


What’s this?
Vorweihnacht

Eine blaßblaue Frauenschrift – gute Idee eigentlich. Mal für Ostern vormerken. Ich hab die Verfilmung gesehen, twice. Ist schon eine Weile her, erinnere mich an einen sehr guten Hauptdarsteller. Intensiv gespielt oder so was. Ich habe keinen favourite mit Romy, oder noch nicht. Deshalb frag ich ja. Ich hab auch vor vielen Jahren einige Filme gesehen, viele Jahre, deshalb die Erinnerung zu dünn. Ludwig II. gefiel mir auch bestens, aber ich dachte, das dürfte man nicht laut sagen, weil es ja auch so eine Art Sissi Film ist. Die Ausstellung hat mich erinnert, dass ich einiges nachholen muß. Will. Temporär ist man eben Französin, wo man kann. Das Museum, ja, wie Sie sagen. Wer durch das Portal die Hallen betritt, verlässt nicht nur das miese Bahnhofsviertel, sondern gleich die gesamte Gegenwart. Allerdings greift dieser Effekt noch stärker nach mir in der neuerdings als Hamburg Museum bezeichneten Zeitmaschine am Holstenwall. Zum Versinken ins 19. Jhd. der kleine weiße Hamburger Kaufmannsfamiliensalon im zweiten Stock.
Das klingt nach einem gelungenen Abend mit Herrn Almond, freut mich sehr. Combichrist erfüllten zwar ihren Zweck nicht, waren aber sehenswert. Drei Vorgruppen, boy, anstrengend. CC selbst mit zwei Schlagzeugern, einer der beiden agierte durchgehend animallike, ich an der Seite, oben, besten Blick über die Zuschauermenge, konnte Vergleich mit Muppet Show nicht leugnen. Muppet Show, nur in schwarz. Schwarze Halle, schwarze Menschen, schwarze Band.
Holstenwall ist doch da, wo „Das Cabinet des Dr Caligari“ spielt. In dem Museum war ich sehr lange nicht, danke für den Wink. Wenn Sie gern ins 19. Jahrhundert versinken, müßte Ihnen Dänemark gefallen, das Dänemark, das kaum einer kennt, meine ich. Da gibt es so viele große, kleinere und Kleinstmuseen mit Salons, Zimmern, Stuben, Kammern, die einen aus der Gegenwart tragen. Das macht Dänemark zwar ohnehin gern, mit all seinen seltsamen Quellen, Kirchen, Oldtidsvejs, in der Erde vergrabenen Wikingerschiffen, Steinsetzungen, aber diese versteckten Zeitmaschinen in wunderlichen Häusern haben einen besonderen Reiz. Einmal sahen wir auch ein Armenhaus-Museum in Svendborg. All diese Gegenstände von Menschen, die darum kämpften, Selbstachtung zu bewahren, all diese Ecken, in die Blicke fielen aus Augen, die am Ende ihrer Hoffnungen angekommen waren, und dann plötzlich, ich konnte es einfach nicht fassen, auf einem schäbigen Tisch eine dänische Illustrierte für die Dame, aus dem Jahre 1947, und auf dem Titelbild war Simone Simon. Die Heroine aus „Cat People“. Now that’s what I call Weltinnenraum.
Ja, aber der Verfall des Helmut Berger, so perfekt in dieser Rolle, hätte ja in keinen Sissi-Film gepaßt. Vielleicht sollten wir uns mit Visconti-Filmen eindecken? Ich werde dann 10mal zu der Szene aus „Rocco und seine Brüder“ zurückspulen, wo Delon einfach nur sagt: „Orangen.“ Mit so Zickigkeiten müßten Sie rechnen. – Muppetshow in Schwarz, dagegen spricht doch mal gar nichts. Ich habe aber über alles nachgedacht, was Sie mir in puncto Weiberelectro sagten, und weiß jetzt, daß es zwei, drei Bands einer spezifischen Form von Weibergoth gibt, mit der man mich mittlerweile jagen kann. Wenn Sie jetzt auf London After Midnight tippen, gewinnen Sie gar nichts, das war zu leicht. Ah, Sie kennen Verfilmungen der „Blaßblauen Frauenschrift“? Finde wunderbar, wie Werfel die Sprache, die so souverän und elegant wie Leonidas selbst sein kann, immer mehr unterhöhlt, so wie Veras Präsenz in seinem Leben seine Selbstgefälligkeit unterhöhlt, plötzlich ist atmosphärische Störung, Hintergründigkeit, latent unheimlich werdende Welt überall. Muß gestehen, ich war aus bestimmten Gründen auch von Amelie sehr fasziniert. Und schrieb gerade im Forum, falls es mal, im Zeitalter der Contests, einen Contest gibt für die besten letzten drei Sätze einer Novelle, das wäre einer meiner Kandidaten.
Frühling kommt, der Sperling piept, haben Sie den Track gehört, den Marilyn Manson zum freien download anbietet? Erinnert mich latent an „Lagartija Nick“ von Bauhaus, und daß Jeordie White / Twiggy zurück ist, hört man volle Kanüle und es hört sich gut an.
Hoffe sehr, Französisierung ist einer von vielen wirksamen Konfusionskillern.
Wie die Zeit vergeht. Und ich guck ihr noch dabei zu. Dänemark klingt wunderbar. Und so ein Illustrierte-für-die-Dame-Erlebnis ist natürlich groß.
Es gibt überhaupt noch viel im Norden, das ich sehen muß. Schottland, Irland grad ganz weit oben auf der Liste.
Zickigkeiten nennen Sie das? Och, da hätte ich auch ein paar anzubieten. Im Zweifelsfall hilft gegen Konfusion am besten noch immer ein Löffelchen bitterer Realität und dann kalter Entzug. Nicht die sanfteste Methode, aber wirksam. Und vorher noch I still don’t know what’s going on, I can’t help feeling something’s wrong ins Forum schreiben.
Am nächsten Tag es kaum mehr glauben können, dass ein Gefühl einen so sehr nicht trügen kann – unbezahlbar!
Sie meinen, es ist doch überraschend, wie unüberraschend Menschen manchmal sein können? So ist das wohl, „pityfully predictable“ eine Wendung, die keinen Rost ansetzt. Gut, daß einem gleichzeitig sozusagen ständig der Atem stockt, it’s the truth. – Irland und Schottland, mh. Ich war ja da, Sie wissen schon, in einem früheren Leben, Kapitel 10. Zu Irland habe ich so eine nur mittelbar intensive Beziehung, nicht nur wegen U2, ich habe auch mal darüber eine Arbeit geschrieben, wie der irische Dickschädel Columban von Luxeuil sich schwer mit dem Papst anlegte. Im Zuge dessen wurde ich mit Geschichten und Material versorgt von einer, die mal da war, SIE nämlich. Die irischen Mönche waren die toughsten. Mönchsregeln, daß es nur so kracht. „Wer schlafend in der Kirche seinen Samen verliert, zehn Hiebe.“ Und Schottland – gerade dachte ich, Edinburgh muß eine wunderschöne Stadt sein, und zack sehe ich im TV fast zufällig den Film „Hallam Foe“, der genau das bestätigt. Kennen Sie die Mediaeval Baebes?
Na gut, vielleicht bin ich einfach keine Zicke und muß lernen damit zu leben. Bringt ja auch nichts, wenn ich versuchte, zickig zu sein. Sie würden es über kurz oder lang lächerlich finden müssen. Kürzlich stand im Horoskop >Sie sind heute beziehungsunfähig, wenn nicht menschenscheu, können dies aber mit Ihrer Unkompliziertheit ausgleichen.< Oder so ähnlich. Empathiedesastergirl. Cut. Pitifully predictable. Hrhr. Hab beschlossen, einfach mal das Leben zu überraschen. Das hat’s nun davon.
Ich war in Berlin und bin mal wieder cured. So cured. Diese Nächte sind so out of this world, dass es immer sehr schwer ist, wieder zurückzufinden. Eine grandiose Nacht, ein Club voller schöner Creatures of the Night aus Italien, Holland, Deutschland, die alle Cure Songs kennen und jedes Wort mitsingen. Sowas gibt es noch. Und meine kleine Cure family, such a beautiful bunch of people.
Wir haben uns immer noch nicht getroffen und es ist schon fast Mai. Shame on me. Ich werde Sie mit Schokolade zum Darüberhinwegsehen bestechen.
Ich mag die Melancholiker mit rauchigen Stimmen. Some obscure Scottish poet wie der alte Sänger von Marillion. Aber Marillion ist wiederum gar nicht so schottisch. Oder die Commitments, gab es kürzlich mal wieder im TV. Das ist irische Alltagskultur. Und Annie Lennox (ja, ich weiß, englisch, trotzdem >zick<). Wenn sie singt, steh ich in Gedanken auf einer Klippe above a raging sea und want to walk in the open wind irgendwo an den Küsten der Isle of Wight oder so. Große Gläser mit rötlichem Bier. Lagerfeuer am Strand und der Mann mit der Gitarre singt irische Trinklieder. Steinkreise ohne Erinnerung, was sie da sollen. Und Regen, schwerer Regen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie DIE Mönchsregel entstanden sein mag.
Bestechen mit Schokolade ist nicht fair, da könnte jeder praktisch alles von mir wollen. Na gut, ich bin nicht unbestechlich, aber wählerisch darin, von wem ich mich bestechen lasse, und Ihnen ist sowieso verziehen, ja nichtmal was zu verzeihen. Verschreiben Sie sich auch immer bei „Verzeihen“? Ich schreibe erst immer „verziehen“ und denke dann immer, – naja, sowas wie „aha“, denke ich wohl.
Beautiful creatures of the night wissen ja, man muß sich schon an den Epochen bedienen. Während die in London Blitzkrieg-Parties feiern und im Stile der 40s als veritable Ditas mit laszivem Zeugs darauf warten, daß David Niven mit seiner ledernen Fliegermütze um die Säulen kommt, ist Berlin gleich zurück in die 20er, von wegen Weimarkrise. Mich macht Louise Brooks auch völlig fertig. Zug- und Bustickets für Berlin sind auch schon gebucht, neben U2 auch noch Nine Inch Nails. Damn right, große Gläser mit rötlichem Bier.
„Als Hjerrild Niels Lyhne zum letztenmal sah, lag er da und fabelte von seiner Rüstung und davon, daß er stehend sterben wollte.“ Die Chieftains haben auch Teile zum Soundtrack von „Barry Lyndon“ beigesteuert, der wiederum der Lieblingsfilm von Brian Eno ist. Man hätte ja gedacht, daß der einen anderen Kubrickfilm bevorzugt.
Annie Lennox ist doch Schottin? In Johannesburg habe ich mal in den Milner Park Showgrounds einen Nachmittag lang hinter einer Hecke gelegen und einer Pipes & Drums-Band zugehört, die da übte. Kein Witz. War den Klängen gefolgt wie die Schlange der Flöte. Bob Dylan: Well my heart’s in the highlands gentle and fair.
Ich vermute Sie irgendwo mit Romy im maximen Park, und Ostern war tatsächlich blaßblau?
[Bild: Museum für Hamburgische Geschichte, Foto CE)




Léo Malet überführte die hard-boiled-Tradition à la Hammett und Chandler ins Nachkriegs-Paris, in dem die Stöckelabsätze nur so klackern, und Nestor Burma, Malets main man, kommt in bester film noir-Tradition vor allem durch dieses Geräusch in seine Bredouillen. Malet trieb sich, bevor er Burma erfand, bei Anarchisten und Surrealisten herum, was sich in seinem Stil vor allem dann bemerkbar macht, wenn Burma mal wieder eins auf die Rübe bekommen hat und langsam wieder zu sich kommt. Jeder Fall spielt in einem anderen Pariser Arrondissement, und die deutschen Taschenbuchausgaben der „Neuen Geheimnisse von Paris“ (der Burma-Zyklus) enthalten „Nachgänge“, die im heutigen Paris Spurensuche betreiben. Wer Paris liebt, wird bei Malet viel von dem finden, was er an Paris liebt. Melancholisch, sarkastisch, sehr charmant, nicht gerade Weltliteratur, aber ideal für den Zug nach Paris. Die Legende sagt, daß die Schreibmaschine, auf der Malet tippte, früher Trotzkis Sekretär gehört hat.
[Moi, SPIEGEL ONLINE Forum, 18.08.2006]
Aus Malets Autobiographie:
„Leute, die meine Bücher gern lesen, und Kritiker sagen, daß meine Krimis eine besondere ‚Atmosphäre‘ hätten. Ein wenig wie bei Simenon, obwohl es nicht dasselbe ist – die ganze Simenon-Palette mit dem mit feinen Strichen gezeichneten Dekor. Simenon hat den Nebel für sich beansprucht, seine Bewunderer sagen fast, daß er ihm gehöre. Rühren Sie den Nebel nicht an! Simenon hat dieses Dekor an sich gerissen und spricht mit der ihm eigenen Sensibilität darüber. Ich habe dasselbe gemacht. Meine Sensibilität ist vielleicht nicht dieselbe. Simenon hat den Nebel nicht erfunden, ich habe Paris nicht erfunden.“
Aber Malet sagt, er schrieb nicht mehr, als er merkte, daß Beton ihn nicht inspiriert. Im Grunde ein durch „die Fassade, hinter der sich etwas verbirgt“ angeregter Autor, der verstummte, als er auch die hinter Beton agierenden Zeitgenossen nicht mehr zu verstehen glaubte. Und natürlich durch und durch Fetischist, zweites Movens seiner Inspiration.
[Moi, SPIEGEL ONLINE Forum, 23.05.2008]

Zitate aus: Léo Malet, Stoff für viele Leben. Autobiographie, Edition Nautilus Verlag, Hamburg 1990
Von meiner Mutter bleibt mir nur eine einzige Erinnerung, welche die Psychoanalytiker sicher interessieren wird. Es war kurz vor ihrem Tod, sie war erst 21. Der Arzt hatte ihr eben eine Spritze gegeben und schloß seinen Koffer. Ich kam ins Zimmer. Es saßen ein paar Leute da, sie sagten nichts und nickten mit dem Kopf, wie in einem Alptraum. Meine Mutter lag auf dem Bauch, ihr Hintern war nackt und auf der weißen Rundung perlte ein Blutstropfen. Dieses Bild ist mir geblieben. An meinen Vater kann ich mich überhaupt nicht erinnern.
Vom Katechismusunterricht bleibt mir eine genaue und ziemlich seltsame Erinnerung: Der Priester erzählte uns die Geschichte einer Dame, die gewisse kleine Sünden beichtete. Jedesmal, wenn sie eine Sünde zugab, kroch eine kleine Schlange aus ihrem Mund, fiel auf den Boden und wand sich. Plötzlich aber erschien zwischen den Lippen der Beichtenden der Kopf einer Riesenschlange: eine große Sünde, die sie zu beichten anfing. Sie wollte aber mit ihrem Bekenntnis nicht ganz heraus und schluckte die Schlange wieder. Sofort stürzten sich die kleinen Schlangen, die neben den Füßen des Beichtvaters lagen, auf die Frau und hopp! verschwanden sie wieder im Körper der Sünderin. Ich konnte mir die Szene sehr plastisch vorstellen. Es war fast wie eine Collage von Max Ernst. Die ganze Geschichte hatte eine erotische Seite. Das Bild einer Schlange, die aus dem Mund einer Frau kommt, ist verdächtig; es müßte vielleicht einmal analysiert werden.
In meinen Büchern töten sich alle gegenseitig, ich kann aber keinem Zwerg etwas antun.
Ich bin immer schon gern zu Fuß gegangen und in Paris war das etwas Besonderes. Man sah erstaunliche Dinge. Zum Beispiel einen Epilepsieanfall auf dem Boulevard Sébastopol um 2 Uhr morgens, Leute, die von irgendwoher kamen und gafften, Nutten, kleine Gauner und ein Kranker, den es immer stärker schüttelte, der stöhnte und sabberte. Wie Zabel in „Hafen im Nebel“ sagt: „Man sieht seltsame Dinge zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens“. Ich wurde auch Zeuge von Razzien im Montmartre, wo die Polizisten auf ihren Fahrrädern aus allen Straßen auf den Place Pigalle kamen und die Leute vor sich herstießen. Oder in Barbès, wo die Mädchen mit hochgezogenen Röcken davonliefen, verfolgt von der Sitte und Polizisten in Uniform.
Auch in meinem Zusammenhang hat man von anarchistischem Puritanismus gesprochen. Man irrt sich, muß ich leider sagen. Ich bin kein Puritaner, ich finde nur, daß es Sachen gibt, die man nur zu zweit gut machen kann, nicht zu dritt oder zu viert.
„Er ist tot, der große Ameisenbär, der große schwarze Stern, die Sonnenblume, der Himmelsstürmer, der große Lichtträger, die große Fackel; leuchtend wie eine verirrte Haarsträhne einer verliebten Frau, die große Fackel dieser Jahrhundertwende mit ihren Gewitterstürmen des Denkens. Er ist in Fantomas‘ Spital, Lariboisière, gestorben, wo Philippe Daudet am Samstag, dem 24. November 1923, gegen halb fünf Uhr nachmittags, sterbend in einem Taxi aufgefunden, eingeliefert worden war … Man kann noch lange behaupten, die Revolution sei nicht das Werk des einzelnen, ohne bestimmte Menschen aber gibt es keine Revolution. Schlaft in Frieden, liebe Leute, feiert die 70 Jahre von Elsa, hört dem monotonen Aragon zu, schaut fern, die große Sonnenblume liegt in ihrem Sarg. Von nun an ist alles erlaubt.“
Ich schrieb diesen Nachruf, nachdem ich vom Begräbnis André Bretons 1966 nach Hause kam.
Man könnte doch ausgefallene Szenarien aus der französischen Geschichte schreiben. Schon allein die Königin Margot wäre eine wahre Fundgrube. Sie war eines Tages mit ihrem Liebhaber im Bett, als ihr Bruder, Heinrich III. von Navarra, ins Zimmer stürzte und den Liebhaber mit Hilfe eines Dolchs aus ihr herauszog. Der bedauernswerte Mann verlor sein Blut gleichzeitig mit seinem Sperma.
[Über seinen Roman „Das Leben ist zum Kotzen“]:
Mit Hilfe von Träumen und persönlichen Erinnerungen, mit vielleicht verfehlten Interpretationen des Verhaltens großer Krimineller habe ich versucht, einen gewaltigen und brutalen Schrei nach Liebe auszustoßen, denn dieses Buch ist letztlich ein Roman über Liebe und Leidenschaft, eine verzweifelte Suche nach dem affektiven Absoluten, zwischen den Zeilen steht das allmächtige Bild der Frau, die wie eine Kaiserin, Haare und Augen leuchtend vom tödlichen Widerschein des Goldes, ihre mörderisch hohen Absätze in die Brust ihres Opfers bohrt. Aus diesem Grund wäre es mir unangenehm, wenn man diesen Roman wegen bestimmter heikler Passagen mit der jetzt so beliebten Supermarkt-Erotik verwechseln würde. „Das Leben ist zum Kotzen“ ist etwas anderes.
Ich habe „archäologische“ Romane geschrieben. Wissen Sie, wie das ist, wenn Ihnen jemand sagt, daß es eine Straße, die Sie kannten, nicht mehr gibt?
Überall, oder fast überall, stehen nun diese Scheißhaufen aus Stahl, Glas und Beton. Blinde Fenster, die nie geöffnet werden, hinter denen man nur mit Mühe lebendige Wesen vermutet.
Von der Mitte der Grenelle-Brücke, die abgerissen und den Normen des Autoverkehrs angepaßt wiederaufgebaut wurde, etwa in der Nähe des Ortes, an dem Lady Betham, die Mätresse von Fantômas, in der Nacht den verhängnisvollen Fiaker anhalten ließ, sehe ich diese neuen Tempel des Jahres 2000. Ich weine nicht über das Verschwinden der Citroën-Fabrik, aber ich muß an dieses ganze Netz von verschwundenen kleinen Straßen denken, an dieses mythische Labyrinth des Volksromans, wo Theseus schließlich dem Minotaurus begegnete, der ihn mit dem ganzen Viertel zugleich auffraß.
Für ein Buch von 200 Seiten benötigte ich mindestens 800 maschinengeschriebene Seiten. Ich feilte immer aus, war nie zufrieden. Wegen eines durchgestrichenen Wortes schrieb ich die ganze Seite nochmal. Ich habe später erfahren, daß Dashiell Hammett dieselbe Manie hatte.
Ich weiß nicht warum, aber wenn ich ans Wort „Ende“ kam, war es immer fünf Uhr morgens.

Postcript: Kommentarsektion Antirationalistischer Block
29.05.2015
ray05:
Besorg‘ ich mir! :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Vergaß zu sagen, irgendwo schreibt er noch, jeder Franzose sei Fetischist. :)
ray05:
Wir anderen jetzt nicht, oder was? :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Ich glaube, er meint, wir sind alle Franzosen. Und das Schöne ist, die Französinnen auch. :)


Foto © Christian Erdmann

„La Bayadère“ gilt als „heiliges Ballett“. Die Choreographie ist von Marius Petipa, die Musik von Léon Minkus. Die Ovationen nach der Uraufführung des Balletts am 23. Januar / 4. Februar 1877 in St. Petersburg sollen über eine halbe Stunde gedauert haben. Im Mittelpunkt der Handlung, die im alten Indien spielt, steht die tragische Geschichte der unmöglichen Liebe zwischen der Bayadère (Tempeltänzerin) Nikiya und dem edlen Krieger Solor. Das Ballett hatte ursprünglich vier Akte, mittlerweile endet es nach dem dritten Akt, dem „Königreich der Schatten“.
Ausserhalb Russlands war „La Bayadère“ lange nahezu unbekannt; das Kirov-Ballett aus Leningrad – mit Rudolf Nurejew – tanzte den Schattenakt 1961 in Paris, doch erst 1980 brachte Natalia Makarova mit dem American Ballet Theatre das Ballett in voller Länge auf eine westliche Bühne. „La Bayadère“ war auch das letzte Ballett, das Rudolf Nurejew als Choreograph in Paris inszenierte, die Premiere im Palais Garnier war am 8.10.1992.
„La Bayadère was also the final task in a life totally devoted to the dance: Rudolf Nureyev – in spite of his illness – worked on staging this ballet and attended rehearsals until the opening night on October 8th 1992 at the Palais Garnier.
After the curtain calls congratulating the soloists, the corps de ballet and the conductor, the curtain rose once again. This time, Rudolf Nureyev was there, dressed up, with a red scarf over his shoulder, taking his bow between Isabelle Guérin and Laurent Hilaire, with Elisabeth Platel at his side. The public fell silent for a moment, hesitant when faced with this brave and illustrious man, thin but standing proud, defying his illness. The audience rose as one and burst into applause.
They understood that they were seeing him for the last time. A triumph riddled with emotion that paid homage, not only to a handsome performance, but also to the fate of a man who « went around and came around »… he had performed on this very same stage at the Palais Garnier in the « Shades » scene of La Bayadère and he was now leaving us with his own production of La Bayadère in three acts, as if it were his last will and testament left to the Paris Opera Ballet.“ [nureyev.org]
Nikiya stirbt im 2. Akt, von einem Schlangenbiss ermordet, in Solors Armen. Von Nikiyas Tod überwältigt, betäubt sich Solor mit Opium: dies führt uns in das „Königreich der Schatten“, eine Vision des Jenseits, in dem Solor die Geliebte wiederfindet. Dieser 3. Akt beginnt mit einem der berühmtesten und schönsten Auftritte des klassischen Balletts, als sich die Prozession von 32 Tänzerinnen in tranceartig wiederholten Arabesque penchées auf die Bühne ergießt: tiefe Verbeugungen, bei denen ein Arm zu seiner maximalen Länge ausgestreckt wird, während das entgegengesetzte Bein weit und hoch nach hinten gestreckt wird. Für die Tänzerinnen eine höllische Anstrengung, für uns von heiliger Schönheit. Und falls ich noch in einer Opiumhöhle lande, this is the dream I want to see.
Solor, inconsolable, seeks refuge in his dreams. In his delirium, he sees ghostly figures, looming in the darkness. Among them is Nikiya. Solor loses contact with reality and follows his beloved in the Kingdom of Shadows…
Der 3. Akt von „La Bayadère“ mit dem Bolschoi-Ballett, Moskau, Olga Smirnova als Nikiya, Artemy Belyakov als Solor.
Über den wunderbaren Zauber der Liebe
Der Blitz schlägt ein, und das Universum sprüht Funken. So fühlt es sich an, als Aljoscha die geheimnisvolle Fremde zum ersten Mal sieht. Sie erscheint, er muss ihr folgen. Stumm betet er sie an und schafft in seiner Gedankenwelt eine seltsamen Regeln unterworfene Beziehung mit dem sphinxhaften Wesen. Es scheint, als könne der Zauber nur aus der Distanz heraus wirken. […] Aljoscha ist getrieben von dem Wunsch nach absoluter Liebe, nach totaler Verschmelzung, völliger Hingabe. Diesem fast schon religiösen Anspruch hält seine Liebe zu seiner Lebensgefährtin Leda im Alltag nicht stand, und so ist sie unausweichlich zum Niedergang verurteilt, während andernorts der Zauber neu aufblitzt.
Christian Erdmanns Debütroman ist ein kluges und feinfühliges Buch über die Zerbrechlichkeit der Liebe. „Ich wollte etwas Wunderbares festhalten, was ich in ähnlicher Form selbst erfahren habe“, sagt Christian Erdmann, der wie sein Protagonist Philosophie studiert hat. Er nennt sich Westentaschen-Flaubert – in Verbundenheit mit dem Literaten, der ständig auf der Suche nach dem „mot juste“, dem einen passenden Wort war. Das ist Christian Erdmann auch. Seine Sprache ist mit Bedeutung aufgeladen, wirkt anfangs sperrig, entfaltet aber schnell eine Sogwirkung und wird zum Genuss an sich. Auch für Vito von Eichborn ist dieses Werk „literarisch das Beste, was ich in den letzten Jahren gelesen habe“. Und ganz nebenbei wächst einem Aljoscha ans Herz.
In Kopf und Seele des Protagonisten spult sich ein Szenario aus Gedanken und Erinnerungen ab – melancholisch, romantisch, dann wieder rasant und aufwühlend. Es geht um Abschied, Verwandlung und Neubeginn. Zwischenmenschliche Beziehungen sind deshalb so schwierig, weil sich bestimmte Phänomene des Gefühlslebens der Kommunikation entziehen. […] Bleibt letztlich jeder mit seiner Sehnsucht und seinen Wünschen allein? Eine Frage, die viele Menschen in der Moderne oder Postmoderne beschäftigt. „Die Welt ist nicht entzaubert“, sagt Erdmann. „Hinter den Fassaden des Auf- und Abgeklärten begegnen der Vernunft noch Ungeheuer und Zauberwesen. Der Zustand des Verliebtseins öffnet die Augen dafür. Und Liebe ist die höchste Form der Magie.“
BoD AKTUELL, Ausgabe 28, Sommer 2007
Based on: Telefon-Interview mit Sylvia Gräber, Journalistin, Rundfunkreporterin und Moderatorin u.a. für NDR und WDR.

[Artwork CE / AI]