
And if we want to see a war criminal all we have to do is look in the mirror.
That’s the problem with a lot of things these days. Everything is too full now; we are spoon-fed everything. All songs are about one thing and one thing specifically, there is no shading, no nuance, no mystery. Perhaps this is why music is not a place where people put their dreams at the moment; dreams suffocate in these airless environs.
And it’s not just songs – movies, television shows, even clothing and food, everything is niche marketed and overly fussed with. There isn’t an item on the menu that doesn’t have half a dozen adjectives in front of it, all chosen to hit you in your sociopolitical-humanitarian-snobby-foodie consumer spot.
(Lyrics & Music): Some would call that marriage chemistry, but chemistry seems too based in science and therefore replicable. What happens with words and music is more akin to alchemy, chemistry’s wilder, less disciplined precursor, full of experimentation and fraught with failure, with its doomed attempts to turn base metals into gold. People can keep trying to turn music into a science, but in science one and one will always be two. Music, like all art, including the art of romance, tells us time and again that one plus one, in the best circumstances, equals three.
Is this really the street where she lives? It has to be her street because the birds are singing here, and there couldn’t be birds singing on any other street.
People will tell you they don’t watch old movies for a bunch of reasons – because they are in black and white or maybe there’s a two-minute sequence that changing times have rendered politically incorrect. These people lack imagination and are fine throwing out the baby with the bathwater.
A man with lightning in his pocket doesn’t ever brag. He walks out onstage, cocks his head to better hear the band, stands in front of the audience and sings… and the people in front of him are transformed.
Country music finds itself in the church on Sunday morning because it spent Saturday night in a back-alley knife fight and trying to convince the barmaid to hike her skirt up around her hips.
You’ve got to move across the threshold but be careful. You might have to put up a fight, and you don’t want to get into it already defeated.
Art is a disagreement.
(Bob Dylan, The Philosophy of Modern Song, Simon & Schuster 2022, p. 215, 165, 275, 132, 314, 13, 82, 16, 35)

Kommentarsektion Antirationalistischer Block
05.03.2015
ray05:
Shadow In The Night zieht auch die Grenze zwischen Heiligem und Profanem.
Ich glaub, ich bin jetzt soweit: noch ein paar Dylanplatten die nächsten Jahre und ich bin’s zufrieden. :)
Christian Erdmann:
Sowas wie Weltordnung entsteht erst mit Bob Dylan. War doch schon unsere Behauptung, seit irgendwer irgendwem Briseis raubte. :)
ray05:
Wiederholung schad’t nix. :)
Christian Erdmann:
Für Dylan selbst sind diese Songs ja tatsächlich sowas wie heiliger Raum, den man ehrfürchtig betritt. „This music is almost sacred to him“ – Robert Love, der Editor vom AARP Magazine, dem Dylan dieses exklusive Interview gewährte. Und Daniel Lanois: „He felt there was a kind of beauty, a sacred ground for him.“ Dylan selbst meinte, diese Songs zu beschädigen, wäre ein Sakrileg gewesen. Überflüssig zu sagen, wie großartig ich das „The Night We Called It A Day“-Video finde. Das ist jetzt doch noch sein Durchbruch als Schauspieler, oder? :)
17.10.2016
ray05:
Dylans Jahrestourneen enden ja seit Jahrzehnten immer ziemlich genau Ende November. Die Preisvergabe ist am 10. Dezember. Er hat also ein paar Tage Zeit, sich frischzumachen, bevor er den Pokal in Stockholm stemmt. :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
:) – And what do you think, Dankesrede aus sieben kryptischen Worten oder macht er die Bundeslade auf und holt noch ein paar Gesetzestafeln raus?
Btw, heute abend Swans. Falls ich beim heidnischen Ritual draufgeh, sag allen, es war alles gut und richtig so. :)
28.12.2016
ray05:
Fand Patti Smith in Stockholm ziemlich bewegend. So schmerzlich hochoffiziös ist Hard Rain wohl noch nie dargebracht worden, kein Wunder, dass die gute Patti da ins Schlingern kam; ich mein, wer da nicht ins Schlingern kommt, der frisst Nägel zum Frühstück. Musste aber auch sofort an Lennons Juwelenrassel-Spruch denken. Unwirklich (oder mindestens befremdlich) ist es schon, wenn ausgerechnet Hard Rain vor so einem saturierten Publikum zur Aufführung kommt – mit Streichern freilich. Plötzlich war mir dann auch klar, warum Dylan da kniff, er wusste einfach, dass das nicht so wirklich der Rahmen ist, in dem er einen Lachanfall sicher vermeiden kann. Sagen wir wie’s ist: mit Kings & Queens und höfischem Trara hat unser Schutzheiliger nix zu schaffen, sowas liegt ihm fern, naturgemäß fern, wie Thomas Bernhard gesagt hätte. – Nun, war wohl Regiezufall, aber Königin Silvia, die für sich allein schon aussah wie ein Prunkfestzelt, und ihr Dings kamen genau in dem Moment groß ins Bild, als Patti die Zeilen sang: I met a young girl, she gave me a rainbow | I met one man who was wounded in love. Aber wichtiger: ihren ersten Schlingerer/Verwechsler hatte Patti, als sie zusteuerte auf: I saw ten thousand talkers whose tongues were all broken, den zweiten bei: Heard ten thousand whisperin‘ and nobody listenin‘. Hab Fehlleistungen anderer selten so gut nachvollziehen können wie Pattis in dieser speziellen Situation.
29.12.2016
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Grundgütiger, ja, verdammt, danke für Deine feine Beobachtung. Naturgemäß fern, und „Day Of The Locusts“ auf „New Morning“ erklärt schon 1970 recht ausführlich, daß Dylan sehr wahrscheinlich nicht in Stockholm aufkreuzen würde. Der Song handelt ja von dem Tag, an dem die Princeton University ihm die Ehrendoktorwürde verlieh: „There was little to say, there was no conversation […] I glanced into the chamber where the judges were talking / Darkness was everywhere, it smelled like a tomb […] Sure was glad to get out of there alive“. Musik für ihn dagegen die sweet melody der Heuschrecken, die an jenem Tag den Campus heimsuchten.
Im Adventskalender schrieb ich, daß ich Patti „überwältigt von der Bedeutung des Augenblicks und der Größe dieses Songs“ sah, ich dachte an die junge Patti im Keith Richards-T-Shirt, sie, die immer eine so hingebungsvolle Verehrerin war, die ihre Helden in der Musik wie in der Literatur (Rimbaud über allen) gleichermaßen liebte, die selbst nun einen so langen Weg hinter sich hat und selbst so unendlich viel getan hat für poetry in music, und nun ist Bob Dylan schon seit so langer Zeit ihr Freund, und Rimbaud wäre auch ihr Freund gewesen, hätten sie sich nicht knapp verpaßt, und jetzt kam plötzlich alles zusammen, die Welt in Gestalt des Nobelpreiskomitees gibt mit dieser Verleihung Brief und Siegel darauf, daß in einem Song große Literatur entsteht. Auch wenn sie selbst und alle, die es angeht, das schon längst wissen.
Und dann singt sie diesen Song, und Zeile für Zeile brennt wie Feuer, diese Zeilen, die ein 21jähriger 1962 schrieb, diese sprachlos machende Beschreibung des Hier und Jetzt, und dann erscheint auch noch dieser Tag vor ihrem geistigen Auge, als ihre Mom sagte „He looked like someone you’d like“ und ihr diese Platte mitbrachte… und wahrscheinlich dachte sie auch noch an Fred, der Dylan und diesen Song liebte. Daß sie bei alldem ins Schlingern kam, ist vielleicht sogar das Angemessenste, was passieren konnte. So dachte ich. Was Du beobachtet hast, macht die Sache noch größer, weil wir eben nicht Geistesabwesenheit sahen, sondern höchste unbewußte Geistesgegenwart. Ihr Vortrag ist einfach beautiful, mehr als das, sie steht da wie die Seele des Universums.
Weißt Du noch, Allen Ginsberg in „No Direction Home“? „And I heard ‚Hard Rain‘, I think. And wept.“
21.01.2017
ray05:
Verspätete Anknüpfung, aber ich hörte seitdem immer wieder Blood On The Tracks und Desire (ich weiß, Du schriebst oft darüber). Und ließ das Sinatra-Album reinregnen. Es passt schon alles beängstigend wunderbar zusammen. Läuft zu und zurück auf Masked and Anonymous als Gesamtwelt der Lebenden und Toten als Ableger von Zeugnis. Gäbe es überhaupt eine irgendwie intelligible Welt als Vorstellung ohne Dylan? Gruß, Ray. :)
23.01.2017
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Nix gäb’s. :)
„Blood On The Tracks“ und „Desire“… und „Street-Legal“. Hab nie verstanden, warum „Street-Legal“ so kritisiert wurde, kann die 3 ohnehin nicht voneinander trennen, sehe die als Trilogie. Waren mein Eingang zu Dylan, und auf dem Portal stand, was Deinen letzten Ornette Coleman-Artikel beschließt: This is as serious as your life. Auf „Tangled Up In Blue“ fing er damit an – Raum und Zeit zu mischen wie Spielkarten. Keine Ahnung, warum vielen bei Dylan immer noch als erstes „Protestsänger“ einfällt – The Empress, die Tarotkarte auf dem „Desire“-Cover. Für mich bei Dylan der eigentliche Konvergenzpunkt – die Herrscherin.
Isis eigentlich, klassisch: The High Priestess. „Isis“, all time Dylan favourite #1… most of the time. Diese surreale Odyssee, „a song about marriage“ – seine Diktion auf „Isis“ ist so zum Fürchten großartig und geladen, wie er light singt in „I came to a high place of darkness and light“, und, vor allem, sein „yes“ in „She said ‚You gonna stay?‘ I said ‚If you want me to, yes'“. Sara angeblich im Studio an dem Tag, als sie „Isis“ aufnahmen. „Right away that first version of ‚Isis‘ was a take.“ Mit Musikern, die sofort Prägnanz liefern und verlebendigen, ohne daß Dylan sie mit dem Song vertraut gemacht hätte. Auch bei den anderen Songs von „Desire“, fast alle in einer einzigen Nacht eingespielt, Howie Wyeth: „Even in ‚Joey‘ there was a place where I thought the song was ending and I drop out for a second and it wasn’t the end but it worked great.“ Stoner zu Wyeth: „Don’t ask him anything. Just play.“
Magnetische, magische Anziehungskraft, die Macht des Daß-sie-SIE-ist, die noch wirkt, wenn du die in Eis eingeschlossenen Pyramiden erreicht hast, mit Satan, oder irgendeinem B-Movie-Banditen, oder dem Rastlosen in dir. Die Schatullen, die Sargtruhen sind immer leer. Die wahren Reichtümer hegt nur SIE, the mystical child. Erkennen, was man zurückgelassen hat, und zurück sein am Vierten. Vielleicht suchte der stranger nur jemanden, der ihn begräbt. „Isis“ hat, musikalisch, diese simple Struktur, die sich immer wiederholt; it’s a circle, die Hochzeit wird sich wiederholen und Isis weiß es. Würdig sein für die Frau, die man verehrt.
Über „Blonde on Blonde“ sagte Dylan mal: „It’s that thin, that wild mercury sound. It’s metallic and bright gold, with whatever that conjures up.“ „Street-Legal“ ist auch metallisch, für mich aber nicht bright gold, sondern kupferrot, wie das lange Haar, das diese Songs beschwören. Quite like Sara in some scenes, in „Renaldo & Clara“. Wie der Film gehört natürlich auch „Hard Rain“ zu dieser Dylan-Epoche, mit dieser dämonischen Fassung von „Shelter From The Storm“. Unmittelbar vor dem Auftritt eine Begegnung mit Sara, die den letzten Boden wegzieht. Rob Stoner: „Everybody’s soaked, the canopy’s leaking, the musicians are getting shocks from the water on the stage. The instruments are going out of tune because of the humidity. So everybody is playing and singing for their lives and that is the spirit that you hear on the record.“ Diese Feuerspuckversion von „Shelter From The Storm“, der Aufruhr, in seiner Stimme, der elektrifizierte Sturm seiner weißen Gitarre, alles setzt das Universum in Brand.
Und dann, nach der Scheidung, Dylan auf seiner Farm in Laredo, Minnesota, wo er Songs für „Street-Legal“ schreibt. Elvis stirbt. „I went over my whole life. I went over my whole childhood. I didn’t talk to anyone for a week after Elvis died.“ Der legendär schlechte Mix, schmutziges Breitwandformat, wie ein großartiger Film auf einer schäbigen Hinterzimmerleinwand, paßt für mich, auch die Backgroundsängerinnen müssen genau so klingen in diesem Ambiente, damsels in distress, die heroisch versuchen, Dylans Worten und seiner Phrasierung zu folgen und die mysteriöse Intensität damit einfach noch steigern, unwiderstehlich. „Señor“ und „Where Are You Tonight“ sowieso zwei seiner besten Songs.
Weiß nicht, was es gäbe ohne Dylan. :) Abgesehen von seiner Bedeutung im „Wie man wird, was man ist“ – well, wie Sam Shepard sagt: er taucht das Land um uns herum in eine mythische Atmosphäre. Und das ist nicht Eskapismus, or anything. Die Realität so zu sehen, wie der „Realist“ sie sieht, das ist Eskapismus. :)
One thing that gets me about Dylan’s songs is how they conjure up images, whole scenes that are being played out in full color as you listen. He’s an instant filmmaker. Probably not the same scenes occur in the same way to everyone listening to the same song, but I’d like to know if anyone sees the same small, rainy, green park and the same bench and the same yellow light and the same pair of people as I do all coming from „A Simple Twist of Fate“.
Myth is a powerful medium because it talks to the emotions and not the head. It moves us into an area of mystery. Some myths are poisonous to believe in, but others have the capacity for changing something inside us, even if it’s only for a minute or two. Dylan creates a mythic atmosphere out of the land around us. The land we walk on every day and never see until someone shows it to us.
Dylan has invented himself. He’s made himself up from scratch. That is, from the things he had around him and inside him. Dylan is an invention of his own mind. The point isn’t to figure him out but to take him in. He gets into you anyway, so why not just take him in?
He moves into mysticism at the drop of an E-minor chord. Because his very identity is a mystery, he pushes the question of „who“ he is into „what“ he is. What is this strange, haunted environment he creates on stage, on record, on film, on everything he touches? What world is he drawing from and drawing us all into as a result? It’s right there in front of us, but no one can touch it.
(Sam Shepard, Rolling Thunder Logbook, Penguin Books 1978, p. 53, 62, 100, 146)
One reply on “Bob Dylan – Zurück am Vierten”
Auch wenn mir Ian Hunter und Waylon Jennings oder John Prine ja lieber sind, was das Songwriting betrifft, was für die Russen Puschkin und für uns Goethe ist, das ist für die Amis schon durchaus der Dylan, das ist schon klar.
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