Alphonsine Plessis, die sich als Pariser Kurtisane Marie Duplessis nannte, wurde am 15. Januar 1824 geboren. Sie war das Vorbild für die Figur der Marguerite Gautier im Roman „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas fils, der einer ihrer Liebhaber war.
„Auf dem Schreibtisch liegt die gelblichbraun gewordene, vom Sarkophag der Alphonsine Plessis genommene Blüte aus Paris. Aljoscha hatte sie auf dem Montmartre-Friedhof von einem der Buketts gepflückt, die man der Kameliendame noch immer auf das Grabmal legte. Eine Blume, mit der irgendein schwärmerischer Bewohner der Stadt sich für eine stille Huldigung zu diesem abgelegenen Platz begeben hatte, wo die mit 23 Jahren an der Schwindsucht gestorbene Kurtisane bestattet war, eine solche Blume vom Grab zu nehmen und sie aufzubewahren, schien Aljoscha kaum weniger wert als das Bringen einer Blume.
Es war mehr als hundert Jahre her, daß Alphonsine, die Attraktion der Pariser Salons, Maskenbälle und Theater, kurz vor ihrem Tod gesagt hatte: ‚Niemand hat meine Liebe je erwidert. Das ist das eigentlich Grausige in meinem Leben.'“
Ich habe für eine Handvoll Euro einen Plattenspieler und dazu nun auch endlich die Charlotte Sometimes Maxi für noch eine Handvoll ersteigert. Es knistert und klingt nun ganz besonders curig in meinen vier Wänden – herrlich! Zusammensammlung aller fehlenden Platten wird folgen müssen. Auch schön: die guten alten Cover.
„Ungeduld des Herzens“? Hmhm, und wie hieß noch mal dieses Südstaaten-Nordstaaten-Epos mit Patrick Swayze, so ein Mehrteiler, den man sich immer wieder ansehen kann? Ihr Good–Old-Europe–Monopoly ist ja eine grandiose Idee!! Sollten Sie sich patentieren lassen. Obwohl – auf sowas kommt ja sonst niemand.
Ich lese grad das neue Werk von Zafón, „Das Spiel des Engels“. Dachte schon, es sei nur ein schnell zusammengehauener Nachfolgeabklatsch von „Schatten des Windes“, Verdacht bestätigt sich bisher nicht.
>Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?< >Auch zwei. Und eine Bibel. Eine handliche, wenn möglich.< >Das dürfte kein Problem sein. Dalmau?< Ein Angestellter eilte herbei. >Dalmau, der liebe Martín benötigt eine Bibelausgabe nicht dekorativer, sondern lesbarer Natur. Ich denke an Torres Amat, 1825. Was meinen Sie?< Eine der Besonderheiten von Barcelós Buchhandlung war, dass hier von den Büchern wie von edlen Weinen gesprochen wurde – samt Bouquet, Aroma, Konsistenz und Jahrgang. >Vortreffliche Wahl, Senor Barceló, obwohl ich eher zur aktualisierten, duchgesehenen Ausgabe neige.< >1860?< >1893.< >Natürlich. Stattgegeben. Packen Sie sie dem lieben Martín ein, geht auf Kosten des Hauses.<
Sehen wir mal, was heute in Ihrem Adventskalender ist: ah ja, Weihnachten ist ja auch die Zeit der charmanten Charmeure der 50er.
Wackeln im Sturm! Lief mal kurz vor dem Karton mit den wie Flüchtlingen sich zusammendrängenden Dingen, die keine Heimat mehr hatten. Lesley-Anne Down und „The Joshua Tree“ gehören für mich auch untrennbar zusammen, die John Locke’schen Ideenverbindungen halt.
Plattenspieler, schick! Ich hab meinen auch noch, allerdings nur noch drei Singles aus den 60ern, zwei von Francoise Hardy und eine von Michel Polnareff, die wir mal bei einem Pariser Bouquinisten erwarben, der genauso aussah wie der jüngere Bruder von Michel Polnareff zu „La Poupee qui fait non“-Zeiten. Die Cover allein sind göttlich. Die erste LP, die ich erwarb, war übrigens „Sticky Fingers“, die stellte ich immer auf die Tastatur eines 100-Mark-Klaviers. Das hatte hübsche Beine und ich hab mir später ein Regal aus denen gebastelt.
Bin schon puddingweich gekocht, ersinne Strategien für Weihnachtsbaumanschaffungsüberredung, will James Stewart mit Donna Reed und fürchtete vorhin schon, hierfür mit Pfeffernüssen vom letzten Jahr beworfen zu werden, aber wie kann man dem widerstehen? Raveonettes, The Christmas Song.
Hah, Wackeln im Sturm, ja! Kirstie Alley als zickige Virgilia und diese puppige Blonde als Liebchengegenspielerin – zu schön. Und Madeline im Rotsamtenen an der Kirchenruine auf Orry wartend. Die Dinge, die sich „zusammendrängen wie Flüchtlinge“, ein weiteres eindrucksvolles Bild aus Ihrem Hauptwerk. Ebenso wie die Worte: „Ich werde nicht mehr schön sein…“ zusammengefasst ja auch in dem B-Seiten Stück von den Sisters „I don’t exist when you don’t see me, I don’t exist when you’re not here“.
Sie bauten das Sticky Fingers-Klavier zum Regal um? Sehr schön. Ich verwarf die Idee, Klavier spielen zu wollen, während ich unter dem Wohnzimmertisch auf dem Teppich liegend meinem virtuos in die Tasten hauenden Bruder lauschte. Da hatte ich keine Chance. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte, aber die Punkte und Striche auf den Zeilen blieben mir ein Rätsel und langweilten mich nur, während die Buchstaben in den Büchern aufgeregt riefen und winkten, bis ich mich ihnen wieder zuwandte. Heute morgen klaute ich mir drei Stunden und las Zafón aus. Urteil kommt noch. Auf die 50er kommen wir noch zurück, für heute – Advent, Tag 2: ein großartiger Song, – makes me dance – und ein gutes Video mit einer STORY, nämlich einem MÄDCHEN in einem KLEID und ihren rotzcharmanten RETTERN.
Mädchen-Kleid-rotzcharmante Retter ist eine klasse Geschichte. Zum Regal, ja. Meine Mutter fand, es nehme nur Platz weg, nahm eine Axt und zerlegte es für den Sperrmüll. Unfaßbar, aber sie war immer eine unerschrockene Frau. Die Beine rettete ich, jetzt steht mein Selbstbau im bordellroten Korridor. Apropos Architektur, ich sagte ja schon, daß ich auf Ihr Urteil Häuser baue, muß mir dann nur noch einen Platz zum Zafón-Lesen suchen. „Assez, Christian!“ (Thomas Mann, Buddenbrooks). Türchen:
Süß ist die Frau Goldfrapp! She Wants Revenge sind ganz groß, ebenso wie die Editors. Bordellrot? Grins. Unsere Puppenstube erstrahlt in weiß, nur die Küche ist bordeauxrot getüncht. Zafón. Hm. Ich hatte erwartet, befürchtet, dass es ähnlich ist, und auch erhofft. Am Ende weiß man, es muß so sein. Gegen Ende wird es mir eine Spur zu brutal, aber das ist in Ordnung. Hab erst gedacht, die wunderbare Person fehlt, Sie wissen, wen ich meine, der Freund, der an der Seite bleibt bis zum bitteren Ende. Fehlt aber gar nicht, ist nur ganz anders und ganz wunderbar. Also, lesen! Egal wo, man vergisst eh Zeit und Raum und zieht solange nach Barcelona, in ein altes Haus mit einem Turm.
Na toll, schieben Sie mich nur in eine Muppets-Nacht. Tigellinus, meine Tränenvase! Zafón. Hm. Hm. Bücherdiebstahl wird doch von den Göttern verziehen, oder? So, Sie wollten es nicht anders!
Uaah, jetzt hab ich Monsterfutterklaubie – Q-CHEN!! :) Ich bin da ja ganz altmodisch und leihe mir die Bücher wieder aus. Am Hühnerposten gibt es so einen Bestsellertisch mit den wichtigsten neuen Sachen gegen geringe Gebühr. Prima Einrichtung. Zwischen manchen Regalen fühl ich mich zuweilen wie auf dem Friedhof der vergessenen Bücher. Frau Paglia hab ich da auch ausgegraben. Da fällt mir ein, dass meine Saturntochter mir kürzlich einen Vortrag darüber hielt, dass sie „Miete zahlen“ für absurd hält, schließlich müsse man ja irgendwo wohnen und es sei keinesfalls haltbar, dafür Geld zu verlangen.
Saturnmädchen sind verkappte Altruisten. Sie haben ständig Pläne zur Weltverbesserung, die schlagend einleuchtend und radikal sind, müssen zur Umsetzung aber immer erst aus dem Blei raus. Auf dem Friedhof der vergessenen Bücher weilt doch bestimmt auch „Malpertuis“ von Jean Ray? Es gab da mal eine phantastische Verfilmung mit Mathieu Carrière und Orson Welles, aber der Roman ist noch ein anderes Kaliber. Könnte Ihnen gefallen.
Moi, ich fand es nicht fair, daß der Protagonist auch noch Christian hieß, ich liebe diesen Song mit David Bowie aus „Moulin Rouge“, „Nature Boy“, aber eben auch besonders in dieser Version mit Massive Attack, der Song ist eigentlich schon vorbei, und dann klingt es so, als würden sich die Maschinen nochmal von selbst anwerfen. Ich liebe das.
Am 19. August 2010 verstarb im Backstagebereich des Pukkelpop-Festival in Hasselt, Belgien, Michael Been an den Folgen einer Herzattacke. Michael Been hatte in den Achtzigern mit seiner Band The Call einige Erfolge verzeichnet, ohne daß es, bei allem Kritikerlob, je zum Meisterstreich und zum prophezeiten Kapitel in der Musikgeschichte gekommen wäre. 1988 erschien Been mit seiner Jedermannphysis als Apostel Johannes in „The Last Temptation of Christ“ von Martin Scorsese. Eine Dekade lang widmete Michael Been dann sein Leben jener Band, die sein Sohn, Robert Levon Been, 1998 zusammen mit Peter Hayes in San Francisco gegründet hatte. Michael Been begleitete Black Rebel Motorcycle Club als Soundman auf Konzerttourneen, trat bei BRMC-Alben zuweilen als Produzent in Erscheinung, vor allem aber war Michael Been ein liebevoller Mentor, dessen Rat auf persönlicher wie kreativer Ebene für die Band von unschätzbarem Wert war. Eine inspirierende Kraft, ein Schutzengel, und wie ein Vater auch für Peter Hayes. Robert Levon Been im Februar 2013 auf qthemusic.com:
„We all went through a pretty great loss with my father passing away. He was a really important person in our lives. He really held us together through a lot of hard times. And that was from the very beginning. As an example, I don’t know a lot of people know, but at high school Peter [Hayes, guitarist] was having a lot of trouble at home and was living in a van. So when I started playing guitar with Pete he would end up parking in the driveway. We’d go to school, play at night and he’d crash in our driveway, and so my father ended up taking him in and he became part of the family. It’s where he’s lived ever since. So it’s a huge thing to lose him. He went out on the road with us, every tour doing the front of house sound, so all us – not just me – were hit pretty hard.“
BRMC sagen im August 2010 zunächst alle weiteren Konzerte ab, treten dann aber doch, drei Tage nach Michael Beens Tod, am 22.8. beim deutschen Area 4-Festival auf. In einem der 6 Short Films zu „Specter At The Feast“ sagt Robert: „I decided that if I didn’t get back on stage and start playing again, then I might… I’d never pick myself back up.“
Es gießt in Strömen beim Area 4, Monitore fallen aus, Gitarren auch, „I looked over to Peter and Leah“, erzählt Robert rückblickend, „and I just felt so honored“ – mit diesen beiden Menschen auf einer Bühne zu stehen. In der Menge wissen zu diesem Zeitpunkt nur die Wenigsten, unter welchem Schock die Band steht. WDR-Kameras halten die Verzweiflung fest, auf YouTube werden die Ausschnitte mittlerweile kommentiert mit Sätzen wie: „I couldn’t watch it at first because they all looked shattered.“ – „Fuck, I’m in tears. Area 4 festival was really intense.“ – „Everything fell apart… but the gig was in a strange way intense… At that time, nobody knew that his dad had just passed away…“ – „I just watched Berlin from that concert… hard as fuck to get through the whole video.“
Was vermutlich auch kaum einer wußte oder im Sinn hatte: der 22.8. ist Robert Levon Beens Geburtstag.
Drei Monate vorher hatten wir BRMC in der Hamburger Markthalle live erlebt. Und aus meinem Bericht für die Akademie von 2010 darf ich zitieren:
„Beat The Devil’s Tattoo. Und genau das ist der Auftrag dieser gebeutelten Band. Diesen Sommer starb Robert Levon Beens Papa, der ex-Frontmann von The Call, der für BRMC als Soundmann arbeitete, kurz vor einem Festivalauftritt. Robert kniete mit seinem Bass und seinem Schmerz im Schlamm, überwältigt von der Bürde, gegen all die Verwünschung und Verdammnis anzugehen, gegen die der Sound der Band revoltiert. Auf „Beat The Devil’s Tattoo“ rauhbauziger denn je. Daß jetzt wie bei Velvet Underground eine Frau am Schlagzeug ist, paßt ja nur ins Bild. Aus einem glitzernden Schlitten mit Hochgeschwindigkeit ein Wrack machen, und sich dann den Staub aus den schwarzen Anziehsachen klopfen und weiterstiefeln, um im nächsten Gotta go do wrong die Unverwüstlichkeit zu prüfen.“
Es heißt, daß Robert auf den Knien noch ein R.I.P. in den Schlamm malte. Warum, so dachte man bei diesem Anblick, warum schleudert das Schicksal dieser Band, die sich mit Leah Shapiro am Schlagzeug gerade wieder konsolidiert hatte, immer wieder einen Blitz ins Speichenrad?
Trauer und Erschütterung waren nachhaltig. Es war durchaus nicht sicher, daß die Band weiterbestehen würde, und es brauchte die Monde von zwei Jahren, um eine Tragödie zu überstehen. „Specter At The Feast“ erscheint fast genau drei Jahre nach „Beat The Devil’s Tattoo“, der Albumtitel verweist auf eine literarische Tragödie (Macbeth), Michael Been ist noch überall in dieser Musik – als presence. Kein Fest ohne Geist: es gibt kein Weitergehen ohne den Schmerz der Erinnerung. „Music began as the best way to escape what was out there, all the shit in the world that feels false, everything you want to say against it“, so Robert. Und jetzt? „Music becomes the one place where you can’t escape.“
Der ubiquitäre Dave Grohl stellte sich zum richtigen Zeitpunkt als Katalysator zur Verfügung:
„Our record actually started when Dave invited us to come down and record on the sound board at the studios again. It felt really good recording the song on the equipment we used for the first record [2001’s B.R.M.C.], it was so tempting that we asked: Would it be too much to ask if we snuck in here and tracked some of the songs we’re working on right now? It all spun out from that. Dave was completely gracious and said Come in, use what you want. So we got the run of the place to make our album. From there we hit the ground running, we were in good hands. Before that though, writing the songs, was a lot of work. All of us were all in very different headspaces and we were trying to figure out where we wanted to go – if we wanted to write and play music at all.“ [qthemusic.com]
Mit „Love Burns“, dem ersten Song auf dem ersten Album, beschrieben diese drei – noch mit Nick Jago am Schlagzeug -, daß SIE Himmel und Hölle auf zwei Beinen ist, und eine höhere Wahrheit kenne ich nicht.
She cuts my skin and bruise my lips She’s everything to me She tears my clothes and burns my eyes She’s all I want to see She brings the cold and scars my soul She’s heaven sent to me
Dunkel, mysteriös, sexy, cool: wer sich so durch die Wirrnis bewegt, wer mit dem dritten Song Rock ’n‘ Roll definiert,
wer mir in „Awake“ – so mächtig, samten und hypnotisch – Zeilen überläßt wie
I’ve been awake through the wrong decisions I’ve held my ground now I’m gaining some I’ve held my tongue through the cold realizations I’ve been accused but I’ve only begun
hat mich für immer auf seiner Seite. „Howl“, das phantastische (umstrittene) dritte Album, ist nach dem Poem von Allen Ginsberg benannt, und im neuen Video zu „Let The Day Begin“ erscheint als die einzige mir bekannte Person Jack Kerouac. Beat Generation: besiegt / müde / heruntergekommen, zugleich wach / euphorisch / auf der Suche nach Salvation. „Specter At The Feast“ hat wohl eher verhaltene Reaktionen ausgelöst. Wer sich wirklich einläßt auf die Platte, findet etwas, das stärker und tiefer geworden ist nach dem alchemistischen Prozeß, der schmerzhaften Transformation, dem Umschmelzen des Bleiernen. Introspektiv, zornig, herzzerreißend, tapfer und bittersüß bis zum Äußersten. Songs wie „Some Kind Of Ghost“ und „Sometimes The Light“ suchen Verbindung zur anderen Welt.
Gegen 21 Uhr kommen sie auf die Bühne der Großen Freiheit, Leah als erstes, Robert mit Kapuze, Peter mit obligatorischer Zigarette im Mundwinkel, mit „Let The Day Begin“, dem Salut für Michael Been – The Call hatten mit dem Song Ende der 80er einen Hit -, beginnen sie, Herzenssache, der Empfang für die fast schon Verlorengeglaubten ist überwältigend. München und Berlin haben sie als Stationen in Deutschland schon hinter sich, am Abend zuvor in Berlin ist Robert Levon Been nach dem Auftritt in der Columbiahalle mit einer Akustikgitarre nach draußen gekommen, um mit einer Schar von Fans ein paar Songs in den Schoß der Nacht zu legen.
Und am Nachmittag in Hamburg spielten BRMC ein „Schaufensterkonzert“ bei Michelle Records, auf den Mitschnitten wirkt Leah ein bißchen krank, hustet in ihren Pullover, und wenn sie an diesem Abend in der Großen Freiheit tatsächlich mit bösen Bakterien zu kämpfen hat, steigt meine Bewunderung ins Unermeßliche. Ich sehe dieser Frau wahnsinnig gern beim Schlagzeugspielen zu. Soviel Körperspannung in jedem einzelnen Schlag, konzentriert, präzise, druckvoll, und doch mit einem femininen Rest von „Frauen schlagen anders zu“.
Jacke überm Geländer, wir haben uns auf Peters Seite in der ersten Reihe installiert, „Rival“ vom neuen Album, Leben mit dem Verlorenen, den Verlorenen, und so leben, als wüßte man, was zur Hölle man sucht, Orte aufsuchen, die man nicht aufsuchen sollte, carry on, Seele finden und in Flammen setzen. Noch kurz das süße Gift Suspense mit „Red Eyes And Tears“, dann geht der Höllenritt los, Schlag auf Schlag, und der Saal tobt. Das neue „Hate The Taste“ („Got a tortured soul, I can’t give it away“), dann „Beat The Devil’s Tattoo“, „Whatever Happened To My Rock ’n‘ Roll“ und „Ain’t No Easy Way“ nacheinander, danach muß man erstmal die Orientierung wiederfinden. BRMC geben einem ja abwechselnd das Gefühl, auf einer Triumph Thunderbird zu sitzen (nachdem man gerade „Whaddaya got?“ genuschelt hat) und den ganzen Dreck hinter sich zu lassen, oder mit dem Teufel Karten zu spielen um die aufreizend langsamen Schritte, die den Raum elektrisieren, und einer von euch beiden sagt „SIE ist die Kugel, auf der mein Name steht“, bloß du weißt nicht wer, der Teufel oder du.
Drittens treibt einen immer spiritual thirst, auch wenn man jede Nacht in den Abyssus fällt, viertens kann man ja wohl nichts dafür, wenn man bei dieser Musik an drei Dinge denkt, Sex, Sex und Sex. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen in Zeiten des Neo-Biedermeier.
Nach „Berlin“ und „666 Conducer“ folgt mit „Returning“ einer der bewegendsten Momente von „Specter At The Feast“. Fünftens, das Hinübergehen auf die andere Seite. Robert Levon Been stürzt sich hinab in tiefste emotionale Tiefen, auf der Platte ist die Zeile „You found yourself inside a tomb, screaming to the sun“ kaum überstehbar, ohne daß es einem das Herz anhält. A part of you is ending, a part of you holds on. But you must leave and not turn back, knowing what you hold. How much time have we got left, it’s killing us, but carries us on… carries us all. I will follow you till we all return, till we know our souls survived. Till we know you’ll carry us on, carry us on, carry us all.
Plötzlich steht zunächst Robert Levon Been allein auf der Bühne und spielt „Mercy“, dann Peter Hayes mit Akustikgitarre, ein magisches „Devil’s Waitin'“. Wäre das nicht so hypnotisch, würde man sich umdrehen, um der quatschenden Sippschaft im hinteren Teil des Saales ein „Curse active!“ zuzurufen. Mit „Fire Walker“ bricht quasi ein zweites Konzert an, insgesamt spielen BRMC an die 150 Minuten.
„Fire Walker“, der erste Song auf „Specter At The Feast“, beginnt mit Bass-Flageoletts, die der Textzeile „We pass through the gates“ Vorschub zu leisten scheinen, bis Schlagzeug und knarzender Bass einen Soldier On-Rhythmus aufnehmen, der das anfänglich noch schleppende Weitermachen beklemmend illustriert, aber auch den Willen zu Selbstbesinnung statt Selbstmitleid, den Willen, nicht in Depression zu versinken. Die leicht bedrohliche, leicht unheimliche David Lynch-Stimmung, die der Anfang evoziert, weicht nicht völlig, die dunkelste Nacht von allen dauert nicht nur eine Nacht, „Fire Walker“ gemahnt nicht zufällig an „Fire Walk With Me“, im Text erscheint die Zeile „And maybe I’m too blind to see, the fire is all that walks with me“. „Specter At The Feast“ geht unter die Haut mit ergreifender Trauer, doch die Seele in dieser Musik und diesen Lyrics hält Verbindung mit dem, der vorausgegangen ist, „through the gates“, und mit einer elementaren Kraft, die durch alles Verlorensein im dunklen Wald, durch alle Verletzlichkeit führt. Nie klang Robert Levon Beens Stimme so ernst und so zerbrechlich, so weit entfernt und so gespenstisch nah.
„Windows“ mit Robert am Piano, und irgendwann im Lauf des Abends, vielleicht jetzt, spricht der außerhalb der Musik nicht gerade als mitteilsam bekannte Club (böse Zungen sagen „maulfaul“) ein paar Worte für die Ewigkeit. Robert möchte sich bedanken. Er sagt etwas wie: „We had such a good time in Germany, the last couple of days. And I mean you guys are like the best crowd we ever had.“ Peter Hayes applaudiert dazu. Nach dem Konzert in Köln, einen Tag später, hieß es auf derwesten.de:
„Es war die letzte Station auf ihrer einmonatigen Tournee quer durch Europa. Aber das Beste hebt sich auch der Black Rebel Motorcycle Club offensichtlich immer bis zum Schluss auf. Denn Auftritte in Deutschland genießen bei der Alternative-Rockband aus San Francisco einen ganz besonders hohen Stellenwert. Weil ihnen das Publikum hierzulande eine innige Sympathie und Feierlust entgegenbringt, die ihresgleichen sucht.“
Mit „Conscience Killer“, „Stop“ sowie „Love Burns“, nacheinander, explodieren „innige Sympathie und Feierlust“ in ein Inferno. Immer wieder, wenn Hayes singt, kniet Been vor dem Monitor mit seinem roten, abgeschabten Bass, die Augen schließend, verloren in einem Film, der nur hinter seinen Augenlidern läuft. Dann „Lullaby“ von „Specter“, Been singt: „We move through the dark, helpless“, und „You are the hand I can’t reach, you are the words I can’t speak“. Aber auch: „I will walk till I’ve no shadow“.
Mit „Funny Games“ folgt ein weiterer Song von „Specter“ („You stray in the dark but cut through the light of day“ / „Our normal life won’t be the same, there’s no one safe from this“ / „You tell yourself, leave the calling moans“), dann das furiose Finale mit „Six Barrel Shotgun“ und „Spread Your Love“. Das Haus brennt ab. Als Robert Levon Been seinen Bass schließlich abnimmt und an der ersten Reihe entlanggeht, um ein paar Hände zu berühren, erwischt er Madames und meine, und dreht sich auf dem Weg ins Dunkel noch einmal kurz um zu uns. Meine von Robert Levon Been berührte Hand kennt auch Mark Lanegans Hand und verlangt von mir nunmehr, daß ich sie „Sir“ nenne.
Als Zugabe noch zwei der neuen Songs, „Sell It“ – dicker Matsch und so zornig und bösartig wie nur irgendwas, das BRMC je auf Platte preßten, schließlich „Lose Yourself“, das hymnische, fast neunminütige Finale von „Specter At The Feast“, ein einsamer, melancholischer Gang durch Morgendämmerung, das Ende eines langen Abschieds, der Wunsch nach Wiederauferstehung.
Breaks in the light only shape what you see You hold it in a word but never speak Why won’t you lose yourself At all Climbed so high, can’t escape what you dream You feel it in your bones but never ease It’s in your touch but you can’t feel a thing You’re trying not to look at the face you see Tiny little lies replace what you need I see it in your eyes but never reach You can’t keep quiet, you can’t even scream You hold it in your heart but the rest you leave Why won’t you lose yourself At all
Und am Ende dieses Songs geht Robert Levon Been mit Tränen in den Augen von der Bühne.
In die Phase des postkathartischen, noch ungläubigen Sichzurechtfindens in der hellen Welt schaut uns eine junge Frau unentwegt mit großen Augen an, schließlich spricht sie Madame an, aber wir sind zu sehr in den Seilen und hängen im Funkloch. Sie hat uns für irgendwen gehalten, aber wir sind es nicht. Erst draußen kehrt Bewußtsein langsam wieder.
Wir biegen ein in die Schmuckstraße, wo der Tourbus steht und dahinter der Truck, in den schon Equipment geladen wird. Wir schauen eine Weile zu. Madame hat das „Specter“-Booklet in der Tasche und einen Silberstift, also eine Mission.
Nach vielleicht 20 Minuten erscheint eine Gestalt mit Kapuze über dem Kopf und obligatorischer Zigarette im Mundwinkel. Peter Hayes. Er scheint zu erkennen, daß wir ihn erkennen, geht auf der Straße sehr langsam am Truck vorbei, bleibt stehen, ein Taxi will durch, er schaut sich um. Madames Minute, also bleibe ich zurück. Als ich zwischen Truck und Tourbus auf den Bürgersteig komme, sehe ich noch, wie er sagt, „I’ll be right back“, und in den Bus steigt. Als sie da stand mit ihm, so erzählt Madame, hätten zwei, drei andere ihn erkannt und um ein Foto gebeten. Excuse me, Sir? Would you be so kind to sign this? – Sure! – Awesome show tonight. – Oh, thank you.
So hat Madame also seinen Schriftzug auf dem Booklet und wir sitzen da auf einem dieser gemauerten Vorsprünge an der Halle und versuchen immer noch, uns zu fassen. Nach fünf Minuten kommt er, Peter Hayes, durch die Lücke zwischen Tourbus und Truck. Auf uns zu. Er ist auf der anderen Seite ausgestiegen, auf der Straßenseite. „Have they gone away?“, fragt er uns, und meint die Leute, die ein Foto mit ihm wollten. „Yeah, I think they’re gone, actually“, sage ich. Das hätte er auch vom Bus aus sehen können, daß die weg sind. Es scheint, als hätte er wenig Lust auf ein Foto gehabt.
Und so sitzen wir da, und vor uns steht Peter Hayes, und wir plaudern ein Minütchen. „It’s so good to have you back“, sage ich. „Please come back soon.“ – „Thank you!“ – Leicht überraschter Blick von ihm, etwas, das wie echte Dankbarkeit aussieht. Und als ich sage, daß ich, schließlich bin ich Untoter, „Robert’s dad“ mit The Call noch live gesehen habe, im Vorprogramm von irgendwem, daß ich mich aber for the life of Jehovah nicht mehr erinnern könne, für wen The Call damals als Support spielten, „maybe Iggy Pop or The Church“, sagt Peter, „Oh yeah? They toured with Chrissie Hynde… and The Pretenders…?“ – Nein, nie gesehen… – „Echo & The Bunnymen?“ – „Yeah, possibly!“
„Thank you guys for coming“, sagt Peter Hayes und schleicht auf demselben Weg zurück, den er gekommen ist.
Alles durchdringt Schmerz. Aber das Leben ist episch und großartig. Let The Day Begin.
Sometimes the silence is all we know, in every picture a fallen love Sometimes the light turns out to right all of these wrongs Sometimes the fallen are all we know, in every picture a silent home Sometimes the light turns out to shine with everyone
BRMC, „Sometimes The Light“, 2013.
Peter Hayes
Let The Day Begin Rival Red Eyes And Tears Hate The Taste Beat The Devil’s Tattoo Whatever Happened To My Rock ’n‘ Roll Ain’t No Easy Way Berlin 666 Conducer Returning Mercy (Robert Solo Acoustic) Devil’s Waitin‘ (Peter Solo Acoustic) Fire Walker Windows Conscience Killer Stop Love Burns Lullaby Funny Games Six Barrel Shotgun Spread Your Love
Eine kurze klärende Aussage vorweg: anders als der nickname vermuten lässt, ist der Autor dieser Rezension in keiner Weise mit dem Autor des besprochenen Romanes verwandt oder verschwägert. (*)
So, jetzt aber zum Roman: Dieser ist auf vielerlei Weise phantastisch (mit „ph“). Eigentlich ist die Story ja eher gewöhnlich, mag im Alltag tausendmal vorkommen: Mann ist mit Frau zusammen, verliebt sich aber in eine andere Frau. Wird dadurch aus seinem Alltagsstrudel gerissen, fängt an, sich über sich und sein Leben Gedanken zu machen… Typische Midlife-Crisis, etwas verfrüht vielleicht, mag man sich denken. Phantastisch ist, was Christian Erdmann aus dieser Geschichte macht. Wir erleben den Protagonisten so hautnah, dass wir mit ihm fühlen. Wir verlieben uns ebenfalls in die „Katzenmenschenfürstin“, die sein Leben durcheinander bringt, wir zittern, ob sie sich für uns entscheiden mag oder nicht. An anderer Stelle dagegen rufen wir Aljoscha zu: „Bleib bei deiner langjährigen Liebe, sie ist doch viel eher für Dich geeignet“ und denken „Du Idiot“ – ganz im Sinne des Titels. Kurzum, dieser Roman lässt uns einfach nicht kalt.
Denn Christian Erdmann versteht es einfach auf fantastische Art und Weise (jetzt mit „f“) die Gefühle, die Aljoscha empfindet, in Worte zu fassen, etwa, wenn er Aljoscha in ein Selbstgespräch mit „Wehmut“ verwickelt. Oder wenn Aljoscha darüber sinniert, ob sich die Sonne wohl ausschließlich um die Katzenfrau drehen mag und Zusammenhänge herstellt, die so eigentlich nie bestehen könnten. Dank der Referenzen an diverse Popmusiker, Philosophen und Poeten wissen wir zudem: in jedem gewöhnlichen Drama eines gewöhnlichen jungen Mannes steckt ein Teil des großen Weltendramas. Und wie großartig erst der Schluss ist – wird hier nicht verraten.
Und wer diesen Roman nicht mag – nun ja, der war vermutlich noch nie richtig verliebt.
„Beat The Devil’s Tattoo“. Und genau das ist der Auftrag dieser gebeutelten Band. Diesen Sommer starb Robert Levon Beens Papa, der ex-Frontmann von The Call, der für BRMC als Soundmann arbeitete, kurz vor einem Festivalauftritt. Robert kniete mit seinem Bass und seinem Schmerz im Schlamm, überwältigt von der Bürde, gegen all die Verwünschung und Verdammnis anzugehen, gegen die der Sound der Band revoltiert. Auf „Beat The Devil’s Tattoo“ rauhbauziger denn je. Daß jetzt wie bei Velvet Underground eine Frau am Schlagzeug ist, paßt ja nur ins Bild. Aus einem glitzernden Schlitten mit Hochgeschwindigkeit ein Wrack machen, und sich dann den Staub aus den schwarzen Anziehsachen klopfen und weiterstiefeln, um im nächsten Gotta go do wrong die Unverwüstlichkeit zu prüfen.
[SPIEGEL ONLINE Forum 01/2011: Best of 2010]
Black Rebel Motorcycle Club, Markthalle Hamburg, 02.05.2010
Für mich bitte Beruhigungstee. Ich hatte zwar die Ahnung, daß die es einem so richtig besorgen, aber ich hatte nicht gewußt, was die darunter verstehen, es einem so richtig zu besorgen. Die spielen, bis keiner mehr steht. Drei Kreislaufkollapse im Orbit einer Armlänge um uns herum. Kolläpse? Man fühlte sich wie in einer Waschmaschine. Alles naß, alles drehte sich. Irgendwann mittendrin Robert Levon Been allein mit Dylans „Visions Of Johanna“. Bei „Ain’t No Easy Way“ dachte ich, toll, wir waren dabei, als die altehrwürdige Markthalle sich selbst zerlegte. Später dachte ich, ich müßte mal kurz raus und dem Bischof in der Dampflokomotive die Mitra vom Kopf hauen, aber dann dachte ich, solange Leah Shapiro, die neue Schlagzeugerin, noch nicht in den Stiefeln stirbt, werde ich das auch nicht tun. We don’t know where to stop. Nehmt sie wörtlich.
Das war Sex. Erscheinung und Musik von Danny „Lee Blackwell“ Rajan Billingsley und seinen 4 Mitstreitern, unter ihnen Supportmann Calvin Love, verwandelten das Molotow ins Roadhouse aka The Bang Bang Bar. Dieser Mister Danny Lee Blackwell Rajan Billingsley ist wahrscheinlich nicht geboren zum Superstar und das ist wahrscheinlich gut so, aber der psychedelisch-psychotische Aufruhr der Night Beats hat diese winzige Bühne quasi abgefackelt, was für ein Sound, nur der Herr weiß, wie man so glasklar und distinguiert so dirty sein kann. Wären Che Guevara und Quentin Tarantino eigentlich Brüder, wäre Danny Lee der dritte Bruder. Tropft schon nach fünf Minuten aus allen Rohren, behält aber stilecht den Hut auf. Auch Sam Thornton, der Bassist, trägt Texashut zu eisiger Coolness / Strangeness und sieht exakt so aus wie ein von David Lynch imaginierter Bassist. „Her Cold Cold Heart“ vom neuen Album „Myth Of A Man“ verlängert mir die Nacht, indes sogar der Merch-Man was murmelte von „das ist ihre Beste“ (zu „Who Sold My Generation“), implizite Kritik an „Myth Of A Man“ also. Mir egal. Die haben (oder Blackwell hat) in Nullkommanichts den Status erreicht, wo es kein Besser oder Schlechter mehr gibt, nur noch Mäandern. Hoffe nur, irgendein Line-Up stabilisiert sich. Vorzüglich dieses. Selten so erlebt, daß irgendwas in mir nach einer halben Stunde sagte, shit, in den Sixties werde ich Go-Go-Tänzerin.
Blackwell verehrt Dylan, zumal den lustvoll elektrifizierten der Mid-60s, die Night Beats haben „Obviously Five Believers“ von „Blonde On Blonde“ gecovert. Die manische Energie eines Dylan-Songs aus dieser Zeit, die durch sehr dunkle Seitengassen deliriert: das wäre so in etwa das Vorbereitungsprogramm für „No Cops“. Für das Video gibt es kein Vorbereitungsprogramm.
„Love Ain’t Strange (Everything Else Is)“ ist eh geschrieben an die Innenseite meines Schädels.
Auf „Vultures“ ist der mit Danny gut befreundete Robert Levon Been von Black Rebel Motorcycle Club zu hören.
Danny Lee Blackwell auf zwei Zeichnungen der brillanten Paula K. Völker (die von Black Rebel Motorcycle Club gebeten wurde, das Artwork für „Specter At The Feast“ zu gestalten). Für die Genehmigung Special Thanks to Special Paula K.
Lange tat ich so, als haßte ich sie wie die Pest – sicheres Zeichen. Dann saß ich im Klassenraum neben ihr. Unerhört. First boy dares. Alle liehen ihr Ohr den süßen Anspielungen und warfen sich vielsagende Blicke zu. Die Störenfriede lästerten, aber allesamt begehrten sie Iris. Iris mit ihrem rotbraunen Francoise-Hardy-Haar, den Rehaugen und den langen Beinen. Sie hat mich im Zimmer ihres guten Freundes, des transvestitischen Peter T, mit Ziggy Stardust bekannt gemacht. Iris kümmerte sich nicht mehr um den Zinnober linkischer Jünglinge. Sie wußte, daß alle sie begehrten, und sie spielte die Rolle der scheuen Göttin blendend. Sie war kein Mädchen mehr. Sie war mein Inbegriff von Weiblichkeit. Irgendeine Party, die irgendein Dunstkreis von Typen nur stattfinden ließ, um Iris und mich unserem Schicksal zuzuführen, ich wußte es, Iris wußte es, alle wußten es, sie hielten ihre Gläser mit Whiskey-Cola und wollten es sehen, nun mach schon Junge, ah wie peinlich, und irgendwann im Halbdunkel küßten wir uns, und sie ließ es geschehen, aber ihre Augen sagten: „So geht das nun auch wieder nicht, junger Mann.“ Damn right. Und darum schmecken die Songs von „Goats Head Soup“ immer ein bißchen nach Whiskey-Cola und sehr nach Iris. Die Them-Version von „It’s All Over Now, Baby Blue“, die todsicher aus den verstreuten Trümmerteilen einer dieser Nächte kam, in denen man nicht wußte, wie man jetzt noch nach Hause kommen sollte, klingt nach Iris.
Ihre Arme, die sich so eng um mich schlingen, und natürlich spürt sie meine Erregung an ihrem Körper, wenn wir tanzen, und sie lacht, aber dieses Lachen bedeutete nicht, daß man rote Ohren bekommen mußte. Pink Floyd war nichts für eine beschwipste Iris. „Aaytom… atom… wie?“ Zärtlichkeiten auf dem Bett, aber sie wußte, es war zu spät. Sie war eine Frau, und eine Diva, und ich war immer noch ein Trottel, der auf dem Schulhof Fußball spielte. Und zwar mit einer grandiosen Kondition und unerbittlich, bis der jähzornige Jörg Lorenzen die Schnauze voll hatte, er hatte eigentlich immer von irgendwas die Schnauze voll, er nahm gute 20 Meter Anlauf, trat zu, rammte mir die Beine weg, für einen Moment hing ich waagrecht in der Luft und kontemplierte überrascht den Himmel, dann schmetterte ich auf die Steinplatten und rührte mich nicht mehr. Ich genoß es. Iris sah zu, und ich war soeben Opfer des hinterhältigsten Pausenfußballtacklings in der Geschichte dieses Schulhofs geworden.
Wahrscheinlich wurde sie deshalb meine Traumgöttin noch für ein Jahrzehnt. Iris of my Dream Eye.
Ich sah Sie heute, aber erst im letzten Moment, es war, als fügten Sie und Frau G. sich so perfekt ins Brunnengemälde, dass ich Sie zunächst nicht als lebend identifizierte. Erst als ich schon fast auf Höhe der BS 1 zurückblickte, bemerkte ich Ihr gelbes Halstuch und Sie. Sachen gibts.
Nun ja, genaugenommen sprach Frau G. auch gerade vom Tod und ist jetzt in S., mourning. Heute hingegen mit Frau I. und Frau A. in der Toreinfahrt die psychodramatischen Laboratorien, in denen wir alle stecken, in verzweifeltes Hinweglachen überführt. Just a temporary thing. Später sagte eine Bewohnerin der BS 2 ob des erneuten rein klimatischen Desasters zu mir: „Du Armer“. Ich sagte: „Ein Mann allein im Kampf gegen die Elemente.“ – Sie sagte: „Du müßtest ihn nur mal für uns gewinnen, den Kampf gegen die Elemente.“ – Die Frau hatte einen Punkt. Aber wer ist schon The Perfect Boy.
And the way the rain comes down hard, that’s how I feel inside. Kampf gegen die Elemente ist ein Punkt, ja. Möglicherweise morgen in snow white. Zeit für den Auftritt des Wintermantels. Eine ausgeprägte dissoziative Konversionsstörung bezgl. der Welt insbesondere des Wetters hält meine Wahrnehmung in Verwunderung. Schon wieder Weihnachten? Glauben Sie auch, dass Menschen ein bestimmtes Emotionskontingent zur Verfügung haben? Both qualitativ und quantitativ. Irgendwann weiß man, nein, ich werde nicht wahnsinnig, sondern wahnsinnig wütend. Und das ist dann das Ende des guten Porzellans. I walked away and grew old. Scherben bringen wiederum Glück. Naja.
Nein, ich glaube das nicht, weil das fou in amour fou verrückter denn je ist und die Linie zwischen wahnsinnig und wahnsinnig wütend dünner denn je. Der Kampf gegen die Projektionen killt nicht nur Energie, sondern auch sanity, weil man sich ja immer mehr darin verwickelt, die Projektionen zu übernehmen. – Und wenn man erklärt, von alldem die Nase langsam mal voll zu haben, schaufelt man sich erst recht sein eigenes Grab.
Darum war ja „Burn After Reading“ mehr als nur lustig, dieses zielsichere Aneinandervorbei der Bedeutungen, diese Mißinterpretationskunst! Kapitalkräftiger Idiot sein wäre gut. Aber darauf hinarbeiten – gelingt immer nur die eine Hälfte betreffend. – Ich lese gerade Anna Achmatowa auf Englisch. „I’m not yet cured of happiness“. Huch, Weihnachten. Ich wünsche mir komplett erliegenden Straßenverkehr und Trottoirs wie Bobbahnen. Gab’s wohl zuletzt, als The Cure mal anfingen.
Sie meinen so etwas wie self fulfilling prophecy? Man denkt den anderen so lange projektiv, bis er sich vollkommen in Gegendarstellungsversuchen verstrickt, dass nichts mehr so ist wie es ist? Damn it, ich glaub ich weiß, wovon Sie reden. Just your part in the play for today. Ich frage mich immer öfter: wofür bestrafen wir alle uns so ausführlich und zielsicher immer wieder? Trust ist das Stichwort. Vertrauen – trauen – sich trauen. Your part – her part – in this.
Ich liebe Freakshows, aber manchmal wird es auch mir zuviel. Manchmal werde ich mir zuviel. Vorgestern in diesen Song gefallen:
So tender, so beautiful and comforting. Und man fragt sich: Paul Smith in der Rolle des Aljoscha T. the beloved i.? Woher wissen die? Ein schöner Weihnachtswunsch. Ich wünsche noch eine sternenklare Nacht, und ein schwarzsamtenes Kleid dazu.
Oh, phantastisches Video, hätte mich fast auf meinem schon 3mal restaurierten Stuhl zusammenbrechen lassen. Merci bien! – Ja, so ähnlich, es geht um diese Phasen, in denen man, Sie erinnern sich, ein Angeblicher wird, errichtet aus Worten, und diesen Angeblichen treffen Affekte und Aufgeregtheiten, während er selbst gar nicht weiß, warum er da stehen soll, wo er angeblich steht. You know? Bis man dem Schöpfer der Fiktion zurufen möchte: du kämpfst vor allem gegen dich selbst. Aber wenn beim nächsten Mal die Metrokönigin im ureigenen Metropolis so tut, als hätte die Seeschlacht letztes Mal gar nicht stattgefunden, lasse ich das Logbuch auch stecken, nur so kommt man wieder in Fahrwasser. Besitzen Sie womöglich die Maximo Park-CD? Ein Klon davon unterm Tannebaum wäre tender, beautiful and comforting, ich legte Ihnen dafür die philosophisch werdenden Seelenausgräber aus Manchester ans Herz und unter selbigen.
„Sie riefen sich, aber sie konnten sich nicht hören“? So ähnlich. „Logbuch erstmal zur Seite“ klingt nach einer Strategie.
So ging es mir bei den ersten 50mal Video gucken, bin jedesmal fast zusammengebrochen. Eigentlich immernoch, wenn Paul Smith in Aktion tritt. Der Name allein ist schon großartig.
Selbstverständlich bin ich nach dem erst heute erfolgten Besuch beim Planeten der Ringe im Besitz von „Our Earthly Pleasures“. Also, abgemacht, dann schlage ich eine kurz-vor-weihnachtliche Übergabe am Brunnen vor.
Ach, Sie! Genau das hatte ich befürchtet, ja Ihnen liebevoll zugetraut – gleich los am Montag für den Sturz in Unkosten. So nicht! Na gut, so doch. Brunnen ist fein, schließlich unser Platz, und wir müssen noch herausfinden, welches Lied es ist, wenn sie unser Lied spielen.
Naja es ist… Strategie ohne Strategie. Eher so, daß, wenn der kalte Saturn first warmth then heat verströmt, man fühlt, nothing else matters. Wußten Sie, daß es ein Spiel namens „Stratego“ gibt, bei dem man mit einem Heer, dessen verschiedene Ränge dem Gegenüber verdeckt sind, die Fahne des Kontrahenten erobern muß? Man kann auch Bomben placieren, in der Hoffnung, den Feldmarschall zur Explosion zu bringen. Und es gibt einen Spion. SIE wußte immer nichts mit ihrem Spion anzufangen, das war auffällig. Dafür standen die Bomben immer wie ein Saturnring. – Hier in return schon mal ein Rundumschlag. Ich weiß nicht warum plötzlich, aber die haben Songs, die ich als fliegenden Teppich verwende.
Wäre nicht etwas Unvorhergesehenes dazwischen gekommen – der Einkauf war schon für Samstagnachmittag geplant. Sie kennen meine Emotionalität, wenn mich etwas so ins Herz trifft, habe ich keine Ruhe mehr. Hab mir noch einen Union Jack Button mitgenommen heute, musste einfach sein. Ja, das müssen wir noch herausfinden – unser Lied, am Brunnen.
Oh ich kenne Stratego, eines der wenigen Spiele, die ich früher mit meinem Bruder spielte (und seine 6 Jahre älter nützten ihm sehr bald nichts mehr). Als ich es kürzlich mal auf einem Flohmarkt entdeckte und in glücklicher Kindheitserinnerungsstimmung mitnahm, fiel mir erst auf, dass es „Krieg spielen“ ist. Trotzdem wirkt es so unschuldig wie der brave Soldat Schwejk. Der Major (oder war es der Feldmarschall?) war immer mein Favorit, mächtig und wichtig, während der Oberst immer viel freundlicher aussah. Sie meinen, IHRE Strategie änderte sich nicht und SIE verwendete den Spion nicht seinen Aufgaben entsprechend? Merkwürdig. Aber auch passend. Diese Härte auch gegen sich selbst zu wenden. Ich mache ja auch meine Erfahrungen mit kalten Saturnanwandlungen, Herz aus Stein, denkt man und dann – plötzlich schlägt alles um in unschlagbaren Humor und endet in großartigem Gelächter. Ja und dann weiß man wieder, dass man sich diesen Menschen doch nicht anders wünscht. Aber ich habe das Glück, dass mein kleiner Planet bisher noch zu mir aufsieht, beeinflussbar ist. Das wird nicht immer so sein.
Ach ja, und natürlich mag ich Oasis schon seit Morning Glory, auch wenn ich damals Blur noch lieber mochte. Mit Oasis kann man durchaus fliegen, ja. Nochmal zu Maximo Park: Im „Our Earthly Pleasures“-Booklet: „…she felt that she had learned something, though exactly what it was she did not know. Later she remembered all the hours of the afternoon as happy – one of those uneventful times that seem at the moment only a link between past and future pleasure, but turn out to have been the pleasure itself.“ (F. Scott Fitzgerald, „Tender is the Night“).
„But turn out to have been the pleasure itself“, großartig, genau so findet man später die Schönheit scheinbar unspektakulärer Stunden. Saturndame und ich standen in Paris mal vor dem Haus, das Scott und Zelda in Paris 1928 bewohnten, phantastischer Blick auf den Jardin du Luxembourg.
Strange, daß Sie auch gerade „Stratego“ wiederentdeckten. Die kamen alle aus „Ungeduld des Herzens“, besonders der Leutnant. – Ich hab mal ein Monopoly gefertigt, mit alten Geldscheinen und Versailles und Louvre statt Parkstrasse und Schloßallee etc. Quer durch Europa. Man kann den Dogenpalast kaufen oder Fontainebleau, den Palazzo Vecchio oder Compton Anstey („Der Kontrakt des Zeichners“). Ereigniskarten wie: „Macht eine Pilgerfahrt nach Rom. Wenn Ihr die Mailänder Börse passiert, löst einen Wechsel über 4000 Gulden ein“ oder Gesellschaftskarten wie „Der unglückliche Verlauf eines Würfelspiels erleichtert Euch um 2000 Gulden“ oder „Eure jüngste Tochter nimmt den Schleier. Zahlt an das Kloster eine Mitgift in Höhe von 3000 Gulden“. That’s life with a Saturn girl. Schön haben Sie das beschrieben, und perfekt. Wenn die Anarchie unter der Unnahbarkeit ausbricht und sich für was (wen) entscheidet, gibt es kein Halten mehr.
Grabmal ohne Inschrift Eingang ohne Tür Licht ohne Quelle Weg ohne Wiederkehr Kompass ohne Norden Zeit ohne Stunden Echo ohne Ruf Weiter ohne Grund Gegangen ohne Abschied Drei Nächte ohne Mond Steine ohne Alter Klang ohne Schall Elemente ohne Namen Wissen ohne Nutzen Kreaturen ohne Augen Knochen ohne Haut Sprache ohne Worte Intelligenz ohne Gehirn Sinne ohne Sinn Chor ohne Stimmen Universum ohne Anfang Raum ohne Krümmung Särge ohne Mumien Monstren ohne Mutationen Träume ohne Träumer Energie ohne Masse Buddha ohne Lächeln Formel ohne Einstein Engel ohne Gott Teufel ohne Zweifel Schlangen ohne Grube Halle ohne Hall Statue ohne Schöpfer Augen ohne Blick Bewegung ohne Warnung Alle ohne einen Verloren ohne Verlust Kuss ohne Lippen Entzücken ohne Ende Grabmal ohne Inschrift