„Le sang d’un poète“ („The Blood of a Poet“), Jean Cocteau, 1932.






















„Le sang d’un poète“ („The Blood of a Poet“), Jean Cocteau, 1932.























LES YEUX SANS VISAGE / EYES WITHOUT A FACE (Frankreich 1960, Georges Franju) beginnt mit einer nächtlichen Autofahrt auf einsamer Landstraße. Am Steuer eines 2CV sitzt Louise (Alida Valli), mit schwarzbehandschuhter Hand den Rückspiegel verstellend und kontrollierend, was auf der Rückbank sitzt: eine in sich zusammengesunkene Gestalt, das Gesicht unter einem großen Hut verborgen. Auf dem Soundtrack ist ein derangierter Walzer zu hören. Louise hält an und schleppt die Gestalt aus dem Wagen. Es ist eine junge Frau, deren Körper nur mit einem Trenchcoat bedeckt ist. Louise wirft ein totes Mädchen in die Seine. Während der Autofahrt haben wir Louise kurz aus der Perspektive der Gestalt auf dem Rücksitz gesehen; aus toten Augen also.
Und wer ist Louise? Assistentin und Gespielin eines Arztes, Professor Génessier, der in der Nähe seiner Villa eine eigene Klinik führt. Eine Frau, deren Ausstrahlung sich zu gleichen Teilen aus kühler Grausamkeit und einer sinister glühenden Erregung zusammensetzt. Alida Valli eben.
Professor Génessier (Pierre Brasseur) hält einen Vortrag über die Möglichkeit, lebendes Gewebe zu transplantieren. Das dabei auftretende Problem der biologischen Kompatibilität, erklärt er, sei womöglich zu lösen mit modifizierenden Maßnahmen an dem Organismus, der fremde Gewebeteile empfangen soll. Eine Methode sei das Strahlenbombardement der Antikörper, die das transplantierte Gewebe abstoßen. Doch könne der Patient die dafür erforderliche Strahlenbelastung kaum überleben. Daher, so Génessier, praktiziere man Exsanguination. Das heißt, der den Strahlen ausgesetzte Patient wird blutentleert bis auf den letzten Tropfen.
Harter Stoff, der jedoch betagteren Damen Mut macht, die Génessier nach seinem Vortrag herzlich zu danken wünschen für die wunderbare Zukunft, die er ihnen und der Menschheit eröffne. Génessier erwidert kalt: was die Zukunft angeht, könne er nicht so lange warten. Eine wiederkehrende Angewohnheit Génessiers: sich bereits abzuwenden, während er noch spricht. Dieser Mann scheint angewidert von der Welt. Er ist gebrochen und genial, bleischwer bedrückt und brandgefährlich. Seine Stimme ist eine Grabesstimme. Ihn interessieren nur noch zwei Menschen. Einer davon ist Louise. Er hat sich verändert seit dem Verschwinden seiner Tochter, bemerken zwei Zuhörer seines Vortrags. Soviel ist sicher: dieser Mann hat sich mit Schaurigem beschäftigt. Ein Anruf zitiert ihn ins Leichenschauhaus.
Dort unterhält sich Dr. Lherminier mit Inspektor Parot, Abteilung Vermißte Personen. Man rekapituliert: als Dr. Génessiers Tochter aus der Klinik verschwand, war ihr Gesicht eine einzige Wunde. Man hat ein junges Mädchen im Wasser gefunden, nur mit einem Trenchcoat bekleidet, ohne Gesichtshaut, offenbar mit jenen schweren Verbrennungen und Entstellungen, die Génessiers Tochter bei einem Autounfall erlitt, die Augen aber unversehrt. Das scheint zusammenzupassen. Doch paßt die Beschreibung des Mädchens auch auf eine vermißte junge Frau namens Simone Tessot. Vorsorglich hat Parot auch ihren Vater herzitiert. Möglich, daß Génessiers Tochter aus Verzweiflung über ihre Entstellungen Selbstmord begangen hat, aber warum sollte sie sich zuvor bis auf den Trenchcoat entkleiden? Seltsam auch, daß die riesige offene Wunde, die ehedem ein schönes Gesicht war, so geometrisch ist; saubere Ränder, wie mit dem Skalpell geschnitten.
Dies ist die Art, die dem Zuschauer von Les yeux sans visage beibringt, 2 und 2 zusammenzuzählen und sich auszumalen, mit welch schaurigen Dingen sich Génessier beschäftigt.
Génessier erscheint in der Morgue. Man führt ihn zu der Leiche des an diesem Morgen in der Seine gefundenen Mädchens. Er bestätigt, die Tote sei Christiane – seine Tochter. Im selben Augenblick wird mitgeteilt, Monsieur Tessot sei hier. Lherminier gibt die Anweisung, man könne Tessot sagen, das Mädchen sei identifiziert, es handele sich nicht um Simone.
Dies war eine Frage von Sekunden, Génessier weiß es, und wir ahnen es. Um so unbehaglicher die Indifferenz, mit der Génessier Tessot begegnet, als er diesen vor dem Eingang der Morgue antrifft. Tessot ist verzweifelt; vor zehn Tagen habe man Simone zuletzt gesehen, etwas müsse ihr doch zugestoßen sein. Tessot hört von Génessier nur: Seltsam, daß ich Sie trösten soll, da für Sie noch Hoffnung bleibt. Nach nur wenigen Minuten des Films ist Génessier bereits atemberaubend unheimlich: die mit virtuoser Ökonomie verabreichten Informationen (das im Fluß versenkte Mädchen, Génessiers Vortrag über Hautgewebe-Transplantation, das gehäutete Gesicht der gefundenen Mädchenleiche) lassen ahnen, daß Génessier mit skrupelloser Gefühlskälte die Rollen tauscht. Tessot nimmt Génessiers abweisende Schroffheit als die Trance der Trauer eines Mannes, der seine Tochter verloren hat, blickt ihm beinahe mitleidsvoll nach, und wir, die Zuschauer, haben jeden Grund zu glauben, daß hier der Mörder den Vater des Mädchens, das er auf dem Gewissen hat, in der Dunkelheit stehen läßt.
Schnitt: Paris. Nähe der Sorbonne. Zwei junge Mädchen, Studentinnen. Der derangierte Walzer setzt ein, der sich als Leitmotiv für einen Todesengel entpuppt: das Intro für die schöne Stalkerin Louise, die ihre Opfer in die Falle lockt. Als eines der Mädchen ihren Freund trifft, folgt Louise dem Mädchen, das allein bleibt.
Bei der Beerdigung des Mädchens, das als Christiane Génessier begraben wird, unterhalten sich zwei Männer über den Professor: hat vor vier Jahren seine Frau verloren und nun seine Tochter, was nützen da Erfolg und Ruhm? Krähen krächzen, neblig das Land. Der Friedhof liegt abgelegen. Zu den Schlägen einer Glocke kondoliert man drei Personen: neben Génessier stehen Jacques, ein junger Doktor, Génessiers Assistent und Verlobter Christianes; sowie Louise, von der einer der beiden Männer sagt, man nenne sie Génessiers „Sekretärin“. Eine Fremde im übrigen. Alida Valli eben.
Jacques verabschiedet sich. Génessier und Louise bleiben bei der Gruft der Génessiers zurück. Louise, aufgewühlt, fleht Génessier an, ebenfalls zu gehen. Génessier erklärt, daß er die Dinge ordnungsgemäß getan haben will. Er nimmt den großen Blumenkranz mit der Schleife, auf der steht A ma fille bien aimee (Meiner geliebten Tochter) und betritt die Gruft. Louise, im glänzend schwarzen Lackledermantel, folgt ihm hinein, Tränen glänzen in ihren Augen; sie bittet Génessier noch einmal, daß sie gehen mögen, sie ertrage es nicht mehr. Génessier ohrfeigt sie und befiehlt ihr, zu schweigen. Allein durch das schimmernde Licht des Wahnsinns in den Augen der dem Professor hörigen Alida Valli, allein durch ihr Zerrissensein zwischen Angst und bedingungsloser Ergebenheit, ist vollends klar: das in die Gruft gelegte Mädchen ist nicht Christiane.
Génessier und Louise fahren zurück in ihr Reich, vorbei am Klinikgebäude, vorbei am Schild, das Patienten und Besuchern den Zugang zur Nähe der Villa untersagt. Louise steigt aus dem Wagen und begibt sich ins Haus, Génessier fährt den Wagen vor seine Garage. Als er die Garagentür öffnet, ist das Bellen und Jaulen von offenbar sehr vielen und sehr aufgebrachten Hunden zu hören. Wie das Geheul von Kreaturen am Eingang in die Unterwelt.
Die Garage hat einen direkten Zugang zur Villa. Génessier steigt langsam die Treppen empor. Vor der letzten Tür ganz oben bleibt er stehen und horcht. Musik erklingt. Scheinbar munter, heiter, und doch wie derangierter Mozart. Im Zimmer befindet sich ein Vogelkäfig. Zarte, gefangene Kreaturen. Auf einer Récamière liegt eine junge Frau, das Gesicht in den Kissen verborgen. Im Zimmer befindet sich jetzt auch Génessier, der die Musik aus dem Radio abstellt. Auf dem Nachttisch ein Papier, das Génessier in die Hand nimmt. Barsch fragt er das Mädchen, wo sie dies Papier gefunden habe, das Herumstöbern gefalle ihm nicht. Das Papier ist die Todesanzeige für Christiane Génessier. Das Mädchen, das die Todesanzeige gefunden hat, ist Christiane Génessier.
Génessier fragt, was sie denn phantasiere, wenn sie ihren Namen schwarz umrandet sehe. Christiane antwortet, sie brauche nichts zu phantasieren. Sie sehe den Schrecken, sie lebe den Schrecken. Sie fragt ihren Vater: was hast du nun wieder getan; ein Augenblick, in dem ihre Stimme scharf und verzweifelt klingt. Ihr Gesicht bleibt abgewandt.
Génessier sagt: Ich tat, was ich tun mußte. Alles, was ich tue, tue ich für dich. Er sagt: Das Mädchen ist an den Folgen der Operation gestorben. Ich habe das Wagnis auf mich genommen, sie für dich auszugeben. Wenn die Leute dich für tot halten, werden sie keine Fragen stellen. Sie werden nicht versuchen, herauszufinden, was hier vorgeht. Génessier beugt sich über seine Tochter, berüht ihr Haar, ihren Arm. Das Mädchen hebt plötzlich und rasch den Kopf. Noch immer sehen wir nur ihr Haar. Génessier hält ihren Kopf fest und sagt: Christiane… deine Maske! Er sagt: Du mußt es dir zur Gewohnheit machen, sie zu tragen.
Wieder birgt Christiane ihr Gesicht in das Kissen. Sie beginnt zu weinen. Gewohnheit, wiederholt sie. Ein Wort nur, und die ganze Verzweiflung Christianes ist deutlich; ihre Vertrautheit mit der Hoffnungslosigkeit, der Vergeblichkeit, dem Wunsch zu sterben. Génessier streichelt seine Tochter tröstend und bittet sie, nicht mehr zu weinen. Er werde Erfolg haben. Sie sagt, sie glaube nicht mehr daran. Sie liegt auf dem Bett wie ein junges Mädchen mit Liebeskummer. Aber Christiane weiß, sie wird nie mehr Liebeskummer haben, wird nie mehr einen Menschen lieben, hassen, verwünschen oder herbeisehnen können, sie wird nie mehr unter Menschen sein. Christiane Génessier hat kein Gesicht mehr.
Louise erscheint im Zimmer. Zufall oder kein Zufall, daß Génessier im selben Augenblick seine verzweifelte Zärtlichkeit gegen patriarchalische Strenge eintauscht: Christiane habe keinen Grund, an ihm zu zweifeln. Er sei ein Mann von hervorragenden Eigenschaften, oder nicht? Christiane werde wieder ein Gesicht haben, er gebe sein Wort. Langsam wendet er sich ab und verläßt das Zimmer.
Christiane sagt: Man erlaube ihr keine Spiegel, aber sie könne ihre Erscheinung im Fensterglas sehen. Und es gebe andere glänzende Oberflächen… Messerklingen, lackiertes Holz… ihre Stimme ist ein gehetztes Wispern jetzt. Ihr eigenes Gesicht jage ihr Schrecken ein; ihre Maske erschrecke sie noch mehr.
Louise sagt zu Christiane: Haben Sie Vertrauen. Sehen Sie mich an. War er nicht bei mir erfolgreich? Die Szene läßt das Blut gefrieren: Alida Vallis strenge, glühende Schönheit ist zustandegekommen unter einem blitzenden Skalpell.
Christiane: Sie aber hatten noch ein Gesicht; verwüstet vielleicht, aber nicht zerstört wie meines. Er lügt mich an, weil er weiß, daß es seine Schuld ist.
Louise: Es war ein Unglück, ein Autounfall.
Christiane und Louise blicken sich an. Louise blickt ohne Schrecken in das Gesicht, das wir immer noch nicht sehen, anteilnehmend, mitempfindend.
Christiane: Er muß alles dominieren, immer, sogar auf der Straße. Er ist gefahren wie ein Dämon, wie ein Wahnsinniger. Ich wollte sterben nach dem Unfall – warum hat er mich am Leben gehalten? Ich möchte blind sein… oder tot.
Wieder beginnt sie zu weinen. Louise nimmt Christianes Kopf in ihre Hände, tröstet sie, hilft ihr, sich aufzurichten – und legt ihr die Maske an.
Und so sehen wir Christiane: die großen, traurigen, verzweifelten Augen hinter der unheimlichen weißen Maske.
Louise kämmt Christianes Haar. Christiane blickt Louise an mit Augen, die zu lesen versuchen. Die zu fragen scheinen: warum das alles noch. Warum tust du dies, was gibt es noch, das du mir sagen kannst. Augen, die hinter den ausgeschnittenen Löchern der Maske ein so einsames Leben führen, als blickten sie schon aus einem Jenseits durch zwei Löcher in der Mauer des Todes. Aber – und man kann es nicht beschreiben, man muß es gesehen haben – auch das Mädchen, das Christiane einmal gewesen ist, lebt noch in diesen Augen, und es lebt – dies die unfaßbare Leistung der Schauspielerin Edith Scob – nur in diesen Augen. Die zusehen, wie Louise den Raum verläßt, Augen voller Schrecken, aber zugleich endlos weit entfernt von allem, was sie sehen.
Christiane erhebt sich, mit der Maske wirkt sie wie eine lebendig gewordene, traurige Schaufensterpuppe, ihre Zerbrechlichkeit noch gesteigert durch den weiten Kragen an ihrem hellglänzenden Engelsmantel. Sie geht zu einer Kommode, auf der ein Bilderrahmen steht – Jacques, ihr Verlobter. Nur durch die Bewegung, mit der Christiane sich davon wieder abwendet, erraten wir ihr Innerstes. Die herzzerreißende Einsamkeit des Mädchens wird illustriert durch die Musik auf dem Soundtrack, die an ein Karussell aus Kindertagen denken läßt. Christiane lauscht vorsichtig an ihrer Zimmertür, huscht dann hinaus, schleicht die Treppe hinab. Sie öffnet die Tür zum Arbeitszimmer. Sie berührt etwas an der Wand; ein geschwärzter Spiegel. Sie nimmt den Telefonhörer ab und wählt eine Nummer. Die Stimme eines Mannes: Hallo? Wer ist da? Antworten Sie doch! Christianes Augen blicken sehnsüchtig in weite Ferne, während sie der Stimme lauscht; dem Mann, den sie verloren hat für immer, einen Moment lang nah. Jacques legt auf. Christiane weiß, daß es so sein muß. Mit hoffnungslosem Schmerz blickt sie sich im Zimmer um. Ein Gemälde an der Wand zeigt ein junges, bezaubernd schönes, anmutiges Mädchen mit einer weißen Taube auf dem ausgestreckten Arm. Wohin Christiane sich auch wendet, ihr kann nur noch begegnen, was unwiederbringlich verloren ist für sie.




Paris. Eine lange Menschenschlange vor einem Theater. Am Ende der Schlange das Mädchen, das Louise beobachtet hat. Dann der entstellte Walzer. Dann Louise. Im Hintergrund ein Plakat: Victimes du Devoir, Ionesco.
Louise gewinnt das Vertrauen des Mädchens, von dem sie weiß, daß es eine Unterkunft sucht. Edna Gruber ist ein Mädchen aus der Schweiz, weit weg von zuhause. Bald treffen sie sich in einem Café. Louise sagt, sie habe es kaum abwarten können, die gute Neuigkeit zu überbringen: sie habe für Edna eine Bleibe gefunden. Der Garcon fragt, was die Dame wünsche. Louise sagt: La même chose pour Mademoiselle. In der Tat. Edna erwartet dasselbe wie Simone Tessot.
So fährt Louise mit ihrem 2CV den langen Weg zur Villa Génessiers, und Ednas Unbehagen wächst mit jedem Kilometer. Als sie das Haus erreichen, bellen die Hunde ihr Höllenhundbellen. Edna fragt, was auch wir uns fragen: wie viele sind das? Die Begegnung mit Génessier entnervt Edna vollends. Im Innersten bereits zu Tode erschrocken, gibt sie vor, der Weg hierher sei ihr zu lang. Beide Seiten wahren Höflichkeit, die eine lauernd, die andere einen Ausweg suchend. Génessier gießt ein Glas mit Wein ein, den Edna bereits abgelehnt hat – und überfällt sie dann urplötzlich, das schreiende Mädchen mit Chloroform betäubend.
Génessier und Louise tragen das Mädchen ihrem Schicksal entgegen. Christiane sieht von der Treppe aus zu und folgt den beiden heimlich. Erneut ist das enervierende Gebell der noch unsichtbaren Hunde zu hören. Edna wird zunächst in die Garage getragen und dann durch eine geheime Tür, hinter der Génessiers chamber of horrors liegt. Christiane wartet in der Garage. Als Génessier und Louise wieder erscheinen, erklärt der Doktor, er werde nach dem Abendessen mit der Arbeit beginnen. Dieses Mal müsse er es mit einem größeren Transplantat versuchen, das er als Ganzes ablösen wolle.
Die Rede ist von Haut. Von der makellosen Haut einer jungen Frau.
Als die beiden die Garage verlassen haben, schleicht Christiane durch die offen gelassene Tür in das düstere Sanctum Sanctorum, die Arme gestreckt, die Hände leicht gespreizt – wie eine schwebende Sylphide.



Sie öffnet eine weitere Tür. Da sind die Operationstische, das kalte Labor des mad scientist. Das Hundegebell ist lauter geworden. Auf einem der Tische liegt die bewußtlose Edna, der Génessier die Gesichtshaut abzulösen im Begriff steht. Christiane tritt zu ihr. Wir sehen ihr Gesicht nicht, doch wir sehen, was sie fühlt. Sie dringt tiefer in das Dunkel, öffnet eine letzte Tür und macht Licht: da sind die Hunde, vielleicht ein Dutzend, einzeln eingesperrt in Käfige. Das infernalische Bellen verebbt, als Christiane wortlos mit den Tieren kommuniziert. Sie streichelt einen großen Hund, der sich aufgerichtet hat, legt ihren Kopf an seinen, streichelt und beruhigt auch einige der anderen Hunde – verlorene Kreaturen unter sich.
Christiane geht zurück in das Labor, macht auch hier Licht, nimmt vor einem kleinen Spiegel ihre Maske ab, doch ihr Gesicht ist noch nicht zu sehen. Sie geht an den Operationstisch, auf dem Edna festgezurrt ist. Mit ihren schönen, schlanken Händen tastet sie das Gesicht des Mädchens ab. Edna erwacht aus ihrem Chloroformrausch, blinzelt, und mit Ednas vernebelten Augen sehen wir jetzt zum ersten Mal das entstellte Gesicht Christianes – vielmehr, wir sehen leuchtende Augen in einer dunklen Masse. Ednas Augen fallen zu, doch als ihr Hirn begriffen hat, was sie da sah, reißt sie die Augen wieder auf und schreit; jetzt sehen wir Christianes Gesicht deutlicher, die Augen in dem hautlosen Gesicht. Christiane weicht langsam zurück. Die Hunde bellen.
Dann wartet Les yeux sans visage mit Szenen auf, die bis dahin medizinischen Ausbildungsfilmen oder Greueldokumentationen vorbehalten waren. Génessier und Louise in weißen Kitteln: sie ist ihm behilflich beim Anlegen des Mundschutzes, er spannt seine Chirurgenhandschuhe aus Plastik. Génessier zeichnet mit schwarzem Stift auf dem Gesicht des bewußtlosen Mädchens die Linie, an der er die Gesichtshaut abzutrennen intendiert. Vom Nachbartisch ist das noch in der Betäubung angstvolle Seufzen Christianes zu hören, ihr Gesicht ist mit einem Tuch abgedeckt. Dann reicht Louise ihrem Gebieter das Skalpell.
Génessier schneidet an seiner Vorgabe entlang. Blut tritt aus, voluminöse Tropfen rinnen an Ednas Hals herab. Louise tupft zunächst das Blut, dann den Schweiß von Génessiers Stirn ab. Dann werden die Linien um Ednas Augen gezeichnet. Auch dort trennt das Skalpell Edna von ihrem Aussehen. Das Geklapper der chirurgischen Instrumente ist zu hören, Schnitt für Schnitt leidenschaftlos dokumentarischer Blick, Zange für Zange wird festgeklickt an den Schnitträndern. Nur das schwere Atmen Génessiers und das Geräusch, wenn Louise ihm ein Instrument aus kaltem Metall in seine plastikumhüllte Hand klatscht, sind zu hören; ansonsten peinigen die Minuten mit Stille: „(…) an almost believable surgical accuracy that is nauseating“ (Frank 1974, 108). Die Gesichtshaut des Mädchens beginnt sich auf ihrem Kopf zu bewegen. Und dann heben Génessier und Louise an den Klammern das Antlitz ab, das Christianes werden soll. Kurz ist darunter das nackte Fleisch zu sehen, dann – Schnitt.


Hellichter Tag, Génessier: Hat sie gegessen? – Louise: Ja, sie hat gut gegessen. Sie verging. Dieses Mal ist sie glücklich. Dieses Mal hat sie Vertrauen. – Génessier: Endlich. – Louise: Ich zeigte ihr, wie gut alles verheilt. Es wirkt vollkommen. So viel besser als gestern. – Génessier: Ich habe Angst. – Louise: Nein. Auch ich glaube, dieses Mal. – Génessier: Ich kann nur hoffen. Könnte ich es wirklich erreichen… Gott, es wäre nicht mit Gold aufzuwiegen. Ich habe so oft Unrecht getan, daß ich dieses Wunder vollbringen muß. Ich habe auch dir Unrecht getan. – Louise: Ich weiß. Doch ich werde niemals vergessen, daß ich dir mein Gesicht verdanke. – Génessier: Ich vergesse es zuweilen.

Mit schier unmenschlichem Kraftaufwand zischt Génessier all seine Worte hervor, steinern geworden vor innerer Anspannung.
Louise: Mit Recht vergißt du es. So wenig ist nur noch zu sehen.
Louise hebt ihre fünfreihige Perlenkette, die sie um den Hals trägt; eine Narbe wird sichtbar. Génessier küßt ihr beschwichtigend die Hand, die er damit zugleich von der noch sichtbaren Spur wegzieht.
Louise fragt, was mit Edna geschehen soll. Génessier antwortet: bring ihr etwas zu essen, ich werde es dich später wissen lassen. Bei seinen letzten Worten wendet sich Génessier schon wieder ab – letztlich unfähig, wie es auf Englisch heißen würde, to face someone. Übersetzt: jemandem ins Gesicht sehen. Génessier gibt der Wendung to face someone eine zweite Bedeutung: jemanden mit einem Gesicht versehen. Er, der seiner Tochter ein Gesicht zu verschaffen sucht, kann kein Gesicht ertragen.
Blick durch das kleine Fenster einer Tür, hinter der Edna auf einer Pritsche liegt, den Kopf bandagiert. Sie hört einen beunruhigenden, unidentifizierbaren Krach; nur ihre Augen sind durch den Schlitz der Bandagen zu sehen. Sie birgt den Kopf wie zuvor Christiane. Louise tritt ein. Wortlos wäscht sie sich die Hände. Den Krach hat der metallische Wagen verursacht, auf dem Louise das Essen bringt. Das Mädchen regt sich nicht. Louise tritt an den Wagen. Plötzlich richtet Edna sich auf und schlägt Louise eine Flasche auf den Kopf. Sie flieht in die Garage, will das Tor von innen öffnen, hört aber draußen Génessiers Wagen. Sie läuft zurück ins Haus, alle Treppen empor, Génessier folgt ihr. Edna ist in einem Zimmer verschwunden. Génessier hört einen Schrei. Edna hat sich aus dem Fenster gestürzt. Ihre toten Augen blicken blicklos aus dem Bandagenschlitz.



In tiefer Nacht sind Génessier und Louise zum Friedhof gefahren. Während Louise entsetzt Wache hält, öffnet Génessier die Gruft, dann das Grab, das langsam zum Massengrab wird: Edna Gruber wird von Génessier in die Grube geworfen.
Auf der Polizeiwache erinnert sich Ednas Freundin an das Perlencollier, das die mysteriöse Frau, die ihnen gefolgt war, wie einen Schal um den Hals trug. Inspektor Parot und sein junger Kollege halten fest: eine Reihe von Mädchen, auf mysteriöse Weise verschwunden. Alle Studentinnen. Blaue Augen, dasselbe Alter, derselbe Typ. Der Kollege hat auch ein Mädchen mit blauen Augen am Tisch sitzen. Unbedeutender Ladendiebstahl. Französische Ermittler können jungen Schönheiten milde begegnen. Parot sagt: laß sie gehen, aber schreib dir ihre Adresse auf.
Génessier, Louise und Christiane beim Abendessen.
Génessier: Ich war meines Erfolges gewiß. Und du hast an mir gezweifelt. Jetzt hast du dein wunderschönes Gesicht.
Wir sehen es, Christianes wunderschönes Gesicht. Schön, fragil und traurig. Als könne sie nicht lächeln. Diese Szenen, in denen Christiane ein Gesicht hat, sind, bei aller Faszination, die von diesem Antlitz ausgeht, die surrealsten des ganzen Films.
Génessier: Dein wahres Gesicht.
Die großen Augen schillern zwischen Unbehagen und tödlicher Melancholie. Christiane nickt, zögernd, wie gegen ihren Willen. Die großen Augen schillern zwischen dem vergeblichen Versuch, zu vertrauen, und unterdrücktem Horror.
Génessier: Du kannst wieder beginnen zu leben. – Christiane: Aber wie können wir den anderen erklären, daß ich noch lebe? – Génessier: Zuerst wirst du eine lange Reise machen. Ich werde dir Papiere besorgen. Du kannst dir einen neuen Namen aussuchen. Das wird aufregend. Ein neues Gesicht; eine neue Identität.
Als Louise das Wort an Christiane richtet, wendet sich Christiane rehscheu zu ihr, erschütternd in ihrer zerbrechlichen Schönheit.
Louise: Sie sind schöner denn je. Etwas Engelgleiches ist um Sie.
Christianes Antwort gibt dem namenlosen Horror einen Namen. Sie sagt: Wenn ich in einen Spiegel blicke, scheint es mir, als würde ich jemanden sehen… der aussieht wie ich, und der zurückkehrt aus weiter, weiter Ferne.
Wenn Christiane in einen Spiegel blickt, blickt sie in das Reich der Toten. Aus dieser weiten Ferne kommt ein Mädchen zurück, um stumm Christianes Antlitz zu beanspruchen.
Christiane: Und Jacques? – Génessier: Jacques? Gewiß, das ist natürlich ein Problem… ich werde es ihm erklären. Lächle doch.
Christiane sieht ihren Vater an mit Wehmut in den Augen und Bitterkeit auf den Lippen. Ihre Seele kennt kein Lächeln mehr. Sie versucht es dennoch, sich überwindend, die Augen schreien tausend Fragen.
Génessier: Nicht zu sehr.
Sofort verfliegt Christianes Lächeln und wandelt sich in Schrecken. Tausend Fragen wandeln sich zu einer: Warum?
Génessier macht nur eine Geste mit den Händen. Das Telefon hat geklingelt. Génessier wird zu einem Notfall gerufen. Er küßt Christiane auf die Stirn. Er scheint etwas an ihrem Gesicht zu entdecken. Er hebt sie an den Schultern aus ihrem Stuhl, um sie genauer betrachten zu können, streicht ihr das Haar aus der Stirn.



Wir müssen nichts sehen, um aus dem kurzen Moment des Glücks, den wir bei allem Greuel, bei allem Metzeln und Morden, bei aller Monstrosität Génessiers mit Christiane zu teilen wünschten, in neuerlichen Schrecken gestürzt zu werden. Wir wissen, daß die Hoffnung vergeblich war. Wir hatten vergessen, daß Christiane es von Anfang an wußte.
Génessier: Du benutzt kein Make-up, hoffe ich? – Christiane: Nein, warum? – Génessier: Nichts. Du bist schön, das ist alles.
Aber er scheint schwer besorgt. Auch Louise hat es gemerkt. Im Dunkel des Gartens fragt sie ihn nach der Wahrheit. Sie weiß, daß er lügt. Sie habe gelernt, in seinem Gesicht zu lesen. (Es sagt viel über ihre Beziehung zu Génessier, daß sie in einem völlig unbewegten Gesicht zu lesen weiß).
Mit tonloser Stimme gibt er zu: Es ist mißglückt.
Wir nehmen Abschied von Christianes porzellanschönem Antlitz. 20. Februar: Eine Woche nach der Heilung erscheinen kleine verfärbte Flächen. Eine niederschmetternd nüchterne Reihe von Großaufnahmen dokumentiert den Verlauf der von Génessier in voice-over beschriebenen Zerstörung von Christianes Gesicht. Nach ein paar Tagen: beim Abtasten werden subkutane Knötchen fühlbar. 12. Tag: Absterben des übertragenen Gewebes evident. 20. Tag: Geschwürbildungen; Entzündungen; Anzeichen der Abstoßung des Transplantats. Das tote transplantierte Gewebe muß entfernt werden.
Louise betritt Christianes Zimmer, die weiße Maske in der Hand. Christiane liegt stumm verzweifelt auf dem Boden, erneut ihr Gesicht verbergend.
Génessier steht vor einem auf dem Operationstisch festgeschnallten Hund und betrachtet ein an dessen Flanke transplantiertes Fellstück. Bei jedem Hund, so sagt er zu sich selbst, gelinge es. Doch er komme einfach nicht über das Bestialische hinaus.
Christiane schleicht in der Nacht zum Telefon. Jacques‘ Reaktion läßt erkennen, daß dies zum wiederholten Mal geschieht: er bittet die Person am anderen Ende, endlich zu sprechen. „Jacques…“ haucht Christiane mit einer Jenseitsstimme, die ihm das Mark gefrieren läßt. „Jacques…“ Er blickt ungläubig den Hörer an. Er den Anruf einer Toten erhalten.
Aber vielleicht hört er noch die Stimme von Louise am anderen Ende: „Christiane!“ – Louise nimmt ihr den Hörer aus der Hand und legt auf.
Louise: Christiane, sind Sie wahnsinnig geworden? Wen haben Sie angerufen? – Christiane: Niemanden.
Jeder ist niemand für eine, die selbst niemand mehr ist.
Christiane: Ich weiß, die Toten sollten schweigen. Dann will ich aber auch wirklich tot sein. Ich ertrage es nicht mehr… Angst vor meinem eigenen Gesicht zu haben… Angst davor, es zu berühren…
Die Lippen der Maske bewegen sich nicht, wenn Christiane spricht. Das ist unheimlich. Dann rollen Tränen über die Maske. Das ist herzzerreißend. Louise nimmt Christiane verzweifelt in den Arm und versucht erneut, sie an Génessiers Erfolg glauben zu machen.
Christiane: Sie lügen! Er experimentiert mit mir, als wäre ich einer seiner Hunde. Ein menschliches Versuchsobjekt. Welch Gottgeschenk für ihn.
Christiane will sterben. Sie wispert Louise den heißen Wunsch ins Ohr, eine von den Injektionen zu erhalten, mit denen Génessier sich seiner Hunde entledigt, wenn etwas schiefgegangen ist. Dann sinkt sie ohnmächtig zu Boden.
Jacques erklärt dem Inspektor: es war Christianes Stimme, er sei sicher. Als der zunächst ungläubige Inspektor zufällig auf den Hinweis zu sprechen kommt, der das auffällige Perlencollier betrifft, läutet bei Jacques eine Glocke.
Die Trägerin der Perlenkette steckt sich derweil in ihrem 2CV entschlossen eine Zigarette zwischen die Lippen, in der Nähe der Sorbonne Studentinnen beobachtend.
Französische Ermittler sind nicht mehr so gönnerhaft weiblicher Schönheit gegenüber, wenn sie beim Ladendiebstahl erwischte Mädchen für ihre Zwecke einsetzen können. Dem Mädchen, Paulette Mérodon, wird erklärt, was sie tun muß, um Gerichtsverhandlung und Gefängnis zu umgehen: ihre Haare blondieren und sich mit vorgetäuschten Kopfschmerzen in Génessiers Klinik begeben. Jacques ist eingeweiht.
Am nächsten Morgen visitieren Génessier und Jacques das Krankenbett der jungen Paulette. Génessier stutzt nicht so sehr wegen des entzückenden Nachthemds, das sie trägt. Er ordnet eine Untersuchung der Augen und ein Elektroenzephalogramm an.
„Un eléctro… encéphalogramme…“ wiederholt Paulette, als sie allein ist. Génessier hat bereits beschlossen, daß Paulette nicht mehr allzu viel Zeit bleiben soll, um neue Worte zu lernen.



Im nächsten Zimmer wartet ein kleiner Junge in seinem Bett auf Génessier und Jacques. Génessier erscheint warmherzig, als er den Jungen zu beruhigen sucht. Génessier will von dem Jungen wissen, wie viele Finger er hochhalte. Es sind vier, die der Doktor nicht allzu weit entfernt in die Höhe hält. Der Junge blickt angestrengt: „Drei.“ – „Und jetzt, wie viele?“ (Es sind 3).
„Drei. Nein… zwei!“
Sehr langsam wechselt Doktor Génessier darauf seine Brille. Der Junge wagt ein scheues Lächeln zu seiner Maman.
Die Maman fragt den Doktor nach seiner Meinung. Mit Grabesstimme erklärt Génessier, er habe sehr viel Hoffnung. Ob er dem Jungen helfen könne? Auf die Worte, die er immer hört, sagt er die Worte, die er immer sagt: Gewiß. Vertrauen Sie mir.
Auf dem Korridor fragt Jacques ihn nach seiner Prognose. Génessier fragt zurück: was ist Ihre? Dabei blickt er Jacques nur kurz an, und ohne eine Antwort abzuwarten, sagt er, sich zum Gehen wendend: Wir stimmen überein.
Die schöne Paulette folgt mit Elektroden am Kopf den Anweisungen der Schwester: Augen schließen… Augen öffnen… Génessier betritt den Untersuchungsraum, wirft einen Blick auf die Aufzeichnungen der Nadel und einen merklich interessierteren Blick auf Paulettes Gesicht.
In seinem Zimmer trifft er Jacques. Keine Anzeichen, daß dieser Paulette Mérodon etwas fehlt, raunt er. Auch das Elektroenzephalogramm ergibt nichts. Er weist die Schwester an, Paulette Mérodon noch am selben Abend zu entlassen. So werde ein Bett frei. Für eventuelle Notfälle.


Paulette tätigt, bevor sie die Klinik verläßt, an der Rezeption einen Anruf bei ihrer Mutter und fragt die Nachtschwester, wie man nach Paris zurückkomme. Die Bushaltestelle sei eine Viertelstunde entfernt, antwortet die Schwester. Doch gerade als Paulette einen langen Gang durch dunkle Nacht beginnt, ertönt das verdrehte Walzermotiv. Und kurz darauf steigt Paulette zu Louise in den 2CV.
Jacques informiert Inspektor Parot darüber, daß Paulette die Klinik verlassen hat. Parot will überprüfen, ob Paulette sicher zu Hause angelangt ist.
Paulette ist auf Génessiers Operationstisch angelangt, und da sie bewußtlos ist, spürt sie nicht, wie der Doktor eine schwarze Linie auf ihr Gesicht zeichnet. Und wir wissen nicht, was ihm die Gewißheit gibt, daß dieser Versuch gelingen wird. Wir wissen aber mittlerweile, daß Génessier diese Gewißheit hat.
Louise unterbricht die Vorbereitungen. Zwei Männer würden ihn in der Klinik erwarten. Das Mädchen mit dem markierten Gesicht bleibt angeschnallt zurück. Die Kamera schwenkt: in der Ecke sitzt Christiane mit ihrer Maske, denen nachblickend, die nicht das Wort an sie gerichtet haben.
Inspektor Parot ist mit seinem jungen Kollegen erschienen, um zu prüfen, ob Paulette Mérodon an diesem Abend die Klinik verlassen habe.
Génessier: Woher wissen Sie, daß sie heute entlassen werden sollte? – Parot: Sie hat ihre Mutter angerufen, um zu sagen, daß sie zurückkommt. Aber sie kam nicht zurück.
Génessier gibt die Frage, ob Paulette die Klinik verlassen hat, an die Nachtschwester weiter.
Génessier: Sie interessieren sich also für diese junge Dame? – Parot: Ja. Sie ist in einen Fall verwickelt, und wir wollten heute mit ihr reden. – Génessier: Ich fürchte, da kommen Sie ein wenig zu spät.
Die Schwester findet das Entlassungspapier und erinnert sich an Paulette. Parot und sein Kollege entschuldigen sich für die Störung. Jacques verläßt mit ihnen zusammen das Gebäude. Auch er entschuldigt sich bei den Ermittlern. Die beiden sind voller Verständnis. Parot sagt, sie seien es gewohnt, falschen Spuren nachzugehen. Und überhaupt verstehe Parot, was in Jacques vorgehen muß. Immer noch ein verständnisvolles Wort wird gesucht, und die Szene dehnt sich derart in die Länge, daß wir für Paulette schon das Schlimmste befürchten.
Endlich zurück zu Paulette. Sie atmet schwer, schluckt, erwacht. Festgeschnallt. Verfällt in Panik, bricht in Tränen aus. Christiane sieht ihr zu und schüttelt langsam den Kopf. Sie erhebt sich und geht langsam auf Paulette zu. Jetzt erst erblickt Paulette Christiane mit ihrer Maske. Christiane nimmt ein Skalpell, was Paulette aufschreien läßt; aber Christiane schneidet die Gurte durch, die Paulette fesseln.
Da erscheint Louise. Schweigend erhebt Christiane das Skalpell. Louise sagt: Legen Sie das hin. Von hinter der Maske ertönt ein gedämpftes „Non.“ Im nächsten Augenblick steckt das Skalpell zwischen den Perlenreihen des Colliers, das Louise trägt. Dort, wo die Narbe war. The old wound fever.
„Pourquoi?“ haucht Louise, das Skalpell im Hals, Tränen treten ihr in die Augen, die ungläubig und fast mitleidig blicken, dann sackt sie an der Wand zusammen – der dunkle Engel des Todes vom hellen Engel des Todes getötet.
Paulette ergreift die Flucht. Christiane wendet sich stumm ab. Auch zwischen ihnen ist kein Wort gefallen. Christiane existiert außerhalb von allem.

Sie geht zu denen, mit denen sie etwas gemeinsam hat. Sie läßt die Hunde aus den Käfigen frei. Bellend jagen die Tiere davon. In die Richtung, in der es auch für sie noch etwas zu tun gibt. Während Christiane auch die weißen Tauben aus ihrem Käfig befreit, wird Génessier von seinen eigenen Hunden zerfleischt, sein Gesicht entstellt.
Eine Taube ist auf Christianes Schulter geflogen. Sie trägt sie auf ihrer Hand ins Freie. Mit märchenhafter Grazie, wie auf dem Gemälde. Christiane wandert hinaus in die Nacht, in der nur sie ist, sie und die weißen Tauben, die um sie herum schweben. Eine Szene von purer Magie, der Film erreicht mythische Qualität mit diesem Bild wie aus einem dunklen Märchen.
„The French news magazine L’Express noted the audience ‚dropped like flies‘ during the heterografting scene.“ (wikipedia) Die Aufführung von Les yeux sans visage beim Edinburgh Film Festival 1960 führte zu sieben Ohnmachtsanfällen. Die Filmkritikerin Isabel Quigly schrieb in The Spectator, Eyes Without A Face sei „the sickest film“, der ihr je untergekommen sei. Das Horrorgenre war ein verrufenes Genre, und Les yeux sans visage war ein verrufener Film, der ein traumatisiertes Publikum hinterließ. Allein, was Pierre Brasseur, Alida Valli und – vor allem, weil nahezu den ganzen Film hindurch ohne Mimik, nur durch die Augen und die Sprache ihres Körpers – Edith Scob in diesen Film veranstalten, erreichen andere Schauspieler im Leben nicht, selbst wenn sie King Lear oder Medea spielen.
Edith Scobs feinfühlige Fragilität und Alida Vallis dunkel glimmende Hingabe sind die Pole, zwischen denen die Grausamkeit des von Schuld zerfressenen mad scientist als Akt perverser Zärtlichkeit oszilliert. Génessier sucht Erlösung von seiner Schuld. Nur deshalb, nicht für sich, erduldet Christiane, die schon weit jenseits aller Tränen ist, seine Versuche, sie in ein Leben zurückzureißen, in dem es noch Tränen gibt, ein Lächeln indes nicht mehr.
Génessier, verantwortlich dafür, daß seine Tochter aus der Form des Menschlichen gerissen ist, lädt im manischen Versuch, seine Schuld zu tilgen, immer neue Schuld auf sich; für die Erlösung tötet er. Er scheitert immer fataler, je mehr er sich weigert, sein Scheitern hinzunehmen. Dieser scientist ist mad, weil er sich nicht mehr dafür interessiert, wieviel Schuld in seiner Sühne steckt. Mit diabolischem Ingrimm sucht er Verwüstung von Schönheit zu beheben, indem er andere Schönheit verwüstet, und Leben zurückzugeben, indem er anderes Leben vernichtet. Génessier selbst besteht aus unsichtbaren Masken: seine Schroffheit der Welt gegenüber maskiert Indifferenz, seine Indifferenz maskiert Obsession, seine Obsession maskiert Zärtlichkeit, seine Zärtlichkeit maskiert Grausamkeit.
Christiane erlebt mit dem Verlust ihrer Gesichtszüge den Verlust ihrer Identität. Als sie post-operativ für kurze Zeit in engelhafter Schönheit leuchtet, ist es die Schönheit einer Fremden für sie; mehr noch: sie muß das unfaßbare Gefühl durchstehen, mit der Schönheit einer Toten zu leben. Dann ist sie dem Horror der erneuten Desintegration ausgesetzt. Sie, die ihrer humanen Form beraubt ist, fühlt die inneren Grenzen des „Menschlichen“: von Anfang an ungläubig, hoffnungslos und widerwillig, rebelliert sie schließlich dagegen, daß ihr Vater gegen das Unabänderliche aufbegehrt, und befreit, bevor sie sich ein- für allemal entzieht, die anderen Opfer der grausamen Experimente ihres Vaters. Sie selbst war schon immer jenseits der Erlösung.
Sie ist von Anfang an das Opfer ihres Vaters: vor dem Unfall offenbar ebensosehr wie nach dem Unfall. Génessier exerziert seine Obsessionen an seiner Tochter aus, ohne mit ihr zu kommunizieren. Franju „grabbed medical ethics by the horns“ (Clarens 1971, 224); gewiß insofern, als er den Arzt, den klassischen Philanthropen, als Misanthropen zeigt, der für sein Ziel über Leichen geht. Medizin findet sich nicht ab: damit beginnt sowohl ihre Fähigkeit zur Heilung als auch ihr Sadismus. Der mad scientist ist die Extremform des Sich-Nicht-Abfindens, die zu extremen Mitteln greift. Verstörend erinnert Augen ohne Gesicht daran, daß medizinischer Fortschritt stets einhergeht mit exploitation.
Aber es geht nicht nur um medizinische Ethik. Die Obsession Génessiers ist privat. Anders als bei Frankenstein ist Génessiers Auflehnung gegen das „Schicksal“ nicht durch universale Gegebenheiten motiviert. Génessiers Hybris wird virulent in dem Augenblick, da er erkennt, daß „Schicksal“ ein Deckname für Schuld, für individuelle Verantwortung sein kann.
Der Film ist ein Gewebe aus Poesie und klinischer Kälte. Das Horrorpotential der Szenen im Operationsraum liegt in der peinlichen Genauigkeit, mit der die Kamera einen enervierend real wirkenden Vorgang zu übertragen scheint. Auch hier Repulsion und Faszination zu gleichen Teilen; während man sich vor Widerwillen im Sessel windet, wünscht man dem Operateur wenigstens eine ruhige Hand.
Alida Valli als Louise nimmt für Clarens „the bodeful presence of one of Cocteau’s (…) messengers of death“ (Clarens 1971, 225) an. Ein unheilverkündender, weiblicher stalker in den Straßen von Paris. Zwischen Cocteau (Christiane weht durch das Haus ihres Vaters in Szenen von traumhafter Schönheit, die, wie auch die Schlußszene mit den weißen Tauben, an La Belle et la Bête erinnern) und Pulp wird Les yeux sans visage angesiedelt. Augen ohne Gesicht ist getaucht in Ambivalenz: eine Atmosphäre von grausamer Zärtlichkeit, eine Mischung aus Intimität und Indifferenz, aus heißen Tränen und Erbarmungslosigkeit, aus Empathie und messerscharfer Kälte, aus Sehnsucht nach Schönheit und Destruktion von Schönheit, aus Traum und Albtraum; das Ineinander von Humanismus und Sadismus; Distanziertheit, die Abgründe menschlicher Verzweiflung fühlbar macht; ein Zugleich von klinischer Hyperrealität und märchenhafter Poesie; ein Realismus des Surrealen.
Ein Film, dem Hogan „unexpected sentiment“ und „a melancholy beauty“ (Hogan 1997, 66) zuschreibt und der anderen als „One of the most horrifying films of the genre“ (Frank 1974, 108) gilt, als atemlos machende „alliance of poetry and terror“ (Clarens 1971, 225). Les yeux sans visage ist ebenso einflußreich gewesen wie einzigartig geblieben.
Franjus Film hat, als er die Entfernung eines weiblichen Gesichts zeigt, bereits so viel Ergriffenheit und innere Beteiligung am Schicksal Christianes erregt, daß der einerseits durch die kaum erträgliche Deutlichkeit, mit der das Abtrennen der Haut gezeigt (und zu Gehör gebracht) wird, demoralisierte Zuschauer andererseits auch nahezu ent-moralisiert hofft, was auch chinesische Artisten sich vor den Auftritten wünschen: möge die Übung gelingen. Überdies transzendiert die Szene auch den bloßen Schockeffekt: man hat im Zusammenhang mit Les yeux sans visage von the poetry of gore gesprochen.
Als er den Film drehte, erinnerte sich Franju, lautete die Vorgabe: keine Blasphemien, wegen des spanischen Marktes; keine Nacktheit, wegen des italienischen Marktes; kein Blut, wegen des französischen Marktes; keine Grausamkeit zu Tieren, wegen des englischen Marktes. „Und da sollte ich einen Horrorfilm drehen!“
Es ist ihm gelungen.
Literatur:
Carlos Clarens: Horror Movies, London 1971 (first published as „An Illustrated History of the Horror Film“, New York 1967)
Alan G. Frank: Horror Movies, London 1974
David J. Hogan: Dark Romance. Sexuality in the Horror Film, Jefferson 1997 (Reprint der Erstausgabe 1986)



Die Stunde, wenn Dracula kommt
[La maschera del demonio / Black Sunday / Mask of Satan]
1960, Regie Mario Bava
SPIEGEL ONLINE Forum
16.01.2010
AndersSehend:
[Schwarzweiß]: Es ist einfach eine ganz andere Sicht auf die Dinge, Formen, Konturen, Licht, Schatten, Texturen, Kontrast und Komposition (…) In welcher Hinsicht der schwarzweißen „Cinematography“ empfindest du „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ als hervorragend?
In Hinsicht auf Formen, Konturen, Licht, Schatten, Texturen, Kontrast und Komposition. :)
Mario Bava hat Malerei studiert, dann in 20 Jahren als Kameramann schon mit innovativen Lichtexperimenten und ausgetüftelten Spezialeffekten auf sich aufmerksam gemacht. An „La Maschera del Demonio“ machte er sich mit dem Credo: „Beleuchtung macht 70% des Effekts im Horrorfilm“ – die gezielt künstlerische Ausleuchtung als conditio # 1 fürs Schaffen von Atmosphäre. Muß Dir ja dann nicht sagen, was „Nordlicht“ für Marlene Dietrich bedeutete oder was für ein Magier des Lichts George Hurrell war. :) Ähnlich wie Hurrell hat Bava in seiner opulenten Gesamtkomposition für „La Maschera del Demonio“ Licht zentimentergenau eingesetzt.
Das Resultat ist ungeheuer stilvolle Beklemmung, phantastische atmosphäre Dichte, ein visueller Neoromantizismus, der in einer grandiosen Schreckensvision „alle Farben des Dunkels“ („All the Colors of the Dark“ ist der Titel einer Bava-Biographie) offenbart, Furcht als sublimierte Sexualität versteht und das Gesicht der Barbara Steele als Fetisch etabliert. Von der wiederum hat ein Kritiker mal gesagt, sie sei die einzige Schauspielerin, deren Augenlider fauchen können. Der Regisseur Riccardo Freda dagegen: „Her eyes are metaphysical, unreal, impossible, like the eyes of a Chirico painting. There are times, in certain conditions of light and color, when her face assumes a cast that doesn’t appear to be quite human, which would be impossible for any other actress.“
Zu dem, was Du oben über s/w-Photographie sagst: ich denke, daß Schwarzweiß, zumal in einem gothic horror-Film wie diesem, das Unbewußte auf tiefere, mindestens andere Weise anspricht als Farbe. Es entsteht eine Intimität jenseits des „Buchstäblichen“ der Farbe. Was Bava in diesem Film macht, ist allerdings von einer Tiefe, die ihresgleichen sucht. Tiefe auch buchstäblich: es gibt eine Kutschfahrt durch einen nächtlichen Wald, die auf einer winzigen Studiobühne gedreht wurde, der Effekt der räumlichen Tiefe wird nur durch Kameratricks erzielt. Die surreale, dunkle Welt dieses Films scheint auch räumlich nirgendwo zu enden, so daß alles an diesem Film, vom mise-en-scène bis zu den Augen Barbara Steeles, dich geradezu einsaugt.
Die Eröffnungsszene, die ersten 5 Minuten des Films, in der besagte „Maschera del Demonio“ der bereits gebrandmarkten, auf dem Scheiterhaufen stehenden, von einer Meute großen Kerlen um sie herum als „Hexe“, aber wohl auch wegen Inzest verurteilten Asa aufs Gesicht geschlagen wird, wir sind im 17. Jhdt., ist von einer unvergeßlichen Intensität. Es gibt einen subjective shot, durch den wir aus ihren Augen ins Innere der mit Nägeln gespickten Maske sehen. Auch der Schlag des Henkers hat diese Perspektive; ein Thema des Films ist der Akt des Sehens selbst, die Macht des Blicks und die Verwundbarkeit der Augen.
Asa schwört vom Scheiterhaufen, ihr unsterbliches Dasein fortzusetzen. Ihren Geliebten Javutich ereilt das gleiche Schicksal. Vertreter der Wissenschaft, namentlich der Arzt Kruvajan, werden sie unfreiwillig zwei Jahrhunderte später wieder zu Leben erwecken. Barbara Steele spielt sowohl Asa als auch ihre Nachfahrin Katia. 2 Rollen: Opfer und dominante, raubtierhafte Frau.
Bava ist wie eine Kreuzung aus klassischem Universal-Horror und einem monochromen Leonardo da Vinci. Während Barbara Steele sagt, alles am Set sei monochrom gewesen, sagt Tim Lucas, Bava habe mit Lichtern gearbeitet wie bei einem Farbfilm, um verschiedene Werte ins Schwarzweiß zu bringen. Ansonsten arbeitet er virtuos mit Tricks, die Ed Wood nie gelungen sind. Die alle aufzuzählen jetzt, wäre eine Lust, würde aber den Rahmen sprengen. Nur ein Beispiel, für besagte Kutschfahrt durch dunklen Wald trugen Helfer Zweige um die Kamera herum, um die Illusion einer schnellen Fahrt zu erzeugen, Resultat, ein einzigartiger Blick aus dem Kutschfenster, addiert mit ein, zwei faszinierenden Shots durch Baumwurzeln und Zweiggewirr hindurch, die nur als schwarze Schatten den Frame überziehen. Überhaupt steht die Kamera, wenn sie steht, selten da, wo man sie erwarten würde; vornehmlich aber scheint sie ohnehin ein Eigenleben zu haben, als müßte man sie in den Credits aufführen. Sie schleicht herum, sie sucht, sie spürt der evil presence nach, scheint manchmal Teil dieser unheilvollen Präsenz, sie erarbeitet das Böse geradezu. Mehrfach fährt sie langsam in die Flächen von reinem Schwarz hinein, die Teil eines ohnehin schon gruseligen Anblicks sind, wie um den Blick in den Abgrund zu führen und die Unausweichlichkeit des Geschehens zu betonen.
Mit einer Vielzahl anderer Effekte visualisiert Bava, wie sich das Böse einnistet im Schloß Vajda, aber allein der spektakuläre 360-Grad-Shot, mit dem die Kamera einmal die ganze Gruft absucht, in der Asa auf ihre Wiederauferstehung wartet, macht klar, wie oberflächlich der Terror in den meisten nurmehr brutal und blutig daherkommenden Horrorfilmen der Gegenwart ist. Also kurz, Bava wußte, wie man Licht benutzt, um zu zeigen, wie das Dunkle, Abgründige, Böse näherkommt. Aus seiner Erfahrung als Maler heraus ist er hier dazu übergegangen, es nachgerade zu choreographieren. Er kann mit Schichten von Licht arbeiten, das in einer Szene die Akzente verschiebt. In einer anderen Szene läßt er Javutich plötzlich erscheinen, indem er einen Dimmer über ihm aufdreht, aber der Schauspieler steht gar nicht selbst im Frame, wir sehen nur eine Reflektion in einem Spiegel, ohne den Spiegel natürlich – der Effekt ist unbeschreiblich, aber überaus schaurig.
Das Ganze ist eine extrem stilisierte Arbeit, eine atemberaubende Komposition nach der anderen in einer Art gothic Rokoko, manchmal auch an Cocteau-Filme erinnernd, nur daß nie zuvor Horror und Sex-Appeal derart verwoben waren: wenn Barbara Steele als Asa wieder zu Leben erwacht, ist sie zugleich derart erotisch und furchterregend, wie ich es später eigentlich nie mehr in so konzentrierter Form gesehen habe. Tim Burton wollte immer ein Remake von „La Maschera del Demonio“ machen; besser, daß er „Sleepy Hollow“ gemacht hat. :)





18.01.2010
AndersSehend:
Manchmal frage ich mich, wie das zentimetergenau eingesetzte Licht in der Filmpraxis umgesetzt wird, ist es doch bereits bei der „Stilllife-Fotografie“ so, dass die Lichtsetzung und das Mitspielen aller Beteiligten eine Kunst für sich ist, absolut unglaublich.
Zu „La Maschera del Demonio“ fallen mir z.B. diese beiden Szenen ein: Du mußt Dir vorstellen, daß Barbara Steele als Asa, die durch das Blut Professor Kruvajans wieder zu Leben erweckt wird, noch in ihrem Sarg liegt. Die Rückkehr der Augäpfel in die leeren Augenhöhlen hat Bava tatsächlich so gefilmt, daß er zwei poached eggs von unten in die „Augenhöhlen“ einer Wachsmaske heben ließ. Das klingt auf dem Papier lächerlich, aber die Akzentsetzung durch das Licht wirkt Wunder und macht die Szene zu einem Stück denkwürdiger Filmkunst. Noch gezielter arbeitet Bava in dem Moment, als Asas Augen „zurück“ sind, jedoch der Effekt erzielt werden soll, daß sie „noch nichts sieht“. Mit einem wirklich punktgenauen Lichtstrahl akzentuiert Bava dabei das Weiße von Barbara Steeles Augen, und er hatte sie darauf „trainiert“, am Lichtstrahl vorbeizusehen. Der Effekt ist wirklich grandios.



14.01.2007
Ein Gesicht wie kein anderes. Mysteriöse, bizarre, leicht perverse Schönheit, ein Gesicht, in dem sich all die Phantasien fokussieren, um die das Horrorgenre kreist, dieses große ANDERE. Roger Corman wurde poetisch über ihre „Tiefe“, meinte, wenn man in ihre Augen sähe, wäre da „layer upon layer“, Riccardo Freda meinte, unter gewissen Lichtverhältnissen würde ihr Gesicht geradezu nicht mehr ganz menschlich erscheinen. Und jemand anderes, ich weiß nicht mehr wer, formulierte über ihre Doppelrolle in „La Maschera del Demonio“ mal sehr schön: „Steele damn near seduced herself“.
„There is no excellent beauty that hath not some strangeness in the proportion.“ (Francis Bacon)








04.11.2008
Mein frühes Geschäftsmodell, immer schon hinterm Sofa zu sitzen, wenn die erschreckten Mädchen sich verstecken wollten, funktionierte nicht, und so wurde ich dann nolens volens in den Bann des Vampirfilms gezogen. Ich betrachte Barbara Steele als eine meine Erzieherinnen.

Ein Film, den ich bedingungslos liebe und daher jeden berechtigten Einwand als unberechtigt ablehne, ist „Gorky Park“ von Michael Apted, 1983 – Joanna Pacula hinreißend zwischen einer Riege von Ultra-Professionellen wie William Hurt, Lee Marvin, Brian Dennehy, Ian Bannen und Ian McDiarmid als Professor Andrejew, der Chefinspektor Renko (Hurt) erstmal auf den Kopf zusagt, daß er ihn nicht gerade an den ihm bekannten Papa Renko erinnere: „Ihr Zygomaticus ist ja auch von ganz anderer Beschaffenheit und Elastizität!“ – Eigentlich spricht er in diesem Moment überhaupt nur mit dem Kopf.
SPIEGEL ONLINE Forum
10.10.2006
Gwynplaine:
Gorky Park (1983) von Michael Apted. Ein kalter Thriller in kalter Umgebung. Morbid, faszinierend, ich kann’s immer wieder gucken. Vor allem die Gesichtsrekonstruktion durch den Pathologen: sind die Toten doch noch lebendig?!?
Christian Erdmann:
Wahrscheinlich habe ich tatsächlich keinen Film häufiger gesehen als diesen. Obwohl „Moskau“ tatsächlich Helsinki ist, und jeder Bewohner Helsinkis, der den Film sieht, sich wahrscheinlich ins Fäustchen lacht, gelingt dem Film eine atemberaubende Authentizität.
Es war ja zu der Zeit, in der „Gorky Park“ entstand, nicht üblich, Communist Russia auch nur annähernd sympathisierend zu zeigen. Apted aber gelingt das Kunststück, daß man am liebsten selber in Renkos Schrottkarre sitzen würde, die natürlich gerade wieder streikt, als er die durch den Schnee stapfende Irina mitnehmen will. Weil zwischen Schnee, Kälte, Schäbigkeit, Mißtrauen, ständigem Auf-der-Hut-Sein, vor dem System, vor der Skrupellosigkeit von Geschäftemachern, nichts so bedeutend ist wie ein vorsichtig vertrauender Blick aus schönen traurigen Augen, die sonst keinem mehr vertrauen.
William Hurt war nie besser (in my eyes), Lee Marvin ist unfaßbar in seiner faszinierenden Widerlichkeit hier, diese glatte, höfliche, aber immer zweideutige Konversation, die er als Fassade durchhält, bis er beim Showdown schon durch die Art, wie er mit der Knarre in der Hand dasteht und „Renko!“ knurrt, seinen unvergeßlichen Abgang aus der Filmgeschichte vorbereitet (und die Zobel in den Käfigen knurren zurück); Brian Dennehy als Kirwill, dieser Trumm, der als US-Cop in Moskau aufkreuzt, weil sein idealistischer Bruder zu den drei Toten im Gorky Park gehört, und von der stiernackigen Naivität, mit der er die Szene (inklusive Renko) zunächst im Alleingang aufmischen will, zu der quasi viereckigen Verläßlichkeit in der Zusammenarbeit mit Renko gelangt – großartige Schauspieler, alle in Hochform, selbst die Zahnreihe von Ian Bannen ist bei Iamskoys letztem Grinsen in Hochform.
Abgetrennte Köpfe im Kühlschrank hier, da die verhaltene Zärtlichkeit, die schon in den Worten liegt, wenn Renko in seiner kruden Küche mit den Tellern in der Hand sagt: „Das war sehr gut, Irina…“, und Irina antwortet: „Borschtsch kann jeder kochen…“ – irgendwie ist die Wärme in der Kälte das „Je ne sais quoi“ dieses Films für mich.
Klasse auch die Musik: die Art, wie James Horners Soundtrack durch den Tschaikowsky-Walzer knallt, macht die Stimmung klar: auf alles gefaßt sein hier.


























[Aus einem Brief, 2022]
Und dann stirbt auch noch William Hurt. Gorky Park, einer meiner 111. Aber ich mochte sein Schauspiel generell, weil es auf so zurückgenommene Weise unvorhersehbar war. Sein Lächeln war ein Mona Lisa-Lächeln, konnte tausend Dinge bedeuten. Und ein Teil von ihm schien immer auf einem anderen Planeten zu sein, aber er war freundlich genug, trotzdem mit uns zu kommunizieren.
SPIEGEL ONLINE Forum: „Lieblingsfilme – was ist ‚großes Kino‘?“
März 2010
ray05:
Es gibt ja in Antonionis Filmen immer dieses verstörend-voraussetzungslose, unhistorische und oftmals nur vage motivierte Handeln der Protagonisten […] Immer diese Landschaftstableaus bei Antonioni: urbane, industrielle und natürliche – und immer die Menschen darin, wie … [nein, ich sage jetzt nicht „Fremde“ und auch „Entfremdung“ kommt nicht über meine Lippen …].
Try „disconnected“. Wie der Propeller, den David Hemmings in „Blow-Up“ in diesem Antique Shop findet, plötzlich unbedingt haben muß und sich ins Auto lädt. Wie der Gitarrentrümmerfetisch, den er mit seiner permanenten Gespanntheit, immer auf dem Sprung, beim Yardbirds-Auftritt erobert und dann in der Passage achtlos wegwirft. Der unhistorisch, verstörend voraussetzungslos agierende Hemmings kommt von Bild zu Geschichte in „Blow-Up“. Siehst du die Dinge in Schwarz und Weiß, ist da kein Geheimnis. Plötzlich kriecht das Geheimnis zurück ins Schwarzweiß. Als er den imaginären Tennisball aufhebt, hat er akzeptiert, daß es Wahrheit auf verschiedenen Ebenen gibt. Und daß es notwendig ist, sich in andere Versionen von Realität hineinziehen zu lassen. Ich finde, daß unter seiner Arroganz von Anfang an eine Art von Unschuld liegt; jedenfalls könnte man die verstörende Voraussetzungslosigkeit auch so nennen. Sie erscheint verzerrt, in seinen ambivalenten Handlungen, sie ist abgetrennt, entfernt, ohne „connection“. Alles bleibt unzusammenhängend. Ich denke, in dem Moment, wo er begreift, daß aller Wahrnehmung ein nicht auflösbares Geheimnis eingewoben ist, hat er eine andere Art von Unschuld wieder.
Und darum ist das unheimlichste Blätterrauschen der Filmgeschichte so angemessen und Antonionis größter Coup. Ich weiß nicht, wie oft ich den Film gesehen habe, zigmal. Ihn nebenher laufen zu lassen und mehr oder weniger nur zu hören, macht erst recht klar, daß dieses Rauschen abgrundtief ist, numinos, übernatürlich.
Außerdem kann man ja keine weiße Hose anziehen, ohne Herbie Hancocks Thema im Kopf zu haben.
„I thought you were supposed to be in Paris.“ – „I am in Paris.“


















„The real star of Blow-Up is a park – an anonymous, largely deserted one at that. Maryon Park, situated off the Woolwich Road, Greenwich, grazes the mystical Meridian line where time both begins and ends – a primordial Narnia, full of twisted trees and winding tarmac paths that disappear into the heavens. Oddly, sounds normally associated with the area, like traffic and trains, seem to have been switched off, replaced by an organic tinnitus of wind rustling through the trees, as if the leaves were gossiping about the intruders.
And as one trips further into the park there comes a growing awareness that something not altogether happy has occurred here, something psychically disruptive. The Hanging Woods surrounding the park were named after the many executions carried out, and Samuel Pepys often spoke of his fear of the place whenever he visited the area.“
SPIEGEL ONLINE Forum
März 2008
hans-werner degen:
Bin ich jetzt ein Banause?… denn 1) erkannte ich mein London nicht wieder und 2) sagte mir der Film nichts.
Christian Erdmann:
Als ich in Rom vor der Fontana di Trevi stand, erkannte ich sie praktisch auch nicht wieder, Anita Ekberg war nicht drin.
(Aus einem Brief, 2013)
Filme, die wir lieben, sind immer Nah-Lebens-Erfahrung, oder? Die SPON-Beiträge, die ich über Filme schrieb, waren zu distanziert. Mein ganzes Leben, der ganze Stil meines Lebens mitsamt allen dunklen Geheimnissen, meine Vorlieben, alles bekam unwiderruflich Richtung durch all die Filme, die ich so zwischen 10 und 15 sah in der „Flohkiste“. Das Kino, das heute „Alabama“ heißt, auf Kampnagel residiert, aber nichts mehr mit dem kleinen schäbigen plüschigen Picture Show-Haus von damals zu tun hat. Die ließen mich und Jörgi einfach immer rein, wir sahen alles, den ganzen Kram zwischen Jess Franco und „Theatre of Blood“, Trash-Sex-Horror, diese ganze wagemutige, untergegangene Welt. All das war so outrageous, da sind vergessene Perlen dabei, die ich nie wiederfinden werde, falls Du Dir eine Kombination von Rollin, Giallo und Hardcore vorstellen kannst, things like that.
All meine Sehnsüchte wurden durch Film, Literatur, Musik, Kunst vom Hier in ein Anderes gezogen, und das Andere im Hier zu finden, war ja Aljoschas Auftrag. – Filme gehörten ganz elementar zu meiner Sozialisation… was Sozialisation in gewisser Hinsicht erschwert.
„Blow-Up“ hat was Magisches. The whispering leaves. Ich glaube ja, die „Stimmen“, die Jeanne d’Arc hörte, als sie ein kleines Mädchen war in Domrémy – es war der Wind in den Blättern. Nicht von dieser Welt. You can hear a sound from beyond in it. Als ich in einem dunklen Park war, in der Nacht, als meine Mutter starb, – there was this whisper. Geniestreich von Antonioni, dieses Blätterrauschen übernatürlich klingen zu lassen, numinos.
Zynismus und Ennui und dann das Geheimnis, die Rückkehr des Mysteriums. Wobei alles Drumherum das Drumherum ist, das man sich genau so wünscht, um darin in Zynismus und Ennui zu fallen, bis das Mysterium einen wieder einholt – und heilt. Atemberaubend, wie Antonioni und Hemmings das auf die Leinwand bringen, was man heute wohl flow nennt, Hemmings zwischen seiner Dunkelkammer und der Wand, an der er die Vergrößerungen aufhängt, da ist zum einen natürlich die Spannung, – was werden wir sehen? -, aber vor allem beeindruckt mich, wie Antonioni in diesen Sequenzen zu sagen scheint: wir müssen uns Hemmings als einen glücklichen Mann vorstellen. Here, right here, he is.
Hemmings, zuerst, ist einer, der sich nicht einfangen läßt, von nichts und niemandem, der in seinem Blick aber zuweilen Sehnsucht nach etwas aufblitzen läßt, und der die Gelegenheit, die diese park affair ihm bietet, nicht ungenutzt läßt.
Hemmings sieht so unfaßbar gut aus in diesem Film, Vanessa Redgrave sieht so unfaßbar gut aus in diesem Film (sie sieht gewissermaßen genau so aus, wie ich mir die ganze Profumo-Affäre vorstelle), alles sieht so unfaßbar gut aus in diesem Film, selbst noch dann, wenn es einen befremdet.
Wie Antonioni es macht, daß sich all diese Szenen anders ins Hirn brennen noch als sonst? Ich weiß es nicht.
Wie der ganze Film sagt: Kohärenz? Kontinuum? It’s not there, so go for it yourself. Realität an sich? It’s not there, so go for it yourself.
Einer der besten Filme zum Alleinsehen, indeed. Ich hatte den auch schon laufen, während ich konzentriert an etwas arbeitete, auf dem Boden kniend. Ihn also praktisch nur gehört. It still sucks you in, und es entsteht diese dritte Ebene, auf der Phantastisches passiert.
Frenetischer wie fachgerechter Einsatz natürlicher Werkzeuge, man denke an Knoblauch, Kreuz und Pfahl, etablierte sich im Vampirfilmgenre als probates Mittel, um das Übernatürliche zu bannen oder aus der Welt zu schaffen. Den ersten berühmten Filmvampir zwingt ein anderes Vorgehen aus der Existenz: tragisch-lustvolle Selbstopferung.
In NOSFERATU – EINE SYMPHONIE DES GRAUENS (Deutschland 1922, Regie Friedrich Wilhelm Murnau) ist das viktorianische England Bram Stokers ersetzt durch ein altdeutsches Biedermeieridyll: die Backsteingiebelhäuser von „Wisborg“, 1838, Interieurs wie aus Bildern von Georg Friedrich Kersting. Der strebsame Maklergehilfe Hutter läßt seine junge Frau Ellen zurück und bricht nach Transsylvanien auf, „in das Land der Gespenster“, um dem Grafen Orlok ein Haus in Wisborg zu verkaufen; eine Aufgabe, die Knock, der diabolische Häusermakler, ihm als finanziell höchst einträgliche schmackhaft gemacht hat. Knock, Geheimagent des Nosferatu, quittiert die in okkulten Zeichen gehaltenen Anweisungen seines Meisters mit verschlagenem Glucksen.

Graf Orlok, der Nosferatu, dargestellt von Max Schreck, erscheint wie inkarnierte Pestilenz, gestaltgewordener Fluch. Finger wie Spinnenbeine, Fledermausohren, Starrblick aus dem Höllenabgrund. Sein groteskes Äußeres steigert sich im Verlauf des Films ins überwältigend Gräßliche, zur Impression eines dämonisch bewegten Leichnams. Die steifen Gesten und Bewegungen wirken nicht organisch-leibhaftig, sondern dezidiert unnatürlich, unmenschlich, zuweilen – im Fenster des Hauses, das er in Wisborg bewohnt, jenes „schöne, öde Haus“, den Hutters vis-à-vis – fast stabpuppenartig. Gleichzeitig gelingt es Murnau und Kameramann Fritz Arno Wagner, besonders im low angle shot auf der Empusa, ihn als fast dreidimensionale Bedrohung in Szene zu setzen, die sich aus dem frame zu bewegen droht.
Margit Dorn erkennt in der Gestalt des Nosferatu „Entindividualisierung“ (Dorn, 79) und somit Anonymisierung eines wahllos zuschlagenden Übels. Man könnte seine Erscheinung aber genausogut hyperindividualisiert nennen, einzigartig, unvergeßlich. Seine Präsenz ist hypnotisierend. Vor allem seine Langsamkeit ist enervierend, die totenstille Intensität seiner Gegenwart lastet wie die schiere Unausweichlichkeit des Grauens. Er wird sein eigener Schatten, wenn er sich auf seine Opfer zubewegt, die sein Näherkommen im Zustand alptraumhafter Lähmung erleben. Er zersetzt das Raum-Zeit-Kontinuum, Türen öffnen sich vor ihm, weil er aus dem Abgrund der Zeit stammt, in dem eine geschlossene Tür schon tausende Male offen, eine offene Tür schon tausende Male geschlossen war.
Mit dem Vampir kommen ein Rattenrudel und „das große Sterben in Wisborg“. Ellen Hutter gibt sich hin als Opfer, weiß sie doch aus dem verbotenen Buch, daß es nur Rettung gibt, wenn „ein gar sündlos Weyb dem Vampyre den ersten Schrey des Hahnen vergessen mache. Sie gäbe ihm sonder Zwange ihr Blut.“ Sehr sonder Zwange hält Ellen den Vampir im Bluttrinkmodus bei sich bis Sonnenaufgang, bis das Morgenlicht ihn vernichtet (Murnaus Nosferatu ist der erste Vampir, der im Sonnenlicht zugrundegeht). Angesichts der äußeren Erscheinung dieses Nosferatu ist Ellens Hingabe ein Phänomen, das verdeutlicht, wie vom Vampir ein Charisma ausgeht, das „nicht an visuell erkennbaren Kriterien festzumachen ist“ (Pütz, 100). Nicht puritanische Kehraus-Mentalität also besiegt den Vampir, sondern die Schaffung größerer Einheit mit ihm läßt ihn verschwinden.
Seine Signifikanz erhält der Vampir „aus den kollektiven Ängsten, die aus der Verdrängung des sexuellen Diskurses innerhalb der westlichen bürgerlichen Gesellschaft resultieren. So gesehen ist Orlok eine Projektion, in der das verdrängte Unterbewußte als monströse Verschiebung wieder aufsteigt.“ (Jung, 89).
Ellens Blut fließt in dieses Wesen, in dem auch Hutters Blut ist: so kommt es doch noch zur Fusion des „gar sündlosen Weibes“ und des Mannes, der sich stets aus ihrer Umarmung löst, der gern damit beschäftigt ist, Kragen und Halstuch festzuzurren und damit die im Vampirismus erogene Zone vor Ellen und ihren erotischen Wünschen zu schützen (vgl. Jung, 78), dessen muntere Naturbürschigkeit erotische Defizite kompensiert, der seine Liebste mit Blumensträußchen zu beglücken meint und sie bei erster Gelegenheit für den schnöden Mammon eintauscht. „Die Entfremdung des Bürgers ist so weit gediehen, daß er wählen muß, ob er sein Geld oder seine Frau behalten will.“ (Seeßlen / Weil, 54).
Hutters Karpatenreise ist nicht entweder „Flucht vor der Repression seiner eigenen Sexualität“ (Jung, 80) oder motiviert durch Streben „nach sozialer Aufwärtsmobilität“ (Jung, 81), sondern, selbstredend, beides zugleich; derweil kollaboriert die vernachlässigte Frau mit anderen Formen des Eros. Im Horrorgenre wird nur vordergründig der offensive Eros, zumal der Frau, am Ende bestraft. Hintergründig wird gerade die Verdrängung des Eros bestraft. Hutters absurde Selbstgewißheit nimmt nichts ernst, er nimmt vor allem den Eros nicht ernst, und er wird damit bestraft, daß Ellen ihre Empfänglichkeit kultiviert, sich dem bedingungslos „Liebenden“ hingibt, der Nacht für Nacht sehnsüchtig und beschwörend von Fenster zu Fenster gestarrt hat und nun vor Ekstase die ihn vernichtende Sonne vergißt. Dieser Vampir hat nicht im mindesten, wie Margit Dorn vermeint, wahllos zugeschlagen. Den Kaufvertrag für das Haus unterzeichnet er unbesehen, als er Ellen auf dem Medaillonbildnis erblickt, das Hutter bei sich hat.
„So sehe ich es – jeden Abend… !!!“ hat Ellen dem zurückgekehrten Hutter die schrecklich faszinierende Erscheinung im gegenüberliegenden Haus gezeigt; Hutter schüttelt den Kopf, versperrt ihr den Blick und bricht weinend vor dem Bett zusammen, ahnend, daß er sie „an den ‚Anderen‘ verloren hat“ (Jung, 82). Hutter weiß, was mit Ellen geschieht, versagt vor den sich regenden sexuellen Ansprüchen seiner Frau und verbietet ihr die Lektüre des aus Transsylvanien mitgebrachten Buches, das ihn „mit Gesichten geängstigt“ hatte („Von Vampyren, erschrökklichten Geistern, Zaubereyen und den sieben Todsünden“). Ellen aber kann „dem seltsam fremden Zwange nicht wehren“ und liest das Buch heimlich und in heftiger Erregung wie einen Schatz aus dem erotischen Giftschrank.
Ellens Opfer ist nicht umsonst: das „Böse“, das vor allem deshalb „böse“ ist, weil es erotische Transformation inauguriert, ist vernichtet. Die blutleer gesaugte, zu Tode erschöpfte Ellen hat es mit sich genommen. Sie ist nicht, wie Dorn meint, „rein vom Gefühl bestimmt“ (Dorn, 81); sie hat sich bewußt entschieden. Sie hat den unmittelbaren Austausch über alle Äußerlichkeiten gesetzt. Die heimliche Allianz von Monster und Frau vernichtet das Monster, aber auch die Frau. Man kann sagen: „Die Befriedigung weiblicher Begierden, vor allem außerhalb der Ehe, wird auf der Diskursebene des Films mit dem Tod bestraft.“ (Jung, 90). Man kann aber auch sagen, daß noch Ellens Hingabe Metapher ist für das Opfern des (alten) Selbst, das in der Begegnung mit dem Vampir vollzogen wird: der Vampir als Un-Toter ist Sinnbild eines Todes, der weiteres, anderes Dasein gewährt; dies wiederum ist Sinnbild eines Todes im Leben. Brittnacher betont, daß „Helden“ wie Hutter oder die phallischen Pfähler letztlich „verarmt“ zurückbleiben: dies sei „die heimliche Gerechtigkeit der Phantastik“ (Brittnacher, 153). Und dies ist die subversive Kraft des Horrors.
Diese entging oft gerade dem politisch korrekten, rechtschaffen Kritischen. Geyrhofer sah in NOSFERATU eine repräsentative Version des ganzen Horrorsujets; der Film
„gipfelt in der kollektiven Hetze auf einen mißgestalteten Vampir, vor dem eine norddeutsche Kleinstadt ihren weiblichen Nachwuchs schützen will. Exemplarisch wird die Verfolgung einer ‚abartigen‘, der Perversion bezichtigten Minorität vorgeführt; nachdrücklicher konnte man 1922 die Psychopathologie der Reichskristallnacht nicht vorwegnehmen (…) In Nosferatu hat Murnau (…) das zentrale Thema des Horrorfilms angeschlagen: die äußerste Brutalisierung des Hilflosen und Schwachen durch ein Kollektiv, das den Ausgestoßenen zum Hohn noch als Schuldigen brandmarkt.“ (Geyrhofer, 58 ff.).
Die kollektive Hetze trifft bei Murnau jedoch gar nicht den Nosferatu, sondern den Makler Knock; so gilt die Verfolgung weniger dem „Abartigen“, eher der eigentlich „bösen“ Charakterfärbung (Knock als Orloks Handlanger weiß, daß Hutter auf seiner Reise nach Transsylvanien ein wenig Blut verlieren wird). Wenn die kleinstädtische Masse Knock plötzlich als „Vampyr“ identifiziert und mit der Jagd auf ihn beginnt („Die angstdurchbebte Stadt suchte ein Opfer“), kann dies, vom Wissensstand des Mobs her gesehen, nur als hysterisch motivierte Zuschreibung gelten. Für das Übel muß ein Verursacher her; nebenher stellt Murnau gewiß die Mechanismen der Sündenbocksuche bloß. Knock ist kein Vampir, denn er ist bei Tageslicht unterwegs, während den Nosferatu das Sonnenlicht vernichtet. Daß Knock mittelbar tatsächlich ein Verursacher der Plage ist, ändert nichts an der blindwütigen Schuldzuweisung des Mobs.
Mit dem Vampir kommt das seuchenartige „große Sterben“ nach Wisborg; mehr wird faktisch nicht deutlich. Margit Dorn hat betont, wie die Stadt sich „der angeblichen Pest praktisch widerstandslos wie einem verhängten Schicksal“ ausliefert: „Außer der öffentlichen Verkündigung der Gefahr und der Aufforderung, sich in den Häusern zu verschanzen, wird nichts für die Bevölkerung unternommen“ (Dorn, 82). Tatsächlich verbietet der Magistrat gar, Pestverdächtige ins Krankenhaus zu schaffen. So bleibt ungeklärt, was die Menschen eigentlich dahinrafft – Pest, Vampirismus, wahnhaft umgedeuteter natürlicher Tod, Massenhysterie -, warum die Leichenträger schließlich Sarg nach Sarg übers Steinpflaster tragen. Nosophoros bedeutete in der griechischen Volksmythologie Pestbringer, in Transsylvanien war Nesuferitu eine Umschreibung für den Teufel (wörtlich: der nicht zu Ertragende, der zu Meidende, der Unausstehliche). In dem Buch, das Hutter im Gasthaus in Transsylvanien findet, heißt es, Nosferatu sei „aus dem Samen Belials“ entstanden. Außer in „erschrökklichen Höhlen“ und Grabkammern hause er in Särgen, die gefüllt sind mit gottverfluchter Erde „von den Aeckern des schwartzen Todes“; aus dieser Erde ziehe er seine Schattenkraft. Auf der mythologischen Ebene des Films also quasi The Bad Seed, wird er in der Psyche zum „bösen Samen“ verborgener Wünsche und Impulse.
Es scheint eine Pestspur durch die Häfen zu führen, in die das Schiff einläuft, auf dem der Nosferatu nach Wisborg reist mit sinister Fracht, Ratten im Schmutz der Särge „mit gottverfluchter Erde“ und er selbst in einem leeren Sarg, aber das Logbuch der Empusa äußert nur einen Verdacht, der den Magistraten von Wisborg jedoch genügt. Der Maat ist seit dem dritten Tag der unheilvollen Reise davon überzeugt, ein unbekannter Passagier sei unter Deck. Nosferatu als unheimliche Überblendung auf einem der Särge sitzend: „Es schlich wie eine Seuche durch das Schiff.“
Die Zeitungsmeldung, die von der Pest in Transsylvanien und den Schwarzmeerhäfen kündet, berichtet gleichzeitig von eigenartigen Wundmalen am Hals bei allen Opfern. Wie in der Realhistorie verwischen die Grenzen zwischen Pest, „Vampirismus“ und Massenhysterie. Göttler spricht treffend von Murnaus „Spiel mit Vorstellungen“ in diesem Film, „das sich nie verdichtet zur konsequenten Geschichte“ (Göttler, 129). Für alle Zeugnisse der Erzählinstanzen, vom anonymen Rahmenerzähler-Ich über Hutters Briefe bis zum Buch über Vampyre gilt: ohne Gewähr. Bewußt vieldeutig schon der Opening Title:
„Nosferatu. Tönt dies Wort Dich nicht an wie der mitternächtige Ruf eines Totenvogels. Hüte Dich es zu sagen, sonst verblassen die Bilder des Lebens zu Schatten, spukhafte Träume steigen aus dem Herzen und nähren sich von Deinem Blut.“ Der Übergang von Projektion des Unbewußten („Träume steigen aus dem Herzen“) zu Faktizität („und nähren sich von Deinem Blut“) ist fließend. Es bleibt der poetische Kompromiß: Nosferatu kommt aus der Schattenseite, jenseits der Brücke, die Hutter überquert, und er verkörpert die Schattenseite.
Wenn es eine Pest in Wisborg gibt, wird sie von den Ratten übertragen. Vampirismus wäre dann die obskure „Plage“ dahinter. Aber wir sehen auch nicht, daß der Nosferatu sich in Wisborg für irgend jemanden außer Ellen interessiert. In Wisborg ist der Vampirismus gar keine Plage, sondern eine ausschließliche, absolute Beziehung.
Der Vampir ist, was er ist; Knock indessen stellt sich bewußt in den Dienst des „bösen“ Prinzips. Gewiß läßt sich auch in Knock der mysteriöse Außenseiter erkennen, über den „vielerlei Gerüchte gingen“ und den eine Sozialstruktur so lange duldet, wie er sich seinen Status in ihr erkaufen kann; Knock, heißt es, bezahlte seine Leute gut. Das eigentlich Andere aber, auch hinsichtlich einer durch Geld geregelten und gefestigten Sozialstruktur, ist der Nosferatu. Er entzieht einer Sozialstruktur, in der Wirtschaftskraft und Status Synonyme für Wert sind, das Fundament, indem er den unmittelbaren Austausch zum Parameter der Beziehungen macht, und „Wert“ in diesem unmittelbaren Austausch entsteht.
Margit Dorn erkennt als Mittelpunkt von NOSFERATU „die Zerstörung sozialer Lebenszusammenhänge“ (Dorn, 75) auf privater Ebene (die Ehe von Ellen und Hutter) wie auf öffentlicher Ebene (Wisborg als Paradigma der bürgerlichen Gesellschaft). Dorn behauptet für die private Ebene, die Reise Hutters nach Transsylvanien „gefährdet seine Ehe mit Ellen“ (Dorn, 79). Tatsächlich aber ist diese Ehe tot, bevor Hutter aufbricht, bürgerlich erstickt: dies der Hintergrund der Worte Ellens: „Warum hast Du sie getötet… die schönen Blumen…?!“ – die Hutter ihr mit seinem seligen Einfaltslächeln gepflückt hat. Die hypersensitive Ellen ist gekleidet wie in Trauer und demonstriert ihr Leid an einem sterilen Ehe“glück“, das von Abwesenheit des Eros ge[kenn]zeichnet ist.
Hinsichtlich der öffentlichen Ebene parallelisiert Dorn das von ihr in NOSFERATU erkannte Thema des gesellschaftlichen Zerfalls mit der unsicheren sozialen, politischen und wirtschaftlichen Situation in der Weimarer Republik Anfang der 1920er Jahre, die zur Suche nach Schuldzuweisungen und Feindbildern verführte. Murnaus Film
„[…] offerierte den Zuschauern seiner Zeit eine distanzierte und unbewußte Bewältigung ihrer Unsicherheitsgefühle, indem er die gesellschaftliche Instabilität in stark verschlüsselter Form thematisierte und ersatzhafte Schuldzuweisung in Verbindung mit einer ‚tröstlichen‘ Lösung bot.“ (Dorn 76 ff.).
Die Figur des Nosferatu verkörpere, so Dorn, alle Kräfte, von denen Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg geschwächt und „ausgesaugt“ zu werden meinte. Nach Frieda Grafe brachten schon die Zeitgenossen den Film „in Zusammenhang mit der Stimmung, der Befindlichkeit, die der Erste Weltkrieg in Europa hinterlassen hatte“ (Grafe, 11). Nach Kracauer spiegelt sich in den Celluloidtyrannen der 20er Jahre die Bereitschaft der Deutschen, sich einem Führer zu unterwerfen; manipulatorische Figuren wie Caligari und Mabuse, aber auch Nosferatu galten ihm als Menetekel und Vorspiel zur faschistischen Diktatur des Dritten Reiches. Zwar ist Kracauer bei Nosferatu eher zurückhaltend, doch seine Lesung des Films, „die nicht zuletzt durch seine Ablehnung des Horrorgenres belastet zu sein scheint“, schießt, so Jung, „trotzdem über das Ziel hinaus“ (Jung, 88). Dorn hält Kracauers Deutung für „völlig unzutreffend“, diene doch die Figur des Vampirs „in keiner Weise dazu, eine starke Autorität und deren Gewaltausübung zu verherrlichen“ (Dorn, 85). Vielmehr bringe gerade Nosferatu „Chaos über die bürgerliche Modellgesellschaft Wisborgs und hat (…) in erster Linie die Funktion eines Feindbildes“ (ebd.). All diese Ansätze lassen sich, modifiziert, vereinen: Nosferatu bringt Chaos über die bürgerliche Gesellschaft, weil er eine starke Autorität ist, die Gewalt ausübt, nur eben nicht die von Kracauer gesehene, sondern die verwandelnde, auflösende, zersetzende, neuschaffende Macht des Eros. Die Bürger von Wisborg exorzieren womöglich nichts anderes als ihre eigene Empfänglichkeit für diese Macht, die Ellen von Anfang an übersinnlich, mit „mystischen Vorahnungen“ antizipiert.
Das heißt dann aber zugleich, daß es nicht darum ging, in der Gestalt des Nosferatu ein entlastendes Feindbild anzubieten, sondern die Mechanismen bloßzulegen, die im Klima der Repression zur Herstellung des Anderen führen (und Feindbilder schaffen). In der Kritik steht dann aber gerade nicht das Andere, sondern jene Struktur, die durch das Andere angegriffen wird. Es geht nicht darum, daß der Nosferatu zersetzt; es geht darum, was er zersetzt. Also teilt der Film auch nicht mit, daß der gesellschaftliche Zusammenhalt um jeden Preis zu wahren ist. Nach Dorn sieht NOSFERATU „den gesellschaftlichen Zusammenhalt allein durch die Opferbereitschaft des Individuums garantiert“ (Dorn, 84). Daß der Film die „Notwendigkeit eines individuellen Opfers“ (ebd.) propagiere, findet im Film bereits Widerspruch durch den subtilen Hinweis, daß Ellen sonder Zwange sich hingibt. Ellen opfert sich nicht einfach als Einzelne für die Gemeinschaft; sie tut auch deshalb, was sie tut, weil der Gemeinschaft die Bedürfnisse des Einzelnen zuwenig gegolten haben und hier eine Frau diese Bedürfnisse wieder einfordert.
Geyrhofer sieht bei Murnau den präfaschistischen Vernichtungsschlag des Kollektivs und betrachtet Diffamierung und Vernichtung des Fremden als raison d’ être des Horrorfilms überhaupt: „Nichts ist für den Horrorfilm charakteristischer, als daß er stets und ohne mit der Wimper zu zucken die Partei des übermächtigen Kollektivs und seiner mörderischen Vorurteile ergreift“ (Geyrhofer, 59). Der Horrorfilm zeige also nicht etwa reaktionäres Verhalten, um es zugleich auch vorzuführen, sondern sei selbst das Werkzeug der Reaktion und Repression. Ein klassischer, seinerseits reaktionärer Denkfehler. Wer tatsächlich nur sieht, daß der Horrorfilm „die Welt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse“ aufteile, sich damit das „Verfahren der bürgerlichen Rationalität“ zu eigen mache und sich somit auf die Seite der „Herrschaft“ (Geyrhofer, 60) stelle, hat im Horrorfilm nur wenig gesehen. Murnau zeigt einen monströsen Vampir nicht, weil er ein entlastendes Feindbild anbieten will. Er zeigt den Eros nicht als monströs, weil er ihn für monströs hält, sondern weil er aufdecken will, wie monströs der bürgerlichen Gesellschaft der Eros geworden ist. Ellen bannt den Nosferatu, aber sie vereinigt sich auch mit ihm, vereinigt ihn, den Inbegriff der Schattenseite, mit der restriktiven bürgerlichen Moral.
Murnau inszeniert die Pogromstimmung und die Raserei der Masse schließlich nicht mit Sympathie. Am Ende wird blindwütig irgendwas zerfetzt (eine Vogelscheuche). Aber die eigentliche Geschichte spielt ohnehin woanders, und die abstoßende Zeichnung des Vampirs, dessen furchterregende Züge im Verlauf des Films immer pointierter werden, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Ellen nicht nur von Opfermut bewegt ist. Max Schrecks tragisch-animalischem Nosferatu, den sein Vampirismus zugerichtet hat zum hageren, ausgezehrten Mischwesen, Eros gefangen im Leib des Thanatos sozusagen, geht jeglicher Herzensbrecher-Charme ab, doch er übt denselben potenten Magnetismus aus wie später Bela Lugosi, Christopher Lee oder Frank Langella als Vampire von aristokratischer Eleganz. Immer wieder zeigt Murnau, da sowohl der Nosferatu als auch Hutter gen Wisborg eilen, Ellen romantisch verdüstert am Meeresstrand („… Ihre Sehnsucht flog dem Geliebten entgegen, ihre Augen suchten über Wellen und Ferne“), umgeben von Kreuzen, in der Einsamkeit der Dünen, ihren Geliebten erwartend, und die Frage ist, welchen von beiden? Sie sieht aufs Meer hinaus. Hutter kommt, wie er ging, auf dem Landweg, während Ellen mit dem Nosferatu in telepathischer Verbindung steht, also weiß, daß dieser über das Meer kommt. Als man ihr den von Hutter auf Orloks Schloß verfaßten Brief gibt, in dem er mitteilt, daß ihn wohl zwei Mücken dicht nebeneinander in den Hals gestochen hätten, ist sogar ihr Erschrecken zweideutig. Wenn Ellen zuletzt noch ein Stück Stoff mit einem hingebungsvollen „Ich liebe Dich“ bestickt, läßt sich dies „sowohl in bezug auf ihren Mann als auch als Signal an den Vampir“ (Dorn, 81) verstehen. Ellen will die Liebe als totale Hingabe und totalen Untergang; darum verschwistert sich die Sehnsucht nach intensiverem Leben mit dem Erscheinungsbild der Todessehnsucht. Bemerkenswert Ellens Geste, bevor sie ihr Schlafzimmerfenster öffnet und den Nosferatu damit in ihr Bett einlädt, als sie noch einmal eine Hand erhebt in Richtung des schlafenden Hutter, dann aber nur noch resigniert auf ihn blickt. Er ist machtlos, nutzlos, nur noch Störfaktor in ihrem Plan.
Poetischere Naturen waren empfänglich für die Deutung des Nosferatu als ersehntem Liebhaber: André Gide fand den Film absurd, denkt ihn aber in seinen Tagebüchern weiter: „Gern säh ich [den Vampir] als scheußliches Ungeheuer in aller Augen, anziehend allein in den Augen der jungen Frau, seines freiwilligen Opfers, und wie er, als seinerseits Verführter, immer weniger schrecklich wird, bis er wirklich zu dem reizvollen Wesen wird, das er anfangs nur gespielt hat. Und dieses reizvolle Wesen ist es, das der Hahnenschrei tötet, der Zuschauer plötzlich verschwinden sehen muß -– erleichtert und zugleich mit Bedauern.“ (Jansen / Schütte 131 ff.).
Jack Kerouac: „Bei Nacht, im Mondlicht ist er da, der Große Liebhaber, er starrt über den schrecklichen Platz oder Kanal hinweg ins Fenster der Heldin und in ihr Auge (…) Schnell kommt er zu ihr, mit diesem schrecklichen schnellfüßigen Gang, die Fingernägel tropfen. Der Schatten der Hand kriecht wie Tinte über ihre schneeige Bettdecke. Die letzte Szene zeigt, wie er an ihrem Bett kniet und ihren Hals küßt, eine schrecklich perverse Liebesszene, die unerreicht ist wegen des plötzlichen Pathos, mit der sie die grundlegende Hilflosigkeit des Vampirs enthüllt.“ (Jansen / Schütte 132).
Es gibt bei Murnau keinen wirklich autoritären Vertreter der patriarchalischen Struktur; die Van Helsing-Figur ist reduziert auf die eher bizarre Nebengestalt Dr. Bulwer, ein „Paracelsianer“, der seinen Adepten privatissime und im Schlafrock fleischfressende Pflanzen und Mikroorganismen vorführt. Er will den Sinn seiner Studenten für das vampirische Wesen der Natur schärfen. Der Mikrolichtwurm, „durchsichtig, fast körperlos, fast ein Phantom nur“, lädt ein zum Vergleich mit dem Vampir. Doch vom Nosferatu weiß dieser Behäbige nichts. Vielleicht weiß er mehr darüber, wie man die jungen Angehörigen der bürgerlichen, wirtschaftsorientierten Gesellschaft auf „natürliche“ Prinzipien der Ausbeutung vorbereitet.
Aber wenn Murnau an gesellschaftspolitischen Dimensionen interessiert ist, dann gerade daran, das Abstoßende als das durch restriktive Atmosphäre Abgestoßene in Erinnerung zu rufen – die Sexualität. Murnau, der alle weiblichen Vampire der Vorlage eliminiert, zog bekanntlich die homoerotische Sexualität vor, und er deutet sie im Film auch an. Interessanterweise gibt es Interpreten, die selbstverständlich davon ausgehen, daß Hutter einer vampirischen Attacke des Nosferatu entgeht, und solche, die selbstverständlich davon ausgehen, daß er ihr nicht entgeht.
Die unheimliche Kutschfahrt, eine durch einmontierte Negativstreifen und stop-motion-Technik verfremdete Sequenz, bei der die Kutsche als Gespenstergefährt „in beschleunigtem Tempo in die Bildtiefe schlingert“ (Grafe, 33), bringt Hutter zu Nosferatus altem Schloß. Der Vampir erwartet Hutter, ein „schmaler, hagerer Schatten (…), die langen Klauen skurril übereinandergefaltet, mit Adlernase, bleicher Gesichtshaut und dunklen Augenringen.“ (Dorn, 78); die „genial photographierte schwarze Silhouette Orloks im leeren Burghof“ ist eines jener Bilder, durch die, so Béla Balázs 1923, „ein frostiger Luftzug aus dem Jenseits weht“.
Während zweier Nächte im Schloß wird Hutter vom Nosferatu heimgesucht. In der ersten Nacht, beim Abendmahl, schneidet sich Hutter vor Schreck über die schlagende Totenskelett-Uhr einen Finger blutig. Der Graf stürzt sich – „Synonym für eine Fellatio“ (Dorn, 80) – auf den blutenden Finger und macht dem verstörten Hutter eindeutige Avancen: „Wollen wir nicht ein wenig beisammen bleiben, Liebwertester?“ Am nächsten Morgen lacht Hutter schon wieder mit seiner ewigen demonstrativen Furchtlosigkeit über die Bißmale an seinem Hals, die er als Mückenstiche deutet, und widmet sich mit törichtem Strahlen dem Frühstück. „Man träumt hier schwer in dem öden Schloß“, schreibt er an Ellen.

Als Hutter in der zweiten Nacht von seinem Zimmer aus um Mitternacht durch die Tür späht und sieht, wie der Nosferatu ihn aus einiger Entfernung starr und reglos fixiert, als er im selben Augenblick weiß, daß der Vampir in sein Refugium eindringen wird, wirft er sich – „in einer Mischung aus Angst, Verwirrung und Erwartung“ (Dorn, 80) – aufs Bett und schließt die Augen: ergeben fügt er sich dem Kommenden und läßt sich überwältigen. Der Vampir repräsentiert hier für Dorn „die als verstörend empfundenen und in der bürgerlichen Sexualmoral völlig ausgegrenzten Formen von Homo- bzw. Bisexualität“ (ebd.).
Bleiben wir einfach bei Eros himself: Hutter wird also von dem überwältigt, was Ellen erwartet. Ellen, die auf somnambuler Nachtwanderung dem so Gefürchteten wie Ersehnten entgegengeht, ereilt zur selben Stunde eine Vision des Schattens, der über Hutter sichtbar wird; sie ruft Hutters Namen, den Ruf vernimmt wiederum, auf derselben telepathischen Ebene, der Nosferatu, der Vampir verläßt Hutters Zimmer, Ellen sinkt erleichtert auf ihr Kissen zurück. Warum eigentlich erleichtert? Weil Hutter vor dem Biß des Vampirs gerettet ist? Oder weil der Nosferatu von Hutter abläßt und sich nun endlich auf den Weg zu ihr macht? Murnau schneidet die Szene so, daß der Nosferatu auf die weit ausgestreckten Arme der heftig atmenden Ellen reagiert, sich quasi zu ihr umdreht. Ellen hat die Aufmerksamkeit des Nosferatu auf sich gelenkt.
Kontroversen um Hetero- oder Homosexualität des Vampirs erweisen sich als müßig, wenn der Vampir als Prinzip begriffen wird: als das Prinzip eines gewaltsam die Identitätsgrenzen auflösenden, die Identität gewaltsam für den Austausch mit dem Anderen öffnenden erotischen Übergriffs, der Horror auslöst: Schrecken und Lust zugleich. In einer der unvergeßlichsten Szenen des Films richtet sich Orlok während der Schiffsreise nach Wisborg aus seinem Sarg empor: eine 90°-Bewegung des ganzen, steifen Körpers, die deutlich an eine Erektion gemahnt. Blutzufuhr belebt bekanntlich beides, Penis wie Vampir. Für Roger Dadoun ist der starre Nosferatu geradezu ein umhergehender Phallus. Ellens Hingabe an das Verteufelte ist Opfer, aber auch Bekenntnis. Verkehr mit dem Vampir zieht ihn aus dem Verkehr. Das Schaffen größerer Einheit mit dem Prinzip des Schaffens größerer Einheit (Eros) hebt den Vampir auf. Im Hegelschen Sinne.

Literatur:
Balázs, Béla: Schriften zum Film, Band I, München / Wien / Berlin / Budapest 1982.
Brittnacher, Hans Richard: Ästhetik des Horrors, Frankfurt am Main 1994.
Dorn, Margit: Vampirfilme und ihre sozialen Funktionen. Ein Beitrag zur Genregeschichte. Europäische Hochschulschriften: Reihe 30, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Bd. 60, Frankfurt a.M. / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien 1994.
Geyrhofer, Friedrich: Horror und Herrschaft, in: Theorie des Kinos. Ideologie der Traumfabrik, hrsg. V. Karsten Witte, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1973.
Göttler, Fritz: Kommentierte Filmografie, in: Jansen / Schütte (a.a.O.)
Grafe, Frieda: Der Mann Murnau, in: Jansen / Schütte (a.a.O.)
Jansen, Peter W. / Schütte, Wolfram (Hrsg.): Friedrich Wilhelm Murnau, Reihe Film 43, München / Wien 1990.
Jung, Uli: Dracula. Filmanalytische Studien zur Funktionalisierung eines Motivs der viktorianischen Populär-Literatur (Diss. Angl.), Trier 1997.
Pütz, Susanne: Vampire und ihre Opfer. Der Blutsauger als literarische Figur (Bonn, Univ. Diss., 1991), Bielefeld 1992.
Seeßlen, Georg u. Weil, Claudius: Kino des Phantastischen. Geschichte und Mythologie des Horror-Films (Grundlagen des populären Films 2), Reinbek bei Hamburg 1980.