
„Als Aljoscha mitten in der Nacht an den Knöpfen seines Radios drehte, fand er einen ihm bis dahin unbekannten Sender, der ein paar Stücke von The Fall durch den Äther schickte, der Gruppe um Mark E. Smith, dessen Vortrag sich zu Gesang verhielt wie ein Woolworth-Hemd zu einem Chanel-Kleid; nörgelige Bestandsaufnahmen, ultraweitschweifige, meterlange, tagelange Tiraden von stoischer Besserwisserei, mit dem linken Fuß zuerst aufgestandene, ins Mikrophon oder Megaphon gemäkelte Bezichtigungen, über einen knochentrockenen, eins überbügelnden Rhythmus hingegossen wie Bier über einen Pub-Tisch. Das Ganze klang wie Staubsaugen auf Kopfsteinpflaster und tat einem Mann mit einem Messer im Bauch notwendig gut.“
„Aljoscha der Idiot“, by me.
Michael Ruff über The Fall in der SPEX Mai 1988. Ein paar Exzerpte.
Ein Leben mit The Fall. Die einzige Band, die einen nie enttäuschen kann, weil sie sich nie entwickelt. Der Fehler liegt immer bei Dir, Freundchen.
Oder der flutlichtbestrahlte Super-Bash von ’86 mit Extra-Spot auf Brix, die Kleine vom Roten Planeten, und die reizende, Ballettwäsche tragende Marcia Schofield, die dann sogar einen Song singen durfte!
Das ist das Verschlagene an The Fall: sie haben sich immer entwickelt – sie haben sich nie entwickelt. Nie haben sie irgendetwas gemacht, was nicht sofort als The Fall zu identifizieren gewesen wäre, und doch ist ihre Karriere bestimmt von Wechseln, Fortschreiten, ungewöhnlichen Schritten und Experimenten.
(M.E.S. über The Frenz Experiment)
„Von den Songs haben wir drei in einem Studio in Brixton aufgenommen, das ungefähr so groß war wie dieser Tisch hier. Dementsprechend rauh ist auch der Sound geworden, und das bildet einen guten Gegensatz zu den tracks, die in den Abbey Road Studios entstanden sind. (…) ‚Hit The North‘ war der Song, von dem ich am meisten besessen war, und wir haben lange daran gearbeitet.“
(„Victoria“, The Kinks)
„Warum ich das singen wollte? Nun, ich hatte eine Vorahnung. Heute ist sie eingetreten, und alle Zeitungen schreiben, dies und das sei wie im viktorianischen Zeitalter. (…) Aber ich muß schon lachen, wenn das heutige England als viktorianisch bezeichnet wird – in der viktorianischen Zeit war entschieden mehr los (…) 1850 – Mädchen von 19 Jahren schreiben über Alchemie, Vikare über Hexenkraft. Es werden vorsätzlich völlig nutzlose gothische Gebäude gebaut. Das war bestimmt interessanter als England heute.“
(Sonic Youth)
„Sie möchten gerne The Fall Anno ’84 sein. Sie sind immer zwei Jahre hinter uns.“
Heißt also, dies heute sind The Fall Anno ’86. (…) Die neue LP ist also in etwa das, was die letzte sagen wollte.
Nach „Hotel Bloedel“ kommt mit „Bremen Nacht“ die inspirierende Wirkung einer Deutschland-Tournee erneut zum Tragen. Dabei hieß es früher, du magst Deutschland nicht besonders.
„Das stimmt nicht. Hier gefällt es mir eigentlich am besten. Der Song handelt von den Geschehnissen bei unserem letzten Auftritt in Bremen, es war in einer Universität, niedrige Decken, ziemlich voll. Ich fühlte mich nicht besonders (…), und nach dem Konzert begann ich, mich sehr merkwürdig zu benehmen, als wäre ich nicht Herr meiner selbst. Ich bin im Hotel herumgelaufen, habe überall geklopft und gefragt ‚Ist Steve Hanley hier?‘ Und Brix schrie immerfort, ich solle ins Zimmer zurückkommen. Ich bekam Haßanfälle und fürchtete, es sei der Teufel in mir, obwohl ich wußte, das konnte nicht sein. Aber als ich mich ins Bett legte, hatte ich überall am Körper diese roten Stellen, als hätten sich Fingernägel in mich gebohrt. Mein Rücken hatte rote Flecken, wie verbrannt. Das hielt acht Stunden. Jeder hat mir danach gesagt, ich wäre nicht mehr als ich selbst zu erkennen gewesen. Es muß irgendein Geist gewesen sein. Vielleicht ist das Gebäude während des Kriegs bombardiert worden oder ähnliches. Während des Auftritts fühlte ich, wie etwas an meinem Bein zog, aber das Publikum war nicht in Reichweite.“
The Fall
… werden populärer, weil keiner, der sie kennt, sie je vergessen wird und immer mehr dazukommen werden. Woher diese unbändige Beharrlichkeit?
„Ich schreibe Texte und bringe sie zu der Musik, die mir gefällt. So ist meine Persönlichkeit. Ich habe es auch anders versucht, mit ‚Hey! Luciani‘ zum Beispiel. Wir werden mit Michael Clark, dem Tänzer, demnächst auch live auftreten. Die Holländer wollen im Juni ein neues Ballett aufführen, für Wilhelm von Oranien, 250 Jahre Protestantismus und so. Es wird zwei Bühnen geben, eine für die Tänzer, eine für die Band. (…) Michael ist ein echter Fall-Fan, ist aus dem königlichen Hofballett wegen Leimschnüffelns rausgeflogen und dergleichen.“
M.E.S., married man, carry bag man. Ein Freund fürs Leben.

5.3.1957 – 24.1.2018

14 replies on “Mark E. Smith, The Fall”
Der „Aljoscha“-Auszug fetzt! „Staubsaugen auf Kopfsteinpflaster“ – genialer Einfall, um The Fall-Klänge zu treffen. The Fall mochte ich in der Wendezeit eigentlich sehr. „Kurious Oranj“ lief damals oft im Parocktikum auf DT64. Aber beim Reinhör-Check im WOM und anderswo verloren sie dann stets gegen andere „berühmte Geheimtipps“. Also fehlen sie hier bis heute im Regal. Mir gefällt an ihnen, dass sie Pere Ubu dazu gebracht haben, melodiöser zu werden; wenigstens für die „Cloudland“ und Jahrzehnte später muss sich David Thomas für den Sound der „ST Arkansas“ darauf zurückbesonnen haben.
Aber es gibt so Bands im Laufe eines Lebens, die „überwindet“ man; die altern nicht gut, während Zeitgenossen ihrer großen Zeit interessant bleiben. New Model Army, Pixies, Pere Ubu – gehen heute immer noch. – Mit The Fall krieg ich das nicht mehr hin.
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Ich habe The Fall immer selektiv gehört, viele Alben besessen, viele verkauft, die Perlen behalten, daraus folgt: 2 CDs mit Zeugs, das niemals altert. (Trivial: was groß ist, kann nicht altern). Beileibe keine Lieblingsband von mir, aber da sich nun der Todestag von M. E. S. anschleicht, ergriff mich wieder der Respekt vor der Lebensleistung dieses schon sehr Einzigartigen. Die Zeit mit Brix mag ich besonders, obwohl es auch danach noch viele Killersongs gab (das Bass-Riff von Blindness ?! Blimey.) Er hätte Band-Mitstreiter sicher besser behandeln können („If it’s me and yer granny on bongos, it’s The Fall“), und zwischen ihm und dem Weg nach weiter oben stand natürlich auch die Tatsache, daß nicht unbedingt alle verstanden haben, wovon zum Teufel er redet. Oder wenn, war es halt – wtf? Man kann es ignorieren und nur dieses Fall-typisch gnadenlose Riff genießen, aber „Athlete Cured“ handelt von der mysteriösen Malaise eines DDR-Athleten, als deren Verursacher sein Bruder Gert bzw. dessen Autoauspuff ausfindig gemacht wird. Da ist der Massenappeal wegprogrammiert. Lovely, daß Du „das (der „Aljoscha“-Auszug) fetzt!“ gesagt hast. Das haben meine Cousinen und Cousins jenseits der Grenze („Schwanheide, hier Schwanheide!“) auch immer gesagt, „das fetzt!“ :)
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:-)
„Fetzt“ bzw. ,“Fetzt nich'“ hab ich irgendwie beibehalten in all der Zeit.
Ich fand demgegenüber kurios ,“von gestern“, dass sich in Teilen Westdeutschlands ,“dufte“ erhalten haben muss.
In den 90ern auf 3sat wurde ein altes Rory Gallagher-Konzert gesendet und als das Publikum rhythmisch mitklatschte, sagte der doch deutlich vernehmbar ins Mikro: ,,That’s dufte!“
Sachen gibts…
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Gut, daß er nicht sagte „That’s schnafte!“ :)
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The Fall waren mir lange Zeit gänzlich unbekannt, erst vor ein paar Jahren fiel ich zufällig über ein Video von The Fall – „I Am Damo Suzuki“. Doch ich schaute und hörte es nur, da mir Damo Suzuki schon lange von Can (die ich ja seeeeeeeeehr mag) bekannt war und ich Damos eigenartigem Gesang doch einiges abgewinnen konnte. Nun, ich war halt neugierig, was eben jener in dem Song von The Fall zu suchen, was es damit auf sich hatte.
Das besagte Fan-Video war sehr eigenartig gehalten:
und auch der Songtext sehr … nun ja … irre, abgefahren, aber irgendwie sprach es mich doch an, blieb der Song wie auch die Band hängen. ;-)
Steve Hanley: „Years later I met him [Damo Suzuki] in a club in Germany. He came up to me and said ‚I am Damo Suzuki‘. He was aware of the track. He seemed pleased enough.“ ;-))
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Die Steve Hanley-Anekdote ist sehr schön, danke! :) Damo Suzuki hat seine Autobiographie ja dann auch „I Am Damo Suzuki“ genannt. Und „I Am Damo Suzuki“ wiederum verbeugt sich vor „Oh Yeah“ von „Tago Mago“ – was für ein Album, und ja, was für eine Band.
„Spoon“ war der erste Song, den ich kannte von Can, fand ihn faszinierend und leicht unheimlich. „Mother Sky“ hat besondere Bedeutung, durch Skolimowskis „Deep End“, indes, in einer Phase meines Lebens, als ein paar Trümmer noch rauchten, gehörte „I Want More“ zu der Musik, die durch vom Himmel fallende Wolken führte. Eigentlich ja ein untypischer Song, anders hypnotisch als frühere Can-Songs, aber noch immer heilig für mich. Die surreale Schönheit von Can mit diesem Song in der „Plattenküche“ habe ich ja schon bewundert [ -> Huch, der Musikladen ], sie schafften es sogar bis ->Top of the Pops, wo dann Michael Karoli gar nicht da war und ein Lou Reed-Lookalike seinen Platz einnahm. Schöner Kommentar: „The fact that Can were ever on TOTP tells me that the universe has an unfathomable sense of humour which must be admired.“
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Ja, ich erinnere mich, über Skolimowskis „Deep End“ hast Du ja hier schon mal einen Beitrag geschrieben; Film und Musik ~ einfach fantastisch, ganz meins das ;-)
Musikladen, Top of the Pops … diese Sendungen kannte ich nicht in meiner Jugend, ich glaub‘, die liefen bei uns in Österreich gar nicht, da gab es nur so eine ähnliche mit Peter Rapp, „Spotlight“ hieß die. Ich schaute sie gerne, weil, na ja, ich kannte die Musik nur vom Plattenteller oder Radio und die dazugehörigen Gesichter der Bandmitglieder und jeweiligen Geschichten von den Bravos. War schon toll dann, die „Stars“ auch mal im TV performen zu sehen, denn Konzertbesuche … tja, die waren rar gesät (ich wohnte ja gaaaanz weit weg vom Schuss). ;-)
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6:42 mit Can und Szenen aus dem Film – so, Nachtgebet für zartgewebt. :)
„… einfach fantastisch, ganz meins das ;-)“
😊❤️🙏🏻
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;-smiling
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Ich habe noch einen alten Artikel über Can, der unter der Überschrift „Rockmusik und Magie“ die „beinahe schon gespenstische Übereinstimmung der Musiker bei der Improvisation“ anspricht: „Traumhafte Rauschklänge schienen direkt dem Unterbewußtsein zu entspringen, aber wie wurden sie zwischen den Spielern derart perfekt synchronisiert?“
„Als erste hat Vivien Goldman, Reporterin des englischen Magazin Sounds, diese unbekannten Dimensionen im Gruppenbild auszuloten versucht. Mit Mikrophon und Tonbandgerät versuchte sie Irmin Schmidt Ende 1975 in einem Londoner Hotel Anekdoten über außersinnliche Erfahrungen zu entlocken. Ihr Bericht ‚Tales of the Supernatural‘ ist am 6. Dezember 1975 in Sounds erschienen. Seine Pointe: Von dem Moment an, in dem das Interview konzentriert um Fragen des Okkulten kreiste, waren Irmins Antworten nicht mehr auf dem Band. Auf die deutlich verständlichen Fragen folgten von Irmins Seite nur verzerrte Stör- und Blubbergeräusche, dann gar nichts mehr.“
„Immer wieder hatte er gegenüber der Reporterin betont: ‚It is not good to talk about these things if you cannot control them.‘ (Zitat aus Sounds). Soll heißen: Wecke keine Dämonen, die du nicht wieder bannen kannst. Irmin später, mit eigentümlichem Doppelsinn: ‚Es ist immer gefährlich, die Geister zu verwirren.'“
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Wo er recht hat, da hat er recht, der Irmin. ;-)
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„Unerklärliches aber geschieht immer wieder im Umkreis der CAN, über das die Musiker nur zögernd und mit aller Vorsicht zu sprechen bereit sind. Da war beispielsweise die Sache mit der Studiouhr im Februar 1974 bei der Aufzeichnung zur englischen TV-Sendung ‚Old Grey Whistle Test‘. Nach dem Startzeichen und dem Beginn des Stücks stellte Jaki fest, daß mit seinem Schlagzeug irgend etwas nicht stimmte. Er brach die Aufnahme ab, und im gleichen Augenblick blieb der Sekundenzeiger der Uhr stehen. Minuten später gab der Drummer das Signal ‚Fertig!‘, und der Zeiger begann wieder zu laufen. Keiner der Musiker hatte es wahrgenommen, aber die ganze Szene war mit vier Videokameras gefilmt worden und also nachprüfbar. Ein Kameramann kreidebleich: ‚An euch ist wirklich etwas komisch.'“
So oder so, Irmin Schmidt sagte über Liebezeit: „Jaki kann mit der Trommel zaubern.“ :)
Holger Czukay, Jaki Liebezeit und Michael Karoli haben ja auch mit Jah Wobble zusammengearbeitet, der als Bassist von Public Image Ltd. in Erscheinung trat, später dann Becoming More Like God anvisierte, aber sehr quirky. Jah Wobble spielt Basslinien, auf denen man durch alle Himmelskreise gleiten kann. Wunderschön mit Sinéad O’Connor: Visions Of You.
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Von The Fall über Can zu dem überirdisch schönen „Visions Of You“ von Jah Wobble’s Invaders of the Heart. ;-*
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Is‘ doch so. :)
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