Noch nicht, lese gerade die „Diabolischen Geschichten“ von Jules A. Barbey d’Aurevilly. Allzu diabolisch wirken sie nicht mehr, fasziniert „von dem Ungeheuerlichen an ihnen“ frönt Barbey der Faszination an mysteriösen Frauenfiguren – die hoheitsvolle Teilnahmslosigkeit eines Mädchens namens Albertine in der Geschichte „Der rote Vorhang“, umschlagend in die „unglaubwürdige Kaltblütigkeit“ und „gelassene Selbstbeherrschung beim Tun des Ungeheuren“ … oder Hauteclaire Stassin, Tochter des „Aufspießers“, die in Erscheinung tritt, als sie vor dem berühmten Käfig im Jardin des Plantes eine Pantherin mit ihrem Handschuh reizt: „Aha!“ flüsterte der Doktor mir ins Ohr. „Pantherin wider Pantherin!“
Barbey selbst bleibt auch mysteriös, ständig scheint er verborgenen Beweggründen nachzuspüren, aber man weiß nie, ob er sie eigentlich gefunden hat. Am Ende bleibt, wie so oft, Bewunderung für und Genuß an der Sprache und ihren Möglichkeiten, Barbey hat Sprachkünstler wie Proust und Henry James zu beeindrucken und zu inspirieren gewußt.
Manchmal bizarr, immer interessant. Seine Essays und Aphorismensammlungen haben offenbar einen etwas dubiosen Ruf begründet, der in Deutschland durch die Veröffentlichungen bei Matthes & Seitz ggf. Korrekturen erfahren darf – Fundstück:
„Von dieser Sammlung von Aphorismen geht etwas Bezwingendes aus: Man liest, hält inne. Betrachtet Ideen wie kostbare Bilder, darin eröffnen sich neue Welten, glasklar. Es gelang ihm vortrefflich, die Menschen zu schockieren, nur eines blieb ihm, zum Glück, verwehrt: ‚Das schönste Schicksal: Genie haben und unbekannt sein.'“ (Susanne Mayer, Zeit, 3. April 2008)
Bei Matthes & Seitz finden sich zwei Aussagen zu Barbey:
„Seine Bizarrerien waren nie gemein. Er war exzentrisch und hatte doch ein ausgeglichenes Naturell. (…) Barbey d’Aurevillys Stil hat mich stets verblüfft. Er ist ungestüm, feinsinnig und brutal. (…) Er betonte bei jeder Gelegenheit seinen Glauben, bekannte ihn aber am liebsten durch Lästerung.“ (Anatole France in seinem Nachruf)
„Die ambivalente Poetik des Jules Barbey d’Aurevilly besteht aus der skeptischen Ferne zum politischen Menschen einerseits und der fiebrigen Neugier auf Abgründe des kreatürlichen und spirituellen Menschen andererseits. Aber gerade in diesem zweiten Punkt liegt die ungeheure Modernität Barbeys.“ (Neue Zürcher Zeitung, November 2008)
Aber ich nähere mich „A Hell Of A Woman“ an, versprochen. :)
SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch zu lesen?“ 08/2010
Extraits admirables
Das Wachen eines menschlichen Wesens – und sei es auch nur ein Wachtposten -, wenn alle andern Lebewesen in jene Betäubung versunken sind, wie sie der erschöpften Kreatur eigen ist, hat stets etwas Ehrfurchtgebietendes. Aber daß man nicht weiß, warum irgend jemand hinter den geschlossenen Vorhängen eines Fensters wacht, wo die Lampe von Leben und Denken kündet, gesellt zu der Poesie des Traumes die Poesie der Wirklichkeit. Ich jedenfalls habe niemals in einer Stadt, durch die ich fuhr, ein zur Nachtzeit erleuchtetes Fenster sehen können, ohne an diesen Lichtrahmen eine ganze Welt von Gedanken zu heften, ohne zu meinen, hinter jenen Vorhängen geschähen Liebkosungen und Tragödien…
Der Mund öffnete sich ein wenig… doch die schwarzen, die unergründlich schwarzen Augen, deren lange Wimpern fast an die meinen rührten, schlossen sich keineswegs, sie zuckten nicht einmal; aber in ihrer Tiefe, wie über Albertes Mund, sah ich den Wahnsinn huschen!
Ich begriff das Glück derer, die sich verbergen. Ich begriff den Genuß eines Geheimnisses zu zweit, das, auch wenn keinerlei Hoffnung auf Gelingen besteht, unverbesserliche Verschworene schafft.
„Ah! Ich bin Ihnen nicht deutlich genug?“ fragte Ravila mit einem Anflug von Spott. „Ja, sie war brünett, das heißt: ihr Haar war schwarzbraun bis tiefschwarz wie spiegelndes Ebenholz: nie wieder habe ich dergleichen sich wollüstig über einem Frauenkopf wölben sehen; doch ihre Gesichtsfarbe war die einer Blonden – und es kommt auf die Gesichtsfarbe und nicht auf die des Haares an, wenn man entscheiden will, ob eine Frau dunkel oder blond sei“, fügte der große Beobachter hinzu, der die Frauen nicht nur studiert hatte, um ihre Bildnisse zu entwerfen. – „Sie war eine Blonde mit schwarzem Haar.“
„Sie war wie eine Löwin unbekannter Gattung, die da meint, Klauen zu haben, und die, wenn sie sie brauchen will, erkennt, daß sie nichts als unbewaffnete Samtpfötchen hat. Sie versuchte mit Samt zu kratzen.“
Was ihre Augen betrifft, so konnte ich sie nicht beurteilen, da sie starr auf die Pantherin gerichtet waren, auf die dadurch zweifellos ein magnetischer und ihr unangenehmer Einfluß ausgeübt wurde; denn obwohl sie an sich schon reglos dalag, schien sie noch desto tiefer in starre Unbeweglichkeit zu versinken, je länger die Frau, die hergekommen war, um sie sich anzuschauen, sie anstarrte; und – wie alle Katzen angesichts eines sie blendenden Lichtes – ließ die Pantherin, ohne den Kopf auch nur um Haaresbreite zu bewegen, ohne daß die feinen Spitzen ihrer Schnurrhaare auch nur gebebt hätten, nachdem sie eine Zeitlang geblinzelt hatte, langsam die beiden grünen Augensterne hinter den Kulissen der Lider verschwinden. Das Tier schloß sich ab gegen alles.
„Aha!“ flüsterte der Doktor mir ins Ohr. „Pantherin wider Pantherin! Aber die Seide ist stärker als der Samt!“
Und er hatte richtig gesehen, der Doktor! Schwarz, geschmeidig, von ebenso starkem Gliederbau, ebenso königlicher Haltung; die Dame, die Unbekannte, war in ihrer Art genauso schön und von einem noch beunruhigenderen Zauber erfüllt, sie war eine menschliche Pantherin, die vor der tierischen Pantherin stand und ihr überlegen war; und das hatte das Tier sicherlich gespürt, als es die Augen schloß. Aber die Frau begnügte sich nicht mit diesem Triumph, sofern es einer war. Es fehlte ihr an Edelmut. Sie wollte, daß die Rivalin sehe, wer sie demütigte, und daß sie die Augen wieder öffne, um es zu sehen. Daher nestelte sie stumm das Dutzend Knöpfe ihres violetten Handschuhs auf, der ihren herrlichen Unterarm voll zur Geltung brachte, steckte waghalsig die Hand zwischen zwei Käfigstäben hindurch und schlug mit dem Handschuh die Pantherin auf das Maul, die nur eine einzige Bewegung machte… aber was für eine Bewegung! … und zuschnappte, blitzschnell! … Ein Aufschrei gellte aus der Gruppe: wir alle hatten nichts anders gemeint, als daß die Hand verloren sei: aber nur der Handschuh war es. Die Pantherin hatte ihn verschlungen.
Ich hatte bereits gemerkt, daß glückliche Menschen ernst zu sein pflegen.
Die Liebe beherrschte alles, erfüllte alles, tötete alles in ihnen, das Moralgefühl und das Gewissen – wie ihr es nennt; und wenn ich sie mir ansah, diese beiden Glücklichen, dann begriff ich den Ernst im Scherzwort meines alten Freundes Broussais, wenn er vom Gewissen behauptete: ‚Seit dreißig Jahren stehe ich am Seziertisch, und nicht einmal das Ohr dieses Tierchens habe ich entdeckt‘.
„Ach!“ entgegnete Doktor Torty. „Sie meinen, da sei die Fehlstelle, die Rache des Schicksals, und das, was Sie die göttliche Vergeltung oder Gerechtigkeit nennen? Nein, sie haben niemals Kinder gehabt. Erinnern Sie sich? Einmal war mir eingefallen, daß sie nie welche haben würden. Sie lieben sich zu leidenschaftlich … Das Feuer, das verzehrt und vernichtet, bringt nichts hervor.“
An einem Abend des vergangenen Sommers war ich bei der Baronin de Mascranny, einer jener Pariserinnen, die den Geist, wie er früher gepflegt wurde, über alles schätzen und dem wenigen, was heutzutage noch davon übrig ist, beide Flügel – einer würde genügen – ihrer Salontür öffnen. Hat sich der Geist nicht unlängst in eine anspruchsvolle Bestie verwandelt, die den Namen „Intelligenz“ führt?
Von Romanen sprechen bedeutet dasselbe, als erzähle jedermann aus seinem eigenen Leben.
Was man nicht weiß, verstärkt den Eindruck dessen, was man weiß, um vieles.
„Ich bin überzeugt, daß für gewisse Seelen im Betrügen Genuß liegt. Es liegt eine furchtbare, aber berauschende Glückseligkeit in dem Gedanken, daß man lügt und betrügt; in dem Gedanken, daß einzig man selbst um sich weiß und daß man der Gesellschaft eine Komödie vorspielt, durch die sie genarrt wird und deren Inszenierungskosten man durch alle Wollüste der Verachtung wieder hereinholt.“
„Wenn die Worte ‚teuflisch‘ oder ‚göttlich‘ zur Bezeichnung der Intensität der Genüsse gebraucht werden, so drücken sie das gleiche aus, nämlich Empfindungen, die ans Übernatürliche grenzen.“
„Das eben ist die Phantastik des Wirklichen“, sagte ernst der Arzt.
Sie glichen jener Neapolitanerin, die zu sagen pflegte, ihr Sorbet sei zwar gut, aber er würde ihr noch besser schmecken, wenn sein Genuß eine Sünde wäre.
Ganz allgemein kann man sagen, daß alle Herrenessen, bei denen nicht der harmonische Geist einer Hausherrin den Vorsitz führt, bei denen nicht der beschwichtigende Einfluß einer ihre Anmut verschwendenden Frau sich wie ein Zauberstab auf die plumpen Eitelkeiten, die herausgeschrienen Ansprüche, den blutigen und blöden Zorn auswirkt, wozu sich selbst Leute von Geist hinreißen lassen, wenn Männer unter sich bei Tisch sitzen – daß fast alle Herrenessen eine schreckliche Ansammlung von Persönlichkeiten sind, und dazu neigen, auszugehen wie das Gelage der Lapithen und Kentauren, an dem wahrscheinlich ebenfalls keine Frau teilgenommen hat. Der Egoismus, der „nicht zu verbannende“ Egoismus, den unter liebenswürdigen Formen zu verhüllen die Kunst der Gesellschaft ausmacht, stemmt nur zu bald die Ellbogen auf den Tisch und wartet darauf, sie einem über kurz oder lang in die Rippen zu stoßen.
… und selbst am Rande des offenen Grabes sind sie stets bereit, ihre Schnauzen in den Fraß der Selbstgefälligkeit zu stecken!
In wahrhaft starken Persönlichkeiten lebt etwas, und sei es auch nur ein Atom, das sich der Umwelt entzieht und ihrem allmächtigen Wirken Widerstand leistet.
Sicherlich hatte eben jener Teufel in einem Wahnsinnsanfall auch Rosalba geschaffen (…) Rosalba war genauso schamhaft, wie sie wollüstig war, und das Sonderbare ist, daß sie beides gleichzeitig war.
Man wurde ihrer nicht überdrüssig. In das Gefühl, das seine Grenzen hat, wie die Philosophen in ihrem infamen Kauderwelsch sagen, brachte sie das Unbegrenzte, das Unendliche! Nein, wenn ich von ihr gegangen bin, so ist es aus einer Art moralischen Ekels heraus geschehen, aus Stolz, was mich, aus Verachtung, was sie betrifft, sie, die mich auf dem Höhepunkt ihrer wahnwitzigsten Liebesbezeigungen nie dahin gebracht hat, zu glauben, daß sie mich liebe…
Sahen diese Atheisten endlich ein, daß, wenn die Kirche einzig dazu da wäre, Herzen zu empfangen – tote oder lebendige -, mit denen man nichts mehr anzufangen wüßte: daß das bereits etwas hinlänglich Schönes wäre?
Die übersteigerte Zivilisation beraubt das Verbrechen seiner erschreckenden Romantik und gestattet dem Schriftsteller nicht, sie ihm wieder zu verleihen. Das wäre zu gräßlich, sagen die Seelen, die alles, selbst das Grauenhafte, verniedlichen wollen.
Tressignies, der der Meinung war, sie werde in die Rue de la Chausée-d’Antin einbiegen, die im Glanze ihrer tausend Gaslampen strahlte, gewahrte zu seiner Überraschung, daß dieser gespreizt einherschreitende Kurtisanenluxus, diese schamlose Hoffart einer von sich selbst und ihren Seidenkleidern berauschten Dirne, sich in die Rue Basse-du-Rempart verlor, die damals der Schandfleck des Boulevards war!
Und Mesnilgrand schnippte ein Stück Orangenschale auf das Sims, gerade über den Kopf des Volksrepräsentanten Le Carpentier hinweg, der den des Königs hatte abschlagen lassen.
Léo Malet überführte die hard-boiled-Tradition à la Hammett und Chandler ins Nachkriegs-Paris, in dem die Stöckelabsätze nur so klackern, und Nestor Burma, Malets main man, kommt in bester film noir-Tradition vor allem durch dieses Geräusch in seine Bredouillen. Malet trieb sich, bevor er Burma erfand, bei Anarchisten und Surrealisten herum, was sich in seinem Stil vor allem dann bemerkbar macht, wenn Burma mal wieder eins auf die Rübe bekommen hat und langsam wieder zu sich kommt. Jeder Fall spielt in einem anderen Pariser Arrondissement, und die deutschen Taschenbuchausgaben der „Neuen Geheimnisse von Paris“ (der Burma-Zyklus) enthalten „Nachgänge“, die im heutigen Paris Spurensuche betreiben. Wer Paris liebt, wird bei Malet viel von dem finden, was er an Paris liebt. Melancholisch, sarkastisch, sehr charmant, nicht gerade Weltliteratur, aber ideal für den Zug nach Paris. Die Legende sagt, daß die Schreibmaschine, auf der Malet tippte, früher Trotzkis Sekretär gehört hat.
[Moi, SPIEGEL ONLINE Forum, 18.08.2006]
Aus Malets Autobiographie: „Leute, die meine Bücher gern lesen, und Kritiker sagen, daß meine Krimis eine besondere ‚Atmosphäre‘ hätten. Ein wenig wie bei Simenon, obwohl es nicht dasselbe ist – die ganze Simenon-Palette mit dem mit feinen Strichen gezeichneten Dekor. Simenon hat den Nebel für sich beansprucht, seine Bewunderer sagen fast, daß er ihm gehöre. Rühren Sie den Nebel nicht an! Simenon hat dieses Dekor an sich gerissen und spricht mit der ihm eigenen Sensibilität darüber. Ich habe dasselbe gemacht. Meine Sensibilität ist vielleicht nicht dieselbe. Simenon hat den Nebel nicht erfunden, ich habe Paris nicht erfunden.“
Aber Malet sagt, er schrieb nicht mehr, als er merkte, daß Beton ihn nicht inspiriert. Im Grunde ein durch „die Fassade, hinter der sich etwas verbirgt“ angeregter Autor, der verstummte, als er auch die hinter Beton agierenden Zeitgenossen nicht mehr zu verstehen glaubte. Und natürlich durch und durch Fetischist, zweites Movens seiner Inspiration.
[Moi, SPIEGEL ONLINE Forum, 23.05.2008]
Zitate aus: Léo Malet, Stoff für viele Leben. Autobiographie, Edition Nautilus Verlag, Hamburg 1990
Von meiner Mutter bleibt mir nur eine einzige Erinnerung, welche die Psychoanalytiker sicher interessieren wird. Es war kurz vor ihrem Tod, sie war erst 21. Der Arzt hatte ihr eben eine Spritze gegeben und schloß seinen Koffer. Ich kam ins Zimmer. Es saßen ein paar Leute da, sie sagten nichts und nickten mit dem Kopf, wie in einem Alptraum. Meine Mutter lag auf dem Bauch, ihr Hintern war nackt und auf der weißen Rundung perlte ein Blutstropfen. Dieses Bild ist mir geblieben. An meinen Vater kann ich mich überhaupt nicht erinnern.
Vom Katechismusunterricht bleibt mir eine genaue und ziemlich seltsame Erinnerung: Der Priester erzählte uns die Geschichte einer Dame, die gewisse kleine Sünden beichtete. Jedesmal, wenn sie eine Sünde zugab, kroch eine kleine Schlange aus ihrem Mund, fiel auf den Boden und wand sich. Plötzlich aber erschien zwischen den Lippen der Beichtenden der Kopf einer Riesenschlange: eine große Sünde, die sie zu beichten anfing. Sie wollte aber mit ihrem Bekenntnis nicht ganz heraus und schluckte die Schlange wieder. Sofort stürzten sich die kleinen Schlangen, die neben den Füßen des Beichtvaters lagen, auf die Frau und hopp! verschwanden sie wieder im Körper der Sünderin. Ich konnte mir die Szene sehr plastisch vorstellen. Es war fast wie eine Collage von Max Ernst. Die ganze Geschichte hatte eine erotische Seite. Das Bild einer Schlange, die aus dem Mund einer Frau kommt, ist verdächtig; es müßte vielleicht einmal analysiert werden.
In meinen Büchern töten sich alle gegenseitig, ich kann aber keinem Zwerg etwas antun.
Ich bin immer schon gern zu Fuß gegangen und in Paris war das etwas Besonderes. Man sah erstaunliche Dinge. Zum Beispiel einen Epilepsieanfall auf dem Boulevard Sébastopol um 2 Uhr morgens, Leute, die von irgendwoher kamen und gafften, Nutten, kleine Gauner und ein Kranker, den es immer stärker schüttelte, der stöhnte und sabberte. Wie Zabel in „Hafen im Nebel“ sagt: „Man sieht seltsame Dinge zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens“. Ich wurde auch Zeuge von Razzien im Montmartre, wo die Polizisten auf ihren Fahrrädern aus allen Straßen auf den Place Pigalle kamen und die Leute vor sich herstießen. Oder in Barbès, wo die Mädchen mit hochgezogenen Röcken davonliefen, verfolgt von der Sitte und Polizisten in Uniform.
Auch in meinem Zusammenhang hat man von anarchistischem Puritanismus gesprochen. Man irrt sich, muß ich leider sagen. Ich bin kein Puritaner, ich finde nur, daß es Sachen gibt, die man nur zu zweit gut machen kann, nicht zu dritt oder zu viert.
„Er ist tot, der große Ameisenbär, der große schwarze Stern, die Sonnenblume, der Himmelsstürmer, der große Lichtträger, die große Fackel; leuchtend wie eine verirrte Haarsträhne einer verliebten Frau, die große Fackel dieser Jahrhundertwende mit ihren Gewitterstürmen des Denkens. Er ist in Fantomas‘ Spital, Lariboisière, gestorben, wo Philippe Daudet am Samstag, dem 24. November 1923, gegen halb fünf Uhr nachmittags, sterbend in einem Taxi aufgefunden, eingeliefert worden war … Man kann noch lange behaupten, die Revolution sei nicht das Werk des einzelnen, ohne bestimmte Menschen aber gibt es keine Revolution. Schlaft in Frieden, liebe Leute, feiert die 70 Jahre von Elsa, hört dem monotonen Aragon zu, schaut fern, die große Sonnenblume liegt in ihrem Sarg. Von nun an ist alles erlaubt.“
Ich schrieb diesen Nachruf, nachdem ich vom Begräbnis André Bretons 1966 nach Hause kam.
Man könnte doch ausgefallene Szenarien aus der französischen Geschichte schreiben. Schon allein die Königin Margot wäre eine wahre Fundgrube. Sie war eines Tages mit ihrem Liebhaber im Bett, als ihr Bruder, Heinrich III. von Navarra, ins Zimmer stürzte und den Liebhaber mit Hilfe eines Dolchs aus ihr herauszog. Der bedauernswerte Mann verlor sein Blut gleichzeitig mit seinem Sperma.
[Über seinen Roman „Das Leben ist zum Kotzen“]:
Mit Hilfe von Träumen und persönlichen Erinnerungen, mit vielleicht verfehlten Interpretationen des Verhaltens großer Krimineller habe ich versucht, einen gewaltigen und brutalen Schrei nach Liebe auszustoßen, denn dieses Buch ist letztlich ein Roman über Liebe und Leidenschaft, eine verzweifelte Suche nach dem affektiven Absoluten, zwischen den Zeilen steht das allmächtige Bild der Frau, die wie eine Kaiserin, Haare und Augen leuchtend vom tödlichen Widerschein des Goldes, ihre mörderisch hohen Absätze in die Brust ihres Opfers bohrt. Aus diesem Grund wäre es mir unangenehm, wenn man diesen Roman wegen bestimmter heikler Passagen mit der jetzt so beliebten Supermarkt-Erotik verwechseln würde. „Das Leben ist zum Kotzen“ ist etwas anderes.
Ich habe „archäologische“ Romane geschrieben. Wissen Sie, wie das ist, wenn Ihnen jemand sagt, daß es eine Straße, die Sie kannten, nicht mehr gibt?
Überall, oder fast überall, stehen nun diese Scheißhaufen aus Stahl, Glas und Beton. Blinde Fenster, die nie geöffnet werden, hinter denen man nur mit Mühe lebendige Wesen vermutet.
Von der Mitte der Grenelle-Brücke, die abgerissen und den Normen des Autoverkehrs angepaßt wiederaufgebaut wurde, etwa in der Nähe des Ortes, an dem Lady Betham, die Mätresse von Fantômas, in der Nacht den verhängnisvollen Fiaker anhalten ließ, sehe ich diese neuen Tempel des Jahres 2000. Ich weine nicht über das Verschwinden der Citroën-Fabrik, aber ich muß an dieses ganze Netz von verschwundenen kleinen Straßen denken, an dieses mythische Labyrinth des Volksromans, wo Theseus schließlich dem Minotaurus begegnete, der ihn mit dem ganzen Viertel zugleich auffraß.
Für ein Buch von 200 Seiten benötigte ich mindestens 800 maschinengeschriebene Seiten. Ich feilte immer aus, war nie zufrieden. Wegen eines durchgestrichenen Wortes schrieb ich die ganze Seite nochmal. Ich habe später erfahren, daß Dashiell Hammett dieselbe Manie hatte.
Ich weiß nicht warum, aber wenn ich ans Wort „Ende“ kam, war es immer fünf Uhr morgens.
Gerade sah ich ein Plakat für den Workshop: „Eine Heimat im Körper finden“. Fast hätte ich darunterschreiben wollen: Ja, aber in welchem? Huah. Mein ewiger Favorit unter den saublöden, jedoch unvergeßlichen Honk-Schmierereien: Plakat für „Begegnung mit Goethe“, ergänzt mit ziselierter Kuli-Schrift: „und seinem Diddel“. Stattdessen empfehle ich „Manon Lescaut“ von Abbé Prévost. Ein Standardwerk, eine Bibel geradezu für den Communication Breakdown zwischen Hirn und Herz. L’amour fou zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Nicht Ratio, nicht Theologie vermögen hier etwas gegen die wilde Leidenschaft, die einem bezaubernden Mädchen gilt, das sich doch immer wieder entzieht, und die nachgeschobenen Erklärungen des Prévost bleiben so wirkungslos wie das Ende des Romans wirkungsvoll, in dem nämlich der vermeintliche Sieg der Tugend mit dem Tode bestraft wird.
„Wer nicht wie Des Grieux liebt, das heißt gegebenenfalls bis zum Verbrechen, bis zur Schande, kann nicht sagen, daß er liebe.“ (Dumas, Sohn). So ist das: wahrhaft Liebende sind Renegaten, Abtrünnige, Ketzer. All das durchzieht diesen Roman, und man nimmt hin und leidet mit Des Grieux daran, daß und wie Manon immer wieder entgleitet in die Lust an Luxus und Annehmlichkeit. Er sieht sein Unglück voraus, es kümmert ihn nicht, er weiß um die Unbedingtheit, mit der sie beide ihrem Schicksal verfallen sind, er will das Geheimnis dieser Frau, den Zauber, und wir wollen es mit ihm: welche Kunst Prévosts, daß Manon nicht eine Sekunde lang unsere Zuneigung verliert. Jeder, der dabei „Hinfort, Schlampe“ denkt, kriegt von Dumas, Sohn eins auf den Kopf.
ray05:
„Wer nicht wie Des Grieux liebt, das heißt gegebenenfalls bis zum Verbrechen, bis zur Schande, kann nicht sagen, daß er liebe.“ (Dumas, Sohn).
Schönes Thema. Die romantische Liebe, Unterkategorie l’amour fou. Halten Sie eine derartige menschliche Verfasstheit in unserer Epoche noch für vermittel- oder verstehbar? Ich kenne Paare, die heiraten nach acht oder zwölf Jahren gegenseitigen Vergewisserns und Prüfens, nur um schließlich festzustellen, dass sie „eigentlich unabhängig sein wollten.“
So ist das: wahrhaft Liebende sind Renegaten, Abtrünnige, Ketzer.
Aber nein, Herr Erdmann. Sind wahrhaft Liebende nicht eher Idioten?
Er sieht sein Unglück voraus, es kümmert ihn nicht, er weiß um die Unbedingtheit, mit der sie beide ihrem Schicksal verfallen sind, …
Yep, so ist das im Eheleben. Es geht rauf und runter. Schlimmer ist nur ohne einander. :)
Christian Erdmann:
Schönes Thema. Die romantische Liebe, Unterkategorie l’amour fou. Halten Sie eine derartige menschliche Verfasstheit in unserer Epoche noch für vermittel- oder verstehbar?
Prévost ist mir mehr Zeitgenosse als viele meiner Zeitgenossen, soviel kann ich sagen. Ich sehe einfach keinen großen Unterschied zwischen „Manon Lescaut“ und einem Song wie „Something I Can Never Have“ von Nine Inch Nails. Ich sehe dazwischen keinen Bruch, der bedeuten würde, das eine ist veraltet, das andere zeitgemäß. Ich verstehe Ihren Punkt, aber ich ignoriere ihn. Ich bestehe darauf, daß man das Unendliche durchquert, wenn man mit einer anderen Seele in Berührung kommt. „Die Lust an der perfekten Krankheit, Liebeskrankheit, schweigt vor dem Rettenden mit schauriger Verstocktheit und bedeutet der Erlösung verheißenden Arznei: DU wirst zugrunde gehen an MIR.“
Aber nein, Herr Erdmann. Sind wahrhaft Liebende nicht eher Idioten?
Jedenfalls ist Idiotentum männliche conditio, um in eine solche Liebe einzutreten. Exzessives Verlangen nach Hingabe an etwas Größeres als ein Gespräch unter Männern muß schon sein. :)
ray05:
Jedenfalls ist Idiotentum männliche conditio, um in eine solche Liebe einzutreten. Exzessives Verlangen nach Hingabe an etwas Größeres als ein Gespräch unter Männern muß schon sein. :)
Mynheer Peeperkorn: Der Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. … Gott schuf ihn, um durch ihn zu fühlen. Der Mensch ist nichts als das Organ, durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und berauschten Leben vollzieht. Versagt er im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, … eine kosmische Katastrophe, …
Es lohnt sich unbedingt, den „Zauberberg“ mal wieder zu lesen um dort die alten Freunde zu treffen: Castorp, Naphta, Peeperkorn, Settembrini, Clawdia Chauchat, Hofrat Behrens… Ein ewiger Quell, das Buch.
KLMO:
„Wer nicht wie Des Grieux liebt…“ – Warum immer alles so exzessiv, was schon pathologische Züge annimmt?! Kann mich vage an eine Novelle von Maupassant erinnern, schon in der Jugendzeit gelesen. Dass ich mich an diese Novelle noch erinnere, liegt wohl daran, dass sie mich damals sehr berührt hat.
Ein französischer Offizier sieht bei einer Parade in Paris eine junge Adlige und beide verlieben sich. Der Franzose nennt dies „coup de foudre“. Da eine eheliche Verbindung vom Stand her nicht möglich ist, brennen beide durch. Keiner weiß trotz intensiver Suche, wo sie sich aufhalten, sie bleiben für immer verschwunden.
Da dieser Fall in der Öffentlichkeit auch emotionalen Widerhall fand, erinnerte sich ein Mann an diesen Fall noch nach Jahrzehnten, als er einem Mann und einer Frau in sehr bescheidenen Verhältnissen in einer wilden Bergwelt von Korsika begegnet. Die Leidenschaft zwischen den beiden ist schon lange erloschen, aber sie leben beide in Eintracht und innerer Verbundenheit, trotz ihres aufgezwungenen bescheidenen Daseins.
Das ist grob das Gegenstück zu Manon Lescaut.
Bei beiden ist Leidenschaft im Spiel. Nur sind die Wege grundverschieden. Da das Exzessive, begleitet von einem destruktiven Charakter und auf der anderen Seite eine Liebe, die sich trägt.
Christian Erdmann:
Warum immer alles so exzessiv, was schon pathologische Züge annimmt?!
Exzess kommt von excedere, was nur „heraustreten“, „über etwas hinausgehen“ bedeutet. Und zwar aus sich selbst. SIE ist der Permanentmagnet der Transformation, SIE verlangt den Sprung über die Selbstsucht hinaus, SIE geleitet dich ins Mehr-als-ich. Liebe schlürft dich aus der Schale des Dir-Innewohnens, darum geht es. Erst, wenn ein Egoismus dem Ego des geliebten Wesens gilt, ist die „Liebe, die sich trägt“, das lange gemeinsame Werk überhaupt möglich. „Alles andere ist Dreck“, wie es irgendwo bei RD Brinkmann heißt. Soweit ist „Exzess“ gemeint, diese Bedingungslosigkeit des Verlangens, aus zwei Wesen EIN Wesen mit zwei unabhängig operierenden Zentren zu machen.
ray05:
SIE geleitet dich ins Mehr-als-ich. Liebe schlürft dich aus der Schale des Dir-Innewohnens, darum geht es.
Ja, es geht um Heimat und Gerettetwerden, da braucht man sich nix vorzumachen.
KLMO:
Ich antworte Ihnen mal etwas provokatorisch mit Ortega y Gasset: „Die echte Liebe ist nichts anderes als das Bestreben, zwei Einsamkeiten miteinander zu vertauschen.“ Ergo, und hier wiederhole ich die Worte eines Priors, „im tiefsten Herzen bleiben und sind Sie immer allein“.
Ich und Du lassen sich nicht verschmelzen in EIN Wesen, es ist und bleibt eine „schöne Illusion“. Ausnahme der biologische Akt als ein Momentum (nur so ist der Spruch zu verstehen: Alle Lebewesen sind nach dem Koitus traurig).
Exzessiv sein ist der Versuch, aus dem Kerker des Ich zu entfliehen. Psychiater wissen zu berichten, dass dies auf die Dauer ein sinnloses Unterfangen ist. Wer es trotzdem nicht einsehen will, ist in der Regel deren Patient.
Christian Erdmann:
„Wir verlangen nicht nach einer Sache, weil wir sie zuvor gesehen haben, sondern umgekehrt: weil wir schon vorher im tiefsten diese Art von Dingen vorgezogen haben, gehen wir mit unseren Sinnen in der Welt nach ihnen auf die Suche.“ – Auch Ortega y Gasset. Und das geht in die Richtung: „Unbewußtes erkennt Unbewußtes irrtumslos“. Wissen, daß man, bevor man auch nur ein Wort mit ihm gewechselt hat, zugleich alles von diesem Menschen weiß und nichts.
Von „romantischer“ Liebe habe ich übrigens nie gesprochen, den Begriff hat ray eingeführt. Von Exzessivität „auf Dauer“ auch nicht. Aber der Wille dazu, die Ichgrenzen zu überschreiten, muß beibehalten werden, sonst geht Liebe schlicht den Bach runter, sonst schleicht sich jene Nachlässigkeit ein, durch die am Ende nichts mehr bleibt als die Behauptung von Liebe. Liebe ist ein Werk, das nie fertig ist. Ich habe nie einen klügeren Satz über die Liebe gehört: Liebe ist das, was zwischen zwei Menschen geschieht, die sich lieben.
„Immer allein“, hm. Ich kann innerhalb einer Minute das Gefühl vollständigen Alleinseins und vollständigen Aufgehobenseins erleben, und daran ist nichts Pathologisches. Verschmelzung auf Koitus zu reduzieren wäre genauso exzessiv einseitig wie: nach dem Koitus ist vor dem Koitus (für Cramps-Liebhaber Freimann: „Lured by beauty, destroyed by sex“ – you know).
ray05:
„Wir verlangen nicht nach einer Sache, weil wir sie zuvor gesehen haben, sondern umgekehrt: weil wir schon vorher im tiefsten diese Art von Dingen vorgezogen haben, gehen wir mit unseren Sinnen in der Welt nach ihnen auf die Suche.“
Klassisch romantische Vorstellung von der Sinnsuche. Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen macht sich auf die Suche nach der Blauen Blume, von der ihm ein Fremder erzählte.
Wissen, daß man, bevor man auch nur ein Wort mit ihm gewechselt hat, zugleich alles von diesem Menschen weiß und nichts.
Dem Rationalisten und Aufklärer käme dieses Wissen fraglos dubios vor. Für den Romantiker dagegen ist dieses erste eine Wort von zentraler Bedeutung: „Die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.“
Liebe ist ein Werk, das nie fertig ist.
Der Weg ist das Ziel. Wie geschaffen für den Subjektivismus des frei navigierenden romantischen Genies.
Christian Erdmann:
Klassisch romantische Vorstellung von der Sinnsuche. Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen macht sich auf die Suche nach der Blauen Blume, von der ihm ein Fremder erzählte.
Und Novalis selbst: versucht die „unsichtbare Welt“, an deren Existenz er mit Gewißheit glaubt, wegen der fortbestehenden inneren Verbindung mit der verstorbenen Braut, mit exakter Wissenschaft anzugehen. Großartiger Ansatz! Man nennt sich nicht umsonst Novalis, Neulandbesteller. Es entsteht eine Enzyklopädie aus wissenschaftlich exakter Verworrenheit, eine Physik der Erotik (mehr im Sinne Platons als im Sinne der Cramps), eine Vermessung des Kosmos, der durch die qualitative Potenzierung entsteht, als die Novalis eine romantisierte Welt versteht. Es entsteht ein Brouillon von Analogiebildungen, weil er das Muster sucht, nach dem alles geschieht. Der magische Idealismus: daran glauben, daß dieses Muster existiert, zugleich aber ständig von der Erotik unseres Strebens verändert wird. So wird Bestimmung „gemacht“.
Friedrich Schlegel: „Hardenberg ist dran, die Religion und die Physik durcheinander zu kneten. Das wird ein interessantes Rührei werden!“ Schlegel übersah aber womöglich, daß für Novalis Religion vor allem eins bedeutete: zu Sophie, hatte er gesagt, habe er „Religion, nicht Liebe“.
Dem Rationalisten und Aufklärer käme dieses Wissen fraglos dubios vor. Für den Romantiker dagegen ist dieses erste eine Wort von zentraler Bedeutung: „Die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.“
Der Moment, in dem die Korridore, die wir in unseren Marienbads durchwandern, sich treffen. Man kann wählen, ob der Korridor die Richtung vorgibt, oder ob man die Korridore in Richtungen zu bringen weiß. Das ist das Aufregende an Marienbad: auf die Art der Bewegung kommt es an.
ray05:
Marienbad also. Als Sie mir behende davoneilten, dachte ich mir: Na, vorne an der Weggabelung hole ich ihn wieder ein. Doch außer Wladimir und Estragon und dem Kratzfuß, der einen Wegweiser halb verdeckte, war dort niemand zu sehen. Bergauf ging’s nach „Sil“, bergab nach „enbad“, las ich an der Kratzfußgestalt vorbei.
Also fragte ich: Welchen Weg hat er genommen?
Da runter, antwortete Kratzfuß und deutete Richtung Flachland. Auf halber Strecke findest du einen leeren Benzinkanister, dann kommst du an einem brennendem Haus vorbei. Wenn er versucht, den Hund zu retten, holst du ihn noch ein.
Ich entschied mich für die entgegengesetzte Richtung. Wie du willst, meinte Kratzfuß, der schon damit begonnen hatte, den Wegweiser abzubauen. Auf halber Strecke, kurz bevor es steil bergauf geht, siehst du einen Moccatrinker. Beachte ihn nicht und halte stattdessen weiter oben Ausschau nach dem Wanderer und dem Skifahrer. Gute Reise. Nach ein paar Schritten hörte ich Estragon in meinem Rücken rufen: Sie sind also auch nicht Godot? Ich sah mich um. Kratzfuß hatte die Wegweiser jetzt sorgfältig verpackt.
Christian Erdmann:
WELL I STAND UP NEXT TO A MOUNTAIN AND I CHOP IT DOWN WITH THE EDGE OF MY HAND!
An der Weggabelung werden für gewöhnlich schwarze Küken hochgeworfen, das haben Sie vergessen. Aber sehr schön vergessen.
Von den Kurtisanen am Kreuzweg spricht Flaubert in der „Versuchung des heiligen Antonius“.
Beeindruckend: die frühe Erzählung „November“, sozusagen Flauberts „Werther“, halb verschmäht, halb vom Autor geliebt wie keine andere, erst posthum veröffentlicht, eine Geschichte, von der Flaubert selbst mal seiner Louise schrieb: wenn du bei „November“ gut zugehört hast, mußt du tausend unsagbare Dinge erraten haben, die dir erklären, was ich bin. – Die Prostituierte als „ideale“ Verkörperung des Unerreichbaren, Marie als Verkörperung des ewig Ersehnten, das sich, o urfranzösisches Ideal, selbst nach etwas sehnt. Nichts für die Nüchternen. Einfach eine Reise durch den Hexenkessel der erotischen Phantasmen zwischen Traum und Realität, wofür der junge Flaubert eine Sprache ziseliert, deren Schönheit ihn zugleich als Psychologen auf Zickzackkurs ausweist, das Abnorme, das es nicht „wie alle Welt machen“ will, hüllt sich ins Negligé preziöser Erhabenheit und endet doch im: „Ich habe sie nie wiedergesehen.“
Aber wie auf Marcuses Grabstein steht: „Weitermachen“.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, August 2008]
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
08.04.2012
ray05:
Hab November damals gelesen. Es war doch Flaubert, der sagte: Ich bin ein Mystiker und ich glaube an nichts. Oder? Kann auch Cioran gewesen sein, oder beide. Seltsam hier zu lesen, dass ich Sie irgendwann mal siezte. :)
09.04.2012
Christian Erdmann:
Keine Ahnung, ob Cioran den Satz nur als Flaubert-Satz ausgibt, aber er gefällt mir außerordentlich.
Schön, das zu erfahren (November). Als ich so Mitte 20 war, führte ich zwischen den Pastelltönen der insel taschenbuch-Umschläge eine Existenz, die ich nur zum Luftholen unterbrach, Kameliendame, Manon Lescaut, Niels Lyhne, November, Lucinde, Hyperion, whatnot, Zeug, das mir auch beibrachte, kreuzbrav vor dem mit erhobenem Zeigefinger dastehenden Realitätsprinzip zu erscheinen, während im Verborgenen dieses Wesen namens Aljoscha entstand. :)
Briefe, die man aus dem Traumreich zu senden versucht, kommen nach Jahren als unzustellbar zurück hinter den Vorhang aus Wolken. Einbildungen werden Realitäten in Perle, aber vielleicht auch deshalb, weil Realitäten immer schon Einbildungen sind.
SPIEGEL ONLINE Forum
„Literatur – was lohnt es noch, zu lesen?“
Mai 2008
Muffin Man:
Es hat übrigens diverse Bildende Künstler gegeben, die irgendwann Schriftsteller wurden…
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Da empfehle ich „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, 1909 erschienen, sein erster und einziger Roman.
„Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedelung in sein Land zu überreichen.“ Dieses Traumreich befindet sich angeblich irgendwo in Mittelasien, die Hauptstadt heißt Perle. Patera, dessen Reichtum unermeßlich zu sein scheint, kauft Häuser in ganz Europa zusammen und läßt die Baulichkeiten in sein Reich transportieren. Agenten dieses Traumreichs leben nämlich in allen Teilen der Welt. Auch diverse Kulturgüter und bedeutende Kunstwerke seien dorthin verschwunden. Reiche künstlerische Ausbeute seines Abenteuers erwartend, willigt der Erzähler ein, in dieses Traumreich zu ziehen.
Nach langer Reise gelangt man an eine im Dunstschleier liegende, ungeheure, grenzenlose Mauer, die sich unerwartet öffnet für ein gewaltiges schwarzes Loch, das Tor des Traumreiches von kolossalen Dimensionen. Nach Eintritt in dieses Gewölbe überfällt den Erzähler „ein ganz unbekanntes, gräßliches Gefühl“, er dreht sich um zu seiner Frau, die leichenblaß mit zitternder Stimme sagt: „Nie mehr komme ich da heraus.“
Was dann folgt, hat sowohl Franz Kafka als auch Gustav Meyrink in Bann geschlagen.
Ende des offiziellen Teils.
Kubin hat einen Plan der Stadt Perle angefertigt, der für jeden hochinteressant ist, der das Gefühl kennt, es gebe tatsächlich ein Traumreich mit exakt festgelegter Architektur. Ich selbst kannte eine Traumstadt aus vielen Träumen, und versuchte immer aufs Neue, in ein Areal im Nordosten zu gelangen; beim ersten Aufenthalt in dieser Stadt war ich zuvor umgekehrt, so wurde es in der Traumseelenarchitektur das geheimnisvolle Andere, Ausgesparte.
Muffin Man:
Das klingt hochinteressant! Stofflich unbedingt – aber wie steht es um die Ausführung?
Christian Erdmann:
Glaubst Du, Kafka und Meyrink ließen sich von irgendeinem literarischen Nichtsnutz beeindrucken? :) Kubin agiert mit einer Spontaneität, die keine so ziselierte Sprache produziert wie Meyrink im „Golem“, wo immer eine kalkulierte Gleichzeitigkeit herrscht zwischen dem, was diese Sprache an Beunruhigung beschwört, und den eruptiven Ausbrüchen daraus. Bei Kubin gibt es aber auch eine seltsame Gleichzeitigkeit: eine gewisse Distanziertheit im Angesicht des immer Ungeheuerlicheren. So wie Meyrink eher dem „Caligari“-Film gleicht mit seinem expressionistischen Gestus, so wäre Kubin eher mit Carl Theodor Dreyers „Vampyr – Der Traum des Allan Gray“ zu vergleichen, wo jemand zugleich im Geschehen ist und es von außen beobachtet. In der Serie der grotesken, phantastischen Bilder dann oft eine überraschend schroffe Wendung, eine surreale, vor den Kopf schlagende Unmittelbarkeit wie bei Bunuel:
„‚Die Liebe des Fleisches ist nichts als der Wille des Dings an sich, in die Zeitlichkeit einzudringen. Wie könnt ihr so vermessen sein, das Ding an sich zu zwingen? Ihr unterscheidet nicht das Ding an sich von den anderen Dingen. Vom philosophischen Standpunkt aus muß ich eure Handlungen verdammen.‘ So sprach der Friseur angesichts der Saturnalien auf den Tomassevicfeldern. Da er mit seinen zur Feier des Tags durchaus nicht passenden Tiraden nicht aufhören wollte, warf man ihm eine Schlinge um den Hals und hing ihn an das Schild seines Barbierladens.“
Extrem reichhaltig, nicht nur philosophisch – Patera ist ja, auch, Nachfahr (des Robespierreschen Umschlagens von Menschheitsvision in Schreckensherrschaft) und Vorläufer -, aber die andere Seite bleibt Innen, und wo Meyrink näher am Horror ist, bleibt Kubin näher am Surrealismus, mit dessen Mischung des Makabren und Komischen. Und wo Horror immer zumindest zur Lösung der Rätsel drängt, das „Phantastische“ deren Unauflösbarkeit zumindest akzeptiert, sympathisiert der Surrealismus ja gerade mit dieser Unauflösbarkeit.
Geschrieben in zwölf Wochen, you get the idea.
Muffin Man:
Das mag ich an Deinen Beiträgen: Du schilderst Bücher und Filme aus der Perspektive eines „Besessenen“. Sorry, bei den von Dir genannten Filmen muß ich passen, vielleicht hab‘ ich einzelne mal in jungen Jahren gesehen, im 3. Programm des Norddeutschen Rundfunks, als das Fernsehen (jedenfalls im Wohnzimmer meiner Eltern) noch schwarz-weiß war.
Geschrieben in zwölf Wochen, you get the idea.
Zwölf Wochen hast Du für dieses Posting gebraucht?! *staun* ;-) Ich hatte natürlich „Kubin“ und „Perle“ sofort gegoogelt – und hab‘ da was von 8 Wochen gelesen.
Christian Erdmann:
Zwölf Wochen hast Du für dieses Posting gebraucht?!*staun* ;-)
Ja, während The Lost Weekend warfen die Uhren resigniert die Zeiger ab. „Perle“ in ewiges Grau getaucht, das war ein beherrschender Leseeindruck, dieses Grau, ähnlich wie die Omnipräsenz des Weiß in Melvilles „Moby Dick“.
8 Wochen gar nur, das Vorwort meiner Ausgabe sagt 12, aber ach.
„I’ve discovered my Nietzsche“ – Echo & The Bunnymen
Diskussion im SPIEGEL ONLINE-Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, September 2007
KLMO:
Nietzsche: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“
kurzundknapp:
Vielleicht sollte man Nietzsche zunehmend unter poetischen Aspekten lesen…
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Auch das, aber ich lese Nietzsche mittlerweile vor allem als genialen Psychologen. Er ist eigentlich dort am interessantesten, wo es nicht um die großen umstrittenen Themen und philosophischen Entwürfe geht. Nietzsche ist eine Quelle, aus der die großen Entlarvungen, aber vor allem die kleinen, verblüffenden Entdeckungen nur so sprudeln, für mich immer dann am spannendsten, wenn unter der beißenden Sprache gleichsam widerwillig der am Zwischenmenschlichen leidende Humanist kenntlich wird.
Vielleicht könnte man auch einmal forschen, inwieweit auch das „Poetische“, wie Sie sagen, also seine Lust an der Sprache, dafür verantwortlich ist, daß er zuweilen so in die Irre geht. Wenn er selbst meinte, wir werden Gott nicht los, solange wir an die Grammatik glauben: vielleicht wurde er manches Fehlurteil nicht los, weil die Formulierung ihn verführte. Aber für das Füllhorn seiner Psycho-Poesie verzeihe ich ihm vieles. Man kann an Nietzsche verzweifeln: an seinen groben Irrtümern, aber auch an seinen unzähligen Wahrheiten.
kurzundknapp:
Psycho-Poesie, ja, das ist es! Die Klarheit seiner Wahrheiten und seiner grotesken Irrtümer kommt aus seiner Überempfindlichkeit für das „Draußen“, aber eben auch der Sprache. Und verzweifeln muß man geradezu an ihm.
KLMO:
Nietzsches Werke können nicht isoliert von seiner Krankheitsgeschichte betrachtet werden. Sein Dasein war überwiegend ein Leidensweg von unvorstellbarer Qual.
Christian Erdmann:
Frequenz, Fiebrigkeit und Furor seiner Schriften wurden gegen sein Ende hin immer rasanter – gewiß ein Symptom.
In „Schuld und Sühne“ hat Rodion Raskolnikow diesen Traum vom geschlagenen, erschlagenen Pferd, dessen blutüberströmten Kopf er zusammenbrechend umarmt; Nietzsches Kollaps in Turin, das Pferd umarmend, zusammenbrechend, ist es der Zusammenbruch von der fortgesetzten Anstrengung, im Grunde Mitleid mit jeder Kreatur zu haben… ist es die letzte Panik, in der sich der wahre Nietzsche offenbart, der die ganze Zeit nicht in Raskolnikows Theorie, sondern in Raskolnikows Traum gelebt hat… wer weiß.
Nietzsches Pferdeumarmung wirkt auf mich wie Nijinskys „Hochzeit mit Gott“, dieser letzte, erschreckende Auftritt des „Gott des Tanzes“ in einem Schweizer Hotel, vor vielleicht 200 Menschen, in dem er es laut Augenzeugen offenbar vermochte, den Wahnsinn des Weltkrieges einzufangen: „Er schien den Saal mit allen Schrecken der leidenden Menschheit zu erfüllen.“ – schreibt Romola, seine Frau, in ihrer Biographie. Und Nijinsky schrieb in sein Tagebuch: „Aber ich fühlte, ich, der sie alle liebte, daß ich von niemandem geliebt wurde.“ Und danach verabschiedete er sich in die jahrzehntelange Dunkelheit, einer, der vielleicht immer schon gefühlt hat, daß er von allen anderen weit entfernt war, zu weit entfernt.
Shaftesbury, der Philosoph, hat einmal gesagt: allein schon dadurch, daß Hobbes sich im „Leviathan“ so viel Mühe gibt, der Menschheit Gutes zu tun, widerlege er seine eigene These vom Menschen als des Menschen Wolf. Nun ist es für die extrovertiert am Zustand der Menschheit Leidenden vielleicht manchmal nur ein kleiner Schritt vom Rousseau zum Robespierre; für die Introvertierten aber, die Nietzsches, Nijinskys, Hölderlins, bleibt vielleicht nur diese letzte, verzweifelte Geste, und dann der Schutz der Umnachtung. Ich weiß, daß es bei Nietzsche eindeutige pathologische Befunde gibt, aber vielleicht ist trotzdem die Frage, wie lange er es auch ohne diese noch ausgehalten hätte in dieser Mischung aus universalem Mitleiden – und selbst das wie Paulus Beschimpfte muß man verstanden haben, um es so beschimpfen zu können – und der Art von Einsamkeit, die er atmete.
Vielleicht noch am Rande: ich halte Nietzsches Konzept apollinisch / dionysisch nach wie vor für eine sehr schöne Metaphorik, wenn man sie sozusagen der Kunst entwendet: ein guter Ansatz, um das Wechselspiel im individuellen Bewußtsein zu beschreiben, das, um es so allgemein wie möglich zu formulieren, stets zwischen Abgrenzung vom „Anderen“ und Lust am „Anderen“ oszilliert.
KLMO:
1889 in einem Brief an Jakob Burckhardt: „… zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott“, mehrfach unterzeichnete er mit „Der Gekreuzigte“. Oder: „Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!“ Einen völlig anderen Nietzsche erleben wir bei der Begegnung mit Lou Salomé. Nietzsche verehrte sie, konnte sich ihr jedoch nicht erklären. Wer ein Extrem beschwört, ist schon verdächtig. Die Dualität in uns kann nicht aufgehoben werden.
Nietzsche litt an den Folgen einer Syphilisinfektion. Thomas Mann vermutet, er habe sich diese Krankheit während des Besuches in dem Kölner Bordell zugezogen; er stellt diese Geschichte in den Mittelpunkt seines „Doktor Faustus“.
Schon mit 35 Jahren gibt er die Professur an der Universität in Basel aus Gesundheitsgründen ab. Overbeck im Frühjahr 1879 über den Zustand von Nietzsche: „Anfall über Anfall der heftigsten Kopf- und Augenschmerzen mit tagelangen Erbrechen – es war vorüber mit all seiner Geduld, mit all seinem Lebensmut!“ Und dieses ständige Auf und Ab ging 10 Jahre bis zu seinem Zusammenbruch weiter so… Erstaunlich seine Energie des Schaffens. In dieser Zeit ist er gejagt und gehetzt von dem unstillbaren Trieb nach Erkenntnis, ein rastloser „Abenteurer des Geistes“ und dies unter den ärmlichsten Verhältnissen. Krankheit und sein Schaffenstrieb sind nicht zu trennen.
Nietzsche war eher ein Kulturkritiker als ein Philosoph im geläufigen Sinn, vor allem ein Sprachgenie.
Anders die Krankheitsgeschichte bei Hölderlin, wo man zeitweise sogar vermutet, dass er eine Geisteskrankheit nur vortäuscht. Hölderlin: „Der Menschen Worte verstand ich nie. Im Arme der Götter wuchs ich groß.“ Man meint, hier eher eine schon heitere Gelassenheit zu spüren, entrückt in eine andere (bessere?) Welt.
Christian Erdmann:
„Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!“
Das Zitat ist eben der bekannte Nietzsche. Es gibt aber auch Äußerungen wie diese, aus „Morgenröte“: „Weiberfeinde. – Das Weib ist unser Feind – wer so als Mann zu Männern spricht, aus dem redet der ungebändigte Trieb, der nicht nur sich selber, sondern auch seine Mittel haßt.“
Oder: „Die Frauen sind es, welche bei der Vorstellung erbleichen, ihr Geliebter möchte ihrer nicht wert sein; die Männer sind es, welche bei der Vorstellung erbleichen, sie möchten ihrer Geliebten nicht wert sein. Solche Männer, als die Menschen der Zuversichtlichkeit und des Machtgefühls für gewöhnlich, haben im Zustande der Passion ihre Verschämtheit, ihren Zweifel an sich; solche Frauen aber fühlen sich sonst immer als die Schwachen, zur Hingebung Bereiten, aber in der hohen Ausnahme der Passion haben sie ihren Stolz und ihr Machtgefühl – als welches frägt: wer ist meiner würdig?“
Nietzsche glaubte an eine genuine Macht der Frau, die eben in ihrer Weiblichkeit begründet ist. Dazu gibt es z.B. eine Äußerung in „Jenseits von Gut und Böse“, in der er feststellt, daß es einen Widerspruch gebe zwischen der „Emanzipation des Weibes“ und dem Einfluß der Frau, der seit der Französischen Revolution in Europa de facto abgenommen habe: „Es ist Dummheit in dieser Bewegung, eine beinahe maskulinische Dummheit, deren sich ein wohlgeratenes Weib – das immer ein kluges Weib ist – von Grund aus zu schämen hätte“. Für seine Zeit hatte Nietzsche ja recht: das Zeitalter der Regentinnen, auch der großen Kurtisanen, deren Einfluß und Ansehen sie meilenweit von gewöhnlichen Prostituierten enthob, war vorbei.
Im Grunde spricht also schon aus Äußerungen Nietzsches, daß er ein Frauenideal hatte, das weibliche Souveränität und Überlegenheit anerkannte. Und es gibt ja auch dieses berühmte Foto, auf dem eben sie die Peitsche in der Hand hat (mit Nietzsche und Paul Rée vor dem Karren, auf dem sie kniet).
Ein schüchterner Mann, ein von Krankheit zerrütteter Mann. Gewiß. Und doch, so zweifellos Lebensumstände ein Werk prägen, muß man sich an einem bestimmten Punkt von diesem eigentlich trivialen Wissen auch wieder verabschieden.
KLMO:
Nietzsche propagiert das Gegenteil von Selbsterniedrigung und Kleinmacherei. Du bist nicht niedrig und klein, ausser, man redet dir das ein!
hans-werner degen:
Was für ein entsetzlicher Irrtum Nietzsches, der damit die sich freiwillig Kleinmachenden der Welt, Gandhi, M. L. King, Mutter Theresa und alle anderen, die sich für viele opferten, denunziert. Und kein Wunder, dass die sich Überhöhenden, die Herrschenwollenden in der Welt sich mit ihm verbunden wähnten.
Christian Erdmann:
Da fällt mir Rasumichin in „Schuld und Sühne“ ein: das ganze geheimnisvolle Problem des Lebens auf zwei Druckseiten abgetan.
Ja, so kann man die Komplexität und den Reichtum eines Lebenswerks mit zwei Federstrichen abtun. Daß Menschen aus völlig anderen Gründen Nietzsches Werk, bei aller kritischen Distanz in den gebotenen Punkten, schätzen können, kommt Ihnen nicht in den Sinn? Zum Beispiel, weil er ein Todfeind bornierter Selbstgewißheit war. Weil er selbst ein von Zweifeln zerrissener Suchender war, dem jede zu einfache Lösung suspekt war. Den gesamten Nietzsche auf Übermenschensehnsucht zu reduzieren, ist genauso unsinnig wie in Dostojewskij immer nur den suchenden Christen sehen zu wollen. Nietzsche schätzte Dostojewskij fast maßlos („einer der schönsten Glücksfälle meines Lebens“, „ein Psychologe, mit dem ich mich verstehe“) und sicher nicht, weil er in Dostojewskij nur das sah, was Sie sehen, den auf den Urgrund des Glaubens tauchenden orthodoxen Christen; vielmehr haben sowohl Nietzsches Philosophie der Perspektivität, in der sich ständig Gegensätze berühren, als auch seine „Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens“ in Dostojewskij ein literarisches Pendant, auch das ekstatische Existenzgefühl der Charaktere Dostojewskijs.
hans-werner degen:
ad 1) Für mich ist Nietzsche als Poet einer der Großen der Welt! Und er schreibt in einem wundervollen Deutsch. ad 2) Wer als Philosoph trompetet, tut das, weil er viel heiße Luft in seinen Gedanken hat, die er mit Trompetenklang überdecken will. ad 3) Wenn ein Diktator einen Philosophen schätzt… nun ja… vor falschen Anbetern wird man nie sicher sein… wenn er aber zur Lektüre vieler Herrscher wird, fange ich an nervös zu werden… dann stimmt was nicht.
Christian Erdmann:
Übrigens ist auch Jesus nicht sicher vor falschen Anbetern. Nietzsche wünschte sich, daß er sein Werk auf Französisch hätte schreiben können, Zitat: „damit es nicht als Befürwortung irgendwelcher reichsdeutscher Aspirationen erscheint“.
Thomas Mann, 1927: es gelte, bei Nietzsche „das Pathos großer europäischer Humanität, das seines Wesens Kern bildet, klar herauszubilden und gegen wüste Mißverständnisse zu verteidigen“.
Nietzsche wetterte gegen die Deutschen, weil er ein Europäer war: Hitler ist Zusammenfassung all dessen, was Nietzsche verachtete. Er hätte Nazideutschland verachtet: „Ein Deutscher ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, daß er sie tut: denn er gehorcht, wo er kann, wie dies einem an sich trägen Geiste wohltut.“
„Sich unterwerfen, folgen, öffentlich oder in der Verborgenheit, – das ist deutsche Tugend. – Lange vor Kant und seinem kategorischen Imperativ hatte Luther aus derselben Empfindung gesagt: es müsse ein Wesen geben, dem der Mensch unbedingt vertrauen könne, – es war sein Gottesbeweis, er wollte, gröber und volkstümlicher als Kant, daß man nicht einem Begriff, sondern einer Person unbedingt gehorche…“ (Morgenröte).
„Als die Deutschen den andern Völkern Europas anfingen interessant zu werden – es ist nicht zu lange her -, geschah es vermöge einer Bildung, die sie jetzt nicht mehr besitzen, ja die sie mit einem blinden Eifer abgeschüttelt haben, wie als ob sie eine Krankheit gewesen sei: und doch wußten sie nichts besseres dagegen einzutauschen als den politischen und nationalen Wahnsinn. Freilich haben sie mit ihm erreicht, daß sie den andern Völkern noch weit interesssanter geworden sind, als sie es damals durch ihre Bildung waren; und so mögen sie ihre Zufriedenheit haben!“ (Morgenröte)
Nietzsche spielt eingangs auf den Weimarer Geist an und meint mit den „großen Dingen“ eher Goethe, den er, trotz seiner Parodie in einem Gedicht, als Ausnahmeerscheinung unter den Deutschen verehrte und sich wünschte, er könne Goethe gegen „ganze Wagen voll frischer hochmoderner Lebensläufe einhandeln“. Und letztlich ist für Nietzsche Goethe „kein deutsches Ereignis, sondern ein europäisches“. Nietzsche bewunderte Goethe, weil hier einer – sich selbst schuf. Wer verkennt, daß Nietzsche in dieser Linie des Humanismus steht, in der von Pico della Mirandola über Shaftesbury zu Goethe die selbstschöpferische Kraft des Menschen betont wurde, der wird Nietzsche immer Unrecht tun.
Daß Nietzsche sich mit Begriffen und Wendungen angreifbar gemacht hat, darüber herrschen keine zwei Meinungen. Aber nie hat Nietzsche z.B. den „Willen zur Macht“ im Sinne eines Hitler als Macht über andere verstanden; im Gegenteil hätte dieser „Wille zur Macht“ als Macht des ewig-sich-selber-Schaffens einer solchen Vereinnahmung durch eine schreckliche Ideologie diametral entgegengestanden.
hans-werner degen:
Wenn er das nicht wollte: Warum schrieb er es so, dass es das Gegenteil bewirkte? Seine Lektüre hat mir den Weg zu Lenin geöffnet… Und viele andere erfuhren das gleiche… Das ganze Werk (und ich hab es gelesen) hat was Sado-Masochistisches an sich!
tzscheche:
… deshalb verstand er sich auch so gut mit Wagner!
Christian Erdmann:
Also, ich kann mit Wagner nicht viel anfangen, und mir ist auch nicht klar, mit welcher Notwendigkeit man von Nietzsche zu Lenin kommen muß, das scheint mir dann schon an Dingen zu liegen, die mit Nietzsche selbst nichts mehr zu tun haben, außer im Sinne des von Nietzsche selbst Diagnostizierten.
Wenn Sie den gesamten Nietzsche gelesen haben, dann müßten Sie doch in der Lage sein, auch die Binnenstruktur dieses Gesamtwerkes als repräsentativ dafür anzusehen, wie es bei Nietzsche vornehmlich darum geht, nicht auf falsche Tröten hereinzufallen, selbst wenn es die eigenen waren, wie „der Fall Wagner“ zeigt.
„Wie? wäre es wirklich die erste Tugend eines Vortrags, wie es die Vortragskünstler der Musik jetzt zu glauben scheinen, unter allen Umständen ein hautrelief zu erreichen, das nicht mehr zu überbieten ist? Ist dies zum Beispiel, auf Mozart angewendet, nicht die eigentliche Sünde wider den Geist Mozarts, den heiteren, schwärmerischen, zärtlichen, verliebten Geist Mozarts, der zum Glück kein Deutscher war, und dessen Ernst ein gütiger, ein goldener Ernst ist und nicht der Ernst eines deutschen Biedermanns … Geschweige denn der Ernst des „steinernen Gastes“ … Aber ihr meint, alle Musik sei Musik des „steinernen Gastes“, – alle Musik müsse aus der Wand hervorspringen und den Hörer bis in seine Gedärme hinein schütteln?… So erst wirke die Musik! – Auf wen wird da gewirkt? Auf etwas, worauf ein vornehmer Künstler niemals wirken soll, – auf die Masse! auf die Unreifen! auf die Blasierten! auf die Krankhaften! auf die Idioten! auf Wagnerianer!“ (Nietzsche kontra Wagner)
Jemand (Emerson) sagte mal, wenn man Montaignes Worte schneiden würde, wie müßten sie bluten wegen ihres Gefäßreichtums. Bei vielen Sätzen Nietzsches kann man Herzrasen feststellen, klar. Er hyperventiliert, und ich kann verstehen, daß der Punkt kommt, wo man genug hat. Ich kenne ihn selbst. Aber es gibt auch einen völlig anderen Nietzsche, einen merkwürdig sanftmütig dahingleitenden Tonfall, das Timbre eines Geistes, der einfach schon zu viel gesehen hat. „Leere“ kann ich da nicht finden – die muß schon gewaltsam dorthin projiziert werden. Ich sehe da eher Fülle, die nicht weiß, wohin mit sich.
Warum Nietzsche so schrieb, wie er schrieb, wie könnte sich jemand anmaßen, das zu beantworten. Und zwei Leser machen zwei verschiedene Bücher aus einem Buch – völlig normal.
tzscheche:
Hesse und Nietzsche:
In Hermann Hesses Figuren hat vieles von Nietzsches Streben nach Übermenschlichem aus schierer Verzweiflung an der Existenz Eingang gefunden. Jedoch ist bei Hesse der Wille zur Überwindung alles Irdisch-Profanen quasi rückgekoppelt und geerdet durch das Hadern der Protagonisten, ihre Skrupel vor der finalen Abkehr von Konvention und Moral.
Man nehme Harry Haller, den Steppenwolf, der die bürgerliche Bigotterie verachtet und gleichzeitig das Ambiente bürgerlicher Wohnstuben sakral verklärt, der unwiderstehlich angezogen wird von Transzendenz und Martyrium und gleichzeitig zittert aus Angst vor dem Schmerz.
Hesse weiß zwischen dem Glanz der Idee und dem Wahnsinn ihrer Realisierung fein zu unterscheiden. Diese Differenzierung zwischen Wunsch und Wirklichkeit würde man sich auch von so manchem Adepten Nietzsches erhoffen.
Christian Erdmann:
Die Abkehr von einer gewissen Moral ist nicht Abkehr von jeglicher Moral. Sie können das aus Nietzsches Eintreten für den Genius des Selbstschöpferischen nicht einfach wegdenken. Der Hinweis auf Shaftesbury, der sogar einen dem Menschen eigenen, nicht hintergehbaren „moral sense“ annahm, und dabei den „Virtuoso“ als Ideal anstrebte, der seine Passionen und Emotionen analog zum Künstler, der ein Kunstwerk schafft, in Harmonie bringt, oder der Verweis auf Nietzsches Bewunderung Goethes, der von Shaftesbury übrigens den Begriff der „inneren Form“ gestohlen hat, waren dann vielleicht weniger hilfreich, als ich hoffte. Bei allem Aufruhr im Duktus Nietzsches, zu dem auch gehört, die eigene „innere Form“ stets zu erneuern, sehe ich, daß er zugleich eine Art von Anstand einfordert, mit der er den Menschen sichtlich überschätzt, woraus wiederum ein Teil seiner Verzweiflung rührt.
Schon, daß Sie Nietzsche einen Wunsch zur Überwindung des „Irdisch-Profanen“ unterstellen, ist bei seiner Liebe zum Irdischen seltsam, aber nun gut: ich bin kein „Adept“ Nietzsches. Passagen, ob derer ich Nietzsche 10mal in die Ecke gefeuert habe: geschenkt; von „Nietzsche und der Faschismus“ habe ich sogar ein Exemplar mit Widmung, der Verfasser war mein Professor. Ich sage nur, es lohnt sich, Nietzsche trotz allem 10mal wieder aus der Ecke herauszuholen.
hans-werner degen:
Da werden wir nie d’accord und Tucho beschrieb das, was ich meine, wesentlich prägnanter als ich das kann!
Christian Erdmann:
Auch Tucholsky ist ja sichtlich zwiegespalten. Indes: „Und Flesch hat richtig empfunden, dass man ihn nun bald gegen seine Anhänger in Schutz nehmen muß – wohin ist dieses Werk gerutscht! Sähe er das, schaudernd wendete er sich ab.“ – !!
Schreibt Ihr „Tucho.“ Welchen Schlag erlitt dagegen Tucholskys Bewunderung für Hamsun? Ist diese offene Verirrung eines (großen) Schriftstellers wie Hamsun nicht viel schlimmer, als der Mißbrauch eines Schriftstellers, der sich gegen diesen Mißbrauch verwahrt hätte?
kurzundknapp:
Da haben Sie völlig recht, und das nicht nur für Tucholsky! Hamsuns Nazitum ist ekelerregend!!
KLMO:
In Ihren Ekel müssen sie aber Millionen Deutsche mit einbeziehen, incl. die Intelligenz. Außer, man war Kommunist oder Jude. Hier wird im Nachhinein unglaublich geheuchelt.
In der Spiegelausgabe 38/2004 liest man über Heidegger folgende bemerkenswerte Passage: Als Jaspers im Mai 1933 die Professorenfrage stellte, auf welche Weise wohl „ein so ungebildeter Mensch wie Hitler Deutschland regieren solle“, bekam er von Heidegger die Antwort: „Bildung ist ganz gleichgültig…. Sehen Sie nur seine Hände an.“ Dass Jaspers solch eine „provozierende“ Frage überhaupt stellte, erklärt sich daraus, dass er mit einer Jüdin verheiratet und entsprechend sensibilisiert war.
Christian Erdmann:
Bezeichnend und verräterisch im Hinblick auf „die Intelligenz“ schon die Stimmung in Davos 1929, bei der Disputation zwischen Heidegger und Cassirer, die als showdown empfunden wurde, bei dem die jungen Studenten auf der Seite des „radikalen“ Heideggers standen, der liberale Geist Cassirer dagegen mit einer Kabaretteinlage verhöhnt wurde.
hans-werner degen:
Was mir heute fehlt bei den Büchern, wurde mir auf dem Flohmarkt schmerzlich bewußt: Es gibt keine Prediger des Humanismus mehr! Da hab ich jetzt einen Band Essays von Friedrich Heer gefunden. Unorthodoxer Katholik und Streiter für den Humanismus nach 1945. Aufsätze, Gedanken die heute wichtiger sind denn je! Mit Ekel betrachtet er die heutigen Gruppen, die den Humanismus im Schild führen und gnadenlos zusehen können, wenn in Staaten nach ihrem Gusto die Menschen schikaniert und gemordet werden. Sein Credo (katholisch geprägt): Nie dürfen Menschen Menschen leiden lassen.
Christian Erdmann:
Gewiß. Dieses „katholisch geprägte“ Credo Heers enthält darum auch ein gerüttelt Maß an Kirchenkritik: „Der Klerus ging noch in jeder Geschichtsstunde mit jedem Machtherren ins Bett.“
Hitler zahlte ja bis zuletzt Kirchensteuer; Heer sagt: „Adolf Hitler sieht bis an sein Lebensende mit tiefem Respekt auf die römische Kirche, auf ihre tausendjährige Kunst der Herrschaft, Kunst der Propaganda, Kunst der Seelenführung.“ (aus: „Mit Gott und dem Führer“). Alles auf Nietzsche schieben, geht auch mit Heer nicht.
Der „Übermensch“ ist von Nietzsche zu keiner Zeit in irgendeiner Form „rassisch“, ja nicht einmal phänotypisch irgendwie klassifiziert. Bei der „Übermensch/Wille zur Macht“-Konstruktion geht es um eine Höherentwicklung, die Härte gegen sich selbst verlangt, nicht gegen andere! Der Übermensch ist kein Herrenmensch. Es gibt andere Äußerungen Nietzsches, die viel dubioser sind.
Und bittschön: Nietzsche wandte sich gegen den Antisemitismus, als ein Richard Wagner diesen noch zur vaterländischen Tugend erhob. Die Übermensch-Idee kreist um Formen von Unabhängigkeit; es gibt dann im Werk verstreut Spuren, die in besagte dubiose Richtungen führen. Die Crux ist aber einseitige Exegese, denn wie Sie sehen, kann man auch einen katholisch Geprägten als den vehementesten Kritiker der katholischen Kirche erleben; ebenso lassen sich all diese Belege für eine inhärente Verantwortung Nietzsches mit Nietzsche selbst widerlegen.
Wenn Sie zum Beispiel jene Reflektionen über das Mitleid lesen, wo Nietzsche gerade im zur Schau gestellten Unglück, im „Durst nach Mitleid“ einen „Selbstgenuss“ aufspürt, schreibt er: es (das Mitleiderregenwollen) „zeigt den Menschen in der ganzen Rücksichtslosigkeit seines eigensten lieben Selbst“. Das mag manchem als ein unbotmäßiger Ort erscheinen, diese Rücksichtslosigkeit aufzuspüren, jedoch: klingt das wie eine Passage, die generell, auch an anderen Orten, dieser „Rücksichtslosigkeit des eigensten lieben Selbst“ positiv gegenübersteht? Nein, man kommt nicht weit damit, den „Übermensch“ zum rücksichtslosen Egomanen zu stempeln. Nietzsche will „Mitfreude“, nicht „Mitleid“, weil er Lebensbejahung will, nicht Leidvermehrung.
Und hier redet Nietzsche direkt mit Hitler: „Das Böse hat immer den großen Effekt für sich gehabt! Und die Natur ist böse! Seien wir also natürlich! – so schließen im geheimen die großen Effekthascher der Menschheit, welche man gar zu oft unter die großen Menschen gerechnet hat.“
Lesenswert wäre der, der nicht einfängt, was an Nichtigem kursiert, sondern Schrifttum darauf konzentriert, wohin der Mensch sich idealerweise weiterentwickeln könnte. Pech für diesen „Auserwählten“, in den Augen seiner Mitwelt nur ein Narr zu sein…
ray05:
Es geht doch um das WIE [schreibe ich] und nicht um das WAS, das wissen Sie doch; ich verstehe nicht, warum Sie den NARREN negativ konnotieren…
Muffin Man:
Ein Narr darf zwar alles sagen, er wird jedoch nichts bewirken. Eben diese Wirkungslosigkeit ist seine Tragik.
easystreets:
Muffin Man, das stimmt so nicht. Der Narr ist eine Figur, der unentschieden in der Mitte von zu verteidigenden Burgen sich aufhält und in der Groteske sich entsprechend der Groteske verhält. Der Narr ist auch der Weise, der Wahrsager und Wahrlacher, wie Nietzsche es seinen Zarathustra sagen läßt. Eine Mittlergestalt. Bewirken? Aktiv wirken? Passiv bewirken? Durch Dasein sein. Der Schamane ist eben so eine Figur. Ein Substanzmischer und Sichäußerer. Ein Weltenwanderer, auch zwischen denen der Zeit. Ein Mahner, kein Moraliger, einer, der den Wahnsinn auf sich zieht und ihn personifiziert darstellt, so quasi ihn aus der Welt zieht, stellvertretend; ein Reinigender, ein Heilsbringer. Einer, der die Informationen aus der Vergangenheit gegenwärtig hält, indem er sie heraufholt, wieder und immer wieder. Eben keiner, der ein Ziel braucht zum Los- & Draufstürzen. Kein Totaler-Krieg-Woller. Ein Strukturaufweicher. Die Literatur ist voll davon. Nur personifiziert muß er sein, voll sein von den Substanzen, zwischen denen er nicht mehr unterscheiden kann, sie aber eint. Der Narr selbst ist nicht. Er hat keinen Körper, er ist voll und ganz in seiner Funktion. Er ist die Summe seiner Umgebung. Einer, der am 30. Januar 1933 laut lachend, Rad schlagend, weinend und schreiend Unter den Linden entlang läuft, bis er von der SA eingefangen wird – das ist ein Narr. Was soll er sein? Gott, der Allmächtige? Der mit dem Riesenschwert, der eingreifen kann und es tut? Der Zeus, der Blitze wirft? Die tiefste Anteilnahme dürfte sich im Narren personifizieren.
Christian Erdmann / Aljoscha der Idiot:
Als Revolutionär nach unten Jakob von Gunten. Dies war ein Literaturtip.
easystreets:
Ich fange mit Deinem Buch an, was die Hausaufgaben betrifft, machen wir es so. Wenn man drüber nachdenkt, über den Narren… es gibt keinen Gott, es gibt keinen Teufel und von beiden keine Menschwerdung. Nur im Narren, im duplex, personifiziert sich Beides, das Göttliche, Einende, wie das Teuflische, Teilende-Zweiende, und das zugleich und gleichermaßen. Die einzige Figur, die sich verläßt, um leer und geleert zu empfangen. „Der Offenbarung williges Gefäß“, sozusagen. Das ist die Reinform. Die Wirklichkeit ist teuflisch, göttlich und närrisch-neckend zugleich, klar, was sonst. „Was liebt, das neckt sich“ kommt ja daher.
Die Figur hat zumindest Einblicke hinter die Fassaden des Menschen… Das Besondere ist seine geistige Überlegenheit und seine Fähigkeit zur List. Seine Streiche lassen ihn den Zorn auf sich ziehen. Er hat viele Gesichter und trägt viele Namen, so wie auch Schelm oder Trickster. Er ist eine Wandlungsgestalt, auch ein Schöpferischer. Eine Doppelnatur mit notorischer Unintelligenz in seiner Kommunikation. Eine interessante Figur.
Christian Erdmann / Aljoscha der Idiot:
Sehr. Eine Ur-Trickster-Gestalt ist Hermes / Merkur, listenreicher Gott der Übergänge und der Transformation, und darum ist Hermeneutik ja auch so tricky, ständiges Springen im Dreieck, dem klassischen Dreieck der Zeichenwissenschaft. Nach Platon übernimmt Eros das hermeneuein, das Hin- und Herlaufen als universaler Mittler, als irgendwo Dazwischenseiender ist Eros ja auch Urbild des Philosophen. Sokrates mußte sterben, weil er alle am Kragen packte und rief: was meinst du eigentlich? Der Narr öffnet, was sich bereits verschlossen hat. Was der göttliche Narr u.a. spiegelt: daß Auslegung immer auch mit performance zu tun hat. Indem er das Umpolen der Wahrheitsreferenzen bis zur Karikatur treibt, macht er deutlich, wieviele vermeintliche Wahrheiten Riesen auf tönernen Füßen sind. Wie komme ich vom vorläufig Wahren ins wirklich Wahre?
Erstmal, indem ich auch die Kreativität des anderen verstehe, sein Genie, seine Irrtümer, sein Genie im Irrtum. Hermeneutik als Kreativität im Nachvollzug, und am wahrsten ist vielleicht die Interaktion selbst. Der Narr selbst tanzt ja, wie die Schöpfer des Tarot als Hommage auch an Dionysos abzubilden wußten, permanent am Abgrund. Aber er fällt nie, weil ihm der Abgrund nicht bekannt ist. Der Narr galt in fast allen Kulturen als möglicher Botschafter des Allerhöchsten.
Zu „Jakob von Gunten“: Walser schrieb so, wie er dann starb. Mit einem unverständlichen Lächeln rückwärts in den Schnee fallend. Unaufdringlich, eindringlich, rätselhaft anmutig, befremdlich und faszinierend. Jakob ist „gern unterdrückt“ und „kann nur in den untersten Regionen atmen“, aber er weiß, daß das Institut Benjamenta, wo Diener geformt werden sollen, ihn verdummt, und er läßt sich nicht verdummen. Er ist sokratischer Hineintäuscher ins Wahre: „In mir lebt eine sonderbare Energie, das Leben von Grund auf kennen zu lernen, und eine unbegreifliche Lust, Menschen und Dinge zu stacheln, daß sie sich mir offenbaren.“ Seine „Ungezogenheiten“ enthüllen ihn als Selbsterzieher, als Außensteher, dem eine Beziehung im klassischen Sinne nicht möglich ist, auch, weil er sich eigentlich ständig auf einer anderen Stufe der Realität befindet, wo u.a. kein zwanghaftes Auflösenmüssen vermeintlicher Paradoxien ihn noch interessiert. Fräulein Benjamenta führt ihn in die geheimnisvollen inneren Gemächer des Instituts, und der Gang führt auf eine winterliche Eisbahn. You can take it from there. Seine geistige Überlegenheit, seine List, seine notorische Unintelligenz in der Kommunikation, jedenfalls im Hinblick auf Verbindlichkeit: wir wissen nicht einmal, was ihm das alles wert ist, nützt, schadet. Am Ende geht er irgendwohin, Richtung Wüste. Scheint es. „Wir werden reisen. Schon gut. Mir paßt dieser Mensch, und ich frage mich nicht mehr, warum. Ich fühle, daß das Leben Wallungen verlangt, nicht Überlegungen.“ Vielleicht dachte Rimbaud das auch, als er Dichtung abbrach und scheinbar sinnlose Wanderschaft begann: „Gott geht mit den Gedankenlosen.“
Diener sind auch in Liebesdramen häufig die Trickster.
Das Tarot as we know it in Europa geht mindestens bis ins 14. Jahrhundert zurück, die Vorstellungsinhalte der Bilder sind natürlich weitaus älter, die erste Karte darin: The Fool, Le Mat, Der Narr.
Es geht um die „groteske Negation“, immer leicht teuflisch angehaucht, weil ordnungszersetzend. Die Narrenkappe wurde ja nicht von deutschen Karnevalsdeppen erfunden, es ist eine altehrwürdige groteske Gegenkrone bei Ritualen der Umkehrung.
Was all das mit Literatur zu tun hat? Wie könnte man überhaupt Shakespeare verstehen ohne Verständnis für den Narren? Die Spitzen des jester’s hat repräsentieren die Eselsohren, die man als guter jester früher noch trug. Wie gerade der größte Narr, zeitweise tatsächlich ein Eselsdasein fristend, prädestiniert ist, auserwählt ist, in das Kultgeheimnis der Isis eingeweiht zu werden, beschrieb Apuleius im 2. Jhdt. in „Der goldene Esel“ – ein phantastischer, anarchischer, wunderbar burlesker, am Ende doch erhabener Roman.
Die Präsenz des Narren in der Literatur, praktisch unüberschaubar. Aber der Narr stand immer essentiell für Redefreiheit und ist schon deshalb geradezu Schutzheiliger der Literatur. Zu seinen besten Künsten gehörte das Rätsel.
Falls das untergegangen sein sollte: es lohnt, „Jakob von Gunten“ zu lesen.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, Oktober 2008]
Hab mal nachgesehen, was die Geselln in meinem Bücherregal so treiben. Und siehe da: Jakob von Gunten schmiegt sich eng an Karl Roßmann, den Kafka nach Amerika schickte; seiner Kumpanei mit Tonio Kröger und M. L. Brigge wird das aber wohl keinen Abbruch tun. Obwohl Tonio für Jakobs Geschmack allzu gescheit daherredet. Jakob ist der Joker. Dienen ist natürlich eine Kunst, vielleicht die größte.
10.06.2016
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Jakob bei mir zwischen Trakl und dem armen Chatterton. :) Gotta Serve Somebody: gestern Polanskis „Venus im Pelz“ endlich gesehen, wird dem bedeutenden Buch von Sacher-Masoch ganz wunderbar gerecht. Kafka wie Sacher-Masoch exemplarisch für das – vermeintliche – Paradox: wie es möglich ist, daß sich im Setting einer restriktiven Konstellation größtmögliche Freiheit entfaltet, Denken und Bewußtsein zum wahrhaft Außerordentlichen vordringen.
Wie Kafka dieses Setting auch bewußt beibehält, hatten wir ja -> hier ein wenig beleuchtet, phänomenal an der „Venus im Pelz“ bei Sacher-Masoch nun freilich, wie Wanda Severins Setting immer wieder übersteigt.
Und doch, es gehört zum Höchsten der individuellen Freiheit überhaupt, das Hierarchische bestehen zu lassen, wo es bereichernd ist, nicht Zufügung, sondern Hinzufügung. Unendlich diffiziles Thema, but well, you know… „Beuge dich vor ihr, solange du ein Rückgrat hast.“ – meint dasselbe. Weil du frei bist. Die Macht zu erkennen, vor der es sich zu beugen lohnt. Some call it Sphinx. :)
Auch der Narr ist sein eigener Herr, aber anders. Zu seiner Rolle gehört es, selbst wenn es ihn den Hals kostet, auch tatsächliche Unterdrückung als bloßes Setting zu entlarven. Der Narr als Kasper persifliert ja Gewaltausübung nur noch, mit dieser seltsam gefalteten Klatsche (slapstick). Der Narr, der sich als Diener tarnt, hat eine dieser Persiflage nachgeformte Haltung, nur eben umgekehrt: ihr Mächtigen glaubt, mir aufs Haupt zu schlagen, ich aber weiß, euer Schlagwerkzeug ist nur aus Pappe, ihr erreicht mich nicht.
Und dann das Dienen als Hingabe an etwas. Das darf man ein Ritual äußerster Bewußtheit nennen, oder eine schöne Kunst, ja.
08.07.2016
Anonym:
Nie hatte ich die „Greta Garbo der Off-Literatur-Branche“ verstanden. Hier schon…
In einem Karpatenbad begegnet Severin von Kusiemski, ein galizischer Edelmann, zwei Frauen. Die eine ist aus Stein: eine Statue der Venus im Park des Hauses, das Severin bewohnt. Die andere, Wanda von Dunajew, ist eine junge, reiche Witwe aus Lwow und wohnt im selben Haus wie er – eine Etage über ihm. Severin betet die kalte Marmor-Venus an als „das schönste Weib, das ich in meinem Leben gesehen habe“ (Sacher-Masoch 1968, 16). Schon als Knabe, so wird Severin Wanda gestehen, sei er heimlich in die Bibliothek seines Vaters geschlichen, um eine Venus aus Gips zu küssen und ihren schönen kalten Leib wollüstig zu umschlingen, während er sich gegen den Kuss eines reizenden Stubenmädchens mit einem Tacitus-Buch zu wehren suchte; Severin nennt diese Disposition übersinnlich. „Die Urbilder alles Schönen senkten sich tief in meine Seele […]“ (38). Severin ist ein hypertroph apollinischer Anbeter weiblicher Schönheit. Seine „Scheu vor dem Weibe“, bekennt er, „war eben nichts, als ein auf das Höchste getriebener Schönheitssinn“ (39). Camille Paglia hat hier die Richtung umgekehrt: der aufs Höchste getriebene Schönheitskult ist eben auch Scheu, Beglaubigung weiblicher Macht. Severin hegt das fiebrige Verlangen, eine Frau anzubeten, und dieses Verlangen vermutet er gesteigert durch die Grausamkeit und Tyrannei der Angebeteten: je despotischer die Frau, so stellt Severin sich vor, um so intensiver seine Anbetung.
Die Begegnung mit Wanda läßt Severin den Kuss des Wirklichen ersehnen – in Gestalt von Peitschenhieben. Auf die Rückseite eines Bildes von Tizians Venus mit dem Spiegel, die Severin in Venus im Pelz umtauft, schreibt er seine Vision von der qualvollen Seligkeit, „ein Weib anzubeten, das uns zu seinem Spielzeug macht, der Sklave einer schönen Tyrannin zu sein, die uns unbarmherzig mit Füßen tritt“ (17). Als die schöne Witwe – sie hat (tizian)rotes Haar – bei Severin um zerstreuende Lektüre ersuchen läßt, rafft er einige Bände zusammen; in einem davon befindet sich – Psychopathologie des Alltagslebens – das Bild, „samt meinen Ergüssen. Was wird sie dazu sagen? – Ich höre sie lachen. Lacht sie über mich?“ (18).
Als Severin sich in einer Vollmondnacht zur vergötterten Venusstatue begibt, findet er sie in einen Pelz drapiert; dann begegnet er „Venus“ auf einer steinernen Bank und kann, als ein diabolischer Blick aus grünen Augen ihn trifft, nicht mehr zwischen Kunstwerk und Wanda von Dunajew unterscheiden. Verwirrt ergreift er die Flucht, ein spöttisches Lachen verfolgt ihn. Am nächsten Morgen gesteht Wanda ihren Einfall als Vorwand: „Ich habe immer den Wunsch gehabt, einmal einen ordentlichen Phantasten kennenzulernen – der Abwechslung wegen […]“ (21). Wanda also initiiert die Begegnung, und sie ist, allen späteren gegenteiligen Äußerungen zum Trotz, von Anfang an geneigt, ihr Spiel mit Severin zu spielen.
Was folgt, wirkt vordergründig wie die Erziehung Wandas zur strengen, mit Peitsche, Pelz und Stiefeln ausstaffierten Herrin, die Severin die Erfüllung seiner Sehnsüchte gewährt, die detailgetreue Umsetzung seines Idealbildes in die Realität. Was Severin jedoch erleben wird, ist der Verlust der Kontrolle über die Dialektik von Lust und Pein: als Wanda die ihr zugedachte Funktion nicht nur buchstäblich annimmt, sondern Severins Phantasien übertrifft, zersetzt sie die Bildhaftigkeit des Bildes und vernichtet die Konstellation, die Kontrolle ermöglicht. Severin wünscht eine Frau als das totale Subjekt zu verobjektivieren; statt dessen wird Wanda seine Verobjektivierungsversuche immer wieder übersteigen, sie wird das totale Subjekt selbst, eine Femme fatale, die ihre Objekte nach Belieben austauscht.
Wanda äußert zunächst, sich nicht grausam der Qualen erfreuen zu wollen, die sie mit ihren Reizen erregt, vielmehr lebe sie ein heidnisches Ideal der Ungezwungenheit und Promiskuität: „… ich liebe jeden, der mir gefällt, und mache jeden glücklich, der mich liebt“ (24); sie setzt das Lustprinzip als Realitätsprinzip: „Ich verzichte auf euren heuchlerischen Respekt, ich ziehe es vor, glücklich zu sein.“ (24). Severin glaubt, diese Grundsätze einer Frau, die als „Griechin“ (25) leben will, als griechische Liebesgöttin, mit seinem Ideal eines göttlichen Weibes vereinbaren zu können. Er gibt zu bedenken, daß die Griechen ihr freies, ungezwungenes Leben nur führen konnten, weil sie über Sklaven verfügten. Wanda erwidert, eine olympische Göttin wie sie brauche „ein ganzes Heer von Sklaven. Hüten Sie sich also vor mir.“ (26). Und doch ist es Wanda, die fragt: „Wollen Sie mein Sklave sein?“ und anfügt: „[…] ich habe Talent zur Despotin“ (26). Severin ist in jeder Hinsicht von Anfang an gewarnt. Er will eine Despotin, die nur für ihn despotisch ist, doch Wandas „heidnische“ Gestimmtheit bedeutet Severin nahezu mit dem ersten Satz, daß hier ein Experiment nach ihren Regeln stattfindet.
Severin glaubt, in einem delikaten Prozeß eine Frau von ihrer Rolle als grausamer Göttin überzeugen zu müssen, aber an jedem Punkt des Prozesses ist die Frau schon da: „Nun, am Ende ist an allen Ihren Passionen nichts so Apartes oder Seltsames, denn […] jeder weiß und fühlt, wie nahe Wollust und Grausamkeit verwandt sind.“ (36) – Wanda von Dunajews Worte. Sie zögert, ihre Position als Herrin einzunehmen, jedoch nicht, weil ihr diese Persona fremd wäre; wiederholt gibt sie ihr Wissen um sich selbst zu erkennen: „… geben Sie acht, wenn Sie Ihr Ideal finden, kann es leicht geschehen, daß es Sie grausamer behandelt als Ihnen lieb ist“ (45); „[…] sprechen Sie nicht mehr von diesen Dingen. Verstehen Sie mich, nie mehr. Ich könnte am Ende wirklich – ‚ Sie lächelte […]“ (47). Warum also zögert sie?
Severin erklärt, er liebe Wanda mit ganzer Seele, doch er trage ein zweifaches Ideal in sich; und wenn er mit einer Frau nicht Leben und Schicksal teilen könne in unbedingter, ausschließlicher, gegenseitiger Liebe, „nun dann nur nichts Halbes oder Laues! Dann will ich lieber einem Weibe ohne Tugend, ohne Treue, ohne Erbarmen hingegeben sein. Ein solches Weib in seiner selbstsüchtigen Größe ist auch ein Ideal. Kann ich nicht das Glück der Liebe voll und ganz genießen, dann will ich ihre Schmerzen, ihre Qualen auskosten bis zur Neige; dann will ich von dem Weibe, das ich liebe, mißhandelt, verraten werden, und je grausamer, um so besser.“ (35)
Er will, daß Wanda eines seiner zwei Ideale wählt, und Wanda ahnt voraus, daß sie den Mann, der sie so wahnsinnig zu lieben behauptet, zutiefst erschüttern wird, wenn sie das zweite Ideal wählt, das Ideal der Despotin. Sie weiß sehr gut, wozu sie fähig ist („grausamer als Ihnen lieb ist“), indes fühlt sie auch Liebe für diesen Phantasten. Die Konstellation ist fatal, wenn Liebe und Masochismus bzw. Liebe und Despotismus sich nicht komplettieren, sondern gegenseitig in die Quere kommen: lebt Severin seinen Masochismus, wird seine Liebe leiden, und Wanda weiß es. Lebt sie ihren Despotismus, wird ihre Liebe leiden, auch dies weiß Wanda.
Tatsächlich sagt Wanda: „Die meisten Männer sind so gewöhnlich, ohne Schwung, ohne Poesie; in Ihnen ist eine gewisse Tiefe und Begeisterung, vor allem ein Ernst, der mir wohltut. Ich könnte Sie liebgewinnen.“ (28) Und etwas später: „Ich glaube, daß Sie mich lieb haben und auch ich habe Sie lieb, und was noch besser ist, wir interessieren uns füreinander (…)“ (30), womit sie einen sehr modernen Grund für das Scheitern von Partnerschaften anspricht: Menschen, die sich nicht wirklich füreinander interessieren. „Aber, Severin“, entgegnet sie ihm dann einmal zornig, „halten Sie mich denn dessen für fähig, einen Mann, der mich so liebt wie Sie, den ich liebe, zu mißhandeln?“ (36)
Und je mehr Severin zum Ausdruck bringt, daß er sie dafür nur um so mehr anbeten würde, um so reizvoller wird für sie die Vorstellung, seine Herrin zu sein. Sie weiß besser als er, daß sie damit keineswegs nur als Aktrice aufreten würde, die einen exakt vorgegebenen Part spielt. Severin erzählt Wanda, daß er einmal einer jungen Schauspielerin den Hof machte, aber eigentlich nur in ihre Rollen verliebt war. Wanda wird Severin davon in Kenntnis setzen, daß sie keine Schauspielerin ist. Während Severin glaubt, Wanda weiterzutreiben, treibt in Wirklichkeit Wanda Severin weiter. Deleuze behauptet als Gesetz: „Der Masochist muß sich seine Despotin heranbilden, er muß sie überreden […]“ (181); in Wahrheit sei sie es, die von ihm geformt und in eine Rolle gedrängt werde. Deleuze verkennt aber, warum Wanda zögert. Sie zögert, weil sie weiß, daß ihr Wille zur Dominanz und Severins Wunsch nach Unterwerfung derart stark sind, daß es die Liebe exorzieren wird, daß diese Konstellation für sie beide eine so mächtige Anziehungskraft besitzt, daß es jenen Zustand, in dem Wanda noch erklärt, „daß ich nicht das Herz habe, dir weh zu tun“ (50), beenden wird. Nicht Severin bringt Wanda dazu, ein von ihm fingiertes Selbst anzunehmen; Wanda bringt im Wissen um das, was in ihr ist, Severin dazu, sich immer bedingungsloser ihren Launen auszuliefern. Sie findet Genuß daran, ihn immer grausamer auf die Probe zu stellen, seine Neigungen ihren Vorstellungen anzugleichen. Und tatsächlich ist Severin, von seinem „monogamen“ Dominanzideal abrückend, gewillt, in sein Szenario das Bild einer Herrscherin einzufügen, die sich notwendig einer Vielzahl von Liebhabern bedient:
„[…] ich sah im Weibe die Personifikation der Natur, die Isis, und in dem Manne ihren Priester, ihren Sklaven und sah sie ihm gegenüber grausam wie die Natur, welche, was ihr gedient hat, von sich stößt, sobald sie seiner nicht mehr bedarf, während ihm noch ihre Mißhandlungen, ja der Tod durch sie zur wollüstigen Seligkeit werden […] Der Sklave eines Weibes, eines schönen Weibes zu sein, das ich liebe, das ich anbete! […] das mich bindet und peitscht, das mir Fußtritte gibt, während es einem andern gehört.“ (43 ff.)
Hier wird die ungeheure geistige Dimension des Masochismus offenbar; die Lust an physischem Schmerz spielt bei Sacher-Masoch eine durchaus nebensächliche Rolle. Severin liebt Wanda, erstens. Er sieht in ihr die Inkarnation weiblicher Macht, Überlegenheit und Grausamkeit, zweitens. Sein Wille zur Vermischung von Lust und Pein spielt auch mit der Vorstellung, daß sich die Geliebte einem oder mehreren anderen hingibt, weil es ihr Wille ist, auf diese Art grausam zu sein.
Für Freud war „weiblicher“ Masochismus eine Typenbezeichnung, männlicher Masochismus ein zu lösendes Rätsel. In der Venus im Pelz ist männlicher Masochismus die Lust an der Anbetung der überlegenen Frau. Doch legt Severins Geschichte nahe, daß diese Lust als Inszenierung einer Vorstellung genau dann in Schrecken umschlägt, wenn die Inszenierung durch eine ungeahnte Realität überholt wird. Während Wanda Severin davor warnt, daß die Realität ihn entsetzen würde, wäre sie wirklich die Frau, die seiner Phantasie Wahrheit verleiht, drängt Severin sie, seine Phantasien zu erfüllen, ja zu übertreffen, weil er bis zum Ende daran glaubt, daß er selbst dieses Übertreffen noch in seine Inszenierung einfügen kann. Während Wanda ihn ungeduldig, schon mit der Peitsche in der Hand, warnt: „Ich hasse alles, was Komödie ist“ (50), während sie deutlich macht, daß Severin nur „gefährliche Elemente in meiner Natur“ (51) weckt, und im nächsten Augenblick zur grausamen Frau wird, die Vergnügen darin findet, ihren Sklaven zu peitschen, und eine „teuflische Neugier“ verspürt, „zu sehen, wie weit deine Kraft reicht“ (51), lebt Severin noch in der apollinischen Vorstellung, wenn er sagt: „In der Tat liegt in der Treulosigkeit eines geliebten Weibes ein schmerzhafter Reiz, die höchste Wollust.“ (58).
Severin will es ertragen, daß Wanda sich einem anderen hingibt, wenn er sie nur nicht verliert – also den Reiz ihrer Grausamkeit auskosten kann. Als er ruft: „Dein Sklave sein! Dein willenloses, unbeschränktes Eigentum, mit dem du nach Belieben schalten kannst, und das dir daher nie zur Last werden kann. Ich möchte, während du das Leben in vollen Zügen schlürfst, in üppigem Luxus gebettet das heitere Glück, die Liebe des Olymps genießest, dir dienen (…)“ (59), stimmt Wanda ihm zu: „(…) nur als mein Sklave könntest du es ertragen, daß ich andere liebe (…)“ (59); als sie aber hinzufügt: „Ich will Sklaven haben, hörst du, Severin?“ (59), entgegnet er: „Bin ich nicht dein Sklave?“ (59). Die Antwort zeigt, daß er den Unterschied zwischen Singular und Plural nicht wirklich verinnerlicht hat, daß er nach wie vor Phantasien verbalisiert, von denen er glaubt, daß er auch in der Realität mit ihnen umgehen könne; tatsächlich hat er den apollinischen Arm ausgestreckt und verschließt die Augen vor der Realität, in der Wanda beinahe nebenher Sätze sagt wie: „Jede Frau hat den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es hat viel für sich, sich ohne Liebe (…) hinzugeben, man bleibt hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen“ (56), und weniger nebenher: „… merk‘ dir überhaupt, was ich dir jetzt sage: fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst, denn die Natur des Weibes birgt mehr Gefahren als du glaubst.“ (56). Die Femme fatale spielt mit dem männlich-apollinischen Versuch, die Femme fatale als Faszinosum genießen zu können.
Daß Severin, um Wanda nicht zu verlieren, aus ihrer Promiskuität Lust zu ziehen gewillt ist, genießt Wanda ihrerseits; die Vorstellung von einer zügellos ihre Wollust mit anderen auslebenden Geliebten, die Vorstellung von Wandas Genuß daran läßt Severin ausrufen: „Welch ein Gedanke! (…) ich empfinde eine Art Grauen vor dir.“ (58). Aber dieser Horror Severins ist lustbetont, solange er einem imaginierten Szenario gilt, dem Bild einer Frau, die er um so mehr anbetet, je mehr sie ihn leiden läßt.
Doch der Zeitpunkt ist gekommen, da es Wanda mit ernster Wehmut erfüllt, wenn das Szenario „eine goldene Phantasie, welche nie wahr werden kann“ (59 ff.) bleiben soll, und Severin wird bewußt, mit welchem – scheinbaren – Widerwillen sie noch vor kurzem seine Phantasien aufzunehmen schien und mit welchem Ernst sie jetzt die Ausführung derselben betreibt. Wanda entwirft den Vertrag, der Severin zu ihrem Sklaven macht, mit dem Status eines leblosen Dings, eines Spielzeugs, das sie „zerbrechen kann, sobald es mir eine Stunde Zeitvertreib verspricht. Du bist nichts und ich bin alles. Verstehst du?“ (61). Sie selbst verspricht, ihm stets im Pelz zu erscheinen – aber nicht, weil es seiner Lust dient, sondern „weil er mir das Gefühl einer Despotin gibt“ (62). Die Femme fatale nimmt dem Fetischisten also auch die Kontrolle über die fetischistische Struktur aus der Hand. Sie trägt die Insignien ihrer Macht – Peitsche, Stiefel, Pelz – nicht für ihn, sie übernimmt sie vielmehr als die ihren. Auch hier bricht die Verobjektivierungsstruktur zusammen. Wanda weiß, daß die „Macht meiner Schönheit“ (62) ihr einen Sklaven verschafft. Also nutzt sie die Objekte seines masochistischen Fetischismus, um ihre Macht zu vergrößern. Sie tut nicht Severin einen Gefallen, sondern sich selbst. Als Wanda sich die Schönheit von Severins Märtyrerblick vorstellt, „wenn du totgepeitscht würdest“, sinniert er: „Manchmal wird mir doch etwas unheimlich, mich so ganz, so bedingungslos in die Hand eines Weibes zu geben. Wenn sie meine Leidenschaft, ihre Macht mißbraucht? Nun dann erlebe ich, was seit Kindesbeinen meine Phantasie beschäftigte, mich stets mit süßem Grauen erfüllte. Törichte Besorgnis! Es ist ein mutwilliges Spiel, das sie mit mir treibt, mehr nicht. Sie liebt mich ja, und sie ist so gut, eine noble Natur, jeder Treulosigkeit unfähig (…)“ (63).
Severin glaubt also an das Spiel, die Inszenierung, und er glaubt, daß das süße Grauen auch bei Wandas Machtmißbrauch noch anhielte; das heißt, daß er Wandas Machtmißbrauch in die Inszenierung hinein zu prolongieren bestrebt ist. Der Reiz liegt für ihn aber nicht im Machtmißbrauch selbst, sondern in der Möglichkeit des Machtmißbrauchs, im: „sie kann, wenn sie will“ (ebd.); trotzdem hält Severin Wanda dessen letztlich für unfähig. Schon der erste begehrende Blick aber, den Wanda auf der Promenade einem russischen Fürsten zuteil werden läßt, stürzt Severin in Erschrecken: „Liebst du mich denn nicht mehr – “ (64). Als Wanda erklärt, nur Severin zu lieben, sich aber von dem Fürsten den Hof machen lassen zu wollen, ist Severin bereits von diesen Worten zermalmt. Sie beauftragt ihn, Informationen über den Fürsten einzuholen, und Severin hält Wanda vor, sie nehme seine Phantasie zu ernst. Wanda kann ihn zurecht der Feigheit und des Wortbruchs bezichtigen: „Du bist frei. Ich halte dich nicht.“ (67).
Mit diesen Worten, sie weiß es, zurrt sie die Fesseln um ihren Sklaven nur fester. Sobald sie ihm mit der Freiheit droht, ist er gewillt, alles zu erdulden. Sie führt ihm vor, wie gerade sein Befreiungsversuch ihn zum Sklaven macht; wie schon die apollinische Strategie selbst Anerkennung der Macht ist, von der sie Distanz erstrebt. Und sobald die Frau die ihr eigene Macht bewußt übernimmt, ist die Anbetung aus der Ferne nicht mehr möglich: die Frau fordert entweder, daß die ihr zugeschriebene Macht silbengetreu umgesetzt wird, oder sie interessiert sich nicht länger für den, der ihr die Macht zuschreibt.
Severins Identität ist im Untergang begriffen. Bebend vor Wut, doch auch vor Genuß und prickelnder Aufregung muß er zur Kenntnis nehmen, daß er nicht mehr Severin ist: Wanda beschließt, ihren Diener, denn als solcher wird er auf ihrer Reise nach Italien nur noch in Erscheinung treten dürfen, Gregor zu nennen, und sie untersagt ihm jedwede Vertraulichkeit, mit dem Befehl, sie von nun an Herrin zu nennen. Sie reist in einem Coupé erster Klasse, Gregor erhält ein Billett dritter Klasse und den Auftrag, bei jedem Halt zu Wandas Abteil zu eilen, um nach ihren Wünschen zu fragen; seine Herrin läßt sich von einer Reihe von Kavalieren den Hof machen. In Wien zwingt sie ihn, seine Kleidung gegen eine Livree zu tauschen, und er hat das Gefühl, seine Seele dem Teufel verschrieben zu haben. Nachts liegt er auf hölzernen Ruhelagern oder in ungeheizten Zimmern wie auf der Folter; sobald Wanda nur ein einziges Zeichen von Vertrautheit in die Abfolge von Demütigungen einwebt, gesteht er ihr jedoch, wie seine Verehrung immer fanatischer wird, je mehr sie ihn mißhandelt.
Wanda mietet in Florenz eine Villa, die „einem so seltsamen, phantastischen Verhältnisse, wie es das unsere ist“ (83), einen entsprechenden Rahmen gibt; sie bringt Severin jetzt durch eine Zofe den Befehl, vor seiner Herrin zu erscheinen. Überwältigt von ihrer Schönheit unterzeichnet er den Vertrag, mit dem er endgültig darauf verzichtet, der Geliebte der Wanda von Dunajew zu sein. Und als die Tinte trocken ist, läßt Wanda ihn, der nun endgültig nurmehr ihr Sklave ist, von drei Dienerinnen an eine Säule binden für eine erste ernste Demonstration ihrer Macht; sie peitscht ihn bis aufs Blut, während sie erklärt, daß er sie jetzt kennen lernen werde. Und zieht sich danach für einen Monat von ihm zurück, „damit ich dir fremd werde“ (91).
Als er Wanda wieder zu Gesicht bekommt, schickt sie ihn aus, um einen florentinischen Adligen, den Fürstin Corsini, zum Dejeuner mit seiner Herrin zu laden, und Severin muß erleben, wie seine geliebte Herrin mit dem potentiellen Geliebten über die Ungeschicklichkeit des Dieners lacht. Sie richtet ihren Sklaven mit immer kürzeren Befehlen und immer häufigeren Peitschenhieben ab, doch das Schlimmste für Severin sind die Phasen, in denen sie „keinen Blick, keine Silbe für mich, nicht einmal – eine Ohrfeige“ (96) hat. Blick, Wort, Ohrfeige oder Peitschenhieb sind nahezu gleichwertig, sofern vom angebeteten Wesen gewährt.
Die Zufügung verwandelt das Objekt der masochistischen Phantasie zwar spürbar in ein Subjekt, doch versucht das masochistische Szenario gleichzeitig, und immer noch, das zufügende Subjekt im Objektstatus zu halten: dadurch nämlich, daß es dem eigenen Entwurf entspricht. Beim Horrorfilm ist die Struktur ähnlich: das Geschehen des Horrorfilms ist gleichsam das Subjekt, dem sich der Zuschauer als Objekt aussetzt, gleichwohl wird der Horrorfilm dabei aus ästhetischer Distanz, aus der apollinischen Sicherung heraus wahrgenommen.
Der Angriff auf die apollinische Sicherung geschieht in der Venus im Pelz dadurch, daß einem männlichen masochistischen Subjekt, das seine Lust, sich einem weiblichen Subjekt als Objekt auszuliefern, eigentlich nur dann als Lust erfährt, wenn es diesen Prozeß der Auslieferung wiederum subjektiv kontrollieren kann, die Kontrolle über eben diesen Prozeß sukzessive entzogen wird. Das Bemerkenswerte dabei ist das Maß an Kontrollentzug, das Severin noch in Lust umzusetzen weiß. Das heißt: der masochistisch gewollte Entwurf (einer Herrin) wird zum tatsächlichen Subjekt der Macht, die Frau übernimmt die ihr zugeschriebene Macht rückhaltlos, übersteigt das Gewollte und zwingt so das masochistische Subjekt, den lustgewährenden Entwurf immer weiter auszudehnen.
Severin malt sein Bild von der grausamen Frau immer neu, zugleich ist Severin immer wieder, immer stärker und am Ende ohne jede Gnade gezwungen, die Zufügung durch das Machtsubjekt zu erleiden: immer weitere Ausdehnung der Ästhetisierung (das Bild der grausamen Frau, deren Grausamkeit seinen Entwurf stets übersteigt), immer heftigere Zufügung des realen Machtsubjekts.
Jenseits der apollinischen Sicherung Lust zu finden darin, ein Objekt zu sein, das Zufügung erleidet, heißt, Lust am Übergriff zu entwickeln. Die Lust am Übergriff auf das Selbst könnte wiederum zweierlei bedeuten: ein Verlangen nach Bestätigung des Selbst im Erleiden, in dem die Identitätsgrenze fühlbar wird, oder ein Verlangen nach Hinzufügung, nach Öffnung des Eigenen für Fremdes, in dem die Identitätsgrenze gerade ihrer Bedeutung entkleidet wird.
Severin versteht, daß Wanda ihn so weit erniedrigt hat, daß sie es nicht einmal der Mühe wert findet, ihn zu quälen. Als er eines Nachts vor ihrem Bett schlafen darf, raubt ihm der Anblick ihrer Schönheit nahezu den Verstand: „Aber sie bedurfte meiner nicht.“ (96). Die Annäherung, die Wanda inszeniert als zärtliche Geliebte, schlägt um in eine eiskalte Demonstration, nach der Severin vermuten muß, daß nicht mehr die grausame Frau, sondern die zärtliche Geliebte das Bild ist, die Rolle, die Wanda spielt.
Einmal, da er seine Herrin, als ihr Badediener, unverhüllt sieht, ohne die fetischistisch aufgeladenen Insignien, wirkt ihre Schönheit für Severin weniger grausam, Wanda in ihrer Nacktheit „so heilig, so keusch“ (107). Der Fetisch ist ein Ding, das aufgeladen ist mit übernatürlicher Kraft, mit einer Macht, die ein Ding im Weltbild der aufgeklärten Ratio nicht haben sollte. Der Fetisch ist die Fusion von Materie und Eros, die Fusion von psychischer Energie mit einem Objekt. Fetischismus ist magisches Denken, magischer Zusammenhang. Erotischer Fetischismus beantwortet die alte Truffaut’sche Frage „Haben Frauen was Magisches?“ mit „Ja, und außerdem haben sie was Magisches an.“
Der Fetisch entsteht durch und wirkt auf eine Komponente des Seelischen, die nach Hingabe und Unterwerfung strebt; auf ein Verlangen, sich unwiderstehlich faszinieren zu lassen. So ist der Fetisch prädestiniert zur Liaison mit dem Erotischen. Die Macht des erotischen Fetisch ist es, Träume, Sehnsüchte, Wünsche an sich zu binden. Der Fetisch ist kein Objekt, sondern ein Kosmos. Nach klassischer Regel ist die Frau Trägerin oder Inhaberin dessen, was zum Fetisch werden kann, von Objekten, denen die Macht des Heiligen zugesprochen wird; Teile von ihr oder an ihr werden mit der Kraft der Faszination „geladen“ wie ein elektrischer Akkumulator. Der Fetischist wählt mit dem Fetisch die schöne Unfreiheit in der Relation zu der Persönlichkeit, die den Fetisch innehat.
Der Fetisch ist Konkretion und Eingeständnis der ambivalenten Macht, die die Frau auf den Mann ausübt. Der Fetisch setzt eine Grenze und erhöht mit dieser Setzung der Grenze zugleich die Lust, sie zu überschreiten. Die Frau, die den Fetisch anlegt, ihre Schönheit mit dem Fetisch unterstreicht, verspricht damit absolute Lust; zugleich macht sie sich zur Göttin, zur absoluten Herrin über die Erregung des sie Begehrenden. Der Fetisch bedeutet eine Distanz, die das Begehren sichtbar macht. Der dem Fetisch sich unterwerfende Eros gerät in eine Phase des Suspense und verbindet sich schon in der Einwilligung, die Faszination zu erleiden, mit dem Masochismus; der Masochist willigt ein, sich strafen zu lassen für das sichtbar gewordene Begehren.
Die ersehnte Grausamkeit entsteht für den Masochisten gerade durch die Distanz; die Grausamkeit ist deshalb grausam, weil sie die Distanz sichtbar macht. Darum ist es das Grausamste, dem Masochisten die Grausamkeit zu entziehen: der Masochist lebt in dem „grausamen“ Spannungszustand, der sein Begehren bloßlegt. Die von seiner Herrin getragenen fetischistischen Insignien reflektieren ihm sein Begehren, sie konturieren das, was ihm entzogen wird. Je mehr Entzug, um so gesteigerter sein Begehren; um so mehr Eros als Streben. Die Zufügung durch die Peitsche ist Zufügung über die Distanz. Und trotzdem erlebt der Masochist in dieser Distanz äußerste Verschmelzung; darum leidet er, wenn die Angebetete ihm diese Zufügung entzieht. Weil er aus Leiden Lust gewinnt, potenziert sich die Macht seiner Herrin über ihn; wenn sie tut, was er ersehnt, bindet sein Leiden ihn an ihre Macht; wenn sie es nicht tut, auch. Je weiter die inszenierte Distanz zur Frau, um so aufgeladener das Kraftfeld, in dem Lust und Schrecken changieren: der die Frau anbetende Masochist beweist, wie dieses Changieren zwischen Lust und Schrecken die Distanz nur äußerlich vergrößert, psychologisch aber mit Intensität auflädt.
Severin muß Wanda zu einem nächtlichen Zusammentreffen mit einem Mann im dunklen Mantel am Ufer des Arno bringen. „Das tue ich ja nur, um dich zu reizen“, erklärt sie, „ich muß Anbeter haben, damit ich dich nicht verliere, ich will dich nie verlieren, niemals, hörst du, denn ich liebe nur dich, dich allein.“ (102). Wanda hätte es vermocht, Liebende und grausame Frau zugleich zu sein, Grausamkeit in ihrer Liebe und Liebe in ihrer Grausamkeit zu leben, aber letztlich ist es Severin selbst, der diese Balance zerstört. Wandas Worte sind nur noch letztes Aufflackern dieser Liebe, vielleicht ist es auch nur noch die Rolle der Liebenden, die sie spielt, um damit die Grausamkeit noch zu steigern, wenn sie ihre Lust an der Dominanz erneut offenbart. Wir erinnern uns an Worte, die Wanda zuvor gesprochen hat: „Es lag wohl in mir […], vielleicht wäre es nie an das Licht getreten, aber du hast es geweckt, entwickelt, und jetzt, wo es zu einem mächtigen Trieb geworden ist, wo es mich ganz erfüllt, wo ich einen Genuß darin finde, wo ich nicht mehr anders kann und will, jetzt willst du zurück – “ (66).
Hand in Hand verschwinden Wanda und der Fremde in der Dunkelheit der Büsche, und als sie nach einer qualvollen Stunde zurückkehren, ist Wandas Antlitz von einem schwärmerischen Ausdruck verklärt. Es ist, wie sich herausstellt, ein deutscher Maler, den Severin bald darauf seiner Herrin in ihrer Residenz melden darf. Ob sie ihn liebe? Nun erhalten wir Gewißheit: „Dich habe ich geliebt, so innig, so leidenschaftlich, so tief wie ich nur lieben konnte, aber jetzt liebe ich auch dich nicht mehr […]“ (104).
Als sie sich von dem Maler portraitieren läßt, der sie ebenso anbetet wie Severin, schlägt Wanda ihren Diener nur deshalb mit der Peitsche, damit ihr Antlitz den zu verewigenden grausamen und höhnischen Ausdruck annimmt. Und der Maler verfällt diesem Ausdruck auf der Stelle: „‚Ja -‚ schreit der Deutsche wie im Wahnsinn auf – ‚peitschen Sie mich auch.'“ (111). Tatsächlich fesselt Wanda den Maler, „und dann, als sie mit halb geöffnetem Munde, so daß ihre Zähne zwischen den roten Lippen blitzten, auf ihn lospeitschte, und ehe er sie mit seinen rührenden, blauen Augen um Gnade zu bitten schien – es ist nicht zu beschreiben.“ Doch hat die Szene für Severin „einen schauerlichen Reiz“ (112).
Schließlich erregt Wanda sich an der Erscheinung eines Mannes, den Severin Apollo nennt – „Apollo, der den Marsyas schindet“ (115), und sie durchschaut sowohl Severins Gedankenwelt als auch den Unterschied zwischen seiner Gedankenwelt und der Realität: „‚Du kannst dir denken‘, lachte sie auf, ‚daß dieser Mann mein Geliebter ist, und daß er dich peitscht, und es dir ein Genuß ist, von ihm gepeitscht zu werden.'“ (116). Du kannst es dir denken, meint Wanda, aber du glaubst immer noch nicht, daß ich es in die Realität umsetze.
Es handelt sich um einen Griechen, wie Severin auszukundschaften beauftragt war, und sein nächster Auftrag lautet, Zusammentreffen Wandas mit Apollo zu arrangieren. „Alles, was bis jetzt gewesen, erschien mir als ein kindisches Spiel; nun aber war es Ernst, furchtbarer Ernst.“ (120). Die Frau, die er liebt, begehrt, anbetet, begehrt nun ihrerseits, sich einem Apollo hinzugeben, sich seiner Leidenschaft zu unterwerfen, und Severin muß diesem Begehren beiwohnen, im Beisein beider nur noch als Domestike wahrgenommen; die Eifersucht und die Erniedrigung drohen ihn zu zerreißen. Wanda gibt ihm zu verstehen:
„In mir haben gefährliche Anlagen geschlummert, aber du erst hast sie geweckt; wenn ich jetzt Vergnügen daran finde, dich zu quälen, zu mißhandeln, bist nur du schuld, du hast aus mir gemacht, was ich jetzt bin“ (129), sie leugnet nicht, daß in ihr war, was Severin ersehnte; sie wirft ihm nur vor, daß alle Probleme daraus entstanden, daß Severin nur seine Strategie gelten ließ. Severin offenbart sich als derjenige, der glaubte, das Subjekt, von dem er Beherrschung ersehnte, als Objekt kontrollieren, besitzen zu können: „Wenn ich dich nicht besitzen soll (…), so soll dich auch kein anderer besitzen.“ Und wenn Wanda höhnisch antwortet: „Aus welchem Theaterstück ist diese Stelle?“ (130), verdeutlicht sie noch einmal ihre Position, die von Anfang an eben zu keinem Theaterstück gehörte, als Realität.
Alle vermeintlichen Theaterstücke dienten einem Theater der Realität, auch das letzte: zunächst ihre Liebe zu dem Griechen selbst als Schauspiel deklarierend, dann Severin mit gespielter Zärtlichkeit („Ob ich es noch kann?“, 134) zu einer Auspeitschung einladend, die vorgeblich, zur Beruhigung der Nerven aller, das Gleichgewicht zwischen seiner masochistischen Anbetung und seiner Liebe zu ihr wiederherstellen soll, übergibt Wanda im letzten Augenblick die Peitsche an den plötzlich hervortretenden Griechen. Severin bekennt: „Das übertraf meine Phantasie“ (136), und Wanda bekennt sich zum Genuß an dieser Szene, bekennt sich als Femme fatale: „Es hört Sie niemand (…), und niemand wird mich hindern, Ihre heiligsten Gefühle wieder zu mißbrauchen und mit Ihnen ein frivoles Spiel zu treiben“ (137). In ihren Pelz gehüllt auf der Ottomane ruhend, sieht Wanda mit grausamer Neugier zu, wie der Grieche Severin alle Poesie aus dem Leib peitscht, nachdem er anfangs selbst hier noch einen phantastischen Reiz empfindet.
Ein Apollo Genannter also symbolisiert die fatalen Rückwirkungen der apollinischen Strategie selbst. Die Erkenntnis des Existierens der Femme fatale jenseits aller Versuche, sie zu verobjektivieren und zu kontrollieren, wird Severin mit apollinischen Peitschenhieben verabreicht. Drei Jahre später erhält Severin einen Brief von Wanda, in dem sie erklärt, sie habe ihn wirklich geliebt, es dann jedoch pikant gefunden, die Verwirklichung seines Ideals zu sein; und sie habe ausprobieren wollen, ob es möglich sei, Severin in einer Radikalkur zu heilen.
Zur Heilung gebracht werden müßte die männlich-apollinische Tendenz, die ersehnten und selbst die gefürchteten Qualitäten in der Frau selbst in die Hand nehmen zu wollen. Wanda glaubt, wie eh und je, wie bei der Begegnung mit Severin, an das Glück des Augenblicks – das es für sie nur ohne übergeordneten Rahmen gibt, nur in einem Feld, in dem alles sein kann, weil nichts sein muß. Wenn die Macht der Frau jenseits apollinischer Strategien anerkannt wäre, könnten das Ausspielen dieser Macht und das Erleben dieser Macht lustvoll bleiben.
Letztlich gibt auch die Venus im Pelz ein Beispiel dafür, wie der hypertrophen apollinischen Strategie der Zustand Horror, die Ambivalenz von Lust und Schrecken, inhärent und nahezu unausweichlich ist. Der Versuch der Distanzgewinnung durch Verobjektivierung unterstreicht die Macht dessen, von dem die apollinische Strategie sich ein Bild mit festen Grenzen und Formen zu machen sucht. Die Macht der fatalen Frau aber ist real genug, um die apollinische Kraft zum Erzeugen des Bildes der fatalen Frau ad absurdum zu führen. Wanda setzt auch den Masochisten als apollinischen Tyrannen außer Kraft. Deleuze irrt, wenn er Wanda lediglich als verwirklichtes Element des masochistischen Phantasmas betrachtet und sie nur als „Bestandteil der masochistischen Situation“ (200) auffaßt. Wanda erklärt alle einschränkenden Bedingungen, die dem Ideal Severins entspringen, für nichtig. Ihre Macht beweist sich in der unendlichen Überschreitung aller Zuschreibungen, die sie treffen. Severin spricht einmal von „ihren mörderischen Lippen“ (54). Was sie tatsächlich tötet, sind alle männlichen Versuche, ihre Freiheit einzuschränken.
Literatur:
Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt am Main 1968
Ein Akt aus dem SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“
stoppelfeld:
Leidet der Deutsche an der „Krankheit zum Tode“?
avenir:
Wenn einem diese Krankheit zugeschrieben werden darf, dann wohl weniger dem Deutschen, sondern vielmehr dem Österreicher. Die Mesalliance des Wieners mit dem Tod ist wohl ein beredtes Beispiel hierfür. Die Lieder von Hans Moser bis Wolfgang Ambros, durchsetzt mit morbiden Zeilen.
Doch für den Österreicher ist der Tod nur selten eine ernste Angelegenheit. In der Literatur nimmt allenfalls Josef Winkler, der Büchnerpreisträger, den Tod wirklich ernst. Die Mehrzahl der österreichischen Schriftsteller geht mit dem Tod humorvoll um. Man lese nur Robert Menasse oder Norbert Gstrein. Sogar Thomas Bernhard geht den Tod humorvoll an, was nicht heißen soll, dass er darüber seine Witze macht. Es ist ein beißender Humor, dem sich der Tod hier ausgesetzt sieht.
Was kommt dabei raus? Der Tod wird ins Leben geholt, er gehört zu uns. Dabei muss man nicht todtraurig sein, sondern sich auch über ihn lustig machen. Dies ist ein Topos, der stark im katholischen Glauben verankert ist. Der ernste Glauben ist immer mit einem verschmitzten Lächeln verbunden.
Christian Erdmann [Aljoscha der Idiot]:
Wieso haben die Franzosen eigentlich Madame la Mort und wir bloß Gevatter Schnitter?
river runner:
Wieso haben die Spanier „La Palida“, und warum heisst sie bei uns „Der Bleiche“?
Lo sorprendió la Pálida una tarde.
Ihn überraschte eines Abends der Bleiche.
Lieber Aljoscha, kannst du mir erklären, warum der Borges den Gracían nicht abkann? Schon wieder steht der Vorwurf der Eitelkeit im Raum: „Sólo un vano herbatio… nur ein eitles Herbarium.“ Ist das fair von Borges, oder hat der das einfach nur so dahingeschrieben, weil es sich reimt?
Christian Erdmann:
Ah, la Pálida! … hing gerade dem Gedanken nach, daß die rationalistische Tradition der Franzosen nie ihre genuine Nähe zur Erotik verhindert, ich meine, wo sonst gibt es ein Buch wie die „Liaisons Dangereuses“, die „Schlimmen Liebschaften“ von Choderlos de Laclos, das derart Sprache und Erotik verbindet, die Sprache der Erotik und die Erotik der Sprache, und demnach es ganz natürlich scheint, wenn die Franzosen das Verlangen haben, sich einen „gut ausgearbeiteten Tod“ (Rilke in „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“) wenigstens sprachlich noch als bittersüße Umarmung vorzustellen. Jetzt müssen wir das also mindestens auf Spanien erweitern, bzw. was steckt überhaupt hinter dem weiblich personifizierten Tod als image?
Lieber Aljoscha, kannst du mir erklären, warum der Borges den Gracían nicht abkann?
Hm. Wegen schweren Leidenschaftslos seyns?
„Leidenschaftslos seyn: eine Eigenschaft der höchsten Geistesgröße, deren Ueberlegenheit selbst sie loskauft vom Joche gemeiner äußerer Eindrücke.“ (Gracian)
Was ich verlange, wenn das Drüben noch was vorhat: einen Blick werfen auf die Archetypen und die Herrlichkeiten und Muster, nach denen alles geschieht. Ich vermute ja, wenn man das sähe, würde man eh gleich tot umfallen.
Na gut, gewisser Widerspruch hier. Epikur sagt ja, sind wir, ist der Tod nicht; ist der Tod, sind wir nicht. Und er hat ja bekanntlich zugleich recht und schmählich unrecht. Es gibt das Grauen vor diesem letzten „Zustand“, in dem eine Verwandlung an uns ohne uns stattfindet, es gibt die Furcht davor, daß, wenn der Tod ist, auch wir gegenwärtig sein könnten. Es gibt ebenso die Furcht davor, daß wir als Tote gerade kein Vermissungserlebnis haben werden. Horror vacui. Daß der Tod ein Problem für die Lebenden ist, wird auch ohne Epikur klar. Daß der Tod ein Problem für die Toten sein könnte, bleibt trotz Epikur, wie man angloamerikanisch sagt, mind-boggling. Epikur will uns damit beruhigen, daß Totsein keine grauenvolle Erfahrung ist, weil Totsein überhaupt keine Erfahrung ist. Sehr tröstlich. Man stelle sich das vor: keine Erfahrung. Und viel Spaß noch beim Versuch, sich das vorzustellen. Wir können nicht anders: auch den Übergang ins Nichts denken wir als Übergang.
„Sterben hieße nichts anderes, als ein Nichts dem Nichts hinzugeben, aber das wäre dem Gefühl unmöglich, denn wie könnte man sich auch nur als Nichts mit Bewußtsein dem Nichts hingeben und nicht nur einem leeren Nichts, sondern einem brausenden Nichts, dessen Nichtigkeit nur in seiner Unfaßlichkeit besteht.“ (Kafka, Tagebücher)
Nachdem Rilkes Malte Laurids Brigge den Tod des Christoph Detlev Brigge beschrieben hat, den schweren Tod, der sich nicht drängen läßt – „Er war für zehn Wochen gekommen, und die blieb er. Und während dieser Zeit war er mehr Herr, als Christoph Detlev Brigge es je gewesen war, er war wie ein König, den man den Schrecklichen nennt, später und immer.“, schließt er:
„Warum soll ich tun, als wären jene Nächte nicht gewesen, da ich aufsaß vor Todesangst und mich daran klammerte, daß das Sitzen wenigstens noch etwas Lebendiges sei: daß Tote nicht saßen.“
Und wenn „die Toten im Grabe an irgend etwas denken, so ist es dieses: wie sie unter der Erde das benachbarte Grab erreichen können, um das Leichentuch der Abgeschiedenen zu lüpfen und sich ihrem Schlummer zu gatten…“ (Flaubert, November).
„Sterben! Was heißt das? Siehe, wir träumen, wenn wir vom Tode reden.“
„Sterben! Grab! Ich verstehe die Worte nicht!“ (Goethe, Werther)
schlafschule69:
… was steckt überhaupt hinter dem weiblich personifizierten Tod als image?
Genau kann ich das jetzt auch nicht sagen, aber ich musste spontan an Morgensterns Galgenbruders Lied denken:
Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid
Sophie, mein Henkersmädel, komm, küsse mir den Schädel! Zwar ist mein Mund ein schwarzer Schlund – doch du bist gut und edel! Sophie, mein Henkersmädel, komm, streichle mir den Schädel! Zwar ist mein Haupt des Haars beraubt – doch du bist gut und edel! Sophie, mein Henkersmädel, komm, schau mir in den Schädel! Die Augen zwar, sie fraß der Aar – doch du bist gut und edel!
Reklov:
Wieso haben die Franzosen eigentlich Madame la Mort und wir bloß Gevatter Schnitter?
Es hängt mit der Sprache zusammen: la mort kommt von lateinisch mors, mortis fem.; Tod ist dagegen schon im Althochdeutschen als Verbalabstraktum zu „sterben“ ein Maskulinum, vgl. z. B. Kluge etc. Ähnliches gibt’s auch bei die Sonne / der Mond, im Lat. (und demzufolge in den romanischen Sprachen) sol, masc., luna, fem. (weswegen es unsinnig ist, im Sonnengesang von Franziskus (?) „fratre sole“ wörtlich mit „Bruder Sonne“ bzw. „sorore luna“ mit „Schwester Mond“ zu übersetzen).
Christian Erdmann:
„Touwen“, sterben, aha, naja. An sich verschiebt es die Frage für mich nur. Das Verbalabstraktum hätte doch rein theoretisch auch weiblich sein können, nein? Mentalität oder überlieferte Vorstellungen oder was auch immer hat es aber offensichtlich verhindert. Fänden Sie es sehr müßig, wenn man trotzdem weiterfragte, warum es eine römische weibliche Personifikation des Todes gab, im romanischen Sprachraum also diese Idee sich behaupten konnte, und warum man im Deutschen (im germanischen Sprachraum überhaupt? keine Ahnung) lieber den Tod schuf? Für Hel blieb da immerhin die Hölle, gut – aber ist das Degradierung oder Beförderung? Frag ja nur.
Reklov:
Ich betrachte solche Dinge (Wortstämme, -wurzeln) als Sprach“axiome“ und somit mit Aussicht auf Antwort kaum hinterfragbar. — Hel ist (wieder nach Kluge) die Todesgöttin. Im Germanischen ist der Tod also mask., seine Göttin fem.: Da haben wir also je nach Bedarf beides. Ähnliches hatten auch die Römer mit ihrem Unterweltherrscher Pluto(n), dem Bruder Jupiters und Neptuns. Die Römer und die Germanen hatten also zwei Wörter für ihre Vorstellung vom Tod: das den eigenen Tod betreffende war mors, das für den Herrscher der danach kommenden „Welt“ Pluto. Ähnlich auch mit Geschlechtsvertauschung die alten Germanen. Das Relikt von Hel ist im kath. Denken das Fegefeuer, das aber, soweit ich weiß – ich bin protestantisch erzogen -, keinen „Herrscher“ hat.
ray05:
… was steckt überhaupt hinter dem weiblich personifizierten Tod als image?
Nun, auch „das Leben“ ist ja weiblich [la vie] und l’existence ja auch; und jetzt kann ich mir gut vorstellen, dass der Lebenskreislauf von Geburt bis einschließlich Tod einfach komplett Frauensache ist. Wenn eine Frau das Leben schenkt, dann nimmt sie’s auch wieder. Warum wir Germanen hierzu einen „aktiv-männlichen“ Nichter, einen Auslöser und In-Marsch-Setzer brauchen, hm, keine Ahnung :)
tzscheche:
… daß die rationalistische Tradition der Franzosen nie ihre genuine Nähe zur Erotik verhindert, ich meine, wo sonst gibt es ein Buch wie die „Liaisons Dangereuses“, die „Schlimmen Liebschaften“ von Choderlos de Laclos, das derart Sprache und Erotik verbindet…
Wenn etwas die französische Kultur vor allen anderen auszeichnet, so ist es die ewige Lust zur steten Verfeinerung, zum raffinement.
Nichts ist dem Franzosen fremder als die Weltenschwere deutscher Romantik oder die Inbrunst angelsächsischer Dichtung. Was bedeuten schon Shakespeares bluttriefende Dramen gegen den Feingeist eines Racine oder eines Corneille ?
So liegt ja auch in dem von Ihnen zitierten Werk die Erotik nicht in der Erfüllung der Wollust, sondern vielmehr in der kunstvollen (und wortreichen) Inszenierung ihrer Anbahnung, bzw. sogar ihrer Verhinderung im allerletzten Moment.
Christian Erdmann:
Geradezu folgerichtig stammte dann auch der erste ernstzunehmende (weil er eben auch den Roman ernst nimmt) Essay zu Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ von einem französischen Philosophen, Gilles Deleuze.
tzscheche:
Habe weder Sacher-Masoch, noch den dazugehörigen Essay gelesen, wohl aber Texte von Deleuze. Er ist ein vorzügliches Beispiel für die französische Lust am intellektuellen Spiel, die Fähigkeit, Welt sprachlich zu dekonstruieren und unter neuen Blickwinkeln wieder zusammenzufügen. Mille Plateaux ist so ein Text oder auch Le Pli: Leibniz et le baroque.
Christian Erdmann:
„Die Sprache der Erotik und die Erotik der Sprache“ (s.o.), man könnte auch sagen: bei denen ist Erotik Philosophie und Philosophie ist erotisch. Was schon mal eine ideale Voraussetzung dafür ist, daß man in Frankreich „den“ Philosophen nicht als Volltrottel betrachtet, der sich nur mit sinnlosem Zeugs beschäftigt. Der darf da richtig integriert sein in den Alltag, der Philosoph.
Bin auch sicher, daß in einem französischen Literaturforum die Verengung von „Belletristik“ auf „Romane“ sofort als Mißverständnis aufgeklärt würde.
@ray05:
Im Raum Tirol, Südbayern, Kärnten hat eine „Teadin“ überlebt. :)
Ob das jetzt tatsächlich Indiz dafür ist, daß der Tod „hierzulande ursprünglich ein weibliches Gesicht“ hatte, keine Ahnung.
ray05:
Apropos raffinement. Die Verfeinerung ist im Französischen auch männlich. :)
Christian Erdmann:
Die Frau ist ja auch schon verfeinert. :)
ray05:
Von wem? :)
Christian Erdmann:
Die kommen so auf die Welt. :)
ray05
Raffiniert ausgedacht. :)
river runner:
Lieber Aljoscha,
du grübelst mit „Hm“, ob Borges den Gracían wegen schweren Leidenschaftslos seyns abgelehnt hat. Dies ist zu vermuten. Aber ist seine Behauptung: „No hubo música en su alma… Er hatte keine Musik in der Seele…usw.“ wahr? Ich prüfe hier gerade die Frage, ob Baltasar Gracian leidenschaftlich oder nicht leidenschaftlich war.
Zu diesem Zweck habe ich zunächst einmal geprüft, ob Baltasar Gracian von irgendjemand leidenschaftlich geliebt wurde. Dazu habe ich bei amazon gelesen, dass sich Dein Buddy Nietzsche von ihm angezogen gefühlt haben soll. Könntest du einmal nachprüfen, ob Nietzsche leidenschaftliche Gefühle für Baltasar Gracian hatte?
Arthur Schopenhauer hat ihn sogar so sehr geliebt, dass er spanisch gelernt hat, nur um ihn übersetzen zu können. Der eher zurückhaltende Schopenhauer ist so auf Gracian abgefahren, dass er seinen „unvergleichlichen Criticón“ für „eines der besten Bücher der Welt“ hält, „vielleicht der größten und schönsten Allegorie, die je geschrieben worden“ Meine Frage an dich als Künstler und Philosoph: Was geht da ab, bei Nietzsche und Schopenhauer?
Aus der Buchbeschreibung: „Wenn Gracián ein Moralist ist, dann vor allem in dem Sinn, dass er die mores, die Sitten, vor allem aber die Unsitten wie kaum ein Zweiter kennt.“
Aljoscha, Baltasar Gracían ist mir ein Rätsel, da kann mich jetzt nur ein Nietzsche-Zitat von dir zu ihm weiterbringen.
Christian Erdmann:
Aber ich schlafe weder mit Gracian noch mit Nietzsche unterm Kopfkissen. :) Was Nietzsche neben dem kunstvollen Stil der Aphorismen und dem, was er für einen geschulten Psychologenblick hielt, beeindruckt haben könnte? Gracians „sabio“ war ein „Bewanderter“, ein kritischer Geist, ein Trugdurchschauer, ein Unabhängiger, aber auch ein kluger Lebenstaktiker, dem es vor allem um die innere Freiheit ging, für deren Bewahrung man auch mal, als Selbstschutz, Proteus sein muß, sich den Umständen entsprechend verstellen. Das von Dir geforderte Nietzsche-Zitat käme dann aus der „Fröhlichen Wissenschaft“:
„Und, um hier einiges zu verschweigen: so will ich doch meine Moral nicht verschweigen, welche zu mir sagt: Lebe im Verborgenen, damit du dir leben kannst !“
Vielleicht waren es auch die gar nicht so komplexen, verschlungenen, sondern die ganz einfachen Sachen bei Gracian, z.B.: „Sich keine Narren auf den Hals laden.“ :)
Ich gehe doch nicht des guten Essens wegen ins Pariser Procope, sondern weil ich die Penunzen da verjuxen will, wo mir Diderot ins Essen hustet. Zum Haus pilgern, in dem Lautréamont verhungert ist, soviel Zeit muß sein, bevor die letzten Schuhe durchgewetzt sind. Halsabschneiderei ist überall, es kommt wirklich nur darauf an, wo man sich den Hals abschneiden läßt.
08.01.2008
„Ich kenne keine andere Gnade als die, geboren zu sein.“ (Lautréamont)
Avalokiteshvara, 11köpfiger Herr des großen Mitleids. Sein Kopf zersprang in Teile aus Mitleid mit den leidenden Wesen. Lautréamonts Kopf zersprang in Teile aus Mitleid mit den bitteren Farben. Und alle Teile schrieben gleichzeitig am „Maldoror“.
Paris, den 12. März 1870
Sehr geehrter Herr,
lassen Sie mich ein wenig zurückgreifen. Ich habe bei M. Lacroix (B. Montmartre, 15) ein poetisches Werk veröffentlichen lassen. Aber als es gedruckt war, weigerte er sich, es erscheinen zu lassen, weil das Leben darin in zu bitteren Farben gemalt war, und weil er den Staatsanwalt fürchtete. Es war etwas von der Art des Manfred von Byron und des Konrad von Mickiewicz, aber noch viel schrecklicher. Die Ausgabe hat 1.200 Franc gekostet, wovon ich 400 Francs schon vorgeschossen hatte.
Rue du Faubourg Montmartre No. 7. „Only later I found out that the hotel I used to stay in during my earlier visits to Paris, the Hotel Lausanne in Rue Geoffroy Marie, opposite the Les Folies Bergère cabaret, is just around the corner from the place where Lautréamont died.“ [ from a letter I wrote ]
26.03.2008
Lautréamont sei an einem „bösartigen Fieber“ erkrankt, sagte der Hotelbesitzer, aber vielleicht ist er auch einfach nur verhungert.
11.08.2008
Lautréamont ist quasi eingegangen, 24jährig, nachdem er den monströsen „Maldoror“ beendet hatte. Warum? Einfach nur Zufall, oder weil die Gewißheit, nach diesem Werk, in das man doch alles von sich hineinlegte, keinen Weg mehr offen zu haben, der das Überleben sichert, die Konstitution unwiderruflich schwächte?
31.10.2010
Passend zu Eurem Treiben hier: gestern, Spätnachmittag in der THALIA-Buchhandlung, ich hatte noch einen 10-Euro-Gutschein, wir begutachten also in der hintersten Ecke die „Klassiker“, Fischer hat diese hübsch gebundenen Retro-Ausgaben von Thomas Mann, da liegen die „Buddenbrooks“, meine Ausgabe ist von 1930, zerscheddert, ich denke also an einen Tausch, kostet aber 14. The Missus findet „Sleepy Hollow“ von Irving, ich taste mich weiter durch die Möglichkeiten. Verkäufer so um die 30 kommt: „Finden Sie, was Sie suchen?“ – „Ja. Kann mich nur nicht entscheiden.“ Er nickt, sieht uns da irgendwie weiter zu, kommt wieder mit einem Buch in der Hand. „Ich habe das Gefühl, das hier wäre etwas für Sie.“ – Aha? Und was überreicht er mir? Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror. Ich liebe es, daß ich offenbar den Eindruck erwecke, ein perverser Libertin zu sein. Die Leute denken immer, ich hätte ein dunkles Geheimnis. Und das, äh… stimmt ja auch.
„Ja, phantastisch, aber das besitze ich schon, Edition Sirene, wo man die Seiten mit einem blutigen Messer aufschneiden mußte, wissen Sie? Sehr schön.“ Ich erzähle ihm also von diesem Gutschein, an sich hätte ich diese Buddenbrooks im Visier, kostet 14, ist aber ein bißchen angestoßen, sehen Sie? Ob er es auch für 12 machen würde? „Tja, ich weiß nicht… und wenn Sie den Zauberberg nähmen?“ The Missus: „Den kennt er auswendig.“ – So geht das noch eine Weile weiter, und wir haben alle viel Spaß. Später, wir stehen schon an der Kasse mit den Buddenbrooks, kommt er durch den ganzen Laden nochmal angerannt: „Das hier ist etwas für Sie. Ich weiß es.“ – Und er bringt mir noch so einen Skandalfranzosen.
[SPIEGEL ONLINE Forum]
(Wunderbarerweise durfte man die Seiten dieser Ausgabe tatsächlich aufschneiden.)
Comte de Lautréamont, eigentlich Isidore Lucien Ducasse, wurde 1846 in Montevideo, Uruguay geboren und starb 1870 in Paris. Einzelheiten seines Lebens und die Umstände seines Todes sind weitgehend unbekannt.
Eine kurze Biographie
Von Hartmut H. Gatzke
Isidore Ducasse wurde am 4. April 1846 in Montevideo geboren und starb unter ungeklärten Umständen am 24. November 1870 in Paris. Im Vorwort zu seinen Poésies schrieb er: Ich werde keine Memoiren hinterlassen, und es ist wirklich nicht viel, was seinen Biographen von ihm persönlich zur Verfügung stand: außer seinem Werk existieren lediglich sieben Briefe. Ein recht kurzer Brief an einen Kritiker, einer an Victor Hugo, zwei an seinen Bankier M. Darasse, drei an seinen Verleger Lacroix.
Sein Vater, Francois Ducasse, wurde am 12. März 1809 als viertes von acht Kindern im Dörfchen Bazet, in der Nähe von Tarbes in den Pyrenäen geboren. Mit dreißig Jahren, am 20. November 1839, wandert Ducasse, wie so viele Franzosen zu jener Zeit, nach Uruguay aus und heiratet dort am 31. Januar 1846 die im siebten Monat schwangere, erst vierundzwanzig Jahre alte Célestine Jacquette Davezac, die ihm wohl schon zuvor den Haushalt geführt hatte. Am 4. April wurde ihr einziges Kind Isidore Lucien geboren. Die Mutter starb schon im nächsten Jahr, am 10. Dezember 1847, kurz nach Isidores Taufe am 16.11.1847, wahrscheinlich an einer epidemischen Krankheit, denn sie wurde noch am gleichen Tag begraben.
Isidore war erst dreizehn Jahre alt, als er allein die etwa einmonatige Seereise von Montevideo nach Bordeaux antrat. Von Oktober 1859 bis August 1862 war er als Internatsschüler des kaiserlichen Gymnasiums von Tarbes eingeschrieben. Zum Vormund von Isidore hatte Francois Ducasse seinen Jugendfreund Jean Dazet aus Tarbes ernannt. Zum Sohn Dazets, Georges, etwa vier Jahre jünger, entwickelte Isidore eine tiefe Freundschaft, die er unter anderem in den Gesängen des Maldoror beschreiben wird.
Ah! Dazet! du, dessen Seele von der meinen unzertrennlich ist; du, der schönste der Söhne des Weibes, obgleich noch ein Jüngling; du, dessen Name dem größten Jugendfreunde Byrons gleicht, du, in dem die sanfte Tugend der Kommunikation und die göttlichen Grazien, einig und unzerstörbar verbunden, in edler Gemeinschaft beisammen wohnen, als wärest du ihre natürliche Residenz, warum bist du nicht bei mir, die Brust an meine Brust gepreßt …
(Die Gesänge des Maldoror, 1868, Erster Gesang, Strophe 9)
Am 11. August 1862 fand die Preisverleihung im Internat von Tarbes statt. Isidore verließ das Internat und tauchte 1863 in der Rhetorikklasse (was in etwa einer Unter- oder Oberprima entspricht) des Gymnasiums von Pau auf und bleibt dort bis zum August 1865.
Ein Jahr zuvor starb sein Vormund Jean Dazet. Isidore wohnte in den Jahren 1865 bis 1867 bei dessen Witwe Madeleine Dazet und ihrem Sohn Georges. Unbekannt bleibt, was Isidore in dieser Zeit unternommen hat. Als ihn jedoch sein Vater im Frühjahr 1867 nach Montevideo bat, stand in seinem Visum vom 25. Mai 1867 „ohne Beruf“. Isidore hielt sich nur kurz in Montevideo auf. Anscheinend konnte er seinen vermögenden Vater überzeugen, ihm Geld für eine schriftstellerische Karriere zur Verfügung zu stellen. Über den Bankier Darasse, der mit dem französischen Konsulat in Montevideo Geschäftsbeziehungen unterhielt, ließ Vater Ducasse seinem Sohn fortan die nötigen Gelder zukommen.
Seit Ende 1867 lebte Isidore Ducasse offenbar in Paris, zunächst in einem Hotel in Rue Notre-Dame-des-Victoires Nr. 23. Isidore musste zwar oft umziehen, arbeitet aber intensiv am ersten Gesang des Maldoror,
schreibt hauptsächlich nachts, am Klavier sitzend, und deklamierte seine Sätze beim Klang der Akkorde, was die Hotelbewohner zur Verzweiflung brachte. [s. Léon Genonceaux, 1890]
Anfang August 1868 ging das Manuskript in Druck. Der Erste Gesang erschien anonym Anfang November 1868 zuerst bei der Imprimerie Balitout, Questroy & Cie. In ihr kam der Name Dazet noch mehrfach vor. In seinem Brief an Victor Hugo vom 10.11.1868 schrieb Ducasse:
Sehr geehrter Herr,
ich schicke Ihnen 2 Exemplare einer Broschüre, die aus von mir ungewollten Gründen nicht im Monat August erscheinen konnte. Sie erscheint jetzt bei zwei Buchhändlern des Boulevard, und ich habe mich entschlossen, an etwa zwanzig Kritiker zu schreiben, damit sie mich kritisieren. Im Monat August wurde sie jedoch schon von der Zeitung La Jeunesse besprochen.
In einer zweiten Ausgabe, erschienen in Bordeaux in einer Sammlung Parfums de l’âme, finden wir anstelle des Namens nur D….. Offenbar hatten Georges Dazet und dessen Bruder Jean-Paul Dazet gegen die Nennung des Namens protestiert. Der große Buchstabe D und die vier folgenden Punkte waren ihnen aber immer noch zu deutlich, so daß die dritte Fassung, die bei dem Verleger Lacroix 1869 erscheint, statt des D…. abstoßende Tiere enthält. Die schon oben zitierte Passage liest sich nun so:
O Krake mit dem seidenen Blick! du, dessen Seele von der meinen unzertrennlich ist; du, der schönste Bewohner des Erdballs, der einem Serail von vierhundert Saugnäpfen befiehlt; du, in dem die sanfte Tugend der Kommunikation und die göttlichen Grazien, einig und unzerstörbar verbunden, in edler Gemeinschaft beisammen wohnen, als wärest du ihre natürliche Residenz, warum bist du nicht bei mir, deinen Quecksilberleib an meine Aluminiumbrust gepreßt …
Der erste Gesang wurde am 1.9.1868 in La Jeunesse, einer Zeitschrift für Literatur, Kritik und Philosophie, vom Leiter dieser Revue, Alfred Sircos, kurz besprochen. Ein Jahr später wurde die Gesamtausgabe (nicht mehr anonym, sondern unter dem Pseudonym Comte de Lautréamont) gedruckt, die aber nicht in den Buchhandel gelangte. Der Verleger Lacroix hatte, wie der Autor in einem seiner wenigen erhaltenen Briefe (12.3.1870) andeutete, die Auslieferung verweigert, weil das Leben darin in zu herben Formen gemalt ist und weil er den Staatsanwalt fürchtete.
Held dieses sechsteiligen Prosagedichtes ist Maldoror, dessen Namen wie der des Comte de Lautréamont mehrere Deutungen zuläßt. Maldoror kann als die aufgehende Sonne des Bösen (l’aurore du mal) oder der Vergolder des Bösen gelesen werden. Der Name Lautréamont wird mit dem Helden Duhamel Latréaumont des gleichnamigen Romans von Eugène Sue in Verbindung gebracht. Man vermutet, dass die Vokalumstellung von Ducasse beabsichtigt war und der Name nun, lesbar als l’autre Amon (der andere Engel, der Engel des Bösen), mystische und apokalyptische Bedeutung erhalten sollte.
Am 19.7.1870 erklärte Napoléon III. Preußen den Krieg. Die Lage für die später belagerte Stadt Paris und ihre Einwohner verschlimmerte sich rapide und wurde schon bald katastrophal. Seit dem 17.9. konnte niemand mehr Paris verlassen, geschweige denn hineinkommen. Die Tiere des Jardin des Plantes, Elefanten, Antilopen, Kängurus, wurden geschlachtet und für horrende Preise an reiche Leute verkauft. Ratten bekam man erst ab 2 Francs aufwärts. Am 24.11.1870 starb Isidore Ducasse, Schriftsteller, 24 Jahre alt, geboren in Montevideo (Südamerika), … um 8 Uhr in seinem Domizil, Rue du Faubourg Montmartre Nr. 7, ohne weitere Auskünfte.
Der belgische Buchhändler Jean-Baptiste Rosez hatte Lacroix den gesamten Bestand seines Lagers billig abgekauft und Lautréamonts Werk postum veröffentlicht. Diese Ausgabe war identisch mit der von 1869 und machte ein Werk bekannt, das zunächst nur wenig Leser fand. Einzig von Joris-Karl Huysmans ist ein positives Echo überliefert: „Ah! aber ja, mein lieber Destrée, das ist ein ganz verrücktes Talent, dieser Comte de Lautréamont … Was zum Teufel konnte wohl der Mensch im Leben machen, der diese furchtbaren Träume geschrieben hat?“ [Brief Huysmans an Destrée vom 27.9.1885].
Remy de Gourmont war bis 1891 Angestellter der Pariser Nationalbibliothek und entdeckte dort eine verschollene Publikation des ersten Gesanges von Maldoror, deren Varianten er im Mercure de France veröffentlichte und kommentierte. Andere berühmte Leser seiner Gesänge waren Maurice Maeterlinck und Andrè Gide, der es zuerst am 23. November 1905 las und am selben Tag in sein Tagebuch notierte:
„Ich habe eben, zunächst leise, dann laut den außerordentlichen sechsten Gesang des Maldoror (Kap. I, II und III) gelesen. Durch welchen Zufall kannte ich ihn noch nicht? Ich frage mich sogar, ob ich nicht überhaupt der einzige bin, der ihn bemerkt hat. ‚Je mehr der erste Band sich dem Ende zuneigt, spürt man, wie das Bewußtsein schwindet, schwindet…‘, schreibt Gourmont. Nehmen wir an, er hat diese Seiten nicht gelesen; das ist weniger kränkend für Gourmont, als anzunehmen, daß er sie gelesen hat, ohne sie zu bemerken.
Das ist nun etwas, was mich zur Raserei begeistert. Mit einem Sprung geht er da vom Abscheulichen zum Hervorragenden über. Großartig der Briefwechsel zwischen Maldoror und Mervyn, die Beschreibung des Eßzimmers der Familie, die Gestalt des Commodore, die kleinen Brüder, ‚das Barett von einer aus dem Flügel des Ziegenmelkervogels der Karoline gerissenen Feder überragt, mit bis zu den Knien reichender Samthose und Strümpfen aus roter Seide‘, die ’sich an den Händen fassen und sich in den Salon zurückziehen und dabei aufpassen, das Ebenholzparkett nur mit den Fußspitzen zu berühren‘ usw… usw… Ich muß das alles Copeau vorlesen. Welche Fülle in der ‚Voreingenommenheit‘ dieser Zeilen.“
„On the Road“ ist ein fabelhafter Roman oder Erlebnisbericht, das hat aber nicht mehr mit „Black Spring“ zu tun als z.B. Ovid. Da gehts um Autofahren und Amphetaminkonsum und Sex … bei Miller geht es um existenzielle Nöte und Überleben in einer Umgebung, die man nicht wirklich versteht, und Sex.
Christian Erdmann:
Aber wenn man den ganzen Kerouac nimmt, geht es bei ihm um existenzielle Nöte (Liebe / Frauen zähle ich bei ihm dazu) und Überleben in einer Umgebung, die man nicht wirklich versteht, und Zen. :) Seine sehr persönliche Art von Zen. Die eine Schrift, die er sorgfältig überarbeitet hat, ist die „Schrift der Goldenen Ewigkeit“.
Billy Corgan von den Smashing Pumpkins sagte mal: „I’m a Pisces, and Pisces have this weird inability to be completely spontaneous. We’re too conscious of our actions. I’ve always been way too sensible for my own good.“
Wie dem auch astrologisch sei, zufällig ist Kerouac auch Sternzeichen Fische, und für Kerouac trifft dies ganz gewiß zu – diese „seltsame Unfähigkeit, vollkommen spontan zu sein“, dieses „sich seiner selbst ständig allzusehr bewußt sein“. Roter Faden seines Lebens, wie er es beschreibt. Er ist der Beobachter. Auf seltsame Weise zugleich immer mittendrin und immer am Rand. Der Song „Some Weird Sin“ auf dem „Lust For Life“-Album von Iggy Pop könnte geradezu von Kerouac handeln:
I never got my license to live They won’t give it up So I stand on the world’s edge I’m trying to break in Oh I know it’s not for me And the sight of it all Makes me sad and ill That’s when I want Some weird sin Things get too straight I can’t bear it I feel stuck, stuck on a pin I’m trying to break in Oh I know it’s not for me And the sight of it all Makes me sad and ill Etc
Einerseits bei Kerouac seine Fähigkeit zum – real häufig stummen – Mitleiden mit allem, was ist, andererseits: „I stay under glass“ – erneut Iggy Pop, „The Passenger“, ebenfalls auf „Lust For Life“ – „I am the passenger / And I ride and I ride / I ride through the city’s backsides / I see the stars come out of the sky / Yeah the bright and hollow sky“ – ständiges Unterwegssein, und ständiges Gefühl des Verlorenseins dabei, ebenfalls sehr Kerouac’sch. Der Bezug zu „Lust For Life“ (und dieser Lust verleiht Kerouac zugleich ja auch Ausdruck) ist gar nicht so weit hergeholt: immerhin ist mit der ersten Zeile des Gassenhauers „Lust For Life“, „Here comes Johnny Yen again“, eine Figur von William S. Burroughs angesprochen.
Die im Leben also immer etwas unter Glas bleibende Spontaneität schleudert Kerouac dann Hals über Kopf in sein Schreiben. Wie häufig dann bei Kerouac in der Rückschau das Bedauern – das Bedauern darüber, nicht ins Zentrum der Situation gelangt zu sein, aufgrund der von Corgan an sich selbst festgestellten Eigenheiten -, und trotzdem, zugleich, die Liebe zu allem, was geschah, geschieht, geschehen wird, das große: „Was kommt als Nächstes?“ als Mantra.
Gut – Kerouac war einer meiner Männer so zwischen 18 und 21 Jahren, aber fond affections werde ich immer hegen.
[SPIEGEL ONLINE Forum 08.04.2008]
Im März 2013 wird im Londoner Victoria & Albert Museum die Ausstellung David Bowie Is eröffnet, kurz darauf erscheint eine Liste mit Büchern, die Bowie unter den Tausenden, die er im Laufe seines Lebens gelesen hat, ausgewählt hat als jene 100, die für ihn besonders prägend und bedeutend waren. „On The Road“ von Jack Kerouac ist eines dieser 100 Bücher. „On The Road“ zelebriert das Unterwegssein als Daseinsgrund, als intensive Gegenwärtigkeit und ständigen Aufbruch zu neuen Perspektiven zugleich; Bowie würde immer viel zu sehr in Bewegung sein, um Bewegungen anzugehören. Auch war Bowie fasziniert von Kerouacs spontaner Prosa, die „das literarische Äquivalent zum improvisatorischen Elan des Bebops“ war: „Seine Liebe zur Unmittelbarkeit hat Bowie von Kerouac“ (John O’Connell, Bowies Bücher, Köln 2020, 158 ff.). Und für Bowie war Kunst immer auch spirituelle Suche; auch dafür war Kerouac ein Vorbild. Die Bekanntschaft mit Kerouac verdankte David Bowie seinem älteren Halbbruder Terry. Der Journalist Al Aronowitz: „The night before Bowie’s Carnegie Hall debut in New York, I’m sitting with him over a room service dinner in his Plaza Hotel suite while he amazes me with the story of how, when he was a teenager, reading On The Road had been his turning point. It opened up all possibilities for him.“
Bob Dylan sagt über „On The Road“: „It changed my life like it changed everyone else’s.“
Miscellaneous:
Traumtagebuch
Schnee ist da, Kinder, die durch die graue Luft schlittern – ich lauf heim durch die dunkle Moody, die dunkle Gershom, rede darüber, bis zu meinem dunklen Haus in der Sarah – alles und jedes hat diese Dunkelheit der Dinge, vergraben in dem verwesenden Boden – ICH bin es – ich sehe jetzt meinen Baum aus meiner Hand wachsen, durch die Knochen sehe ich den November scheinen, ich warte auf kommende Frühlinge und auf Blüten für meine Finsternis, ich bin der Frankenstein meines eigenen 6 Fuß Grabes, lebt wohl, ihr kleinen goldenen Kinder dieser fröhlichen verrückten Welt.
Zuvor, oder später, versuchte ich, ein paar gelbe Notizblöcke vom Schreibtisch der Western Union zu stehlen, im Marble Subway Korridor, war mir aber nicht darüber klar, wieviele, bis ich mich schließlich entschloß, alle zu stehlen, doch da fingen die hübschen Sekretärinnen an, von Zimmer zu Zimmer zu gehen, obwohl sie mir in Wirklichkeit gar keine Aufmerksamkeit schenkten
Mit meinen Malstiften zeichne ich eine bewundernswert schöne Szene einiger Gebäude am späten Nachmittag, vielleicht Kirchen oder Läden, aber weil ich reichlich Rosa und ein tiefes Tintenblau verwende und dick mit der Hand auftrag habe ich eine Farbe voll von Ehrfurcht und dem Geheimnis der späten Sonne auf altem Stein geschaffen, die wunderschön ist, etwas, das menschliche Augen nie zuvor gesehen haben, ein Kunstwerk, eines Da Vinci, sogar eines Rembrandts würdig – ich bin nur leicht erstaunt, zu erkennen, daß ich ein derart großer Künstler bin (…)
Eines Tages werde ich wiedergeboren werden in dieser großen Stadt in einem anderen Weltsystem, in der Vergangenheit oder der Zukunft, wo ein einziger 3 Meilen hoher Berg sich gegen den blauen Himmel abhebt – Mit all meinem Gefühl in mir, alles was ich brauche ist die Weisheit des Landes
Die Verblendung des Duluoz
… denn niemand kann mir weismachen, Herr Gott noch mal, daß dieser sozusagen massive homerische Krieg zwischen den Griechen und Trojanern lediglich auf wirtschaftliche Dinge zurückzuführen sei, daß es dabei nur um Handel und Gewerbe ging; was war denn mit dem Gewerbe in Helenas Keuschheitsgürtel?
Ich saß draußen auf der Veranda und lehnte mich weit zurück, mit den Füßen auf dem Geländer, und schaute zum erstenmal in meinem Leben hinauf zu den Sternen. Eine klare Augustnacht, die Sterne, die Milchstraße, der ganze Zauber klar. Ich starrte und starrte, bis sie zurückstarrten. Wo zum Teufel war ich, und was sollte das alles?
In meinen Träumen kommt es manchmal vor, daß ich vollgepackt bin, und andere Leute rennen neben mir her, auch auf dem Weg zum Bahnhof. Ich bitte sie darum, meinen Mantel oder meinen Schirm zu halten, aber sie lehnen immer höflich ab. Und daher gehe ich durchs Leben und muß mehr tragen, als ich tragen kann. Und niemand stört sich daran.
Denn obwohl ich ein loyaler Mensch bin, ist mir nichts geblieben, gegen oder für das ich loyal sein könnte.
… so sitzt er [Burroughs] langbeinig auf seinem Stuhl und betrachtet den leeren Bürgersteig, „wo es nichts zu betrachten gibt“, womit ich sagen will, daß der verdammte Planet, von dem er kommt, allen Lebens bar gewesen sein muß. („Ich bin Agent und komme von einem anderen Planeten“, sagte er.)
Und deshalb, meine liebenswürdigen Dummköpfe, wie traurig, wie wahr, wie notwendig, daß vielleicht ein ganzer Tag wie ein durchnäßter Lumpen sein muß, trostlos, qual-voll, wie der letzte Tag der Welt (der er einmal sein wird), und alle „Fenster werden verdunkelt sein und die Töchter der Musik niedergeworfen“ (…)
Tristessa
(Bull Gaines) „Wenn du Opium hast, brauchst du nichts mehr. Das ganze gute O geht dir in die Adern und du hast ein Gefühl, als ob du Hallelujah singst!“ Und er lacht. „Bring mir Grace Kelly auf diesen Stuhl, Morphium auf den da, und ich nehme das Morphium.“ „Ava Gardner auch?“ „Ava Gvavna und alle Briezen in allen Ländern der Erde.“
Unerträglich, wenn sie mich wegstieße und No, no, no sagte, wie in den französischen Filmen, wo die enttäuschten schnurrbärtigen Helden von der kleinen Blondine – der Frau des Bremsers – an einem Zaun im Rauch um Mitternacht auf dem französischen Rangierbahnhof abgewiesen werden.
Ich sehe Tristessas Bein und entschließe mich, den Ausgang des Schicksals zu vermeiden und jenseits der Himmel zu ruhen.
(„I look at Tristessa’s leg and decide to avoid the issue of fate and rest beyond heaven.“)
Passing Through (Desolation Angels)
„Habe ich alles gesagt?“ fragte Lord Richard Buckley, bevor er seinen Geist aufgab.
„Was geht mich die Universität an, laß mich weiterschlafen!“ Ich träumte gerade von einem geheimnisvollen großen Berg, auf dem sich die ganze Welt befand, alles andere konnte mir gestohlen bleiben.
Denn der einzige Grund für das Leben oder eine Geschichte ist doch: „Was passiert als nächstes?“
… oder wie die alten Fotografien, die man auf den Bodenspeichern von verlassenen Connecticut-Farmhäusern findet und die ein 1860er Kind in einer Wiege zeigen, und es ist bereits tot (…)
Und warum? Weil wir gefallene Engel sind, die im Himmel sagten: „Der Himmel ist herrlich, nur müßte es ihn auch geben„, und deshalb gleich fielen?
[Burroughs, Tanger] … kraftvoll ausschreitend wie ein meschuggener deutscher Philologe in der Emigration (…)
… und während ich dann auf seinem Bett saß und las, geschah es oft, daß er sich beim Runtertippen seiner Geschichte plötzlich vor Lachen darüber krümmte und manchmal sogar auf dem Boden wälzte. Ein seltsam komprimiertes Lachen, das von ganz tief innen kam, während er tippte. Damit aber kein Truman Capote denkt, er sei nur eine Schreibmaschine, zückte er zuweilen seinen Füller und begann auf Schreibmaschinenbogen zu kritzeln, die er, sobald sie voll waren, über die Schulter warf wie Doktor Mabuse, bis der ganze Boden mit den seltsamen etruskisch-unentzifferbaren Zeichen seiner Handschrift bestreut war. Mittlerweile waren, wie schon gesagt, seine Haare total zerzaust, aber da ich mich um sonst nichts weiter kümmerte, schaute er ein paarmal beim Schreiben hoch und sagte mit offenen blauen Augen zu mir: „Weißt du, daß du der einzige Mensch in der Welt bist, der im Zimmer sitzen kann, während ich schreibe, ohne daß ich überhaupt merke, daß du da bist?“ Ein großes Kompliment übrigens.
Nichts kann fader sein als „coolness“ (…), posierte, ja in Wirklichkeit starre Lässigkeit, unter der sich eine persönliche Unfähigkeit verbirgt, etwas Gewaltiges oder Interessantes aufzunehmen (…)
Aber ich sage dir, nichts ist schrecklicher als die leeren Morgengrauenstraßen einer amerikanischen Stadt, es sei denn den Krokodilen im Nil zum Fraß vorgeworfen zu werden, bloß damit Katzenpriester lächeln können.
Ist die Wirklichkeit der unwirkliche Teil der Unwirklichkeit?
Maggie Cassidy
… Kinder, die sich aneinanderklammern für das, was sie für einen reifen, selbstbewußten Kuß halten (…)
An ihrem Hals versteckte ich mich wie eine verirrte Schneegans aus Australien, suchte den Duft ihrer Brüste …
Schon kann ich sehen, wie sich im Stirnrunzeln hübscher Mädchen Stendhalsche Intrigen formen (…)
Ich umschlang ihre nachgiebige, sehnsuchtsvolle Taille, ihr Beckenknochen drückte gegen meinen, ich biß die Zähne zusammen in der Erinnerung an die Zukunft –
… meine heißen Augen spürten die sanften, kühlen Fingerspitzen, die Freude, das Streicheln und das Kaum-Berühren, die weibliche süße verlorene verträumte in sich versunkene vorausdenkende tieferdige aprilhafte Liebkosung (…)
Ich war bereits in den rotziegeligen Hotels inmitten des New York von 1939 gewesen und hatte meinen ersten Sex mit einem rothaarigen älteren Mädchen erlebt, einer professionellen Hure – ich war herumgelaufen und hatte damit angegeben wie all die anderen Irren der Schule, hatte schluckend im Bett gewartet, sie kam den Flur mit scharfem Absatzgeklapper herunter, ich wartete mit klopfendem Herzen, die Tür öffnete sich, diese vollkommen gebaute Hollywood-Schönheit schwebte herein mit dem Reichtum ihrer schweren Brüste (…)
Lonesome Traveller
… & sowieso nichts anderes zu tun habe als mit langem Gesicht das wirkliche Amerika mit meinem unwirklichen Herzen zu durchstreifen …
Was sind schon 5 Dollar für einen Märtyrer?
… während ich den Paris Soir las und dazu die Musik im Radio mit Neuigkeiten aus meinem ersehnten Paris – so saß ich da mit unerklärlichen bohrenden Erinnerungen, so als sei ich schon einmal auf der Welt gewesen und hätte schon einmal in dieser Stadt gelebt, unter Brüdern (…)
Im Britischen Museum fand ich im Rivista Araldica IV, S. 240, meine Familie: „Lebris de Keroack. Kanada, ursprünglich aus der Bretagne. Blau auf einem goldenen Streifen mit drei silbernen Nägeln. Motto: Lieben, arbeiten und leiden.“ Ich hätte es wissen können.
The Dharma Bums
„Denk nur mal an den Haiku, der vielleicht der größte von allen ist. Er geht so: ‚Der Sperling hüpft die Veranda entlang. Seine Füße sind naß.‘ Von Shiki. Du siehst die nassen Fußspuren wie eine Vision vor deinem geistigen Auge, und doch siehst du in diesen paar Worten auch den ganzen Regen, der an dem Tag gefallen ist, und beinahe riechst du die nassen Tannennadeln.“
Der Wald ist schuld daran, wenn dir so zumute ist. Er sieht immer vertraut aus wie etwas längst Verlorenes, wie das Gesicht eines vor langer Zeit gestorbenen Verwandten, wie ein alter Traum, wie der Fetzen eines vergessenen Liedes, der über das Wasser treibt, und vor allem wie die goldenen Ewigkeiten einer vergangenen Kindheit und vergangener Mannesjahre, und wie alles Leben und alles Sterben und aller Herzenskummer seit Millionen von Jahren (…)
Was ist ein Regenbogen, Herr? Ein Reif für die Demütigen.
Om Mani Padme Hum Gepriesen sei der Donnerschlag in der finsteren Leere
The Subterraneans
(Mardou Fox) (…) denn sie war es, die später sagte: „Männer sind so verrückt, sie wollen das Wesentliche, die Frau ist das Wesentliche, sie halten es direkt in Händen, doch sie laufen weg und errichten große abstrakte Gebäude.“
Die Regennacht deckt alles zu, küßt überall Männer Frauen und Städte in plätschernd trauriger Poesie, mit lieblichen Reihen aus trompetenblasenden Engeln hoch oben, und sie spielen die letzten orientalisch-geheimnisvollen Pazifik-gewaltigen paradiesischen Lieder, ein Ende der irdischen Angst.
kicks joy darkness. Jack Kerouac Tribute Album, 1997.