Kategorien
Literatur

Der Tod des Georg Trakl

> Gegen Ende Oktober trifft plötzlich bei Ficker eine unheilvolle Nachricht aus Krakau ein. Die Karte trägt den Ortsvermerk: Garnisonsspital Nr. 15, Abt. 5. 

„Verehrter Freund! Ich bin seit fünf Tagen hier im Garnisonsspital zur Beobachtung meines Geisteszustandes. Meine Gesundheit ist wohl etwas angegriffen und ich verfalle recht oft in eine unsägliche Traurigkeit. Hoffentlich sind diese Tage der Niedergeschlagenheit bald vorüber. Die schönsten Grüße an Ihre Frau und Ihre Kinder. Bitte telegraphieren Sie mir einige Worte. Ich wäre so froh, von Ihnen Nachricht zu bekommen…“

„Auf diese Karte hin“, so sagte Ficker später, „aus der hervorging, daß kein einziger der Freundesgrüße Trakl im Felde erreicht hatte, reiste ich nach Krakau.“

Ficker hat in seinem Erinnerungsbuch jenen zweitägigen Besuch (25. und 26. Oktober 1914) mit aller Genauigkeit geschildert. Es stellte sich in Gesprächen mit dem Patienten (oder als solchen Behandelten) heraus, daß er unter den Nachwirkungen eines schweren, an der Front erlittenen Schocks einen von Kameraden vereitelten Selbstmordversuch unternommen und vierzehn Tage danach – eben in Limanowa – die Abkommandierung ins Krakauer Garnisonsspital erhalten hatte; nicht etwa zur Dienstleistung als Apotheker, wie er zuerst annahm, sondern zur Beobachtung seines Geisteszustandes.

In der Schlacht um Gródek war Trakls Sanitätskolonne zum ersten Male eingesetzt worden. Ohne ärztlichen Beistand mußte er in einer Scheune, nahe dem Rynek, dem großen Markt, an die hundert Schwerverwundete betreuen. Zwei Tage und zwei Nächte hörte er nichts als das Stöhnen und Jammern der Gemarterten. Immer wieder wurde er von dem oder jenem angefleht, der Qual doch ein Ende zu machen. Einer, den ein Schuß in die Blase getroffen, jagte sich vor Trakls Augen eine Kugel durch den Kopf – blutige Gehirnteile klebten an der Wand. Da wurde ihm schwarz vor den Augen, und er eilte ins Freie; doch dort ragten kahle, gespenstische Bäume in den Himmel und an jedem schaukelte ein Gehenkter – Ruthenen, die als Spione oder Russophile hingerichtet worden waren; wie man Trakl erzählte, hatte der zuletzt an die Reihe Gekommene sich selber den Strick um den Hals gelegt.

Auf dem Rückzug, beim Nachtmahl in einem Dorf, sprang der von den Gesichten dieses Infernos Gepeinigte plötzlich auf und stürzte mit den Worten, er könne so nicht mehr weiterleben, hinaus; Kameraden entwanden ihm die Waffe. „Ich fürchte“, sagte er nun zu Ficker, „wegen jenes Vorfalls vor ein Kriegsgericht gestellt und hingerichtet zu werden. Verzagtheit, wissen Sie, Mutlosigkeit vor dem Feind. Ich muß darauf gefaßt sein.“ Und er beharrte bei dieser Wahnidee – die Atmosphäre war auch zu bedrohlich, zu unheimlich. Sein Zimmer, im Erdgeschoß des Psychiatrie-Traktes gelegen, glich einer Gefängniszelle. Er fühlte sich nicht als Patient, sondern als Delinquent. Aus den oberen Stockwerken drangen die Schreie der Irren. Und der Zimmergenosse, ein an Delirium tremens leidender Leutnant von den Windischgrätz-Dragonern, machte das alles noch unerträglicher. Die einzige ihm nahe Seele war sein Bursche Mathias Roth, ein Bergarbeiter aus Hallstadt. Der schlief jede Nacht am Fußende seines Bettes auf dem Fußboden.

Wie sich zeigte, waren Trakls neurotische Ängste nicht ganz unbegründet. Der Spitalskommandant, ein tschechischer Oberstabsarzt namens Nikolaus Toman, verhielt sich zugeknöpft, als Ficker um die Herausgabe des Patienten bat. Und der Assistenzarzt, ein Pole, der Trakl unter Beobachtung hatte, erklärte sich für diesen Fall von „Genie und Irrsinn“ besonders zu interessieren, hatte er doch bei der Briefzensur Verse des Dichters gelesen, die ihm nicht geheuer vorgekommen waren.

Am nächsten Tag ist Trakl apathisch, in sich gekehrt. „Wollen Sie hören, was ich im Feld geschrieben – es ist blutwenig.“ Und er liest, auf dem Eisenbett liegend, während der Windischgrätz-Dragoner sich ungehalten und gelangweilt in seinem Bett der Wand zukehrt, dem Freund zwei erschütternde Gedichte vor: Klage und Grodek. Dann greift er nach einem Reclam-Bändchen – Dichtungen von Johann Christian Günther, dem „wilden“ Günther – und spricht mit leiser, eindringlicher Stimme ein paar der tiefpessimistischen Strophen dieses genialen Barocklyrikers, der ihm in der Lebenstragik ähnelte und jung starb.

Beklommen verabschiedet sich Ficker, denn er hatte herausbekommen, daß Trakl tödliche Gifte bei sich verborgen hielt. Ficker spricht ihm Trost zu; er werde sogleich von Wien aus seine Versetzung nach Innsbruck ins Werk setzen. Als er mit einem „Auf baldiges Wiedersehen“ von dem Freunde scheidet, liegt dieser regungslos, entgegnet kein Wort. „Sah mich nur an. Sah mir noch nach… Nie werde ich diesen Blick vergessen.“

In Innsbruck treffen noch zwei (vom 27. Oktober datierte) Briefe Trakls und eine Feldpostkarte ein. Dem einen Brief liegt – neben der verbesserten Anfangsstrophe des Sonetts Traum des Bösen – die neue vierstrophige Fassung des ursprünglich sechsstrophigen Gedichts Menschliches Elend von 1911 bei; Trakl hatte den Titel in Menschliche Trauer umgeändert. Merkwürdigerweise wurde diese zweite und endgültige, um vieles stärkere Fassung, in der sich das gewaltige, aus der Irrsinnsatmosphäre des galizischen Schlachthauses empfangene Bild findet: Es scheint, man hört der Fledermäuse Schrei / Im Garten einen Sarg zusammenzimmern, erst in die vierte Auflage (1939) der Dichtungen aufgenommen.

Der zweite Brief enthält die Sätze: „Seit Ihrem Besuch im Spital ist mir doppelt traurig zu Mute. Ich fühle mich fast schon jenseits der Welt.“ Zwei Gedichte sind beigeschlossen – die letzten von Trakls Hand, in einer nun letztverbindlichen Fassung:

Klage

Schlaf und Tod, die düstern Adler
Umrauschen nachtlang dieses Haupt:
Des Menschen goldnes Bildnis
Verschlänge die eisige Woge
Der Ewigkeit. An schaurigen Riffen
Zerschellt der purpurne Leib
Und es klagt die dunkle Stimme
Über dem Meer.
Schwester stürmischer Schwermut
Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt
Unter Sternen,
Dem schweigenden Antlitz der Nacht.
Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den
schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein
gewaltiger Schmerz.
Die ungebornen Enkel.

Auffällig ist, daß Trakl das Gedicht Klage zur Gänze und von Grodek die ersten sechs Zeilen in der Lateinschrift seiner Jugendzeit (mit Bleistift) aufgezeichnet hatte. Vielleicht, um mit der schwerer leserlichen Kurrentschrift bei den Beamten der Militärzensur, die oft Nichtdeutsche waren, keine Unannehmlichkeiten zu haben.

Die Feldpostkarte, gleichfalls nicht datiert, hatte Trakl vor Fickers Besuch geschrieben; dieser erinnerte sich, daß der Dichter sie ihm zum Lesen gegeben hatte: „Da ich bis heute noch kein Lebenszeichen erhalten habe nehme ich an, daß Sie meine Feldpostkarten nicht erhalten haben. Ich verlasse nach vierzehntägigem Aufenthalt im hiesigen Garnisonsspital Krakau. Wohin ich komme, weiß ich noch nicht. Meine neue Adresse will ich Ihnen baldmöglichst mitteilen.“ – Was konnte Trakl veranlaßt haben, sie abzuschicken? Betroffen drehte Ficker die Karte um. Da stand von fremder Hand und mit unleserlicher Unterschrift: „Herr Trakl ist im Garnisonsspital Krakau eines plötzlichen Todes (Lähmung?) gestorben. Ich war sein Zimmernachbar.“

Die Karte trug den Poststempel Prag – 9. 11. 1914.

Auf eine Anfrage nach den näheren Umständen von Trakls Tod – Georgs Halbbruder Wilhelm hatte sie an das Garnisonsspital in Krakau gerichtet – kam von dort die folgende Auskunft zurück:

„… wird Ihnen mitgeteilt, daß Ihr Bruder Medik.-Akzessist Georg Trakl im hiesigen Spitale wegen Geistesstörung (Dement. praec.) in Behandlung stand, am 2. November nachts einen Selbstmordversuch durch Kokainvergiftung (das Medikament hat er wahrscheinlich von der Feldapotheke, wo er früher tätig war, mitgebracht und so aufbewahrt, daß trotz sorgfältiger Untersuchung bei ihm nichts gefunden wurde) unternommen hat und trotz aller möglichen ärztlichen Hilfe nicht mehr gerettet werden konnte. Derselbe starb am 3. November um 9 Uhr abends und wurde im hiesigen Rakoviczer Friedhofe beerdigt.
Krakau, am 15. November 1914. Dr . . . (Stabsarzt).“ <


[Otto Basil: Georg Trakl, Reinbek bei Hamburg, 19. Auflage April 2010, 149 ff.]


18.08.2019

Wir verlassen den hiesigen Rakoviczer Friedhof, nehmen den Bus bis Nowy Kleparz und sind nach nur wenigen Schritten in der Wroclawska. Neben dem Eingang zum Militärhospital wurde an der Mauer eine Gedenktafel angebracht:

Georg Trakl, Gedenktafel am Militärhospital in Krakau.

Früher, stiller Sonntagnachmittag, auf dem Gelände des alten Garnisonsspitals wagen wir uns vor, bis ein Schild dieses Gebäude als psychiatryczny-Abteilung ausweist. Wir deduzieren also: this must be the place.

Das Garnisonsspital in Krakau, in dem der Dichter Georg Trakl starb.

Ludwig Wittgenstein, der ebenfalls in Galizien eingesetzt war, traf erst drei Tage nach Trakls Tod in Krakau ein, hatte aber später die genaue Lage des Grabes auf dem Rakowicki-Friedhof recherchieren können: „Exhibit Nummer 3570“, „Gruppe XXIII. Reihe 13 Grab N° 45“. Ludwig von Ficker ließ 1925 die sterblichen Überreste Trakls auf den Mühlauer Friedhof bei Innsbruck überführen.

Kategorien
Poèmes

Gesang aus dem Hafen


Ihre Stimme um zwei Uhr morgens wie aus einem französischen Liebesfilm
Ihr mondhelles Haar wenn Neumond ist
und ihre Augenbrauen des klassischen Altertums?
Verbeult auf 1 Kinderfoto
und gickelnd unter 1 Hunds-Stern
ist sie die Hüterin geheimnisvoller Seufzer
denen kleine Jungs wie seifenblasenfasziniert nachstarren
und wenn sie den Atem anhält
schwöre ich beim allmächtigen Gott
die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit
und rätselhafte Schimmer in ihrer ländlichen Kammer
wenn mein mürber Dez auf ihren Jugendstil-Bauch fällt
und der Tee, den sie mir reicht, schmeckt nach Herbst
und die Ringe unter ihren Augen sind unsichtbar
und Sartre ist ganz okay
und ein Skorpion
der durch das weite Tal ihres Merkurherzens kriecht
und wenn er zusticht
fallen alle kleinen Jungs tot um

Christian Erdmann: Gedicht "Gesang aus dem Hafen".
Kategorien
Poèmes

Ein Tag im Mai


London Tower schwere Glocken
Das Urteil ist gefällt
Sie führen die junge Frau über den Hof
Anne Boleyn hineingetanzt in den Palast vor Jahren
Schwarzäugig & leichtsinnig
Nun wehrlos & verlassen
Verwöhntes Kind sie haben dich
Du bist das Opfer von Intrigen
Des Königs Zorn ist dein Tod
Das Volk ist feindselig
& voll kalter Neugier
Sie sind hier
um die Königin sterben zu sehen
& es wird kein Mitleid geben
& keine Tränen
Wird es wehtun, fragt sie den Constable
Man sagt, der Henker aus Calais versteht sein Fach,
erwidert der Constable gesenkten Hauptes
& auch er läßt sie mit ihrem Leid allein
Er gibt ihr Handgelenk frei vor dem hölzernen Schafott
& ihr Blick fällt auf den Sarg auf ihren Sarg
Die Ornamente
Die Inschrift
Hinauf jetzt! bedeutet die Hand die ihren Arm preßt
Matt & langsam & Stufen zum Tod
Sie sieht den Kronrat den Lordsiegelbewahrer
Cromwell du Kröte
Auf den Knien das letzte Gebet
Der Henker hebt sein Beil
& jetzt endlich begreift sie
& wirft jäh ihren Kopf herum, Frage und Furcht in den Augen –
„Mon Dieu, sie sieht mich an! Lenk sie ab!“
& der Henkersknecht streckt seine Hand nach ihr aus
& ihr fataler Reflex
& Kanonendonner Sekundenbruchteile später
& Heinrich der Achte, zu Jane Seymour reitend

Christian Erdmann: Gedicht "Ein Tag im Mai"
Kategorien
Poèmes

Isispassion


Auf weissen Laken aus Eis
bin ich erlöst von meinen Irrwegen
befreit von meinem Trotz
geheilt von allem Übel
Beschworen die Silben meines Namens
wie im Schlummer einer Liebenden
Vor reine Gegenwart versammelt
die Zerstreutheit meiner Sinne
In eins gefügt die zerrissenen Zustände des Herzens
In eins verbunden die versprengten Kräfte
Nichts mehr trübt die Reinheit
meiner Anbetung
Possen, die ich spielte
Verrat, den ich beging
Anfang der Welt und Endzeit
und jede Wunde, die ich riss
Alle Stationen der Isispassion
Ri, dschi, Eisenkönig, stirb
Endlich das Unsuchbare suchen
Todgeweihtes Leiden
Hochzeit im Kristallpalast
Die wahre und die falsche Zeit
Eine Nacht, die sieben Nächte dauert
Schwester der Träume und schlafender Gott
Bring dich mir zum Opfer
Bis goldene Flammenreihen sich
In deinem Schädel spalten
So werde ich die Tore für dich öffnen

Du willst die Wahrheit und du starrst
direkt durch sie hindurch
Totengräber klagen über Grabesstimmung
Köpfe werden rollen in der Commedia

I alone will fix it

"Isispassion". Gedicht von Christian Erdmann.

Kategorien
Poèmes

In der falschen Welt


Und meine Augen sind weit aufgerissen in der falschen Welt
Dunkeltage, langsames Verglühen, zwei Götter, einer fällt
Die meisten Menschen hier verstehen nicht, was man für sie fühlt
Ich auch nicht und wer weiß, wann die Erinnerung abkühlt

Meine Straße weiß nicht weiter und endet hier im Dort
Durch die Risse in den Schatten höre ich den Schlußakkord
Ich nehme nichts zurück, das Nichts nimmt mich zurück
Alles, was noch vor mir liegt, ist Feuerreiterglück

Wenn es keine Übung ist, dann ist der Ernstfall Wirklichkeit
Die lebendigsten der Toten stehlen uns die Zeit
Ist für alle schlecht, was für nichts gut ist? Ich frag den Polizisten
Er zieht den Colt und sagt, er setzt mich auf die Liste der Vermissten

Doktor, können Sie mir sagen, wo ich unterwegs bin jede Nacht
Meine Träume sind aus Tränen der Verlorenen gemacht
Die Braut trug Schwarz und gab ihr Jawort im verhexten Licht
Die Frau in meiner Hochzeitsnacht erkennt mich nicht

Das Go-Go-Girl im Lazarett behauptet, dass ich an der Front bin
Sie kennt den Rand am Abgrund und sie fällt gekonnt hin
Der Schatten einer Krähe, die den Himmel zu vernichten droht
Fällt auf die Schwester der Barmherzigkeit, sie schreit zerrissenrot

Die Pforten des Entsetzens mit singenden Segeln berührt
Im Boudoir der Opfergänge zu teuflischen Lüsten verführt
Ich schritt um die Königsgräber, der Tod hat sich vertan
Nächtliches Gelächter ohne Ort ist Hymne dir, mein Wahn

Der Wundertäter hebt den Stab, ein Engel liegt in Ketten
Die Engel sprechen rückwärts, um sich vor dem Ritual zu retten
Ein Abschied, der Äonen dauert, ein guter Grund zur falschen Zeit
Das Leid, das ich aus Zuneigung verteile, macht die Hölle himmelweit

Ihr Seidenschoß, ihr weißer Hals für einen Graf aus den Karpaten
Ich schwor ihr auf der Zeitenflucht, ihre Schönheit niemals zu verraten
Für eine Ewigkeit war nichts vor Alles-möglich-sein
Meine Liebe, sagte sie, ist Sternmesskunst für dich allein

Es weht ein Wind, der unser Fieber fieberhaft besingt
Es weht ein Wind, der alle Warnglocken zum Klingen bringt
Kalter Wind weht durch die Stadt, in der das Lachen starb
Wind heulte durch ihr Zimmer, als ich um sie warb

In der falschen Welt. Gedicht von Christian Erdmann.
Kategorien
Poèmes

Passage


Grabmal ohne Inschrift
Eingang ohne Tür
Licht ohne Quelle
Weg ohne Wiederkehr
Kompass ohne Norden
Zeit ohne Stunden
Echo ohne Ruf
Weiter ohne Grund
Gegangen ohne Abschied
Drei Nächte ohne Mond
Steine ohne Alter
Klang ohne Schall
Elemente ohne Namen
Wissen ohne Nutzen
Kreaturen ohne Augen
Knochen ohne Haut
Sprache ohne Worte
Intelligenz ohne Gehirn
Sinne ohne Sinn
Chor ohne Stimmen
Universum ohne Anfang
Raum ohne Krümmung
Särge ohne Mumien
Monstren ohne Mutationen
Träume ohne Träumer
Energie ohne Masse
Buddha ohne Lächeln
Formel ohne Einstein
Engel ohne Gott
Teufel ohne Zweifel
Schlangen ohne Grube
Halle ohne Hall
Statue ohne Schöpfer
Augen ohne Blick
Bewegung ohne Warnung
Alle ohne einen
Verloren ohne Verlust
Kuss ohne Lippen
Entzücken ohne Ende
Grabmal ohne Inschrift

Christian Erdmann, "Passage", Gedicht.
Kategorien
Poèmes

Im Walsertal


Im Walsertal, im Walsertal,
hyperionaktiv vertraklt,
hat Schiller sich, der Geisterseher,
mal ganz verzweigt verkakelt.

In seelischer Verzuckmay’rung,
befeuchtwangt bis zur Stirn,
tat er Büchner schlegeln,
bis ein Lichtenberg im Hirn

ihm die pöbelscheue Grille parzte.
„Musil denn, Musil denn zum Schädele hinaus!“
verhebbelt‘ er im Werfeldaus –
das Eichendorff, es brentanarzte.





[Liebesdienst fürs SPIEGEL ONLINE Lyrik-Forum, 2007]

Christian Erdmann, Im Walsertal. Gedicht.
Kategorien
Poèmes

Poem For A Mediaeval Baebe


Auch wir sind in Räumen freigelegter Zeit
Wie weiße Spinnen, die in Einsamkeit sich weben
Träumend, wie im Garten vor lang verschwundenen Monden
Ein Wispern war im Rauschen dieser Blätter
Wartend, daß noch einmal unser Weben so erzittert

Rubinrot auf den Lippen und sie sagte: komm
Und der Wind, der ihre Haare wehen ließ
War kalt und nicht von dieser Welt
Und sie verging, als wäre sie ein Stich ins Licht
Und seither all die Tode, die uns trennen

Christian Erdmann, "Poem For A Mediaeval Baebe". Emily Ovenden, Mediaeval Baebes.
Kategorien
Poèmes

Road Dust On Her Ankle Boots


Der Zug rast in den Sandsturm
Im Schatten einer Klapperschlange
Spielt sich nicht viel ab
Schwarzes Kleid auf heller Haut
Woher kommt das Mädchen?
Woher kommt das Mädchen?

Der Horizont verbiegt sich in der Hitze
Skelette klopfen an die Hintertür
Pferdeschrecken frißt den Klang
Von Bottleneck auf E
Wohin geht das Mädchen?
Wohin geht das Mädchen?

Reptilien kriechen durch den Korridor
Wolken brennen an den Rändern
Jemand sein im Niemandsland
Gefährte dieser Steppenhexen
Das Mädchen kommt zu mir
Das Mädchen kommt zu mir

Chiffon zitterte vom Herzschlag
In einem nie gedrehten Louise Brooks-Film
Der Mond hat einen Doppelgänger
Kein Organ ist kälter als Gehirn
Wohin führt das Mädchen?
Wohin führt das Mädchen?

Was ist es, das sie tun in Zimmer 16
Todesvogel landet hier auf ihrem Arm
Und flattert wieder fort
Das ist es, was sie tun in Zimmer 16
Das Mädchen macht
Das Mädchen macht
ihn ab, den Himmellack

Christian Erdmann: "Road Dust On Her Ankle Boots". Ein Gedicht. Bild CE.
Kategorien
Poèmes

Untrunkener Seemann


Sehr weit unten warten wohl die Kraken
Auf die Proportionen eines Abgerutschten
Wo sind sie hin, die blinden weißen Fische
Die an meiner letzten Planke lutschten?

Sternvertäut, wie auf dem Deckel meines Sargs
Und nicht geneigt, in diesen Schlund zu sinken
Auf dessen Grund noch nie ein Auge sah
Wo die matten Arme der Ertrunkenen winken

Der bleiche Mond, erbarmt er sich?
Er malt mir eine Silberstraße auf die Wogen
War nicht schon einer, der auf Wasser ging?
War nicht einer, schlimmer noch als ich betrogen?

Als wär’s der süße Leib Kalypsos
Umschling‘ ich dieses Holz auf sieben Meeren
Und wenn kein Strand mehr mich als Treibgut will
Werd‘ ich noch lang den Nymphenleib beschweren

Ach! Zu kalt das Herz für alle Träume
Zu hart das Holz für einen Nymphenschoß
Zu mitleidlos der Plan der Fluten
Zu nah das Grab für einen Leichtmatros‘.

Christian Erdmann: "Untrunkener Seemann". Ein Gedicht.