Immer schon einer meiner Favoriten von Dylan. Nur drei Akkorde, keine Sekunde Langeweile. Ein Mann zwischen Scharlatanen in „the wild unknown country“ und der Frau, die ihn „insane“ macht, deren Anziehungskraft aber auch durch surrealste Odysseen hindurchwirkt. Das Leben halt.
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
21.01.2017
ray05:
Gäbe es überhaupt eine irgendwie intelligible Welt als Vorstellung ohne Dylan?
Christian Erdmann:
Nix gäb’s. :)
„Blood On The Tracks“ und „Desire“… und „Street-Legal“. Hab nie verstanden, warum „Street-Legal“ so kritisiert wurde, kann die 3 ohnehin nicht voneinander trennen, sehe die als Trilogie. Waren mein Eingang zu Dylan, und auf dem Portal stand, was Deinen letzten Ornette Coleman-Artikel beschließt: This is as serious as your life. Auf „Tangled Up In Blue“ fing er damit an – Raum und Zeit zu mischen wie Spielkarten. Keine Ahnung, warum vielen bei Dylan immer noch als erstes „Protestsänger“ einfällt – The Empress, die Tarotkarte auf dem „Desire“-Cover. Für mich bei Dylan der eigentliche Konvergenzpunkt – die Herrscherin.
Isis eigentlich, klassisch: The High Priestess. „Isis“, all time Dylan favourite #1… most of the time. Diese surreale Odyssee, „a song about marriage“ – seine Diktion auf „Isis“ ist so zum Fürchten großartig und geladen, wie er light singt in „I came to a high place of darkness and light“, und, vor allem, sein „yes“ in „She said ‚You gonna stay?‘ I said ‚If you want me to, yes'“. Sara angeblich im Studio an dem Tag, als sie „Isis“ aufnahmen. „Right away that first version of ‚Isis‘ was a take.“ Mit Musikern, die sofort Prägnanz liefern und verlebendigen, ohne daß Dylan sie mit dem Song vertraut gemacht hätte. Auch bei den anderen Songs von „Desire“, fast alle in einer einzigen Nacht eingespielt, Howie Wyeth: „Even in ‚Joey‘ there was a place where I thought the song was ending and I drop out for a second and it wasn’t the end but it worked great.“ Stoner zu Wyeth: „Don’t ask him anything. Just play.“
Magnetische, magische Anziehungskraft, die Macht des Daß-sie-SIE-ist, die noch wirkt, wenn du die in Eis eingeschlossenen Pyramiden erreicht hast, mit Satan, oder irgendeinem B-Movie-Banditen, oder dem Rastlosen in dir. Die Schatullen, die Sargtruhen sind immer leer. Die wahren Reichtümer hegt nur SIE, the mystical child. Erkennen, was man zurückgelassen hat, und zurück sein am Vierten. Vielleicht suchte der stranger nur jemanden, der ihn begräbt. „Isis“ hat, musikalisch, diese simple Struktur, die sich immer wiederholt; it’s a circle, die Hochzeit wird sich wiederholen und Isis weiß es. Würdig sein für die Frau, die man verehrt.
Weiß nicht, was es gäbe ohne Dylan. :) Abgesehen von seiner Bedeutung im „Wie man wird, was man ist“ – well, wie Sam Shepard sagt: er taucht das Land um uns herum in eine mythische Atmosphäre. Und das ist nicht Eskapismus, or anything. Die Realität so zu sehen, wie der „Realist“ sie sieht, das ist Eskapismus. :)
I married Isis on the fifth day of May
But I could not hold on to her very long
So I cut off my hair and I rode straight away
For the wild unknown country where I could not go wrong
I came to a high place of darkness and light
The dividing line ran through the center of town
I hitched up my pony to a post on the right
Went in to a laundry to wash my clothes down
A man in the corner approached me for a match
I knew right away he was not ordinary
He said, „Are you lookin‘ for somethin‘ easy to catch?“
I said, „I got no money.“ He said, „That ain’t necessary.“
We set out that night for the cold in the North
I gave him my blanket and he gave me his word
I said, „Where are we goin‘?“ He said we’d be back by the fourth
I said, „That’s the best news that I’ve ever heard.“
I was thinkin‘ about turquoise, I was thinkin‘ about gold
I was thinkin‘ about diamonds and the world’s biggest necklace
As we rode through the canyons, through the devilish cold
I was thinkin‘ about Isis, how she thought I was so reckless
How she told me that one day we would meet up again
And things would be different the next time we wed
If I only could hang on and just be her friend
I still can’t remember all the best things she said
We came to the pyramids all embedded in ice
He said, „There’s a body I’m tryin‘ to find
If I carry it out it’ll bring a good price.“
‚Twas then that I knew what he had on his mind
The wind it was howlin‘ and the snow was outrageous
We chopped through the night and we chopped through the dawn
When he died I was hopin‘ that it wasn’t contagious
But I made up my mind that I had to go on
I broke into the tomb, but the casket was empty
There was no jewels, no nothin‘, I felt I’d been had
When I saw that my partner was just bein‘ friendly
When I took up his offer I must-a been mad
I picked up his body and I dragged him inside
Threw him down in the hole and I put back the cover
I said a quick prayer and I felt satisfied
Then I rode back to find Isis just to tell her I love her
She was there in the meadow where the creek used to rise
Blinded by sleep and in need of a bed
I came in from the East with the sun in my eyes
I cursed her one time then I rode on ahead
She said, „Where ya been?“ I said, „No place special.“
She said, „You look different.“ I said, „Well, I guess.“
She said, „You been gone.“ I said, „That’s only natural.“
She said, „You gonna stay?“ I said, „If you want me to, yes.“
Isis, oh, Isis, you’re a mystical child
What drives me to you is what drives me insane
I still can remember the way that you smiled
On the fifth day of May in the drizzlin‘ rain
24.05.2026 – Happy 85th Birthday Bob Dylan.

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5 replies on “Today’s Best Song Ever: Bob Dylan – Isis”
„Hab nie verstanden, warum Street-Legal so kritisiert wurde“ – ENDLICH! Endlich les‘ ich das mal von jemand anderem als von mir selber! So gings mir auch!
Die „Street Legal“ war die erste West-Dylan Platte, die ich selber kaufte. Zu Ost-Zeiten noch für 120 Mark. „No Time To Think“ mag musikalisch nicht die Krönung sein, aber textlich ist das mein Favorit durch die Jahrzehnte geblieben.
Die „Shot of Love“ gilt ja auch allgemein als Mist – und ich finde das ÜBERHAUPT NICHT!
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Wie ich hier beschrieb,
Ultra-Dylan / Grandpa’s Apfelkuchen ins Gesicht
waren die allerersten bewegten Bilder, die ich von Bob Dylan sah, aus „The Last Waltz“, sein Auftritt beim Abschiedskonzert von The Band. Einige Wochen später war ich mit einer Freundin nach Dänemark getrampt, auf dem Rückweg hörten wir bei irgendeinem Fahrer im Autoradio den großartigen Klaus Wellershaus abwechselnd Songs von „Darkness On The Edge Of Town“ und „Street Legal“ spielen. Natürlich kannten wir Dylan und Dylan-Songs, seit wir ein Bewußtsein hatten, und natürlich war er schon damals eine fast mythische Figur, aber back home am nächsten Tag wurde „Street Legal“ auch meine erste Dylan-LP. Sie wird immer a special place in my heart haben, auch weil so viele Zeilen in diesem Sommer tiefste Bedeutung hatten („The bridge that you travel on goes to that Babylon girl with the rose in her hair“, „I fought with my twin, that enemy within, til both of us fell by the way“), aber es ist, hands down, einfach ein phantastisches Album. „Changing Of The Guards“, „Señor“ und vor allem „Where Are You Tonight?“ würden es jederzeit auf meine „Best of Dylan“-Listen schaffen, und was Du über „No Time To Think“ sagst, kann ich auf die Silbe nachvollziehen.
Dylan schrieb viele der Songs für „Street Legal“ auf seiner Farm in Minnesota, die Scheidung von Sara lief, seine Stimmung war übel, mittendrin kam die Nachricht vom Tod Elvis Presleys.“I went over my whole life. I went over my whole childhood. I didn’t talk to anyone for a week.“ Die Zeit für die Aufnahmen war knapp, Q Magazine fand, „the original muddiness of the production“ könnte ein Grund dafür sein, daß „Street Legal“ damals so seltsam unter Beschuss kam, aber ich glaube, es gab andere Gründe.
Aus „Shot of Love“ habe ich ein paar Songs eliminiert, und plötzlich ist es eine sensationelle Platte, „The Groom’s Still Waiting At The Altar“ zum Hintenüberfallen und „Every Grain Of Sand“ biblisch groß. Ich kann dagegen nicht so viel anfangen mit den vielgerühmten „Slow Train Coming“ (except „I Believe In You“), bin schon kein Freund von Mark Knopfler, oder „Infidels“.
Ja, es war längere Zeit so, daß man Dylan für Werke verehrte, die länger zurücklagen, aber dann kam „Time Out Of Mind“. Seitdem: Ultra-Dylan.
Als 2020 „Murder Most Foul“ erschien, schrieb ich:
„Dafür hat Bob Dylan letzte Nacht aus dem Nichts einen Song veröffentlicht, den er a while back aufgenommen hat und der 17 Minuten lang ist. (Wahrscheinlich ist das die Kurzversion). Man möchte beten, daß es nicht der letzte Akt ist, mit dem Dylan dieser world gone wrong noch einmal ein unfaßbares Geschenk macht. Ein Panorama, das mit dem Kennedy-Mord seinen Ausgang nimmt, und das auch dem allerletzten Dummkopf nochmal vor Augen führen müßte, warum Dylan den Literatur-Nobelpreis bekommen hat. Hatte gestern auf fb geschrieben: „Ordnung des Kosmos: Virgo-Superhaufen – kleiner Zwischenraum – Johnny Cash – Rest. Oder wie Nick Cave sagte: ‚Johnny Cash recorded one of my songs so you can all get fucked.'“ Dylan befindet sich in der Weltordnung natürlich so unendlich weit über allem, daß man ihn gar nicht eigens erwähnen muß.
‚Zapruder’s film, I’ve seen that before / Seen it thirty-three times, maybe more‘. King Kill 33°, remember. ‚Tommy, can you hear me? I’m the Acid Queen‘ – eine Songzeile, die aus The Who-Songtiteln zusammengesetzt ist, es wäre verfehlt zu sagen, daß der Song voller ‚Referenzen‘ ist, er montiert einfach alles neu zusammen, Weltgeschichte, Popkultur, Perspektiven, Phänomene, Erinnerungen, Bedeutungen, Bedeutung von Songzeilen, Realismus, Surrealismus, wie ein Prophet, der das letzte halbe Jahrhundert in seiner eigenen Offenbarung zusammenfaßt.“
Leonard Cohen: „Bob Dylan is a figure that arises every three or four hundred years who represents and embodies all the finest aspirations of the human heart. He is unparalleled in the world of music and will remain a torch for all singers and all hearts for many generations to come.“
We are privileged to be in his company.
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Jo. Allerfeinste Erinnerungen. Besonders das Nick Cave Zitat. :-)
Was Klaus Wellershaus betrifft: Da war mir vergönnt, den mal kennenzulernen. 1999 und 2000 konnte ich mit ihm für NDR 4 „Beats and Sounds“ Ostrocksendungen produzieren. War eine tolle Zufallsgelegenheit. Auch wenn die Einschaltquoten dann sicherlich unterirdisch waren.
Dylan-Fan bin ich nie richtig gewesen, aber „gekriegt“ hat er mich einige Male.
Sein „Murder Most Foul“ hat mich 2020 verführt, eine deutsche Entsprechung zu probieren.
(In meinem Blog nachlesbar; in der Schlagwortwolke auf Dylan klicken.)
Wolfgang Ambros‘ Album „Wie im Schlaf/Dylan-Songs auf deutsch“ finde ich immer noch grandios, Niedeckens Dylan-Album aus den 90ern dagegen hab ich nie gebraucht. (Obwohl ich BAP’s „Wie’ne Stejn“ eigentlich ja richtig mag. Aber das waren die 80er, da war Niedecken noch der Kumpel zum Anfassen; in den 90ern wollte er irgendwie der zweite Böll sein, da verflüchtigte sich bei mir das BAP-Fantum, weil ich das für anmaßend hielt. Jetzt im Alter hat er sich wieder eingekriegt. Inzwischen sind seine Interviews wieder erträglicher.)
Vom Meister selbst stehen hier 5 CDs, weitere 5 kenn‘ ich, weil ich sie mal hatte oder irgendwo gehört hab. Alle andern nur vom Rezi-Lesen.
Die „Infidels“ magst du nicht? Warum denn das? Die ist eine von den 5en, die hier bei mir bleiben durften. Die hatte ich zu Ostzeiten schon auf Band. Die A-Seite geradezu genial schön. Die B-Seite bissel durchwachsen. Sein „Neighborhood Bully“ naja, diskussionswürdig, da war er bissel ,“unterkomplex“ unterwegs. Aber der Song ruiniert das Album als Ganzes nicht.
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Oh, Du hast mit Klaus Wellershaus zusammenarbeiten können? Wie phantastisch. Brillanter Mann, schlimm vom Schicksal gebeutelt. Ich verdanke seinen Radiosendungen so viel, hab seine Stimme immer noch kristallklar im Ohr.
Danke für Deine Murder Most Foul-Würdigung und Deine eigenen panoramischen Lyrics, well done. Gerade gestern nebenan Dylans Satz zitiert: „The highest purpose of art is to inspire.“
„Man of Peace“ ist outstanding, aber bei „Infidels“ mag ich ansonsten erstens den Sound nicht so sehr; durch Knopfler klingt mir das alles viel zu gepflegt. Finde, da stand Dylan der Rasseldassel von „Shot of Love“ besser. Von „Infidels“ an habe ich auch ein wenig Probleme mit seinem Gesang / seiner Diktion / seiner Stimme; sein Vortrag wird viel zu forciert, er selbst schreibt in den Chronicles, er hatte seine Stimme verloren und wußte, er müsse seine Musik „from the grave“ zurückholen. „Oh Mercy“ war die erste gelungene Beschwörung, „Time Out Of Mind“ die endgültige Wiederauferstehung.
Hier
hatten wir ja damals auch über „Jokerman“ gesprochen:
In dem Interview mit Paul Gallo Anfang der 90er, seinem ersten nach 10 Jahren, hielt er nicht mehr viel von „Jokerman“: „That’s a song that got away from me. Lots of songs on that album [Infidels] got away from me. They just did.“ Der Song scheint ihm offenbar im Nachhinein zu konstruiert: „That could have been a good song. It could’ve been. … It probably didn’t hold up for me because in my mind it had been written and rewritten and written again.“
Zweitens also, zum (für mich) allzu gepflegten Sound kommen allzu konstruierte Lyrics.
Und drittens hat er die besten Songs für „Infidels“ weggelassen: „Foot of Pride“ und „Blind Willie McTell“.
Apropos „unterkomplex“, Niedecken im Interview 2022, „Der Krieg, den Putin in der Ukraine vom Zaun gebrochen hat, …“ – da hört man dann schon auf zu lesen. Laut UN-Bericht über 3000 im Donbass getötete Zivilisten zwischen 2014 und 2022. Wenn der Herr „Dylan-Experte“ mal Dylans „The Philosophy of Modern Song“ (11/2022) zur Hand nähme, würde er darin den Satz finden (S. 215): „And if we want to see a war criminal all we have to do is look in the mirror.“
Im Moment haben andere mehr Verstand und Courage, mit denen man früher eher nicht so gerechnet hätte, wie Precht oder Hallervorden.
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Oh ja! Die Schlussätze.
Dass die alten Friedenskämpfer von 82/83 nun senile West-Puhdys sind, schockt mich inzwischen nicht mehr. Schade um den guten Ruf eines Kunze oder auch Udo L. von einst. Aber dass keiner von den ganzen aktuellen Wimmerbarden mal n Friedenslied oder n Masters of War Cover wagt, ist schon echt beschämend für’s Land an sich.
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