Kategorien
Musik

The Damned

Dave Vanian, The Damned.

SPIEGEL ONLINE Forum, 17.09.2008

Kleine Tour durchs Reich der Verdammten. Es muß mal gesagt werden. The Damned haben 1985-1986 mit „Phantasmagoria“ und „Anything“ zwei Platten gemacht (und dazwischen „Eloise“), die so klingen, als hätte die Tochter von Bela Lugosi und Maila Nurmi Dave Vanian gezwungen, die besten Songs aller Zeiten zu schreiben, andernfalls sie ihn wie Turandot ihre Freier köpfen lasse. Vanian tat sein Bestes, und für Sachen wie „Sanctum Sanctorum“ oder „The Portrait“ wäre gar Lord Byron nochmal angerannt gekommen, wäre er nicht mit dem Luziferfuß umgeknickt. Dave Vanian hat zweifelsohne eine phantastische Stimme.

„Oh yeah, he’s quite a strong bloke old Dave. He actually really used to be a grave digger. He really lives the lifestyle. I know it sounds weird but he really is into it. The whole lifestyle, the motorbikes, the ex-grave digger bit and all that stuff. I like the bloke a lot, he’s a bit of an enigma. I think he’s tinged with madness. I really think he is, because of the twenty years I’ve known him he’s never changed and he’s always backed up whatever he said. Once I went round his house, he was living in a basement and he’d had a flood. I said “ ‚ello Dave how’s it going “ – He said „The drains have flooded, can you help me get this carpet out“. Actual sewage had come up through the drains and it wasn’t very pleasant. We got the carpet out and I said „What’s that under there then, that’s a pentagram. Is that like satanic stuff or what?“ And he says „It must have been put down by the previous owners of the flat“. Now does that ring true to you, the bloke sitting there dressed up as Dracula, with a hearse sitting outside the house and he’s telling me it must have been someone else who done the pentagram. I don’t think so, do you.“ – Captain Sensible

„We complement each other as songwriters, neither of us treading on each other’s toes. We both love 60s garage music and appreciate a bit of dark melancholy  … And the bloke is the best singer of his generation.“ – Captain Sensible 2019

Nicht seit dem Tag, an dem ich Antipapst wurde.

Hommage an Pink Floyd mit Syd Barrett + Hawkwind + Neu! + Ron Asheton +++, + ureigene The Damned-Perfektion. Und ja, das ist Dave Vanian.

Motörhead und The Damned, Konzert-Ticket Sporthalle Hamburg, 2014.

Dave Vanian Poster: hier

Kategorien
Musik

The Damned, Hamburg, 07.03.2023

Und noch immer ist The Damned eine der unterschätztesten Bands des Planeten. Ja, The Damned war die erste Punk-Band, die im Vereinigten Königreich eine Single veröffentlichte („New Rose“, 22. Oktober 1976. Daniel Ash von Bauhaus: „The perfect single. Brilliant.“), aber wer sie auf „Punk“ reduziert, kann auch die Beatles auf „She Loves You“ reduzieren. Tatsächlich hat sich das Universum der Verdammten ähnlich atemberaubend ausgedehnt wie bei den Beatles, vielleicht in nicht ganz so rasanter Geschwindigkeit, aber die Liste ihrer Erfindungen ist lang, Psychpunk, Gothpunk, Progpunk, you name it.

Im Oktober 2019 baten The Damned ins Londoner Palladium zur „Night of a Thousand Vampires“, bei welcher Gelegenheit die Tochter von Dave Vanian und Patricia Morrison, Emily, erneut mit ihrer Violine bei „Curtain Call“ auf der Bühne erschien – und zwar exakt so goth, wie man sich eine Tochter von Dave Vanian und Patricia Morrison vorstellt. Bei aller schauderhaft schönen Theatralik machte dieser Abend die herausragende Virtuosität der Herren Vanian, Sensible & Co nochmals deutlich.

Ich besitze noch einen SPEX-Artikel, betitelt: „10 Jahre Damned oder Gröhl, gröhl, gröhl!“. Michael Ruff damals: „Ich muß da ganz subjektiv werden: Es ist so gut, daß es sie gibt.“ Einer der besten Sätze aus 100 Jahren SPEX. Bald heißt es „100 Jahre The Damned“ und natürlich macht ihre chaotische Brillanz keine Gefangenen, darum gilt für die Tatsache, daß wir es mit phantastischen Musikern, einem phantastischen Sänger und jederzeit phantastischen Songstrukturen zu tun haben: blink and you miss it.

Als Intro wählen die Beatles des Punk eine Version von „The Man With The Golden Arm“. Dave Vanian im feinen schwarzen Anzug, weißes Hemd, blutrote Manschettenknöpfe, schwarze Handschuhe, Sonnenbrille, The Invisible Man-Hut. Las vor einer Weile: wie kann jemand nur so dapper aussehen, der seit 500 Jahren kein Spiegelbild hat.

„Street Of Dreams“, „The Invisible Man“, „Wait For The Blackout“, „Lively Arts“, „Born To Kill“ dann annonciert Dave „We got a new album“, und sie spielen es fast zur Gänze, „exclusively on Reeperbahn!“, charmant gelogen natürlich, aber dann folgen tatsächlich 9 Songs von „Darkadelic“ am Stück.

Wir stehen in der ersten Reihe, 3 Armlängen vom Captain entfernt, da dreht sich einem schnell das Gehirn im Schädel. Madame hier gut zu erkennen am Poison Ivy-roten Haar, und als der Captain in unsere Richtung blickt und erklärt: „Nice looking audience actually… much prettier than in England“, meint er nicht mich. Women and Captains first.

The Damned pflegen liebenswerte Anarchie, schön zu sehen bei „Love Song“, als Dave Vanian aus ohnehin schon ironisch inszenierter klassischer Rockpose, der Captain und Paul Gray Schulter an Schulter, bizarres Slapstickgetümmel macht.

Der Abend besteht aus 100 Minuten ungebremster Spielfreude, als die Band zur ersten Zugabe wieder auf die Bühne kommt, stehen die Herren länger als geplant ohne Gitarre und Bass da, Dave Vanian singt „Why are we waiting?“, Captain und Publikum beschließen ein „Wot!“-Impromptu, das für Entzücken auch beim Captain sorgt: „Vielen Danke, mein Damen, mein Herren!“ Bei „Eloise“ hat Paul Gray dann Probleme mit seinem Bass, der offenbar völlig verstimmt absäuft, Herr Gray kurzzeitig auch verstimmt, dafür hat er eine wunderbare Szene am Ende des neuen „The Invisible Man“-Videos: „You got the package?“ – „Just drive, fool!“ – „Charming“. Wer kennt das nicht.

„We’re cursed“, grinst der Captain, was schiefgehen kann, gehe schief, aber alles in the best of spirits, auch bei der Vorstellung des wieder mal in eine Art totenkopfübersäten Schlafanzug gekleideten Monty Oxymoron, Captain: „How did he end up in a punk band?“, Dave: „That’s a long story.“ Bei „Smash It Up“ noch Captain an Dave: „You’re in fine voice tonight!“, und es gibt noch ein zweites Zugabenset, ganz am Ende „New Rose“. Eine der besten Debut-Singles in allen Sonnensystemen. Is she really going out with him?

Bad Smartphone Pics:

The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.

A Night of a Thousand Vampires

Kategorien
Musik

The Damned, Hamburg, 25.05.2018

The Damned, Hamburg, Captain Sensible Signature, Captain Sensible Guitar Pick.

„I’d heard the last Bowie album, Blackstar, and I really liked the sound of things on that and thought ‚I wonder if he would produce us?‘ I found out when I talked to him, he said ‚Why didn’t you ask me years ago?'“

Die Nachricht, daß der legendäre Tony Visconti ein neues Album von The Damned produzieren würde, war ein Stück Poesie im Schlamassel called 2017. Viscontis Antwort an Dave Vanian sagt ja: wißt ihr denn nicht, o Verdammte, wie sehr wir euch verehren? Und das gilt für die Allerbesten: auf „Blues Funeral“ von Mark Lanegan gibt es den Song „Phantasmagoria Blues“, und Lanegan erzählt im Februar 2012:

„I called it that because around that time I started listening again to Phantasmagoria by The Damned. That’s a favourite record of mine.“

„Phantasmagoria“ sollte a favourite record von jedem sein, aber, ach, Herr Graf. Auch impliziert Viscontis Antwort, daß der Griff nach den Sternen für The Damned eigentlich eine ganz selbstverständliche Sache gewesen wäre – was vielleicht nicht ganz so leicht zu glauben ist, wenn eine Band über einen so langen Zeitraum hinweg erlebt hat, wie die Presse eine Art Vendetta gegen sie aufrechterhielt: The Damned wurden angefeindet oder offensiv totgeschwiegen, im Grunde nur, weil sie nirgends hineinpaßten. Sie verkörperten die furiose Dringlichkeit des Punk, nahmen diese jedoch nur als Ausgangspunkt. Sie waren noch unter den Außenseitern immer Außenseiter, folgten immer nur dem eigenen Stern, verschreckten mit ihrem künstlerischen Expansionsdrang immer wieder eine gerade gewonnene Gefolgschaft. Damit einher gingen Phasen, in denen man ohne Plattenvertrag dastand oder Plattenfirmen schlicht keine Promotion für ein Album machten (wie bei „Grave Disorder“). Dave Vanian:

„We had this thing in our minds where you put everything into making a record then through no fault of your own it just slips away through your fingers. After a while that’s quite hard to get used to.“

Und nun, nach vier Dekaden Bandgeschichte, schießt „Evil Spirits“ im April 2018 von Null auf Platz 7 der englischen Album-Charts: es ist tatsächlich das erste Top Ten-Album der Band („Phantasmagoria“ schaffte es 1985 auf Platz 11), das ist nicht einfach wohlverdient, das ist die platonische Idee von Wohlverdientheit.

Nachdem Stabilität im Bandgefüge lange Anathema war und es bei allen von außen kommenden Widrigkeiten immer auch die Neigung gab, sich selbst ins Knie zu schießen, sind Dave Vanian und Captain Sensible seit 1996 wiedervereinte Komplizen: zwei der liebenswertesten Charaktere überhaupt, dabei grundverschieden, als partners in crime sich jedoch auf das Schönste ergänzend. Dave Vanian, der sich stets so bewegt, als würde er im Vampir-Umhang leben, verantwortlich für das sinistre, theatralische Gothic-Element, das dunkelerotische Drama, Horrorfilm-Ästhetik zwischen Dracula, Vampira und Dr. Phibes seine natürliche Sphäre, mit Passion für alte Motorräder und Autos. Der Captain hingegen ein passionierter Trainspotter, im Herzen immer noch Punk, aber mit intensiver Neigung zu Pop & Psychedelia.

„Phantasmagoria“ mit seiner Opulenz, der dunklen Poesie, der Vampirgraf-Grandeur, dem majestätischen Bombast und dem Über-Melodrama ist natürlich Daves Album. Wie auch bei der epischen Single „Eloise“ und dem Nachfolge-Album „Anything“ (1987) war der Captain nicht anwesend; ich weiß nicht, warum „Anything“ immer ein bißchen stiefmütterlich behandelt wird, aber eigentlich betrachte ich „Phantasmagoria“ und „Anything“ ohnehin als eine einzige Platte: „Anything“ befand sich in den Räumen der Frau, die Aljoschas nächtlichen Visionen den Fluchtweg zur Milchstraße abschnitt, und handelt natürlich von ihr.

Dave Vanian und Captain Sensible sind auch ewig Unterschätzte: beim Captain, der erst für „Machine Gun Etiquette“ von 4 auf 6 Saiten umstieg, verhindert wohl sein Image als schrulliger Possenreißer seine Entdeckung als superber Gitarrist; welch großartiger Sänger Dave Vanian ist, propagierte ich schon: -> hier 

„Visconti took a lot of time to concentrate on the lead vocals. He really liked Dave’s voice, which was nice as he’s worked with the best and he just kept saying ‚phenomenal, phenomenal‘ as Dave sang. But I have to say, as a singer myself, Dave is annoyingly good. I’m there watching him and I say to myself, ‚how does he fucking do it?'“ – Captain Sensible 

Annoyingly good auch mit den Phantom Chords:

„The Doomsday Clock stands at two and a half minutes to midnight now I think; that’s something to really demonstrate against, not that sexist pillock in the White House, arsehole that he is. Sexist tweets are not going to destroy the planet but nuclear missiles and climate change bloody will.“ – Captain Sensible

Zu „Mars“ aus „The Planets“ von Gustav Holst betreten The Damned die Bühne, „Wait For The Blackout“ der perfekte blast off. Dave Vanian mit seinen schwarzen Handschuhen am Retro-Birdcage-Mikrofon, chic von unten in Absinthgrün angestrahlt, trinkt zwischen den Songs gern ein Schlückchen Rotwein trotz „I never drink… wine.“ Nach „Plan 9 Channel 7“ mit „Standing On The Edge Of Tomorrow“ („written by my esteemed friend“, Mister Vanian)

der erste von zwei neuen Songs, vor „Anti-Pope“ feixt der Captain, sie seien damit auch in Milano durchgekommen, aber falls Katholiken anwesend sind, mögen die jetzt bitte für einen Drink an die Bar gehen, damit schießt ein MACHINE GUN ETIQUETTE-Bombardement durch die Stratosphäre, ab jetzt bleibt kein Auge mehr trocken, ich wußte nicht, zu welchem SECOND TIME AROUND!-Gegröl ich fähig bin & zu welchem Song keyboard demon Monty Oxymoron seinen Veitstanz aufführt, weiß ich gar nicht mehr.

Vor „Eloise“ wird der Zwillingsbrüder Paul und Barry Ryan gedacht, Mister Vanian erzählt, daß Paul Ryan unsterblich in eine Stripperin aus Soho verliebt war und diesen Killersong für sie schrieb. Das veredelt „Eloise“ natürlich nur noch mehr, und wenn Dave Vanian das so erzählt, will ich es glauben. (Edit: laut Rat Scabies wußten The Damned das von Barry Ryan persönlich.) Auf unnachahmliche Art prüft Vanian die Steampunk-Elemente der Fabrik, „Dr Jekyll & Mr Hyde“ widmet er einem „brilliant German actor“, nämlich Udo Kier. Den „Ignite“-Chorus des Hamburger Publikums bedenkt der Captain mit einem „fucking brilliant!“, und er rühmt das Catering und überhaupt die Versorgung, die der Band durch die Fabrik-Crew zuteil wurde. In England bietet man einer hart arbeitenden Band backstage offenbar nicht mal einen Keks an. Überhaupt: „This is a nice club to play. Not like that shithole in Berlin.“ Ho, ho. Ho.

„History Of The World (Part 1)“, seinerzeit tatsächlich von Hans Zimmer mitproduziert, der beschrieben wird, als… quite a character. Ist wohl aufgetreten wie einer dieser Hollywood-Regisseure, die noch mit Peitschen an ihre Reitstiefel schlugen. „Street Of Dreams“, erste Zugabe, scheint so unendlich erhaben, mit „Under The Floor Again“ beschert die zweite Zugabe noch einen meiner allerliebsten Damned-Songs, „Smash It Up“ hat aus nur halb nachvollziehbaren Gründen eine spontane Scat-Gesangs-Einlage durch Captain & Dave.

Nah beim Mikroständer liegt das Plektron, das der Captain benutzt hat an diesem Abend, und ein zuvorkommender Stage Man, den ich darauf anspreche, hebt es für mich auf. Später am Abend, ich habe das Tourplakat von der Fabrikwand gezogen, erscheint der Captain am Tourbus, wo noch ein Häuflein Geduldiger herumlungert, er signiert freihändig mein „Evil Spirits“-Booklet und das Ticket der Missus, ich behaupte, praktisch mein Leben lang auf diesen Moment gewartet zu haben, und er, very British: „Have you.“

Am Ende fühlt man einfach: f***, die beste aller Bands, I Don’t Care.

Wait For The Blackout
Plan 9 Channel 7
Standing On The Edge Of Tomorrow
Anti-Pope
Love Song
Machine Gun Etiquette
I Just Can’t Be Happy Today
Devil In Disguise
New Rose
Eloise
Dr Jekyll & Mr Hyde
Ignite
History Of The World (Part 1)
Neat Neat Neat

Street Of Dreams
So Messed Up

Under The Floor Again
Smash It Up