Killing Joke. Alles begann damit, daß Birgit und ich mentalistisch die Glasscheibe des Bushäuschens zerlegten, wir hatten sie, dort sitzend, derart mit Spannung aufgeladen, daß sie bei Abfahrt des Busses zerschellte. Den Interzonenzug erreichten wir hernach nurmehr knapp, ich schleudere immer noch gern Flüche ins traumatische Schwanheide. Berlin begann mit Friedrichstraße, Antiquitäten bewundert, Props-Sale der Komischen Oper. Dann verbrüderten/verschwesterten wir uns mit einem Paar aus der Elfenbeinküste, die waren so begeistert von unserem Wissen über Fußballer aus Cote d’Ivoire, daß wir alle Geschichten nochmal vor der Digikamera wiederholen mußten. Fast wären sie mitgekommen zum Columbia Club. Wir parfumierten uns gebührend, entdeckten den Friedhof mit E.T.A. Hoffmann, und dann: wie höflich Postpunks auch geworden sind! Artiges Dankeschön empfangen, wenn man eine Tür aufhält, so etwas hätte es früher nicht gegeben! Treponem Pal aus Paris waren überraschend gut, manisch-kontrollierter Sänger, und einer der beiden Gitarristen mußte sich entschuldigend lächelnd mehrmals die Hose adjustieren. Wir okkupierten die erste Reihe, jeden Detz an der Schlaggitarre im Auge. Lights went out again for The Hum.
Originalbesetzung: Jaz Coleman, Geordie, Youth, Paul Ferguson. Dazu Reza mit Keyboards. Mehr als 800 gehen nicht in den Columbia Club, aber wir machten die Hölle schön warm. Coleman sah nicht nur magisch verjüngt aus, er ist auch schlanker geworden seit den letzten Bildern, die ich von ihm sah, die ein wenig Don Vito Corleone-Charme versprühten. Auf Wardance-Bemalung hatte er verzichtet, dafür war „Love Like Blood“ auch zu schön. „Pandemonium“ und frühe Singles waren Thema des Abends, aber man nahm es nicht so genau, so kam es z.B. zu einem mindblowing Mittelteil mit „Money Is Not Our God“ und „Asteroid“. Eine wahre Communion, alles in allem. Geordie und Youth können sich beim Spielen minutenlang in die Augen starren, und wer weiß, was da in ihnen vorgeht. Und Coleman war, ich kann es nicht anders sagen, gerührt, wischte sich einmal vielleicht sogar ein Tränchen weg, übermannt vielleicht von Erinnerung, er zählte auch nach, wie lange es her sei, daß man diesen Song in Berlin gespielt habe. Aber dann war wieder Exorcism. Ich sehe diesen Zeremonienmeister des Rituals mittlerweile als echten Renaissancemenschen, der fehlende Sforza, der Athanasius Kircher des Schwarzmondes.
Wir tanzten, tumbelten und taumelten im Auge des Sturms, in some moments of mental abstraction I took some photos. Was ein Spuk. In die Vorhalle geworfen, trafen wir auf die beiden Gitarristen von Treponem Pal, und sie scribbelten Autogramme nebst Dankeschön auf die Eintrittskarte der artig fragenden Birgit. Die winkten uns nochmal zu, während wir die nächtliche Odyssee begannen, die dann auf den himmelschreiend orangefarbenen Schalensitzen des ZOB endete und insgesamt brüllend komisch war. Was ich noch erinnere, ist die Unterhaltung von Ticketcheckerman und Busfahrer über „Der Untertan“, bevor es losging. Ist halt Berlin. Der Nebel war dicht, ich hoffte, den Mann am Steuer würden keine Visionen ereilen, und dann schlief ich ein, in meiner Fumerie Turque-Wolke.
Killing Joke, Columbia Club Berlin, 25.09.2008, Pic CE
Post Scriptum. Am 15. Oktober 2018 spielen Killing Joke in der Markthalle Hamburg. Jaz Coleman scheint extrem ergriffen und gerührt von der Bedeutung dieses Abends. „It’s fantastic to be here! We played here 38 years ago!“ Tatsächlich traten Killing Joke am 16. Juni 1980 erstmals in der Markthalle auf. Daß diese Band nach ihrem langen, abenteuerlichen Weg heute abend wieder hier auf dieser Bühne steht, erfüllt alle im Raum mit Dankbarkeit und Euphorie. „It’s amazing to be here… so many, so many years….“ In „The Death and Resurrection Show“, dem Dokumentarfilm über Killing Joke, sagt Kevin „Geordie“ Walker: „Can we not abuse the fucking privilege?!“ Er spricht vom Privileg, in dieser einzigartigen Band zu sein. Vielleicht spricht er auch vom Privileg, Feuerschlangen entfesseln zu können. An diesem Abend erklärt Jaz Coleman: „I want to introduce you to three people who changed my life more than Beethoven, more than Goethe, more than Schiller!“ Geordie, Youth und Big Paul Ferguson. „These guys are Gods to me.“ Auf Facebook erscheint in dieser Nacht der Eintrag: „Hamburg, we salute you. What a way to start our European tour.“ Der letzte Song ist „Pandemonium“. Jaz Coleman danach so überwältigt zu sehen, in tears basically – unvergeßlich.
Es ist das fünfte Konzert von Killing Joke, das wir sehen seit 2008 – eines in Berlin, vier in Hamburg. Und das Schicksal hat beschlossen, daß es das letzte Konzert von Killing Joke war, das wir sahen. Am 26. November 2023 ist „Geordie“ Walker in seiner Wahlheimat Prag verstorben.
And flights of angels sing thee to thy rest
Yours Truly im SPIEGEL ONLINE Forum zu Killing Joke.
17.02.2008
FranzKafka79:
Außerdem möchte ich an dieser Stelle die Diskussion weiterführen: welche Platten eignen sich für den (traurigen oder auch fröhlichen) Weltuntergang?
Christian Erdmann:
Hängt doch sehr davon ab, was man beim Armageddon noch so vor hat. Wenn man noch Zeit hat, sich sozusagen einen akustischen Dresscode zu brennen, mache ich mir einen Killing Joke-Sampler von „Requiem“ bis „The Death & Resurrection Show“, zwischendrin viel von „Night Time“, natürlich das schaurig schleifende „The Hum“ und natürlich „Pandemonium“. Vielleicht brenne ich mir auch eine CD mit 13x „Pandemonium“ hintereinander. Für Geordies Gitarrenriffs nicht nur auf diesem Stück müßte Gott schon ein bißchen in die Knie gehen, und ohne Jaz Coleman kann das Armageddon ja schon mal gar nicht anfangen.
12.06.2008
Christian Erdmann:
„Pandemonium“, dieses 4000 Jahre alte Stück, das auf dich zukommt wie ein Olifant. Geordie, der bösartigste Gitarrist ever, ca. drei repetitive Gitarrenriffs übereinanderschimmernd, halborientalisch, aber da geht nichts nach Kashmir, Jaz Coleman marschiert mindestens zum Fall von Babylon. Manchmal möchte man ihm die Ritualmaske abnehmen und schauen, ob noch ein Gesicht dahinter ist. Hin und wieder dirigiert er Symphonieorchester, wohl gar nicht so zartbesaitete Violinistinnen mit seiner Geheimbund-Lache erschreckend.
20.07.2008
Christian Erdmann:
Mein derzeitiger Favorit: „Hosannas From The Basements Of Hell“ – seit den ersten Tönen von „Requiem“ machen Killing Joke keine Gefangenen, aber dieses Album, eingespielt in einem dunklen Kellerstudio in Prag – Faust-Studio, paßt schon – ist so manisch, hypnotisch, kathartisch und „brutaler als alles, was jede Black Metal-Band je darzustellen versuchte“ (laut.de, so einfach ist das), daß es „den Bock umstößt“, den schwarzen. Jaz Coleman hat ja die Götter der Sumerer persönlich gekannt, arbeitet nebenher mit Sinfonieorchestern weltweit und bringt Killing Joke für ein heidnisches Ritual nach Berlin. Hin.
Hier mit Percussion aus dem Libanon und Streichern aus Usbekistan.
Gesine Ungefragt:
In der Tat eine tolle Platte, mir gefällt die gelbe davor allerdings doch noch besser. Kenne aber eigentlich ohnehin keine schlechte Platte von KJ, empfehle die „Brighter Than A Thousand Suns“, die habe ich am liebsten…
Christian Erdmann:
The truth. Und die gelbe hat „Asteroid“ und vor allem „The Death & Resurrection Show“. Und: „Kiss the arse of Uncle Sam / Oh to be an Englishman“. Nicht gerade subtil, aber wie Oscar Wilde sagte: wenn ich einen Spaten sehe, nenne ich ihn einen Spaten. Aber da gibt es ja auch noch die magisch-okkult-mystische Seite des Universalgelehrten Coleman. Wie auch im Sound sich immer primitive Gewalt und seltsame, seltsam schöne Melodien verbinden. Diese Band kommt immer nach oder vor irgendeiner Apokalypse aus dem Nichts und pflügt den Rest auseinander.
Und wenn die Berichte stimmen, werden sie am 25.9. das ganze „Pandemonium“-Album live spielen, wieder in Originalbesetzung mit Youth am Bass, nachdem Paul Raven ja leider vor kurzem verstarb. Unfaßbar, wie „Requiem“ heute noch die Haare aufstellt. Als „Einstieg“ wären die Hosiannas aus dem Keller der Hölle sicher nicht ideal, da wäre „Night Time“ vielleicht passender… die stürzt aber auch in seltsame Melancholie.
22.07.2008
Christian Erdmann:
Anrufungsverfahren für The Whore Bitch Goddess Babylon. :)
D. Uhg:
Geil! Killing Joke, schon ewig nicht mehr gehört.
23.07.2008
D. Uhg:
So. D. Uhg am Start, aber völlig ausgepowert. 4:40 Uhr heute morgen auf Arbeit, um 15:30 Uhr Schluss gemacht. Kletterausrüstung geholt und ab in die Wand. Sofort nach dem Aufwärmen einen Überhang rausgesucht, den ich bisher noch nie gepackt habe. Aber die Wut hat es möglich gemacht… die absolute Höhenangst, die ich habe und heute keiner da, der mich sichert. Ich habe mir beim Hochklettern den Song von Aljoscha der Idiot, den er mir gestern geschickt hat, reingezogen. Es kommt nur auf die Motivation an. Ich fühl mich momentan, als könnte ich Bäume ausreissen.
Christian Erdmann:
Hey, großartig! Glückwunsch! Werde ich unbedingt weitererzählen, daß jemand zu „Invocation“ die Wand hochgegangen ist! :)
Das Stück ist auf „Hosannas From The Basements Of Hell“ von 2006. Was Jaz Coleman mit Killing Joke da anstellt, wäre mit „archaischer Wucht“ oder so kläglich euphemistisch beschrieben. Wirklich eine der faszinierendsten Gestalten in der Musik gegenwärtig; was der nebenher alles macht, wäre mit „nebenher“ kläglich euphemistisch beschrieben. War der erste westliche Musiker, der am Konservatorium in Kairo studieren durfte, seine erste Symphonie veranlaßte Klaus Tennstedt dazu, Coleman einen „neuen Mahler“ zu nennen, er ist composer in residence für das Prager Sinfonieorchester, für das Auckland Philharmonia Orchestra in Neuseeland und mittlerweile gar für die Europäische Union, hat für Nigel Kennedys Violine Doors-Stücke in klassisches Arrangement gebracht (klingt wie eine Mischung aus Vivaldi, Arvo Pärt und dem Soundtrack von „Memoirs of a Geisha“), war in drei magischen Orden (als Dave Grohl ihn zum ersten Mal sah, kam er in Priesterrobe durch eine Hotellobby), hat für Covent Garden in London eine Oper mit gnostischem Thema geschrieben, die Unis Princeton und Columbia haben von Coleman ein Stück zur Quantenphysik erbeten (Colemans Bruder ist Professor Piers Coleman), er hat sich für die Musik der Maori eingesetzt, ihr einen Platz erkämpft (und den Maori einen Platz in der Nationalhymne Neuseelands) und und und. Und einen geschätzten IQ von 380. :) Nur aus solch einem genialen Kopf kann sowas wie „Invocation“ kommen. Ich klettere zwar keine Wände hoch, und Du wärst auch ohne KJ oben angelangt, aber das ist Musik, die was in deiner Zellstruktur anstellt, soviel ist klar. :)
26.07.2008
Christian Erdmann:
Killing Joke – eine Band, die einfach wie keine andere klingt, Geordies Gitarre klingt wie keine andere, sie ist vicious, und dabei ständig zu bewegender Schönheit fähig, aber, sagen wir, eine schreckliche Schönheit wie die in den Augen des Mädchens, das gerade in einem heidnischen Ritual geopfert wird. Womit ich sagen will, Killing Joke sind für mich etwa da, wo „Le Sacre du Printemps“ von Strawinsky ist.
10.08.2008
easystreets:
Hör mal auf Lars Ulrich, wie er die Snare spielt, wie sau-behind-the-beat. Wie, einen China-Böller-D noch in der Hand zu haben, während die Lunte schon seit einer halben Sekunde außen verschwunden und im Innen am Brennen ist. Die Schnelligkeit ist gar nicht einmal die Herausforderung, auch wenn man es denken mag.
Christian Erdmann:
Schöne Beschreibung / Beobachtung. Ich las vor einer Weile in einem alten Journal eine Kritik über die erste Killing Joke-Platte (die mit „Requiem“), der Rezensent fand die Musik seltsam und machte es daran fest, daß der Drummer immer Sekundenbruchteile hinter dem Beat sei. „Seltsam“ da als „nicht positiv“ – „unsettling“ eher. Gerade dieses Element der Verstörung haben Killing Joke immer beibehalten. Ich habe nie gefunden, daß nun ausgerechnet der Drummer auf KJ 1 Zeitverschiebungen beisteuert, – der hat allerdings mal gesagt, Killing Joke klinge, als würde die Erde selbst vomitieren. Das kann Killing Joke wie keine andere Band, mit dieser archaischen Urgewalt aufwarten, so, als könnten sie immer nur gerade eben noch selbst bändigen, was sie da evozieren. Dagegen sind mir die meisten Metal-Bands viel zu konstruiert, – Wucht vom Reißbrett.
Abgesehen von der Gitarre Geordies, die immer klingt, als würde sie sich gerade durch das „Necronomicon“ bohren und dann in ungeahnte Schönheit ausbricht, abgesehen von Jaz Colemans Chant von den sechs Türmen am Ende der Welt, vermögen Killing Joke das Arhythmische in den Rhythmus zu zwingen, auf dem letzten Album „Hosannas From The Basements Of Hell“ gibt es den Song „Walking With Gods“, wo ein seltsam schabender Loop aus 3 Bits über jedem Takt des treibenden Songs liegt, aber die 3 Bits lassen sich nicht symmetrisch auf die einzelne Einheit, in der sie auftauchen, verteilen. Das wiederholt sich aber andauernd mit jeder Takteinheit, ein phantastischer Effekt. Killing Joke zwängen es in jeden Song, das Monster, das 1913 das vornehme Pariser Publikum bei „Sacre“ zur Saalschlacht brachte.
easystreets:
Zitat von Aljoscha der Idiot
Das kann Killing Joke wie keine andere Band, mit dieser archaischen Urgewalt aufwarten, so, als könnten sie immer nur gerade eben noch selbst bändigen, was sie da evozieren.
So muss es sein. Der Ausnahmezustand. „In Gefahr und Not ist die Mitte der Tod.“ – „Gott erscheint in der Gestalt des Teufels“ meinte meine Schwester einmal. Aha! Zwingt ja zum Nachdenken. Der Minotaurus und sein Labyrinth.
Zitat von Aljoscha der Idiot
… die immer klingt, als würde sie sich gerade durch das „Necronomicon“ bohren und dann in ungeahnte Schönheit ausbricht, abgesehen von Jaz Colemans Chant von den sechs Türmen am Ende der Welt, vermögen Killing Joke das Arhythmische in den Rhythmus zu zwingen, auf dem letzten Album „Hosannas From The Basements Of Hell“ gibt es den Song „Walking With Gods“, wo ein seltsam schabender Loop aus 3 Bits über jedem Takt des treibenden Songs liegt, aber die 3 Bits lassen sich nicht symmetrisch auf die einzelne Einheit, in der sie auftauchen, verteilen. Das wiederholt sich aber andauernd mit jeder Takteinheit, ein phantastischer Effekt.
Der Lyriker und seine Stampede. :)
26.09.2008
Christian Erdmann:
Gerade zurück aus Berlin. Bin noch derangiert vom göttlichen Killing Joke-Schindacker, muß schlafen.
Falls Du gestern im Columbia Club warst, waren wir uns ziemlich nah!
easystreets:
War mal ein Kino der US-Soldaten. Der Herr bewegt sich also in den Streets von Berlin. Ach, weeßt’de… für Dich muß ’n Raketenprogramm zusammengestellt werden, der 50-Stunden Club- und Aktionsmarathon, sonst würd ich ja sagen: Ruf an, wenn’de undsoweiter. Wie war’s denn, das Konzert? Brachial? Wurde die Welt vomitiert?
27.09.2008
Christian Erdmann:
Report -> hier hinterlassen, bin zu matschig jetzt.
Muß aber nochmal erwähnen, wie gut auch die Vorgruppe war, Treponem Pal aus Paris. Paul Raven, der langjährige Killing Joke-Bassist, verstarb während der Aufnahmen zum letzten Album von Treponem Pal, an dem er mitarbeitete.
02.04.2009
Christian Erdmann:
Ich betrachte mich als Teil einer basiskatalysatorischen Marketingkampagne für Killing Joke. :)
27.09.2010
Christian Erdmann:
Killing Joke bekommen in England für „Absolute Dissent“ die lang verdienten Ritterschläge, BBC Review:
„Coleman especially has never sounded in better form. His voice is an organic monument of terror on the strident Depth Charge, yet sedate and touching on an elegiac The Raven King. (…) They easily manage to step out from the long shadow cast by their own first two albums on this close-to-genius release. And even though there is a hint of the 1980s (Here Comes The Singularity) here and a touch of Pssyche (Fresh Fever From The Skies) there, this is KJ at their distressingly original best.“
03.10.2010
Volker Paul:
Dafür sind die Kopfschmerzen aber weg:
Christian Erdmann:
Du bist mein User der Woche. :) Beste Band des Planeten derzeit. Zumindest bis heute abend, wenn der tödliche Witz in die Stadt kommt.
Volker Paul:
:) Ich saß gerade in der Sonne auf der Terrasse und hörte mir die Jubiläums-Doppel-CD von „Rated R“ an… großartig. Na dann wünsche ich Dir richtig Spass und was auf die Ohren.
04.10.2010
Christian Erdmann:
WAAAS? :) – Ein Drumstick von Paul Ferguson. Frag mich nicht, ich weiß auch nicht, wie wir immer an das Zeug kommen, wurde diesmal überreicht. Das Ding ist dermaßen zerschreddert, verstärkt die „Oh, ein Splitter vom Kreuz“-Assoziation. :)
Volker Paul:
Ich würde mal annehmen, das liegt einfach an Deiner Präsenz, da merkt jeder etwas Besonderes …
Eigentlich bin ich kein rechter Fan von Industrial. Ich denke immer, das ist eher was für Live-Geschichten. Aber da ich nun mal ein neugieriges Kerlchen bin, habe ich mir „Absolute Dissent“ besorgt. Und so beim ersten Titel dachte ich noch: ‚Ja, muss man wohl live erleben‘. Aber dann, so ab Titel 3, passiert etwas Seltsames. Auf einmal zieht es mich in den Bann, ich suche schon nach einen Hammer, um Blech zu bearbeiten :) Wow, so kann man auch zum Fan werden. Und wenn dann noch so ein Titel kommt:
Nein nein, der Drumstick ging an SIE. :) Seit Peter Murphy sie ansprach, bin ich dran gewöhnt, denke ich. Für mich gab’s „nur“ eine Setlist and a bang on the ear. :)
Freut mich riesig, das In-den-Bann-Ziehen, ich warte noch auf „Absolute Dissent“, versuche seit Sonnabend bei verschiedenen Postämtern herauszufinden, wo die Sendung geblieben ist. Immer ein Knaller die Interviews von Jaz Coleman. Zum Song „Honour The Fire“:
„We see Killing Joke as a separate, autonomous entity that creates itself, begets itself, gives birth to itself, and it has its own agenda regardless of us – we are part of it sometimes. It doesn’t like money. It burns people. We know exactly what it is. Once you bring money into the equation it will burn you, this force, if you play with it. And we live in this force. Every member of Killing Joke has been burned by this force. That’s why money never comes into it. Geordie has given 31 years concentrating on the task and never the prize. He knows well that once you bring that in with this force that we’re working with, it will just wipe you out. So there’s our funny perception of the fire.“
Geordies Gitarre ist immer dieselbe, eine alte Gibson mit breitem Korpus, sieht aus wie aus einem Pawn Shop in Entenhausen, eine einzige Gitarre, fertig ist das Fegefeuer.
„The Raven King“ – ergreifend, it is. Eine feine Würdigung. Wenn KJ den Höllenkochtopf kurz auf 1 runterschalten, entsteht ohnehin immer seltsam ergreifende Schönheit.
20.10.2010
Volker Paul:
Killing Joke – angefixt wie Du mich damit hast, habe ich mir mal ein paar Alben angehört und nun bin ich über „Brighter Than A Thousand Suns“ gestolpert. Was ist das denn? Waren die auf Zeitreise? Von den anderen Alben gefällt mir bisher mit Abstand „Killing Joke“ von 1980 am besten … und das aktuelle. Gibt es noch Empfehlungen von Dir?
Christian Erdmann:
Kann mir immer noch kaum einen besseren Anfang für einen Song, eine LP, eine Umlaufbahn vorstellen als „Requiem“. Falls Du die Albumversion von „SO 36“ also kennst: nein, sie haben damals nicht verstanden, was der Kommentator da redet (die „Reiseerleichterungen“ etc). :)
Am zugänglichsten waren sie vielleicht Mitte der 80er mit „Night Time“. – „And through the madness, through the terror we must pass“. Hab mal Sabine Sinjen einen Brief geschrieben, mit dieser Zeile drin. Als sie ihr Auge verloren hatte. Stuff I did, I dunno, man.
28.10.2010
Ruanes:
Ich habe schon öfters erwähnt, ich fand Ledgers Joker auch absolut überwältigend.
Christian Erdmann:
On a sidenote, im Booklet der neuen CD von Killing Joke, „Absolute Dissent“, gibt es eine Danksagung von Jaz Coleman an Heath Ledger. In Interviews wurde Coleman darauf angesprochen:
„Er hat mich nachgeahmt, als er sich für seine Rolle als Joker in ‚The Dark Knight‘ vorbereite. Er bat mich um Filmmaterial des Killing-Joke-Videos, welches wir damals gerade drehten. Und daran hat er sich orientiert.“
In Blogs von 2008 gefunden:
Looking at the Dark Knight trailer, it’s so painfully obvious that someone was looking very carefully at Killing Joke’s video „Hosannas From the Basements of Hell.“ Ledger is made up to be a slightly more glamorous version of Jaz Coleman, who’s been using that type of makeup for almost 30 years. (…) This Joker looks nothing like any version I remember and almost exactly like Coleman (…) it seems a no-brainer where the new Joker comes from.
Jaz Coleman might be „more than a little nuts“ but I agree with him on the whole Heath Ledger thing. Every time I watch him in ‚The Dark Knight‘ I get the creeps. As a matter of fact, I initially refused to see this movie because even the trailers for it seemed loaded with this unnameable thing that I always interpret as a kind of madness.
HL’s performance was not so much acting as the Joker as it was an embodiment or a manifestation….of something. Even in his earlier performances HL seemed to me to be just one step away from that place that some people are compelled to access but have no business going. There was just something in his eyes.
So in my own emotive, feminine intuitive way I agree with Mr. Coleman’s assessment of Heath Ledger.
Im Anschluß an Nicholson’s „Well… I warned him.“ (him, Ledger, die Rolle des Jokers zu übernehmen):
Some people have misinterpreted Nicholson’s statement as some supernatural hoodoo. My feeling is that Nicholson understood what a demanding and extreme role would do to a sensitive artist like Ledger. His experience even before his death should be a cautionary tale – divorce, sleep disturbance, depression. But there is more to see in the world of the Symbols that Ledger found himself immersed in.
Und dann kommt wieder Killing Joke ins Spiel,
Hosannas from the Basements of Hell [das Video, das Coleman Ledger schickte] is a bit of a different story. The song itself is about how Jaz Coleman uses Killing Joke to channel his aggressions, but the album is filled with very heavy occult themes (…) However you care to explain it, powerfully-focused ideas in art can take on a life of their own. By modeling the new Joker off of Jaz Coleman’s stage makeup, there is almost some sort of transference at work.
Add to that the psychotic nature of the role itself, the immense demands big budget movies make on actors and the general self-abuse so common among young celebrities and you have a recipe for sorrow.
Gut, es gibt auch Leute, die behaupten, Kubricks Tod sei nicht zufällig gewesen, weil er in „Eyes Wide Shut“ zuviel verraten habe… von allem Okkultismus abgesehen bleibt jedenfalls, daß Ledger sich offensichtlich sehr an Jaz Coleman orientiert hat.
01.11.2010
Volker Paul:
Ich habe gerade mit „Hosanna …“ meine K.J.-Studien beendet …
Christian Erdmann:
Mach Dir keine Illusionen, die sind nie beendet. :)
– Stimmt es, dass ihr „Exorcism“ („Pandemonium“, 1994) in der Königskammer der Cheops-Pyramide aufgenommen habt?
– Ja, haben wir. Wir haben meinen Gesang dort aufgenommen. Es wird bald einen Film über Killing Joke geben, wo die Bilder zu sehen sein werden.
– Aber wie war das möglich?
– Geld kann alles kaufen. Youth hatte auf dem Flug plötzlich die Idee. Wir sind zum Kulturminister gegangen und haben ihm erzählt, dass wir meditieren wollen. 5000 Dollar für zwei Tage. Sie würden uns nie wieder reinlassen! (lacht)
[Best of 2010]
Christian Erdmann:
Killing Joke: „Absolute Dissent“. KJ waren immer schon der direkteste Fahrstuhl zur Apokalypse, aber was die nach dem Tod von Paul Raven wieder in Originalbesetzung antretenden tödlichen Witzbolde hier veranstalten, produziert jenes fassungslose Kopfschütteln, auf dem ein wahlweise idiotisches oder sardonisches Grinsen liegt. Das schießt in die Höhe und ragt so unfaßbar glorios. Das deklariert einen Vorsatz, der von hier bis Mordor grollt, das rumpelt und poltert und knurrt und gröhlt ohne Vergleich, das spuckt spektakulär Verachtung, Gift und Zorn gegen die modernen Mächte der Finsternis, und das läßt dich Wasser aus den Augen wischen am Gedenkstein für The Raven King. Das ist die Band, die nach dem letzten Shootout übrigbleibt.
25.11.2011
Christian Erdmann:
Vor einem Jahr hat Jimmy Page in London einen „Innovator“ Award an Killing Joke überrreicht: „I got a call whether I’d like to give an award to Killing Joke. The thing is, I go back a long way with Jaz Coleman and the band,“ said Page. „I used to go and see the band, and it was a band that really impressed me because Geordie’s (Walker) guitar sound was just really, really strong. And they were really tribal, the band, and it was really intense.“
Page meinte dann noch sowas wie: er sei ja nicht der einzige Genius auf Gottes grüner Erde, der Killing Joke bewundere; Trent Reznor täte das schließlich auch. Ah! Das ist Basiswissen! Ob die Erde um die Sonne kreist oder die Sonne um die Erde, wen juckt’s, sollen die Himmelskörper doch unter sich ausmachen.
LIVE LIKE KINGS AND QUEENS
Killing Joke Setlist 29.04.2012 Hamburg Fabrik
Freundliches Winken am Merchstand: Len Hotrum, Sänger von The Crying Spell, Vorgruppe 1. Vorgruppe 2, The Icarus Line, die Band, aus der einst Aaron North zu Nine Inch Nails umstieg, jetzt scheint Sänger Joe Cardamone mit Macht den Iggy Pop von 1970 inkarnieren zu wollen. Nach dem Auftritt: „Jo. Das waren die Stooges.“
Zu den unheimlichen Klängen von Jocelyn Pooks „Masked Ball“ (Maskenballszene aus „Eyes Wide Shut“) (also zu Rumänisch rückwärts) auf die Bühne kommen und mit „Requiem“ die Mathematics of Chaos einleiten für, wie die Wiener Zeitung schrieb, „ein überwiegend in Lederjacken gekleidetes männliches Publikum in Begleitung nachtschwarzer, dem Leben abgewandter Gothic-Mädchen mit Hang zur Schminktechnik Colemans“, na na, Gothic-Mädchen und führende Kurtisanen der Borgia-Zeit, würde ich sagen.
Vor der Bühne waren mehrere Teufel los, der Rest schaute spätestens bei „Rapture“ die Betriebsamkeit des Abendlands in Kreisform. „Asteroid“ schlug ein, vom Wachtturm aus sahen sie zu, wie ich in Flammen aufging. Das Borgia-Mädchen, das eben noch einen dem Leben zugewandten Kuchen gebacken hat, weil man ja nach Ausschweifungen immer einen gewissen Hunger hat, tanzt wie in Trance, ritualistische Zeichen im Spiel der Tänzerinnenfinger, vermutlich deshalb kommt uns 20 Minuten nach dem Konzert im Entrée der Fabrik Paul Ferguson entgegen, im Vorbeigehen rufe ich „Thank you Sir!“, er dreht sich um und winkt: „Thanks! You’re welcome!“
„13“ handelt von Fluchtversuchen. Vom Entkommen aus Räumen, die in Trümmer fallen. Von anderen, fremden Räumen, in deren Architektur Anordnungsfreiheit bis zur Entropie herrscht. Flucht in den Weltraum, oder den Wahnsinn, oder die Drogen, und manchmal ist das alles deckungsgleich; Flucht mit Hyperspace in andere Dimensionen jedenfalls und dann erst recht ins Schlamassel. „13“ ist gezeichnet von Trauer, erschöpft, gefechtsmüde, gezeichnet von Entfremdung und der Frage, wohin es gehen kann von hier. Zerstörung aller Gewißheit. Immer wieder brechen Songstrukturen auseinander: „13“ gründet in Grundlosigkeit, mit dem Himmel als Abgrund nach oben und einem Schlüsselloch am Ende der Milchstraße. „13“ ist interstellarer Rückzug, aber auch struggle to move on. Zusammenbruch, aber auch freigesetzte Energie.
Im legendären Video für „Coffee & TV“ ist Graham Coxon, weil er mit Blur Musik macht, Missing Person. Eine mitfühlende Milchtüte versucht vergeblich, die trauernde Familie aufzuheitern, und macht sich dann auf den Weg, um den Verlorenen Sohn zu finden. Die Abenteuer der Milchtüte haben Sturzbäche von Tränen ausgelöst (nur 3 der ersten Kommentare auf YouTube: „I remember being 9 years old when this song came on MTV in 1999. Me and my parents sat in the front room admiring this video. Mum says ‚Is there any way we can watch this again? It’s amazingly cute!'“ — „I cried always as a kid. Now I’m 21 years old and I’m still crying.“ — „We’re all grown-ass people crying over milk cartons…“). Blur standen immer für diese Mischung aus cuteness und Sarkasmus, perfektioniert im Video zu -> „The Universal“ mit Damon Albarn und seinen Droogs, und das „Coffee & TV“-Video ist zugleich traurig und cute. Auf „13“ haben Blur aufgehört, nichts wirklich ernst zu nehmen. Tatsächlich ist die Lage derart ernst, daß es beunruhigend komisch klingt.
Als ich „Tender“ zum ersten Mal hörte, dachte ich, oh, Blur imitieren Blur, wie sie U2 imitieren, die eine Band imitieren, die mit einem Gospelchor fusioniert, den John Lennon dirigiert. War nicht doch noch eine Spur Zynismus in „Love’s the greatest thing“? Das Video, Graham Coxon cracks up-> bei 4:45, und wenn Graham Coxon lächelt, kann etwas nicht stimmen. Aber „Tender“ ist nicht tongue-in-cheek.
Der Ausgangspunkt von „13“ ist die Trennung, die Damon Albarn und Elastica-Sängerin Justine Frischmann traumatisiert zurückließ, als es nach 7 Jahren gemeinsamer Zeit nur noch darum ging, einen Rest an sanity zu retten; Albarn kommentierte später: „That relationship just absolutely crashed. I mean, it really was a spectacularly sad end.“ Justine „told the British newspaper The Observer she cried the first time she heard the song, then felt embarrassed and angered before she calmed down.“
Und dann, vor allem, ging es in „Tender“ plötzlich um den eigenen Hals.
Tender is the day The demons go away Lord I need to find Someone who can heal my mind Come on come on come on Get through it Love’s the greatest thing
Tender is the ghost The ghost I love the most Hiding from the sun Waiting for the night to come Tender is my heart I’m screwing up my life Lord I need to find Someone who can heal my mind
„Bugman“ klingt, als hätte Bowie in Suffragette City beschlossen, The Fall zu übernehmen und Mark E. Smith zu feuern. Zwischendurch feuert Mark E. Smith dann wieder Bowie und rattert mit dem Staubsauger über Kopfsteinpflaster. Der Song kollabiert komplett im Gebritzel, aktiviert sich aber nochmal selbst, um wissen zu lassen: space is the place.
Hingegen plötzlich nie so wahr wie gerade jetzt:
So give me coffee and TV, easily I’ve seen so much, I’m going blind And I’m brain-dead virtually Sociability Is hard enough for me Take me away from this big, bad world And agree to marry me So we can start over again
Ein Nervenzusammenbruch von Gitarrensolo, vom NME wurde Graham Coxon dafür mit #38 der Top-50-Gitarrensoli aller Zeiten bedacht.
Auf „Swamp Song“ hat man sich plötzlich in The Creature From The Black Lagoon verwandelt, ganz sicher unterwegs zu unaussprechlichen Schändlichkeiten, über dem Sleaze-Beat irres Lachen und ein schon ziemlich umnachteter Chor, außerdem hört man ständig gurgelnde Geräusche und gurgelnde Stimmen, als würde die Besatzung des Yellow Submarine von Wassereinbruch überflutet. Jeff Lynne sagte damals, mit dem Electric Light Orchestra wolle er da anfangen, wo „I Am The Walrus“ von den Beatles aufhört. „Swamp Song“ kommt diesem Ziel weit näher.
„1992“ ist wie die schwankende Wendeltreppe aus „The Haunting“, die nicht mehr fest im Gemäuer verankert ist. Trotzdem steigt man höher und höher, irgendwo da oben ein verbotenes Zimmer, aus dem manchmal Stimmen zu hören sind. Fetzen eines sinnlichen „Lady Grinning Soul“-Klaviers, die aber auch nichts daran ändern, daß das Bett leer bleibt. „1992“ soll zu Graham Coxons liebsten Blur-Songs gehören, und was er da mit seiner Gitarre anstellt, bleibt ein Mysterium auch bei voller Beleuchtung. Man weiß schon, als „1992“ anfängt, daß alles in bedrohlichem Rauschen verschwindet. „B.L.U.R.E.M.I.“ könnte irgendeine Botschaft an irgendwen enthalten, in den Firmenräumen vernimmt man sie wie Wellensalat aus dem Weltraum. Der Refrain klingt wie ein Hubot auf Helium.
„Battle“. An die 8 Minuten vollkommen unerklärlicher Schönheit, unheimlich, ständig ändert sich die Textur, ständig wird eine neue Stufe gezündet, so würde Erdumkreisung klingen, wenn da draußen irgendwas zu hören wäre. Und wenn ich wüßte, daß das Raumschiff nicht mein eigener Schädel ist. Blur ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon eine Band, die auseinanderbricht, dabei auf der Höhe ihrer technischen Fähigkeiten ist und eine komplexe, einzigartige sonic richness entdeckt. Man steht auf der Oberfläche eines dunklen Planeten und versucht sich daran zu erinnern, wie dieses Instrument heißt, das die sphärisch-melancholischen Töne auf „Battle“ produziert. Dasselbe Instrument spielt, -> als Labiskwees Boot den Fluß hinabtreibt.
„It’s the sound of beauty and decay, pulling off the feat of being both noisy and relaxing at the same time, pairing blissful ambience with more of the incredible sounds that emerge from Coxon’s distorted guitar, as fluid keys ring out to create an otherworldly atmosphere (…) if you play it through a good pair of headphones, you’ll experience something that words cannot describe.“ (Ben P Scott, xsnoize)
Nour Sarhan auf YouTube: „5:59, this part… I really don’t know how to explain, it’s just… terrifying. Feels like falling into a deep, dark void with no one around to save you. You’re just all alone, confronting the gloomiest side of your psyche. What an eerie song. The whole album perfectly encapsulates the state of a broken soul. It’s just so visceral and raw and heart-breaking…“
„13“ ist voller Zwischenspiele, bei denen nur der Blick auf die Anzeige verrät, zu welchem Song sie noch oder schon gehören. Blur. Was ist, verwischt. Konturen sind Übergänge. „Mellow Song“ ist eine weitere Anstrengung, die Tränen zu vermeiden. Eine akustische Serenade vom Mann im Mond für die Königin der Königreiche des Schlafes. „Mellow Song“ klingt mellow. Sanft wie der Abend vor der Hinrichtung. Bis die Trommel einsetzt und eine Melodica sich derangiert. „Is this where I’m going to? We’ll see.“
„Trailerpark“ heißt zwar „Trailerpark“, klingt aber wie Torkeln durch einen Stripclub mit den Kopfschmerzen von Fred Madison. Man hat ganz entschieden etwas in sich, mit dem man sich unbeliebt macht. Das bass driven outro führt nicht an die frische Luft, nur ins Outro. Die Zeile „I lost my girl to The Rolling Stones“ wird verständlicher, wenn man weiß, daß Damon Albarn Mitte der 90er in eine Heroinabhängigkeit geraten war, die das Verhältnis zu Justine Frischmann noch weiter verkomplizierte. „Caramel“ ist eine Metapher für Heroin. Der Song beginnt als verzweifeltes Selbstgespräch in unendlicher Einsamkeit, als würde man träumen, während man wach ist.
I’ve got to get over I’ve got to get over I’ve got to get better Will love you forever I’ve got to find genius I’ve got to get better I’ve got to stop smoking I’ve got to get better Caramel, Caramel Where is the magic I’ve got to get better Oh, lord give me magic I’ll love you forever I’ve got to find Mounts Hill And live by the mountains I’ll love you forever
„Then, in one of the most magnificent moments of the band’s canon, a jazz drum pattern suddenly and unsettlingly interrupts, followed by a musical shock wave of pure heartbreak and emotion, underlined by Coxon’s jagged guitar lines.“ (David Edwards, drownedinsound). Schließlich Meltdown: „Caramel“ läuft aus in die hörbaren Hirnwellen des Irren auf dem Hügel.
„Trimm Trabb“. Ich zitiere. „733 North West Knoll Drive CA 90069, 659, 7812, 3108. Choo choo choo choo choo.“ Aliencode halt. Der Song beginnt verhalten, „It’s just the way it is. I sleep alone.“ Aus dem verhaltenen Riff wird ein Riff, das ziemlich heavy ist, und dann ein Riff, das heavy ist wie heulende Urzeitwesen. Graham Coxon, losgelassener Genius auf „13“, kennt überhaupt keinen Bahnhof mehr. Ich weiß nicht, wie oft er die Klangfarbe von creepy ändert auf diesem Album.
„No Distance Left To Run“. Albarns Seele liegt endlich vollständig bloß, all die Konfusion, all der Schmerz, all die Trauer.
It’s over You don’t need to tell me I hope you’re with someone who makes you feel safe in your sleeping tonight I won’t kill myself trying to stay in your life I got no distance left to run
When you see me Please, turn your back and walk away I don’t want to see you ‚Cause I know the dreams that you keep is where we meet When you’re coming down, think of me here I got no distance left to run
It’s over I knew it would end this way I hope you’re with someone who makes you feel That this life is the light One who settles down, stays around Spends more time with you I got no distance left to run
Damon Albarn: „It upsets me, that song. It upset me singing it. Doing that vocal upset me greatly. To sing that lyric I really had to accept that that was the end of something in my life.“
Ich kann nicht beschreiben, wie sehr ich „Optigan 1“ liebe. Eine Orgel namens Optigan. Eine Spielzeugmaschine, eine mechanische Oper mit Ballerina, ein verwunschener Brummkreisel, der einen, während man ihn anstarrt, in lang vergessene Nachmittage der Kinderzeit zurückversetzt, ein kleines Raumfahrzeug. Optigan 1 hält Kurs auf Dimensionen, in denen es keinen Kurs mehr gibt. Marry me, we can start all over again. Love’s the greatest thing.
SPIEGEL ONLINE Forum „CDs der Woche – und Ihre Favoriten?“
12.11.2007
kleintal:
Ist Euch das Album „Fairytales of Slavery“ von Miranda Sex Garden ein Begriff? Wenn nicht, hört unbedingt mal rein, es lohnt sich!
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Der Klügere kippt nach und nimmt gleich beide, „Fairytales of Slavery“ und „Iris“ (EP von 1992, mein Favorit).
Die von mir gestern erwähnten Mediaeval Baebes sind ja aus Miranda Sex Garden hervorgegangen und halten, was beide Namen versprechen. Ungefähr 8 (die Zahl der Damen variiert) Elfen, die aussehen wie aus Fetischmagazinen entführt, bei Auftritten aber gern Kränze im Haar tragen und aus dir Thomas the Rhymer machen (ihr wißt schon: den die Queen of fair Elfland entführt) – eine von ihnen hat mit der englischen Comedy-Serie „Smack The Pony“ zu tun.
Miranda Sex Garden: sinnlich, surreal, morbid, hypnotisch, klassisch trainierte Stimmen in düsteren Metalriffs, otherworldly. Klingt, als hätte man die geheimsten Gedanken der Heroine eines erotischen Horrorfilms an einen Verstärker angeschlossen.
(Warnung auf amazon.de: Nichts für den Hintergrund oder bei Kopfschmerzen.)
„Thirteen“, geschrieben vom legendären Alex Chilton für das 1972 erschienene Album „#1 Record“ seiner Band Big Star (1), wurde vom Rolling Stone 2011 auf Rang 406 der 500 größten Songs aller Zeiten gesetzt als „one of rock’s most beautiful celebrations of adolescence.“
Won’t you let me walk you home from school? Won’t you let me meet you at the pool? Maybe Friday I can Get tickets for the dance And I’ll take you
Won’t you tell your dad „Get off my back“? Tell him what we said ‚bout „Paint It Black“ Rock ’n‘ Roll is here to stay Come inside now it’s okay And I’ll shake you
Won’t you tell me what you’re thinking of? And would you be an outlaw for my love? If it’s so then let me know If it’s „no“, well, I can go I won’t make you
„Ich war gerade 12 geworden. Unter den ersten 20 Stücken, die ich mit meinem neuen kleinen Grundig C 410 Automatic aus dem Radio aufgefangen hatte, war ‚Street Fighting Man‘. Das Stück hypnotisierte mich. Der Song war so anders als die anderen, so mächtig, daß mir das Herz hämmerte in einem Leib, der Dinge tun wollte, die er noch nie getan hatte. Die letzten 45 Sekunden von ‚Street Fighting Man‘ beendeten meine Kindheit.“
„… daß mir das Herz hämmerte in einem Leib, der Dinge tun wollte, die er noch nie getan hatte“: das ist der Augenblick, in dem „Thirteen“ spielt. Du weißt noch überhaupt nichts, außer, daß alles unvorstellbar anders ist. Du hast die Schrift entziffert. „Rock ’n‘ Roll is here to stay“ bedeutet, daß du das Sweetheart der Klasse entführen wirst mindestens bis hinter die Grenze, weil deine Liebe Gesetzesbrechertum ist, weil du später einen Roman schreiben wirst mit dem Satz „Es gibt andere Formen der Liebe, aber die bedingungslose Liebe fordert zwei Deserteure und die Mentalität eines Gangsterpaares auf der Flucht.“ – „Would you be an outlaw for my love?“
„Thirteen“ ist dieser bittersüße Moment in deinem Leben, der noch hochunschuldig ist und doch sind schon die allerkompliziertesten Gefühle in dir, der fremdartige Liebesschmerz, das Staunen, die Verwunderung, unfaßbar bezaubernde Entdeckungen, Haarsträhnen, die über Mädchenaugen fallen, verschwommene und wilde Träume, der Reiz des Verbotenen, die Furcht und der Mut, Hoffnung und Herzweh, Anfang der Welt, Ende der Welt. Als Alex Chilton gefragt werde, welches Cover von „Thirteen“ er am meisten schätze, sagte er: Garbage.
Garbage. Diese einzigartige Band, schon diese Formation: drei amerikanische Gentlemen, die wie sinistre Anstaltsleiter wirken (was sie im „Bleed Like Me“-Video ja dann auch sind), wie verstörend höfliche Bestattungsunternehmer, Soziophobiker mit Pokerface, suchen eine Sängerin, und sie finden dieses hinreißende Mädchen, das redet wie ein Killer und dabei voller Selbstzweifel steckt. Die erste Begegnung findet just an dem Tag statt, an dem Kurt Cobain tot aufgefunden wird.
Shirley Manson ist Schottin, und wenn sie singt, klingt ihr schottischer Akzent wie irgendwas Cooles, Erotisches und Mysteriöses, nicht wie schottischer Akzent. In den Anfangstagen, da die Band sich findet, schießt dieses Mädchen wie ein Maschinengewehr um sich, und die drei Kavaliere starren auf die Einschußlöcher. Butch Vig, Produzent von Nirvanas „Nevermind“, einigen Smashing Pumpkins-Alben und also mit allen Wassern gewaschen:
„When I first met her, I was terrified of her. She was pretty opinionated and vocal. She says that she was terrified too, but you would never have known it. She had confidence. I couldn’t understand half of what she was saying. A lot of times, she would be singing in the studio and she’d say something and Duke, Steve and I would look at each other and it was (whispers) What did she say?“ (2)
Duke Erikson: „It’s very weird but when I first met Shirley, I felt that I had known her before. Of course I didn’t tell her that. Three or four months later I told her and she said, Yeah, I felt the same way, it’s very bizarre. She has very hard and fast opinions. I wasn’t ready for that part. Initially it was hard to get through the accent. When we were first working together she would say something and I’d have to have her repeat it three times. By that time, she’d just say, Fuck off. I understood that.“ (3)
Ende der 90er, als die Popularität der Band mit „Version 2.0“ ihren Höhepunkt erreicht, gibt es kaum einen Artikel, der nicht davon kündet, daß diese einzigartige Schönheit sich für häßlich hält, für himmelschreiend uncool dazu, und daß sie als smartass-Entwicklerin von Strategien im Gewirr ihrer hochkomplexen Persönlichkeit ein paar Dinge doch erst als letzte versteht.
„Garbage’s idolised singer thinks she’s ugly while the ‚men‘ in the band act like delinquent teenagers on tour. (…) She’s one of the world’s most beautiful women, but finds her appearance physically repulsive. She cut herself as a teenager. She is preoccupied with her ‚ugliness‘ but feels embarrassed when she reads herself talking about self-loathing. Her father gets distressed when his daughter says she’s ugly, so she’s gonna start lying. But nothing – no psychiatrist or the reassurance of her bandmates – will convince this most photographed of women that she looks anything but ‚a total arse‘. She’s the most intriguing, intelligent interviewee this journalist has ever encountered and yet apologises for being ‚inarticulate‘. (…)
It’s weird how, for someone steeped in insecurity, Shirley extols such super feminine confidence. ‚My two sisters were beautiful and my two best friends were beautiful,‘ she explains. ‚I was always the ugly one. So I became an exhibitionist and took pleasure in repulsing men. I learned to get as much attention from being disgusting as the girls got from being beautiful. I grew up fighting against what was expected of me and people mistake it as confidence.'“ (4)
„‚Everyone puts shades on and looks as cool as fuck,‘ wails Shirley. ‚I put shades on and look like an oaf. It took us three years to find me a pair of shades, and when we finally do, I lose them.‘ (…) ‚I am so uncool, it’s unbelievable,‘ grimaces Shirley. ‚I spend my whole life as a geek. It’s so unfair.‘
This, as anyone who followed the recent press blanket-bombing will know, is something of a regular complaint in Shirley’s interviews. A million people, looking at the accompanying pictures of a dazzling rock überfrau in miniskirt and stack-heeled boots. growled, ‚Girl, get a mirror,‘ with a look of disbelief on their not-so-pretty faces. (…)
‚I’ve come to realise that the performance is a confirmation, comes from the perverse desire to feel less ugly – and, damn straight, when I’m on-stage I don’t feel ugly.'“ (5)
„She often talks about music being her salvation when she was a depressed, suicidal teenager, and now this notoriously insecure and self-depricating woman is an idol herself. (…)
„I am not a sexy woman, I’m not beautiful, I’m not a sex kitten, I don’t flirt with people, yet I’ve been tagged more of sex symbol than women who truly are and that’s solely because I don’t reveal too much: people are curious.“ (6)
„A black cloud of low self-esteem, apparent to anyone who spends more than a few minutes in her company, seems to shadow the Garbage frontwoman’s every step (…) Shirley Manson suffered terrible insecurities as a youth, believing herself – the middle sister of three – to be the pug ugly runt of the litter. (…) ‚I don’t think of myself as particularly attractive. I don’t know why. If somebody out there can tell me why, please, I’m willing to listen. Or give me some pills and fix it. But if you can’t give me a pill to fix it, then so be it. Leave it be. It’s just something I have to deal with and that’s tough luck.'“ (7)
Garbage covern „Thirteen“, weil es (I) ein großer Song ist. Und natürlich ist es (II) reizvoll, wie der Text, wenn Shirley Manson ihn singt, aus der Perspektive des Mädchens eine andere Dynamik bekommt. Vielleicht bedeutet Perspektive des Mädchens aber noch etwas anderes. Vielleicht ist (III) Shirley Manson für immer das Mädchen, das diese Worte hört. All das, was man in diesen Artikeln liest, all die Widersprüchlichkeiten, die man in diesem Geist, the most intriguing & intelligent, und in dieser Schönheit ahnt, mit der man durch den Wilden Westen ziehen will, bis ans Ende der Welt und bis ans Ende der Zeit, all das ist in dieser Stimme, die so verführerisch und hypnotisch sinnlich klingt und zugleich ist in ihr diese Mädchenpanik, die Zerbrechlichkeit, die Angst, der Welt nicht gewachsen zu sein, die Unsicherheit, die Erschöpfung, die Hoffnung, keine Rolle mehr spielen zu müssen, und darum bleibt diese Szene so bedeutsam, darum ist die Musik von „Thirteen“ so traumgleich. Und wie traumgleich. Die elektrischen Gitarren von Duke Erikson und Steve Marker weben ein Motiv so unendlich zart, versponnen, weltentrückt, zusammen mit den darunter schimmernden elektronischen Effekten geradezu mystisch anmutend, im Break dann gesprochene (französische) Sequenzen wie Traumfetzen, unerklärliche Übertragungen, das Gefühl, mit einer anderen Welt verbunden zu sein, „Alle Leidenschaft ist eine Bezauberung. Ein reizendes Mädchen eine reellere Zauberin, als man glaubt“ (Novalis), darum ist der Äther beteiligt, der Nachhauseweg ist Himmelssturm. Die Musik beschwört diesen Moment der Reinheit, der so anstrengungslos schien, und Shirley Manson ist das Mädchen in genau jenem Augenblick, da sie versteht, daß sie eine reelle Zauberin ist.
(1) Bei den Songwriting-Credits gingen Alex Chilton / Chris Bell vor wie Lennon / McCartney oder Jagger / Richards, tatsächlich brachte aber Chilton den Song zu den Aufnahmen ins Studio.
(2) Shirley Manson Opens Her Mouth, Q Magazine März 1999
(3) Shirley Manson Opens Her Mouth, Q Magazine März 1999
(4) Three Men And A Babe, Melody Maker, May 1998
(5) I am so uncool, it’s unbelievable, Victoria Segal NME July 11,1998
(6) The Minx, January 1999
(7) Shirley Manson Opens Her Mouth, Q Magazine März 1999
> Gegen Ende Oktober trifft plötzlich bei Ficker eine unheilvolle Nachricht aus Krakau ein. Die Karte trägt den Ortsvermerk: Garnisonsspital Nr. 15, Abt. 5.
„Verehrter Freund! Ich bin seit fünf Tagen hier im Garnisonsspital zur Beobachtung meines Geisteszustandes. Meine Gesundheit ist wohl etwas angegriffen und ich verfalle recht oft in eine unsägliche Traurigkeit. Hoffentlich sind diese Tage der Niedergeschlagenheit bald vorüber. Die schönsten Grüße an Ihre Frau und Ihre Kinder. Bitte telegraphieren Sie mir einige Worte. Ich wäre so froh, von Ihnen Nachricht zu bekommen…“
„Auf diese Karte hin“, so sagte Ficker später, „aus der hervorging, daß kein einziger der Freundesgrüße Trakl im Felde erreicht hatte, reiste ich nach Krakau.“
Ficker hat in seinem Erinnerungsbuch jenen zweitägigen Besuch (25. und 26. Oktober 1914) mit aller Genauigkeit geschildert. Es stellte sich in Gesprächen mit dem Patienten (oder als solchen Behandelten) heraus, daß er unter den Nachwirkungen eines schweren, an der Front erlittenen Schocks einen von Kameraden vereitelten Selbstmordversuch unternommen und vierzehn Tage danach – eben in Limanowa – die Abkommandierung ins Krakauer Garnisonsspital erhalten hatte; nicht etwa zur Dienstleistung als Apotheker, wie er zuerst annahm, sondern zur Beobachtung seines Geisteszustandes.
In der Schlacht um Gródek war Trakls Sanitätskolonne zum ersten Male eingesetzt worden. Ohne ärztlichen Beistand mußte er in einer Scheune, nahe dem Rynek, dem großen Markt, an die hundert Schwerverwundete betreuen. Zwei Tage und zwei Nächte hörte er nichts als das Stöhnen und Jammern der Gemarterten. Immer wieder wurde er von dem oder jenem angefleht, der Qual doch ein Ende zu machen. Einer, den ein Schuß in die Blase getroffen, jagte sich vor Trakls Augen eine Kugel durch den Kopf – blutige Gehirnteile klebten an der Wand. Da wurde ihm schwarz vor den Augen, und er eilte ins Freie; doch dort ragten kahle, gespenstische Bäume in den Himmel und an jedem schaukelte ein Gehenkter – Ruthenen, die als Spione oder Russophile hingerichtet worden waren; wie man Trakl erzählte, hatte der zuletzt an die Reihe Gekommene sich selber den Strick um den Hals gelegt.
Auf dem Rückzug, beim Nachtmahl in einem Dorf, sprang der von den Gesichten dieses Infernos Gepeinigte plötzlich auf und stürzte mit den Worten, er könne so nicht mehr weiterleben, hinaus; Kameraden entwanden ihm die Waffe. „Ich fürchte“, sagte er nun zu Ficker, „wegen jenes Vorfalls vor ein Kriegsgericht gestellt und hingerichtet zu werden. Verzagtheit, wissen Sie, Mutlosigkeit vor dem Feind. Ich muß darauf gefaßt sein.“ Und er beharrte bei dieser Wahnidee – die Atmosphäre war auch zu bedrohlich, zu unheimlich. Sein Zimmer, im Erdgeschoß des Psychiatrie-Traktes gelegen, glich einer Gefängniszelle. Er fühlte sich nicht als Patient, sondern als Delinquent. Aus den oberen Stockwerken drangen die Schreie der Irren. Und der Zimmergenosse, ein an Delirium tremens leidender Leutnant von den Windischgrätz-Dragonern, machte das alles noch unerträglicher. Die einzige ihm nahe Seele war sein Bursche Mathias Roth, ein Bergarbeiter aus Hallstadt. Der schlief jede Nacht am Fußende seines Bettes auf dem Fußboden.
Wie sich zeigte, waren Trakls neurotische Ängste nicht ganz unbegründet. Der Spitalskommandant, ein tschechischer Oberstabsarzt namens Nikolaus Toman, verhielt sich zugeknöpft, als Ficker um die Herausgabe des Patienten bat. Und der Assistenzarzt, ein Pole, der Trakl unter Beobachtung hatte, erklärte sich für diesen Fall von „Genie und Irrsinn“ besonders zu interessieren, hatte er doch bei der Briefzensur Verse des Dichters gelesen, die ihm nicht geheuer vorgekommen waren.
Am nächsten Tag ist Trakl apathisch, in sich gekehrt. „Wollen Sie hören, was ich im Feld geschrieben – es ist blutwenig.“ Und er liest, auf dem Eisenbett liegend, während der Windischgrätz-Dragoner sich ungehalten und gelangweilt in seinem Bett der Wand zukehrt, dem Freund zwei erschütternde Gedichte vor: Klage und Grodek. Dann greift er nach einem Reclam-Bändchen – Dichtungen von Johann Christian Günther, dem „wilden“ Günther – und spricht mit leiser, eindringlicher Stimme ein paar der tiefpessimistischen Strophen dieses genialen Barocklyrikers, der ihm in der Lebenstragik ähnelte und jung starb.
Beklommen verabschiedet sich Ficker, denn er hatte herausbekommen, daß Trakl tödliche Gifte bei sich verborgen hielt. Ficker spricht ihm Trost zu; er werde sogleich von Wien aus seine Versetzung nach Innsbruck ins Werk setzen. Als er mit einem „Auf baldiges Wiedersehen“ von dem Freunde scheidet, liegt dieser regungslos, entgegnet kein Wort. „Sah mich nur an. Sah mir noch nach… Nie werde ich diesen Blick vergessen.“
In Innsbruck treffen noch zwei (vom 27. Oktober datierte) Briefe Trakls und eine Feldpostkarte ein. Dem einen Brief liegt – neben der verbesserten Anfangsstrophe des Sonetts Traum des Bösen – die neue vierstrophige Fassung des ursprünglich sechsstrophigen Gedichts Menschliches Elend von 1911 bei; Trakl hatte den Titel in Menschliche Trauer umgeändert. Merkwürdigerweise wurde diese zweite und endgültige, um vieles stärkere Fassung, in der sich das gewaltige, aus der Irrsinnsatmosphäre des galizischen Schlachthauses empfangene Bild findet: Es scheint, man hört der Fledermäuse Schrei / Im Garten einen Sarg zusammenzimmern, erst in die vierte Auflage (1939) der Dichtungen aufgenommen.
Der zweite Brief enthält die Sätze: „Seit Ihrem Besuch im Spital ist mir doppelt traurig zu Mute. Ich fühle mich fast schon jenseits der Welt.“ Zwei Gedichte sind beigeschlossen – die letzten von Trakls Hand, in einer nun letztverbindlichen Fassung:
Klage
Schlaf und Tod, die düstern Adler
Umrauschen nachtlang dieses Haupt:
Des Menschen goldnes Bildnis
Verschlänge die eisige Woge
Der Ewigkeit. An schaurigen Riffen
Zerschellt der purpurne Leib
Und es klagt die dunkle Stimme
Über dem Meer.
Schwester stürmischer Schwermut
Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt
Unter Sternen,
Dem schweigenden Antlitz der Nacht.
Grodek
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den
schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein
gewaltiger Schmerz.
Die ungebornen Enkel.
Auffällig ist, daß Trakl das Gedicht Klage zur Gänze und von Grodek die ersten sechs Zeilen in der Lateinschrift seiner Jugendzeit (mit Bleistift) aufgezeichnet hatte. Vielleicht, um mit der schwerer leserlichen Kurrentschrift bei den Beamten der Militärzensur, die oft Nichtdeutsche waren, keine Unannehmlichkeiten zu haben.
Die Feldpostkarte, gleichfalls nicht datiert, hatte Trakl vor Fickers Besuch geschrieben; dieser erinnerte sich, daß der Dichter sie ihm zum Lesen gegeben hatte: „Da ich bis heute noch kein Lebenszeichen erhalten habe nehme ich an, daß Sie meine Feldpostkarten nicht erhalten haben. Ich verlasse nach vierzehntägigem Aufenthalt im hiesigen Garnisonsspital Krakau. Wohin ich komme, weiß ich noch nicht. Meine neue Adresse will ich Ihnen baldmöglichst mitteilen.“ – Was konnte Trakl veranlaßt haben, sie abzuschicken? Betroffen drehte Ficker die Karte um. Da stand von fremder Hand und mit unleserlicher Unterschrift: „Herr Trakl ist im Garnisonsspital Krakau eines plötzlichen Todes (Lähmung?) gestorben. Ich war sein Zimmernachbar.“
Die Karte trug den Poststempel Prag – 9. 11. 1914.
Auf eine Anfrage nach den näheren Umständen von Trakls Tod – Georgs Halbbruder Wilhelm hatte sie an das Garnisonsspital in Krakau gerichtet – kam von dort die folgende Auskunft zurück:
„… wird Ihnen mitgeteilt, daß Ihr Bruder Medik.-Akzessist Georg Trakl im hiesigen Spitale wegen Geistesstörung (Dement. praec.) in Behandlung stand, am 2. November nachts einen Selbstmordversuch durch Kokainvergiftung (das Medikament hat er wahrscheinlich von der Feldapotheke, wo er früher tätig war, mitgebracht und so aufbewahrt, daß trotz sorgfältiger Untersuchung bei ihm nichts gefunden wurde) unternommen hat und trotz aller möglichen ärztlichen Hilfe nicht mehr gerettet werden konnte. Derselbe starb am 3. November um 9 Uhr abends und wurde im hiesigen Rakoviczer Friedhofe beerdigt. Krakau, am 15. November 1914. Dr . . . (Stabsarzt).“ <
[Otto Basil: Georg Trakl, Reinbek bei Hamburg, 19. Auflage April 2010, 149 ff.]
18.08.2019
Wir verlassen den hiesigen Rakoviczer Friedhof, nehmen den Bus bis Nowy Kleparz und sind nach nur wenigen Schritten in der Wroclawska. Neben dem Eingang zum Militärhospital wurde an der Mauer eine Gedenktafel angebracht:
Früher, stiller Sonntagnachmittag, auf dem Gelände des alten Garnisonsspitals wagen wir uns vor, bis ein Schild dieses Gebäude als psychiatryczny-Abteilung ausweist. Wir deduzieren also: this must be the place.
Ludwig Wittgenstein, der ebenfalls in Galizien eingesetzt war, traf erst drei Tage nach Trakls Tod in Krakau ein, hatte aber später die genaue Lage des Grabes auf dem Rakowicki-Friedhof recherchieren können: „Exhibit Nummer 3570“, „Gruppe XXIII. Reihe 13 Grab N° 45“. Ludwig von Ficker ließ 1925 die sterblichen Überreste Trakls auf den Mühlauer Friedhof bei Innsbruck überführen.
Eine meiner ersten intellektuellen Leistungen auf dieser Welt bestand darin, John, Paul, George und Ringo auseinanderzuhalten. Eines Tages werde ich diese viereinhalb Minuten sehen können ohne Tränen in den Augen.
„Er vergaß die Zeit. Die Zeit vergaß ihn. Er fror. Er dachte daran, wie er sich als Junge in die Lockruf-des-Goldes-Welt geträumt hatte, in die Alaska-Welt der Flüsse und Wälder, der Schluchten, Wasserfälle und Eisschollen, der Schlittenhunde und Schneeschmelzen, weniger des Goldes wegen, sondern um Labiskwee zu finden, die bei den Indianern lebte. Sie würde mit ihm gehen, sich mit ihm durch die Wildnis kämpfen, die kargen Bissen mit ihm teilen. Glückszeichen auf ihrem Indianerstirnband, Fetische im Lederbeutel an ihrem Gürtel, der schlanke Körper leidenschaftlich den Strapazen trotzend. Und dann lag sie im Boot und trieb den Fluß hinab, entkräftet, halb verhungert. Er konnte das Boot der Labiskwee nicht festhalten, nie. Immer sah er diesem Boot nach, das mit grauenhafter Langsamkeit, wie in einem Traum, das schöne Mädchen in der Ewigkeit verschwinden ließ. Seit er denken konnte, wurde seine Geliebte abberufen. Und seine armen Füße würden niemals folgen können.
Aljoscha dachte, die Winter gehen nicht rückwärts. Und dann dachte er an nichts mehr.“
[Christian Erdmann: Aljoscha der Idiot]
Lockruf des Goldes Fernsehfilm in vier Teilen von 1975 Regie: Wolfgang Staudte w/ Serge Nicolaescu
4. Teil: „Vierauge“
Christine Kaufmann als Labiskwee
💔
Tagebuch 31.12.1990
… der 4. Teil von „Lockruf des Goldes“ mit Christine Kaufmann als Labiskwee – diese Musik von Hans Posegga, die wehmütige Trompete – Labiskwee, den Fluß hinab treibend… wie viel daran hängt, Gott, wie viel.
SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“ 26.09.2010
Christian Erdmann:
Der große Emmerich Schäffer, wo ist er heute!? Mugridge in „Der Seewolf“ und Joe Hines in „Lockruf des Goldes“, ganz groß sein „Du bist ein Dieb! Ein Dieb, ein Dieb!“-Cabin Fever-Anfall, als er meint, Elam Harnish klaut ihm den Zucker. :)
„Lockruf des Goldes“ und „Die Schatzinsel“ habe ich mittlerweile als DVD, dieses Jahr ist der „Seewolf“ dran, mittlerweile ist klar, das ist nicht primär Nostalgie, die Vierteiler bis Mitte der Siebziger sind zeitlos gut, mit soviel Verve und Einsatz gemacht, kleinere Ungeschicklichkeiten verzeiht man da längst, gehören integral zum Reiz. Von wegen „Einsatz“, erinnert jemand zufällig die Szene aus „Lockruf des Goldes“, in der Elam Harnish, wiewohl mit einem Seil gesichert, von diesem über eine Schlucht gelegten Baumstamm fällt? Rüdiger Bahr ist da tatsächlich abgestürzt, sie haben die Szene drin gelassen, so lief das damals.
Jetzt aber Tür 4: unerschrocken bleiben, Kulturschock. Das Boot der Labiskwee, wenn Sie sich erinnern? „Immer sah er diesem Boot nach, das mit grauenhafter Langsamkeit, wie in einem Traum, das schöne Mädchen in der Ewigkeit verschwinden ließ.“ Im Adventskalender vor 2 Jahren schrieb ich Ihnen schon von diesen ZDF-Weihnachtsvierteilern, Die Schatzinsel, Lederstrumpf, Der Seewolf, Lockruf des Goldes. Wir spielten die nach, und weiter, in unserer Straße, als wir Kinder waren, todernste Rollenspiele bis zum Ende des Winters. Einmal kam der spätere Pjotr zu Besuch und baute in einem der vielen Gebüsche, die zum Stammesgebiet gehörten, mit ungekannter Virtuosität ein Indianerzelt, indem er geduldig Zweige krümmte und verflocht, ohne einen einzigen zu brechen. Unvergeßlich. Unnötig zu sagen, daß ich Chingachgook faszinierender fand als Lederstrumpf. Der, der die Stille sah.
Später dann, als „Lockruf des Goldes“ einmal wiederholt wurde, war mir zwar schon klar, daß dieser Vierteiler vergleichsweise clumsy in der Erzählweise ist, but I got nothing but fond affections even for that; „Nun halten Sie doch endlich mal die Schnauze, ich hau jetzt hier Löcher“ z.B. gehört noch immer zum Standardrepertoire im Alltagsdiskurs. Teil 4, „Vierauge“, kann ich praktisch auswendig. Jede Bewegung von Christine Kaufmann so unbeschreiblich vertraut, daß eine ganz bestimmte gar im Roman auftauchte. „Die Frau machte eine sonderbare Bewegung mit dem Kopf, ein nicht ausgesprochenes Wort betonend.“
Mitte der 90er fand ich den Soundtrack als CD, und die Musik von Hans Posegga zu der Szene mit dem flußabwärts treibenden Boot beschwört mir noch immer meine ganze Wehmut und Sehnsucht herauf, die Labiskwee mir damals in die Seele setzte.
Die Titelmelodie mit der Trompete von Georg Rötzer, über diesem dramatischen, unerbittlichen Rhythmus, in dem das ewige Sichweiterschleppen im Schnee anklingt, diese 100-Meilen-vor-dir-Weite, jedes Melodiestück dabei mit Doppelecho in die Unendlichkeit verlängert: ganz groß.
Fand zudem immer, daß das Stück „Home Is Far From Here“ von Crime & The City Solution in der ersten Minute seltsamerweise auch erstmal eine Labiskwee den Fluß hinuntertreiben läßt.
Catherine:
Aber das ist ja wunderschön! Habe jetzt nur die ersten Minuten vom Lockruf gesehen und einige Szenen mit Christine Kaufmann, als erstes aufgefallen: die Synchronstimme vom main man. Die ist so vertraut aus so vielen Sendungen. Die ganze Geschichte wirkt so angenehm von Anfang an, dass ich wünschte, ich könnte ein paar Tage mit einer simplen, doch ausreichend schweren Sinusitis oder ähnlichem das Bett hüten müssen dürfen, um ganz zu schauen. Hach, das wär was. Dazu noch den ersten Schnee vorm Fenster und die schon früher erwähnten fliegenden Tiere über laublosen Bäumen.
Ausreichend schwere Sinusitis, nun machen Sie mal keine Sachen, bin aber entzückt, daß Sie so wohlwollend reagieren! Überhaupt die Stimmen, mit denen man aufgewachsen ist, nicht wahr? Vermitteln immer noch so ein Zuhause-Gefühl bei Filmen. Der Erzähler hier ist Claus Biederstaedt. Als ich klein war, verwechselte meine Maman immer Claus Biederstaedt und Erik Schumann. Und als sie mit mir mal im Tierpark war, spazierte einer der beiden auch da herum, bzw. folgte uns, bzw. ihr, und sie erklärte mir, das sei ein bekannter Schauspieler. Biederstaedt. Oder Schumann. :)
Rüdiger Bahr spricht Rüdiger Bahr, oh well, den meisten wohl bekannt als deutsche Stimme von Al Bundy. „Lockruf des Goldes“ bekam damals keine guten Kritiken, Bahr mußte immer den dummen Vergleich mit „Seewolf“ Raimund Harmstorf aushalten, die Art der Bearbeitung mißfiel, der Erzähler erzähle zuviel. Die Off-Stimme wirkt ja nun auch manchmal antiquiert, aber zur Hölle damit, ich finde, das ist eines dieser Werke, die gerade mit ihren inneren Katastrophen absolute Meisterwerke sind.
Aus einem Brief, 2012
Wehmut is the key. Then, now. Wehmut ist eine Freundin Aljoschas, like a person, sie schlingt ihre Arme um ihn. Und: „Darum war Wehmut wie eine Silberschlange. Wegen eines wehmütigen 5jährigen Jungen.“ She was always there, in a positive way, and I want to know more about her. Sie hat mir immer geholfen, mich im Bedeutenden zu halten. Labiskwee, Lockruf des Goldes – same thing.
Aus einem Brief , 2013
Die andere Seite von „abberufen“ ist „entsandt“.
Aljoscha denkt an Labiskwee in einem Moment, in dem er fürchtet, daß er SIE verloren hat in diesem Ritual – die Passage geht ja weiter mit: „Er beschloß, mit der nächsten Metro heimzufahren. Erst da nahm er es wahr, das grüne Leuchten IHRES Mantels.“ SIE ist da, war immer da, in a way… in anderen Gestalten. Labiskwee war eine dieser Wehmütigmachenden, denen Aljoscha deep inside immer näher war als dem, was ihn umgab – bis die Eine erschien, die all das in sich vereinte, diese Sehnsucht nach dem Ganz Anderen, das er vor Leda nicht in Worte fassen kann… oder will.
Oliver Kellner, Ulf Marek: Seewolf & Co, Berlin 1999, 134:
„Die Dreharbeiten in Rumänien begannen im Oktober 1974 und sollten acht Monate andauern. Die beeindruckenden Aufnahmen entstanden an verschiedenen Plätzen in den Karpaten, dort vor allem im Retezat-Gebirge, aber auch bei Hirsova [Hârsova] an der Donau (Rumänien), 75 Kilometer nordwestlich von Constanza. In den Karpaten entstanden auch die Aufnahmen vom unbeschreiblichen Zug über den Chilkoot-Paß, der haargenau den Ereignissen aus dem Jahre 1898, als das Goldfieber in Alaska den Menschen den Verstand raubte, nachgestellt wurde.“
Rüdiger Bahr war schon vier Wochen vor Drehbeginn in Rumänien, um zusammen mit Serge Nicolaescu, dem rumänischen Co-Regisseur, in den Bergen herumzuklettern und Drehorte auszusuchen.
„Sie müssen sich vorstellen, daß diese Chilcoot-Paß-Szene hoch oben in den Bergen gedreht wurde. Um dort hinaufzugelangen, gab es keine andere Möglichkeit, als Hubschrauber einzusetzen oder aber die Leute mit der Gondel nach oben zu befördern. Nun handelte es sich aber nicht um einige wenige Personen, sondern um beinahe 10.000 Statisten. Die mußten alle mit dieser Gondel, die nur 12-14 Personen fasste, tagelang nach oben geschafft werden, so daß dort ganz realistisch ein Zeltlager entstand. So wurde diese unglaubliche Menge an Statisten mit Hunden und Material nach oben geschafft – wer einmal oben war, blieb dort. Wir hatten das Glück, daß wir abends hinunter und morgens wieder hinaufgebracht wurden. Die anderen lebten da oben in den Zelten – das war Wahnsinn. Bei eisiger Kälte haben sie sich Lagerfeuer gemacht, wirklich so, wie es sich in Alaska abgespielt haben muß. Heutzutage kann man sich das gar nicht mehr vorstellen.“ (Rüdiger Bahr, ebd., 140 ff.)
Marc Hairapetian im Gespräch mit Rüdiger Bahr am 30. Juli 2017 im Berliner Hollywood Media Hotel für SPIRIT – EIN LÄCHELN IM STURM:
Hairapetian: Die Musik von Hans Posegga, die mit ihrem synthetischen, stapfenden Rhythmus die Goldsucher symbolisiert, während das von Georg Rötzer gespielte Trompetensolo mit Echoeffekt den „Lockruf“ intoniert, zieht einen auf hypnotische Weise ins abenteuerliche Geschehen. Kann man bei aller formalen Qualität, die den Mehrteiler auszeichnete, sagen, dass man als Schauspieler bei dieser Produktion auch an seine körperlichen Grenzen ging?
Rüdiger Bahr: Absolut! Ich war damals genauso verrückt wie Nicolaescu. Der hat dem Kameramann die Kamera weggerissen und die gefährlichen Sachen selbst gedreht. Ich habe, blöd wie ich damals gewesen bin, die ganzen Stunts wie das Balancieren über die Schlucht auch ohne Double gemacht. Dabei war es gar nicht nötig. Wir hatten hervorragende Stuntmen. Die rumänischen Kaskadeure galten damals als die besten der Welt. Doch ich hatte diesen merkwürdigen Ehrgeiz. – Noch ein Satz zum Soundtrack von Posegga: Der war natürlich fantastisch. Fast noch besser als beim „Seewolf“. Mit minimalen Mitteln erreichte er maximale Wirkung!
Hairapetian: Besonders berührend ist die letzte Episode „Vierauge“, bei der Elam und die von der im letzten Jahr verstorbenen Christine Kaufmann gespielte weiße Häuptlingstochter Labiskwee vor ihrem aufgebrachten Vater fliehen und sich auf eine an körperlichen wie seelischen Torturen reiche Irrfahrt begeben, die alles in den Schatten stellt, was Elam bisher ertragen hat.
Rüdiger Bahr: Es war aber auch bei den Dreharbeiten eine Art „struggle of life“. Sie müssen sich vorstellen: Wir waren in Rumänien zur Zeit von Nicolae Ceausescu. Wir konnten uns nicht einfach waschen, wenn wir vorher im Dreck lagen, weil die Duschen im Hotel nicht funktionierten. Wir mussten zu irgendeiner Kaserne fahren, wo sich Soldaten befanden, und duschten uns dort. Oder Sie bestellten eine Flasche Wasser und da schwammen Fliegen drin – in der geschlossenen Flasche! Solche Dinge passierten ununterbrochen. Wir drehten ja nur selten im Studio Bukarest. Fast alles spielte draußen – in der Wildnis des geografischen Dreiecks Schwarzmeer-Karpaten-Eisernes-Tor. Durch diese Umstände konnte sich keiner ein Stargehabe leisten. Es ging darum: Kriege ich etwas zu essen? Wie weit müssen wir noch laufen? Außerdem war Christine ein Vollprofi. Das sind immer die, die am leichtesten zu handlen sind. Sie sind schwierig im Privatleben, aber in der Arbeit perfekt.
In diesem Jahr mußte man, also ich, gleich um drei Damen trauern, die zu gewissen Zeiten meines jungen Lebens unbeschreiblichen Eindruck auf mich machten. Christine Kaufmann, Karin Dor – und Christine Keeler. Yes. Verstand noch nichts, aber daß Schönheit Weltreiche zu Fall bringt, verstand ich.
„Ugliness hates beauty“ sagt Kirk Douglas als Major Steve Garrett in „Town Without Pity“ / „Stadt ohne Mitleid“ von 1961. Ein Satz, der erstaunlich viel erklärt, aus einem Film, in dem die 16jährige Christine Kaufmann Karin Steinhof spielt, Opfer eines gang rape durch US-Soldaten – eine zutiefst berührende, bewegende Darstellung. Auf imdb heißt es in einer Rezension gar: „This is undoubtedly Kirk Douglas‘ finest performance (…) But rookie actress Christine Kaufmann completely steals the show in what must have been a very difficult performance. She deserved an Oscar, not just a second-rate Golden Globe.“
Barbara Rütting: The ugly made a fine case against the beautiful today, didn’t they?
Kirk Douglas: They generally do.
Der Titelsong von Gene Pitney – When these little minds tear you in two:
Für ihre Darstellung der Karin in „Town Without Pity“ / „Stadt ohne Mitleid“ (1961) bekam Christine Kaufmann den Golden Globe als beste Nachwuchsschauspielerin. Der Film ist deprimierend, absolut scheußlich, aber großartig. Zugleich hoffnungslos dated und traurig aktuell. Kirk Douglas in Hochform und Robert Blake irgendwo auf seinem seltsamen Weg zwischen den Kleinen Strolchen und dem Mystery Man in „Lost Highway“.
Monika Cate:
Kann mich noch gut an „Stadt ohne Mitleid“ erinnern, ich war 14 als ich ihn sah und er hat mich tagelang beschäftigt.
Christian Erdmann:
Das kann ich mir vorstellen! Painful to watch. Wirklich beeindruckende Performance von Kirk Douglas, der von Sympathie und Mitleid für das Mädchen erfüllt ist und sie dann doch vor Gericht brutal in Stücke reißt und im Grunde nochmals vergewaltigt. Nicht wenige seiner Fans haben Douglas offenbar den Film sehr übelgenommen. – Sollte klar sein, daß ich sehr verschossen war in Christine Kaufmann nach dem ZDF-Vierteiler. Und es irgendwie auch immer blieb, aber leider wird selten gewürdigt, daß sie als Schauspielerin wirklich bemerkenswerte Dinge tat, sometimes.
Bewegend auch, wie Kirk Douglas mit seinen 100 Jahren noch von zärtlicher Erinnerung an sie erfüllt war und wie bestürzt er reagierte, als er hörte, daß sie dem Tod nah war.
29.05.2021
Monika Cate:
Ja, ist mir schon seit Spiegel Forum Zeiten klar, dass du verschossen warst in Christine Kaufmann! Und sehr verständlich. ❤️ Leider hab ich den „Lockruf des Goldes“ Vierteiler nie gesehen.
Christian Erdmann:
Kam damals nach dem Smash Hit „Der Seewolf“ nicht so gut weg bei der Kritik, mir egal. Die halbe Stunde ihrer Flucht ist im Grunde das, was mich nicht mehr losließ, seit ich 16 war. Beide, Christine Kaufmann und Rüdiger Bahr, haben enorme Strapazen auf sich genommen, Dreharbeiten unter harschen Bedingungen in Rumänien, Rüdiger Bahr fällt tatsächlich selbst von Baumstamm in einer dieser Szenen am Anfang.
03.06.2021
Monika Cate:
Hatte heute Abend Zeit und Lust und bin noch ganz erschöpft von den Strapazen, welche die beiden durchlebten…und kann mir lebhaft vorstellen, warum diese 30 Minuten solch einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben! Ihre hoffnungslose Reise in eine imaginäre Welt, die in diesem Boot endet, einfach ins Unendliche verschwindend. Danke dir ❤️
Christian Erdmann:
Oh! Wie schön, daß Du es Dir angesehen hast. Meine Liebe zu diesem Teil 4 ist natürlich pure Idiosynkrasie, hochnotpersönliches Verfallensein, etwas daran hat die adoleszente Faszination einfach überdauert… ich hab ja im Roman angedeutet, was. :) Ja, das beschreibst Du traurig schön, „ihre hoffnungslose Reise in eine imaginäre Welt“. – Objektiv betrachtet sicher voller *flaws*, dieser Vierteiler, aber ich mag diesen altmodischen Stil, mit der Erzählerstimme etc. Und die Musik von Hans Posegga ist phantastisch.
„abberufen“. Schönes Wort. Auch tief. Hört man nicht mehr so oft.
01.06.2013
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
„Nun, darüber darf ich nicht sprechen, denn es beinhaltet das Mysterium der Transzendenz der Zeit, so daß ich innerhalb einer Stunde der irdischen Zeitrechnung die Ernte eines Äons eingebracht habe, und in zehn Leben könnte ich das nicht erklären.“ – Crowley. :)
SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – was lohnt es noch, zu lesen?“ 05.11.2007
Christian Erdmann:
Um kurz zu intermittieren: Carl Einstein, Bebuquin. Ein Gefühl beim Lesen, als würde man durch Bilder von Clovis Trouille wandern.
Durch die regengepeitschte Nacht fuhr in ihrem Auto die Schauspielerin Fredegonde Perlenblick. Sie hörte außerdem auf den Namen Mah bei jüngeren Liebhabern, Lou, wenn sie dämonisch war, und Bea, wenn sie eine Familie zu ersetzen suchte. Sie fuhr mit zwei erschrecklich blendenden Scheinwerfern, die im glitschrigen Asphalt, in dessen Regenwasser die Schatten der letzten Trotteurs gaukelten, weiße Lichtgruben aufrissen. Ihre Autohuppe hatte entschieden dramatische Kraft. Der Chauffeur hielt einen tragischen Recitationsstil inne, die Huppe hatte das dramatische R. Auf dem Dache des Coupés war ein Kintop angebracht, der den verschlafenen Bürgern zeigte, wie die Schauspielerin Fredegonde Perlenblick sich auszog, badete und zu Bett ging. Ehe es dunkel wurde, erschien über dem Bett kalligraphisch ‚Endlich allein?‘ Unter der Bilderreihe des rasenden Kinema stand zum Beispiel „Ich trage den Strumpfhalter ‚Ideal'“ oder sonst irgend eine wertvolle Empfehlung. Die Schauspielerin ließ vor der Bar halten. Sie stieg aus, es war noch niemand da. Ihr erster zündender Blick, der das Lokal durchkreiste, blieb unerwidert. Sie setzte sich hin und war schön für sich selbst. Bebuquin stieg über die Schwelle. „Gnädigste, Sie sitzen auf einer Hypothese.“
Bebuquin fuhr Euphemia an die Nase und umarmte sie zugleich leidenschaftlich. Ein Sturmregen pointilliert die großen Scheibenfenster. „Man hat bis jetzt die Vernunft benutzt, die Sinne zu vergröbern, die Wahrnehmung zu reduzieren, zu vereinfachen. Im ganzen, die Vernunft verarmte; die Vernunft verarmte Gott bis zur Indifferenz; töten wir die Vernunft; die Vernunft hat den gestaltlosen Tod produziert, wo es nichts mehr zu sehen gibt. Noch für Dante war der Tod ein Vorwand für Glanz, Farbe, Reichtum und Lust. Nehmen wir unsere Sinne, entreißen wir sie der Ruhe der Stupidität platonischer Ideen, beobachten wir den Moment, der viel eigenartiger ist, als die Ruhe, weil er differenziert und charakteristisch ist, gar keine Einheit hat, sondern sich zwischen vorn und hinten restlos aufteilt.“ Der tote Böhm tanzte dankend auf Euphemias Hut und versank im Buffet; er legte sich wieder in eine seltsame Cognacsorte, die er von jeher geliebt.
Weiter mit dem regulären Programm.
06.09.2010
I’m a Substitute:
… und der angeschlagene Tonfall muß der Sache selbst angemessen sein. Wahrscheinlich konnte ich deswegen bei aller Verehrung für Carl Einstein mit seinem „Bebuquin“ nichts anfangen…
Christian Erdmann:
Schade. Aber genau darum ging es Einstein ja auch nicht, um das „der Sache Angemessene“, wäre schlecht möglich bei einer Kampagne wider erzählerische Mimesis & „wirklichkeits“-verhaftetes Erzählen, da entsteht „die Sache“ von vornherein anders, im ästhetischen Experiment selbst. Und wenn, erstes Kapitel erster Satz, die Scherben eines gläsernen, gelben Lampions auf eine weibliche Stimme klirren, dann ist die Sache einfach da, bereit für Faszination oder Verständnislosigkeit. Was wäre denn für diesen Satz jene Sache, zu der es „angemessen“ zu sein gälte?
Clovis Trouille, Le palais des merveilles (1907 – 1927 – 1960)
„Man muß einsehen, ihr Dummköpfe, daß die Logik nur Stil werden darf, ohne je eine Wirklichkeit zu berühren. Wir müssen logisch komponieren, aus den logischen Figuren heraus wie Ornamentkünstler. Wir müssen einsehen, daß das Phantastische die Logik ist.“
(Carl Einstein, Bebuquin, Stuttgart 1985, 7)
„Bebuquin, sehen Sie einmal. Vor allen Dingen wissen die Leute nichts von der Beschaffenheit des Leibes. Erinnern Sie sich der weiten Strahlenmäntel der Heiligen auf den alten Bildern und nehmen Sie diese bitte wörtlich.“
(ebd., 12)
„Man muß das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit ist. Das Wunder ist eine Frage des Trainings.“