Helen Marnie, Mira Aroyo und ihre 2 Genossen haben den distanziert-erotischen Elektro-Minimalismus ausgebaut in eine betörende Vielschichtigkeit, in der sich Synth-Lagen übereinander türmen und ein „Speed Of Life“-artig verzerrt polterndes Schlagzeug Bass und Gitarren in den Electroclash zieht. Eine sonderbare Mischung jetzt aus warm und kühl, nach wie vor paßt aber der gelegentliche Song in Bulgarisch bestens zur gertenschlanken Hineingestelltheit dieser beiden irgendwie exoterrestrisch wirkenden Damen in Situationen, in denen der schreckende Übergang von Sex zu großem Gefühl zum Rücksturz mit dem Kubrickschen Raumgleiter verführt („I’m not scared to go home“). Wenn diese immer etwas verhallten, unterkühlten Stimmen „They gave you a heart“ konstatieren, klingt das immer noch wie die leicht verwunderte Selbstreflexion von Roboterpuppen, noch immer paart sich „Venus sucht den Superstar“ mit der sozialistischen Strenge eines völlig unbegründet optimistischen Aufbruchs, aber im Video werden jetzt schon mal pelzige Nager gehalten, auch wenn der energische Schritt nirgendwohin führt. Botschaften wie Lautsprecherdurchsagen in Metropolis: „I wrote a protest song about you.“ Hudson Astrolook + Melancholie, herzzerreißend schöne Melodien, die zugleich von enormer Traurigkeit sind, der letzte Song, „Versus“, ist schon fast unerträglich genial. Like a kitten versus rain.
Wenn Aljoscha, einem Studenten der Philosophie, eigentlich schon in Ledas festen Händen, anlässlich der Vorlesungen über Kunstgeschichte eine stöckelbeschuhte Katzenfrau in schicksalhafter Weise den Weg kreuzt, dann beginnt ein Tanz um das ewige Feuer aus Sinn und Bedeutung, Liebe und Erotik, aus Bildung und Wissen, aus Philosophie und Sprache, aus Erkenntnis und Verständnis aufs Neue.
Ich warne jeden eindringlich davor, hier mitzutanzen: Es könnte sein, dass ihm anschließend jeder andere Text nur noch fad und leblos erscheint. Zu mitreißend wird der Parforceritt durch die Welten der Sprache, deren Fäden im Zentrum des Bewusstseins zusammenlaufen, um eine Welt des großen Zusammenhanges aus Geist und Magie zu gestalten. Zunächst in beschaulichen Verhältnissen eines russifizierten Hamburgs ansetzend, entwickelt der Fluss der Ereignisse sein zunehmendes Tempo um schließlich in einen Strudel zu münden, dessen Unentrinnbarkeit am Schluss nur die Wiedergeburt eines neuen Autors zulässt, nachdem sein Ich zuvor in Metamorphosen mehr Dichterexistenzen durchlaufen hatte, als sein Freund Pjotr im Brennofen Köpfe herzustellen vermochte, und das waren immerhin sieben.
Und wenn Sie dieses Buch, neugierig geworden, nun doch lesen müssen, dann lesen Sie das Ende zuerst: Damit Sie nicht von der unendlich dummen Frage getrieben „Und kriegt er sie?“ über den Text hinweg fliegen. Und lesen Sie danach das ganze Buch zweimal, weil wir den Anfang erst begreifen, wenn wir das Ende bereits kennen.
Dieser Autor wurde mit Esprit gesegnet und er hat ihn hier so großzügig verspritzt, dass davon noch zwei Generationen Literaten satt werden können. Müssen sie auch, denn so bald wird es so etwas nicht wieder geben.
Eine blaßblaue Frauenschrift – gute Idee eigentlich. Mal für Ostern vormerken. Ich hab die Verfilmung gesehen, twice. Ist schon eine Weile her, erinnere mich an einen sehr guten Hauptdarsteller. Intensiv gespielt oder so was. Ich habe keinen favourite mit Romy, oder noch nicht. Deshalb frag ich ja. Ich hab auch vor vielen Jahren einige Filme gesehen, viele Jahre, deshalb die Erinnerung zu dünn. Ludwig II. gefiel mir auch bestens, aber ich dachte, das dürfte man nicht laut sagen, weil es ja auch so eine Art Sissi Film ist. Die Ausstellung hat mich erinnert, dass ich einiges nachholen muß. Will. Temporär ist man eben Französin, wo man kann. Das Museum, ja, wie Sie sagen. Wer durch das Portal die Hallen betritt, verlässt nicht nur das miese Bahnhofsviertel, sondern gleich die gesamte Gegenwart. Allerdings greift dieser Effekt noch stärker nach mir in der neuerdings als Hamburg Museum bezeichneten Zeitmaschine am Holstenwall. Zum Versinken ins 19. Jhd. der kleine weiße Hamburger Kaufmannsfamiliensalon im zweiten Stock.
Das klingt nach einem gelungenen Abend mit Herrn Almond, freut mich sehr. Combichrist erfüllten zwar ihren Zweck nicht, waren aber sehenswert. Drei Vorgruppen, boy, anstrengend. CC selbst mit zwei Schlagzeugern, einer der beiden agierte durchgehend animallike, ich an der Seite, oben, besten Blick über die Zuschauermenge, konnte Vergleich mit Muppet Show nicht leugnen. Muppet Show, nur in schwarz. Schwarze Halle, schwarze Menschen, schwarze Band.
Holstenwall ist doch da, wo „Das Cabinet des Dr Caligari“ spielt. In dem Museum war ich sehr lange nicht, danke für den Wink. Wenn Sie gern ins 19. Jahrhundert versinken, müßte Ihnen Dänemark gefallen, das Dänemark, das kaum einer kennt, meine ich. Da gibt es so viele große, kleinere und Kleinstmuseen mit Salons, Zimmern, Stuben, Kammern, die einen aus der Gegenwart tragen. Das macht Dänemark zwar ohnehin gern, mit all seinen seltsamen Quellen, Kirchen, Oldtidsvejs, in der Erde vergrabenen Wikingerschiffen, Steinsetzungen, aber diese versteckten Zeitmaschinen in wunderlichen Häusern haben einen besonderen Reiz. Einmal sahen wir auch ein Armenhaus-Museum in Svendborg. All diese Gegenstände von Menschen, die darum kämpften, Selbstachtung zu bewahren, all diese Ecken, in die Blicke fielen aus Augen, die am Ende ihrer Hoffnungen angekommen waren, und dann plötzlich, ich konnte es einfach nicht fassen, auf einem schäbigen Tisch eine dänische Illustrierte für die Dame, aus dem Jahre 1947, und auf dem Titelbild war Simone Simon. Die Heroine aus „Cat People“. Now that’s what I call Weltinnenraum.
Ja, aber der Verfall des Helmut Berger, so perfekt in dieser Rolle, hätte ja in keinen Sissi-Film gepaßt. Vielleicht sollten wir uns mit Visconti-Filmen eindecken? Ich werde dann 10mal zu der Szene aus „Rocco und seine Brüder“ zurückspulen, wo Delon einfach nur sagt: „Orangen.“ Mit so Zickigkeiten müßten Sie rechnen. – Muppetshow in Schwarz, dagegen spricht doch mal gar nichts. Ich habe aber über alles nachgedacht, was Sie mir in puncto Weiberelectro sagten, und weiß jetzt, daß es zwei, drei Bands einer spezifischen Form von Weibergoth gibt, mit der man mich mittlerweile jagen kann. Wenn Sie jetzt auf London After Midnight tippen, gewinnen Sie gar nichts, das war zu leicht. Ah, Sie kennen Verfilmungen der „Blaßblauen Frauenschrift“? Finde wunderbar, wie Werfel die Sprache, die so souverän und elegant wie Leonidas selbst sein kann, immer mehr unterhöhlt, so wie Veras Präsenz in seinem Leben seine Selbstgefälligkeit unterhöhlt, plötzlich ist atmosphärische Störung, Hintergründigkeit, latent unheimlich werdende Welt überall. Muß gestehen, ich war aus bestimmten Gründen auch von Amelie sehr fasziniert. Und schrieb gerade im Forum, falls es mal, im Zeitalter der Contests, einen Contest gibt für die besten letzten drei Sätze einer Novelle, das wäre einer meiner Kandidaten.
Frühling kommt, der Sperling piept, haben Sie den Track gehört, den Marilyn Manson zum freien download anbietet? Erinnert mich latent an „Lagartija Nick“ von Bauhaus, und daß Jeordie White / Twiggy zurück ist, hört man volle Kanüle und es hört sich gut an.
Hoffe sehr, Französisierung ist einer von vielen wirksamen Konfusionskillern.
Wie die Zeit vergeht. Und ich guck ihr noch dabei zu. Dänemark klingt wunderbar. Und so ein Illustrierte-für-die-Dame-Erlebnis ist natürlich groß.
Es gibt überhaupt noch viel im Norden, das ich sehen muß. Schottland, Irland grad ganz weit oben auf der Liste.
Zickigkeiten nennen Sie das? Och, da hätte ich auch ein paar anzubieten. Im Zweifelsfall hilft gegen Konfusion am besten noch immer ein Löffelchen bitterer Realität und dann kalter Entzug. Nicht die sanfteste Methode, aber wirksam. Und vorher noch I still don’t know what’s going on, I can’t help feeling something’s wrong ins Forum schreiben.
Am nächsten Tag es kaum mehr glauben können, dass ein Gefühl einen so sehr nicht trügen kann – unbezahlbar!
Sie meinen, es ist doch überraschend, wie unüberraschend Menschen manchmal sein können? So ist das wohl, „pityfully predictable“ eine Wendung, die keinen Rost ansetzt. Gut, daß einem gleichzeitig sozusagen ständig der Atem stockt, it’s the truth. – Irland und Schottland, mh. Ich war ja da, Sie wissen schon, in einem früheren Leben, Kapitel 10. Zu Irland habe ich so eine nur mittelbar intensive Beziehung, nicht nur wegen U2, ich habe auch mal darüber eine Arbeit geschrieben, wie der irische Dickschädel Columban von Luxeuil sich schwer mit dem Papst anlegte. Im Zuge dessen wurde ich mit Geschichten und Material versorgt von einer, die mal da war, SIE nämlich. Die irischen Mönche waren die toughsten. Mönchsregeln, daß es nur so kracht. „Wer schlafend in der Kirche seinen Samen verliert, zehn Hiebe.“ Und Schottland – gerade dachte ich, Edinburgh muß eine wunderschöne Stadt sein, und zack sehe ich im TV fast zufällig den Film „Hallam Foe“, der genau das bestätigt. Kennen Sie die Mediaeval Baebes?
Na gut, vielleicht bin ich einfach keine Zicke und muß lernen damit zu leben. Bringt ja auch nichts, wenn ich versuchte, zickig zu sein. Sie würden es über kurz oder lang lächerlich finden müssen. Kürzlich stand im Horoskop >Sie sind heute beziehungsunfähig, wenn nicht menschenscheu, können dies aber mit Ihrer Unkompliziertheit ausgleichen.< Oder so ähnlich. Empathiedesastergirl. Cut. Pitifully predictable. Hrhr. Hab beschlossen, einfach mal das Leben zu überraschen. Das hat’s nun davon.
Ich war in Berlin und bin mal wieder cured. So cured. Diese Nächte sind so out of this world, dass es immer sehr schwer ist, wieder zurückzufinden. Eine grandiose Nacht, ein Club voller schöner Creatures of the Night aus Italien, Holland, Deutschland, die alle Cure Songs kennen und jedes Wort mitsingen. Sowas gibt es noch. Und meine kleine Cure family, such a beautiful bunch of people.
Wir haben uns immer noch nicht getroffen und es ist schon fast Mai. Shame on me. Ich werde Sie mit Schokolade zum Darüberhinwegsehen bestechen.
Ich mag die Melancholiker mit rauchigen Stimmen. Some obscure Scottish poet wie der alte Sänger von Marillion. Aber Marillion ist wiederum gar nicht so schottisch. Oder die Commitments, gab es kürzlich mal wieder im TV. Das ist irische Alltagskultur. Und Annie Lennox (ja, ich weiß, englisch, trotzdem >zick<). Wenn sie singt, steh ich in Gedanken auf einer Klippe above a raging sea und want to walk in the open wind irgendwo an den Küsten der Isle of Wight oder so. Große Gläser mit rötlichem Bier. Lagerfeuer am Strand und der Mann mit der Gitarre singt irische Trinklieder. Steinkreise ohne Erinnerung, was sie da sollen. Und Regen, schwerer Regen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie DIE Mönchsregel entstanden sein mag.
Bestechen mit Schokolade ist nicht fair, da könnte jeder praktisch alles von mir wollen. Na gut, ich bin nicht unbestechlich, aber wählerisch darin, von wem ich mich bestechen lasse, und Ihnen ist sowieso verziehen, ja nichtmal was zu verzeihen. Verschreiben Sie sich auch immer bei „Verzeihen“? Ich schreibe erst immer „verziehen“ und denke dann immer, – naja, sowas wie „aha“, denke ich wohl.
Beautiful creatures of the night wissen ja, man muß sich schon an den Epochen bedienen. Während die in London Blitzkrieg-Parties feiern und im Stile der 40s als veritable Ditas mit laszivem Zeugs darauf warten, daß David Niven mit seiner ledernen Fliegermütze um die Säulen kommt, ist Berlin gleich zurück in die 20er, von wegen Weimarkrise. Mich macht Louise Brooks auch völlig fertig. Zug- und Bustickets für Berlin sind auch schon gebucht, neben U2 auch noch Nine Inch Nails. Damn right, große Gläser mit rötlichem Bier.
„Als Hjerrild Niels Lyhne zum letztenmal sah, lag er da und fabelte von seiner Rüstung und davon, daß er stehend sterben wollte.“ Die Chieftains haben auch Teile zum Soundtrack von „Barry Lyndon“ beigesteuert, der wiederum der Lieblingsfilm von Brian Eno ist. Man hätte ja gedacht, daß der einen anderen Kubrickfilm bevorzugt.
Annie Lennox ist doch Schottin? In Johannesburg habe ich mal in den Milner Park Showgrounds einen Nachmittag lang hinter einer Hecke gelegen und einer Pipes & Drums-Band zugehört, die da übte. Kein Witz. War den Klängen gefolgt wie die Schlange der Flöte. Bob Dylan: Well my heart’s in the highlands gentle and fair.
Ich vermute Sie irgendwo mit Romy im maximen Park, und Ostern war tatsächlich blaßblau?
[Bild: Museum für Hamburgische Geschichte, Foto CE)
Léo Malet überführte die hard-boiled-Tradition à la Hammett und Chandler ins Nachkriegs-Paris, in dem die Stöckelabsätze nur so klackern, und Nestor Burma, Malets main man, kommt in bester film noir-Tradition vor allem durch dieses Geräusch in seine Bredouillen. Malet trieb sich, bevor er Burma erfand, bei Anarchisten und Surrealisten herum, was sich in seinem Stil vor allem dann bemerkbar macht, wenn Burma mal wieder eins auf die Rübe bekommen hat und langsam wieder zu sich kommt. Jeder Fall spielt in einem anderen Pariser Arrondissement, und die deutschen Taschenbuchausgaben der „Neuen Geheimnisse von Paris“ (der Burma-Zyklus) enthalten „Nachgänge“, die im heutigen Paris Spurensuche betreiben. Wer Paris liebt, wird bei Malet viel von dem finden, was er an Paris liebt. Melancholisch, sarkastisch, sehr charmant, nicht gerade Weltliteratur, aber ideal für den Zug nach Paris. Die Legende sagt, daß die Schreibmaschine, auf der Malet tippte, früher Trotzkis Sekretär gehört hat.
[Moi, SPIEGEL ONLINE Forum, 18.08.2006]
Aus Malets Autobiographie: „Leute, die meine Bücher gern lesen, und Kritiker sagen, daß meine Krimis eine besondere ‚Atmosphäre‘ hätten. Ein wenig wie bei Simenon, obwohl es nicht dasselbe ist – die ganze Simenon-Palette mit dem mit feinen Strichen gezeichneten Dekor. Simenon hat den Nebel für sich beansprucht, seine Bewunderer sagen fast, daß er ihm gehöre. Rühren Sie den Nebel nicht an! Simenon hat dieses Dekor an sich gerissen und spricht mit der ihm eigenen Sensibilität darüber. Ich habe dasselbe gemacht. Meine Sensibilität ist vielleicht nicht dieselbe. Simenon hat den Nebel nicht erfunden, ich habe Paris nicht erfunden.“
Aber Malet sagt, er schrieb nicht mehr, als er merkte, daß Beton ihn nicht inspiriert. Im Grunde ein durch „die Fassade, hinter der sich etwas verbirgt“ angeregter Autor, der verstummte, als er auch die hinter Beton agierenden Zeitgenossen nicht mehr zu verstehen glaubte. Und natürlich durch und durch Fetischist, zweites Movens seiner Inspiration.
[Moi, SPIEGEL ONLINE Forum, 23.05.2008]
Zitate aus: Léo Malet, Stoff für viele Leben. Autobiographie, Edition Nautilus Verlag, Hamburg 1990
Von meiner Mutter bleibt mir nur eine einzige Erinnerung, welche die Psychoanalytiker sicher interessieren wird. Es war kurz vor ihrem Tod, sie war erst 21. Der Arzt hatte ihr eben eine Spritze gegeben und schloß seinen Koffer. Ich kam ins Zimmer. Es saßen ein paar Leute da, sie sagten nichts und nickten mit dem Kopf, wie in einem Alptraum. Meine Mutter lag auf dem Bauch, ihr Hintern war nackt und auf der weißen Rundung perlte ein Blutstropfen. Dieses Bild ist mir geblieben. An meinen Vater kann ich mich überhaupt nicht erinnern.
Vom Katechismusunterricht bleibt mir eine genaue und ziemlich seltsame Erinnerung: Der Priester erzählte uns die Geschichte einer Dame, die gewisse kleine Sünden beichtete. Jedesmal, wenn sie eine Sünde zugab, kroch eine kleine Schlange aus ihrem Mund, fiel auf den Boden und wand sich. Plötzlich aber erschien zwischen den Lippen der Beichtenden der Kopf einer Riesenschlange: eine große Sünde, die sie zu beichten anfing. Sie wollte aber mit ihrem Bekenntnis nicht ganz heraus und schluckte die Schlange wieder. Sofort stürzten sich die kleinen Schlangen, die neben den Füßen des Beichtvaters lagen, auf die Frau und hopp! verschwanden sie wieder im Körper der Sünderin. Ich konnte mir die Szene sehr plastisch vorstellen. Es war fast wie eine Collage von Max Ernst. Die ganze Geschichte hatte eine erotische Seite. Das Bild einer Schlange, die aus dem Mund einer Frau kommt, ist verdächtig; es müßte vielleicht einmal analysiert werden.
In meinen Büchern töten sich alle gegenseitig, ich kann aber keinem Zwerg etwas antun.
Ich bin immer schon gern zu Fuß gegangen und in Paris war das etwas Besonderes. Man sah erstaunliche Dinge. Zum Beispiel einen Epilepsieanfall auf dem Boulevard Sébastopol um 2 Uhr morgens, Leute, die von irgendwoher kamen und gafften, Nutten, kleine Gauner und ein Kranker, den es immer stärker schüttelte, der stöhnte und sabberte. Wie Zabel in „Hafen im Nebel“ sagt: „Man sieht seltsame Dinge zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens“. Ich wurde auch Zeuge von Razzien im Montmartre, wo die Polizisten auf ihren Fahrrädern aus allen Straßen auf den Place Pigalle kamen und die Leute vor sich herstießen. Oder in Barbès, wo die Mädchen mit hochgezogenen Röcken davonliefen, verfolgt von der Sitte und Polizisten in Uniform.
Auch in meinem Zusammenhang hat man von anarchistischem Puritanismus gesprochen. Man irrt sich, muß ich leider sagen. Ich bin kein Puritaner, ich finde nur, daß es Sachen gibt, die man nur zu zweit gut machen kann, nicht zu dritt oder zu viert.
„Er ist tot, der große Ameisenbär, der große schwarze Stern, die Sonnenblume, der Himmelsstürmer, der große Lichtträger, die große Fackel; leuchtend wie eine verirrte Haarsträhne einer verliebten Frau, die große Fackel dieser Jahrhundertwende mit ihren Gewitterstürmen des Denkens. Er ist in Fantomas‘ Spital, Lariboisière, gestorben, wo Philippe Daudet am Samstag, dem 24. November 1923, gegen halb fünf Uhr nachmittags, sterbend in einem Taxi aufgefunden, eingeliefert worden war … Man kann noch lange behaupten, die Revolution sei nicht das Werk des einzelnen, ohne bestimmte Menschen aber gibt es keine Revolution. Schlaft in Frieden, liebe Leute, feiert die 70 Jahre von Elsa, hört dem monotonen Aragon zu, schaut fern, die große Sonnenblume liegt in ihrem Sarg. Von nun an ist alles erlaubt.“
Ich schrieb diesen Nachruf, nachdem ich vom Begräbnis André Bretons 1966 nach Hause kam.
Man könnte doch ausgefallene Szenarien aus der französischen Geschichte schreiben. Schon allein die Königin Margot wäre eine wahre Fundgrube. Sie war eines Tages mit ihrem Liebhaber im Bett, als ihr Bruder, Heinrich III. von Navarra, ins Zimmer stürzte und den Liebhaber mit Hilfe eines Dolchs aus ihr herauszog. Der bedauernswerte Mann verlor sein Blut gleichzeitig mit seinem Sperma.
[Über seinen Roman „Das Leben ist zum Kotzen“]:
Mit Hilfe von Träumen und persönlichen Erinnerungen, mit vielleicht verfehlten Interpretationen des Verhaltens großer Krimineller habe ich versucht, einen gewaltigen und brutalen Schrei nach Liebe auszustoßen, denn dieses Buch ist letztlich ein Roman über Liebe und Leidenschaft, eine verzweifelte Suche nach dem affektiven Absoluten, zwischen den Zeilen steht das allmächtige Bild der Frau, die wie eine Kaiserin, Haare und Augen leuchtend vom tödlichen Widerschein des Goldes, ihre mörderisch hohen Absätze in die Brust ihres Opfers bohrt. Aus diesem Grund wäre es mir unangenehm, wenn man diesen Roman wegen bestimmter heikler Passagen mit der jetzt so beliebten Supermarkt-Erotik verwechseln würde. „Das Leben ist zum Kotzen“ ist etwas anderes.
Ich habe „archäologische“ Romane geschrieben. Wissen Sie, wie das ist, wenn Ihnen jemand sagt, daß es eine Straße, die Sie kannten, nicht mehr gibt?
Überall, oder fast überall, stehen nun diese Scheißhaufen aus Stahl, Glas und Beton. Blinde Fenster, die nie geöffnet werden, hinter denen man nur mit Mühe lebendige Wesen vermutet.
Von der Mitte der Grenelle-Brücke, die abgerissen und den Normen des Autoverkehrs angepaßt wiederaufgebaut wurde, etwa in der Nähe des Ortes, an dem Lady Betham, die Mätresse von Fantômas, in der Nacht den verhängnisvollen Fiaker anhalten ließ, sehe ich diese neuen Tempel des Jahres 2000. Ich weine nicht über das Verschwinden der Citroën-Fabrik, aber ich muß an dieses ganze Netz von verschwundenen kleinen Straßen denken, an dieses mythische Labyrinth des Volksromans, wo Theseus schließlich dem Minotaurus begegnete, der ihn mit dem ganzen Viertel zugleich auffraß.
Für ein Buch von 200 Seiten benötigte ich mindestens 800 maschinengeschriebene Seiten. Ich feilte immer aus, war nie zufrieden. Wegen eines durchgestrichenen Wortes schrieb ich die ganze Seite nochmal. Ich habe später erfahren, daß Dashiell Hammett dieselbe Manie hatte.
Ich weiß nicht warum, aber wenn ich ans Wort „Ende“ kam, war es immer fünf Uhr morgens.