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Poèmes

Ein Tag im Mai


London Tower schwere Glocken
Das Urteil ist gefällt
Sie führen die junge Frau über den Hof
Anne Boleyn hineingetanzt in den Palast vor Jahren
Schwarzäugig & leichtsinnig
Nun wehrlos & verlassen
Verwöhntes Kind sie haben dich
Du bist das Opfer von Intrigen
Des Königs Zorn ist dein Tod
Das Volk ist feindselig
& voll kalter Neugier
Sie sind hier
um die Königin sterben zu sehen
& es wird kein Mitleid geben
& keine Tränen
Wird es wehtun, fragt sie den Constable
Man sagt, der Henker aus Calais versteht sein Fach,
erwidert der Constable gesenkten Hauptes
& auch er läßt sie mit ihrem Leid allein
Er gibt ihr Handgelenk frei vor dem hölzernen Schafott
& ihr Blick fällt auf den Sarg auf ihren Sarg
Die Ornamente
Die Inschrift
Hinauf jetzt! bedeutet die Hand die ihren Arm preßt
Matt & langsam & Stufen zum Tod
Sie sieht den Kronrat den Lordsiegelbewahrer
Cromwell du Kröte
Auf den Knien das letzte Gebet
Der Henker hebt sein Beil
& jetzt endlich begreift sie
& wirft jäh ihren Kopf herum, Frage und Furcht in den Augen –
„Mon Dieu, sie sieht mich an! Lenk sie ab!“
& der Henkersknecht streckt seine Hand nach ihr aus
& ihr fataler Reflex
& Kanonendonner Sekundenbruchteile später
& Heinrich der Achte, zu Jane Seymour reitend

Christian Erdmann: Gedicht "Ein Tag im Mai"

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