
Die erste LP, die ich in meinem süßen jungen Leben von meinem eigenen Geld kaufte.
Ich war gerade 12 geworden. Unter den ersten 20 Stücken, die ich mit meinem neuen kleinen Grundig C 410 Automatic aus dem Radio aufgefangen hatte, war „Street Fighting Man“. Das Stück hypnotisierte mich. Der Song war so anders als die anderen, so mächtig, daß mir das Herz hämmerte in einem Leib, der Dinge tun wollte, die er noch nie getan hatte. Die letzten 45 Sekunden von „Street Fighting Man“ beendeten meine Kindheit.
Heute weiß ich, daß Keith Richards den unfaßbaren Klang von „Street Fighting Man“ dadurch erreichte, daß er sich mit seiner Akustikgitarre vor einen kleinen Philips-Kassettenrekorder setzte und die Aufnahme absichtlich übersteuerte. Daß die donnernden, massiven Drums und die seltsam schleifende cymbal von Charlie Watts vor demselben Rekorder auf einem 1930s toy drum kit gespielt wurden, das er buchstäblich aus einem Koffer zauberte. Daß Richards auch diese insistierende, ab- und wieder aufsteigende Bass-Linie spielt, die dir das Versprechen abnimmt, die Spannung auszuhalten bis ans Ende deines Lebens. Daß dieser fremdartige drone von Brian Jones auf Sitar und Tamboura gespielt wird. Daß Jagger die Strophen im Signalcharakter der Quarte singt, dem Intervall von Polizeisirenen. Daß der Aufruhr, den dieser Song in mir verursachte, nie mehr rückgängig zu machen war.
Aber es waren diese letzten 45 Sekunden, wenn dieser strange wailing sound einsetzt [Dave Mason auf einem Instrument namens shehnai] und Nicky Hopkins über das ganze Gewirbel diese perlenden Pianoklänge legt – dieses Piano auf diesem Gewirbel, es war der schönste Klang, den ich bis dahin in meinem Leben gehört hatte. Alles, was aus mir geworden ist, put the blame on those 45 seconds.
Und dann, Montags auf dem Schulhof, „Hast du das gesehen? Hast du das gesehen?“
Ich hatte es gesehen.
Ich stellte die Platte, vielmehr diese Reliquie, auf die fortan also im Wesentlichen zugeklappte Tastatur des 100-Mark-Klaviers, mit dem mein Chopin-begeisterter Vater einen Horowitz aus mir machen wollte.
„Sticky Fingers“ war das Portal, der Durchgang zur anderen Welt, der Durchgangsritus selbst. Die 10 Songs sind immer noch nicht einfach Songs. Jeder einzelne war ein Universum, ein Versprechen, ein Pakt mit der Zukunft, in die Hirnrinde gebrannt. Ich kann jeden Song von Anfang bis Ende träumen. In das Bild mit dem gähnenden Jagger und Richards als Hosen-role model # 1 muß ich irgendwann ein Loch gestarrt haben.
Rebellion und Ausschweifung, Dekadenz und Grusel. „Sticky Fingers“ war faszinierend unheimlich, vor allem „Sister Morphine“, die Slidegitarre, die einem immer noch kalte Schauer über den Rücken jagt. „Why does the doctor have no face?“ Der Rhythmus von „Bitch“ schien mir unfaßbar böse, die „hey hey yeah“s am Ende wie Triumphgeheul bei einer Auspeitschparty, und die Zeile „It must be love, it’s a bitch“ offenbarte sich später als Kōan. Jörg Lorenzen besorgte sich „Sticky Fingers“ ebenfalls, und als ich ihn auf dem Schulhof fragte, welchen Song er am besten findet, sagte er: „Wild Horses“. Das überraschte mich damals, now I get it. Das arrogant polternde „Brown Sugar“, die zerlumpte Majestät von „Sway“, dieses dramatische Gitarrensolo von Mick Taylor, die 7-Minuten-Magie von „Can’t You Hear Me Knocking“, der New Orleans-Begräbnismarsch-Sound von „You Gotta Move“, die Tore zu elegantly wasted, die „Dead Flowers“ für mich öffnete, die Geheimschrift von „Sticky Fingers“, die ich entzifferte, handelte von the grace of going astray. Der Song aber, der in mir alle Lichter entzündete, war „Moonlight Mile“.
When the wind blows and the rain feels cold
With a head full of snow
With a head full of snow
In the window there’s a face you know
Don’t the nights pass slow
Don’t the nights pass slow
The sound of strangers sending nothing to my mind
Just another mad mad day on the road
I am just living to be lying by your side
But I’m just about a moonlight mile on down the road
Made a rag pile of my shiny clothes
Gonna warm my bones
Gonna warm my bones
I got silence on my radio
Let the air waves flow
Let the air waves flow
Oh I am sleeping under strange strange skies
Just another mad mad day on the road
My dreams is fading down the railway line
I’m just about a moonlight mile down the road
I’m hiding sister and I’m dreaming
I’m riding down your moonlight mile
I’m hiding baby and I’m dreaming
I’m riding down your moonlight mile
Jon Landau im Rolling Stone nannte „Moonlight Mile“
… a masterpiece. The semi-oriental touch seems to heighten the song’s intense expression of desire, which is the purest and most engaging emotion present on the record. The sense of personal commitment and emotional spontaneity immediately liberate Jagger’s (double-tracked) singing […] There is something soulful here, something deeply felt […] Paul Buckmaster […] does the best job with strings I can remember in a long, long time, while Charlie Watts only goes through the motions of loosening up his style, as he comes down hard on the nearly magical line, „Just about a moonlight mile.“
When Jagger finally says „Here we go, now“ as Mick Taylor’s guitar (Richard is inexplicably absent) falls perfectly into place with a hypnotic chord pattern, it’s as if he is taking our hand and is literally going to walk us down his dream road. As the strings push the intensity level constantly upwards and Charlie emphasizes the development with fabulous cymbal crashes, the energy becomes unmistakably erotic — erotic as opposed to merely sexual […] The expression of need that dominates so much of the record is transformed from a hostile statement into a plea and a statement of warmth and receptiveness.
This cut really does sway and when Jagger’s voice re-enters, it is […] with the kind of abandon that he seems uniquely capable of. And unique is the best word to describe the cut as a whole […].
Dieses halb fernöstliche, halb orientalische Arrangement brachte etwas so fremdartig Schönes und Mysteriöses in die Musik, und vermutlich habe ich sie nie wieder verlassen, diese dream road und die Stimmung dieses Songs. Lyrics, von denen ein Kritiker schrieb: re-created all the paradoxical distances inherent in erotic love with a power worthy of Yeats. Die Anspielung auf snow, Kokain, ist nicht das weiße Geheimnis von „Moonlight Mile“.
4 replies on “The Rolling Stones: Sticky Fingers”
Keith Richards soll bei den Aufnahmen zu „Wild Horses“ im Muscle Shoals Studio in Muscle Shoals, Alabama Ian Stewart vertrieben haben, der als Boogie-Ästhet Moll-Akkorde hasste, weshalb hier Jim Dickinson auf einem schrottreifen Piano zu Ehren kam. Durchaus passend zur Zerrissenheit der hier durchlebten Gefühlswelten zwischen Schuld und Hingabe, die von Mick völlig ungekünstelt und ironiefrei in dieser schönen Country-Ballade hörbar gemacht werden, von Keiths Harmonien zart, ja zärtlich durchbrochen.
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Zum Erscheinen von „Rough And Rowdy Ways“ wurde Dylan gefragt, welche drei Songs der Rolling Stones er selbst gern geschrieben hätte, einer davon war „Wild Horses“.
Wenn man sich nur in einer einzigen Zeile dieser Lyrics wiederfindet, fügt sie sich mit allen anderen zu einem der berührendsten und profundesten Songs über Liebe, die je geschrieben wurden – mit all der, wie Du sagst, Zerrissenheit der Gefühlswelten, with all the heartbreak, dem Drama zwischen falling apart und Unzertrennlichkeit. Auf YT hat jemand mal über „Wild Horses“ sehr schön geschrieben:
„To me, this is a song not only about the bittersweetness of a mortal life with the ones we love, but about the mistakes we make, the time we take for granted, the innocence of imperfection, the strength and depth of hope in the face of a life bound to test us, fuck us up and ultimately undo us. It’s a song about the things that remain, even after desecration, separation and death. Immortality, and mortality, woven together in this beautiful song. It gently speaks of the bonds of love that stay, even though time together will end.“
Jaggers Gesang ist, wie man drüben so sagt, „just another level“. Richards‘ backing vocals übrigens auch. Die Musik – reine Magie.
Bei der Gelegenheit, Deine Texte über Musik – meine Verehrung.
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Vielen Dank! Es gibt ein paar essentielle Rolling Stones-Platten. Neben „Beggar’s Banquet“, “Let It Bleed“ und „Exile on Main Street“ gehört für mich auch „Sticky Fingers“ dazu.
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Ja! Plus „Get Yer Ya-Ya’s Out!“ und für mich auch noch „Goats Head Soup“, dazu noch Sachen wie „Jumpin‘ Jack Flash“, in der Zeit bewegten sie sich einfach wie Götter auf Erden von Album zu Album. Das Zusammenspiel von Richards und Taylor kann man nicht genug preisen. Wie in sync die hier auf „Midnight Rambler“ sind – mind-blowing.
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