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Queens of the Stone Age, Berlin Zitadelle 22-06-13

Queens of the Stone Age, Zitadelle Berlin 22. Juni 2013.

Eines der Newtonschen Grundgesetze der Bewegung lautet: wenn die Queens of the Stone Age in der Berliner Zitadelle spielen, erscheint am Nachthimmel ein sensationeller Vollmond. Der schwebt über der Renaissancefestung, als wolle er unbedingt in Spuckdistanz zur Größe bleiben. So war es 2010, und so ist es in dieser Nacht, in der Josh Homme sagt, daß Schluß ist, wenn Josh Homme sagt, daß Schluß ist. Und jedes Mal sagt Josh: Look at that moon. Eine reine Kausalkette. Vor „…Like Clockwork“ erklärt er: „We’ve been to a lot of places all over the world, this is one of my favourite places to play“, und man glaubt es ihm. „It’s such a beautiful night.“

Der Abend beginnt mit den Virginmarys, deren Sänger, er heißt Ally, euphorisch mitteilt, sie kämen aus Macclesfield, was, an Allys Akzent unschwer zu erkennen, nicht weit von Manchester entfernt ist. Ein echter Maxonian würde mir dafür natürlich einen Möbelladen auf den Kopf hauen. Das Trio klingt angenehm schmutzig, passend zum Staub, der sich in der Zitadelle auf die Schuhe legt.

Chris Goss, Masters of Reality, Zitadelle Berlin 2013.

Dann wollen wir niederknien, denn nun kommt der legendäre Chris Goss. Die Masters of Reality und die Queens of the Stone Age an einem Abend sehen zu dürfen, das ist so, als ob einem Hardcore-Katholiken das Papamobil über die Füße fährt. Eines der Newtonschen Grundgesetze der Bewegung lautet: wenn die Queens of the Stone Age in der Berliner Zitadelle spielen, ist Dave Catching auch da. Irgendwie. 2010 ging er mit sanftem Lächeln, ein Rucksäckchen auf dem Rücken, an uns vorbei den Weg zur Zitadelle hoch, als wir auf den Einlaß warteten, wurde dann aber nur noch in den Kulissen gesehen, wie er Photos machte von Alain Johannes und den Steinzeitköniginnen. Auch schön. Viel besser aber: nunmehr mit Hut und ZZ Top-Bart ausgestattet an der Gitarre bei den Masters of Reality. Als Intro gibt eine roboterhafte Stimme geschlagene 5 Minuten lang kryptische Outer Space-Mitteilungen von sich, und man hat an sich schon den Verstand verloren. Dann kommt Catching, und dann ER. Schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, Satanistenbart, der Anton La Vey der Stromgitarre, der Godfather des out of whack Rock, ultracool, bad-ass, imposant, zuckersüß: „Hello children, how are you?“ John Leamy Schlagzeug, Paul Powell Bass, Mathias Schneeberger Keyboards. Tilt-a-Whirl / Swingeroo Joe, Third Man On The Moon, High Noon Amsterdam, Domino, Deep In The Hole, Doraldina’s Prophecies und Zeugs. Außerdem hebt Goss sein Glas darauf, daß „… Like Clockwork“ umgehend auf # 1 der Billboard 200 Chart geschossen ist: „That’s how you do it, Baby.“

Birgit Fuß schreibt in ihrer Besprechung von „…Like Clockwork“ über Josh Homme: wenn seine Alben nach 45 Minuten zu Ende sind, sitzt man immer verdutzt da. Verdutzte Birgit sitzt hübsch im Je ne sais quoi: „Das Faszinierende an Josh Hommes Musik war schon immer, dass man nie genau weiß, was er da eigentlich macht.“ Eine „kaleidoskopische Wundertüte, unfassbar und unberechenbar“, in der sie unter anderem „zappeligen Surrealismus“ erkennt. Einem Rezensenten bei amazon fällt für die Musik der Queens of the Stone Age ein Gleichnis ein: das edelste Hotel am Platz, aber mit halsbrecherischer Drehtür.

„… Like Clockwork“ ist, wie ja nun bekannt, „die Audio-Dokumentation eines manischen Jahres“ (JH) und überhaupt all der Wirren und Tiefschläge seit „Era Vulgaris“, diesem Ungeheuer, das komplex ist sexy zischt. Nach extensivem Touren bis zum Sommer 2008 folgt down time für QOTSA; Josh Homme reaktiviert die Supergroup-Idee mit Dave Grohl und John Paul Jones als Them Crooked Vultures für Album und Tour, Troy van Leeuwen gründet (mit seiner hinreißenden Herzensdame Serrina Sims) Sweethead, Michael Shuman die Mini Mansions, Joey Castillo schließt sich den Eagles of Death Metal an, Dean Fertita kommt bei Jack Whites The Dead Weather unter.

Die Erschütterungen beginnen mit dem Tod von Natasha Shneider im Juli 2008. Zwar geben QOTSA auch 2010 und 2011 Konzerte im Zuge der Neu-Editionen von „Rated R“ und des Debutalbums von 1998, aber der Schnitter bittet nochmals zum Stelldichein. Eine Knie-Operation, ein Herzstillstand im Oktober 2010. Josh Homme ist kurzzeitig tot. „I woke up and there was a doctor going, ‚Shit, we lost you.‘ I couldn’t get up for four months. When I did, I hadn’t got a clue what was going on.“

Dunkelheit breitet sich aus, Homme versinkt in tiefe Depression. „I would never say, ‚I’m probably not gonna make it out of here.‘ But back then, I would definitely think it.“ Das Gefühl, ein Teil von ihm ist noch nicht wieder anwesend, verschiebt alle Wahrnehmungen.

Van Leeuwen, Castillo, Shuman und Fertita ermutigen Homme, zur Band zurückzukehren und ein sechstes Studioalbum in Angriff zu nehmen, aber der Weg führt durch dichten Nebel: „I had to ask them, ‚If you want to make a record with me right now, in the state I’m in, come into the fog. It’s the only chance you got.‘ It brought us much closer, because you never really know someone till everything goes wrong.“

Der erste Song, den Josh Homme aus dem Dunkel holt, ist „The Vampire Of Time And Memory“: „I hated it. I thought, ‚Who wants to hear this?‘ Then Brody reminded me, ‚Who fucking cares?‘ You got to start somewhere and the bottom can be a really great place.“

Die Genesis von „… Like Clockwork“ bleibt jedoch, vorsichtig ausgedrückt, schwierig; der ironische Albumtitel verweist auf Schiefgehen wie geschmiert.  Während der Aufnahmen kommt es zur abrupten Trennung von Joey Castillo. Gründe liegen noch im Dunkeln. Dean Fertita: „Yeah, we were maybe about a third of the way in, so there was still a lot of work to do. That was an emotional thing for us – we love Joey to death.“

Mit den Konzerten von 2011 hatte Homme versucht, Muse und Mission wiederzufinden: „I really wanted to make almost like a trance blues James Brown record, but that just wasn’t there for me. I was hoping that playing the first record would really inspire me and make me fall in love with music again. But I think I was just lost, looking for something in the dark. In that dark I found this record.“

„But in all honesty, the last couple of years of failure and anguish have been the best thing to ever happen to me. It gave me a chance to figure out what’s really important to me.“

„The undercurrent of the record is just be honest, and if something is scary, walk toward it, not away from it. There’s no other way I could have said any of what it says.“

„… Like Clockwork“ kann sich anfühlen wie ein dunkles Labyrinth. Was zählt, ist, daß man sich bewegt im Labyrinth. Eines der Newtonschen Grundgesetze der Bewegung lautet: safety equals death. Und was die „Dunkelheit“ betrifft: Troy van Leeuwen, nicht nur der bestangezogenste Gitarrist des Planeten, fand eine Parallele in da Vincis berühmtester Tat: „We went to the Louvre the other day and none of us had ever seen the Mona Lisa. There was a huge crowd around it and the tour guide was saying that the sort of smile she has depends on your mood: if you’re in a good mood, you see her mouth curling up, but if you’re in a bad mood, it turns down. That’s the way we see our record: some people think it’s dark and others think it isn’t. I welcome that; that’s what art is about. But to us, [the album is] a reflection of trying to say something that’s really difficult, and turning and facing it…“

Tiefgreifende Verunsicherung schließlich doch umzuschmelzen in ein rätselhaftes Meisterwerk, das ist Alchemie.

Queens of the Stone Age, Ticket Zitadelle Berlin 2013.

Wir stehen vorne links, kurz vor Troy. Mit explodierendem Glas auf der LED-Wand geht es ins wundertütische Kaleidoskop: „Keep Your Eyes Peeled“, das erste Stück von „… Like Clockwork“, das so tut, als wäre hier alles creepy as hell. „Can one so lost be found“, singt Josh. Aber er ist schon mit einem Lächeln auf die Bühne gekommen, mit den ersten Takten von „You Think I Ain’t Worth A Dollar, But I Feel Like A Millionaire“ schießen die Flüssigkeiten aus allen Bechern, bei keiner anderen Band, so die Gazetten am Tag danach, kommt der Mob so schnell von Null auf Hundert, und nach dem Break von „No One Knows“, als nur Shumans Bass zu hören ist, zeigt Homme auf seinen Arm: „You’re makin‘ the hairs on my arms stand up straight!“ Nach dem Song gelingt ihm ein nahezu perfektes ö in „Dankeschön!“ Nagelneues wie „My God Is The Sun“ wird bejubelt wie Rückkehr des Königs. „Burn The Witch“, „Sick, Sick, Sick“ und „First It Giveth“, bis sich das Gehirn im Schädel dreht. Als man sich gerade fühlt wie eine in Blut ersoffene Fledermaus, wird das Piano für Josh zurechtgerückt: „The Vampire Of Time And Memory“. Intimer Moment und vier Minuten panoramisches Bewußtsein über das Scheißglück, daß wir alle noch da sind und hier sind.

Dann folgt, was Josh Homme zur Tanznummer erklärt. Damit meint er Sachen wie das allen sittlichen Halt zerstörende „Misfit Love“ oder, heute, „Turnin‘ On The Screw“. „If I Had A Tail“ mit THE END IS REALLY FUCKING NIGH-Clip im Hintergrund, der Gassenhauer „Little Sister“, immer noch ein bißchen heißgeliebter als gedacht. „I Sat By The Ocean“ („Silence is closer / We’re passing ships in the night / Closer and closer / We’re crashing ships in the night“), das 4 Sekunden lang wie Blurs „Coffee & TV“ klingt, bis die Slidegitarre des Betrunkenen Roboters bestätigt, daß die Queens of the Stone Age wie niemand sonst klingen. Der Song, nach dem David Letterman in seiner Late Show sagte: „Holy crap, that was great.“ Michael Shumans Bass so delicious.

Als das Volk beim lasziven Geschlängel von „Make It Wit Chu“ den Refrain anstimmt, teilt Homme die Menge ein: „Just the Ladies, let me hear you Ladies!“ Als die Mädels ihm ihr „I wanna make it, I wanna make it wit chu!“ im Chor dargebracht haben, was sonst als: „I feel the same goddamn way, I gotta tell you.“ Und als er die Jungs zum Esmitihmmachenwollenchor animiert hat, breitet er die Arme aus: „Today is Gay Pride Day.“ Er testet nochmal den Wohlfühlpegel, die Menge antwortet als Flammenmeer, abgesehen von einem Mädchen, das, wie er amüsiert feststellt, so „uhmmm“ geschaut habe gerade. „I Think I Lost My Headache“ kündigt er daher an mit: „This song goes out to the one girl who can’t stand us.“  Entführung in eeriness mit „A Song For The Deaf“ und schließlich ein episches, fast zehnmütiges „I Appear Missing“. Als Zugabe zunächst „… Like Clockwork“ – Zweifel und Introspektion, die Muse nachdenklich, Ginger Elvis in Verlorenheit und Verletzlichkeit, der Song, der den shift des neuen Albums zusammenfaßt.

Es ist 22:54 und Josh Homme klärt die Verhältnisse: „They told us we have to stop playing but fuck that shit, man. It’s you and us, fuck everybody else, man. We’re done when I say we’re done.“ Und los geht’s mit „A Song For The Dead“.

Boneface, der junge englische Künstler, der für das Artwork rund um „… Like Clockwork“ (das Albumcover dürfte von Bela Lugosis 1931er-Dracula inspiriert sein) verantwortlich ist, zusammen mit Liam Brazier auch für die Alptraumlogik der animated short films, hat zweifellos das große Los gezogen, als Josh Homme ihn zu kontaktieren wünschte. Was auch während des gesamten Konzerts auf der LED-Wand abläuft, ist durchweg phantastisch. Aber der endlose Schwarm schwarzer Vögel, der von der LED-Wand auf uns zufliegt, zu diesem Song, ist einfach nur noch mind-blowing.

Summa summarum ekstatische Stimmung, und die Band hocherfreut darüber, Gänsehaut auf beiden Seiten. My favourite Wackelclip: der Beginn von „A Song For The Dead“. Die Kamera, die sich aus Seitenlage zurechtkippt, als wäre auch The Ever Watchful Eye außer Kontrolle, das Mädchenkreischen von 0:05 – 0:07, das ganze Inferno als -> 33-Sekunden-Geniestreich.

[Edit: ich schrieb dies im Juni 2013 für Antirat; 2021 taucht plötzlich dieser Mitschnitt von 6 Songs auf, „an incomplete, unedited wide shot perspective“ aus der Konzertphase vor Sonnenuntergang, für den Film „Lo Sound Desert“ von Joerg Steineck.]

Auf theskinny.co.uk hat Josh Homme angedeutet,

…that another Queens album might arrive sooner than we think, referencing the dark before the dawn of Iggy Pop’s first two ‚Berlin period‘ solo albums, written, recorded and released in swift succession within the same year. „Part of me thinks it would be great if this was the point-counterpoint that The Idiot and Lust For Life are, y’know? I love those records so much; they came out in a quick period of time. The Idiot is very dark and Lust For Life is sorta like ‚Tah-daaah‘. I would love to answer this album with a ‚Tah-dah!‘ at some point.“

„Turns out waiting around for something to change is the wrong way to change.“

„The real man pushes himself and is totally vulnerable.“

„If it’s really easy, it’s not worth it. My grandpa used to say, ‚Life is hard because it’s worth it.‘ It’s simplifying it but it’s fucking true. The struggle is just how far you’re willing to go to chase fucking vapour.“

„I’m gonna bleed for this shit until all the blood’s gone“.

Josh Homme

Verlauf der Soirée:

Keep Your Eyes Peeled
You Think I Ain’t Worth A Dollar, But I Feel Like A Millionaire
No One Knows
My God Is The Sun
Burn The Witch
Sick, Sick, Sick
First It Giveth
The Vampyre Of Time And Memory
Turnin‘ On The Screw
If I Had A Tail
Little Sister
I Sat By The Ocean
Make It Wit Chu
I Think I Lost My Headache
A Song For The Deaf
I Appear Missing

… Like Clockwork
A Song For The Dead

craveonline.com → „…Like Clockwork“:

[…] as the distant sounds of crashing glass grow closer in the first moments of the new Queens of the Stone Age album …Like Clockwork, that anxiety of uncertainty returns. An anticipatory snake of cold, ominous awe weaves through you as the nightmare carousel grinds back into motion.

More real, raw and direct than ever before in both production and composition, …Like Clockwork […] is the long-awaited studio return of Joshua Homme, Troy Van Leeuwen, Michael Shuman and Dean Fertita, alongside a trio of drummers – beloved departing slugger Joey Castillo, returning extended-family member Dave Grohl, and newest member Jon Theodore of The Mars Volta […] While 2007’s Era Vulgaris was a razor-sharp whipcrack in a vortex of cool, beyond the signature sexual chocolate, …Like Clockwork is a trip of honest fragility bleeding through deeply layered textures and harmonies, a pendular swing volleying between forlorn vulnerability and fire-christened renewal. The much-discussed „no trick at all“ approach to QOTSA’s typically enigmatic haunt is far more an autobiographical narrative lean than a lack of sonic trap doors.

This is not a free-balling drunk-robot sequel to Songs For The Deaf a decade later, a high-velocity ride packed with a cocksman’s banquet of caricaturized drunken narrators. The guests aren’t paraded out in traditional cameo-spotlight fashion; there are no „take it away Elton!“ moments. Yes, Queens finally have their true queen in Elton John, but the glitter-shitting rolodex of contributors on the album is a gathering of threads weaving through a tapestry, rather than ropes of highlighted selling-point rock embroidery. When a new voice rises from the collective, before an impact of presence can be established they step back into the mix, joining the chorus of the great pirate ship once more. You’ll give yourself whiplash turning to the speaker when Trent Reznor’s voice rips through the bass-driven fabric on „Kalopsia,“ but before you can lock in he’s gone. Later, near the end of the magnificently cutting „Fairweather Friends,“ the same happens with Mark Lanegan – and it’s damned delicious.

Barbed with uptempo hooks and a guitar line so perfectly addictive, „I Sat By The Ocean“ is an inevitable radio smash, which in a merciful world will offer the FM dial some relief from the relentless „Little Sister“ and „No One Knows“ rotation. Crisp, bright production makes this a guaranteed home run, but as the sunshine enema really starts to sink in, the lyrical veil is pulled and we realize we’re inside a Rock ’n‘ Roll confessional with an impaled heart. This carries dramatically into „The Vampyre of Time and Memory,“ and calling it a reflection of recent well-publicized developments in the desert family doesn’t seem a stretch […] The presence of pain is evident. Joshua seems downright despondent, warier than ever and ready to give up the ghost, over a pensive piano line: „I want God to come and take me home / ’cause I’m all alone in this crowd / Who are you to me? Who am I supposed to be? Not exactly sure, anymore.“ The hopelessness is jarring, an unsettling departure from the signature wisecracking swagger we’re so accustomed to. „Aint no confusion here, it is as I feared / The illusion that you feel is real,“ he sings in a doubled, delicate vocal. A lonely guitar solo flies briefly after the first verse, expressing a bilious, desolate sadness. „Does anyone ever get this right? I feel no love.“

Like the breaking rays of dawn, a loop of rising chimes at the onset of „If I Had a Tail“ is a warm wave of revitalizing energy, kicking into a subdued-funk Stones groove with a popped collar that flies even closer to Keef in the guitar solo. Sexy, sardonic and shameless, this is a ride in the kind of car Daddy never wants to see pull in the driveway to pick up his girl – because she’ll be walking differently when she gets back.

[…] Our first taste of new material after a six year absence, „My God Is The Sun“ is the clearest connecting thread to where the band left off, on the gloriously labyrinthian „The Fun Machine Took a Shit and Died.“ Dangerously careening, complicated and as epic as the arrival of giant warlord aliens riding rabid elephants, it’s a full flex of the gargantuan velocity the band is capable of – a testament to how hard each member works to push their own envelope. The synaptic tangle burns away to reveal double-barreled good-riddance scorn in „Fairweather Friends,“ a gorgeously finger-pointing fuck you that minces no words in a diagnosis of damnation. The body moves independently when Elton pounds the keys, a rhythmic recall of the dearly departed Natasha Shneider, as swarms of Lanegan, Reznor, the visiting piano-rock legend and more flow in a thick, bubbling choral-vocal undercurrent.

[…] New stickman Jon Theodore is featured only on the title track, a sparsely piano-driven, mourning heartbreaker that ends the album on the most somber, discouraging note possible: „It’s all downhill from here.“ As we find ourselves on the far banks of the most difficult era of Queens of The Stone Age’s existence, the spilled blood still drying, new hope springs from Homme taking off the mask and showing what’s beneath the leather. While the tone of the album’s exit is ominous, these are the sounds of fighting demons in real time – honest struggle and catharsis alchemized and tantalized by the most revered gang in Rock.

Josh was right – the best trick of all truly is no trick at all.

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The Everlasting Gaze

Shades

Maria Erdmann.
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Literatur

Žižek / Kafka – Phantasmatic Support

Franz Kafka. Zizek / Kafka - Phantasmatic Support. Gespräch im SPIEGEL ONLINE Forum mit Christian Erdmann.

SPIEGEL ONLINE Forum

„Das literarische Orchester – spielen Sie mit!“

November 2011

Jörn Bünning:

„Illusion“ klingt im Deutschen stets nach Betrug und Täuschung, die sogleich mit einer gehörigen Portion „Realität“ bestraft gehört. Wenn gutmeinende Freunde auf meine „Illusionen“ zu sprechen kommen, dann doch stets mit dem Rat, sich davon unverzüglich zu befreien und mutig den ungeschminkten Tatsachen ins Auge zu blicken. Wen wundert’s, dass Hauptmann trotz seines Plädoyers für den Angeklagten „Illusion“ letztlich auf verminderte Schuldfähigkeit setzt: als versöhnender Ehestifter zerstrittener Eheleute. Doch hat die Illusion den Vorwurf der Kuppelei von „Wahrheit“ mit „Lüge“ verdient? Ist der Kern der Illusion tatsächlich die Verdauungshilfe zur Wahrheit?

Ein gern verwendeter, doch ebenso auf Abwege führender Begriff ist die „Projektion“ (in der Psychonanalyse). Indem er in den anderen hineinschaut, entdeckt der Mensch sich selbst. Doch geht es hier vor allem um Hässlichkeiten, die wir nicht bereit sind, an uns wahrzunehmen, selten um nette Dinge, die uns das Leben verschönern.

Für mein Verständnis gibt es aber noch einen anderen Begriff, der die Tücken der beiden anderen umschifft: die Imagination. Gemeinhin als ein Vermögen verstanden, sich (auch ohne äußere Sinneseindrücke) Bilder aus dem Inneren abzurufen, beinhaltet diese Fähigkeit noch viel mehr, nämlich das Hineinsehenkönnen von Inhalten in die Wahrnehmung, Dinge zu ergänzen, die sich objektiv nicht feststellen lassen, durch die sich aber ihre Bedeutung für den Betrachter erst erschließt. Dabei geht es um etwas, das uns in den „Raumabgründen des Weltalls“ jede Menge Wärme spendet, wenn wir auch bisweilen unter der imaginierten Hitze zu leiden haben, sobald die Dinge uns hässlich erscheinen.

Die Krähen behaupten / Christian Erdmann:

Sehr schön. Die Allmacht der Imagination gliedert auch den Raum der Erfahrung permanent. Das ist mehr als „Hineinsehenkönnen“, das geschieht immer. Interessant ist doch, warum Menschen so allergisch auf die Information reagieren, daß sie immer mit einem „phantasmatic support“ unterwegs sind, wie der verrückte Žižek das mal nannte.

Jörn Bünning:

Die Krähen werden den Himmel schon nicht zerstören

Nun, diese Krähenschrift ist mir doch seltsam vertraut, auch Slavoj Žižek ist mir kein ganz Unbekannter, selbst wenn ich seine Texte 2-3mal und mit großer Aufmerksamkeit und Vorsicht lese, vor allem, wenn er sich auch noch auf Lacan bezieht.

Aber es stimmt schon: Ohne den „phantasmatic support“ funktioniert keine Erotik. Imagination ist der Schlüssel zur Wahrnehmung, der Weg zu den Empfindungen und damit zur inneren Wahrheit. Wie auch bei guter Musik, z.B. „A Secret Wish“.
;)

Die Krähen behaupten / Christian Erdmann:

„Die Welt, die uns etwas angeht, ist falsch, d.h. ist kein Tatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über einer mageren Summe von Beobachtungen.“ – Nietzsche. Daß es kein Erfahrungsmaterial ohne „Ausdichtung und Rundung“ gibt, meinte vermutlich auch Kant, als er das „Ding an sich“ in die Tonne warf.
Guter Musikgeschmack, Herr Bünning. :)

Jörn Bünning:

„Kein Erfahrungsmaterial ohne Ausdichtung und Rundung“ ist gut gesagt – es gibt ja noch nicht einmal ein Begreifen ohne Interpretation, die eigentlich nur aus Imagination besteht. Darüber hatte sich Kant mit dem Philosophen David Hume seinerzeit gestritten: Der schottische Rationalist betonte das Primat der Wahrnehmung für alle geistigen Vorgänge im Menschen. Demgegenüber beschrieb Kant das (apriorische) Vorhandensein geistiger Erkenntnisstrukturen, die nicht aus der Wahrnehmung ableitbar sind, diese aber moderieren.

Dazu nur zwei kleine Beispiele:
Auch Hume musste letztlich einräumen, dass Kausalitäten sich nicht direkt beobachten lassen. Sie werden vielmehr bei einer Ereignisabfolge intuitiv „imaginiert“, sofern die Ereignisse in ausreichend enger räumlicher und zeitlicher Abfolge auftreten.

Ein anderes Beispiel ist die Imagination von Bewegungen:
Zwei benachbarte Lämpchen blinken abwechselnd – das Licht „springt“ dann scheinbar zwischen beiden hin und her. Dieser Eindruck ist so zwingend, dass er sich auch gegen besseres Wissen durchsetzt.

Doch hat auch Hume, vom Standpunkt der Evolution betrachtet, nicht unrecht. Die Kant’schen „Presets“ unserer menschlichen Wahrnehmung sind schließlich selbst das Ergebnis einer langen Schulung des Lebens auf diesem Planeten und es hat lange gedauert, bis die Bedeutung ansatzweise in die Wahrnehmung hineingefunden hat.

Ohne Imagination wäre jede Wahrnehmung ohne Verstehen, Schönheit würde es nicht geben, Musik eine komplexe Folge von Geräuschen, was wohl schade wäre, allein schon wegen Mark Lanegan. ;)

Die Krähen behaupten / Christian Erdmann:

Zwei Facetten: Erstens, die erkenntnistheoretische, das Paradox, daß unser Wahrnehmungsapparat uns Weltbeschaffenheit vermittelt, die wir aber nicht objektiv beschreiben können, weil wir eben den Wahrnehmungsapparat haben, den wir haben. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Wirklichkeit passiert die Pforte unserer Sinne. Unsere Wahrnehmungsorgane funktionieren, indem sie vorhandene Information reduzieren. Gerade weil wir so avanciert sind, wissen wir, daß nur ein naiver Realismus noch meint, daß die Dinge so sind, wie wir sie wahrnehmen. Die Auffassung von Wahrnehmung als einer Registration des „Gegebenen“ ist überholt. „If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, infinite.“ Sie sind aber nicht cleansed, und „infinite“ ist auch nur ein Wort: auch Sprache als Organisator der Wirklichkeit beeinflußt unsere Wahrnehmung.

Zweitens, „phantasmatic support“, der produktive Anteil der Einbildungskraft an der Wahrnehmung, der Anteil der Imagination und der Projektion an der Schönheit; an allem. Am Beispiel der Büste der Nofretete hat mal jemand dargestellt, wie der Vorstellung von Schönheit ein umfassender Prozeß des Ausschließens zugrundelag, wie ihr Antlitz aus dem Chaos (der Natur) herausgemeißelt ist. Ein Prozeß, der folgerichtig fortsetzt, daß Beobachtung ohnehin Auswahl ist, und in dem die Reduktion wiederum mit dem eigenen kreativen Überschuß versetzt wird.

Žižek hatte ja ein kurioses Beispiel für „phantasmatic support“ – italienische Männer, die es angeblich lieben, wenn ihnen die Frau beim Sex Obszönitäten ins Ohr flüstert, bevorzugt über das, was sie mit einem anderen Mann getan hat. Apart from that, ist dies einfach von Anfang an die Art und Weise, wie wir unsere Lebenswelt gestalten. In der Wahrnehmung verleihen wir. Sehen heißt Hineinsehen. Wir agieren eh von Anfang an so, als gebe es keine uninterpretierbaren Tatsachen, wir reichern jedes Erleben mit unserer Phantasie an, schießen durch imaginäre Ordnungen, ersetzen Mythen durch Mythen.

Lese gerade die Kafka-Biographie von Peter-André Alt. Erster Satz: „Franz Kafkas Wirklichkeit war ein weitläufiger Raum der Einbildungskraft.“ Gemeint ist tatsächlich, daß Kafka bewußt den Raum der Erfahrung wie eine Traumlandschaft gliedert, daß er etwa seine Furcht vor dem Vater durchaus obsessiv kultiviert, weil sie zu dem Selbstbild gehört, das Bedingung seiner schriftstellerischen Existenz ist, daß ihm sein Schreiben selbst die Erfahrungswelt in einen Raum verwandelt, in dem Phantasie und Realität nicht mehr getrennt werden können. Im „großen Schachspiel“ des Lebens, erklärt Kafka, sei er „der Bauer des Bauern, also eine Figur, die es nicht gibt“. Bei aller realen Furcht und Einsamkeit, die er erfahren haben mag, spürt er früh, daß er die Erfahrungslandschaft seines Alltags in Zonen verwandeln muß, wo er die Kunst der Beobachtung unbefangen praktizieren kann, und sie gegen die ihn umgebende Gemeinschaft verteidigen muß. Bin noch nicht weit mit dem Buch, aber so etwa der Tenor der ersten Kapitel, der letztlich auch eine Weise des „phantasmatic support“ beschreibt.

Jörn Bünning:

Vorsicht!
Ich hoffe, Du weißt, worauf der sich einlässt, der seine Dämonen füttert und seine Wirklichkeit gegen eine soziale Umgebung verteidigt. Kafka war psychisch isoliert und so fruchtbar dieser Boden für seine künstlerische Gestaltung war, so furchtbar litt er zugleich unter den Dämonen seines phantasmatic support, stets in Gefahr die Kontrolle über den letzten Bauern vollends zu verlieren.

Einen Großteil ihrer Zeit ver(sch)wendet die menschliche Spezies dazu, sich einer gemeinsamen – „der richtigen“ – Realität zu versichern, ihren phantasmatic support nach Kräften zu domestizieren, eine gewaltige kulturelle Leistung, die aber selbst größeren und sog. „aufgeklärten“ Gesellschaften nur zeitweise und unter größten Mühen gelingt. Die großen Massenhysterien der Zeit singen uns periodisch Strophen über die Vergeblichkeit all dieser Bemühungen.

Und die Sprache, die sich anbietet als ein Geländer vor den inneren Abgründen und als betretbare Brücke zum Gegenüber, wird selbst zu einer trügerischen Spur in den Nebel und ehe wir uns versehen, stehen wir mitten im grausamen Grau, ängstlich aneinander geklammert, doch ohne einen Halt.

Folge Deinem Instinkt wie ein Käfer auf dem Tellerrand, der unendliche Welten bezwingt, indem er die Angst vergisst, wo er sie lebt.

Die Krähen behaupten / Christian Erdmann:

Vorsicht! Ich hoffe, Du weißt, worauf der sich einlässt, der seine Dämonen füttert (…)

Absolut.

Wie bedrückend die Gewißheit gewesen sein muß, daß nichts im Leben ihm selbstverständlich war. Worauf Alt, meinem ersten Verständnis nach, hinauswill: natürlich scheint der Vater die personifizierte Selbstgefälligkeit im Lehnstuhl gewesen zu sein, ein Alltagsdespot, der unmißverständliche Handlungsmaximen, geronnene Lebensweisheiten und banale Gemeinplätze verkündete, aber Alt sieht trotzdem die Frage, ob der Vater tatsächlich dem hier entworfenen Bild objektiv entsprach, oder ob Kafka das Modell einer archetypischen Autorität als unumkehrbares Grundmuster von Fremdheit und Bedrohlichkeit auch beizubehalten bzw. noch zu verstärken suchte, für jenen abweichenden Selbstentwurf, der sich im Schreiben verwirklichte.

Man weiß wohl von Ottla, Kafkas Lieblingsschwester, daß sie dem Vater gegenüber einen offeneren Trotz zeigte; anderer Umgang mit dieser Figur also theoretisch möglich war. Seine Schwestern liebten Kafka, Brod scheint ein wunderbarer Freund gewesen zu sein (der, so interpretiert Alt, auch Kafkas letzten Wunsch richtig verstanden hat), Kafka konnte ein glänzender Unterhalter sein usf. Insgesamt also Ausloten der Möglichkeit, daß Kafka die Zone der Isolation, die Du beschreibst, sehr bewußt bewohnte und behauptete; all seine Kräfte in sie zusammenzog, Kräfte, die er immer als sehr bemessen ansah. Daß er, trivial gesagt, nicht nur ein „angenehmeres“ Leben der Kunst opferte, sondern daß er den phantasmatic support bewußt zur Verdunkelung seiner Umgebung benutzte; um in den Schatten bleiben zu können, die ihm Hellsicht gewährten.

Was Kafka beim Schreiben anstrebte, würden Neumodiker wohl als „flow“ bezeichnen; das glückende Schreiben als ununterbrochener Strom (die 8 Stunden von „Das Urteil“). Du kennst die Tagebucheinträge, die, wenn das nicht gelang und er abbrach, z.T. nur aus zwei Worten bestehen: „Nichts, nichts.“ Wenn man ahnt, worin Kafka Glück empfand, ahnt man auch, welche Verzweiflung in diesen zwei Worten liegt. Vielleicht eine stärkere als jene, die von den Dämonen ausging? Wage ich nicht zu beurteilen.

ray05:

[…] „Nichts, nichts.“ Wenn man ahnt, worin Kafka Glück empfand, ahnt man auch, welche Verzweiflung in diesen zwei Worten liegt. Vielleicht eine stärkere als jene, die von den Dämonen ausging? Wage ich nicht zu beurteilen.

Nun, wenn ich mir den Künstler vorstelle als jemand, der sich alles, was ihm widerfährt, zunutze macht – egal, ob das Widerfahrene „eingebildet“ ist oder nicht -, dann vermute ich, dass er jene Teile, die ihm den größten Nutzen für seine Arbeit versprechen, dementsprechend kultiviert, auch wenn’s wehtut und die Verzweiflung mit am Tisch sitzt wie so ein Farmer aus dem Mittelwesten mit zugekniffenen Augen, Strohhut und angelegter Schrotflinte. :) Denke dennoch, dass dieses „Nichts, nichts“ der größtmögliche Verzweiflungssatz ist, denn was kann schlimmer sein als das Eingeständnis vor sich selbst, nichts [mehr] zum Sprechen bringen zu können, sich nichts [mehr] zunutze machen zu können.

KLMO:

Bei Kafka spielte natürlich seine angeschlagene Konstitution eine Rolle. Kafka suchte am Anfang auch das Abenteuer, das Leben im Extrem, den Weg nach oben. Stattdessen überall unüberbrückbare Hindernisse, verbunden mit einer schon früh angeschlagenen Gesundheit. Beispiel: Meldet sich als Kriegsfreiwilliger, Vater interveniert – um dann noch einmal wegen Dienstuntauglichkeit abgelehnt zu werden. (Man beachte seine TB). Schon hier liegt der Schlüssel für sein introvertiertes Leben. Als Metapher: Den Berg auf herkömmliche Art zu besteigen, bleibt ihm verwehrt.

Gezwungenermaßen verharrt Kafka in der Ebene, aber er besitzt die Fähigkeit, den Berg zu durchschauen.

Die Krähen behaupten / Christian Erdmann:

…verharrt Kafka in der Ebene, aber er besitzt die Fähigkeit, den Berg zu durchschauen.

Klasse, der Satz.

Denke dennoch, dass dieses „Nichts, nichts“ der größtmögliche Verzweiflungssatz ist, […]

Wahrscheinlich eben: ja. Diese Fabrik im Zizkov-Bezirk, für die Kafka 1911/1912 Teilhaberschaft übernimmt, heftiger Streit mit dem Vater, der ihm Vorwürfe macht wegen seines geringen Einsatzes für das Unternehmen; Kafkas Verzweiflung ist so groß, daß er „Eine Stunde dann auf dem Kanapee über Aus-dem-Fenster-springen“ nachdenkt. Herbst 1912, als die literarische Arbeit gut voranschreitet, erneut Selbstmordgedanken, weil er die Fabrik regelmäßig besuchen muß. Seine Erklärung, warum er den Sprung aus dem Fenster nicht gewagt hat, färbt größtmögliche Verzweiflung mit der angesichts größtmöglicher Verzweiflung größtmöglichen Ironie: weil „das am Lebenbleiben mein Schreiben (…) weniger unterbricht als der Tod.“

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Aljoscha der Idiot

Geistesblitze

Rezension #8

15. Oktober 2007

Geistesblitze

Von Edda Sörensen

Nach der Lektüre dieses Buches, das ich vor einer Woche bei Euch kaufte, komme ich von Geistesblitzen geradezu illuminiert langsam wieder auf die Erde zurück, genau mit diesem (anfangs hielt ich die Anpreisung des Herausgebers auf der Rückseite des Buches für ein wenig vermessen) versprochenen Lächeln im Gesicht. Glücklich, ja, denn mit blankpolierten Augen konnte ich wie mit einem Präzisions-Fernglas Einblick in faszinierend inspirierende Gedankenwelten gewinnen, die sich wie schimmernd feiner Galaxienstaub in weiten Kreisen um die Liebe drehen bis sie am Ende, waagrecht wie senkrecht Gewissheit schaffend, auf sie treffen.

Erstaunlich, dass dieser Dichter noch nicht „entdeckt“ wurde. Ich kann dieses Buch nur wärmstens für den Gabentisch Feingeistiger empfehlen.

Amazon-Rezension für den Roman "Aljoscha der Idiot" von Christian Erdmann: "Geistesblitze", von Edda Sörensen.

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Aljoscha der Idiot

Was für ein exzellenter Gebrauch der deutschen Sprache!!!

Rezension #7

10. Juli 2007

Was für ein exzellenter Gebrauch der deutschen Sprache!!!

Von Rita Handt

Danke an Christian Erdmann für dieses wunderbare Buch. Als Kämpferin für die deutsche Sprache habe ich es mit Begeisterung gelesen. Bitte mehr davon.

Amazon-Rezension für den Roman "Aljoscha der Idiot" von Christian Erdmann: "Was für ein exzellenter Gebrauch der deutschen Sprache!!!"

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Vorweihnacht

Sabotage sabotieren

What’s this?
Vorweihnacht

Eine Vergangenheit ist nach wie vor Gegenwart. Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, was Sie meinen, aber es ist wohl so, dass ich es auf eine Art bejahen würde. Manche Vergangenheiten bleiben oder werden Gegenwarten, unabhängig von Zeit und Ort des subjektiven Erlebens und Aufenthalts. Was ich meinte, war, dass ich dazu neige, mich an Unannehmlichkeiten weniger deutlich zu erinnern als an freundliche Erlebnisse, ein Prozess, den ich unter Aufbietung von Perspektivwechseln aufzuhalten suche.

Ich kann mir nur wenige Vergangenheiten vorstellen, die eine objektive Macht besäßen. Diese müssten sehr tiefe Gravuren hinterlassen haben, nicht wahr? Was mich umtreibt, ist die Auseinandersetzung mit dem Leben, das nicht gelebt ist. Otto Rank sagte, dass manche Menschen die Schuld des Todes so sehr fürchten, dass sie das Darlehen des Lebens ausschlagen.

Die Angst, das Leben aufzubrauchen. Ich habe die Wahl, ob ich das meiste aus dem Leben mache, das noch vor mir liegt, oder ob ich weiter so tue, als würde der Tod nie kommen. Verstehen Sie, das geht weiter als „Carpe diem“, es hat sich ein hohes Maß an Vermeidung eingeschlichen, war in mehrfacher Hinsicht immer da und ich werde mir mit Schrecken darüber bewusst.

Ich kenne das Gefühl, im Traum aus einem Traum zu erwachen. Die Adaption an die Realität beim wirklichen Aufwachen fühlt sich dann an wie eine schwere Wolldecke, unter der man hervorkriecht und das Staunen über die veränderte Umwelt, die genauso ist wie zuvor. An Landschaftsträume erinnere ich mich nicht, was, glauben Sie, bedeuten die Landschaften?

Cocteau Twins :). Es sollte heißen: „When Mama Was Goth“.

Ich war kryptisch und werde es bleiben müssen, vielleicht macht es ein wenig mehr Sinn, wenn Sie die verschiedenen Zeitebenen, die ich beschrieb, mit Personen und deren Präsenz (objektive Macht) identifizieren. Eine Gegenwart, die zu groß und zu bedeutend ist, um je Vergangenheit zu werden, auch wenn man daran glaubte – derzeit sitze ich auf my own personal Saturnring und frage den Vollmond, wann ich aufhören kann, ihn anzuheulen. Otto Rank? Das ist doch „Doppelgänger“-Rank? Unter besagten Schiffsladungen zum „Horror“ müßte sich das irgendwo befinden. „Besagt“ in jenem Interview, das man mit mir führte, meine ich. Gleichwie: was mir fehlt, ist eine bestimmte Art von Skrupellosigkeit. Vielleicht fehlt Ihnen eine andere? Skrupellosigkeit darin, die Schuld dem nicht gelebten Leben gegenüber zu begleichen?

Was Sie sagen, zum tiefer als „carpe diem“: keine Zeit mehr fürs Zweitbeste. In der Kunst nicht und im Leben nicht. Aber eben deshalb, weil es so viel Bestes gibt.

Grüßen Sie Ihre wundersame Prinzessin doch bitte von mir, sofern sie sich noch erinnert.

Ihre Krypten sind verständlich, überraschenderweise verstehe ich meine Position nicht als eine, in der mir etwas anderes zustünde, als zu wünschen, dass es Ihnen wohl ergehen solle.

Sie berichteten vom „Horror“ in einem Stiegenhaus. Ich erinnere mich. Und auch die Wundersame, die keine sein will. Sie nahm Ihren Gruß huldvoll entgegen, enthielt sich aber in höfischer Manier einer Antwort.

Keine Zeit mehr fürs Zweitbeste, ja, das trifft es mehr als Sie ahnen. Mit dem Unterschied, dass es auch kein Bestes gibt. Es gibt nur diese Aufgabe, die mir systemisch zuteil wurde. Die beigelegte Isolation wiegt schwer auf Schultern, die vieles tragen müssen. Der Versuch, der existentiellen Isolation zu entkommen, scheiterte jüngst an einer falschen, zweitbesten Lösung dieser unlösbaren Grundtatsache des Lebens und so beneide ich Sie fast. Nicht um den Zustand, sondern um die vermutlichen Gründe, die den Mond als Zuhörer fordern. Skrupellosigkeit, ein schönes Bild. Verpflichtung und Erfahrung rauben ihr den Atem.

Ich befürchte Schlimmes für die ausstehende Veröffentlichung der Herren Smith / Gallup / Cooper/ Thompson, obwohl es nach der letzten nur besser werden kann, wie Stimmen unkten.

Glauben Sie denn an unlösbare Grundtatsachen des Lebens? Ich fürchte, wenn gilt, man kann nie sicher sein, dann auch nicht hinsichtlich existentieller Isolation. Wissen Sie, wie Montaigne „diesen scheinbaren geistigen Zusammenhang, den jeder sich in seinem Inneren zurechtmacht“, nannte? Vernunft. Unsere Vorstellungen von uns selbst, sie stehen wie Minotauren im griechischen Hain herum, und wenn es unvernünftig ist, jeden Tag einen Minotaurus wegzuschieben, bitte. Manchmal sind scheiternde Ausbruchsversuche ja nur vordergründig ein Scheitern, und das Loch ist da. Und wenn es nicht da sein sollte, kann man es immer noch hin-sehen. Wie sagt Bebuquin, auf kippligem Barstuhl balancierend: „Darum, meine Damen, werden so viele verrückt. Wir entbehren der Fiktionen, der Positivismus ruiniert.“

Aber wie Sie mir mal im Hinblick auf meine Vorschläge, was Marilyn Manson tun sollte, sagten: Sie haben es nötig.

Sie meinen „The Cure“ von 2004? Ich müßte sie mal wieder hören, aber wenn ich mich recht entsinne, war es teilweise ein recht enthusiasmierendes Getöse. Sie kam mir erst kurz vor meinem Exodus zu Ohren, und die Mütze, die unter der Mütze hielte, was mir seitdem über den Kopf wächst, existiert noch nicht.

Hat das System, das Sie systemisch nennen, sozusagen einen Titel? Oder ist es eher leitmotivisch? 

Hm. Ich glaube eigentlich an gar nichts und somit auch wieder an alles. Ich gehe mit der Grundtatsachenvorstellung spazieren, weil sie tatsächlich einen gewissen Trost beinhaltet. „Wenn du auch allein in deinem Boot sitzt, ist es doch beruhigend, die Lichter der anderen Boote vorbeiziehen zu sehen.“ Und, ja, andere Grundtatsachen des Lebens sind nach Yalom die Unausweichlichkeit des Todes und die Freiheit (sich zu Bedingungen zu verhalten…). Auf Basis seiner Theorie behauptet er unter anderem, dass unausgegorene Versuche, der Isolation zu entkommen, Beziehungen zu anderen Menschen sabotieren. Und davon kann ich ein Gesamtwerk singen.

Das Scheitern ansich ist unproblematisch vertraut, aber wenn ich die Minotauren auch derzeit verschiebe wie Güterzüge im Verschiebebahnhof, dann sind da immer noch „die Anderen“, zu denen keine Brücke geschlagen ist. Eine tragfähige Brücke. Fundamente im Baumarkt nicht lieferbar. Aber Ihre Frage ist berechtigt. Glaube ICH oder glaube ich nur, was geschrieben steht, weil es bequem oder gar tröstlich ist? Verstellt die Trostsuche den Blick auf oder in? Positiv ist, dass ich darauf keine A-Dur Antwort mehr finde. Sicher ist, dass ich etwas zu verändern suche, was Sie mir einmal sagten: Wir sprechen immer nur von mir. Wir sprechen nie von Ihnen. Womit Sie einen Schutzmechanismus entlarvten, der eben diese Sabotage bedeutet. Fiktionen sind mein Leben seit 200 Jahren, mitunter wäre etwas mehr Positivismus gar willkommen. Ah, non. „Es wäre alles noch viel schlimmer ohne Fußball und Dosenbier.“ (Lotto King Karl)

Gute Mützen sind schwer erhältlich und Stricken gehört auch nicht in mein Repertoire. Ich weiß schon. Würden Sie den Exodus denn gern rückgängig gemacht haben wollen können werden?

The Cure von 2004 hörte sogar ich – und das ist bedeutsam – nicht so oft, dass ich alle Texte auswendig könnte.

Systemisch nennen wir Seelenforscher – hüstel – die Einordnung des Einzelnen in ein System (in aller Regel die Ursprungs- später auch, wenn vorhanden, die Kernfamilie). Da das System nun mal mächtiger als der Einzelne ist, verfehlt es seine Wirkung auf dessen Entwicklung nicht.

Während zuviel von sich zu sprechen dann bedeuten kann, daß man plötzlich zuviele Brücken gebaut hat, aber mit der Vorstellung, die dann vom Genie des Baumeisters besteht, nicht eins werden kann. Rückgängigmachen des Exodus ist derzeit nicht möglich. Und doch stellt sich mir, wie Sie bemerkt haben, die Frage nach Macht und Verbleib gemeinsam geschaffener Universen. Wir hatten so sehr eine eigene Sprache, daß, wenn wir auf den Dachboden gestiegen sind, wo sich der Eierkopp-Nachbar gerade friedlich ein Schüßchen setzte, dieser nach 10 Minuten Mitanhörenmüssen von Beaumarchais-Gespräch entnervt sein Refugium verließ.

Ah, und geht es nicht letztlich darum, jemanden zu finden, der die eigenen Fiktionen schon seit weit über 200 Jahren teilt und versteht? Daß dies möglich ist, kann ich wiederum unter Positivismus verbuchen. Allerdings entsteht auch daraus ein System, das mächtiger ist als der Einzelne, scheint mir, auch mit der Eigenmacht negativer Kräfte, gegen die noch 200 Jahre ankämpfen zu wollen vielleicht aber, wenn die Alpträume ein Ende haben, der letzte Beweis der Liebe ist.

Die Sabotage der Schutzmechanismen ihrerseits zu sabotieren, Tagesbefehl Nr. 2 an die Kunstarmee. Die Angst selbst ängstigen mit dem, was sie nicht vorhergesehen hat. Der Zweifel hält ständig seine Kamera auf uns, aber wir können noch die Bilder zerreißen. Jeder Heutehammer will das Examinieren der eigenen geheimsten Wünsche zermalmen: verweigern wir uns.

Verzeihen Sie, dass ich gestern nicht stoppte, aber ich war in Gedanken und Eile. Es ist immer so, nun ja, Sie wissen schon (Vgl. The Cure, Cut Here, Zeile 15-18). Ich sinnierte über einen Nietzschesatz. Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben liege darin, das Unumgängliche zu wollen und dann das Gewollte zu lieben. So ging der Satz in etwa. Ein wichtiger Satz, aber wem sage ich das, Sie schrieben ein Buch darüber. Eigentlich vertragen sich solche Gedanken schlecht mit der Teilnahme am Straßenverkehr. Zumal die Teilnehmende derzeit wiederholt Extrem-Multitasking betreibt und sich die Wirklichkeit mitunter als ganz unwirklich ausnimmt. Ich versinke in mir und bin nach außen nur sichtbar, weil es nicht anders geht.

Wissen Sie, dass Dachböden für manche Seher die Zukunft symbolisieren? Keller stehen für Vergangenheit. Mehr als eine Dekade Fiktionen und Sprache zu teilen und darin mehrere Jahrhunderte zu vereinen, ist ein mächtiges System und ich wünsche Ihnen ernsthaft Streichhölzer. Setting fire to bridges, boats and all the dreary worlds, you know.

Geht es wirklich für Jeden darum, jemanden zu finden? Zunächst plage ich mich damit, ein „So war es“ in ein „So wollte ich es“ umzuschaffen. Ich wäre dann, meine ich, frei, die zu werden, die ich bin, was unbedingt vor dem Finden des Gegenübers steht.

Die Angst ängstigen… die Bilder des Zweifels zerreißen! Welch glückliche Wortverbindungen – ich danke Ihnen!

Trotzdem glaube ich ja, daß konzentrierte psychische Energie die Wirklichkeit zu irritieren vermag, und das muß dann auch wieder ins Phänomen „Bestimmung“ integriert werden. Besser jedenfalls, aus Insichversinken unsichtbar zu sein, als aus Vagheit. „Dieser Nigel ist so vage, daß er schon fast unsichtbar wirkt.“ (so ungefähr jedenfalls, John Osborne, Blick zurück im Zorn).

Nein, daß Dachböden und Keller verschiedene Zeitebenen symbolisieren können, wußte ich nicht. Heute nacht träumte ich, daß ich ein entscheidendes Fenster im Philosophenturm aufriß, in luftiger Höhe, was den ganzen Betrieb durcheinander brachte, und ich dann den Rest der Nacht durch einen kafkaesk expandierten Philosophenturm von Versteck zu Versteck jagte, damit die aufgebrachte Meute mich nicht findet. Ich entkam.

Der intensive Wunsch, erst ein Selbst zu schaffen, mit dem man einem Gegenüber ohne „I’m not match“ gegenübertritt, erinnert mich an Pjotr. Und es ist auch mir sehr gut vertraut. Indes, mittendrin kann es geschehen, daß jemand kommt und dir das Werden, was man ist, nicht mehr überlassen kann, weil er dich, take the Heidegger term and run, entbirgt.

Derzeit auf dünnem Eis, das manchmal geräuschvoll kracht, und ansonstem mit einem rasenden, leicht unverständlichen Austausch von Keller und Dachboden beschäftigt, als wäre Zeit ein Buster Keaton-Film, widme ich die Stunde des Wolfes derzeit Carlos Ruiz Zafón, „Der Schatten des Windes“ – kennen Sie den Roman? Eine Ihnen aus der BS noch bekannte Ina lieh es mir, und ich muß sagen, Widerstand ist zwecklos. Man könnte sagen, die Geschichte handelt davon, wie ein Buch zu jenem Einfallsloch wird, durch das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich zu munterer Vermengung treffen. 

Dankeschön, auch an The little Princess! – ein Jahr, das derart unter vier Augen beginnt, hat gefälligst brave new zu werden. Sie sagten, das Kind gibt sich mit Bach ab, geigend? Kaum, daß sie sprechen gelernt haben, erzählen sie einem die phantastischsten Geschichten, als hätten sie über einen langen Zeitraum hinweg beobachtet, aufgespeichert und angereichert mit Dingen, die wir schon lang zu sehen verlernt haben. Und umgekehrt könnte man meinen, die verlernen bloß, Wunderkind zu sein. Aber daß Sie bereits Geigenklängen lauschen, ist überaus bemerkenswert. Gerade höre ich den Soundtrack zu „The Hunger“, Bachs Cellosuite # 1 ist auch darauf, nebst einiger schamloser Diebstähle beim Soundtrack zu „Performance“, aber das macht ja auch nichts. Bowie im Film wirkt oft so schrecklich verloren. Und das Schreckliche ist, daß man sich dann oft so fühlt wie Bowie im Film. Ich gehöre ja zu den wenigen Menschen auf diesem Planeten, die „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ gesehen haben. Da war er fast so verloren wie in „The Man Who Fell To Earth“. Sie sind doch todsicher bei The Cure? Hinterlassen Sie doch geheime Zeichen auf der Gemüsematschbassistinnenseite. 

Gemüsematschbassistinnenseite? :) Geheime Zeichen können Sie haben, aber wenn die Seite so geheim ist, dass ich sie nicht kenne, bleiben die Zeichen siebenschleierhaft.

Ist ja auch gar nicht so geheim – selbstverständlich suche ich den Mann auf, dessen Musik seit mehr als 20 Jahren mein Dasein begleitet. Was auch immer mich dort erwartet, allgemein werden die besten Live – The Cure erwartet, die es je gab. Porl ist wieder dabei. Dreistündige Konzerte. Irgendwo spielten sie im Herbst gar „How Beautiful You Are“. Es zu verpassen ist undenkbar. Notieren Sie das.

Amor fati? Fatalismus wohl? Ich neige zu diesem. „There is no if, just and.“ Auch dies sang Smithy.

Sie schrieben erstaunlicherweise gerade gestern über das Kind, dem Tag, an dem es ein weiteres Jahr seiner Kindheit beendete. Sie spielt, wenn auch nicht wunderkindisch, so doch herzig und entschlossen. Heute machten sie und ihr Geigenlehrer sich zweistimmig an Vivaldis Herbst. Zuweilen ist es nicht einfach, dabeizusitzen. Auch an Tagen wie dem gestrigen wird die Mutter etwas wehmütig und es ziehen Bilder vorüber von vergangenen Momenten, an denen eben diese Wunder sich offenbarten, die Sie meinen.

Gemüsematsch. Sie haben doch wieder die Möhren anbrennen lassen!? Wir sollten ein Kochstudio für intellektuelle Nichtskocher eröffnen. Nach Muppets Vorbild ist es darin Pflicht, das Gemüse mit geschlossenen Augen in den Kochtopf zu befördern – werfenderweise selbstredend. Außerdem werden nur gut durchanalysierte Milchprodukte verwendet und Uhren sind zwar nicht verboten, aber verpönt. Gemüsematsch. Kennen Sie denn meine Matschtheorie? Die aus der Philturm Mensa? Angewiderte Kommilitonin und ich entwickelten diese. Der Chef de Cuisine des Studierendenwerks unterhält geheime Beziehungen zum Lauchplantagenbesitzer auf Kummerland. Um die Mindestabnahmemenge zu erfüllen, müssen Studenten täglich mehrere Tonnen von dem depressiven Zeug ertragen. Weiterhin gibt es in der Küche einem Nebenraum, zu dem nur Mensabedienstete Zugang erhalten, die genügend Sadismus Studenten gegenüber bewiesen haben. Hier stehen große Eimer, in denen grobes Pulver in verschiedenen Farbvariationen von Ocker bis Umbra lagert. Auf die Lauch- oder anderen Gemüsekreationen, die erst zufrieden stellend die Küche verlassen dürfen, wenn sie ordentlich verkocht sind, werden große Kellen aus eben dem Pulver angerührten Matsch gehauen. Die Farbwahl (Welche Farbe Matsch nehmen wir heute, Eckhart?) trägt täglich zur Belustigung des Personals bei.

Ich habe das Buch noch nicht gelesen, obwohl es mir schon von anderer Seite empfohlen wurde. Oder nein, es muß wohl heißen, ich habe es nicht gelesen, WEIL es mir von gewisser Seite empfohlen wurde. Da Sie es sind, werde ich dem Werk nun eine zweite Chance gewähren und es nach geschriebener Terminabgabearbeit zur Hand nehmen. Schatten treffen sich ja in der Dunkelheit und halten Tratsch über ihre Besitzer. Deshalb muß man immer drauf achten, ob am Morgen auch der richtige Schatten zu einem zurückgekommen ist. Es kommt da schon mal zu Verwechslungen.

Ich glaube, diese Filme, aus denen dieses Gefühl entsteigt, „so zu sein“, finden uns von ganz allein. Bowie und Sie, wer würde keine Parallelen finden? Ich sah kürzlich einen Film, in dem Corinna Harfouch auf unglaubliche Weise Bozena Nemcova gab und war berückt und verstört für Tage. Ich war nie so arm, nie so krank und nie so konsequent wie sie, aber ich konnte mich nicht des Gefühls erwehren, ihre Zustände bestens zu kennen.

Habe zunächst mal „undenkbar“ notiert. So geheim ist die Seite nicht: es ist die linke. Da stehen gern die Bassisten wie Jeordie White, wenn er mit Nine Inch Nails in die Berliner Columbiahalle kam. Oder eben auch die Smashing Pumpkins-Bassistinnen. Deren erste ein langjähriges Faszinosum ist, die aber erst in Substanzen- und dann in Geheimnebel abtauchte – man hört Dinge wie Pferdezüchterei und Antikenhandel. Gern würde ich einen blauen Fayencering der Bint-Anath bei ihr kaufen, da ich aber nun einmal der sanften Ironie Ihrer Worte eingedenk mitnichten mich hoch über dem Genfer See mit Tomaten aus dem teuren Bowiesandwich vollkleckere, muß das ein Traum bleiben. Diese Ihre Matschtheorie gefiel mir aber blendend. Bevor ich meine eigenen Beobachtungen aus der HS-Küche lieber für mich behalte, fällt mir ein, daß Gallup gar nicht links steht. Jetzt ist also D’Arcy durch eine gewisse Ginger Reyes ersetzt, beim RaR klang das ja alles hinreißend.

Auch Ihre Schattentheorie hält natürlich jeder Überprüfung stand, von Carl Theodor Dreyers „Vampyr“ bis zu Nick Caves „Jack’s Shadow“ finden sich dankenswerterweise Indizien, daß man nicht allein ist mit diesem Gefühl, daß der Schatten einen zuweilen einen guten Mann bzw. eine gute Frau sein läßt. Wenn man also das Gefühl hat, nicht über seinen Schatten springen zu können, könnte zuweilen das eigentlich Interessante daran sein, daß es der Schatten eines anderen ist. Hm. Wirklich. („Wirklich“ wie in: „Now really Mansfield, must you!“).

Über Bozena Nemcova weiß ich leider gar nichts, außer eben, nun ja (wie oft haben SIE es gesehen, in den Weihnachsferien?), und daß man sie rund um Prag vor allem für „Babicka“ liebt. Aber ich denke, ich weiß, was Sie meinen, und ich will jetzt nicht wieder von dem Moment anfangen, in dem ich in Paris vor dem Haus stand, in dem Lautréamont verhungerte. Die Sache mit Carax, nun, sobald ich mehr als 342 Exemplare verkauft habe, nehme ich alles zurück, aber trotzdem stellt sich die Frage, ob man auf Papier schlafen und Tinte saufen soll für den Rest der Tage. Und ich wohne noch nicht mal über dem Roten Salon. Und der Mann hatte noch ein anderes Problem, an dem vor allem andere litten. Aber am Ende wußte er zumindest eines: daß wir tatsächlich alle durch eine seltsame Kette von Schicksalen und Zufällen miteinander verbunden sind. Keiner weiß eigentlich genau, welche Rolle er im Leben eines anderen spielt.

So ist die kleine Virtuosin also Sternzeichen Steinbock. Überrascht mich bei dem Blick gar nicht. Sie wissen, daß man als Steinbockmädchen immer ein paar Jahre klüger, schlauer, weiser ist als die blöden Mitschülerinnen? Dafür werden diese Mädchen später partout nicht älter, man kann fast sagen, sie werden jünger. Mit Ballett und Sheridan Le Fanu aufwachsen, und natürlich jeden dieser ziselierten Sätze aus „Onkel Silas“ verstehen, ja auswendig können, dann mit Mitte 30 Marilyn Manson entdecken und später am Bühnenausgang stehen und Josh Homme den einzigen sein lassen, der zu schlapp ist, um als Steinzeitkönigin noch ein Autogramm zu geben.

Sie fanden Ironie in meinen Worten, die ich dort nicht reinlegte. Wenn ich von Parallelen schreibe, so meine ich nicht die Unterschiede, sondern die Parallelen ;) Ah, ja, die Smashing Pumpkins waren auch der einzige Gemüsematsch, der mir einfiel. Werden Sie diese denn aufsuchen, wenn sie dieselbe Arena beehren, wie meine Hausband? Simon Gallup, in Berlin stand ich vor ihm und als jemand Simoooon! rief, bemerkte ich, dass ich es war (aber „Simon, du geile Sau“ rief eine andere). Ich wusste nicht, dass Bassist(inn)en Sie so faszinieren, finde es aber verständlich. Wenn man dem Film glauben darf, schlief Bozena Nemcova tatsächlich auf Papier am Ende ihres Lebens. Man kann die naive Idylle der Babicka erst verstehen, wenn man die Tragik ihres Lebens kennt. Sie wusste nicht, dass sie das Kind einer Adligen war, die sie nach einer heimlichen Affäre nicht behalten konnte. Sie wuchs deshalb bei Angestellten auf, die sie zeitlebens für ihre Eltern hielt. Wahre Liebe begegnete ihr nur einmal, und nur sehr kurz, während ihr Ehemann spielte und trank und ihr jedes Geld abnahm, das sie verdiente. Und doch war sie bereit, allem zu entsagen, was ihr noch die geringsten Bequemlichkeiten ermöglichte, nur, um schreiben zu können, da sie im Schreiben die einzige für sie zugängliche Schönheit fand.

Simone de Beauvoir wurde am 9. Januar 1908 geboren. Letzte Nacht sah ich einen schlechten Film über sie. Alice Schwarzer fragte dümmlich, warum sie und Sartre sich konsequent siezten und sie erhielt eine wunderbare Antwort, die keine war, was mich erfreute. Ich habe Alice Schwarzer vorher nie so naiv erlebt, wie sie es seinerzeit gewesen sein muß. Das Interview fand in Beauvoirs Wohnung statt und Schwarzer besaß die Dreistigkeit zu fragen, warum ihre Wohnung nicht die eines Autors, sondern die einer Frau wäre! Ich dachte, ich springe in den Fernsehapparat, tat es aber nicht, da ich vermute, es gibt Kopien dieser Aufzeichnung. Also wäre es eine sinnlose Verzweiflungstat gewesen. Naja, die Schwarzer eben, ihre Gefühllosigkeit ließ sie überhaupt nur so erfolgreich werden. La Beauvoir reagierte wiederum gelassen und erzählte von den Reiseerinnerungen, die sich in der Wohnung türmten.

Ja, ich weiß von der Besonderheit der Steinbockfrauen. Glücklicherweise habe ich horoskopisch ebensolche Anteile in mir und das macht es leichter, Verschiedenes zu verstehen. Ich kann nur selten mitreden, wenn andere von ihren Kindern und v.a. von Schwierigkeiten mit diesen erzählen. Meistens schweige ich dazu, da es nicht ankommt, wenn ich versuche zu erklären, was bei uns anders ist. Treffend beschrieben, „die blöden Mitschüler“. Manche behandeln sie fast ehrfürchtig, was sie gelassen akzeptiert, da es ihr selbstverständlich erscheint.

Das Setting der Geigenstunde ist übrigens eine der größten Herausforderungen für mich. Ich habe Grund zu der Annahme, dass auch der Lehrer im Zeichen des Steinbocks geboren wurde. Menschen, die eine solche Stunde von außen beobachten würden, könnten nicht das Geringste erkennen; zur Begrüßung murmelt einer der drei eventuell ein Hallo, es wirkt, als würden Fremde sich vollkommen desinteressiert zu einer eher unangenehmen Aufgabenerfüllung treffen. Doch wenn die beiden zu spielen beginnen, sammeln sich in dem kleinen Raum psychische Energien. Über die Geige und das Kind hinweg strahlt er mich aus seiner sonst unzugänglichen Welt heraus an und in einer Weise, die kaum auszuhalten und nur schwer zu verstehen ist, empfinde ich die Musik wie keine andere. Wenn ich zurückblicke, erscheint Verwunderung in seiner Mimik. In seinem Blick auf das Kind sehe ich wiederum das Erstaunen über ihr Anderssein neben den anderen Schülern und das tiefe, aber unbewußte Verstehen unseres Gleichseins im Anderssein. Am Ende der Stunden gehen wir fast ohne Gruß wieder auseinander, wie Flüchtende.

Als die Stunden im letzten Mai begannen, nahm ich Ihr Buch erneut vor und das Wesentliche Ihrer Geschichte offenbarte sich wie nie zuvor; Gefühle, die Aljoscha durchlebt, schauten mich belustigt an, als wollten sie sagen: siehst du, so ist das. Aber keiner weiß genau, welche Rolle er im Leben eines anderen spielt, lernte ich heute Mittag und vielleicht ist das auch besser so.

Sabotage sabotieren. Ein Briefwechsel (mit Christian Erdmann und Mlle. Catherine). Bild: Carl Theodor Dreyer, Vampyr.
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Ballett

Anna Pavlova

Eines Tages aus einem Antiquariat in Kopenhagen mitgenommen:

Programm „Mindefesten [Memorial] for Anna Pavlova“, Det Kongelige Teater Kopenhagen, 23. Januar 1936

Programm "Mindefesten for Anna Pavlova", Det Kongelige Theater Kopenhagen 1936.

Programm „Pawlowa“, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 10. Januar 1928.

Zur Aufführung kamen „Don Quijote“ mit Anna Pavlova als Kitry sowie Divertissements, in No. 2 Anna Pavlova als Sterbender Schwan.

Programm "Pawlowa", Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 10. Januar 1928.

Auszug aus diesem Heft:

„Schwebend, entschwindend und bald wieder erscheinend, durchsichtig wie ein Phantom, scheint sie die Gestalt einer Nymphe aus dem Zauberreich. Ihre weiten Aufflüge entführen sie der Erde, entgegen allen Gesetzen der Physik.

Die besondere Eigenart ihres Talentes ist in ihrem immateriellen Wesen verborgen, das sie von allem was auf der Erde lebt wegzureissen scheint. Sie wurde zur Prinzessin eines verzauberten Landes, die über Wald-, Luft- und Wassernymphen herrscht, zur Prinzessin eines wundervollen Märchenreiches von Träumen und Schemen, die kommen und entschweben.

Pawlowa ist es gelungen, den Geist des Tanzes selbst in ihrer Person zu verkörpern, und das ist ihr Genie.

Sie ist DIE Tänzerin, sie ist DER TANZ.“

Anna Pavlova, Primaballerina.
Anna Pawlowa.
Anna Pavlova.
Anna Pavlova by John Lavery.
Anna Pavlova, russische Primaballerina.
Anna Pavlova, Tänzerin.
Anna Pavlova in Ägypten.

Victor Dandré wrote that Pavlova died a half hour past midnight on Friday, 23 January 1931, with her maid Marguerite Létienne, Dr. Zalevsky, and himself at her bedside. Her last words were, „Get my ‚Swan‘ costume ready.“ Dandré and Létienne dressed her body in her favorite beige lace dress and placed her in a coffin with a sprig of lilac.

In accordance with old ballet tradition, on the day she was to have next performed, the show went on, as scheduled, with a single spotlight circling an empty stage where she would have been.

[wiki]

Anna Pavlova starb in einem Zimmer des Hotel des Indes in Den Haag. Am 18. August 2016 standen wir davor.

Hotel des Indes, Den Haag, das Hotel, in dem Anna Pavlova verstarb.
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The Everlasting Gaze

2023 [1]

Christian Erdmann, 2023.

Ostern 2023

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Vorweihnacht

Die Abwehrkette geht im Traum vom Platz

What’s this?
Vorweihnacht

Ach, du ahnst es nicht. Oder vielmehr ich ahne es nicht. Naja, ich habe so eine Ahnung. Oder wie Freud sagte: „Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre.“

Oder wie Pjotr auf Seite 217 bemerkt: „Man kann nichts erzwingen.“ Schon gar nicht den Schlaf. Oder den Traum. Ich sinniere manchmal über einen Namenswechsel, wobei „myspace.com/Schlaflos in Hamburg“ durchaus treffend, wenngleich trivial erscheint. Zwei Wecker ein Zeichen von Dekadenz! Bewahre, eher halte ich Sie für genial, da leider das Verschlafen nach der Schlaflosigkeit ein beliebter Kunstgriff meines Unterbewusstseins geworden ist. Hm, weiß nur, dass im Traum die Abwehrkette vom Platz geht und Homunkulus hemmungslos und ohne Abseitsfalle zum 0 = 2 verwandelt.

Aber ich nenne SIE doch nicht nach einem Kaffeeladen, wo denken Sie hin!? Sie selbst übrigens waren es, der sich bekannte, gar bei Madonna einzukaufen. Entschuldigung.

Wie kommt es, dass Sie so leicht schockierbar sind? Das Leben ist keine Geisterbahn und doch begegnen mir täglich Untote.

Tatsächlich zog ich kürzlich im Spättau zu Berge, da dieser rief und siehe da, am Gipfelkreuz sind alle Menschen gleich geschafft. Es entschädigte der Blick auf wilde und zahme Kaiser und man konnte den Chiemsee..n. A la recherche ergab sich später in Wolferls Geburtsstadt, dass meine Vorfahren ihm fast noch begegnet wären, wenn sie nicht ins Exil nach Ostpreußen exuliert wären. Temps perdu war das zumindest für meine Launenhaftigkeit gewiß nicht.

Später dann lautet Sic: „Zuviele Noten!“ Aber wer ist Sei Shonagon?

Da ich pro Halbjahr nur eine CD schaffe, ist „Year Zero“ aus der Warteschleife gefallen. Ferner lausche ich den Geigenklängen des Kindes, welches sich schon mit Bach abgibt. Präzisieren Sie doch „Impressionen über eine gewisse Madonna“!? Ich nähme Konsequenzen in Kauf. 

Möglicherweise sagte Freud aber auch viel, wenn die Zigarre lang war. Erstaunliche Koinzidenz jedenfalls, „Schlaflos in Hamburg“ hätte ich mir selbst schon reservieren können müssen gesollt haben. „Bring Me The Head Of Morpheus“ ist zu lang, „Insomnicide“ zu dezidiert, obwohl „Crowned“ von These Immortal Souls all das auf den stets fluktuierenden ungreifbaren Punkt bringt. Sie kennen vielleicht dieses legendäre Projekt des im Cabinet des Dr. Caligari Vergessenen? 

Von den Alpträumen ganz zu schweigen, aber die Gedankenkarawanen könnten eine Sündflut vertragen. Genaugenommen bin ich nicht leicht schockierbar, noch genauer genommen kann mich gerade das Normalste schrecklich schockieren, das Abseitige weniger. Das macht es nicht leichter. Ach, DIE Madonna. Jadanndoch. Die Abwehrkette geht im Traum vom Platz? Das sind ja Spielzüge wie aus dem Lehrbuch. Ein Bilderbuchtor wandelt immer am Rande des Abgrunds, aber er weiß es nicht, und darum fällt er nicht. Nun sagen Sie bloß! Abgesehen von den charmanten Reiseimpressionen: meine Vorfahren sind zwar teils aus Burgund, teils aus Deutschordengebiet zusammengeströmt, dann aber auch in Ostpreußen gelandet. Ach, das Wolferl. Ich hätte so gern ein Venusbrüstchen. 

Sei Shonagon ist die Verfasserin des „Kopfkissenbuches“, eine Art Tagebuch, das sie um das Jahr 1000 herum führte. Peter Greenaway hat sich davon inspirieren lassen für den Film, der hierzulande „Die Bettlektüre“ hieß.

Von und während Schlafphasen wage ich kaum zu träumen. Kürzlich erreichte mich gar ein Schreiben der Lehrerin des Kindes: Die Schule beginnt um acht! Ich empörte mich und wähnte zu antworten: Leider! Aber das Kind lehnte dies ab. Nun ja, der Lehrkörper. Betrat je ein Anhänger dieser Spezies zuspätkommend den Raum und verlor auch nur ein Wort der Entschuldigung? Reine Rhetorik, Verzeihung, ich empöre mich erneut.

Das Gute an Karawanen ist ja, dass sie weiterziehen. Wenn sie allerdings dazu neigen, sich im Kreisverkehr einzurichten, kann einem leicht schwindlig werden, oh ja.

„Sie mögen meine Lehren bei Tag beschimpfen, aber ich bin sicher, sie träumen von ihnen in der Nacht.“ Unser Freund, der die Träume schreibende Homunkulus, amüsiert sich ja oft damit, mehrere Variationen über ein besonders fesselndes Thema zu komponieren. Gibt kaum etwas Spannenderes und mal abgesehen von faustischem Schrecken sind die wilden Träume doch oft hochinteressant. Eine Zeit lang träumte ich oft von einstürzenden Häusern, Neubauten gar, inzwischen sind aber neue Seelenhäuser errichtet und es stürzt derzeit nichts. Schade eigentlich.

Zuweilen fehlt mir das gute alte Mädchenpensionat, in dessen Hallen wir uns begegneten. Zumindest gewisse Aspekte dessen, andere wiederum nicht so sehr. Warum neigt der Mensch eigentlich zur Romantisierung der Vergangenheit?

Abschiedsbriefe an die Vergangenheit, die zu Einladungen werden, oui. Früher hatte ich ein Proustsches Verhältnis zu meiner Vergangenheit. Ich wollte sie aufsuchen, ohne involviert zu sein. Ich wollte all die Menschen, die kamen und gingen, wiederfinden, aber wie in einem Film. Das war in einer Gegenwart, die keine anderen Zeitebenen erlaubte oder verlangte. Dann, als diese Gegenwart in einem Prozeß, dessen Länge sich zur Länge anderer Prozesse verhielt wie „This Corrosion“ zu „Lucretia My Reflection“, zu Vergangenheit geworden schien, fühlte ich immer stärker, ich müsse eine bestimmte Zukunft fragen: was glaubst du, wieviel Vergangenheit ich mitbringen werde in dich? Jetzt ahne ich, daß diese Vergangenheit nach wie vor Gegenwart ist, aber nicht wegen ihrer Romantisierung durch einen der blauen Blume verfallenen Geist, sondern wegen ihrer objektiven Macht. Vielleicht vergessen wir einfach nur zuweilen den Moment, in dem wir vom falschen Dampfer aus winkten, insofern ist „Romantisierung“ vielleicht ohnehin das falsche Wort. Jedes Leben ist ein Mythos. 

Übrigens habe ich soeben Gustav Meyrinks „Der Golem“ beendet – da Sie vom die Träume schreibenden Homunkulus sprachen und gar nicht wußten, wie treffend. Ein phantastisches, wunderbares Buch. Und natürlich sind die Horrorträume voll der faszinierenden Ambivalenz. Eine Binse, daß die Sprache noch der obskursten, wildesten Träume die klarste Poesie ist.

Meine Alpträume kann ich mittlerweile schichten: in einem träumte ich, aus einem Alptraum aufgewacht zu sein, mit glasklarer Erinnerung und Wahrnehmung aller Details meines Zimmers, in dem ich gerade aufgewacht war – aber eben nur im Traum. Und dann bewegte sich die Tür, weil eine Präsenz in meinem Postalptraumzimmer war. Faszinierend. Früher hatte ich ein geradezu Lovecraftsches Traumland, eine Landschaft, die ich immer wieder mühevoll durchwanderte, kennen Sie das auch?

Wobei ich interessanterweise immer andere mythologische Aufgaben zu erfüllen hatte, jedoch die Landschaft mir eine seltsame Kraft gab, auch wenn ich wußte, weh, jetzt kommt gleich das „I Walked With A Zombie“-Feld etc.

Sie sehnen sich nach dem Mädchenpensionat? Welch trüber Ort wäre die Welt ohne Mädchennieverstehenkönnen.

I was strictly insomnimaniacal
Rose above sleep like something flammable
Vapour trails from the whites of my eyes
It’s a long slow fall for the hypnotized
I’ve been crowned by sorrow
I’ve been crowned by hate
I’ve been crowned by the thorns
I did not create
I’ve been crowned, I’ve been crowned
Sawn-off scatter-gun rhythm kicked in
To the base of my brain with one hundred million
Switch blade sugar coated spines
Kiss me to a strange design
This suit of mine no longer fits
The style and the grace have just got up and quit
So hold me unto this Holy Sacrament
That holds me in shape and in the present tense
I’ve been crowned by sorrow
I’ve been crowned by hate
I’ve been crowned in black
Now I abdicate
I worshipped by the shrine of sleep
No miracle came to grant me peace
Day in, day out, while unawares
I died a while as my eyes just stared
Through the vaporous veil of my shotgun bride
I can hear her talking in a voice just like mine
And listen don’t you know I’ve tried
To quit this insomnicide
Here comes the Hypnotist
Banish the Anaesthetist
Bring me the head of Morpheus
Here comes the Hypnotist

Written by Rowland S. Howard

Gerade auf der zweiten These Immortal Souls-Platte („I’m Never Gonna Die Again“) bindet er sich dann aber mal richtig die spitzen Schuhe zu, Stücke von ungeahnter Stringenz, und das etwa 10 Minuten lange „Crowned“ – über das, was passiert, wenn man sich über längere Zeit hinweg über den Schlaf (und ein paar andere Dinge) erhebt – ist vielleicht das beste, was er je gemacht hat, die Beats, die Epic Soundtracks auf diesem Stück auf der Snare hinterläßt, kann kein Sterblicher zählen, und während sich das Ganze am Ende selbst manisch in den Boden dreht, entlarvt diese wunderbare Piano-Melodie von Genevieve McGuckin, die erstmal gegen die neun Höllenkreise ankämpft und dann aus der Stille nochmal wiederkommt, einen wie Howard („I’ve been crowned in black, now I abdicate“) als letztlich heillosen Romantiker.

Die Abwehrkette geht im Traum vom Platz. Ein Briefwechsel, Teil 2. Bild von Frans Masereel.
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Vorweihnacht

Psychoanalyse des Milchreis-Es

What’s this?
Vorweihnacht

Psychoanalyse des Milchreis-Es. Aus der Serie "Vorweihnacht", Christian Erdmann & Cured Catherine.

Willkommen bei MySpace, Herr Erdmann.

„Später verließ ich das Kasino mit einhundertsiebzig Gulden in meiner Tasche.“ (Fjodor Dostojewskij). Wo bitte läuft denn die Muppets-Show?

Well, well, well, mir war, als würde in der entfernteren Nachbarschaft schon mit Pfeffernüssen geworfen… Nun ja, die Herzen Sterne Brezel-Fraktion bekennt: im September sind sie am besten – im Dezember sind sie ausverkauft.

Ich habe den deutschen Fernsehstationen übrigens verboten, die Muppets-Show zu wiederholen. Wo kämen wir denn da hin, wenn bestens inszenierte, noch dazu amerikanische Puppenspielerei dem hiesigen Kulturverfall entgegenwirkte. Ich bitte Sie!

Herzen Sterne Tannebäumchen aus Metall hab ich auch, aber in der Küche kann ich einfach nicht die Form wahren, kürzlich habe ich in einem Kochtopf ein Plastiksieb geschmolzen… falsche Herdplatte. Sie wissen ja, Madame, auf welch Weise Schmalhans küchenmeistert – „Was gibt’s heut?“ – „Angebrannten Kochlöffel.“ Mit einem Jochlöffel läßt sich auch gut scheffeln und dann das Jochzeug so über die eigene Birne Helene gießen, mh mjam. Die Bestigkeit von Pfeffernüssen im September kam mir auch schon zu Ohren. Dumm, daß ich erst im Oktober eingestiegen bin. Wie ich höre, waren die Himbeeren dieses Jahr wieder ganz besonders frech.

Über Muppets-Shows kein Wort weiter, sonst empöre ich mich. Hoffe, das Wohlbefinden befindet sich irgendwo,

The Aljoscha of Idiots

Also, wenn wir schon aus dem Küchenkästchen plaudern, berichte ich Ihnen gern etwas zur Psychoanalyse des Milchreis (ääh… Milchreises, äähh, hä?). Also Milchreis eben, neben zu bulimischen Attacken neigenden Tomaten ein weiterer neurotischer Klient meiner Küchenpraxis. Beziehungsabbrüche führen hier zu schweren Traumata mit ausgeprägter autoaggressiver Neigung. Füllt man als Therapeut aber die Elternrolle in ausreichendem Maße aus und redet dem Klienten während der Latenzphase gut zu, erreicht man unter Verwendung eines intakten Kochlöffels zumeist eine Abspaltung der regressiven Neurose und stabilisiert die Beziehung. Aber das muss man auch erst mal wissen. Übrigens plädiere ich für das Verbot von nächtlichem „Jakob“-Rufen am Klosterstern. Man kann nicht alles durchgehen lassen. Bitte unterschreiben Sie die Petition, Monsieur! 

Erkenntnisse von bemerkenswerter Tragweite, Madame. Bei der Milchreisdiagnostik scheint mir die Konversionshysterie der Milch das dringlichste Problem, die lange Zeit Symptome des Verhaltens aufweist, das Charcot „la belle indifférence des hystériques“ nannte, bis unterdrückte Affekte sich in völliger Ichveränderung äußern, während welcher ich indes zumeist schon aus Langeweile in den Nebenraum gewandert bin. Versuchsreihen ergaben zwar, daß sich Erinnerungsspuren mit einem Glitzischwamm tilgen lassen, aber nur jenseits des Lustprinzips. Bitte schlagen Sie doch mal nach, wie Landauer zur Libidobeziehung mit dem Gebrannte-Mandeln-Sahne-Joghurt von Zott steht. Lustschreie hinter Klostermauern sind Diderot zufolge gar nicht mal so unüblich, Madame, und bevor ich die Petition unterzeichne, muß ich herausfinden, ob ich Royalist oder Jakobiner bin.

Sag ich ja, sag ich ja. Ich ging sogar soweit, die erwähnte Langeweile mit einer erfrischenden Dusche totzuschlagen. Selbiges widerfuhr hernach dem Kochtopf.

Ich schlage gern für Sie nach, auch bei Landauer, jedoch erscheint mir zur Deutung einer Libidobeziehung zu an sich frigidem Joghurt, der zu Sublimierungszwecken mit Zuckerwarenbeimischung daherkommt, die erweiterte Gegenübertragung nach Ferenczi nicht unerheblich. Sollte es sich in diesem Fall um Sie selbst handeln, verweise ich auf Ihre offensichtlich ohnehin leidenschaftlichen Affekte bezüglich der alljährlichen Objektbeziehungsangebote zu Jesus Wiegenfest und weiterhin auf Jacques Lacan, der Folgendes postulierte: „Dem Begehren gegenüber steht das Genießen. Während das Begehren sein Objekt metonymisch wechselt und von der Entsagung des Begehrten lebt, gleicht das Genießen, die unmittelbare, ‚idiotische‘ sexuelle Befriedigung, eher einem zähen Schleim [oder eben Joghurt (Anm. der Autorin)]. Das Genießen ist zugleich eine bestimmte Weise des Subjekts, seine Triebökonomie und damit sein Dasein zu organisieren.“ Sehen Sie? Alles in Butter… oder im Joghurt.

Hinter Klostermauern, Monsieur? Au contraire, sie standen VOR den Mauern! Ich muss Ihnen näher erläutern, welch wahrhaft empörende Szene sich unlängst zutrug: junge Damen, es könnten Studentinnen der Kunstgeschichte… aber wir wollen sachlich bleiben, junge Damen also versammelten sich zu später Stunde nah des heiligen St Benedikt und verursachten mit ihren plötzlichen „Jakob“-Rufen – und zwar just in dem Moment, als ich die Jungfern mit meinem treuen Fahrrad passierte – ein solches Getöse, dass ich zum einen entsetzlich erschrak und zum anderen fast einen Hörsturz davontrug. Was für ein Benehmen!? Meine Unmutsphantasien auf dem verbleibenden Nachhauseweg gingen hin zu feuerroten Verbotsschildern, die freundliche Stadtverwalter am Ort des Geschehens aufstellten und auf denen ein Querbalken durch eben den berufenen Jakob mit einer „Rufen in Hörweite untersagt“-Unterschrift prangte, womit ein solches Gebaren also zukünftig verboten wäre. Sollen sie doch rufen, aber nicht in meinem Beisein!

Ah, oho. Ich hingegen rettete erst kürzlich zwei Töpfe auf einmal vor ewiger Verdammnis, den einen mit einer langwierigen Prozedur des Restplastikschmelzens; der andere konterte boshaft meinen Stolz darauf, endlich beim Kartoffelschälen mehr zu produzieren als alberne Stempel, mit einer geradezu baudrillardsch zu nennenden Beschleunigung des Kochvorgangs, eventuell war mir auch nur meine Bergson’sche durée stehengeblieben, wie dem auch sei, es galt einen verkohlten Bodenbelag zu eliminieren.

In der Tat handelte es sich bei mir meistens um mich selbst, bis mir Lacan das idiotische Genießen weggeschlürft hat. Denn schließlich, wer sind ich? Kann das moi mit dem je einen Joghurt teilen? Hatte der Spiegelstadiumsspiegel einen Sprung oder ich?

Seltsame Dinge gehen vor. Schon hier und jetzt kann ich aber sagen, daß es sich meiner Einschätzung nach nicht um Kunstgeschichtsstudentinnen handelte. Die mir bekannten sind jedenfalls nie durch öffentlich-kollektives Jakobsgeschrei aufgefallen. Vielleicht die Nonnen von Loudon? Sie riefen einfach nur „Jakob“? Nicht „Bruder Jakob, schlürfst du noch?“ oder irgendwas Identifizierbares? Ein einfaches nächtliches „Jakob“? Fragend oder fordernd? Man könnte anfangen, über diesen Jakob ins Grübeln zu kommen. Was führt der eigentlich für ein Lotterleben? Sagenhaft.

Und doch wage ich zu behaupten, dass wir im Grunde nicht ahnen, wozu perlenohrringtragende, hochwohlgeborene Damen im Schutz der Dunkelheit fähig sind.

Da Sie die Pinguinsprache beherrschen, sprechen Sie unter Verwendung dieser doch einmal mit der durée und bitten Sie sie in meinem Namen um etwas mehr Contenance. Und überhaupt, die Launenhaftigkeit, mit der die Zeit zu verrinnen scheint, geht mir auf den Wecker.

Unfassbar, dass in Madonnas Nachbarschaft Fahrräder entwendet werden. Das erhöhte Aufkommen von überdimensionalen Four Wheel Drive Jeeps in den schmalen Gassen meiner Kommune, vornehmlich übrigens von Müttern mit Kleinkindern gesteuert, lässt mich phantasieren, dass eines Tages Power Ranger kommen, um die Monsterfahrzeuge zu verschieben und das Lumpenproletariat zu rächen.

Und ob wir das ahnen. Im Traum versteht man 0 = 2. Warum eigentlich? Wenn Ihnen die Launenhaftigkeit der Zeit nun ausgerechnet auf den Wecker geht, ich brauche in der Früh übrigens dero zwei, wobei ich nie verstand, was Menschen im Frühtau zu Berge ziehn ließ, man ist noch nicht mal oben, schon ist man klamm, wobei ich aus Prinzip eher auf lumpenproletarische Weise klamm bin, und wenn dieses sich schon nicht mehr selbst rächt, und zwar mit Hyperpower, finden Sie übrigens „Year Zero“ auch so großartig? Jetzt sagen Sie bitte nicht, zwei Wecker seien ein Zeichen von Dekadenz, noch dürfen Sie mich nicht Balzac nennen, dessen Fluchtwege aber überaus gewinnbringend zu studieren sind, Sie wissen schon.