Ein Schwarzweißfilm aus dem Jahre 1942
NOW WHEN I LOOK AT MY TV
THESE ARE THE WORDS I SAY:
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Aljoscha wechselt das Programm und holt den Ton zurück; hier beginnt soeben ein Schwarzweißfilm aus dem Jahre 1942. Zu romantischer Streichermusik mit drohendem Beiklang erscheinen die Worte: Laß keinen sagen, daß du schuldig bist, wenn das, was schön war, jetzt verdorben ist.
Aljoscha löscht das Licht.
IT’S BEEN SO LONG
Es ist die Geschichte einer Frau mit einem gefährlichen Geheimnis. Sie stammt aus Serbien und sie lebt in New York. Sie ist eine Fremde, sie gehörte noch keinem. Sie liebt die Dunkelheit und sie scheint Schatten um sich zu versammeln. Manchmal bilden sich in ihrer Nähe Schattenlinien, die wie Gitterstäbe aussehen und andeuten, daß sie in einem unsichtbaren Käfig lebt. Ihre Einsamkeit ist freiwillig. Denn sie glaubt, mit einem Fluch belegt zu sein. Wehe dem, der ihr Tabu bricht. Ihr Kuß bringt unheiligen Schrecken. Sie weiß, daß sie nicht lieben darf. Sie weiß nicht, daß nur Liebe sie erlöst. Und wenn sie einmal liebt, ist sie anders als die anderen, unvorstellbar anders… sie ist überzeugt, von einem dunklen Geschlecht abzustammen, dessen Frauen in alter Zeit durch teuflische Kulte die Anlage entwickelt haben, sich in Raubkatzen zu verwandeln, sobald heftige Leidenschaft sie erfaßt – grotesker Aberglaube, befindet der Mann, der sich in Irena Dubrovna verliebt.
Aber die Aura dieser seltsamen Schönheit setzt ihm zu: er spürt die sinnliche Wärme und Weichheit eines anschmiegsamen Kätzchens, doch er glaubt nicht an das Ungeheuerliche in ihr. Als er sich dann, verstört von den Ängsten und Nöten dieser Frau, die glaubt, daß etwas einen Zwang auf uns ausübt, dem wir zum Opfer fallen müssen, einer nicht so komplizierten Freundin zuwendet, ist er blind für die Qual des ruhelosen Raubtiers. Abgewiesen, für verrückt erklärt und in ihre Einsamkeit zurückgestoßen, erfährt Irena, wie es wirklich zum Exzeß einer ihrer Leidenschaften kommt: Eifersucht.
Das graue, enggeschnittene Kostüm. Die hauchdünnen Nahtstrümpfe. Hohe Absätze auf dem nächtlichen Asphalt. Aber dann – jemand löscht das Licht, und dann – ist nur noch das Fauchen am Rande des Schwimmbeckens zu hören, hallend durch den Raum, durch die Zeit, Echo des fatalen Fluchs, Generationen und Generationen und die unentzifferbare Wahrheit des Schauerlichen, alles Mögliche heraufbeschwörend, vor allem das Unmögliche. Und jene, die auf die Zeichen treffen, können dem Verstand nicht länger trauen. Sie können nur noch hundert Rätsel zu einer Gewißheit zusammenfügen: „Irenas Parfum… schwer und süß…“ – dort, wo eben noch ein schwarzer Panther schlich.
Vielleicht erzählte der Film davon, wie unkontrollierbare Mächte uns treiben. Vielleicht war es ein Film über die Blindheit vor dem wirklich Außerordentlichen. Aber vielleicht handelte er auch einfach davon, wie schwer es ist, jemanden zu finden, der einen wirklich liebt.
Der Film hieß Katzenmenschen.

Am nächsten Morgen, nach Träumen schwer und süß
Am nächsten Morgen, nach Träumen schwer und süß, befindet sich Aljoscha in einem langen Korridor. Das Haupt-Gebäude, die Baukunst des Bewußtseins, muß von unermeßlicher Größe sein. Äußerst erstaunliche Architektur voller absurder, barocker, widersinniger, labyrinthischer, der Logik spottender und alles in allem doch wieder klarer Konstruktionen, die jedes Wort in Schweigen und jedes Schweigen in ein Wort verwandeln können. Das Echo ist eine Frage des Standpunkts. Die Begegnung ist eine Frage der Zeit. Die meisten Wände sind mit Erinnerungsfetzen tapeziert. Durch die Hallen und die Gänge, in den Zimmern und geheimen Winkeln spuken flüchtige Phantome. Der Gedächtniswärter schwingt die Peitsche und treibt Bilder aus der letzten Nacht in der Haupthalle zusammen:
Aljoscha hatte geträumt, daß er der Plündertruppe eines martialischen Hauptmanns angehörte. Sie waren eine Fünferbande: vier Schurken und eine verwirrend schöne Frau. Die Mätresse des Hauptmanns, sagten sie. Etwas Sonderbares war an ihr, etwas nicht ganz der Natur Entsprechendes, etwas unmenschlich Geschmeidiges, unwiderstehlich Betörendes und doch Ungesundes. Aber vor allem schien es, als wäre sie zum Sterben unglücklich. Sicher mißhandelte der Hauptmann sie! Aljoschas Zorn verlangte Meuterei und Rache. Und dann, nach einer sehr gelungenen Plünderei bei einem Fronvogt, hatte die Frau im Schutz des wilden Räuberfestes heimlich ihre Lippen, ihren Kuß auf seine Qual gepreßt. Aber nicht heimlich genug.
Reflexion der Sonne auf der Klinge eines Schwertes. Aljoscha stand auf einem Felsen, und weil er ohne Waffe war, rief er dem säbelrasselnd heranstürmenden Hauptmann entgegen: „Sie ist keine Mätresse!“ Denn das war die Wahrheit und alles, womit er kämpfen konnte. Da löste sich der Fels in Geröll auf; immer mehr Steine kamen unter Aljoschas Stiefeln ins Rollen, und schließlich verlor er den Halt. Es war der Fels, von dem es hieß, er würde niemals bröckeln.
Aljoscha trank nachdenklich seinen Morgenkaffee. Nachdenklich wie alle Peitschenschwinger, wenn sie Pause machen.
Bald darauf befand er sich in einem anderen Korridor, einem Korridor des Hauptgebäudes der Universität von A***. Man schrieb die dritte Semesterwoche, und Aljoscha wartete auf den Beginn eines Vortrags über Rembrandt. Mit keinem der Kunstgeschichtler recht bekannt, achtete Aljoscha kaum auf die Ankömmlinge. Er stand vor Hörsaal C, der sich zusehends füllte, stand an die Wand gelehnt, stand im Gemurmel, das wie Stille war, dachte an seinen Traum, dachte an den Fels, von dem es hieß, er würde niemals bröckeln, schaute auf seine Schuhe, und dann dachte er an nichts mehr. Es war der Vormittag des 29. April.
Plötzlich waren Schritte. Sie kamen näher, waren anders, unvorstellbar anders, sie waren nicht wie Korridorgeräusch, sie veränderten Aljoschas Wahrnehmung. Es waren die Schritte einer Frau. Aljoscha starrte auf den Boden und hörte auf den Takt. Es war der Klang von hohen Absätzen. Die Begegnung ist eine Frage des Standpunkts. Das Echo ist eine Frage der Zeit.
Aljoscha starrte noch immer auf den Boden, sah die hohen Absätze, sah die Schritte aus dem Jahre 1942, elektrisiert bis in den letzten Nerv, in schmerzend heller Hörigkeit. Er kannte diese Schritte und erkannte diesen Takt. Er wußte es. Ohne zu wissen, was er wußte.
SEE THESE EYES SO GREEN
Endlich hob er den Blick und sah das Wesen: die Frau hatte Saal C betreten und schickte sich an, die Treppe hinabzusteigen. Sein Blick fiel wieder abwärts, hinab an einer Naht: die Frau trug hauchdünne Nylonstrümpfe. Sie trug ein enggeschnittenes Kostüm. Es war grau.
Eine Sekunde der Kataplexie, und Aljoscha schloß die Augen. Tausend Impulse jagten unkontrolliert durch sein Bewußtsein und machten den Krach von tausend Kollisionen. Allgegenwärtiges Wissen verdichtete sich an einem dunklen Punkt. Sieben Nadeln steckten in einer Wachspuppe. Ein drittes Auge schwebte durch den Korridor. Es überwachte den linearen Verlauf einer kausalen Kettenreaktion. Dominosteine, hochkant aufgestellt zu einer langen Kolonne: sobald der erste Stein kippt, besteht auch für den letzten Stein schon keine andere Möglichkeit mehr, als ebenfalls zu kippen. Die Art von Kausalität jedoch, die Aljoscha gerade heimsuchte, hatte jemand mit einem ziemlich verdächtigen Besenstiel umgerührt.
Aljoscha wußte, daß er der Frau folgen mußte. Er wußte, eine andere Möglichkeit hat nie bestanden. SIE war erschienen. Also mußte er IHR folgen.
I CAN STARE FOR A THOUSAND YEARS
Aljoscha betrat den Hörsaal und sah das Haar der Frau in der Unterwelt des Auditoriums leuchten. Er hatte dieses Haar schon in der letzten Nacht gesehen. Alles beginnt und alles endet zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sagte das Mädchen Miranda beim Picknick am Valentinstag. Zwei Treppen teilten das Auditorium, dessen Sitzreihen wie bei einem Amphitheater zur Bühne hin abfielen. SIE hatte einen Platz im rechten Saaldrittel gewählt, weit unten.
Als Aljoscha die Treppe hinabstieg, fühlte er sich wie eine Marionette, die panisch an den eigenen Fäden zieht; sein Gang erschien ihm ruckartig und steif. Auf halbem Weg zu IHR überkam ihn Schauder vor der Realität: sein Abstieg hatte plötzlich etwas gefährlich Definitives. Er erreichte die Unterwelt mit dem Gefühl, etwas definitiv Gefährliches zu tun. Er sah jetzt, daß SIE die graue Kostümjacke ausgezogen hatte. SIE trug eine schlichte weiße Bluse. SIE saß betont aufrecht, und IHRE Haltung schien
IT’S BEEN SO LONG
fast so etwas wie Erwartung auszusprechen… aber hatte SIE ihn überhaupt wahrgenommen, vor einer Minute, als SIE an ihm vorbeigegangen war? Was tat er hier? Zurück, bevor die Welt von Farbe auf Schwarzweiß umschaltete!
Zu spät. Aljoscha, der jetzt kurz zögerte, war in IHRER Nähe angekommen; mit der Geschwindigkeit einer Wolke, die am Mond vorbeizieht, wandte SIE sich ihm zu. Für den zehnten Teil vom zehnten Teil einer Sekunde meinte Aljoscha, in diese Augen nicht zum ersten Mal zu schauen. Wissendes lag in IHREM Blick, und Seltenes; es war, als durchschaute dieser Blick den Zufall, ja, es war, als würde SIE sich lediglich eines Kennzeichens vergewissern, um noch im selben Sekundenbruchteil
JUST BE STILL WITH ME
YOU WOULDN’T BELIEVE WHAT I’VE BEEN THROUGH
vollkommene Geheimhaltung zu verhängen.
In der Welt, an die sich Aljoscha in diesem Augenblick nur bruchstückhaft erinnerte, wäre es wenig schicklich gewesen, sich direkt neben SIE zu setzen. In dem Zustand, in dem Aljoscha sich in diesem Augenblick befand, schien überhaupt keine Handlung sinnvoller als eine andere. Jedenfalls tat er instinktiv noch einen Schritt, war somit eine Reihe tiefer angelangt, schon fast zu ebener Erde, und landete auf einem Platz fast unmittelbar vor IHR. Damit war für die nächste Stunde besiegelt, daß kaum einen Meter entfernt IHR Atem ging, IHR Blut pulsierte und die feinsten Vibrationen IHREN roten Mund durchzuckten. Heiliger Boris und Gleb.

Das Objekt der Begierde überspannter Nachtschwirrer
Die Philosophie ist eine Königin, und die Königin ist auf Entzug. Der Stoff, den sie braucht, heißt Welt und ist kaum noch zu haben, zumindest nicht in reiner Form. Oft schießt sie sich verschnittenes Zeug, deliriert dann süße Idealismen oder wird sehr sinnlich.
Das Abendland wird es bereuen, sie entthront, geschändet und entehrt zu haben. Mißachtet wie Kassandra und wie eine Sklavin auf den Weltmärkten verhökert, zu Schandarbeit und Hurendienst gezwungen mit Krämerseelen und Banausen, schließlich in Vergessenheit geraten bei raffgierigen Ministern und Geschäftemachern: wer noch mit ihr wandert, weiß um die Tiefe ihrer Trauer. Einst, vor langer Zeit, hat sie die Mächtigen erzogen, sie vor das Abbild eines Bettgestells geführt, und wem sie ihre Lust nicht gab, der konnte sich sein Sein nur noch erzweifeln. Sie hatte Legionen in den Armen, und jedem einzelnen versuchte sie zu zeigen, was heilig und was Humbug ist, was lebenswert und was Lappalie, was Plunder und was Privileg. Alle kamen, um ihr zuzuhören, jedem gab sie eine innere Stimme.
Jetzt ist sie die Traumbraut der Verlorenen. Wer ihr nahe ist, weiß sich in weiter Ferne. Manchmal spricht sie leise vor sich hin wie eine Wahnsinnige mit verlassenen grauen Augen, sie friert immerzu wie eine erkältete Venus, ihr Lächeln ist bitter, und doch ist sie von atemberaubender Schönheit, sie ist wie die eisige Stille eines Gebirgssees. In der Frühe geht sie abstrahieren, öffnet das Fenster der Monade, grüßt den Außenposten GOTT mit eudämonischem Lächeln und kocht sich dann auf dem Realgrund eine kleine Stärkung aus Substanz und Attributen. Dann jagt sie falsche Dualismen wie Kätzchen vor die Tür, legt zuhandenes Zeug in Zeitlichkeit, führt den wilden Zufall an der Leine durch das Reich der bestehenden Kausalgesetze und flüstert dabei Dinge wie: „Kleine abweichende Handlungen tun not, ganz besonders in der Morgenröte.“ Oft geht sie zum Fluß der Dinge, um zu sehen, wie alles fortgetragen wird, dann fängt sie an zu weinen – ach, ihr Schluchzen, wenn sie glaubt, daß niemand sie hört!
Ihr Herz ist das einer Verbannten, doch sie selbst hat nie ein Herz verbannt. Sie hat keine Antworten, dafür schenkt sie Fragen. Jedes ihrer Worte verändert die Perspektive, aber keines ihrer Worte läßt sich verifizieren. Luzide Schleier kleiden sie, gewoben aus Disposition oder aus Kaprice, mal Spinnstoff, mal manieristische Masche, aber immer im Stil der Zeit – man wird entweder sehr aufgeregt oder Metaphysiker. Wie könnte sie nicht das Objekt der Begierde überspannter Nachtschwirrer sein? Sie ist, was die Stoiker ein „blondes Gift“ nannten. Schon im ersten Semester seines Dienstes durfte Aljoscha die raffiniert geschnürten Bänder des logischen Korsetts lösen, in das sie ihren aufreizenden Körper hüllt… welch Adel! Welch Anmut! Welch ganzheitliche Bewandtnis! Sie sagt, sie wird auf ihren Thron zurückkehren. Sie wartet auf Verstärkung; sie sagt, eine noch unbekannte Armee wird kommen.
Kurzum, als Student der Philosophie gehörte Aljoscha Tuschkin zu den Hofnarren der Universität. Wo die Philosophie nicht überhaupt als Gebrechen galt, betrachtete man Studentinnen und Studenten dieser Fakultät als irgendwie dubiose Subjekte, die einer völlig brotlosen Kunst nachgingen und darin offenbar eine perverse Befriedigung fanden.

Wehmut war gekommen in das Haus
Faszination ist ein Wort aus dem Lateinischen, wo es Behexung meinen konnte, oder auch Beschreiung. Einer Faszination unterliegen kann demnach bedeuten, daß man behext wird, oder aber: etwas wird beschrien. Im Sinne von: Beschreie es nicht.
Pjotr durchmaß seine Faszination, bis der noble Mond sich keusch verhüllte hinter Wolkenschleiern. Und Aljoscha hörte Pjotr zu, wie man früher auf den Plätzen den Propheten zuhörte. Und dann zurückging in das Haus, wo wenig Wasser war. Wo ständiges Besorgen keine freie Hand ließ. Aber Wehmut war gekommen in das Haus. Und sie fragte, wo Faszination geblieben sei. Und Aljoscha sprach, daß er sie weggegeben habe. Und Wehmut fragte, wohin weggegeben. Und Aljoscha sprach, daß Faszination an einen Stein gebunden sei und im Meer versenkt, 2000 Faden tief. Und Wehmut fragte: warum so? Und Aljoscha sprach: weil mein Ort auf dieser Erde nur bei Leda ist, und weil ich dies besiegeln wollte. Und Wehmut fragte: wann hast du dies verstanden? Und Aljoscha sprach: als unser Weg schon so lang war, daß er mir schien wie ein heiliger Fluß. Und Wehmut fragte: bist du darum von den anderen so weit entfernt wie eine Nacht in Babylon vom Licht? Und Aljoscha sagte: ja. Und Wehmut fragte: hast du darum diese Augen? Und Aljoscha sagte: ja. Und Wehmut fragte: kehrt sich darum deine Seele ab von allem, was vor deinen Augen ist und nicht Ledas Namen trägt? Und Aljoscha sagte: nein. Und Wehmut fragte: wie also? Und Aljoscha sprach: alles, was vor meinen Augen ist und nicht Ledas Namen trägt, ist wie ein Bild. Und Wehmut fragte: wie ein Bild nur? Und Aljoscha sprach: wie ein Bild nur und sonst nichts. Und Wehmut fragte: von welcher Art ist dieser Makel deiner Augen? Und Aljoscha sprach: daß sie blutleer saugen, das ist der Makel meiner Augen. Und Wehmut fragte: nur in Leda läßt du Blut? Und Aljoscha sagte: ja. Und Wehmut fragte: und bist du Ledas Blut? Und Aljoscha sagte: ich verstehe deine Frage nicht. Und Wehmut fragte: bist du verloren, wenn sie dich verliert? Und Aljoscha sagte: weiß ich denn, was Unbehextseinwollende beschreien?

Im hohen Mittelalter hätte Leda an Tapisserien gearbeitet
Im hohen Mittelalter hätte Leda an Tapisserien gearbeitet, von früh bis spät und dann von spät bis früh die Fehler anderer Stickerinnen ausbessernd. Ihr Pflichtbewußtsein war aus Erz und Stahl gemacht, wenn auch stets durchsetzt mit einer Spur von Kummer, und manchmal litt sie arg am eigenen Ethos. Wenn sie sich einer Sache widmete, dann mit einzigartiger Hingabe, aber ihr Wille, sich zu widmen, mußte sich stets dagegen wehren, ausgenutzt zu werden; ebenso haßte sie es, sich gleichzeitig verschiedenen Dingen widmen zu müssen. Nicht, daß die Dinge deshalb ihr Unternehmen abgeblasen hätten, Leda das Gefühl zu geben, in einem ständigen Belagerungszustand zu leben.
Diese Belastung wog um so schwerer, als Leda ihren Eindrücken oft zweimal ausgeliefert war, einmal in der Realität und dann kaum weniger intensiv nochmals im Geiste, wo sie durch das unabänderlich Gewordene ging, um es an seinen nicht mehr zur Verfügung stehenden Varianten zu messen. Jeder neue Morgen fand sie noch halb im Gestern, jeder Tag stieß an ein geschlossenes Visier, hinter dem ein zweifelnder Blick nach innen sah.
Dann aber wurde das Visier geöffnet. Dann war da dieses Lächeln: nicht blendend wie eine Sonne, die keinen Schatten mehr wirft, sondern milde Septembersonne, die einen Herbstwald vergoldet. In diesem Lächeln war immer eine Art von überraschter Rückkehr in das, was so war, wie es war. All ihre Freundinnen nannten sie Prinzessin, und all ihre Freundinnen hatten Leda zu Konzessionen an das Irdische verführt.
Leda machte Abendessen zu Stilleben an Earl-Grey-Sonntagen, und wenn man sie nach der höchsten Zahl fragte, die sie kannte, sagte sie: „Einstein.“ Sie sah gern die kleinen Lämmer gähnen auf dem Deich, wo sie mit Aljoscha oft spazierenging. Sie hielt Aljoscha für ein wenig weltfremd, und Aljoscha hielt die Welt für weltfremd. Sie konnte erschreckend sein, wenn sie widersprach, und sie konnte erschrecken vor Rechtgeben. Einmal hielt sie Aljoscha vor: „Immer, wenn du von einer Frau sagst, sie sei schön, sieht sie ganz anders aus als ich!“ Und er sagte, daß er sich nie mit einer anderen Frau die langen Wimpern ihrer Tochter vorstellen wird.
Nadelstiche, die Vergangenheit zusammennähen: dazu war Leda wohl berufen. Doch sie traute diesem Frieden noch nicht recht, traute keinem Frieden so wie andere, wenn sie ihn denn finden; sie fühlte sich nicht nur durch Prüfungen geprüft, nicht nur durch Orpheus, das ganze Leben war ihr ein Textil, an dem es viel und oft zu viel auszubessern gab. Zu ihren schwersten Lasten zählte es, daß alle glaubten, sie trage Lasten leichter als die anderen. Das Gefühl, ihr eine Last zu sein, war eine Altlast für Aljoscha. „Ich würde all das niemals durchstehen ohne dich“, das sagte sie ihm manchmal; den Verdacht, den er zuweilen hegte, nämlich daß sie all das besser durchstehen würde ohne ihn, forderte ein solches Gelöbnis zwar tapfer zum Duell, doch die beiden Kontrahenten erschossen sich nur immer gegenseitig.
Wenn Leda bekräftigte, daß nur er der Drachentöter war, daß nur er die Waffe gegen ihre Sorgen hatte, war er nie ganz sicher, gegen was er eigentlich kämpfte, und seine Erfahrung darin, Ledas Kummer zu verursachen, gab ihm das Gefühl, daß er mit verrutschtem Heiligenschein gegen die Drachen antrat. Und im Heim für Drachentöter wartete ein kleiner weißer Wurm auf ihn, der boshaft fragte, warum er nur der Sorgendrachentöter war, hoho, ho. Was für ein Märchen das denn sei, wenn die Jungfrau unmittelbar nach ihrer geglückten Befreiung auf die Armbanduhr blickt. Wenn seine Liebe stark genug war, um Leda wiederherzustellen für einen neuen Tag, dann war sie zu schwach. Sie sollte Leda ohnmächtig hinsinken lassen. Sie sollte nicht das Riechsalz sein, sondern das, wonach man Riechsalz braucht.

– Cat People, 1942, Regie Jacques Tourneur, Collage CE
– Giovanni Battista Piranesi, Carceri d’Invenzione
– Holzschnitt aus Frans Masereel, Die Stadt
– Edward Burne-Jones, The Briar Rose Series – Study for The Garden Court
– La Dame à la licorne Tapestry, Detail








