Geschrieben von Phil Spector, Jeff Barry und Ellie Greenwich. Produzent Phil Spector, Arrangeur Jack Nitzsche.
Phil Spector zahlt Ike Turner 20.000 Dollar dafür, daß er sich vom Aufnahmestudio fernhält.
21 Musiker, 21 background vocalists.
Spector betrachtete diesen Song als sein Meisterwerk. Es heißt, daß Spectors Genie in den Wahnsinn zu driften beginnt, als „River Deep – Mountain High“ nur # 88 in den Billboard Charts erreicht. Als er diesen Song konstruiert, befindet er sich jedenfalls auf der richtigen Seite des Wahnsinns. Spectors Wall of Sound erreicht hier biblische Ausmaße, und am Abend des 7. März 1966 wird Tina Turner in den Gold Star Studios von Los Angeles für immer zum einzigen menschlichen Wesen, das dieser Macht entgegentreten und die Stirn bieten kann. Bis dahin hat Spector sie an diesem Tag schon -zigmal im Zentrum des Orkans stehen lassen:
„I must have sung that 500.000 times. I was drenched with sweat. I had to take my shirt off and stand there in my bra to sing.“
Es dauert mehrere Minuten, bis alle im Studio begreifen, was sie gerade gesehen, gehört und aufgenommen haben.
Vgl. Beethovens Neunte und die Tränen von Jesus.
Celine Dions Version: vgl. Großmutters alte Kajine.
#fuckyeahtheikettes: Ike & Tina Turner & die Ikettes mit einer riot-Version, die am 21. Februar 1971 im Beat-Club das Haus abbrennt. Jederzeit kurz vorm Auseinanderfallen, Aus-der-Kurve-Schlittern und Durchbritzeln, diese Version, und trotzdem schiere Perfektion. Hintenübergefallen 500.000 times beim Schuß auf die Snare und dem move der Ikettes @1:12. Ikettes von links nach rechts: Esther Jones, Vera Hamilton, Jean Brown. fuckyeahjeanbrown. Angriff der Killer-Maracas.
Gerade sah ich ein Plakat für den Workshop: „Eine Heimat im Körper finden“. Fast hätte ich darunterschreiben wollen: Ja, aber in welchem? Huah. Mein ewiger Favorit unter den saublöden, jedoch unvergeßlichen Honk-Schmierereien: Plakat für „Begegnung mit Goethe“, ergänzt mit ziselierter Kuli-Schrift: „und seinem Diddel“. Stattdessen empfehle ich „Manon Lescaut“ von Abbé Prévost. Ein Standardwerk, eine Bibel geradezu für den Communication Breakdown zwischen Hirn und Herz. L’amour fou zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Nicht Ratio, nicht Theologie vermögen hier etwas gegen die wilde Leidenschaft, die einem bezaubernden Mädchen gilt, das sich doch immer wieder entzieht, und die nachgeschobenen Erklärungen des Prévost bleiben so wirkungslos wie das Ende des Romans wirkungsvoll, in dem nämlich der vermeintliche Sieg der Tugend mit dem Tode bestraft wird.
„Wer nicht wie Des Grieux liebt, das heißt gegebenenfalls bis zum Verbrechen, bis zur Schande, kann nicht sagen, daß er liebe.“ (Dumas, Sohn). So ist das: wahrhaft Liebende sind Renegaten, Abtrünnige, Ketzer. All das durchzieht diesen Roman, und man nimmt hin und leidet mit Des Grieux daran, daß und wie Manon immer wieder entgleitet in die Lust an Luxus und Annehmlichkeit. Er sieht sein Unglück voraus, es kümmert ihn nicht, er weiß um die Unbedingtheit, mit der sie beide ihrem Schicksal verfallen sind, er will das Geheimnis dieser Frau, den Zauber, und wir wollen es mit ihm: welche Kunst Prévosts, daß Manon nicht eine Sekunde lang unsere Zuneigung verliert. Jeder, der dabei „Hinfort, Schlampe“ denkt, kriegt von Dumas, Sohn eins auf den Kopf.
ray05:
„Wer nicht wie Des Grieux liebt, das heißt gegebenenfalls bis zum Verbrechen, bis zur Schande, kann nicht sagen, daß er liebe.“ (Dumas, Sohn).
Schönes Thema. Die romantische Liebe, Unterkategorie l’amour fou. Halten Sie eine derartige menschliche Verfasstheit in unserer Epoche noch für vermittel- oder verstehbar? Ich kenne Paare, die heiraten nach acht oder zwölf Jahren gegenseitigen Vergewisserns und Prüfens, nur um schließlich festzustellen, dass sie „eigentlich unabhängig sein wollten.“
So ist das: wahrhaft Liebende sind Renegaten, Abtrünnige, Ketzer.
Aber nein, Herr Erdmann. Sind wahrhaft Liebende nicht eher Idioten?
Er sieht sein Unglück voraus, es kümmert ihn nicht, er weiß um die Unbedingtheit, mit der sie beide ihrem Schicksal verfallen sind, …
Yep, so ist das im Eheleben. Es geht rauf und runter. Schlimmer ist nur ohne einander. :)
Christian Erdmann:
Schönes Thema. Die romantische Liebe, Unterkategorie l’amour fou. Halten Sie eine derartige menschliche Verfasstheit in unserer Epoche noch für vermittel- oder verstehbar?
Prévost ist mir mehr Zeitgenosse als viele meiner Zeitgenossen, soviel kann ich sagen. Ich sehe einfach keinen großen Unterschied zwischen „Manon Lescaut“ und einem Song wie „Something I Can Never Have“ von Nine Inch Nails. Ich sehe dazwischen keinen Bruch, der bedeuten würde, das eine ist veraltet, das andere zeitgemäß. Ich verstehe Ihren Punkt, aber ich ignoriere ihn. Ich bestehe darauf, daß man das Unendliche durchquert, wenn man mit einer anderen Seele in Berührung kommt. „Die Lust an der perfekten Krankheit, Liebeskrankheit, schweigt vor dem Rettenden mit schauriger Verstocktheit und bedeutet der Erlösung verheißenden Arznei: DU wirst zugrunde gehen an MIR.“
Aber nein, Herr Erdmann. Sind wahrhaft Liebende nicht eher Idioten?
Jedenfalls ist Idiotentum männliche conditio, um in eine solche Liebe einzutreten. Exzessives Verlangen nach Hingabe an etwas Größeres als ein Gespräch unter Männern muß schon sein. :)
ray05:
Jedenfalls ist Idiotentum männliche conditio, um in eine solche Liebe einzutreten. Exzessives Verlangen nach Hingabe an etwas Größeres als ein Gespräch unter Männern muß schon sein. :)
Mynheer Peeperkorn: Der Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. … Gott schuf ihn, um durch ihn zu fühlen. Der Mensch ist nichts als das Organ, durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und berauschten Leben vollzieht. Versagt er im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, … eine kosmische Katastrophe, …
Es lohnt sich unbedingt, den „Zauberberg“ mal wieder zu lesen um dort die alten Freunde zu treffen: Castorp, Naphta, Peeperkorn, Settembrini, Clawdia Chauchat, Hofrat Behrens… Ein ewiger Quell, das Buch.
KLMO:
„Wer nicht wie Des Grieux liebt…“ – Warum immer alles so exzessiv, was schon pathologische Züge annimmt?! Kann mich vage an eine Novelle von Maupassant erinnern, schon in der Jugendzeit gelesen. Dass ich mich an diese Novelle noch erinnere, liegt wohl daran, dass sie mich damals sehr berührt hat.
Ein französischer Offizier sieht bei einer Parade in Paris eine junge Adlige und beide verlieben sich. Der Franzose nennt dies „coup de foudre“. Da eine eheliche Verbindung vom Stand her nicht möglich ist, brennen beide durch. Keiner weiß trotz intensiver Suche, wo sie sich aufhalten, sie bleiben für immer verschwunden.
Da dieser Fall in der Öffentlichkeit auch emotionalen Widerhall fand, erinnerte sich ein Mann an diesen Fall noch nach Jahrzehnten, als er einem Mann und einer Frau in sehr bescheidenen Verhältnissen in einer wilden Bergwelt von Korsika begegnet. Die Leidenschaft zwischen den beiden ist schon lange erloschen, aber sie leben beide in Eintracht und innerer Verbundenheit, trotz ihres aufgezwungenen bescheidenen Daseins.
Das ist grob das Gegenstück zu Manon Lescaut.
Bei beiden ist Leidenschaft im Spiel. Nur sind die Wege grundverschieden. Da das Exzessive, begleitet von einem destruktiven Charakter und auf der anderen Seite eine Liebe, die sich trägt.
Christian Erdmann:
Warum immer alles so exzessiv, was schon pathologische Züge annimmt?!
Exzess kommt von excedere, was nur „heraustreten“, „über etwas hinausgehen“ bedeutet. Und zwar aus sich selbst. SIE ist der Permanentmagnet der Transformation, SIE verlangt den Sprung über die Selbstsucht hinaus, SIE geleitet dich ins Mehr-als-ich. Liebe schlürft dich aus der Schale des Dir-Innewohnens, darum geht es. Erst, wenn ein Egoismus dem Ego des geliebten Wesens gilt, ist die „Liebe, die sich trägt“, das lange gemeinsame Werk überhaupt möglich. „Alles andere ist Dreck“, wie es irgendwo bei RD Brinkmann heißt. Soweit ist „Exzess“ gemeint, diese Bedingungslosigkeit des Verlangens, aus zwei Wesen EIN Wesen mit zwei unabhängig operierenden Zentren zu machen.
ray05:
SIE geleitet dich ins Mehr-als-ich. Liebe schlürft dich aus der Schale des Dir-Innewohnens, darum geht es.
Ja, es geht um Heimat und Gerettetwerden, da braucht man sich nix vorzumachen.
KLMO:
Ich antworte Ihnen mal etwas provokatorisch mit Ortega y Gasset: „Die echte Liebe ist nichts anderes als das Bestreben, zwei Einsamkeiten miteinander zu vertauschen.“ Ergo, und hier wiederhole ich die Worte eines Priors, „im tiefsten Herzen bleiben und sind Sie immer allein“.
Ich und Du lassen sich nicht verschmelzen in EIN Wesen, es ist und bleibt eine „schöne Illusion“. Ausnahme der biologische Akt als ein Momentum (nur so ist der Spruch zu verstehen: Alle Lebewesen sind nach dem Koitus traurig).
Exzessiv sein ist der Versuch, aus dem Kerker des Ich zu entfliehen. Psychiater wissen zu berichten, dass dies auf die Dauer ein sinnloses Unterfangen ist. Wer es trotzdem nicht einsehen will, ist in der Regel deren Patient.
Christian Erdmann:
„Wir verlangen nicht nach einer Sache, weil wir sie zuvor gesehen haben, sondern umgekehrt: weil wir schon vorher im tiefsten diese Art von Dingen vorgezogen haben, gehen wir mit unseren Sinnen in der Welt nach ihnen auf die Suche.“ – Auch Ortega y Gasset. Und das geht in die Richtung: „Unbewußtes erkennt Unbewußtes irrtumslos“. Wissen, daß man, bevor man auch nur ein Wort mit ihm gewechselt hat, zugleich alles von diesem Menschen weiß und nichts.
Von „romantischer“ Liebe habe ich übrigens nie gesprochen, den Begriff hat ray eingeführt. Von Exzessivität „auf Dauer“ auch nicht. Aber der Wille dazu, die Ichgrenzen zu überschreiten, muß beibehalten werden, sonst geht Liebe schlicht den Bach runter, sonst schleicht sich jene Nachlässigkeit ein, durch die am Ende nichts mehr bleibt als die Behauptung von Liebe. Liebe ist ein Werk, das nie fertig ist. Ich habe nie einen klügeren Satz über die Liebe gehört: Liebe ist das, was zwischen zwei Menschen geschieht, die sich lieben.
„Immer allein“, hm. Ich kann innerhalb einer Minute das Gefühl vollständigen Alleinseins und vollständigen Aufgehobenseins erleben, und daran ist nichts Pathologisches. Verschmelzung auf Koitus zu reduzieren wäre genauso exzessiv einseitig wie: nach dem Koitus ist vor dem Koitus (für Cramps-Liebhaber Freimann: „Lured by beauty, destroyed by sex“ – you know).
ray05:
„Wir verlangen nicht nach einer Sache, weil wir sie zuvor gesehen haben, sondern umgekehrt: weil wir schon vorher im tiefsten diese Art von Dingen vorgezogen haben, gehen wir mit unseren Sinnen in der Welt nach ihnen auf die Suche.“
Klassisch romantische Vorstellung von der Sinnsuche. Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen macht sich auf die Suche nach der Blauen Blume, von der ihm ein Fremder erzählte.
Wissen, daß man, bevor man auch nur ein Wort mit ihm gewechselt hat, zugleich alles von diesem Menschen weiß und nichts.
Dem Rationalisten und Aufklärer käme dieses Wissen fraglos dubios vor. Für den Romantiker dagegen ist dieses erste eine Wort von zentraler Bedeutung: „Die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.“
Liebe ist ein Werk, das nie fertig ist.
Der Weg ist das Ziel. Wie geschaffen für den Subjektivismus des frei navigierenden romantischen Genies.
Christian Erdmann:
Klassisch romantische Vorstellung von der Sinnsuche. Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen macht sich auf die Suche nach der Blauen Blume, von der ihm ein Fremder erzählte.
Und Novalis selbst: versucht die „unsichtbare Welt“, an deren Existenz er mit Gewißheit glaubt, wegen der fortbestehenden inneren Verbindung mit der verstorbenen Braut, mit exakter Wissenschaft anzugehen. Großartiger Ansatz! Man nennt sich nicht umsonst Novalis, Neulandbesteller. Es entsteht eine Enzyklopädie aus wissenschaftlich exakter Verworrenheit, eine Physik der Erotik (mehr im Sinne Platons als im Sinne der Cramps), eine Vermessung des Kosmos, der durch die qualitative Potenzierung entsteht, als die Novalis eine romantisierte Welt versteht. Es entsteht ein Brouillon von Analogiebildungen, weil er das Muster sucht, nach dem alles geschieht. Der magische Idealismus: daran glauben, daß dieses Muster existiert, zugleich aber ständig von der Erotik unseres Strebens verändert wird. So wird Bestimmung „gemacht“.
Friedrich Schlegel: „Hardenberg ist dran, die Religion und die Physik durcheinander zu kneten. Das wird ein interessantes Rührei werden!“ Schlegel übersah aber womöglich, daß für Novalis Religion vor allem eins bedeutete: zu Sophie, hatte er gesagt, habe er „Religion, nicht Liebe“.
Dem Rationalisten und Aufklärer käme dieses Wissen fraglos dubios vor. Für den Romantiker dagegen ist dieses erste eine Wort von zentraler Bedeutung: „Die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.“
Der Moment, in dem die Korridore, die wir in unseren Marienbads durchwandern, sich treffen. Man kann wählen, ob der Korridor die Richtung vorgibt, oder ob man die Korridore in Richtungen zu bringen weiß. Das ist das Aufregende an Marienbad: auf die Art der Bewegung kommt es an.
ray05:
Marienbad also. Als Sie mir behende davoneilten, dachte ich mir: Na, vorne an der Weggabelung hole ich ihn wieder ein. Doch außer Wladimir und Estragon und dem Kratzfuß, der einen Wegweiser halb verdeckte, war dort niemand zu sehen. Bergauf ging’s nach „Sil“, bergab nach „enbad“, las ich an der Kratzfußgestalt vorbei.
Also fragte ich: Welchen Weg hat er genommen?
Da runter, antwortete Kratzfuß und deutete Richtung Flachland. Auf halber Strecke findest du einen leeren Benzinkanister, dann kommst du an einem brennendem Haus vorbei. Wenn er versucht, den Hund zu retten, holst du ihn noch ein.
Ich entschied mich für die entgegengesetzte Richtung. Wie du willst, meinte Kratzfuß, der schon damit begonnen hatte, den Wegweiser abzubauen. Auf halber Strecke, kurz bevor es steil bergauf geht, siehst du einen Moccatrinker. Beachte ihn nicht und halte stattdessen weiter oben Ausschau nach dem Wanderer und dem Skifahrer. Gute Reise. Nach ein paar Schritten hörte ich Estragon in meinem Rücken rufen: Sie sind also auch nicht Godot? Ich sah mich um. Kratzfuß hatte die Wegweiser jetzt sorgfältig verpackt.
Christian Erdmann:
WELL I STAND UP NEXT TO A MOUNTAIN AND I CHOP IT DOWN WITH THE EDGE OF MY HAND!
An der Weggabelung werden für gewöhnlich schwarze Küken hochgeworfen, das haben Sie vergessen. Aber sehr schön vergessen.
Von den Kurtisanen am Kreuzweg spricht Flaubert in der „Versuchung des heiligen Antonius“.
Beeindruckend: die frühe Erzählung „November“, sozusagen Flauberts „Werther“, halb verschmäht, halb vom Autor geliebt wie keine andere, erst posthum veröffentlicht, eine Geschichte, von der Flaubert selbst mal seiner Louise schrieb: wenn du bei „November“ gut zugehört hast, mußt du tausend unsagbare Dinge erraten haben, die dir erklären, was ich bin. – Die Prostituierte als „ideale“ Verkörperung des Unerreichbaren, Marie als Verkörperung des ewig Ersehnten, das sich, o urfranzösisches Ideal, selbst nach etwas sehnt. Nichts für die Nüchternen. Einfach eine Reise durch den Hexenkessel der erotischen Phantasmen zwischen Traum und Realität, wofür der junge Flaubert eine Sprache ziseliert, deren Schönheit ihn zugleich als Psychologen auf Zickzackkurs ausweist, das Abnorme, das es nicht „wie alle Welt machen“ will, hüllt sich ins Negligé preziöser Erhabenheit und endet doch im: „Ich habe sie nie wiedergesehen.“
Aber wie auf Marcuses Grabstein steht: „Weitermachen“.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, August 2008]
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
08.04.2012
ray05:
Hab November damals gelesen. Es war doch Flaubert, der sagte: Ich bin ein Mystiker und ich glaube an nichts. Oder? Kann auch Cioran gewesen sein, oder beide. Seltsam hier zu lesen, dass ich Sie irgendwann mal siezte. :)
09.04.2012
Christian Erdmann:
Keine Ahnung, ob Cioran den Satz nur als Flaubert-Satz ausgibt, aber er gefällt mir außerordentlich.
Schön, das zu erfahren (November). Als ich so Mitte 20 war, führte ich zwischen den Pastelltönen der insel taschenbuch-Umschläge eine Existenz, die ich nur zum Luftholen unterbrach, Kameliendame, Manon Lescaut, Niels Lyhne, November, Lucinde, Hyperion, whatnot, Zeug, das mir auch beibrachte, kreuzbrav vor dem mit erhobenem Zeigefinger dastehenden Realitätsprinzip zu erscheinen, während im Verborgenen dieses Wesen namens Aljoscha entstand. :)
„I was, for a very long time, passionately in love with her… as I’m sure she’s guessed. Every male in the world and a number of females also were. And we all still are.“ – David Bowie 1997
JOURS DE FRANCE No. 553, 19 Juin 1965, 2003 in Paris erworben.
Traum 25.07.2000: Mit Jean Cocteau geplaudert und ihn auf seine Zeichnung von Strawinsky angesprochen – die ganze Nacht plaudern wir mit aller Welt, immer wieder wache ich auf und denke, ich muß es aufschreiben, but I don’t. „Wir“ sind Francoise Hardy und ich.
SPIEGEL ONLINE Forum
05.09.2006
Christian Erdmann:
Ich habe ihre Aufnahmen aus den frühen 60ern vor einiger Zeit für mich entdeckt, oder besser, mich in sie verliebt, und mir bei einem der Bouquinistes an der Seine ein paar Original-Singles gekauft, obwohl ich dafür immer eigens den Plattenspieler entstauben muß.
Sie gehörte ja zu denen, die in den 60ern überredet wurden, deutsch zu singen und in deutschen Shows aufzutreten, beherrschte das aber sehr gut (sie hat Deutsch studiert). Vor einigen Jahren tauchte sie dann mit „Le Danger“ auf, das sie mit einer Rock-Formation einspielte, die Band liefert einen knochentrockenen, interessanten Gegensatz zu ihrer halb melancholischen, halb erotischen Stimme, und kurz danach machte sie ein bezauberndes Duett mit Iggy Pop, „I’ll Be Seeing You“.
19.11.2007
dj1204:
Jetzt muß ich eingestehen, eine Bildungslücke zu haben. Was ist Yé-Yé?
CE:
Oh, Yé-Yé ist französisch für „Yeah Yeah“ :) und meint die französische Popmusik der 60er, die Girlgroup- und Phil Spector-Touch mit der Chanson-Tradition kombinierte. Protagonisten waren etwa Johnny Hallyday, Francoise Hardy, France Gall, Sylvie Vartan oder Serge Gainsbourg. Die Backgroundsängerinnen klangen immer noch ein wenig sexier, schriller und zickiger als die US-Vorbilder.
Ein bedeutendes Thema der französischen Sixties war das der „Puppe“, etwa bei Michel Polnareff: „La poupée qui fait non“.
So bedeutend, daß es auch eine deutsche Version gab:
Gainsbourg schrieb für France Gall den Eurovisions-Sieger „Poupée de cire, poupée de son“,
Sylvie Vartan sang „Jolie poupée“.
Archetypischen Backgroundsängerinnenklang findet man etwa auf „Pourtant tu m’aimes“,
Mit der dem französischen Rationalismus eigenen, zwingenden Logik entwickelte sich das Puppen-Thema in eine Barbarella-Ästhetik, etwa bei Sylvie Vartan, „Irrésistiblement“,
und natürlich bei Brigitte Bardot, „Harley Davidson“, ebenfalls vom verkrachten, aber omnipräsenten Genie Gainsbourg komponiert:
Kopfhörer einstöpseln und dem Mann recht geben, der da sagt: „This has to be one of the best grooves ever“.
Mitte der 90er ging Francoise Hardy mit einer Rockband ins Studio und kam mit „Le Danger“ wieder heraus. „Mir ist ein Album lieber, auf dem ich alle Lieder mag und das sich schlecht verkauft, als eins, das ein Erfolg ist, aber im Grunde nichts taugt. ‚Le Danger‘ war so ein Album, auf das ich sehr stolz bin und das kein Publikum fand.“
20.11.2007
dj1204:
Vielen Dank für die Links! Du hast Recht, Serge Gainsbourg hatte ja wirklich unglaublich gute Rhythmen, da war er seiner Zeit wirklich voraus.
Ich denke, Benjamin Biolay knüpft an diese früheren Protagonisten an. Er sieht sich wahrscheinlich als Fortsetzung des Chanson-Pop und er hat ja auch diese ganze Nouvelle Pop Szene in Frankreich angestoßen. „Trash Yé Yé“ wirkt auf mich trotz des erheiternden Titels eher nachdenklicher als seine Vorbilder, seine Stimme klingt auch düsterer als früher noch auf „Rose Kennedy“.
CE:
Francoise Hardy steht bei mir neben „The Marble Index“ von Nico, dem düstersten Abgrund, den man finden kann. Wobei „Frozen Warnings“ aber wiederum so schön ist in seiner monumentalen Einsamkeit, daß man sofort den Schlüssel für den Hölderlin-Turm suchen möchte.
dj1204:
Von Francoise Hardy sollte ich mir dringend mal ein älteres Album kaufen.
CE:
Ja, die sind zauberhaft. Von den ganz frühen habe ich zwei, beide hießen ursprünglich einfach „Francoise Hardy“, von 1963 und 1964. Einige Songs kennst Du bestimmt, „Mon amie la rose“ vielleicht. Multilinguale Intelligenzbestie, sie hat ja in diversen Sprachen gesungen, es gibt einen Sampler namens „All Over The World“, der einiges davon versammelt. Ich liebe ihre Version von „Catch A Falling Star“.
Weil sie oftmals unser Denken auf die Wege lenken Die wir dann gehen
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
21.02.2015
acapulco ramon:
vive la france (gall) et francoise (hardy) … schönste blüten aus dem frankenreich… francoise hardy, in die angeblich bowie so verliebt war … welch pure schönheit. man schaue sich bei yt … was mach ich ohne dich ? an, die deutsche version von comment te dire adieu. traumhafte sehnsucht in diesem gesicht, zum niederknien. france gall war aber auch in zuckersüssen charme gegossen… frankreich in den 60igern, yeye!!!
CE:
„Ich war lange Zeit leidenschaftlich in sie verliebt. Sie weiß das bestimmt. Alle Männer dieser Welt waren es. Und auch ein paar Frauen. Wir sind es immer noch.“ (Bowie) Mick Jagger nannte sie sein Ideal, Scott Walker hatte ihr Bild an der Wand, Dylan hatte ja schon 1964 seine Bewunderung ausgedrückt mittels Poem auf LP, trifft sie dann zwei Jahre später auch in Paris, aber er beeindruckt sie offenbar nicht übermäßig. :) Nick Drake besucht sie im Studio, als sie in den frühen Siebzigern in England aufnimmt, sagt aber kaum ein Wort. Sie kannte seine Alben und hatte ihn gefragt, ob er ein paar Songs für sie schreiben könne. Kurz vor seinem Tod klingelt er noch einmal an der Tür ihres Apartments auf der Ile St Louis, erkennt die Stimme aber nicht, die er durch die Sprechanlage hört, und geht ohne ein Wort davon. – Später die Kollaborationen mit Blur und Iggy Pop („Alles, was sie sagte, war: Wie bist du nur an meine Nummer rangekommen?“).
Unwiderstehlich bezaubernd diese Mischung aus Schönheit und Ernsthaftigkeit, Erotik und Melancholie, dieses Capricornmädchen, das mit Scheu und Pessimismus kämpft, sie hat starkes Lampenfieber und vergißt vor Aufregung bei Liveauftritten manchmal die Texte, sie zieht sich von der Welt zurück und flüchtet sich in Bücher, trotzdem diese Stärke und toughness und Wahrhaftigkeit und eben diese Ausstrahlung, die zum Niederknien veranlaßt und die auch Dutronc noch in der „Tant de belles choses“-Doku erklären läßt, er habe sich an ihrer Seite lange minderwertig gefühlt, dabei ist er ein Auserwählter, chosen by her, die von sich sagt: es gibt nicht viele Männer, die ich anziehend finde. „Man schaue sich bei yt ‚Was mach ich ohne dich?‘ an“ – oui, machen wir. :)
Barry Adamson, wie er für „Lost Highway“ aus einem Francoise Hardy-Song something wicked macht:
Antirationalistischer Block, 10/2017
Interviewer: „Sie scheinen mir eher der einsame Typ zu sein?“
Francoise Hardy:
(Francoise Hardy – La discrète, F 2016)
Kommentarsektion, moi @ray05:
27.10.2017
Das Lächeln der Januargeborenen, zugleich embarrassed und unendlich überlegen. Daß ein solches Wesen in Einsamkeit gehüllt ist, als normalsterblicher Trottel („Idiot“) fragt man sich, wie sowas überhaupt sein kann, wie sowas in die Weltharmonik kommt, zu der Zeit sitzt sie in ihrem Zimmer und studiert Deutsch mit Thomas Manns Tod in Venedig, ihr Fotograf-Freund Perier sagt: sie ging nie aus, ich glaube, mit mir war sie zum ersten Mal im Kino. Mick Jagger, Bob Dylan reißen sich um sie, und sie sagt, sie hat es praktisch gar nicht bemerkt. Das klingt absurd, aber etwas daran ist auch wahr. Da ging SIE, zurück in IHRE mystische Einsamkeit. „The Queen of Sheba could have shined her shoes“, doch sie ist scheu und unsicher in einer Welt, die nur darauf wartet, sie zu verletzen. Am Ende sind die Saturnmädchen jedoch geradezu exzessiv furchtlos. Die Klarheit, mit der sie einfach sagt: Ja. Wer wollte da nicht die unauslotbare Tiefe ihrer Liebe gewinnen.
Briefe, die man aus dem Traumreich zu senden versucht, kommen nach Jahren als unzustellbar zurück hinter den Vorhang aus Wolken. Einbildungen werden Realitäten in Perle, aber vielleicht auch deshalb, weil Realitäten immer schon Einbildungen sind.
SPIEGEL ONLINE Forum
„Literatur – was lohnt es noch, zu lesen?“
Mai 2008
Muffin Man:
Es hat übrigens diverse Bildende Künstler gegeben, die irgendwann Schriftsteller wurden…
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Da empfehle ich „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, 1909 erschienen, sein erster und einziger Roman.
„Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedelung in sein Land zu überreichen.“ Dieses Traumreich befindet sich angeblich irgendwo in Mittelasien, die Hauptstadt heißt Perle. Patera, dessen Reichtum unermeßlich zu sein scheint, kauft Häuser in ganz Europa zusammen und läßt die Baulichkeiten in sein Reich transportieren. Agenten dieses Traumreichs leben nämlich in allen Teilen der Welt. Auch diverse Kulturgüter und bedeutende Kunstwerke seien dorthin verschwunden. Reiche künstlerische Ausbeute seines Abenteuers erwartend, willigt der Erzähler ein, in dieses Traumreich zu ziehen.
Nach langer Reise gelangt man an eine im Dunstschleier liegende, ungeheure, grenzenlose Mauer, die sich unerwartet öffnet für ein gewaltiges schwarzes Loch, das Tor des Traumreiches von kolossalen Dimensionen. Nach Eintritt in dieses Gewölbe überfällt den Erzähler „ein ganz unbekanntes, gräßliches Gefühl“, er dreht sich um zu seiner Frau, die leichenblaß mit zitternder Stimme sagt: „Nie mehr komme ich da heraus.“
Was dann folgt, hat sowohl Franz Kafka als auch Gustav Meyrink in Bann geschlagen.
Ende des offiziellen Teils.
Kubin hat einen Plan der Stadt Perle angefertigt, der für jeden hochinteressant ist, der das Gefühl kennt, es gebe tatsächlich ein Traumreich mit exakt festgelegter Architektur. Ich selbst kannte eine Traumstadt aus vielen Träumen, und versuchte immer aufs Neue, in ein Areal im Nordosten zu gelangen; beim ersten Aufenthalt in dieser Stadt war ich zuvor umgekehrt, so wurde es in der Traumseelenarchitektur das geheimnisvolle Andere, Ausgesparte.
Muffin Man:
Das klingt hochinteressant! Stofflich unbedingt – aber wie steht es um die Ausführung?
Christian Erdmann:
Glaubst Du, Kafka und Meyrink ließen sich von irgendeinem literarischen Nichtsnutz beeindrucken? :) Kubin agiert mit einer Spontaneität, die keine so ziselierte Sprache produziert wie Meyrink im „Golem“, wo immer eine kalkulierte Gleichzeitigkeit herrscht zwischen dem, was diese Sprache an Beunruhigung beschwört, und den eruptiven Ausbrüchen daraus. Bei Kubin gibt es aber auch eine seltsame Gleichzeitigkeit: eine gewisse Distanziertheit im Angesicht des immer Ungeheuerlicheren. So wie Meyrink eher dem „Caligari“-Film gleicht mit seinem expressionistischen Gestus, so wäre Kubin eher mit Carl Theodor Dreyers „Vampyr – Der Traum des Allan Gray“ zu vergleichen, wo jemand zugleich im Geschehen ist und es von außen beobachtet. In der Serie der grotesken, phantastischen Bilder dann oft eine überraschend schroffe Wendung, eine surreale, vor den Kopf schlagende Unmittelbarkeit wie bei Bunuel:
„‚Die Liebe des Fleisches ist nichts als der Wille des Dings an sich, in die Zeitlichkeit einzudringen. Wie könnt ihr so vermessen sein, das Ding an sich zu zwingen? Ihr unterscheidet nicht das Ding an sich von den anderen Dingen. Vom philosophischen Standpunkt aus muß ich eure Handlungen verdammen.‘ So sprach der Friseur angesichts der Saturnalien auf den Tomassevicfeldern. Da er mit seinen zur Feier des Tags durchaus nicht passenden Tiraden nicht aufhören wollte, warf man ihm eine Schlinge um den Hals und hing ihn an das Schild seines Barbierladens.“
Extrem reichhaltig, nicht nur philosophisch – Patera ist ja, auch, Nachfahr (des Robespierreschen Umschlagens von Menschheitsvision in Schreckensherrschaft) und Vorläufer -, aber die andere Seite bleibt Innen, und wo Meyrink näher am Horror ist, bleibt Kubin näher am Surrealismus, mit dessen Mischung des Makabren und Komischen. Und wo Horror immer zumindest zur Lösung der Rätsel drängt, das „Phantastische“ deren Unauflösbarkeit zumindest akzeptiert, sympathisiert der Surrealismus ja gerade mit dieser Unauflösbarkeit.
Geschrieben in zwölf Wochen, you get the idea.
Muffin Man:
Das mag ich an Deinen Beiträgen: Du schilderst Bücher und Filme aus der Perspektive eines „Besessenen“. Sorry, bei den von Dir genannten Filmen muß ich passen, vielleicht hab‘ ich einzelne mal in jungen Jahren gesehen, im 3. Programm des Norddeutschen Rundfunks, als das Fernsehen (jedenfalls im Wohnzimmer meiner Eltern) noch schwarz-weiß war.
Geschrieben in zwölf Wochen, you get the idea.
Zwölf Wochen hast Du für dieses Posting gebraucht?! *staun* ;-) Ich hatte natürlich „Kubin“ und „Perle“ sofort gegoogelt – und hab‘ da was von 8 Wochen gelesen.
Christian Erdmann:
Zwölf Wochen hast Du für dieses Posting gebraucht?!*staun* ;-)
Ja, während The Lost Weekend warfen die Uhren resigniert die Zeiger ab. „Perle“ in ewiges Grau getaucht, das war ein beherrschender Leseeindruck, dieses Grau, ähnlich wie die Omnipräsenz des Weiß in Melvilles „Moby Dick“.
8 Wochen gar nur, das Vorwort meiner Ausgabe sagt 12, aber ach.
Alison Goldfrapp. Kann sagenhaft singen, kann sagenhaft sexy sein, kann nicht von dieser Welt sein, kann enigmatische Texte machen, kann Filmmusiken für noch nicht existente Filme machen, kann Videos machen, die man hier nicht posten kann, weil Kinder zugucken.
Celestine:
Meine Youtube-Wiedergabe funktioniert nur fragmentarisch, was mich sehr irritiert, und auch von diesen Clips konnte ich nur eine Version hören – „Lovely Head“, aber es war genug: Die Musik, die sie macht, ist wirklich einzigartig; der Song sehr melancholisch, aber avantgarde und experimentell zugleich – eine seltene Mischung. Sie hat eine wunderschöne Stimme, sie sieht gut aus = sie hat alle Voraussetzungen. Wenn alles andere, was sie macht, ähnlich gut ist, kriegt sie 10 Punkte von mir. Nach meiner Einschätzung wird sie jedoch keine „Queen“ für ein Millionenpublikum sein, sondern eine ganz spezielle Nische im Musikgeschäft besetzen, für die, die das Besondere erkennen und lieben.
Christian Erdmann:
Das erste Album „Felt Mountain“ ist so, wie Ihnen „Lovely Head“ erschien: sehr melancholisch, avantgarde, experimentell. Der Nachfolger „Black Cherry“ hatte auch diese Qualitäten, aber mit „Train“ und „Twist“ ging es schon in die Richtung, die dann mit „Supernature“ weiter kultiviert wurde – ein immer leicht oder schwer lasziver, oft obsessiv wirkender Synth-Glam, der Marc Bolan durch Barbarella ersetzt, doch es bleibt stets diese mysteriöse Qualität an Goldfrapp-Songs, etwas, das oberflächlich kühl wirkt wie ein Kubrick-Film, tatsächlich aber hitzig, schwül, dramatisch und pervers ist. Goldfrapp-Songs führen, in oft makelloser Schönheit, zur Wahrnehmung einer Ebene hinter der offensichtlichen Ebene, sie haben dieses Je ne sais quoi, nicht nur in Alison Goldfrapps Stimme, von der es ehedem bei laut.de hieß: „Hinzu kommt Alisons schaurig schöne Vokalakrobatik. Man muss schon genau hinhören, um zu erkennen, dass da an mancher Stelle kein Sampler am Werk ist, sondern sich die Gute in unglaubliche Höhen hinaufschraubt.“ – Der Versuch, den Sound der Band zu beschreiben, hat an der Universität Bristol schon akademische Würden eingebracht. Und während Björk irgendwann nur noch nervt, weiß man, wenn man aus einem Goldfrapp-Album wieder auftaucht, partout nicht, wie man hierher gekommen ist und wieviel Zeit vergangen ist, seit dieser Fahrstuhl einen in den 13ten Stock eines 12stöckigen Hauses gebracht hat.
Göttin der einsamen Tränen, die nur der Spiegel sehen darf. Alison Goldfrapp eignet diese Marlene-Dietrich-Mischung aus geheimnisvoller Sphinx und Bodenständigkeit („Kochen mit Alison Goldfrapp“).
[SPIEGEL ONLINE Forum „Elvis – immer noch der King?“, 09/2007]
„Wie sich zeigt, kann man tatsächlich das Gefühl haben, die eigenen Augäpfel würden aus den Höhlen hervortreten.“ (David Foster Wallace)
Bronzene Nachbildung eines Amuletts, das im 9. Jahrhundert in einem Frauengrab im schwedischen Uppland gefunden wurde. Erworben in Ladby („Ort am Umladeplatz“) am Kerteminde-Fjord in Dänemark, wo man einen Grabhügel betreten kann, um die freigelegten Überreste eines Wikingerschiffs zu besichtigen. Das Schiff wurde um 925 an Land gezogen, aufgrund der wertvollen Grabbeigaben wird angenommen, daß das Ladby-Schiff die Grabstätte für einen Wikingerhäuptling war. Wenn man Odin am Hals hat, kann es sein, daß man irgendwann ein Gedicht namens „Zwei Raben“ geschrieben hat.
„I’ve discovered my Nietzsche“ – Echo & The Bunnymen
Diskussion im SPIEGEL ONLINE-Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, September 2007
KLMO:
Nietzsche: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“
kurzundknapp:
Vielleicht sollte man Nietzsche zunehmend unter poetischen Aspekten lesen…
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Auch das, aber ich lese Nietzsche mittlerweile vor allem als genialen Psychologen. Er ist eigentlich dort am interessantesten, wo es nicht um die großen umstrittenen Themen und philosophischen Entwürfe geht. Nietzsche ist eine Quelle, aus der die großen Entlarvungen, aber vor allem die kleinen, verblüffenden Entdeckungen nur so sprudeln, für mich immer dann am spannendsten, wenn unter der beißenden Sprache gleichsam widerwillig der am Zwischenmenschlichen leidende Humanist kenntlich wird.
Vielleicht könnte man auch einmal forschen, inwieweit auch das „Poetische“, wie Sie sagen, also seine Lust an der Sprache, dafür verantwortlich ist, daß er zuweilen so in die Irre geht. Wenn er selbst meinte, wir werden Gott nicht los, solange wir an die Grammatik glauben: vielleicht wurde er manches Fehlurteil nicht los, weil die Formulierung ihn verführte. Aber für das Füllhorn seiner Psycho-Poesie verzeihe ich ihm vieles. Man kann an Nietzsche verzweifeln: an seinen groben Irrtümern, aber auch an seinen unzähligen Wahrheiten.
kurzundknapp:
Psycho-Poesie, ja, das ist es! Die Klarheit seiner Wahrheiten und seiner grotesken Irrtümer kommt aus seiner Überempfindlichkeit für das „Draußen“, aber eben auch der Sprache. Und verzweifeln muß man geradezu an ihm.
KLMO:
Nietzsches Werke können nicht isoliert von seiner Krankheitsgeschichte betrachtet werden. Sein Dasein war überwiegend ein Leidensweg von unvorstellbarer Qual.
Christian Erdmann:
Frequenz, Fiebrigkeit und Furor seiner Schriften wurden gegen sein Ende hin immer rasanter – gewiß ein Symptom.
In „Schuld und Sühne“ hat Rodion Raskolnikow diesen Traum vom geschlagenen, erschlagenen Pferd, dessen blutüberströmten Kopf er zusammenbrechend umarmt; Nietzsches Kollaps in Turin, das Pferd umarmend, zusammenbrechend, ist es der Zusammenbruch von der fortgesetzten Anstrengung, im Grunde Mitleid mit jeder Kreatur zu haben… ist es die letzte Panik, in der sich der wahre Nietzsche offenbart, der die ganze Zeit nicht in Raskolnikows Theorie, sondern in Raskolnikows Traum gelebt hat… wer weiß.
Nietzsches Pferdeumarmung wirkt auf mich wie Nijinskys „Hochzeit mit Gott“, dieser letzte, erschreckende Auftritt des „Gott des Tanzes“ in einem Schweizer Hotel, vor vielleicht 200 Menschen, in dem er es laut Augenzeugen offenbar vermochte, den Wahnsinn des Weltkrieges einzufangen: „Er schien den Saal mit allen Schrecken der leidenden Menschheit zu erfüllen.“ – schreibt Romola, seine Frau, in ihrer Biographie. Und Nijinsky schrieb in sein Tagebuch: „Aber ich fühlte, ich, der sie alle liebte, daß ich von niemandem geliebt wurde.“ Und danach verabschiedete er sich in die jahrzehntelange Dunkelheit, einer, der vielleicht immer schon gefühlt hat, daß er von allen anderen weit entfernt war, zu weit entfernt.
Shaftesbury, der Philosoph, hat einmal gesagt: allein schon dadurch, daß Hobbes sich im „Leviathan“ so viel Mühe gibt, der Menschheit Gutes zu tun, widerlege er seine eigene These vom Menschen als des Menschen Wolf. Nun ist es für die extrovertiert am Zustand der Menschheit Leidenden vielleicht manchmal nur ein kleiner Schritt vom Rousseau zum Robespierre; für die Introvertierten aber, die Nietzsches, Nijinskys, Hölderlins, bleibt vielleicht nur diese letzte, verzweifelte Geste, und dann der Schutz der Umnachtung. Ich weiß, daß es bei Nietzsche eindeutige pathologische Befunde gibt, aber vielleicht ist trotzdem die Frage, wie lange er es auch ohne diese noch ausgehalten hätte in dieser Mischung aus universalem Mitleiden – und selbst das wie Paulus Beschimpfte muß man verstanden haben, um es so beschimpfen zu können – und der Art von Einsamkeit, die er atmete.
Vielleicht noch am Rande: ich halte Nietzsches Konzept apollinisch / dionysisch nach wie vor für eine sehr schöne Metaphorik, wenn man sie sozusagen der Kunst entwendet: ein guter Ansatz, um das Wechselspiel im individuellen Bewußtsein zu beschreiben, das, um es so allgemein wie möglich zu formulieren, stets zwischen Abgrenzung vom „Anderen“ und Lust am „Anderen“ oszilliert.
KLMO:
1889 in einem Brief an Jakob Burckhardt: „… zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott“, mehrfach unterzeichnete er mit „Der Gekreuzigte“. Oder: „Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!“ Einen völlig anderen Nietzsche erleben wir bei der Begegnung mit Lou Salomé. Nietzsche verehrte sie, konnte sich ihr jedoch nicht erklären. Wer ein Extrem beschwört, ist schon verdächtig. Die Dualität in uns kann nicht aufgehoben werden.
Nietzsche litt an den Folgen einer Syphilisinfektion. Thomas Mann vermutet, er habe sich diese Krankheit während des Besuches in dem Kölner Bordell zugezogen; er stellt diese Geschichte in den Mittelpunkt seines „Doktor Faustus“.
Schon mit 35 Jahren gibt er die Professur an der Universität in Basel aus Gesundheitsgründen ab. Overbeck im Frühjahr 1879 über den Zustand von Nietzsche: „Anfall über Anfall der heftigsten Kopf- und Augenschmerzen mit tagelangen Erbrechen – es war vorüber mit all seiner Geduld, mit all seinem Lebensmut!“ Und dieses ständige Auf und Ab ging 10 Jahre bis zu seinem Zusammenbruch weiter so… Erstaunlich seine Energie des Schaffens. In dieser Zeit ist er gejagt und gehetzt von dem unstillbaren Trieb nach Erkenntnis, ein rastloser „Abenteurer des Geistes“ und dies unter den ärmlichsten Verhältnissen. Krankheit und sein Schaffenstrieb sind nicht zu trennen.
Nietzsche war eher ein Kulturkritiker als ein Philosoph im geläufigen Sinn, vor allem ein Sprachgenie.
Anders die Krankheitsgeschichte bei Hölderlin, wo man zeitweise sogar vermutet, dass er eine Geisteskrankheit nur vortäuscht. Hölderlin: „Der Menschen Worte verstand ich nie. Im Arme der Götter wuchs ich groß.“ Man meint, hier eher eine schon heitere Gelassenheit zu spüren, entrückt in eine andere (bessere?) Welt.
Christian Erdmann:
„Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!“
Das Zitat ist eben der bekannte Nietzsche. Es gibt aber auch Äußerungen wie diese, aus „Morgenröte“: „Weiberfeinde. – Das Weib ist unser Feind – wer so als Mann zu Männern spricht, aus dem redet der ungebändigte Trieb, der nicht nur sich selber, sondern auch seine Mittel haßt.“
Oder: „Die Frauen sind es, welche bei der Vorstellung erbleichen, ihr Geliebter möchte ihrer nicht wert sein; die Männer sind es, welche bei der Vorstellung erbleichen, sie möchten ihrer Geliebten nicht wert sein. Solche Männer, als die Menschen der Zuversichtlichkeit und des Machtgefühls für gewöhnlich, haben im Zustande der Passion ihre Verschämtheit, ihren Zweifel an sich; solche Frauen aber fühlen sich sonst immer als die Schwachen, zur Hingebung Bereiten, aber in der hohen Ausnahme der Passion haben sie ihren Stolz und ihr Machtgefühl – als welches frägt: wer ist meiner würdig?“
Nietzsche glaubte an eine genuine Macht der Frau, die eben in ihrer Weiblichkeit begründet ist. Dazu gibt es z.B. eine Äußerung in „Jenseits von Gut und Böse“, in der er feststellt, daß es einen Widerspruch gebe zwischen der „Emanzipation des Weibes“ und dem Einfluß der Frau, der seit der Französischen Revolution in Europa de facto abgenommen habe: „Es ist Dummheit in dieser Bewegung, eine beinahe maskulinische Dummheit, deren sich ein wohlgeratenes Weib – das immer ein kluges Weib ist – von Grund aus zu schämen hätte“. Für seine Zeit hatte Nietzsche ja recht: das Zeitalter der Regentinnen, auch der großen Kurtisanen, deren Einfluß und Ansehen sie meilenweit von gewöhnlichen Prostituierten enthob, war vorbei.
Im Grunde spricht also schon aus Äußerungen Nietzsches, daß er ein Frauenideal hatte, das weibliche Souveränität und Überlegenheit anerkannte. Und es gibt ja auch dieses berühmte Foto, auf dem eben sie die Peitsche in der Hand hat (mit Nietzsche und Paul Rée vor dem Karren, auf dem sie kniet).
Ein schüchterner Mann, ein von Krankheit zerrütteter Mann. Gewiß. Und doch, so zweifellos Lebensumstände ein Werk prägen, muß man sich an einem bestimmten Punkt von diesem eigentlich trivialen Wissen auch wieder verabschieden.
KLMO:
Nietzsche propagiert das Gegenteil von Selbsterniedrigung und Kleinmacherei. Du bist nicht niedrig und klein, ausser, man redet dir das ein!
hans-werner degen:
Was für ein entsetzlicher Irrtum Nietzsches, der damit die sich freiwillig Kleinmachenden der Welt, Gandhi, M. L. King, Mutter Theresa und alle anderen, die sich für viele opferten, denunziert. Und kein Wunder, dass die sich Überhöhenden, die Herrschenwollenden in der Welt sich mit ihm verbunden wähnten.
Christian Erdmann:
Da fällt mir Rasumichin in „Schuld und Sühne“ ein: das ganze geheimnisvolle Problem des Lebens auf zwei Druckseiten abgetan.
Ja, so kann man die Komplexität und den Reichtum eines Lebenswerks mit zwei Federstrichen abtun. Daß Menschen aus völlig anderen Gründen Nietzsches Werk, bei aller kritischen Distanz in den gebotenen Punkten, schätzen können, kommt Ihnen nicht in den Sinn? Zum Beispiel, weil er ein Todfeind bornierter Selbstgewißheit war. Weil er selbst ein von Zweifeln zerrissener Suchender war, dem jede zu einfache Lösung suspekt war. Den gesamten Nietzsche auf Übermenschensehnsucht zu reduzieren, ist genauso unsinnig wie in Dostojewskij immer nur den suchenden Christen sehen zu wollen. Nietzsche schätzte Dostojewskij fast maßlos („einer der schönsten Glücksfälle meines Lebens“, „ein Psychologe, mit dem ich mich verstehe“) und sicher nicht, weil er in Dostojewskij nur das sah, was Sie sehen, den auf den Urgrund des Glaubens tauchenden orthodoxen Christen; vielmehr haben sowohl Nietzsches Philosophie der Perspektivität, in der sich ständig Gegensätze berühren, als auch seine „Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens“ in Dostojewskij ein literarisches Pendant, auch das ekstatische Existenzgefühl der Charaktere Dostojewskijs.
hans-werner degen:
ad 1) Für mich ist Nietzsche als Poet einer der Großen der Welt! Und er schreibt in einem wundervollen Deutsch. ad 2) Wer als Philosoph trompetet, tut das, weil er viel heiße Luft in seinen Gedanken hat, die er mit Trompetenklang überdecken will. ad 3) Wenn ein Diktator einen Philosophen schätzt… nun ja… vor falschen Anbetern wird man nie sicher sein… wenn er aber zur Lektüre vieler Herrscher wird, fange ich an nervös zu werden… dann stimmt was nicht.
Christian Erdmann:
Übrigens ist auch Jesus nicht sicher vor falschen Anbetern. Nietzsche wünschte sich, daß er sein Werk auf Französisch hätte schreiben können, Zitat: „damit es nicht als Befürwortung irgendwelcher reichsdeutscher Aspirationen erscheint“.
Thomas Mann, 1927: es gelte, bei Nietzsche „das Pathos großer europäischer Humanität, das seines Wesens Kern bildet, klar herauszubilden und gegen wüste Mißverständnisse zu verteidigen“.
Nietzsche wetterte gegen die Deutschen, weil er ein Europäer war: Hitler ist Zusammenfassung all dessen, was Nietzsche verachtete. Er hätte Nazideutschland verachtet: „Ein Deutscher ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, daß er sie tut: denn er gehorcht, wo er kann, wie dies einem an sich trägen Geiste wohltut.“
„Sich unterwerfen, folgen, öffentlich oder in der Verborgenheit, – das ist deutsche Tugend. – Lange vor Kant und seinem kategorischen Imperativ hatte Luther aus derselben Empfindung gesagt: es müsse ein Wesen geben, dem der Mensch unbedingt vertrauen könne, – es war sein Gottesbeweis, er wollte, gröber und volkstümlicher als Kant, daß man nicht einem Begriff, sondern einer Person unbedingt gehorche…“ (Morgenröte).
„Als die Deutschen den andern Völkern Europas anfingen interessant zu werden – es ist nicht zu lange her -, geschah es vermöge einer Bildung, die sie jetzt nicht mehr besitzen, ja die sie mit einem blinden Eifer abgeschüttelt haben, wie als ob sie eine Krankheit gewesen sei: und doch wußten sie nichts besseres dagegen einzutauschen als den politischen und nationalen Wahnsinn. Freilich haben sie mit ihm erreicht, daß sie den andern Völkern noch weit interesssanter geworden sind, als sie es damals durch ihre Bildung waren; und so mögen sie ihre Zufriedenheit haben!“ (Morgenröte)
Nietzsche spielt eingangs auf den Weimarer Geist an und meint mit den „großen Dingen“ eher Goethe, den er, trotz seiner Parodie in einem Gedicht, als Ausnahmeerscheinung unter den Deutschen verehrte und sich wünschte, er könne Goethe gegen „ganze Wagen voll frischer hochmoderner Lebensläufe einhandeln“. Und letztlich ist für Nietzsche Goethe „kein deutsches Ereignis, sondern ein europäisches“. Nietzsche bewunderte Goethe, weil hier einer – sich selbst schuf. Wer verkennt, daß Nietzsche in dieser Linie des Humanismus steht, in der von Pico della Mirandola über Shaftesbury zu Goethe die selbstschöpferische Kraft des Menschen betont wurde, der wird Nietzsche immer Unrecht tun.
Daß Nietzsche sich mit Begriffen und Wendungen angreifbar gemacht hat, darüber herrschen keine zwei Meinungen. Aber nie hat Nietzsche z.B. den „Willen zur Macht“ im Sinne eines Hitler als Macht über andere verstanden; im Gegenteil hätte dieser „Wille zur Macht“ als Macht des ewig-sich-selber-Schaffens einer solchen Vereinnahmung durch eine schreckliche Ideologie diametral entgegengestanden.
hans-werner degen:
Wenn er das nicht wollte: Warum schrieb er es so, dass es das Gegenteil bewirkte? Seine Lektüre hat mir den Weg zu Lenin geöffnet… Und viele andere erfuhren das gleiche… Das ganze Werk (und ich hab es gelesen) hat was Sado-Masochistisches an sich!
tzscheche:
… deshalb verstand er sich auch so gut mit Wagner!
Christian Erdmann:
Also, ich kann mit Wagner nicht viel anfangen, und mir ist auch nicht klar, mit welcher Notwendigkeit man von Nietzsche zu Lenin kommen muß, das scheint mir dann schon an Dingen zu liegen, die mit Nietzsche selbst nichts mehr zu tun haben, außer im Sinne des von Nietzsche selbst Diagnostizierten.
Wenn Sie den gesamten Nietzsche gelesen haben, dann müßten Sie doch in der Lage sein, auch die Binnenstruktur dieses Gesamtwerkes als repräsentativ dafür anzusehen, wie es bei Nietzsche vornehmlich darum geht, nicht auf falsche Tröten hereinzufallen, selbst wenn es die eigenen waren, wie „der Fall Wagner“ zeigt.
„Wie? wäre es wirklich die erste Tugend eines Vortrags, wie es die Vortragskünstler der Musik jetzt zu glauben scheinen, unter allen Umständen ein hautrelief zu erreichen, das nicht mehr zu überbieten ist? Ist dies zum Beispiel, auf Mozart angewendet, nicht die eigentliche Sünde wider den Geist Mozarts, den heiteren, schwärmerischen, zärtlichen, verliebten Geist Mozarts, der zum Glück kein Deutscher war, und dessen Ernst ein gütiger, ein goldener Ernst ist und nicht der Ernst eines deutschen Biedermanns … Geschweige denn der Ernst des „steinernen Gastes“ … Aber ihr meint, alle Musik sei Musik des „steinernen Gastes“, – alle Musik müsse aus der Wand hervorspringen und den Hörer bis in seine Gedärme hinein schütteln?… So erst wirke die Musik! – Auf wen wird da gewirkt? Auf etwas, worauf ein vornehmer Künstler niemals wirken soll, – auf die Masse! auf die Unreifen! auf die Blasierten! auf die Krankhaften! auf die Idioten! auf Wagnerianer!“ (Nietzsche kontra Wagner)
Jemand (Emerson) sagte mal, wenn man Montaignes Worte schneiden würde, wie müßten sie bluten wegen ihres Gefäßreichtums. Bei vielen Sätzen Nietzsches kann man Herzrasen feststellen, klar. Er hyperventiliert, und ich kann verstehen, daß der Punkt kommt, wo man genug hat. Ich kenne ihn selbst. Aber es gibt auch einen völlig anderen Nietzsche, einen merkwürdig sanftmütig dahingleitenden Tonfall, das Timbre eines Geistes, der einfach schon zu viel gesehen hat. „Leere“ kann ich da nicht finden – die muß schon gewaltsam dorthin projiziert werden. Ich sehe da eher Fülle, die nicht weiß, wohin mit sich.
Warum Nietzsche so schrieb, wie er schrieb, wie könnte sich jemand anmaßen, das zu beantworten. Und zwei Leser machen zwei verschiedene Bücher aus einem Buch – völlig normal.
tzscheche:
Hesse und Nietzsche:
In Hermann Hesses Figuren hat vieles von Nietzsches Streben nach Übermenschlichem aus schierer Verzweiflung an der Existenz Eingang gefunden. Jedoch ist bei Hesse der Wille zur Überwindung alles Irdisch-Profanen quasi rückgekoppelt und geerdet durch das Hadern der Protagonisten, ihre Skrupel vor der finalen Abkehr von Konvention und Moral.
Man nehme Harry Haller, den Steppenwolf, der die bürgerliche Bigotterie verachtet und gleichzeitig das Ambiente bürgerlicher Wohnstuben sakral verklärt, der unwiderstehlich angezogen wird von Transzendenz und Martyrium und gleichzeitig zittert aus Angst vor dem Schmerz.
Hesse weiß zwischen dem Glanz der Idee und dem Wahnsinn ihrer Realisierung fein zu unterscheiden. Diese Differenzierung zwischen Wunsch und Wirklichkeit würde man sich auch von so manchem Adepten Nietzsches erhoffen.
Christian Erdmann:
Die Abkehr von einer gewissen Moral ist nicht Abkehr von jeglicher Moral. Sie können das aus Nietzsches Eintreten für den Genius des Selbstschöpferischen nicht einfach wegdenken. Der Hinweis auf Shaftesbury, der sogar einen dem Menschen eigenen, nicht hintergehbaren „moral sense“ annahm, und dabei den „Virtuoso“ als Ideal anstrebte, der seine Passionen und Emotionen analog zum Künstler, der ein Kunstwerk schafft, in Harmonie bringt, oder der Verweis auf Nietzsches Bewunderung Goethes, der von Shaftesbury übrigens den Begriff der „inneren Form“ gestohlen hat, waren dann vielleicht weniger hilfreich, als ich hoffte. Bei allem Aufruhr im Duktus Nietzsches, zu dem auch gehört, die eigene „innere Form“ stets zu erneuern, sehe ich, daß er zugleich eine Art von Anstand einfordert, mit der er den Menschen sichtlich überschätzt, woraus wiederum ein Teil seiner Verzweiflung rührt.
Schon, daß Sie Nietzsche einen Wunsch zur Überwindung des „Irdisch-Profanen“ unterstellen, ist bei seiner Liebe zum Irdischen seltsam, aber nun gut: ich bin kein „Adept“ Nietzsches. Passagen, ob derer ich Nietzsche 10mal in die Ecke gefeuert habe: geschenkt; von „Nietzsche und der Faschismus“ habe ich sogar ein Exemplar mit Widmung, der Verfasser war mein Professor. Ich sage nur, es lohnt sich, Nietzsche trotz allem 10mal wieder aus der Ecke herauszuholen.
hans-werner degen:
Da werden wir nie d’accord und Tucho beschrieb das, was ich meine, wesentlich prägnanter als ich das kann!
Christian Erdmann:
Auch Tucholsky ist ja sichtlich zwiegespalten. Indes: „Und Flesch hat richtig empfunden, dass man ihn nun bald gegen seine Anhänger in Schutz nehmen muß – wohin ist dieses Werk gerutscht! Sähe er das, schaudernd wendete er sich ab.“ – !!
Schreibt Ihr „Tucho.“ Welchen Schlag erlitt dagegen Tucholskys Bewunderung für Hamsun? Ist diese offene Verirrung eines (großen) Schriftstellers wie Hamsun nicht viel schlimmer, als der Mißbrauch eines Schriftstellers, der sich gegen diesen Mißbrauch verwahrt hätte?
kurzundknapp:
Da haben Sie völlig recht, und das nicht nur für Tucholsky! Hamsuns Nazitum ist ekelerregend!!
KLMO:
In Ihren Ekel müssen sie aber Millionen Deutsche mit einbeziehen, incl. die Intelligenz. Außer, man war Kommunist oder Jude. Hier wird im Nachhinein unglaublich geheuchelt.
In der Spiegelausgabe 38/2004 liest man über Heidegger folgende bemerkenswerte Passage: Als Jaspers im Mai 1933 die Professorenfrage stellte, auf welche Weise wohl „ein so ungebildeter Mensch wie Hitler Deutschland regieren solle“, bekam er von Heidegger die Antwort: „Bildung ist ganz gleichgültig…. Sehen Sie nur seine Hände an.“ Dass Jaspers solch eine „provozierende“ Frage überhaupt stellte, erklärt sich daraus, dass er mit einer Jüdin verheiratet und entsprechend sensibilisiert war.
Christian Erdmann:
Bezeichnend und verräterisch im Hinblick auf „die Intelligenz“ schon die Stimmung in Davos 1929, bei der Disputation zwischen Heidegger und Cassirer, die als showdown empfunden wurde, bei dem die jungen Studenten auf der Seite des „radikalen“ Heideggers standen, der liberale Geist Cassirer dagegen mit einer Kabaretteinlage verhöhnt wurde.
hans-werner degen:
Was mir heute fehlt bei den Büchern, wurde mir auf dem Flohmarkt schmerzlich bewußt: Es gibt keine Prediger des Humanismus mehr! Da hab ich jetzt einen Band Essays von Friedrich Heer gefunden. Unorthodoxer Katholik und Streiter für den Humanismus nach 1945. Aufsätze, Gedanken die heute wichtiger sind denn je! Mit Ekel betrachtet er die heutigen Gruppen, die den Humanismus im Schild führen und gnadenlos zusehen können, wenn in Staaten nach ihrem Gusto die Menschen schikaniert und gemordet werden. Sein Credo (katholisch geprägt): Nie dürfen Menschen Menschen leiden lassen.
Christian Erdmann:
Gewiß. Dieses „katholisch geprägte“ Credo Heers enthält darum auch ein gerüttelt Maß an Kirchenkritik: „Der Klerus ging noch in jeder Geschichtsstunde mit jedem Machtherren ins Bett.“
Hitler zahlte ja bis zuletzt Kirchensteuer; Heer sagt: „Adolf Hitler sieht bis an sein Lebensende mit tiefem Respekt auf die römische Kirche, auf ihre tausendjährige Kunst der Herrschaft, Kunst der Propaganda, Kunst der Seelenführung.“ (aus: „Mit Gott und dem Führer“). Alles auf Nietzsche schieben, geht auch mit Heer nicht.
Der „Übermensch“ ist von Nietzsche zu keiner Zeit in irgendeiner Form „rassisch“, ja nicht einmal phänotypisch irgendwie klassifiziert. Bei der „Übermensch/Wille zur Macht“-Konstruktion geht es um eine Höherentwicklung, die Härte gegen sich selbst verlangt, nicht gegen andere! Der Übermensch ist kein Herrenmensch. Es gibt andere Äußerungen Nietzsches, die viel dubioser sind.
Und bittschön: Nietzsche wandte sich gegen den Antisemitismus, als ein Richard Wagner diesen noch zur vaterländischen Tugend erhob. Die Übermensch-Idee kreist um Formen von Unabhängigkeit; es gibt dann im Werk verstreut Spuren, die in besagte dubiose Richtungen führen. Die Crux ist aber einseitige Exegese, denn wie Sie sehen, kann man auch einen katholisch Geprägten als den vehementesten Kritiker der katholischen Kirche erleben; ebenso lassen sich all diese Belege für eine inhärente Verantwortung Nietzsches mit Nietzsche selbst widerlegen.
Wenn Sie zum Beispiel jene Reflektionen über das Mitleid lesen, wo Nietzsche gerade im zur Schau gestellten Unglück, im „Durst nach Mitleid“ einen „Selbstgenuss“ aufspürt, schreibt er: es (das Mitleiderregenwollen) „zeigt den Menschen in der ganzen Rücksichtslosigkeit seines eigensten lieben Selbst“. Das mag manchem als ein unbotmäßiger Ort erscheinen, diese Rücksichtslosigkeit aufzuspüren, jedoch: klingt das wie eine Passage, die generell, auch an anderen Orten, dieser „Rücksichtslosigkeit des eigensten lieben Selbst“ positiv gegenübersteht? Nein, man kommt nicht weit damit, den „Übermensch“ zum rücksichtslosen Egomanen zu stempeln. Nietzsche will „Mitfreude“, nicht „Mitleid“, weil er Lebensbejahung will, nicht Leidvermehrung.
Und hier redet Nietzsche direkt mit Hitler: „Das Böse hat immer den großen Effekt für sich gehabt! Und die Natur ist böse! Seien wir also natürlich! – so schließen im geheimen die großen Effekthascher der Menschheit, welche man gar zu oft unter die großen Menschen gerechnet hat.“