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Aljoscha der Idiot Leseproben

Aljoscha der Idiot – Leseproben I

Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot, Leseprobe. Bild: Cat People von Jacques Tourneur, 1942.

Am nächsten Morgen, nach Träumen schwer und süß

Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot, Leseprobe. Bild: aus Piranesi, Carceri d'invenzione.

Das Objekt der Begierde überspannter Nachtschwirrer

Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot, Leseprobe. Bild: aus Frans Masereel, Die Stadt.

Wehmut war gekommen in das Haus

Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot, Leseprobe. Bild: Edward Burne-Jones, The Briar Rose Study.

Im hohen Mittelalter hätte Leda an Tapisserien gearbeitet

Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot, Leseprobe. Bild: The Lady and The Unicorn Tapestry.

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Aljoscha der Idiot

Erzählen Sie wirklich das Unsagbare?

Erzählen Sie wirklich das Unsagbare? Gespräch über "Aljoscha der Idiot" im SPIEGEL ONLINE Forum.
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Aljoscha der Idiot

„Meine paar Groschen Verstand sind verspielt…“

Rezension #10

15. Februar 2008

„Meine paar Groschen Verstand sind verspielt…“

Von Zadig

„Wer die Deutsche Sprache liebt, wird auch dieses Buch lieben“, schrieb ein anderer Rezensent – eine Behauptung, der ich mich anschließen möchte. Die außergewöhnlich lebendige und komplexe Sprache ist eine der großen Stärken dieses Romans. Sie macht einen erheblichen Teil von dessen Faszination aus, indem sie auf geschickte Weise immer wieder überrascht und fesselt.

Den Leser erwarten eine Liebesgeschichte, deren wohltuende Handlungsarmut ihr ausreichend Platz lässt, um sich auszudehnen und, als Umkehrschluss daraus, einen perfekt eingefangenen Entfremdungsprozess, der ihn ein um das andere Mal traurig lächeln lassen wird. Ein unausgleichbarer Gegensatz und eine Unterlegenheit unter das Schicksal, ausgelöst durch eine rätselbehaftete Fremde, die exakt so geheimnisvoll und unnahbar ist, wie sie sein muss.

Der Roman konzentriert sich weitestgehend auf die Gefühls- und Erlebniswelt des Aljoscha. Diese aber ist so intensiv, dass sie eine dichte Körperhaftigkeit und Mehrdimensionalität schafft, die Aljoscha stofflich, von allen Seiten greifbar und sinnlich erfahrbar werden lässt.

Es gelingt dem Autor gewissermaßen, den Leser in Aljoschas Gedankenräumen einzusperren, wo er sich mal vorsichtig dessen Hirnwindungen entlang tastet, mal von einer Gedankenstromschnelle unerwartet fortgerissen wird, um sich ein Stück weiter wieder hochzurappeln, neuzuorientieren und schon neugierig um die nächste Ecke zu schielen.

Gemessen an dieser Intensität müssen die wenigen übrigen Personen notgedrungen blass bleiben und wollen dies auch. Gegen Ende wird über einen Schwebezustand, ein kleines Handlungsvakuum, ein geradezu gemein raffinierter Spannungsbogen hergestellt, der den Leser unruhig umherrutschen lässt und fast zum Weiterblättern verführen könnte.

Kein leichtes, aber ein lohnendes Buch für den, der es mag, Sprache auf sich wirken zu lassen und in ihr zu versinken. Wer weiß, vielleicht findet man sogar ein Stück von sich selbst darin wieder. Und selbst wenn nicht, so darf man zumindest damit rechnen, von der Geschichte berührt und eingefangen zu werden.

Amazon-Rezension für den Roman "Aljoscha der Idiot" von Christian Erdmann: "Meine paar Groschen Versand sind verspielt...", von Zadig.

(Rezension auf amazon wurde später gelöscht)

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Aljoscha der Idiot

Reine Poesie

Rezension #9

20. Dezember 2007

Reine Poesie

Von John Ford

Ich finde das Buch (für heutige Zeiten im Besonderen) aussergewöhnlich, vor allen Dingen wegen Christian Erdmanns meisterlich-kunstvollem Umgang mit der Sprache, der Reichhaltigkeit, der Poesie, der Beschreibungen, Metaphern, Verweisen und Bezügen zu alten Horrorfilmen (Jacques Tourneurs „Cat People“, ein wunderbarer Klassiker!) sowie zur Musik und Popkultur (das ist eher mein Feld). Mir selbst fehlt der Hintergrund zur Philosophie, (griechischen) Mythologie oder Kunstgeschichte teilweise, aber ich empfinde diese Reise als lohnend. Eine Liebesgeschichte oder Geschichte von der Liebe, sehr sensibel – ja, geradezu altmodisch geschrieben.

Ich werde es wohl mehrmals lesen. Einige Passagen haben mich sehr berührt, aber auch feinsinniger Humor fehlt nicht.

Und das ist längst nicht alles. Auch wenn dieses Werk nicht so hopplahopp zu bewältigen sein sollte, lohnt es sich, sich darauf einzulassen und man wird das Buch nicht mehr vergessen.

Amazon-Rezension für den Roman "Aljoscha der Idiot" von Christian Erdmann: "Reine Poesie", von John Ford.

Reine Poesie @amazon

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Aljoscha der Idiot

Eine Liebesgeschichte, und was für eine, verpackt in eine Sprachreise der Gefühle

SPIEGEL ONLINE Forum

„Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“

15.10.2007

Edda Sörensen: 

Anspruchsvolle Texte hatten es wahrscheinlich schon immer schwer, zu ihrem Publikum zu finden, das es jedoch sicherlich in grosser Anzahl gibt. Deshalb bin ich froh, dass es dieses Forum gibt, das mir schon viele Anregungen geschenkt hat. Deshalb Anregung zurück:

„Aljoscha der Idiot“ von Christian Erdmann

Edition BoD – Herausgeber Vito von Eichborn

Nach der Lektüre dieses Buches komme ich von Geistesblitzen geradezu illuminiert langsam wieder auf die Erde zurück, genau mit diesem (anfangs hielt ich die Anpreisung des Verlegers auf der Rückseite des Buches für ein wenig vermessen) versprochenen Lächeln im Gesicht. Glücklich, ja, denn mit blankpolierten Augen konnte ich wie mit einem Präzisions-Fernglas Einblick in faszinierend inspirierende Gedankenwelten gewinnen, die sich wie schimmernd feiner Galaxienstaub in weiten Kreisen um die Liebe drehen, bis sie am Ende, waagrecht wie senkrecht Gewissheit schaffend, auf sie treffen.

Erstaunlich, dass dieser Dichter noch nicht „entdeckt“ wurde. Ich kann dieses Buch nur wärmstens für den Gabentisch Feingeistiger empfehlen.

kurzundknapp: 

Da kommt uns allen aber etwas schwer bekannt vor…

Edda Sörensen: 

Das versteh ich jetzt aber ganz und gar nicht: Was ich da geschrieben habe, ist von mir.

Wo wollen Sie denn das gelesen haben? Bitte um Aufklärung.

Niobe: 

Das Buch von Herrn Erdmann wurde hier schon sehr sehr gelobt.

Ich habe es auch fast durch. ;-)

(Ungefähr 1,5 Jahre her. Ich hab noch die Erstauflage von ihm, da war er noch nicht beim Eichborn-Verlag). Aber Sie haben Recht, man kann es nicht oft genug erwähnen!

Monika Cate: 

Ich habe das Buch vor über einem Jahr gelesen, dann ein halbes Jahr später zum 2. Mal. Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein. Sie beschreiben sehr schön, was passieren kann, wenn man sich auf dieses Buch einläßt. Und es läßt einen auch nicht wieder los, nachdem man es aus den Händen gelegt hat. Es hat meine eigene künstlerische Arbeit beeinflußt, hat meinen Horizont erweitert, hat mich sensibilisiert. Ein Glücksfall.

Edda Sörensen: 

Vielen Dank Niobe und Monika

War ganz erschreckt über die „kurzknappe“ Dusche :o) Umsomehr freu ich mich über Eure Antwort und darüber, dass

a: dieses Buch also doch bekannter ist, als ich annahm und

b: Ihr Beide genauso beeindruckt seid.

Polymorph:

„Aljoscha der Idiot“ habe ich jetzt auch auf meine Einkaufsliste gesetzt, es wird aber noch ein Weilchen dauern, bis ich dazu komme… z.Z. lese ich zum wiederholten Male Bonaventuras „Nachtwachen“ – ein schriftgewordener Albtraum, so düster, ekstatisch und maßlos…!!

16.10.2007

kurzundknapp: 

Das sollte keine „Dusche“ sein, bitte vielmals um Pardon. Ich wollte nur meinen, daß man den guten Aljoscha hier so oder so kennt. (Und lancieren tut der auch nix!)

Edda Sörensen: 

Das kann jedem mal passieren – also, Schwamm drüber über die Dusche :o)

Es freut mich, dass man Christian Erdmann hier bereits kennt. Bei meinen sporadischen Besuchen dieses Forums, immerhin schon 650 Seiten lang, hatte ich bisher nichts dergleichen entdeckt.

hans-werner degen: 

Da mir hier immer wieder die Postmoderne um die Ohren geschlagen wurde:

Ich habs versucht und versucht und versucht… Was mir auffiel… jeder zitiert ununterbrochen sich oder andere; verweist sinnlos auf sich und andere… Das lässt mir die Vermutung kommen: Die geben nur mit ihrem literarischen Wissen an.

Monika Cate: 

So wie Sie? ;-)

hans-werner degen: 

Ich schreib ja nicht… ausser für meine Allerliebste ab und zu ein Gedicht… und eh ich es ihr schenke guck ich noch überall ob die Worte wirklich von mir stammen.

Monika Cate: 

Die Worte stammen nie von Ihnen. Die haben Sie gelernt. Wenn Sie eine besondere Aneinanderreihung von Worten meinen, die eine spezielle Aussage und Qualität vermitteln, wie bei einem Zitat, das, wenn es kunstvoll in den Handlungsablauf eingeflochten ist, dem Leser diese Qualität dann direkt zugänglich macht und das Gedankengebäude somit erweitert, ist das in meinen Augen ein ganz ausgezeichnetes Stilmittel.

Im Falle von Christian Erdmann, den ich da gern als Beispiel heranholen möchte, werden die verwendeten Zitate mit einer unübersehbaren Liebe und gleichzeitig als Tribut an diese Denker und Künstler eingesetzt, und das so virtuos, daß es einem manchmal den Atem verschlägt. Denn sehen Sie, würde er (um bei diesem Beispiel zu bleiben) das nur tun, um anzugeben, würde der Leser das sofort merken und das Buch gelangweilt beiseite legen. Doch es funktioniert genau andersherum, er baut die Zitate als eine neue Ebene ein, die sich bezieht auf alle anderen Ebenen, die er beschreibt, und drückt damit gleichzeitig aus, dass alles das, was jemand schon mal gedacht und aufgeschrieben und uns zur Verfügung gestellt hat, ja sowieso schon als Qualität sich verselbständigt hat. Es ist eine Farbe im Feuerwerk der beschriebenen Zustände.

Also nur zu, lassen Sie sich doch einfach mal ein und legen Ihre mühsam zurechtgezimmerten Kriterien, nach denen Sie schnell oder langsam oder überhaupt nicht lesen, einmal beiseite. Vielleicht wundern Sie sich. Mit Querlesen kommen Sie diesem Roman z. B. nicht auf den Grund.

Darüberhinaus machen die Zitate und Referenzen Lust auf Viel-Mehr-Lesen (es ist eben alles mit allem verbunden), aber da muss man sich bei Ihnen, Herr Degen, ja keine Sorgen machen.

Somit ist er, neben vielem anderen, auch noch ein „Bildungs“Roman :)

Edda Sörensen: 

Ihre beiden Beiträge, liebe Monika, sind, vom Inhalt wie von der Formulierung her, einfach virtuos, besser kann man es wirklich nicht beschreiben.

paparatzi: 

Zitat von Monika Cate:

Ich habe das Buch vor über einem Jahr gelesen, dann ein halbes Jahr später zum 2. Mal. Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein. 

dito

Kam nur durch Zufall hier (!) im SPON auf das Buch. Völlig bescheuert finde ich, dass so eine Perle im Autorenverlag auftauchen muss und keinen renommierten Verlag (Verzeihung bod) finden konnte.

Aljoscha der Idiot

Aljoscha berauscht sich am unablässig strahlenden Einfluss aller Wesen und Dinge aufeinander. So wie Kinder ihre Nasen am Fenster plattdrücken, ständig fragen: „was ist das?“, fragt er nach dem Sinn. Diese Eigenschaft, die wir Erwachsene in unserem gelernten System der Superchunks verloren, höchstens noch im Urlaub erleben können, ist der Klebstoff dieses Romans. Eine Liebesgeschichte, und was für eine, verpackt in eine Sprachreise der Gefühle.

Im wortgewaltigen Roman wimmelt es nur so von Hintergründen, Abgründen, Anspielungen, philosophischen und religiösen Exkursen, Musik, und Perlen der Sprache wie: „Achttausender des Trübsinns“, „Qualitätsarbeit von Meister Verfall“, „Morpheus‘ Schlaf letzte Nacht war nur zweite Wahl“, „Institution Kirche ist ein bisschen Bürgerwehr im Unerforschlichen“.

„Ich weiß nicht, ob ich je geliebt habe“, spricht Aljoscha zu seiner Freundin, die bereits sein Abrücken ahnt. „Nicht mehr alles wissen wollen vom anderen, beginnt da nicht die Lüge?“ Ja, wie wahr! Die zwei Groschen Verstand, die Aljoscha im Laufe seiner Reise zu verlieren ahnt, aufgerieben zwischen der Frau, zu der er sich hingezogen fühlt und nur blicken kann, und der Freundin, die er nicht unglücklich machen möchte.

„Felsbröckelkunde, Gestaltwandlung und Gegenspionage“ sind nach Aljoscha Nebenfächer des Studiums der Liebe. Was ist Liebe? „Zwei Menschen mit Schlüsseln für dieselbe Tür, Seelen die sich im Korridor begegnen und dieselbe Zukunft im Gedächtnis haben“. Und wie kann man den Gegenschlüssel erkennen? Aljoscha beantwortet dies mit einem todsicheren Code: nur bestimmte Menschen sehen das Zeichen, psychoenergetisch aufgeladene Spuren, die der Andere hinterlässt. Bestimmung? Ja! Es wartet jemand auf dich, der dich will, mit einem versichernden Lächeln alles geschehen lässt, und es geschieht ohne Anstrengung. Ebenso wie das erste Wort von IHR: „Hallo“, ganz einfach.

Vito von Eichborn schreibt in seinem Vorwort: „ich schwöre: wer dies liest, der bekommt einen glücklichen Ausdruck im Gesicht“. Ja, und wie habe ich gelacht, nicht nur über den „Granatsplitter im Kopf“. Oh wie wahr, Liebe scheint eine Form der Geisteskrankheit zu sein.

Auf das Buch „Aljoscha der Idiot“ kam ich nur zufälligerweise. Aljoscha würde dies nicht einfach hinnehmen und nicht von Zufall reden. Wie dem auch sei, der Roman steht bei mir direkt neben dem Solschenizyn und Voltaire im Bücherregal ganz vorne, mit dem Prädikat „besonders wertvoll“.

Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot, Gespräch im SPIEGEL Online-Forum.
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Aljoscha der Idiot

Geistesblitze

Rezension #8

15. Oktober 2007

Geistesblitze

Von Edda Sörensen

Nach der Lektüre dieses Buches, das ich vor einer Woche bei Euch kaufte, komme ich von Geistesblitzen geradezu illuminiert langsam wieder auf die Erde zurück, genau mit diesem (anfangs hielt ich die Anpreisung des Herausgebers auf der Rückseite des Buches für ein wenig vermessen) versprochenen Lächeln im Gesicht. Glücklich, ja, denn mit blankpolierten Augen konnte ich wie mit einem Präzisions-Fernglas Einblick in faszinierend inspirierende Gedankenwelten gewinnen, die sich wie schimmernd feiner Galaxienstaub in weiten Kreisen um die Liebe drehen bis sie am Ende, waagrecht wie senkrecht Gewissheit schaffend, auf sie treffen.

Erstaunlich, dass dieser Dichter noch nicht „entdeckt“ wurde. Ich kann dieses Buch nur wärmstens für den Gabentisch Feingeistiger empfehlen.

Amazon-Rezension für den Roman "Aljoscha der Idiot" von Christian Erdmann: "Geistesblitze", von Edda Sörensen.

Geistesblitze @amazon

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Aljoscha der Idiot

Was für ein exzellenter Gebrauch der deutschen Sprache!!!

Rezension #7

10. Juli 2007

Was für ein exzellenter Gebrauch der deutschen Sprache!!!

Von Rita Handt

Danke an Christian Erdmann für dieses wunderbare Buch. Als Kämpferin für die deutsche Sprache habe ich es mit Begeisterung gelesen. Bitte mehr davon.

Amazon-Rezension für den Roman "Aljoscha der Idiot" von Christian Erdmann: "Was für ein exzellenter Gebrauch der deutschen Sprache!!!"

Was für ein exzellenter Gebrauch der deutschen Sprache!!! @amazon

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Aljoscha der Idiot

Aljoscha der Idiot – Playlist

Aljoscha der Idiot, Roman von Christian Erdmann, Playlist.
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Aljoscha der Idiot Journal

RIP Vito von Eichborn

Zuerst schrieb mir die Marketing-Abteilung von BoD. Vito von Eichborn, einer der innovativsten Buchmacher Deutschlands, betätige sich als Herausgeber einer Edition für BoD und wäre erfreut, meinen Roman in diese Edition aufnehmen zu können. Zu diesem Zeitpunkt war „Aljoscha der Idiot“ fast zwei Jahre auf dem „Markt“ – jenem Markt, von dem mir der Lektor eines renommierten Verlags gesagt hatte, ein Roman wie dieser sei dort „nicht durchsetzbar“. Ich hatte mich dann für das System Books on Demand entschieden, „Aljoscha“ also auf eigene Faust veröffentlicht, ich hatte die Erlaubnis der Erben des berühmten Frans Masereel, einen seiner Holzschnitte für das Cover verwenden zu dürfen, ich hatte all das mit Freuden bezahlt, und dummerweise hing ich nun sehr an der Art, wie dieses Werk in die Welt gekommen war. Und darauf schrieb mir dann Vito von Eichborn selbst.

Lieber Autor, schrieb er, oje, das habe er befürchtet: jemand, der so schreiben kann, hat absolut seinen eigenen Kopf. „Ihr Buch ist für mich der so seltene klassische Fall: grandios gut und absolut schwer verkäuflich. Dies ist für mich der erste Fall, in dem die literarischen Verlage offensichtlich versagt haben.“ Die Edition, schrieb er, habe ein festes Gestaltungsprinzip, aber er wolle dafür sorgen, daß wir den Masereel-Holzschnitt mitnehmen. Mit der ihm eigenen Machen-wir-uns-nichts-vor-Haltung sagte er mir: machen wir uns nichts vor, BoD kommt in den Feuilletons nicht vor, keine Versprechungen, aber: „Ihr Buch ist eine ganz seltene Perle“, und vielleicht könne seine Stimme mehr Menschen zum Lesen bringen.

Er schrieb ein Vorwort für die Neuausgabe, und wenn einer wie er sagt, dieser Roman sei „literarisch das Beste, was ich in den letzten Jahren gelesen habe“, hat das sehr große Bedeutung für einen, der tausend Nächte tief daran gearbeitet hat, ohne zu wissen, ob dieser Balg je Hosen trägt. Es war bezaubernd zu hören, wie er dann auf der Leipziger Buchmesse in einem Radio-Interview von „Aljoscha“ schwärmte – wenn man die Begeisterung eines mit allen Wassern Gewaschenen so nennen darf.

Seine Emails waren immer wie kleine Stromstöße, und in einer der letzten, die ich von ihm erhielt damals, stand: „Wenn jemand schreiben muß, dann Sie!“

Gute Reise, lieber Vito von Eichborn. Danke für die Neugier, für den Enthusiasmus, für den Mut. Danke für alles.

RIP Vito von Eichborn. Text von Christian Erdmann.
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Aljoscha der Idiot The Everlasting Gaze

Innen – Schallplattenladen – Tag

Christian Erdmann, Autor des Romans "Aljoscha der Idiot".,

„Zuletzt verschlug es Aljoscha in einen Schallplattenladen. Ein alter schwarzer Bluessänger sang alten schwarzen Blues. Der Mann an der alten schwarzen Kasse sah aus wie Majakowski. An einem Ständer hingen T-Shirts. Aljoscha sah sie gelangweilt durch, bis er eines mit dem Erkennungszeichen des Kollektivs Einstürzende Neubauten fand. Auf dem schwarzen Stoff zeichnete sich ein archaisches Symbol ab, das an eine Höhlenmalerei der Frühzeit erinnerte. Nur war hier kein Tier dargestellt von Menschenhand, sondern eine menschliche Gestalt, die so wirkte wie die Vorstellung, die ein Tier vom Menschen haben könnte. Ein Rückgrat, davon ausgehend Arme und Beine, statt Händen oder Füßen nur die Andeutung einer atavistischen Drehung der Extremitäten; der Kopf ein Kreis, überdimensional vergrößert, und in den Kopf-Kreis war ein Mittelpunkt gemalt. Wie der Herzmittelpunkt in der Umrißzeichnung eines Elefanten in der Pindal-Höhle, 12000 Jahre alt. Was bedeutete dieser Mittelpunkt hier? Gesicht? Blick? Brennpunkt? Verdacht auf Innewohnendes? Vermuteter Sitz einer Matrix, die für unfaßbare Vorgänge im Innern der Gestalt verantwortlich ist?

Reduktion auf das Wesentliche, äußerste Stilisierung, äußerste Verdichtung. Diese Figur, dieses ins Quintessentielle implodierte Menschlein, strahlte gespenstische Intensität aus. Unheimlich stand es da wie die unentzifferbare Wahrheit des Schauerlichen, unheilschwanger in seiner primitiven Indifferenz, und lud sich auf mit Exzentrizität – mit extremer Abweichung vom gegenwärtig eingenommenen Punkt.“


Christian Erdmann: Aljoscha der Idiot