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Poèmes

Ein Tag im Mai


London Tower schwere Glocken
Das Urteil ist gefällt
Sie führen die junge Frau über den Hof
Anne Boleyn hineingetanzt in den Palast vor Jahren
Schwarzäugig & leichtsinnig
Nun wehrlos & verlassen
Verwöhntes Kind sie haben dich
Du bist das Opfer von Intrigen
Des Königs Zorn ist dein Tod
Das Volk ist feindselig
& voll kalter Neugier
Sie sind hier
um die Königin sterben zu sehen
& es wird kein Mitleid geben
& keine Tränen
Wird es wehtun, fragt sie den Constable
Man sagt, der Henker aus Calais versteht sein Fach,
erwidert der Constable gesenkten Hauptes
& auch er läßt sie mit ihrem Leid allein
Er gibt ihr Handgelenk frei vor dem hölzernen Schafott
& ihr Blick fällt auf den Sarg auf ihren Sarg
Die Ornamente
Die Inschrift
Hinauf jetzt! bedeutet die Hand die ihren Arm preßt
Matt & langsam & Stufen zum Tod
Sie sieht den Kronrat den Lordsiegelbewahrer
Cromwell du Kröte
Auf den Knien das letzte Gebet
Der Henker hebt sein Beil
& jetzt endlich begreift sie
& wirft jäh ihren Kopf herum, Frage und Furcht in den Augen –
„Mon Dieu, sie sieht mich an! Lenk sie ab!“
& der Henkersknecht streckt seine Hand nach ihr aus
& ihr fataler Reflex
& Kanonendonner Sekundenbruchteile später
& Heinrich der Achte, zu Jane Seymour reitend

Christian Erdmann: Gedicht "Ein Tag im Mai"

4 replies on “Ein Tag im Mai”

Zum einen erinnerts an Rick Wakemans schönstes Album. Zum anderen an Schillers „Maria Stuart“. Und zum dritten an Rammsteins ,“Deutschland“-Video mit der schwarzen Germania, die am Ende die schillersche Stuart-Halskrause trägt. – (Ich musste 55 werden, um zu begreifen, was für ein mutiges, bissig-dissidentisches Werk Schillers „Maria Stuart“ war/ist. Seitdem mag ich es.)
Und zum vierten ist dieses Bäumchen-wechsle-dich Spiel von Heinrich VIII. die brutal anschauliche Bilderbuchvariante von Koalitionswechseln. – Heute „hui“ und morgen „pfui“. –

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Tatsächlich mochte ich „The Six Wives of Henry VIII“ sehr mit 15, 16. Später fand ich, Wakemans finest hour ist Bowies „Hunky Dory“, zumal sein Piano auf „Life On Mars?“, zusammen mit dem Streicher-Arrangement von Mick Ronson (!) und Bowies Gesang – stellar. Ich schrieb das Gedicht, nachdem ich den Film „Anne of the Thousand Days“ gesehen hatte (Richard Burton als Henry VIII.), aber Wakemans Album hatte mich hingeführt zur Geschichte dieses Königs und dem Schicksal seiner Frauen.

Anne Boleyn erscheint in einem Bändchen mit frühesten Gedichten, Jahre später wird meine Freundin ihre Magisterarbeit über „Die Ausformung der Anglikanischen Kirche in England“ schreiben. Ah, life. Wiewohl vieles dafür spricht, daß England auch ohne Henrys hochnotpersönliches Dilemma spätestens am Ende des 16. Jahrhunderts den römischen Orbis verlassen hätte, nimmt die Tudor Revolution letztlich mit Henrys Faszination für Anne Boleyn ihren Lauf.

Vor einer Weile sahen wir Staffel 2 von „Wolf Hall“ („Wölfe“). Staffel 1 kenne ich noch nicht, aber Staffel 2 ist, abgesehen von ein paar seltsamen Casting-Entscheidungen, ein kleines Meisterwerk, Mark Rylance als Thomas Cromwell und Damian Lewis als Henry VIII. sind brillant. Mittlerweile finde ich die vermeintlich unscheinbarste der Sechs, Anna von Kleve, fast am faszinierendsten. In der Serie wird Anne of Cleves von der deutschen Schauspielerin Dana Herfurth dargestellt, die an Tilda Swinton erinnert; eine großartige Wahl, weil sie vermittelt, daß Annes Schönheit und auch ihr Geist für Henry zu unkonventionell bis unsettling waren, abgesehen davon, daß er ihr schlicht nicht verzieh, wie sie von seinem Überraschungsbesuch vor der Hochzeit, als er in grotesker Verkleidung bei ihr erschien, alles andere als angetan war. Die Serie schildert Anne als „intelligent, respectful and level-headed woman“ – und als Frau, die wie Tilda Swinton aussieht. :)

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Yepp. Die „Hunky Dory“ halte ich auch in Ehren. Aber die 6 Frauen haben generell sowas gelungen Klassisches. Und da ich eh stets Adaptionen verfiel, hat er mich damit eben gekriegt. Das Tafelrunde-Album ist auch sehr gut. MEIN Wakeman-Album jedoch ist werdegangtechnisch betrachtet die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Es war nun mal das „erste Stückchen Yes“, das mir auf Band geriet.

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Oh, ja, „Journey to the Centre of the Earth“, „Blow-Up“-David Hemmings als Erzähler. Sah vor einer Weile den Film mit James Mason wieder, den man als Kind so unendlich spannend fand, und hatte dauernd Sentenzen von David Hemmings im Ohr, würde ich mich konzentrieren, könnte ich seine Narration wahrscheinlich auswendig. :)

Anne hat ja Zeit bei Margarete von Österreich in Mechelen und am französischen Hof verbracht, ihr Geschmack war erlesen und ihr eigenes musikalisches Talent ist überliefert. In ihrem „Songbook“ hat sie Abschriften von Werken der besten Komponisten gesammelt.

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