



Edward Burne-Jones
Portrait of Maria Zambaco
1870
Maria Zambaco, eigentlich Maria Cassavetti, geboren am 29. April 1843 in London, Tochter eines wohlhabenden griechischen Kaufmanns, Muse der Präraffaeliten, Modell für James Abbott McNeill Whistler und Dante Gabriel Rossetti, von ihrem Verehrer George du Maurier beschrieben als „rude and unapproachable but of great talent and a really wonderful beauty“. 1860 heiratet sie in London den Arzt Robert Zambaco, 1861 ziehen beide nach Paris. 1866 trennt sie sich von ihm und geht mit ihren beiden Kindern nach England zurück. Ihre Mutter Euphrosyne Cassavetti bittet Edward Burne-Jones, ein Porträtbild ihrer Tochter anzufertigen und Marias eigene Kunststudien zu fördern. Maria und Burne-Jones beginnen eine Liebesbeziehung. Im Januar 1869 findet Burne-Jones‘ Ehefrau Georgiana einen Brief von Maria in seiner Kleidung, die stürmische Affäre wird öffentlich und löst einen gesellschaftlichen Skandal aus. Maria fleht ihn an, gemeinsam mit ihr Selbstmord zu begehen durch eine Überdosis Laudanum, Burne-Jones trennt sich von ihr. Es entsteht eine Reihe von Bildern mit Marias Antlitz, das für den Maler ewige Obsession bleibt. Maria Zambaco beginnt in den 1880er Jahren mit der Bildhauerei und wird in Paris Schülerin bei Auguste Rodin. Das Porträt, das Burne-Jones 1870 malt, nach der Trennung, ist eine Liebeserklärung an Maria und Verewigung der Amour fou.
„Independently wealthy, unconventional, tempestuous and determined, she was a lover who refused to be quietly adored and Burne-Jones began to see that she wanted more than he was prepared to give.
When he told her that he would never leave his ever-faithful wife Georgiana, Maria was enraged and Burne-Jones took flight, leaving her ‚tearing up the quarters of his friends‘ to use Rossetti’s words. When he eventually returned, she threatened to kill herself and there was an embarrassing scene beside the Regent’s Canal where Burne-Jones was almost arrested for rolling in the gutter with Maria as he prevented her from leaping into the water. The storm had broken and the affair was over but they remained in contact and Maria’s face continued to dominate Burne-Jones‘ art.“ [Simon Toll, sothebys.com]

Edvard Munch
Madonna
Dritte Fassung
1895
Als Modell für die fünf „Madonna“-Fassungen, die Edvard Munch zwischen 1894 und 1897 malt, gilt die norwegische Schriftstellerin Dagny Juel.
„Strindberg sah in ihr eine zielbewußte Messalina von letzter Teufelei, vor der man nicht weit genug fliehen konnte und die einen selbst noch in der Ferne am Band hielt. Munch dachte ähnlich und nannte sie, wenn wir unter uns von ihr sprachen, die Dame, was weiter nichts als gebotene Fremdheit besagen sollte […] Vielleicht hat Munch sie gehabt, ich weiß es nicht, nannte sie trotzdem und erst recht die Dame. Vielleicht Strindberg, leicht möglich. Wahrscheinlich hat sie viele gehabt. Besessen hat sie keiner.“ (Julius Meier-Graefe)
„Werner Hofmann suggests that the painting is a ’strange devotional picture glorifying decadent love. The cult of the strong woman who reduces man to subjection gives the figure of woman monumental proportions, but it also makes a demon of her.‘ Sigrun Rafter, an art historian at the Oslo National Gallery, suggests that Munch intended to represent the woman in the life-making act of intercourse, with the sanctity and sensuality of the union captured by Munch. The usual golden halo of Mary has been replaced with a red halo symbolizing the love and pain duality. The viewer’s viewpoint is that of the man who is making love with her.“ [wiki]
Darstellung von Heiligkeit, Darstellung eines Orgasmus, oder beides, you choose.


Dante Gabriel Rossetti
Rosa Triplex
1867
„Rosa Triplex was inspired by Anthony van Dyck’s painting Charles I in Three Positions … Dante Gabriel Rossetti gave his later works literary and mythical titles, but they have no story. This prioritises their atmosphere and beauty. During this period, Alexa Wilding was Rossetti’s preferred model. He liked her commanding presence.“ [tate.org]

Gustave Moreau
Hélène Glorifiée
1896
In Der Tragödie zweiter Teil (veröffentlicht 1832) läßt Goethe Helena, das Urbild der Schönheit und von Sexualität als Project Mayhem, durch Zeit und Raum zu Faust bringen. Das geflügelte Kind zu Füßen der Helena auf Moreaus Bild ist Euphorion: bei Goethe der Sohn von Faust und Helena. Krieger, Fürst, Poet: niemand hat Besseres zu tun als Helena zu verherrlichen. Damn right.

Jean Delville
L’Idole de la Perversité
1891

Evelyn De Morgan
Medea
1889

Edvard Munch
Salome
1903
Eines meiner liebsten Werke von Edvard Munch ist Die Brosche, eine Lithographie von 1903. Zu sehen ist Eva Mudocci, eine englische Violinistin, die Munch in Paris kennenlernte. Mudocci, die hier 1903 auch als Salome erscheint, war Munchs Geliebte. Munch sagte, sie habe „Augen von tausend Jahren“. Salome jedenfalls sieht glücklich aus.

Odilon Redon
Der mystische Ritter
1869
Ödipus und die Sphinx.

Fernand Khnopff
Who Shall Deliver Me?
1891
Man muß schon deshalb irgendwann im Leben nach München reisen, weil „I lock my door upon myself“ von Fernand Khnopff in der Pinakothek zu sehen ist. Der Titel des Gemäldes ist eine Zeile aus dem Gedicht „Who Shall Deliver Me?“ von Christina G. Rossetti. Christina, die jüngere Schwester des Malers Dante Gabriel Rossetti, schrieb das Gedicht 1866.
Die rätselhafte Schönheit seiner Bilder, der Eindruck des Anderweltlichen, der Eindruck, daß die Seele mit einer Art von beyond in Verbindung steht, all das macht Khnopff für mich besonders faszinierend. Sein bevorzugtes Modell war seine jüngere Schwester Marguerite, und wenn Khnopffs Bildern eine Verheimlichung eingewoben ist, dann gewiß auch ihr Gegenteil, ein Hauch des Inzestuösen liegt über diesen Bildern, es offenbart sich eine mindestens intensive Beziehung, vielleicht eine unglückliche Liebesbeziehung des Malers zu seiner Schwester, mit der er, von der Welt abgeschottet, in einer verwunschenen Villa in Brüssel lebte. Für Khnopff ist Marguerite der Inbegriff der Schönheit, sie ist auch die Frau in „Who Shall Deliver Me?“. Befreiung – vom Eingeschlossensein in sich selbst? Erlösung – vom Verbergenmüssen der geheimsten Sehnsüchte? Errettung – von der Transformation in ein Wesen? Ask these eyes.

Fernand Khnopff
Hérodiade [La Victoire]
c. 1917
Marguerite als Herodias.

Fernand Khnopff
Avec Georges Rodenbach. Une ville morte
1889
Im 1892 veröffentlichten Roman „Bruges-la-Morte“ von Georges Rodenbach erscheint Brügge als Stadt im Dornröschenschlaf, als tote Stadt, als stille Stadt. Auch David Bowie ist mit dieser Stille vertraut: Auf „The Next Day“ von 2013 heißt es in „Dancing Out In Space“: „Silent as George Rodenbach / Mist and silhouette“.
Das Cover, das Guy Peellaert, ebenfalls Belgier, 1974 für Bowies „Diamond Dogs“-LP schuf, könnte auch von Khnopffs Gemälde „Caresses“ von 1896 inspiriert sein, für Till Briegleb „einer der schönsten Momente der Kunstgeschichte, an dem finale Deutung versagen muß“ (sueddeutsche.de, 2019).
Rodenbachs Werk macht Brügge zum Anziehungspunkt für Künstler und Schriftsteller. Der Protagonist des Romans, Hugues Viane, untröstlich über den Tod seiner Frau, zieht nach Brügge, weil es die einzige Stadt für seinen Schmerz ist:
„Und wie traurig war auch Brügge an diesen Spätnachmittagen! So liebte er sie, diese Stadt! Seiner eigenen Traurigkeit wegen hatte er sie ausgewählt, um hier nach der großen Tragödie weiterzuleben. (…) Der toten Frau musste eine tote Stadt entsprechen. (…) In der stummen Atmosphäre unbelebter Kanäle und Straßen hatte Hugues seinen großen Schmerz weniger gespürt, hatte er verhaltener an die Tote gedacht. Er hatte sie besser vor Augen, besser verstanden, fand im Wasser der Kanäle ihr Ophelia-Antlitz wieder (…) Die Stadt, auch sie einst schön und geliebt, verkörperte auf diese Weise seine Klagen. Brügge war seine Tote. Und seine Tote war Brügge.“ (Georges Rodenbach, Das tote Brügge, Stuttgart 2011, 16 ff.)
Khnopff gestaltet für Rodenbachs Roman ein Frontispiz, das die schöne Tote und eine der Brücken Brügges formal in Parallele setzt und so die Identifikation von Stadt und Frau wiedergibt. In einem Essay hat Rodenbach den Gedanken weiter ausgeführt; „Les villes sont un peu comme les femmes“, schreibt er, und Brügge sei wie eine abgesetzte Königin, heute vergessen, früher eine mächtige und prächtige Monarchin. Dies scheint die Erklärung für den wehmütigen Blick auf die Krone.

Gustave Moreau
L’apparition
Undatiert
The head that dripped blood: „This painting picks up the iconography of the famous watercolour of the same title (Musée du Louvre, Department of Graphic Arts, Musée d’Orsay Collection), which inspired J-K Huysmans to write some wonderful passages in his novel A Rebours. It illustrates an episode taken from Chapter XIV of St Matthew’s Gospel. John the Baptist had been imprisoned for having condemned the illegitimate marriage between Herodias and King Herod. Wishing to get rid of this troublesome person, the queen asked her daughter Salome, when she had finished dancing for the king, to ask for the head of John the Baptist as her reward.
This short episode gave rise to many works focusing on the figure of Salome, who did not, however, instigate the crime. But this Jewish princess would excite the imagination of painters to become the archetypal femme fatale. (…) In this painting, we can see: on the left, Herod, hieratic on his throne next to his wife; on the right, the impassive executioner, sword in hand; in the dark background a series of lines describe figures of pagan divinities blending into a strange and disturbing architectural setting, decorated with medieval motifs. This rich ornamental decor, typical of the painter’s style, taken from the most distant centuries and civilisations, make this scene difficult to place in time and space, and adds to its enigmatic character. Gustave Moreau transforms this biblical episode into a fable, a painted poem in which the theme is meant to be edifying as well as a pretext for a dream.“ [musee-moreau.fr]

Gustave Moreau
L’apparition
(Detail)
SALOME
Ah! thou wouldst not suffer me to kiss thy mouth, Iokanaan. Well! I will kiss it now. I will bite it with my teeth as one bites a ripe fruit. Yes, I will kiss thy mouth, Iokanaan. I said it; did I not say it? I said it. Ah! I will kiss it now . . . But wherefore dost thou not look at me, Iokanaan? Thine eyes that were so terrible, so full of rage and scorn, are shut now. Wherefore are they shut? Open thine eyes! Lift up thine eyelids, Iokanaan! Wherefore dost thou not look at me? Art thou afraid of me, Iokanaan, that thou wilt not look at me?
And thy tongue, that was like a red snake darting poison, it moves no more, it speaks no words, Iokanaan, that scarlet viper that spat its venom upon me. It is strange, is it not? How is it that the red viper stirs no longer?. . . Thou wouldst have none of me, Iokanaan. Thou rejectedst me. Thou didst speak evil words against me. Thou didst bear thyself toward me as to a harlot, as to a woman that is a wanton, to me, Salome, daughter of Herodias, Princess of Judaea!
Well, I still live, but thou art dead, and thy head belongs to me. I can do with it what I will. I can throw it to the dogs and to the birds of the air.
That which the dogs leave, the birds of the air shall devour . . .
Ah, Iokanaan, Iokanaan, thou wert the man that I loved alone among men! All other men were hateful to me. But thou wert beautiful! Thy body was a column of ivory set upon feet of silver. It was a garden full of doves and lilies of silver. It was a tower of silver decked with shields of ivory. There was nothing in the world so white as thy body. There was nothing in the world so black as thy hair. In the whole world there was nothing so red as thy mouth. Thy voice was a censer that scattered strange perfumes, and when I looked on thee I heard a strange music. Ah! wherefore didst thou not look at me, Iokanaan?
With the cloak of thine hands, and with the cloak of thy blasphemies thou didst hide thy face. Thou didst put upon thine eyes the covering of him who would see his God. Well, thou hast seen thy God, Iokanaan, but me, me, thou didst never see. If thou hadst seen me thou hadst loved me. I saw thee, and I loved thee. Oh, how I loved thee! I love thee yet, Iokanaan. I love only thee . . .
I am athirst for thy beauty; I am hungry for thy body; and neither wine nor apples can appease my desire. What shall I do now, Iokanaan? Neither the floods nor the great waters can quench my passion. I was a princess, and thou didst scorn me. I was a virgin, and thou didst take my virginity from me. I was chaste, and thou didst fill my veins with fire . . .
Ah! ah! wherefore didst thou not look at me? If thou hadst looked at me thou hadst loved me. Well I know that thou wouldst have loved me, and the mystery of Love is greater than the mystery of Death.
HEROD
She is monstrous, thy daughter; I tell thee she is monstrous. In truth, what she has done is a great crime. I am sure that it is a crime against some unknown God.
HERODIAS
I am well pleased with my daughter. She has done well.
[Oscar Wilde]

Gustave Moreau
Œdipe et le Sphinx
1864
Das ist ein so leidenschaftlich intimer Moment zwischen der Sphinx und Ödipus, ihr Aneinander und ihr Blickkontakt so intensiv, daß man als Beobachter den Blick abwenden müsste, wenn man den Blick abwenden könnte.

Franz von Stuck
Haupt der Medusa
um 1892
Alle Fotos CE
What’s this?
Vorweihnacht
Fearless Vampire Killers? Nun gut, sehr, sehr lange Winterabende, ja? Heute in Zeitdruck, deshalb immediately: ein Weihnachtsfilm, wie er sein darf.
Hm, nie gesehen den Film, aber Ihrem Befund schneeblind vertrauend werde ich Ausschau halten. Muß noch Lametta von AltGr bis Esc. Hach so viel zu tun noch. Zum Beispiel gebacken kriegen. Cake shop girls grow fingernails dead long and rather sharp. They paint them glacé cherry red and yellow marzipan.
How sweet! Vor dem Backen aber ein anständiger (Weihnachts)Tag im Schnee:
Was ist das mit den Weihnachtsvierteilern? Kann mich nicht so recht erinnern. Nur an Weihnachtsmehrteiler wie Timm Thaler etc.!?
Jingle Bells gequakt, klasse! Schade, Aufhebung der Naturgesetze mit dem Clip enden muß, daromb ich Ihnen nicht hortig das Donald Duck-Klassik-Album „Weihnachten für Kummersdorf“ transmissionieren könnt. Neben „Im Land der viereckigen Eier“ und „Das Gespenst von Duckenburgh“ unverzechbarer Besteckteil meiner präschulischen Diskurstheorie. Lernte Wert von Wendungen wie „Ich bin ins Grübeln gekommen, und das macht mich unruhig“ (Donald) erst so in Höhe Philosophiestudium richtig schätzen, versteht sich.
Die ZDF-Weihnachtsvierteiler, ach – seufz. Die Schatzinsel, Lederstrumpf, Der Seewolf, Lockruf des Goldes – that stuff. Haben wir bei uns in der Straße damals noch bis zum Ende des Winters nach- und weitergespielt, bei „Lockruf des Goldes“ dann schwer verliebt in Christine Kaufmann / Labiskwee. „Verliebt“ vielleicht nicht das richtige Wort. Schlagen Sie „Aljoscha“ Seite 230 auf (Erstausgabe). December will be magic again!
Wenn es wenigstens unter 5 Grad bliebe. Donald, Mickey und Pluto – alle Philosophen, wahrlich. Gehören zu (meinem) Weihnachten wie der Tetzlaffsche Silvesterpunsch zu eben dem. Das ewig lange Warten am Morgen des 24. war durch den Besuch Entenhausens gleich besser. Dickens‘ Weihnachtsgeschichte kannte ich lange nur mit Mickey in der Rolle des Armen und Dagobert als der alte Scrooge. – Ah, nun gut, „Und seine armen Füße würden niemals folgen können.“, S. 230 sagt. Für diese Mehrteiler war ich wohl zu jung oder zu ignorant, ob der neuen Barbiepuppen und Legokästen. Ich sah Patrik Pacard, Timm Thaler, Anna und solche. Kann mich aber auch daran nur fragmentarisch erinnern. Christine Kaufmann und Kate Bush haben eine gewisse Ähnlichkeit, finden Sie auch? Und Wahrheit sie singt, dieser Dezember gefällt mir bisher. Gestern abend im Finnegans Wake an der Börsenbrücke: ein nicht mehr junger Schotte schnappt die Gitarre und singt „Streets Of London“ just for me and my British Christmas, glaub ich. Aber das erspare ich Ihnen jetzt. Zum Ausgleich noch etwas Jeremy:
Das lange Warten am Morgen des 24. – Dieu, es waren die längsten Stunden der Zeitrechnung, draußen der schneeigste Schnee, die krächzendsten Krähen, die spannendste Spannung. – Ja, vielleicht ist da eine gewisse Ähnlichkeit. Noch ein Geheimnis, „Die Frau machte eine sonderbare Bewegung mit dem Kopf, ein nicht ausgesprochenes Wort betonend“ – das ist inspiriert von Christine Kaufmann in „Lockruf des Goldes“. Als sie Elam Harnish im Kanu gegenübersitzt. Schwer zu beschreiben. Hier ein paar Bilder, auch wenn es keine Erinnerungen wecken kann.
„Streets of London“ just for you and your British Christmas, wie phantastisch… erlauben Sie, daß ich an dieser Stelle addiere, wie einer der Iren erklärt: „Der Himmel uber Berlin ist blau“. Und wer wüßte das besser als Sie. Fünftes Türchen, for some moments of the year:
Ich kann im Zusammenhang mit Christine Kaufmann nicht ihren Auftritt in einer Sprechschau ausblenden, in der sie sagte, sie könne keinen Alkohol vertragen, da ihr sofort schlecht würde. Es war das Wie. Wie sie das sagte. Haben Sie eigentlich „Romy“ gesehen? Jessica Schwarzens Romy? Nun ja, ich wollte es nicht sehen, aber bei der dritten Wiederholung auf 3Sat oder so gab ich auf und siehe da, nicht viel Romy vielleicht, aber ein beeindruckender Film doch. Oh dear, goosebumps bei some moments of the year! Und da ich gestern beim größten Elektrofachmarkt Europas stop and stare vor der Riesenleinwand got stuck und dieser Mann dieses Jahr auch prägte und Berlin und blau und Himmel und überhaupt, ja, Sie sagen es, ich weiß und es scheint Retro-review-remember me-day today.
Nein, „Romy“ sah ich nicht, leider – nur ein Bild von Jessica Schwarz als sie. Das fand ich sehr erstaunlich, ich kannte die gar nicht. Dafür sah ich kürzlich nochmals „Monsieur Klein“ mit Delon. Verstörendes Juwel. Unfaßbares Ende. Verstehe zwar jeden, der bei Delon wg. stunning good looks gar nicht zum großartigen Schauspieler vordringt, aber man sollte es trotzdem irgendwann tun. Nun ja, die Capricorn-Damen sagen das, daß sie keinen Alkohol vertragen, da ihnen sofort schlecht würde. Tatsächlich nippen sie sogar zum Jahreswechsel so geschickt am Glas, daß man eine vollständige Illusion von „Frau trinkt Sekt“ erhält, die aber nichts ist als eben eine Illusion. Nach 17 Äonen probieren sie dann vielleicht mal, Captain Morgan mit Wasser zu verdünnen. Die Wahrheit ist, daß sie einen unter jeden Karibiktisch trinken könnten. Sie tun es nur einfach nicht. Morgen, also heute, The Raveonettes. Darum zum Nick-Klaus zwei Kläuse:
Nick, wie immer so deep. „Langsam und still trank er den Wein, und dankte dem Schöpfer dafür, nicht mit Worten, sondern mit stillem Wesen; es war, das wage ich gern zu sagen, etwas von geweihtem Wesen; auch in seiner Art zu trinken – so groß war ja seine Dankbarkeit dafür, dass er nun sein Leiden um Alles ein paar Stunden lang weniger litt. Er hat ja viele Nächte mit mir getrunken, weil er immer wach war, ja, der wachste aller Menschen, – als der leidendste von allen, um ein ganzes Zeitalter leidend, wie sollte er da anders sein! Deshalb konnte er auch nicht vom Weine betrunken werden, und lächelte nur leise des Morgens, wenn andere es waren. (…) …gedachte er sich zu betäuben, aber wurde noch wacher; da schrie er zu Gott um Betäubung, auf daß er seiner Gesichte vergäße und seiner selbst. Aber es ward ihm verweigert.“ (Karl Borromäus Heinrich über Georg Trakl)
Einen Nik kriegen Sie auch (Was für ein Video!)
„Ihn, der ein starker Trinker und Drogenesser war, verließ nie seine edle, geistig ungemein gestählte Haltung; es gibt keinen Menschen, der ihn im Zustand der Trunkenheit jemals auch nur hätte schwanken oder vorlaut werden gesehen, obschon sich seine so milde und wie um eine unsägliche Verstummtheit kreisende Art des Sprechens in vorgeschrittener Nachtstunde beim Wein oft seltsam verhärten und ins Funkelnd-Böse zuspitzen konnte. Aber darunter hat er oft mehr gelitten als die, über deren Köpfe hinweg er die Dolche seiner Rede in die schweigende Runde blitzen ließ; denn er schien in solchen Augenblicken von einer Wahrhaftigkeit, die sein Herz förmlich bluten machte.“ (Ludwig von Ficker über Georg Trakl)
Ficker erklärt, daß bei Trakl die schneidende Kälte, das schneidende Wort aus einer Tiefe kam, „die nicht mehr zu ihm gehörte“. Von wo also? Von dort, wo auch der unterschwellige Bezug der Bilder herkommt, aus abgrundtiefer Nichtmitteilbarkeit?
Danke für Nik! Ein Video, das nachdenklich macht. Das Fragen stellt, wie wir meinen. Als wäre David Lynch in einen kribbelbunten Tuschkasten gefallen. Das siebente Fensterlein aus meiner wahren Geschichte der 80er. :)
Jaaaa! Die Zeugnisse, Berichte, Briefe von, über Trakl sind mir fast lieber als das eigentliche Werk. So ein Anachronismus, so schwer die Rückkehr jedesmal ins Jetzt. Gestern die ersten Folgen der zweiten! More gothic, I would say! Und less budget. Schade drum, aber es sind nur wenige Abstriche zu verzeichnen. Jeremy sieht man die ersten Anzeichen der Erschöpfung, Krankheit, Trauer an. Aber das Spiel bleibt grandios. „Das leere Haus“ wunderbar, „The Priory School“ schon sehr düster.
Ha, die Eighties!! 1984 gefiel mir dieser Rocker mit der entschlossenen Armbewegung:
Das sind aber hübsche Nonnen! Fast wie bei Clovis Trouille!

„Entschlossene Armbewegung“, hehe. 1984 war das Jahr von The Top, Hyaena, Ocean Rain. Echo & The Bunnymen klingen wie die Liebesnacht mit einem Geist. Was will Ian McCulloch sagen? Er sagt es so gut. Seine kryptische Poesie verweigert sich linearer Zeichnung, manchmal sagt er eigentlich nur Klang, so ist es wohl während der Liebesnacht mit einem Geist. Manchmal sind seine Texte einfach Schimmer von Eis und Jade. Alles ist verwandelt, Tage sind kristallin oder türkis, Teufel sind weiß, der Mond tödlich, Pferde tanzen, Köpfe rollen, nur Götter werden immer Götter sein. Als Bunnyman bewegt man sich buchstäblich zwischen Engeln und Teufeln, jede Nacht hat andere Schriftzeichen am Himmel, und auf dem Thron im Paradies wird man Stück für Stück verrückt.
Sie wissen bestimmt, daß Karius und Baktus norwegischer Herkunft sind, 1954 gab es einen Film von Ivo Caprino dazu. Der ist in Norwegen eine Legende, seinen Flåklypa / Pinchcliffe Grand Prix besitze ich als DVD – das Auto „Il Tempo Gigante“ ist ebenfalls eine Legende in Norwegen. Hier ein kleiner Eindruck, beachten Sie durch Fenster 8 the magical care for detail.
HAH! Ich wußte, dass Sie was über die Nonnen sagen würden! Ich WUSSTE es. Hihi. Oh ja, Puppenfilme! Amerikanische, norwegische oder auch österreichische, schauen Sie mal:
Streiten Sie mit mir nicht über die Nonnen, oder wenn, dann im Flore! :)
Das ist ja atemberaubend, bezaubernd. Haben Sie das Marionettentheater in Salzburg auch besucht? Was ich neben Puppen, als ich sehr klein war, überaus faszinierend fand, waren diese Scherenschnitt-Filme. Welche es damals im TV waren, weiß ich nicht mehr, aber der Name dieser Zauberkünstlerin ist Lotte Reiniger. Nummer 9.
Oh gut, ja, dieser Tage wirklich wie ein Biber arbeite, also lassen Sie uns im Flore streiten, aber in der oberen Etage, sonst fallen all die Journalisten wieder über uns her.
So lovely, dieses Scherenschnitt-Theater! Danke! The „town-cryer“, die häßlichen Schwestern und sogar die Uhr, so wunderschön. Ach…. Nein, im Theater war ich nicht, aber im Marionettenmuseum, befindlich in den Gewölben der Festung.
„Mehr in die Augen fallen die Übereinstimmungen mit Arthur Rimbaud, einem Freunde Verlaines, der neunzehnjährig zu dichten aufhörte und nach Afrika auswanderte. Erst kürzlich wurde sein Einfluß auf Trakl nachgewiesen. Dieser kannte die Dichtungen und schätzte ihren hervorragenden Übersetzer Ammer sehr. Verwandt waren ihm besonders die ungeheuren Gesichte des Franzosen, sein rücksichtsloses Erfassen dieser verseuchten und verwesenden Welt und die Kühnheit, es herauszusagen … Durch ihn gewann er den Mut, in der Poesie verpönte Dinge anzusprechen … doch tat er es kaum aus Lust an ihnen, sondern traurig, den Verfall darin zu erkennen, und so wahrhaft, ihn nicht zu verheimlichen … Der Anklänge an Rimbaud muß sich Trakl bewußt gewesen sein.“ (Dr. Josef Leitgeb)
„Eggsackt!“, wie Joseph II. in der genialen deutschen Amadeus-Synchro sagt, eggsackt. Habe Trakl genaugenommen über Rimbaud entdeckt.
„Buschbeck ist es auch gewesen, der die Gedichte des Freundes Zeitschriften anbot – zum Beispiel ‚Melusine‘ Westermanns Monatsheften mit negativem Erfolg … Ein hübsches Beispiel für des zwanzigjährigen Buschbeck ungestüm hilfreiche Art, den genialen Freund in der literarischen Welt bekannt zu machen, ist ein Brief vom 7. Juni 1909: ‚Unternimm Schritte, daß Du in den Kürschnerschen Literaturkalender kommst. Bei jedem Namen, der einem Redakteur unterläuft, schaut er immer zuerst, ob er schon im Kürschner steht. Um wieviel leichter nimmt er etwas an, wenn dies der Fall ist … Das müßte Dir sogar (wenn Du angibst, daß Deine Dramen schon aufgeführt werden) sehr leicht gelingen … Schreibe nur dem Herrn Dr… einen entrüsteten Brief, Dich nicht in Kürschners Literaturkalender zu sehen, nachdem von Dir ja schon usw … Du mußt doch wirklich auch einmal für Dich etwas Reklame machen.‘ – Georg Trakl und Reklame!“ (Otto Basil)
Zeit für den Meister.
Dylans Americana, nächste Folge, dieses Mal Rückverwandlung von Kitsch in authentisches CountryFolkPolkaZeugs. Wie „Love & Theft“ oder „Together Through Life“, nur mit Zipfelmütze. Weihnachten wie es sein soll: schön wie „Ist das Leben nicht schön?“ mit James Stewart und Donna Reed, zugleich Razzledazzle-Gelage mit Schurkenperücken und Am-Kronleuchter-Schwingen, beschwipste Engel im knappen Weihnachtskostüm und Dylans Dirtroad-Raspelorgan, paßt alles zusammen.
Eggsackt, ja. :) Erinnert mich an „Eggnogg“. The favourite drink der Lehrerin in Hannover Hall, wo Jade sich später so überaus elegant übergibt. Details, details, Holmes. The Devil’s Foot, one of my favourite episodes seit gestern. A Slide Show hinter der 11. Tür:
„The Devil’s Foot“ scheint Lieblingsfolge vieler. Las gerade, daß Damien Thomas mitspielt. Count Karnstein im wunderbaren Hammer-Film „Twins of Evil“. Mittlerweile alle Folgen Staffel 1 zum 2. Mal gesehen bis auf eine, diese heute abend, Adeptin neugewonnen.
Es wird immer weiter genøckert, darum das The Damned-Cover von Barry Ryans „Eloise“. So lovely, wie Dave Vanian bei „Every night I’m THERE“ im letzten Moment noch zack! mit dem linken Arm auf Irgendwo da oben deutet.
Die zweite Staffel hat Startschwierigkeiten, steigert sich dann aber zu außerordentlicher Grandiosität. Longing for Holmes‘ Mantel in „Silver Blaze“. Brett war tatsächlich einer der erotischsten Menschen, die mir bekannt sind und mit der Ansicht bin ich wohl auch nicht allein. :)
Die schon erwähnte Kindheitswartenaufdenweihnachtsmanngeschichte:
*13* Die magische 13 – Zeit für „the only goth“ in classic ballet:
Brillant brillant brillant. Ach, es ist mal wieder der beste aller Dezember. Ein wirklich wunderbares, schönes, mysteriöses Werk der Ballets Russes war Michail Fokine’s „Feuervogel“, Musik Strawinsky. Erinnern Sie: „Ich war nur auf dem Prezwalski-Prospekt und habe Rollschuhe für meine Enkelin gekauft, bei Kastschej, da“ – Kastschej ist der Zauberer aus dem „Feuervogel“.
Das Libretto zum 14. Fenster:
„Im Garten des Zauberers Kastschej lebt der Feuervogel. Der junge Prinz Ivan fängt auf der Jagd diesen Vogel. Dieser bittet ihn um seine Freiheit und Prinz Ivan lässt ihn wieder frei. Als Dank dafür erhält Ivan eine Feder des Vogels, der magische Kräfte innewohnen. Im Garten des Zauberers Kastschej werden 13 Jungfrauen gefangen gehalten, darunter die Prinzessin, in welche Ivan unsterblich verliebt ist. Als er das Gartentor berührt, ertönt ein Glockenspiel. Daraufhin erscheint Kastschej mit seinen Dämonen, um Ivan zu töten. Doch die Wunderfeder des Feuervogels schützt den Prinzen. Da erscheint der Feuervogel und lässt seine magische Musik erklingen, die die Dämonen zum Tanzen zwingt. Dann singt er ein Schlaflied und Kastschej und seine Helfer fallen in einen tiefen Schlaf. Der Feuervogel führt Ivan zu einer Höhle, in der ein Ei versteckt ist, das die Seele von Kastschej enthält. Der Prinz zerschlägt das Ei, der Zauberer stirbt und sein Zauberreich verschwindet. Die 13 Jungfrauen sind wieder frei.“
Try as long as you may despite all Emsigkeit, Nina Ananiashvili ist nicht von dieser Welt.
What’s this?
Vorweihnacht

Die Serie macht süchtig. Ich will auch eine Weihnachtsgans aus dem Alpha Inn, neben dem nachts diese rothaarige Schönheit steht, und in eine haarsträubend bizarre Geschichte verwickelt werden. 221b Baker Street, what a place to be.
Süchtig, genau. Kann mich nicht sattsehen an Gestik, Mimik seiner Holmesesqueness. Und wie er auf dem Holzgerüst hockt, wie ein Rabe, die Reste des Feuers durchsuchend (Der Baumeister von Norwood). To something completely indifferent – seit Tagen in neuer Umgebung, fast lyrische Stille im Haus mit den Sprossenfenstern, tanzende Blätter vorm Fenster unterm neblig-silbrigen Novemberhimmel und der Blick aus dem Küchenfenster ins Treppenhaus des Nebenhauses – wiederum gefühltes London oder vielleicht Wien des fin de siècle.
Er ist sensationell. Seine Wechsel von holmesesquer Trance zu nervöser motorischer Energie & the other way round, einzigartig.
„Das Marineabkommen“. Was für ein schönes Ding ist doch die Rose, Watson. Den „Baumeister von Norwood“ sah ich noch nicht, freue mich jetzt um so mehr auf das Rabengleiche. Da Sie die fast lyrische Stille schildern – es gehört auch zur Faszination dieser Serie, für mich. Die Stille. Die Möglichkeit, leise sprechen zu können. Ach, alles! Die Interieurs! Die Spazierstöcke! „Welcher Mensch trinkt Tee zu solch einer Stunde!“ Jeremy Brett, vorzeitig aus dem Synapsengebritzel tiefer Holmes-Träume gerissen und im Sessel mit verwuscheltem Haar in „The Blue Carbuncle“: Sie haben doch bestimmt dagesessen und „Ach! Ach! Ach!“ gemacht, oder? :)
ja stop ja stop und ja (bezügl. ach!) stop
noch kein i-net im haus stop warum wird alles nur komplizierter durch technik? stop ;) stop
Nur noch 2 Folgen übrig. Ich antizipiere einen schweren Turkey. Gestern Placebo, zum Niederknien. Heute die seltsam stille Welt. Bis zum 1. Dezember hat der Anschluß zu liegen, sonst p***e ich gegen die Pyramiden von Gizeh.
No Placebo, no Marilyn Manson (ich erwarte Bericht) für mich, dafür mein stilles, glitzerndes 35m² Schloß.
Der Anschluß folgt am 23.11., Cheops kann weiter vor sich hin stauben. :)
War das schön, wie er rabengleich vom Balken hüpft. „Das können wir doch wohl besser!“, nämlich „Feuer!“ rufen. Smoking is strictly prohibited in this compartment. Da fährt unser Zug, Dear: der Zug London – Dover bei Nacht und in den 1880ern, aus „Der griechische Dolmetscher“. Und da ist auch schon Natasha Richardson als Miss Hunter. Kennen Sie die als Mary Shelley in „Gothic“? Das ist aber auch schön, das stahlblaue Kleid. Ein verflucht extremer Charakter, der Küster. Details, Details, Details! „Ich hätte mir das Haar auch nicht abgeschnitten.“ (Watson). Winchester? Die fünf Meilen ins flache Land sind gefahrdrohend. In „The Resident Patient“ die eleganteste Spurensuche, die jemals in einem englischen Zimmer stattgefunden hat, geradezu eine Choreographie auf zwei Minuten Stille, und ich habe nichtmal zu blinzeln gewagt. Ihr Schiffsmodell ist wirklich eine Bereicherung für das Zimmer, Doktor Watson. So cute, wie er die Lippen bewegt zu Holmes‘ Titelvorschlag, und als „The Brooke Street Mystery“ endlich durchgestrichen ist, findet auch die Geige nebenan ihren Wohlklang – großartiger Schluß. Und da ist auch schon Eric Porter als Professor Moriarty. Kennen Sie den als Dr. Pritchard in „Hands Of The Ripper“? Ende erreicht – ein Drei-Pfeifen-Problem jetzt. Bleibt nur, nochmal von vorn.
Placebo… ich zitiere aus dem Blog „Lyzi’s Welt“: „Die Stücke von Placebo sind nicht einfach nur ‚Songs‘ oder ‚Lieder‘, sondern akustische Gottesorgasmen, die mit kristallklarer, jedem einleuchtender Präzision das innerste Gerüst der Schöpfung hörbar machen.“ Stefan Olsdal ist 2,40 m groß. Mehr kann ich noch gar nicht sagen.

[Placebo, 10.11.2009 Hamburg Color Line Arena, Foto CE]
Ich habe auch nicht zu blinzeln gewagt. Man will keine Bewegung, keinen Blick verpassen. Sie kennen noch nicht die Szene der Bestimmung der Eigenschaften des Besitzers eines Spazierstocks im „Hound of the Baskervilles“? Zunächst versucht Watson sich daran, unter Anwendung Holmesscher Arbeitsweise, und übergibt den Stock dann voll Stolz Holmes. Dieser ist durchaus beeindruckt, widerlegt dann aber fast alles. Watsons Gesichtszüge reisen von größter Anstrengung über Stolz bis zur Endstation Enttäuschung ob des grandiosen Scheiterns. Haha. Zu schön. Eric Porter, ja, Natasha Richardson, ja, aber weder Gothic, noch Hands of the Ripper. Einer meiner Lieblingsmomente auch, als Holmes in Positur springt und dabei den Arm hochreißt: „Die Flaggen sind das Wortende, Watson!“ Holmesesque ebenso wie die ersten Minuten in „The Crooked Man“, nur noch mehr auf den Punkt gespielt (wenn das überhaupt geht), als der Lieutenant am Ende von „The Dancing Men“ Holmes für seine Mitarbeit dankt, seine Bewunderung ausdrückt und auf weitere Kooperation hofft. Der Ausdruck in Jeremy Bretts Gesicht, präzise, erfreut, sehr knapp. Ein sekundenlanger Moment, ein Funken der Freude über die Anerkennung seiner Arbeit springt über und im nächsten Moment ist alles vorbei. Exakteste Ausführung der Doyleschen Ideen über diesen Mann. Wie wenig Holmes an öffentlicher Anerkennung liegt und wie oft er sich über die englische Polizei amüsiert, die hoffnungslos im Dunkeln tappt und sich später als Helden feiern lässt, wo er im Stillen triumphiert. Ich habe zuerst alle Folgen in der wirklich absolut grandiosen Synchronfassung gesehen, dann alle Geschichten noch einmal gelesen und dann alles im Original von vorn. Aber, Holmes, wir haben noch einiges vor uns. Staffel 2-4 und 5 Filme.
Ich weiß nicht, ob Sie schon die Pesslsche Abschlußprüfung bestanden haben, ich falle ja immer wieder durch und versuche es von vorn. Aber Sie haben durchaus einen Punkt mit den ersten 50 Seiten. Ich fand ja, der Auftritt des Gärtners ist der Tiefpunkt. Beim Wiederlesen werden diese ersten 50 aber zu ganz anderen Seiten, weil man weiß, was kommt, und jede Andeutung zündet. Mir gefällt das Ende nicht besonders, es ist zu dünn für die Story, aber die Sprache, die Vergleiche und Zitate, die Vorstellung, daß in einem blauen Volvo die gesamte USA bereist wird, (er schnellt vor wie ein Pfeil, aber genau genommen bewegt sich nichts), während im Inneren die gesamte Lyrik des 18. Jhd. rezitiert wird, Hannah Schneider, und dann die Wendung (der Fall der Vaterikone), die auch beim zweiten und dritten Mal mir die Luft wegbleiben ließ. Die herrlich unamerikanische, fast bösartige Abwertung aller Oberflächlichkeit, aller Sinnlosigkeit des unangefüllten Daseins. Nun ja, das Buch zog neben Ihres und da wohnt es am richtigen Ort, wenn man ich ist.
„Es ist meine Passion, zu wissen, was andere Menschen nicht wissen.“ Ja, er will den Erfolg, nicht den Ruhm, und die Parameter dafür steckt nur er selbst, und die Bewunderung von Narren verachtet er, aber die Sekunde, die Sie so genau beschreiben – ja, genau das ist Jeremy Bretts Genius. Aber wie er in „The Resident Patient“ (mysteriöse Folge, liebe ich!) sagt: „Nannte er ausdrücklich meinen Namen? Dann lassen Sie uns gehen, er wartet!“, da bricht sein Outsiderstolz, seine spontane Bereitschaft, dort zu helfen, wo Anerkennung ihm praktisch schon vorauseilt, durch. Aber wirklich bemerkenswert fand ich seinen Satz in „Die Liga der rothaarigen Männer“: „Ich denke manchmal, mein ganzes Leben ist ein einziger langer Versuch, mich von den Banalitäten des Daseins zu befreien.“ Ohne Fall verfällt er. Vielleicht derart, daß seine Antwort darauf, daß man Katalepsie durchaus imitieren könne, „Gewiß, ich tat das ja schon selbst“, durchaus vieldeutig ist. Er wäre auch kein Fall für den Club der clubunfähigsten Männer der Stadt, der konsequente Misanthropie zur Bedingung für die Mitgliedschaft macht – nein, er ist Menschenfreund, allein, der versteckteste von allen. Und alles, was sich aus dieser Konstellation ergibt, sieht man Jeremy Brett an, in jeder Sekunde – kaum zu beschreiben, so phantastisch ist es. Sein Bruder sagt: Du hältst nach wie vor nicht viel von der Seele der Frauen, was. Das ist nicht so eindeutig. Es läge nahe, beim Hyperanalytiker, aber irgendwie ist er in der Beziehung zu Watson ja auch der weibliche, unberechenbare Part.
Oh ja, die „Die Flaggen sind das Wortende, Watson“-Szene – ich erwähnte sie ja schon. Absoluter Killer natürlich auch sein Wenn-Psychose-Schabernack-ist-dann-so-Lächeln/Grinsen im Friseursalon in „The Resident Patient“.
Marisha Pessl – etwa auf Seite 300. Was mich dem Buch gegenüber endgültig willenlos gemacht hat, ist – Jade. Erst recht, ich muß es gestehen, Jade, betrunken, im hauchdünnen Mandarin-Seidenkleid, auf Seite 251.
Der gewünschte Manson-Bericht: es war großartig, Verlegung ins Docks goldrichtig. Es war voll bis unter den Stern, und die Atmosphäre einfach nur cheerful & intense. Twiggy ist jetzt Zeremonienmeister, nachdem im Sommer noch alles ziemlich katastrophal aussah, MM wirkt doch vergleichsweise zusammengerissen, und er war wohl recht angetan von diesem Abend. Es gab einen Moment, der mir besonders den Atem stocken ließ; als er von der Bühne kam und bei uns rechts vorn damit anfing, sich leutselig zu zeigen. Und da war ganz kurz ein Lächeln, das wirklich fast selig aussah; als wäre er in diesem Augenblick tatsächlich glücklich. – Selbst der Song, der gespielt wurde, bevor sich der Vorhang hob für „Cruci-Fiction In Space“ war so ungewöhnlich, hatte sowas Swing your hips-artiges, da muß Twiggy / Jeordie dahinterstecken mit seinem Goon Moon-Universalwissen. Denke, daß jetzt Leute da waren, die in MM mehr sehen als nur einen, mit dem man die Eltern aus dem Zimmer schrecken kann, und ich wünschte, er würde das auch so sehen, daß er in so einem Ambiente viel besser zur Geltung kommt als in großen Hallen oder auf Festivals, wo die Songs untergehen. Diesmal gingen sie nicht unter, alles schien in so viel besserer Balance, und gerade deshalb so viel intensiver als 2003 in der Color Line, oder, wie man mir sagt, auch 2007 in der Sporthalle. Ach, es war eine phantastische Nacht.
Bei mir klemmen die Türchen. Irgendein böswilliger HAL 9000 oder irgendein Napoleon des Verbrechens, man weiß es nicht, es ist leichter zu verstehen, wie der Diamant in die Gans kommt, (vgl.: „Watson, wir sind Spione! Auf einem feindlichen Territorium!“) hat das Audio-Modul meines Notebooks mehr oder weniger zerschossen, Blechbüchsenklang unter Gebritzel geht noch, aber notfalls lege ich mein Ohr auf die Schienen.
Allerdings will er keineswegs nur dort helfen, wo Anerkennung ihm vorauseilt, sondern dort, wo sein Geist, sein Können wahrhaft vonnöten und erwünscht ist. In erster Linie treibt ihn die äußerste Anspannung des Geistes und Verwendung seines katalogisierten Wissens, Spürens, Könnens, Denkens, Deduzierens. Ohne Fall verfällt er, genau. Ja, oh ja, Menschenfreund ist er, genau. Die Szene im Crooked Man ist nicht die einzige, die dies beweist. Gut auch, wie er sich als tramp ausgibt, um an Informationen zu gelangen im Baumeister von Norwood. Verkleidungen hat Jeremy Brett ja auch geliebt. Ja, und Holmes‘ Bruder Mycroft, Misanthrop par excellence, noch klüger und fähiger als Holmes, der jedoch nicht den geringsten Ehrgeiz besitzt, ihn anzuwenden, deshalb im Verborgenen für die Regierung arbeitet und sich in diesem Weirdo-Club aufhält, in dem man ausgeschlossen wird, wenn man wagt, jemanden anzusprechen, es sei denn in dem einzigen dafür vorgesehenen Raum – eine große Idee Doyles. Vielleicht wünschte er sich sogar selbst einen solchen Club.
Die „Seele der Frauen“… wenn ich richtig deute, ist es gleich zu Beginn des „Scandal Of Bohemia“ erklärt. Watson schreibt hier: „Alle Gefühlsregungen und insbesondere die der Liebe verabscheute sein kalter, analytischer, aber bewundernswert ausgewogener Verstand. Ich halte ihn für die vollkommenste Denk- und Beobachtungsmaschine, die die Welt je gesehen hat, aber als Liebhaber hätte er seine Rolle verfehlt. Von Liebe und Leidenschaft sprach er immer nur in abschätzigem, verächtlichem Ton. Sie waren ausgesprochen nützlich für den Beobachter – hervorragend geeignet, um Motive und Taten der Menschen ans Tageslicht zu bringen. Aber für einen geschulten Denker wie Holmes bedeutet das Eindringen von Gefühlen in sein eigenes kompliziertes, letztendlich hochempfindliches Wesen einen Störfaktor, der möglicherweise Zweifel an seinen logischen Schlüssen aufkommen lassen könnte. Für ihn wäre ein starkes Gefühl genauso irritierend wie Sand in einem empfindlichen Instrument (…).“
Irene Adler ist die einzige Frau, deren Verstand, Intelligenz und Schlauheit er anerkennt, deshalb auch die Bitte um das Photo. Nun gut, die weibliche Rolle im Holmes/Watson-Parship, ja, durchaus, andererseits ist es auch ein bruderhaftes Leben, in dem Mrs. Hudson als Mutter pubertierender Frechdachse die Bescherung aufräumt und heißes Wasser bringt. Oh ja, das Grinsen im Friseursalon! Und dann wieder ein „pom pom pom pom“ auf dem Rückweg, Stop and Stare vor der Kutsche, die den Besucher ankündigt, Deduzieren des Berufs des Kutschenbesitzers, beschwingtes Türaufschließen ob dessen, was ihn im Inneren erwarten mag. Eine sehr gute Folge, der Resident Patient.
Vermutlich schenke ich Ihnen ob des entsetzlichen Audiounfalls, der unseren Advent in andere Bahnen lenken, jedoch nicht verhindern wird, voraussichtlich etwas Hörbares, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe, ob es Sie die Bohne interessiert. DVD Austausch wird selbstverständlich vollkommen willenlos weitergeführt. Staffel 2 erreicht mich vermutlich by Nikolaus, somit können Sie mit Leihgabe dieser zum Fest rechnen.
Aaaaaaaaaaaaaaaaah, Cruci-Fiction In Space! So wonderful! Da ich ihn weder Color Linig, noch sonst live sah, ihn eigentlich nur von CD wahrnahm und wenig im TV, glaube ich zu wissen, was Sie meinen. Eine balancierte Atmosphäre, in der die Schönheit seiner Lieder strahlt ohne viel Zirkus drumherum. Sehr schön! Ja, legen Sie notfalls das Ohr auf die Schienen, aber versichern Sie sich bitte vorher, dass der Zugverkehr eingestellt wurde. The Ever Watchful Eye on JB! Grand!
Ja, Eitelkeit wäre ein ganz falsches Wort, und voilà, Sie formulierten es bestens: dort, wo sein Geist und sein Können wahrhaft vonnöten und erwünscht sind, will er die mysteriöse Choreographie seiner Bewegungen, realer wie Denkbewegungen, zum Einsatz bringen. Aber er möchte dann auch wieder seinen Stil exakt nobilitiert wissen – bedenken Sie, wie er Watson manchmal für dessen allzu populistischen Tonfall kritisiert, wenn dieser an den Spezifika des Genies vorbeizugehen droht. Mrs. Hudson als Gouvernante brüderlicher Frechdachse, auch sehr schön. Ah, die hochkomplexen, spezifisch englischen Weisen der relationship unter Männern gerade im 19. Jahrhundert. Bram Stoker war ja Manager, Freund und Privatsekretär des für nicht unbeträchtliche Manierismen bekannten Schauspielers Henry Irving, dessen Züge dann wiederum in Stokers „Dracula“ wiederkehrten.
Marisha Pessl beendete ich gestern. Das Buch ist schrecklich. Es ist mir ein völliges Rätsel, was man davon halten soll.
Das Buch ist so genial und so reich… und so far-fetched. Es ist so sympathisch und so annoying. Es ist so spannend und läßt einen doch irgendwie unbefriedigt zurück. Alles paßt so perfekt und vieles paßt dann doch irgendwie nicht, Sie fanden das Ende zu dünn, ich finde es zu dick, es erschlägt z.B. Milton, Jade und die anderen völlig, die den Mittelteil so dominierten. Ich weiß auch nicht, wie alle für alles Zeit gehabt sollen. Aber ich mag die freche, unverschämte Arroganz des Buches, die auch darin besteht, daß es im Grunde mehrere Bücher in einem sind. Ein grausames, faszinierendes Werk – wenn ich gewußt hätte, auf was ich da starre, als Sie es mir überreichten. A moment I’ll always cherish.
Trotzdem haben Sie sich für das erste Fenster ein wenig Schauder verdient. Eric Porter und die wunderbare Angharad Rees in „Hands Of The Ripper“.
Ihre Entglaublosigkeit gegenüber Pesslscher Wunderbarkeit! :) „Hands Of The Ripper!“ Die Ausstattung, die Gesichter! Die Sprache! Wundervoll! Mich zur PseudoBritin entwickle. Am Wochenende den Victorian Christmas Market im Basler Hof besuchte und nie wieder einen anderen Weihnachtsmarkt voller Glühweinseligkeit und schröcklicher Glasbläserkunst sehen mag.
Das erste Türchen schon. Diese Szene finden Sie darin:
Aaaaaaaahh!! Also wenn jemand gegen Jeremy Brett als besten Holmes ever ist, dann weil er 10 Jahre alt ist. Und was für eine Szene für Mrs. Hudson! „I do dare!“ [Und es klingt wirklich, als würde sie sagen: „The depart mental store“] Splendid. – Mich Doyles geflecktem Band gewidmet, ich. Watson schrob Essenz: „… weigerte er sich, Fälle anzunehmen, die nicht auf etwas Ungewöhnliches oder Phantastisches hinausliefen.“ Banalitätenexorzismus ergo sum. – Victorian Christmas Market? Kapital, kapital! Ich selbst werde wieder um eine Tanne kämpfen müssen, dabei existiert eine Tüte mit ur-englischem Christbaumschmuck.
Zu meinen guilty pleasures zählen ja die ZDF-Weihnachts-Vierteiler, vor allem der Teil 4 von „Lockruf des Goldes“ mit Christine Kaufmann. In Teil 1 spielte Ferdy Mayne mit, als der alte Tarwater. Fenster 2, for the long… evenings… of many winters… :)

Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
„April“, Kurzgeschichte von Joseph Roth, hätte ich gerne als Grabbeigabe.
easystreets:
Lege ich Ihnen einmal eine „Lokation“ ans Herz, und falls Sie mal in Berlin sein sollten, ein Kaffeehaus. Mit Berliner Stullen und sonst auch ganz nettem Berliner Essen. Gehen die vom Tagesspiegel zwei Meter weiter gerne in ihrer Mittagspause hin. Und natürlich liegen Bücher von Joseph Roth aus. Die riechen wahrscheinlich nach Zwiebeln und Kartoffelsuppe.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
„Der Teufel hieß Jenö Lakatos aus Budapest, und er führte die falschen Korallen im russischen Lande ein, die Korallen aus Zelluloid, die so bläulich brennen, wenn man sie anzündet, wie das Heckenfeuer, das ringsum die Hölle umsäumt.“
Niederknien nach so einem Satz ist das Mindeste. „‚Das Leben ist sehr wichtig!‘ lachte ich. ‚Sehr wichtig!‘ und fuhr nach New York.“ („April“). Das Leben ist phantastisch, überraschend, unvorhersehbar, und das Schicksal eine Macht, mit der zu rechnen ist. Diese täuschende Einfachheit, diese täuschende Leichtigkeit, mit der Roth die Dinge berührt. Als Getriebener, für den das Schreiben die eigentliche seelische Heimat ist, weiß er, wie es ist, ermüdet zu sein vom Strudel der Eindrücke, aber er läßt nicht ab, für uns, das Wundersame im scheinbar Alltäglichen aufzufinden, scheinbar anstrengungslos diese Sätze von verblüffender, atemberaubender Schönheit, mit denen er das wertvolle Detail im unaufhörlichen Getriebe rettet, den Charakter, dessen eigene Welt und dessen eigener Wert keinen Platz zu haben scheint im Lärmen irgendeiner Moderne, irgendeines Zeitgeistes. In einen Stil von unsentimentaler Distanz kann diese Schönheit einbrechen, als Zeugnis tiefer Empathie. Nicht von ungefähr liebte Roth Hotels, diese Orte einer einzigartigen Mischung von Distanz und Intimität. Meinetwegen aus Knoblauchsuppe ziehen, den Joseph Roth, aber lesen.
easystreets:
Die Joschas und die Hotels
Ich glaub ja immer noch, tief in Dir steckt ein Duellant. So mit Vorderladerbüchse. Muß ich noch etwas weiterforschen mit Dir.
Durch die Feuerreifen, die man anderen hinhält, soll man ja selber zuerst springen. Ging ich also gestern in jene Diele und aß Spätzle mit Salat und erwarb eine Sonderausgabe eines gebundenen Bandes. „Die Erzählungen“ lagen auch aus, ich entschied mich ob Deines Stichwortes „Hotel“ aber zu dem kleinen Büchlein „Hotel Savoy“.
Der schreibt schon fein, der Joscha. Der guckt auch so, dass man ihn postum Joscha nennen darf.
Auszug vom Anfang:
„Ich freue mich, wieder ein altes Leben abzustreifen wie so oft in diesen Jahren. Ich sehe den Soldaten, den Mörder, den fast Gemordeten, den Auferstandenen, den Gefesselten, den Wanderer.
Ich ahne Morgendunst, höre den Trommelwirbel der marschierenden Kompanie, auf klirrende Fensterscheiben im höchsten Stockwerk; erblicke einen Mann in weißen Hemdsärmeln, die zuckenden Glieder der Soldaten, eine Waldlichtung, die vom Tau glänzt; ich stürze ins Gras vor ‚fiktivem Feind‘ und habe den brünstigen Wunsch, hier liegenzubleiben, ewig, im samtenen Gras, das die Nase streichelt.
Ich höre die Stille des Krankensaals, die weiße Stille. Ich stehe an einem Sommermorgen auf, höre das Trillern gesunder Lerchen, schmecke den Morgenkakao mit Buttersemmel und den Duft von Jodoform in der ‚ersten Diät‘.
Ich lebe in einer weißen Welt aus Himmel und Schnee, Baracken bedecken die Erde wie gelber Aussatz. Ich schmecke den süßen letzten Zug aus einem aufgeklaubten Zigarettenstummel, lese die Inseratenseite einer heimatlichen, uralten Zeitung, aus der man vertraute Straßennamen wiederholen kann, den Gemischtwarenhändler erkennt, einen Portier, eine blonde Agnes, mit der man geschlafen hat.
Ich höre den wonnigen Regen in durchwachter Nacht, die hurtig schmelzenden Eiszapfen in lächelnder Morgensonne, ich greife die mächtigen Brüste einer Frau, die man unterwegs getroffen, ins Moos gelegt hat, die weiße Pracht ihrer Schenkel. Ich schlafe den betäubenden Schlaf auf dem Heuboden, in der Scheune. Ich schreite über zerfurchte Äcker und lausche dem dünnen Sang einer Balalaika.
So vieles kann man in sich saugen und dennoch unverändert an Körper, Gang und Gehaben bleiben. Aus Millionen Gefäßen schlürfen, niemals satt sein, wie ein Regenbogen in allen Farben schillern, dennoch immer ein Regenbogen sein, von der gleichen Farbenskala.
Im Hotel Savoy konnte ich mit einem Hemd anlangen und es verlassen als Gebieter von zwanzig Koffern – und immer noch der Gabriel Dan sein. Vielleicht hat mich dieser Einfall so selbstbewußt gemacht, so stolz und herrisch, daß der Portier mich grüßt, mich, den armen Wanderer in der russischen Bluse, daß ein Boy geschäftig meiner harrt, obwohl ich gar kein Gepäck habe.“
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“

[Gedenktafel]
IN DIESEM HAUS
WOHNTE 1914 – 1916
DER SCHRIFTSTELLER
JOSEPH ROTH
(1894 – 1939)
Wien, Wallensteinstraße 14
Foto Christian Erdmann 26.08.2017

Aber Caves Herzeleid galt einer Mary, und damit hatte es dem Weh Aljoschas eins voraus: es konnte auf einen Namen bluten. Aljoscha sah aus dem Fenster und hatte keinen Namen. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, Angst, SIE nie mehr wiederzusehen. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, ein Ich, das nur noch aus Höllenschmerz bestand, weil das, was SIE ihm hinterließ, mit Eisenzangen sein Geständnis forderte. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, leere Augenhöhlen, die sich erst nach und nach wieder mit Augapfel und Sehkraft füllten.
[Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“]
SPIEGEL ONLINE Forum
Juni 2009
*42*:
Sag mal, darf ich mal in Deinem Plattenschrank wühlen? :)
Christian Erdmann:
Gern! Gemäß der Chaostheorie könnte das etwas Ordnung hineinbringen. Gemäß meiner eigenen Chaostheorie jedenfalls. Gute Nacht, Nacht:
ray05:
Neuen Ordner anlegen, Nick draufschreiben, Nick reintun. :) Füllt sich wie von alleine, der Nickordner, OK, ab und zu mal Schnee aus der Mappe schippen.
Christian Erdmann:
Dieser Tracy Pew ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet. Aber gut, en route und von vorn, Aufräumaktion auf dem Junkyard.
ray05:
Der Geburtstagspartypunk ging damals komplett an mir vorbei; aufmerksam wurde ich erst, als mir ein Mädchen – jaaa! es gab so Perlen :) – eine MC aufnahm und schenkte. Seite 1: Pricks, Eternity, Tupelo, das ganz frühe BadSeedsZeug; Seite 2: Neubauten, Patient O.T. glaub ich.
Die zwei verschiedenen MC-Seiten sprachen damals für mich schon ahnungsvoll miteinander, bildeten aber leider mit dem unglaublichen „Swordfishtrombones“ den Regierungssitz von Kannitverstan. Recht froh wurde ich also nicht damit, vielleicht weil mir die Erfahrung der Lektüre von „Moby Dick“ und „Billy Budd“ noch fehlte. Dostojewski und Fontane allein scheint als Vorbereitung nicht ausreichend gewesen zu sein … Madness und Miles Davis auch nicht … :)
Christian Erdmann:
Aljoscha T entdeckte Nick Cave genau auf der Rückfahrt von Seite 83, eine auf dem Bahnhof erworbene Zeitschrift mit einem Artikel über ihn, der Titel eines Abschnitts hieß: „Der Einzelgänger agiert immer.“ Katherine Mansfield, Tagebücher. Schon diese Titelzeile wurde für den Protagonisten bedeutend.
Die Birthday Party habe ich zwar auch nur im Retroverfahren kennengelernt, und es bleiben mir abgesehen vom Bewundern des höllischen Strukturenschindens (aber dafür muß man Virtuose sein!) vornehmlich zwei Stücke, „Mr Clarinet“ und „Mutiny In Heaven“. Nick Cave aber war Literatur plus phantastische, dramatische Musik plus der Bad Seeds als Vertreter eines mir bis dahin unvertrauten Stils: der Outlaw als bestgekleidetster Mann der Welt. „Kicking Against The Pricks“ und „Your Funeral, My Trial“ werden im Buch ja auch erwähnt, schlugen genau dort ein, als Zeichengeber der „unwahrscheinlichen Mitwirkung“ (Breton).
Der besagte Artikel stammte von der großartigen Jutta Koether, aus einer Zeit und dem Hirn einer Frau also, die über Musik mit einer Mischung aus künstlerischer Kompetenz und unbedingtem persönlichem Einsatz schrieb, an der Oscar Wilde (Kunstkritik hat gefälligst selbst kreativ zu sein, sonst ist sie überflüssig) seine pure Freude gehabt hätte. Cave hatte zu der Zeit „seit eineinhalb Jahren“ an seinem Buch geschrieben: der Sänger, der sich als Künstler versteht, „der viel in seine Songtexte hineingesteckt hat“ und wußte, wie alles, was man als „Sänger“ tut, zu leicht trivialisiert wird. Und er erwähnte Dostojewski, ja. Genau da.
Die Bad Seeds, anmutig bis brachial in der überall spürbaren Verarbeitung von Einflüssen, aber mit einem neuen Gefühl für das alles, konzentriert und seltsam isoliert, vom Standpunkt der Nicht-Zugehörigkeit aus, im Grunde schon immer bereit, „one more town around the bend“ aufzusuchen, aufsuchen zu müssen, weil alles so schiefgeht wie bei William Blake dem Zweiten. Fünfmal live gesehen (mit „And The Ass Saw The Angel“-Lesung sechsmal), von der berüchtigten „Kings ov Independence“-Nacht, in der erstmal halb St. Pauli klirrte, bevor um 5 Uhr morgens tatsächlich noch Nick Cave und seine Kumpane erschienen, bis zum Gegenbeweis zur kolportierten Humorlosigkeit, als er im sonnigen Stadtpark bei „The Singer“ nicht „I pass a million houses“, sondern „I pass a million trousers“ sang. Blixa Bargeld kriegte sich nicht mehr ein. Zuletzt bei der „Abattoir Blues / Lyre of Orpheus“-Tour. Ich persönlich liebe ja Mädchenchöre am Rande der Hysterie, und Nick hat den Damen bestimmt vorher Dylans „Street Legal“ und „Shot Of Love“ nochmal vorgelegt.
ray05:
Aber ja. Nick ist aber auch einer von diesen Bußpredigern, die im Planwagen die öden Kaffs im Herrgottswinkel abklapperten. Zwar staubig aber bestens gekleidet. An den Crossroads verkauften sie dann Schnaps und verführten die jungen Dinger … :)
Christian Erdmann:
„Abattoir Blues / Lyre of Orpheus“, Tabelle nach dem 33. Spieltag: „Spell“ – „Nature Boy“ – „There She Goes, My Beautiful World“ – „Supernaturally“. Aber auch „Hiding All Away“, großartig, wie das Tretmühlengeschmurgel am Anfang erst Nicks Lachen und dann einen sardonisch polternden Rhythmus provoziert, und die Chormädchen genauso aufs Geratewohl einsetzen müssen wie seinerzeit die Damen bei Dylans „The Groom’s Still Waiting At The Altar“ und einmal dann ja auch ins Kichern kommen ob leicht versemmeltem Einsatz. Sehr schön.
Schon die weißen Hemden auf der Rückseite von „It’s Still Living“, Birthday Party. Alles hinter sich, Heuschrecken, Finsternis und Flut, Seitenstraßen voller Blut, geht der Mann seiner Extra-Plage entgegen, begleitet von einer Gruppe Typen, die aussehen wie unkommunikative Bestatter mit Extra-As im Ärmel. Und die Plage wird ein Strumpfband tragen, und hinter ihrem übernatürlich blassen Gesicht lauert irgendeine schöne Perversion. Was tut man, wenn man jedes Höllenfeuer exploriert hat? Man schaut, ob nicht doch noch eines übrig ist. Unsterbliche Obsession, irgendein Zustand der Verdammnis, der aussieht wie Erlösung, oder umgekehrt. Nicht mehr schlafen können, aber im Traum. Und noch im Traum die Frage – wird ein Herz mich überstehen?

(Aus einem Brief):
Sie hatten ungefähr 2500 Tickets verkauft, für einen Veranstaltungsort von 1200. Der Eintritt begann mit einer Verzögerung von zwei Stunden, die Leute mussten buchstäblich unter dem Gitter hindurch ins Knopfs hineinkriechen, Türsteher begannen, Leute zu schlagen, ein paar Flaschen wurden geworfen, ein paar Fenster eingeschlagen und die Polizeiautos kommen. Drinnen ist es höllisch heiß, viele Menschen versuchen wieder rauszukommen und fürchten den Tod durch Ersticken. Draußen sind all diese Leute, Tickets in der Hand, umgeben von der Polizei. Barrikaden brennen jetzt, überall Feuer. Reeperbahn für einige Stunden autofrei. Ich kann mich nicht erinnern, wie oder wann ich reingekommen bin. Eine meiner surrealeren Nächte. Es ist fünf Uhr morgens, als Nick Cave auftritt. Im Grunde steht man also da und sieht Nick Cave und erwartet, daß jeden Moment das Haus niederbrennt. Und es ist dir egal. So gut ist er.
SIE und ich waren nun ein Liebespaar, seit kurzem, sie hatte ein Ticket, ich nicht. Für business down the road fahre ich am Knopf’s vorbei, finde sie in der Menge, die vor verschlossenen Türen steht. Die Lage ist unübersichtlich, äußerst angespannt und IHR nicht geheuer. Um 21 Uhr 45 steckt sie mir das Ticket in die Jackentasche: „Es hat mir die ganze Zeit einen Stich versetzt, daß du ihn nicht sehen sollst!“ Ihn, Nick Cave.
Als ich zurückkomme zum Knopf’s, ist die Polizei schon da. Nach einer Weile wage ich mich unter dem Gitter hindurch in den Hexenkessel, niemand fragt nach meinem Ticket. Ein Mädchen sagt, drei Bands haben schon gespielt – Die Haut, Holy Toy, und leider auch Crime & The City Solution. Die Butthole Surfers sind auf der Bühne, projiziertes Bunt, eine tanzende Go-Go-Danseuse und Filmchen, ein brennendes Becken, oh well. Danach erklingt Klassik. Keine Chance, an die frische Luft zu gelangen. Ich sehe beim Aufbau der Swans zu, schaffe es dann, nach zwei Liedern der Swans, nach draußen. Alles ist abgesperrt, die Polizei bildet eine Kette. Weird scenes, unbehaglich, gefährlich. Ständig zerklirren Flaschen. An der legendären Tankstelle lassen sie nur noch drei Personen gleichzeitig hinein. Ein Polizist knurrt mich an: „Würden Sie hinter die Absperrung gehen, verdammt!“ – „Warum? Ich will ein Konzert hören!“ – Ein betrunkenes Paar tanzt am Knopf’s vorbei, Polizisten begleiten es mit Hohngelächter. Die Aggression eskaliert, einer der Polizisten stößt die Frau sogar zu Boden. Leute werden verfolgt und tatsächlich an die Wand gestellt. In einer Wohnung scheint eine Rauchbombe explodiert zu sein, auf der Straße gehen Feuerwerkskörper hoch. Die Polizisten heben ihre Schilder, ein Gegenstand fliegt, „Draufhauen!“ rufen die Cops. Das Geräusch der Stiefel, als sie auf uns zustürmen. Panik, kreischende Mädchen, Menschen versuchen in die Halle zu fliehen, das Gedränge ist entsetzlich, die Augen mancher Cops absolut hasserfüllt, irgendwie gelange ich zurück ins Knopf’s, ohne zertrampelt und zerquetscht zu werden. Inside, alles bleibt vollkommen surreal, erklingt Tschaikowskys opus 23. Dann The Fall mit Brix, und irgendwann im Herz der Finsternis tatsächlich der Bühnenumbau für Nick Cave.
Voyeuristische Anbetung, Paroxysmus des Verlangens, Paroxysmus der Lust, mädchenmörderischer Wahnsinn, „der dunkellichtige Schimmer von romantischer Anwandlung“ (spex 1990), bedingungslose romantische Liebe, tiefster Humanismus, spirituelle Sehnsucht, all diese Songs, die von allen Arten der Liebe handeln, von allen Arten des Himmels und von allen Arten der Hölle, „Sein ganzes Leben lang hat Cave über Tod und Mord und Schmerz geschrieben, über das Böse, über das unsägliche Dunkel im Zentrum des menschlichen Daseins. Es verwundert deshalb nicht, daß er sich jetzt auf einer spirituellen Suche nach dem Licht befindet.“ (Sylvia Patterson, Rolling Stone 04/1996). Und genau hier sehe ich ihn also zum ersten Mal leibhaftig, weißes Hemd, schwarze Weste, es ist 4 Uhr 30 und auf seltsame Weise der perfekte Ort und die perfekte Zeit für den Straßenräuber-Klassizismus der frühen Bad Seeds.
Hey Joe
Saint Huck
Jack’s Shadow
Your Funeral, My Trial
Stranger Than Kindness
Sad Waters
I’m Gonna Kill That Woman
From Her To Eternity
Long Time Man
The Singer
SPIEGEL ONLINE Forum
Januar 2008
Christian Erdmann:
„I don’t know what it is but there’s definitely something going on upstairs!“
Was macht eigentlich Lazarus, nachdem er von den Toten erweckt ist? Er hollert „increasingly neurotic and obscene“ durch die Mean Streets der 70er.
Zum Schießen. Wie Grinderman mit Discosoul-Stringenz und dem Wundermittel Sleaze. Seit „Babe I’m On Fire“, dem endlosen Ende von „Nocturama“, hat der als Düstermann Verschrieene offenbar gesteigerte Lust daran, den Leuten den absurden Humor seines epischen Ansatzes so richtig vor den Latz zu hauen. Erst weicht man ein wenig zurück, weil man meint, dieser Pornofilmdarsteller fummelt einem gleich im Gesicht herum, und dann hört man’s rauf und wieder runter, und leichtes Befremden am Anfang ist immer ein gutes Zeichen.
kleintal:
Unglaublich! :-)) Allein mit diesem Song raucht der gute Nick sämtliche „wichtigsten CDs“ des letzten Jahres in der Pfeife.
ralfons:
Ja, da soll noch einmal einer sagen, Metal wäre langweilig, vorhersehbar und würde sich ständig selbst kopieren! Aber Nick Cave darf einen kompletten Song lang ein Riff runternudeln, das schon in Jugendzeiten meiner Oma maximal Gähnen ausgelöst hätte, und dazu ’nen 08/15-ich-wär‘-jetzt-gerne-lasziv-aber-es-klappt-gerade-nicht-Sprechgesang dahernölen? Ich war mal großer Nick-Cave-Fan, aber irgendwie löst er mittlerweile bei mir nichts mehr aus.
Christian Erdmann:
Leck‘ Deine Wunden bitte nicht auf dem Rücken eines Nick Cave-Songs. Zeig mir die, die in ihrem Oeuvre derartige Kontraste vorweisen können wie Cave zwischen Tosen und Toben der Hölle, heiliger Melancholie und unfaßbarer Zärtlichkeit.
Gib’s zu, der Song ist zu tough für Dich. :)
Anhang: Kommentarsektion Antirationalistischer Blick
11.03.2013
ray05:
Eine der Platten, die mit der Zeit immer besser werden. Wie auch Dylans SLOW TRAIN COMING. Sagte ich das schonmal? :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Möglich, kann man aber nicht oft genug sagen. :)
Er machte auch im Hause des Allerheiligsten zwei Cherubim nach der Bildner Kunst und überzog sie mit Gold. Er machte auch einen Vorhang von blauem und rotem Purpur, von Scharlach und köstlichem weißen Leinwerk und machte Cherubim darauf. Und er machte vor dem Hause zwei Säulen, fünfunddreißig Ellen lang und der Knauf obendrauf fünf Ellen. Und machte Ketten zum Gitterwerk und tat sie oben an die Säulen und machte hundert Granatäpfel und tat sie an die Ketten. Und richtete die Säulen auf vor dem Tempel. Und im Tempel verehrte er „Night Of The Lotus Eaters“, „We Call Upon The Author“ und „Hold On To Yourself“. 2. AljoschaChronik 3.
What’s this?
Vorweihnacht
Im Josef Holzermayr Zuckerwaren-Fachgeschäft am Alten Markt in Salzburg begann ein älterer Herr die eben eingetroffenen Weihnachtswaren zu betrachten, als die Verkäuferin fragte, ob man ihm behilflich sein könnte, und er antwortete in höflichster Manier: Ach danke nein, die Augen funktionieren noch gut! Ich habe wohl etwas laut gelacht über die feine Ironie in seiner Stimme und er sah mich an, erkannte mein Verstehen und geriet ins Reden, wie es nur ein Österreicher kann: charmant, klug und kaum verständlich. Unter anderem zeigte er auf einen Adventskalender, der eine klassische Weihnachtsszene zeigt und sagte: Mei, ist der liab. Genau wie früher, vor 100 Jahren. Er kenne so alten Weihnachtsschmuck, den man bei seiner Mutter nach ihrem Ableben fand und dann geriet er ins Fluchen über die Moderne, wie hässlich sie sei. Er fragte: Wie lange muß man studiert haben, um so hässliche Häuser bauen zu können, wie man es heut tut? Er habe einen Freund, der zur Eröffnung einer architektonischen Glas-und-Stahl-Schrecklichkeit geladen wurde und dort angekommen sich umsah und schließlich fragte: Wann soll dies alles fertig werden? Der Architekt antwortete beißend: Es IST bereits fertig und ES IST SCHÖN! Der Freund seelenruhig: Ach so, das wusste ich nicht. Der fremde Herr im Zuckerwarengeschäft amüsierte sich über diese so unterschwellig hervorgebrachte feine Kritik und sei sicher, dass der Mensch ein angeborenes Schönheits- und Wohlgefallensempfinden habe und wir sollten es doch auch benutzen. Eine der Begegnungen in Salzburg, von denen man nie weiß, ob sie nicht jemand geplant hat.
Ich war also auch beim Trakl, es war sehr beeindruckend. Ich mag ihn mehr als Baudelaire, von dem er beeinflußt war. In der ganzen Stadt gibt es Tafeln mit seinen Gedichten, die jeweils mit dem Ort zu tun haben. Es wirkt fast verschämt und trotzig, wie sie dort hängen. Verschämt, weil sich doch all die Japaner und Franzosen, die wegen der Mozartkugeln gekommen sind, nicht einen Deut um die Lyrik eines Salzburger Jünglings scheren, Lyrik, über die Wittgenstein sagte: Ich verstehe sie nicht, aber ihr Klang lässt mich träumen. Trotzig, weil es eben doch eine so besondere Stadt ist, dass solche Tafeln nur folgerichtig ihrer allerliebst verfallenen Schönheit Worte geben und bei näherem Betrachten auch Trakl folgerichtig hier gelebt und gelitten hat und hin und wieder doch ein paar Krähen kommen, um in seinen Spuren herumzuwandeln.
Wir waren die einzigen, die in der Gedenkstätte klingelten und es öffneten die zwei Menschen, die sich seit Jahrzehnten für den Trakl einsetzen. In der ersten Salzburger Wohnung der Familie, in der Georg Trakl geboren wurde, umrahmt von Möbeln und Gegenständen der Familie und Briefen, Fotos und des grünrotschwarzen Selbstporträts Trakls zeigte man einen 40minütigen Film, der äußerst feinfühlig Trakls Leben, Schaffen, Gedanken, Träume und Abgründe zeigte. Seine Briefe, die auch im Film zitiert werden, erklären naturgemäß viel, was ohne sie nie ans Licht gekommen wäre. Zeitgleich lese ich Simone de Beauvoirs Briefe an Nelson Algren und sie sind auch so beeindruckend, weil sie so ehrlich sind im Gegensatz zu ihren Memoiren, in denen sie so vieles nicht sagt oder den Briefen an Sartre, in denen endlos taktiert und politisiert wird. In solchen äußerst privaten Briefen sind die Menschen mehr sie selbst, wahrer noch, wahrhaftiger als in jeder anderen Begegnungsform.
Was war noch? Ach ja, im berühmten Tomaselli Café irritierten wir die sehr hübsche, ältere Frau Lydia mit der Frage, ob sie Peter Alexander auch schon dort bedient habe und sie war verwirrt und glaubte nicht, aber sicher sei sie auch nicht. Ihre Verwirrung mutete äußerst komisch an im Rahmen dieser feierlich-ernsten Kaffeehauskulisse. Kopfschüttelnd nahm sie ihr Tortentablett und zog von dannen. Am Mondsee war eine Stimmung wie in einer Traumdarstellung. Nebel hing in den Bergen, der See war düster und grau und von tiefer, unwirklicher Schönheit, Touristen gab es dort keine mehr außer uns und diese Einsamkeit war besonders erholsam. Am Chiemsee dagegen Kaiserwetter am Königsschloss und Schnee auf den Gipfeln. Es war schwer, zurückzukommen, aber hier sind wir.
Aus dem Tomaselli stand Trakl einmal auf, um den Huren in der Judengasse Faschingskrapfen zu bringen. As you surely know, wenn zB der Herr Otto Basil Sie begleitete. Es war wohl die perfekte Zeit für einen Weg auf Trakls Spuren, wie ja auch Ihre wundervollen Photos belegen, nahe an der Trakl-Jahreszeit, die es nicht gibt, die immer zwischen allen anderen Jahreszeiten liegt, schwarzer Schnee rinnt von den Dächern, Ahorn rauscht im alten Park, schwarzes Gondelschiffchen schaukelt durch verfallene Stadt. Der phantastische fremde Herr im Zuckerwaren-Fachgeschäft wiederum, der den alten Weihnachtsschmuck vor dem Vergessen rettet, ist wie Joseph Roth. Ihr schöner, atmosphärischer Bericht bestätigt mir, der ich zeitweise am liebsten in „Der dritte Mann“, also dem Film, wohnen würde, daß man einfach in den Kaffeehäusern der k.u.k. Monarchie hätte hängenbleiben sollen.
Man fragt sich ja oft, wie man eigentlich hierhergekommen ist, wo niemand mehr „Habe die Ehre“ sagt. Daß es einen angeborenen Schönheitssinn gibt, behauptete ja auch Shaftesbury, über den ich mein Magisterpamphlet schrieb. Und auch daromm, wie es sey, daß alle, Goethe und Schiller, Kant und Winckelmann und Lessing, von Shaftesbury geklaut haben. Goethe zB stahl vom Third Earl den Begriff der „inward form“ – die innere Form. Die verlor ich restlos beim Konzert von Peter Murphy. Das ist aber auch nicht verwunderlich, wenn diese Legende, dieser Mythos, dieser Singuläre, der zu Beginn des Konzerts aufgrund einer Erkältung etwas gereizt schien, nach circa 13 Songs vor uns stehenbleibt, seine Hand ausstreckt und „Hello!“ zu IHR sagt. Er nimmt also ihre Hand und sagt: „You’re very attentive, thank you, it encourages us, me especially, when somebody’s looking so… so inspired“, und sagt ihr letztlich, in dieser halben Minute, von der verdammten Bühne aus, was ich ihr seit Äonen zu sagen versuche. Warum ist das Leben nicht einfach langweilig? Irgend jemand hat seine Hand fest im zerzausten Haar der Wahrheit – and twists her around. Würden Sie in unserer Kartei nachschauen, Watson?
Zwei Folgen sah ich bisher, Scandal in Bohemia und The Dancing Men. Bezeichnend, daß die Kokain-Szene für die Deutschen herausgeschnitten wurde. Wir könnten ja alle sofort zum nächsten Kokaindealer laufen und enthemmt brüllen: „DIE FLAGGEN SIND DAS WORTENDE, WATSON!“ oder „GEBT MIR DAS ABSTRUSESTE KRYPTOGRAMM!“ Jeremy Brett mit seinen Morphinistenmundwinkeln ist so beunruhigend definitiv und so definitiv beunruhigend, daß man ihn eigentlich nur mit exakt diesem Watson begleiten kann. Sie hatten Recht und ich werde Ihnen ewig dankbar sein, case closed.
Marisha Pessls Vater ist auch Österreicher. Bin auf Seite 200 etwa. Erstmal bin ich abgeglitten an dem Buch, das mir zu perfekt schien und dabei zu leerlaufend. Zu auf amerikanische Art mit leicht verschrobener Smartheit prunkend. Zu clever kalkuliert und zu von sich überzeugt darin, daß auch der siebzehnte Zusatz zum mehr oder weniger aufregenden Detail noch unwahrscheinlich geistreich wirkt. Ungefähr an dem Punkt, wo Hannah Schneider dezidiert ins Spiel kommt, hatte ich mich wohl daran gewöhnt, jedenfalls seitdem offen für Bewunderung und Genuß an der virtuosen Sprache, den Vergleichen, den Metaphern, den Kleinigkeiten, vor allem vielleicht den Kleinigkeiten. Schließlich gibt es auch noch andere mir bekannte Bücher, deren erste 50 Seiten man erstmal überleben muß. (Insert Ha Bloody Ha here).
Anbei der Mann mit dem goldenen Licht in der Stimme.
Greetings from Serpentine Avenue


Kirche des Heiligen Johannes von Kronstadt
Tschaikowskyplatz, Hamburg

50 Peter Murphy-Songs, zu denen es 50 geöffnete Türen gibt, in meinem Leben. Aber wo soll man anfangen. Die tiefe Mitternacht, als ich zum ersten Mal „Bela Lugosi’s Dead“ im Radio hörte? Die Wahrheit, daß die bedeutendste aller Wirklichkeiten ein geheimer Garten ist („Our Secret Garden“)? „Hit Song“, von hinten in den Himmel gestoßen vor unserer Nacht in Hagenbecks Tierpark? „Final Solution“ im Roman? Das einzige Ticket, das ich jemals auf dem Schwarzmarkt erwarb, Minuten vor Konzertbeginn, um die Bauhaus-Reunion zu sehen, 1998? Sein Auftritt am Anfang von „The Hunger“? Diese ihn für alle Ewigkeit zum dear man machende Geste, „Marlene Dietrich’s Favourite Poem“ zu schreiben, diese Zeilen, mit denen er die Momente würdigt, in denen Marlene in Maximilian Schells Film Tränen vergießt zum Gedicht von Freiligrath, „My mother loved it so…“ – ? Der Artikel über Murphys Leben in Istanbul, Beginn einer Entdeckungsfahrt durch orientalische Musik? Die Tatsache, daß ich die Begegnung mit Antonin Artaud eigentlich ihm verdanke? Das Video zu „She’s In Parties“? Das Video zu „Spirit“? Überhaupt alle Videos? Daß „Roll Call“ vermutlich der Song ist, den ich am längsten im Walkman hatte, ever? Diese Stimme, deren Tiefen dich „on a long and winding grey paved street, your breath the only friend, chattering others surrounding you“ erheben? Den Tränen nah bei „Huuvola“?
Ich wüßte nicht wo anfangen.
Murphy ist ein Bruder. Always there.
SPIEGEL ONLINE Forum
11.06.2008
Christian Erdmann:
„Cascade“ hat mit „Huuvola“ vielleicht den mysteriös-schönsten aller Murphy-Songs, aber „Dust“ empfehle ich unbedingt! Daß Murphy auch ein Domizil in Istanbul hat, wußte ich zwar schon eine Weile, aber irgendwann erwischte ich auf TRT mal ein Konzert mit einem orientalisch-klassischen Ensemble, diversen anderen Musikern, kreiselnden Derwischtänzern; wunderbare, hypnotische Musik. Endgültig vom Stuhl fiel ich, als ich begriff, daß der Sänger, der sich in meinen ersten Minuten da gerade im Hintergrund hielt, Peter Murphy war. „Dust“ ist ähnlich, die Musik wandert über Wüstensand, es dürfte sich um viele 7-Minuten-Stücke handeln, aber man verliert hier das Gefühl für Zeit.

SPIEGEL ONLINE Forum
Oktober 2009
Christian Erdmann:
Danke, mir ist gerade alles egal. Wenn der Peter Murphy nach 15 Songs plötzlich „Hello!“ zu deiner Begleiterin sagt und ihre Hand hält, und anfängt mit „You’re very attentive, thank you, it encourages us“, und im Grunde das zu ihr sagt, was du ihr ein Leben lang zu sagen versucht hast, und das von der Bühne aus, ist dir nach Gang in die Nacht der Lotusesser. Sollte die Welt noch versäumen, auseinanderzufallen, verdurste ich in einer Wüste aus Goldstaub. Von den Mächten Die Da Sind als Konzert getarntes Satori – Kick In The Eye.
Landegaard:
Ohne Scheiß? :)
Christian Erdmann:
Ja.
Murphy ist ja mit einer Türkin verheiratet und lebt (auch) in Istanbul. „Dust“ ist für jene, die was damit anfangen können, daß in der Sprache der Sufis das Wort für „Sünde“ dasselbe bedeutet wie „Distanz“. Distanz von truth & essence. Alle, die von „small intelligence“ (Murphy) den Kanal voll haben und „thirsty for the water of life“ (Murphy) lebende Reflexbrecher sein müssen. Oder einfach für jene, die immer wissen wollten, wie ein Mann mit goldenem Licht in der Stimme sich anhört.
SPIEGEL ONLINE Forum
April 2011
Christian Erdmann:
Im Juni erscheint nun endlich das neue Album von Peter Murphy. Schon da: Rosenspucken mit PM.
Im September auf Tour in Deutschland, wenn nichts dazwischenkommt.
oasis:
Vornehm hin oder her, aber man kann’s auch übertreiben *schelt*. :)
Murphy, welch phantastische Neuigkeiten!! Und dann so bescheiden mal nebenbei bemerkt vom Licht-unter-den-Scheffel-Steller himself.
Aber immerhin. Jetzt haben sie hier schon einen extra Thread für Dich eröffnet. :)
“ … wenn Jesus wiederkommt, so wird das vermutlich nicht in Gestalt eines Bundesministers oder eines Strommanagers sein. Er wird ganz schlicht und einfach daherkommen. Nicht in einer Luxuslimousine, sondern auf einem klapprigen Fahrrad.“
Christian Erdmann:
Seit die rosenspuckende dunkle Lichtgestalt von der Bühne herab die Hand meiner, ähm, Begleiterin festhielt und ihre, ähm, inspirierende Ausstrahlung würdigte, ich meine so mitten im Konzert, – ich habe zwar einen Tonmitschnitt davon ergattert, aber das glaubt einem ja trotzdem kein Mensch – habe ich mein Jesustum an den Nagel gehängt. Irgendwann zwischen zwei Songs beklagte er die Schwierigkeiten, die Platte rauszubringen, die also im Oktober 09 offenbar schon fertig war, „very frustrated“, und „There’ll be a pot on the way out“, für die Kollekte. So sieht’s leider aus, daß eine Legende wie Peter Murphy von der Industrie praktisch ignoriert wird. Und darum ist das natürlich eine phantastische Neuigkeit, daß es jetzt endlich soweit ist. Er hat damals schon ein halbes Dutzend der Songs gespielt, die auf „Ninth“ erscheinen werden, „Velocity Bird“, „Peace To Each“, „Memory Go“, „Secret Silk Society“, „Uneven & Brittle“, „The Prince & Old Lady Shade“.
Peter Murphy, 15.10.2009, nimmt also vor „Deep Ocean Vast Sea“ Birgits Hand & this is exactly what he said to her:
„Hello, how do you do? You’re very attentive, thank you, it encourages us, me especially, when somebody’s looking so… so inspired.“
„But I mean, I can’t exist without you, darling.“
Excerpts from „The Fairy Godfather of Goth“, Magazine Article on Peter Murphy, 1992
Text: Adrian Deevoy
Photos: Ken Sharp

„The method I use to create lyrics hasn’t changed. If I haven’t written any, I just turn the microphone on and sing and words will just come out. There’s no interference from anything cerebral. You see, instinct is distinct from rationale. The pure intellect is in the realm of the imagination which is a finer sensibility. So things can come through and you don’t know where they come from and your conscious mind would have no way of reproducing those images in the conscious state. So, in a sense, you become as much of a listener as the, um, listener.“
Today, Peter Murphy is in Istanbul. He met his Turkish wife, Beyhan, back in the Bauhaus days and now spends a couple of months each year resting on a small island north of the city.
„My only impression when I first came to Turkey,“ he says sipping water in the marbled bar of the hotel where the Orient Express used to stop, „was that Midnight Express cliché. Of course, that was immediately dispelled, although it can still be pretty scary.“
„I think what people, the press in particular, didn’t like was that there was an arrogance about [Bauhaus] which said, We don’t need you. It was a very self-made band. And we attracted some very negative writing. Really seriously bad things were written about us.“
Before visiting Istanbul’s sense-scrambling bazaar, Murphy bumps into a Turkish friend. „Oh, Peter!“ she gasps, motioning towards his stick-insect-on-steroids physique. „You’ve lost so much weight!“ „No, I haven’t,“ retorts Murphy indignantly, „I’ve always been skinny.“ This is true. In fact, it would come as no great shock if Murphy’s passport described his full-time occupation not as „Songwriter“ or „Musician“ but as „Professionally thin person“.
Although he still lives in North London, Murphy believes that the UK is a market that no longer requires his services. Following Bauhaus‘ disintegration in ’83 (the orphaned members of the band went to America to gather modest underground garlands as Love And Rockets) Murphy (…) went to work as a solo singer on the USA club circuit in ’86.
„The Bauhaus effect is odd in the States,“ Murphy muses, „because as a solo artist I sell a hell of a lot more records than Bauhaus ever did. But you still get people going out and buying Bela Lugosi’s Dead and enjoying this wonderful cultish experience for the first time.“
„If you were to stop the average music fan and ask them about Peter Murphy, they’d say, What’s happened to him? What’s he been up to since 1983? People still come up to me in the street and say, Wow, Peter Murphy, what have you been doing with yourself? And I say, I’ve actually had four albums out. I’ve been working solidly for five years, thank you very much. I just got bored of dealing with this negative attitude. In the end you just go where you’re wanted.“
Do people expect him to be weird when they meet him?
„There was a gentleman in LA last month who came along with the full baggage of misconceptions,“ he recalls fondly. „He was asking me, What is it that you know that we don’t? Tell us about the secret message in these lyrics. What is the right religion to follow? Why do you wear black all the time? […] I try to avoid the transference of their interpretation of my personality on to me, this preconceived montage of who you are.“
Has Murphy ever experienced these feelings himself?
„I did when I met Bowie,“ he admits. „I played a part in the film The Hunger. Catherine Deneuve was there too, so it was doubly strange for me. But I sat there with Bowie and I thought, Well, there he is. And that was it. He was there as a human being and the whole thing was exorcised. I immediately felt OK about it. That first moment to me was very important.“
„Why don’t we just have a chat, a cigarette and a coffee?“ Murphy sighs. „Let’s be… Turkish.“
Anhang: Kommentarsektion Antirationalistischer Block



I put a spell on you
Because you’re mine
Stop the things you do
Watch out
I ain’t lyin‘
Yeah, I can’t stand
No runnin‘ around
I can’t stand
No put me down
I put a spell on you
Because you’re mine
Stop the things you do
Watch out
I ain’t lyin‘
I love you
I love you
I love you, anyhow
I don’t care if you don’t want me
I’m yours right now
I put a spell on you
Because you’re mine
Autor dieses Kultsongs, gecovert von Nick Cave, Marilyn Manson und vielen anderen, ist der Mann, den Knut Benzner im Frühjahr 1998 in Paris trifft: Screamin‘ Jay Hawkins. Aus dem Interview, das Benzner mit dem legendären Sänger führt, entsteht eine Radiosendung in fünf Teilen, die zum Besten gehören dürfte, das jemals mit / über Screamin‘ Jay Hawkins gemacht wurde. Keine zwei Jahre später weilt Jalacy Hawkins nicht mehr unter den Lebenden. Er hinterläßt mindestens 55 Kinder.
Zu meiner großen Freude ist Knut Benzner in die Archive des NDR gestiegen, um eine Aufzeichnung seiner Sendung ausfindig zu machen. Zu meiner noch größeren Freude erlaubt er mir, sein Special hier zu präsentieren.

Hamburg radio DJ Knut Benzner met singer / songwriter / actor / legend Screamin‘ Jay Hawkins in the spring of 1998 in Paris. Benzner produced a five part radio show based on that interview. To my great delight Knut Benzner undertook the mission to find a recording of his show in the NDR Radio archive, allowing me to present it here.
„Der kreischende Buffo“ – Radio Special über und Interview mit Screamin‘ Jay Hawkins von Knut Benzner. Sendetermin: 22.06. – 26.06.1998 auf NDR 4 Beats’n’Sounds. Redaktion: Klaus Wellershaus.

The very brilliant Knut Benzner
Kudos & Danke
Anhang: Kommentarsektion Antirationalistischer Block
01.07.2012
Moves:
Herrlich! Und wieder ein Puzzlestück, von dem ich völlig vergessen hatte, dass es fehlt. Man puzzelt sich sein Leben ja mehr schlecht als recht zusammen, jeden Tag kommen neue Teile hinzu; man guckt, man prüft, wo könnte es passen, dann clipt man es in die Fehlstelle, lehnt sich zurück… Manchmal muss eine Stelle freibleiben, weil die Welt andere Prioritäten hat als man selbst, und die Lücke gerät erst ausser Sicht, dann in Vergessenheit. Wie gut, wenn es dann einen Blog wie diesen hier gibt!
Vor etwa 20 Jahren sah ich im Kino den Film „Mystery Train“ eines meiner liebsten Regisseure, Jim Jarmusch. In diesem Film gab es ein heruntergekommenes Hotel, hinter dessen Rezeptionstresen saßen zwei Angestellte. Ein älterer Herr und ein jüngerer Page. Ich liebte diese beiden Zerberusse, ihren trockenen Humor, ihre lässige Art; zwei Felsen, auf denen das Hotel so hoch und sicher ruhte, dass man alle Tage dort einchecken wollte. Mir war sofort klar, dass der ältere der beiden keine gewöhnliche Nebenrollenbesetzung war, dass da etwas in ihm glimmte, das größer war als der Raum zwischen den Buchdeckeln eines Drehbuchs. Aber es gab damals weder Smartphones noch Internet, und bald war diese Fehlstelle meines Puzzles ausser Sicht und vergessen.
Doch was sehe ich nun, 20 Jahre später, wenn ich diesen Blog anklicke? Das Hotel, den Tresen und meinen Zerberus aus tiefster Vergangenheit inklusive ausführlicher Würdigung durch Bild und Ton. Ich kenne jetzt seinen Namen, seine Originalstimme, sein Leben.
Ein schönes Puzzleteil, es seufzt zufrieden, als ich es in die Leerstelle clippe. Vielen Dank!
Und die Pflaume sah soooo lecker aus ;-)
02.07.2012
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
„I don’t think you should eat that thing.“ Hilarious. Schrieb mal auf SPON: „Elvis‘ Stimme hallt durch die amerikanische Nacht, eine Nacht, die es nie gegeben hat.“ – „Mystery Train“ im Sinn. Hawkins sitzt in diesem phantastisch heruntergekommenen Memphis Hotel größer als das Leben, saß schon immer da und wird immer da sitzen, das Buch, in das er schreibt, ist in etwa so dick wie das, in das Gott selbst schreibt, und durch die Nacht hallt „Blue Moon“. Ja, Sie beschreiben es sehr schön, warum man jederzeit dort einchecken möchte, in diesem Hotel und in dieser endlosen Nacht. Die Plum Scene, zum Niederknien. Hawkins, nachdem der Bellboy sich über seine Uniform beklagt hat: „Well, you should do like I do, shit, go over and buy your own damn clothes over at Lansky’s, somewhere like that; I mean, you know it’s like they say: the clothes make the man. I mean look at that damn hat on your head, you look like a damn mosquito-legged chimpanzee, I mean – “ – und dann dieses unfaßbare Hawkins-Lachen. Und dann – nichts. Auf künstliche Fliegen mit der Fliegenklappe einschlagen, deadpan. Im Grunde wartet alles nur darauf, daß „Blue Moon“ nochmal für 3 Minuten die Atmosphäre der Nacht auflädt. „Jiffy Squid?! Turn that damn thing off.“
Freut mich außerordentlich, daß Knut Benzners vortreffliche Würdigung ein Stück ins Lebenspuzzle setzen konnte! Wunderbar! :)