in der naturgeschichtlichen Sammlung haben wir unter der Vielzahl ausgestopfter Vögel den einen entdeckt, von dem Herzog oder ein Requisiteur bei den Dreharbeiten sagte: den stellen wir Kinski auf den Tisch. Es gibt dort zwei ausgestopfte Adler; den für den Film ausgeliehenen Adler erkennt man daran, daß er etwas in den Fängen hat, das einmal ein kleines Füchslein war.
Der ausgestopfte Wolf, der am Anfang dieser Szene zu sehen ist, steht noch an derselben Stelle.
„Zeit, das ist ein Abgrund, tausend Nächte tief…“
Als wir in einem der oberen Stockwerke, man hat längst die Orientierung verloren, einen Treppenabsatz erreichen, flattert hinter einer Glasscheibe, die einen Gang abtrennt, aus unerfindlichen Gründen eine kleine Fledermaus, wie ein Nachkomme der kleinen Gesellen, die bei Bruno Ganz am Fenster hängen. Den Enthusiasmus, mit dem wir dem zur Unzeit aufgeregten Flattermäuschen begegnen, quittiert unsere Führerin mit abgeklärtem Lächeln.
Nach der Führung durch den Palas genießen wir eine köstliche heiße Schokolade in der Gaststube, der alten Burgschenke aus dem 16. Jahrhundert, dann erkunden wir noch einmal das weitläufige Burgareal, jeden Zentimeter, der von außen zugänglich ist.
Blick auf das IV. Tor mit den Wappen des Grafen Vilém Mitrovsky und seiner Gemahlin Josefina Schroeffel von Mansberg.
Blick in die andere Richtung: das III. Tor, rechts die alten Kutschenhäuser, links der sogenannte Schroeffel-Garten.
Im Schroeffel-Garten
Zuletzt identifizieren wir noch den Schauplatz der Szene, in der Harker von der seltsamen Kutsche in die Burg gebracht wird; die Kutsche fährt durch das Tor des sogenannten Barbakan, der die Verteidigung mit Feuerwaffen ermöglichte.
WOW!! Danke, wunderschöner abendlicher Ausflug für mich. Als ich sah, daß Teil 3 Eurer Reise dran war, hab ich mir erstmal eine köstliche heiße Schokolade gemacht und als ich von Eurer las, nahm ich gerade einen Schluck :) Werde den Film nun mit wieder neuen Augen sehen, nehme ich mir gleich fürs Wochenende vor. DANKE!
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
In der Schenke hört man noch das Gejohl und Geklirr der Soldaten, die da vor Jahrhunderten ihren Sold verzechten, und genießt diese köstliche heiße Schokolade folglich etwas verschämt. Danke also für Deine Solidarität. :)
ray05:
Die Sachwalter des Burgtourismus wissen nichts von „Nosferatu“? Da treibt’s mir gleich den Pflock ins Herz, wenn das höre. Erinnert an Prag: dort sind auch alle mit plötzlicher Taubheit geschlagen, wenn der Name Kafka fällt. :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Seufz, ja. Um meine Zähren zu trocknen, sagte ich mir: keiner von uns kennt alles. Ich zum Beispiel kannte bis vor kurzem „Inception“ nicht. Ich kenne „Inception“ auch jetzt noch nicht so richtig, weil mir der autistische Krach von Hans Zimmer, gegen den die Schauspieler phasenweise anschreien müssen, so auf den Senkel ging.
Daß man keine heilige Zusammengehörigkeit von „Nosferatu“ und Pernstejn zelebriert, hat sicher viele Gründe, und für viele Dinge ist vielleicht auch erst jetzt langsam Zeit. Im Sozialismus dürfte die Burg tatsächlich nichts als ein leerer Spuk gewesen sein. Kafka: Prag, Hotel, Nacht, an der Rezeption saß dieser studentisch aussehende Mensch mit Buch. Ging nochmal runter zu ihm, weil ich dachte, den könnte ich nach dem Kafka-Museum fragen. Also nicht dem in Kafkas Geburtshaus, sondern dem anderen, von dem man nie was liest. „What was the name?“ Über seinem Nerd-Pizzateller googelte er dann erstmal nach Kafka. Ich meine, der hat ja auch einiges hinter sich da, der Kafka. Verfemung aus politischen Motiven, Vereinnahmung aus politischen Motiven, Vermarktung. Verstehe schon, wenn es Zeit braucht, Kafka einfach so entdecken zu wollen als weltbesten Literaten aus Prag. Something else aber: die schmerzliche Einsicht, daß man tatsächlich einen Schritt vor den anderen setzen kann, ohne Herzog, Kinski, Kafka, Rilke und Rimbaud, Cave und Cale, 89% dessen, was unsereins so liebt, auch nur zu kennen. Ist aber so. Diese Einsicht macht aus unsereins den Nerd. Ich hab nur irgendwann beschlossen, unverdrossen ins Wasser schreiben. :)
ray05:
Ins Wasser schreiben: da denk ich an Flaschenpost. Ist eh alles Flaschenpost durch Zeit und Raum. Jedes gut verkorkte Zettelchen trägt die geheime Überschrift „Message to our folks“. :) Ich werd der Isar ne richtig altmodische Flaschenpost mit auf die Reise geben. Meinste, die können Englisch in Bulgarien?
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Ne Menge alter Verstecke von Schwarzmeerpiraten da unten. Was hast Du vor, eine Piratenbraut aus dem 17. Jahrhundert nach Marienbad einladen? :) „Alles ist Flaschenpost durch Zeit und Raum“, voilà. Take them down the only road you’ve ever been down. You know the one that takes you to the places where all the veins meet.
Anonym:
…unverdrossen ins Wasser schreiben: Ja, tun Sie das weiter!
Uh, yes. :) Guilty, Your Honour. Übrigens tatsächlich einer der atmosphärischsten S/W-Filme jener Zeit, sehr schön und spooky, Franco war ja durchaus ein Meister der cinematography, auch wenn er diese Meisterschaft später zugunsten… uh… anderer Prioritäten… etc. :) Diana Lorys ist dann später noch einmal sehr beeindruckend (anders beeindruckend) in einem weiteren Jess Franco-Film, „Nightmares Come At Night“. Der in ganz besonderem Maße Francos Talent zu einzigartiger, unverständlicher, unvergeßlicher Schönheit kombiniert mit Szenen, die, filmtechnisch, eine echte Belastung darstellen für das Nervensystem auch des Verständnisvollsten.
Wie Franco in dieser einen Szene aus „Der Teufel kam aus Akasava“ Soledad Miranda hinterherschaut, das ist vielleicht der Schlüssel zum ganzen Franco. Diese Schönheit in meinem Film, heilige Hölle. Das sagt dieser Blick, und: für diese Schönheit unternehme ich, was in meiner Macht steht, kinky, fetischistisch, bizarr, bonkers, aber zum Teufel nicht durchschnittlich und langweilig.
„Küss mich, Monster“, völlig ditzy, als Film kaum erkennbar, hat – neben der rasanten Version von „Sock It To’Em J.B.“ von Rex Garvin & The Mighty Cravers (kannte vorher nur die Specials-Version) – auch so eine Szene: Franco in seinem Cameo als… hm… wird von hinten erschossen und läßt sich, die Arme hochwerfend, von Janine Reynaud und Rosanna Yanni auffangen. Hätte ich auch so gemacht. :) Leaving the building, going to Max Schreck-Land. :) See you later.
10.10.2014
Anonym:
Was macht eigentlich die klimpernde Dame. Can’t she get no satisfaction?
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Mad Scientist-Thema. Howard Vernon als Dr. Orloff ist ein Entführer schöner Nachtclub-Damen. Um das durch Feuer entstellte Gesicht seiner Tochter neu erschaffen zu können, entfernt er den Damen die perfekte Haut. Referenz: der phantastische Les yeux sans visage von Georges Franju. Orloff hat einen furchterregenden, ihm sklavisch ergebenen Gehilfen mit sehr eigener Geschichte namens Morpho. Es gibt in nahezu jedem guten Jess Franco-Film einen Morpho. Inspector Tanner wird auf den Fall angesetzt. Diana Lorys ist Wanda Bronsky, Tanners Ballerina-Freundin, die sich, als sie Tanner investigativ unterstützt, selbst in höchste Gefahr begibt. Can’t she get no satisfaction? Kann schon sein. Wird nicht so recht klar, was sie an Tanner findet.
Bizarrer und wundervoller Film, aber Vorsicht vor Jess Franco. Kulturell verdammte, fetischistische Faszination in abgründigen Kontexten. I don’t give a damn about my bad reputation. Or his. :)
Eine der schönsten Szenen der Filmgeschichte: Elsa Lanchester als „Bride of Frankenstein“, als Karloff erscheint und sich ihr mit klumpiger Zärtlichkeit nähern will; wie sie sich, kaum zwei Minuten in der Vertikalen, schon ganz enragierte Lady, Colin Clive / Frankenstein zuwendet mit diesem „Was soll das heißen! Was hast du dazu zu sagen? Rechtfertige dich!“-Blick… grandios, einfach brillant.
Cugel:
Sehr schön beobachtet und beschrieben! Ich habe mich noch immer nicht ganz erholt von der Erheiterung über den theatralisch-pathetischen Ausbruch des den ganzen Film über ja eher düster-grummeligen Dr. Pretorius ein paar Augenblicke zuvor: „THE BRIDE OF FRANKENSTEIN!!“
Christian Erdmann
Ja, auch wunderbar! Thesiger war auch so ein Exzentriker vor dem Herrn, ich liebe diese Anekdote über ihn, als er in einer Londoner Bustür eingeklemmt dem Fahrer zuruft: „Stop! Stop! You’re killing a genius!“ – Whale wollte zuerst keinen „Frankenstein“-Nachfolger machen, hat ihn dann doch gemacht, weil er ihn zu seinen Bedingungen machen konnte. Und das beinhaltete dann, bei all der bestechenden Qualität, die auf jeder Ebene in diesem Film zu bewundern ist, auch eine beträchtliche Lust, over the top zu gehen – vielleicht genau das, was den Film unter all den bezaubernden Universal-Klassikern nochmal hervorhebt.
Elsa Lanchester hat sich zu ihrem legendären swan hiss tatsächlich von mißgelaunten Schwänen im Regent’s Park inspirieren lassen. :)
Cugel:
Eben zufällig beim Stöbern herausgefunden: Elsa Lanchester spielte auch die Miss Marbles in „Murder by Death“ (Eine Leiche zum Dessert), meine Allzeitlieblingskrimikomödie und der erste Film, den ich in den 80ern auf Video aufzeichnete. Nach einem runden dutzend Mal Anschauen habe ich irgendwann aufgehört zu zählen, interfamiliäre Konversation fand nur noch mittels Dialogzeilen aus dem Film statt.
Gerade fällt mir noch ein: als Dick Charleston alias David Niven nach der Ankunft mit seiner Frau Dora das Gästezimmer betritt, ergreift er eine vermeintliche Spielzeugmaus, um dann erschrocken auszurufen: „Sie lebt!“ (Kann mich leider nur an die Synchronfassung erinnern, die Originalszene finde ich nicht im Netz) Ich fresse einen Besen, wenn das keine Anspielung auf Elsa Lanchester war!
Christian Erdmann:
Ah! Ich liebe sie auch als Miss Plimsoll, die Nurse für Sir Wilfrid / Charles Laughton in „Zeugin der Anklage“, wo sie mit ihrer unerbittlichen Fürsorge den ohnehin schon grummeligen Real Life-Husband in Verzweiflung stürzt, grandiose Dialogsequenzen galore. – Die Frau war ja nur knapp über 160 cm, aber als „Bride“ wirkt sie ca. 2 m groß. :) Diese B-Filme haben permanent auf allen möglichen Ebenen ziemlich wagemutige Dinge getan, schon dafür liebe ich sie. Ich meine, Dr. Pretorius in „Bride of Frankenstein“: „… if you like your bible stories.“ – 1935 war das ein ziemlich blasphemischer Punch.
[SPIEGEL ONLINE Forum Lieblingsfilme – was ist „großes Kino“?]
Elsa Lanchester, Herself, New York 1983, p. 133 ff:
There were two parts for me in The Bride of Frankenstein. In the opening scenes, I played Mary Wollstonecraft Shelley, dressed extremely elegantly, sweeter than sugar.
In this prologue, Mary Shelley’s dress was the most fairy-like creation that I have ever seen before or since in a film. It had a low neck, tiny puffed sleeves, and a bodice that continued in a long line to the floor and onto a train about seven feet long. The entire white net dress was embroidered with iridescent sequins – butterflies, stars, and moons. It took seventeen Mexican ladies twelve weeks to make it.
It was James Whale’s idea that, later in the film, Dr. Frankenstein’s second creation, the strange and macabre female monster, should be played by the same actress. Quite a contrast to the sweet and dainty Mary Shelley. We shot the prologue first, and it took only two or three days. Then I worked another week or ten days as the Monster’s Bride.
I think James Whale felt that if this beautiful and innocent Mary Shelley could write such a horror story as Frankenstein, then somewhere she must have had a fiend within, dominating a part of her thoughts and her spirit – like ectoplasm flowing out of her to activate a monster. In this delicate little thing was an unexploded atom bomb. My playing both parts cemented that idea.
Charles had the definite theory that very, very sweet women were tough bitches underneath, and he’d often say in semifun, „Don’t be frightened of Elsa if you find her too honest and she seems bitchy. She’s really, you know, very nice inside.“
Apart from the discomfort of the monster makeup and all the hissing and screaming I had to do, I enjoyed working on the film. I admired Whale’s directing and the waiting-for-something-to-happen atmosphere he was able to create around us. He and Jack Pierce, the makeup man, knew exactly what they wanted, so I didn’t have to do many makeup tests. They had Queen Nefertiti in mind for the form and structure of the Bride’s head.
I’ve often been asked how my hair was made to stand on end. Well, from the top of my head they made four tiny, tight braids. On these was anchored a wired horsehair cage about five inches high. Then my own hair was brushed over this structure, and two white hair pieces – one from the right temple and the other from the left cheekbone – were brushed onto the top.
I was bound in yards and yards of bandage most carefully wound by the studio nurse. I didn’t particularly want to be seen by anyone. Nor did Boris Karloff. We weren’t trying to be secretive. We just didn’t want to be stared at. Poor Boris Karloff! When he ate in the studio commissary, he would cover up his head and shoulders with a piece of butter muslin, lifting it quickly like a curtain to pop some food into his mouth.
Sometimes members of the cast would have tea. After all, many English actors were in the cast. I may have been seen drinking tea, but I drank as little liquid as possible. It was too much of an ordeal to go to the bathroom – all those bandages – and having to be accompanied by my dresser!
A word about the screams and that hissing sound I made to show my anger and terror when rebuffing my groom. Actually, I’ve always been fascinated by the sound that swans make. Regents Park in London has lots of them on the lake. Charles and I used to go and watch them very often. They’re really very nasty creatures, always hissing at you. So I used the memory of that hiss. The sound men, in one or two cases, ran the hisses and screams backward to add to the strangeness.
The poet Shelley had written that „poetry turns all things to loveliness; it exalts the beauty of that which is most beautiful, and it adds beauty to that which is most deformed.“ James Whale seemed to carry out this thought, giving his monsters spiritual beauty and pathos, over and above the horror.
Samuel Rosenberg observed that drownings ran throughout Mary Shelley’s lifetime. Her husband’s first wife, Harriet, having lost Percy to Mary, drowned herself in the Serpentine Lake in London’s Hyde Park. Mary tried „to drown herself in a ‚leap from the Putney Bridge into the Thames‘, but the voluminous air-entrapping garments … kept her afloat…“ Then „Shelley was drowned during a severe electrical storm while sailing in the Mediterranean.“ And then, in 1957, James Whale was found dead „under mysterious circumstances“ – floating in his large pool at the foot of his hillside garden behind his Brentwood home.