Huch!? Im „Musikladen“ (von Radio Bremen produzierte Musiksendung im deutschen Fernsehen, * 12/1972, † 11/1984) taucht als Deko ein Gemälde von Clovis Trouille auf, „Dolmancé et ses Fantômes de Luxure“ (1958 – 1965). Rechts im Bild nach etwa anderthalb Minuten.
Später schnappte sich Lemmy die Stripperin von Frankie Goes To Hollywood und ging mit ihr stiften,
und zu den Go-Go-Girls ist ja schon alles gesagt, sonst sag ich’s nochmal.
Das hier ist gar nicht aus dem „Musikladen“, sondern aus der „Plattenküche“, aber eine an den Mast genagelte Dublone für den, der endlich diese 4 Minuten für mich restauriert. Trash-Humor, der „einheimische Klangkörper“ und die komplett vom Stern gefallenen und doch komplett phantastischen Tänzerinnen, hinreißend, wie sie sich Karoli und Liebezeit mit hex hex-Gesten nähern, Irmin Schmidts Hände sehen aus wie die von Ernie, Michael Karoli wischt sich ein Toupet ab, dazu der Videotape-Aussetzer, Can-typisch, die Band produzierte immer irgendwelche Störungen in den angeschlossenen Geräten, unbegreiflich alles, trotzdem Sternstunde.
Hach, der Musikladen. David Bowie am 30. Mai 1978, Bremen TV Studio 3, Isolar II World Tour.
Sie, deren Schönheit so exzeptionell war wie die Form ihrer Intelligenz, die aber unter einem dunklen Schatten lebten, Nico oder Marianne Faithfull. Marianne Faithfull, de facto und nicht nur metaphorisch eine Verwandte von Leopold von Sacher-Masoch, hat Mick Jagger mal Bulgakows „Der Meister und Margarita“ geschenkt, so kam es zu „Sympathy For The Devil“. Als Jagger sich von ihr trennte, unternahm sie einen Selbstmordversuch, und nach einem Sechstagekoma waren ihre ersten Worte: Wild horses couldn’t drag me away. Sie schoß sich im Theater Heroin, um als opheliahafteste Ophelia in die Geschichte einzugehen, lebte zeitweise in Soho auf einer Mauer und wurde doch die Frau, die immer wiederkam. In einem ihrer späteren Songs, „Times Square“, gibt es diese Zeile: „Playing in a wrong world“. Man weiß, warum diese Ophelia, dieser boy’s dream, auf dem Weg der Selbstzerstörung den Times Square aufsucht, aber dahinter steht eben dies: playing in a wrong world. Dieses Grundgefühl, ein Fremdgänger zu sein in dieser Welt, in der als „wirklich“ definierten Welt.
1979 hat Marianne Faithfull mit Broken English ihr Revolutionsepos geschaffen, kontrovers, provokant, radikal, wehmütig, aggressiv, düster, kalt, giftig, illusionslos. Die helle, reine Stimme der belesenen Adelstochter und Klosterschülerin ist verschwunden, auf „Broken English“ hört man die rissige Stimme einer Frau, die keinen Zweifel mehr daran läßt, daß alle Verobjektivierungen, zu denen der immer leicht abwesend wirkende Engel der Sixties vielleicht einlud, hiermit gescheitert sind. Auf dem Cover hält sie noch die Zigarette in der Hand, deren Rauch sie gerade ins Gesicht aller Erwartungshaltungen geblasen hat. Eine schmerzend intime Bestandsaufnahme am seidenen Faden, Schnappschüsse aus einer Zeit, in der Mariannes persönliche Lebenssituation – Junkie ohne Dach über dem Kopf – und das Klima kollektiver Ernüchterung, das in die Revolte des Punk umgeschlagen war, sich als Ausgangspunkt für Broken English gegenseitig unter Druck setzen. In ihrer Autobiographie beschreibt Marianne Faithfull später diese Stimmung als Mahlersymphonie, die außer Kontolle gerät. Weniger Ästhetizismus prägt ihren legendären Vortrag auf „Why D’Ya Do It“ – Lyrics von Heathcote Williams, dem Prospero in Derek Jarmans „The Tempest“ -, der dazu führt, daß Broken English in Australien ohne diesen Track erscheint.
Broken English erzählt keine Geschichten mehr, sondern hat sie gelebt. Und doch beweist Marianne Faithfull auf „The Ballad of Lucy Jordan“ herzzerreißend, wie sehr es ihr dennoch möglich ist, sich wiederzufinden in einer Frau, die sich am Nichtgelebten ihres Lebens entlang in sanften Wahnsinn gleiten läßt. „Lucy Jordan is me if my life had taken a different turn. It’s a song of identification with women who are trapped in that life and the true private horror of the ‚good life‘, the one women are meant to aspire to.“ Auf Broken English konzentriert Marianne Faithfull ihren Mut, alles, was sie durchlebt hat, als Teil der eigenen long road zu verstehen, unashamed.
Dangerous Acquaintances galt dann 1981 als Enttäuschung. „Truth Bitter Truth“ oder „So Sad“ lassen das Album durchaus nicht so lauwarm erscheinen, wie Kritiker es sehen, aber der letdown führte dazu, daß Marianne Faithfull wieder in der Versenkung verschwand.
1983, A Child’s Adventure. Mir schien, ich war der einzige weit und breit, der diese Platte kaufte.
„Und ebensowenig wie die Träume kümmert es das Kind, ob seine Bilder denen des wirklichen Lebens gleichen oder ob sie vollständig sind: es nimmt einfach an, sie seien es, und Punkt.“ – Felisberto Hernández, Das verlorene Pferd
Wie ein verirrtes Kind, diese Platte. Ich liebte sie, bis vom Vinyl nicht mehr viel übrig war. Verschenkte „Times Square“, „Ireland“ und „The Blue Millionaire“ auf den Dingern, die man heute Mixtapes nennt, and nobody cared. Daß Marianne Faithfull das Heroin noch nicht hinter sich hatte, war die schreckliche Wahrheit hinter A Child’s Adventure.
Anyway, so ging es die ganze Zeit mit Marianne Faithfull. Immer kam sie plötzlich von irgendwoher und zwang einen mit einem Song in die Knie.
In a tired part of the city Hiding from the fast talk Watch Don’t walk to Walk Easy when you’re dreaming Staring at the movies Standing in a circle The laughing at the wrong time
If alcohol could take me there I’d take a shot a minute And be there by the hour
Take a walk around Times Square With a pistol in my suitcase And my eyes on the TV
In a car taking a back seat Staring out the window Thinking about danger Playing in a wrong world Fighting but I’m not free Talking on the telephone Talking about you and me
If Jesus Christ could take me there I’d fall down on my knees Have no questions to his answers
Take a walk around Times Square With a pistol in my suitcase And my eyes on the TV
And if I die gaining my senses Wake up in a hotel Staring at the ceiling.
1999 erreichte ich im letzten Moment die Musikhalle. „Was kostet die billigste Karte?“ – Es war 5 vor 8, sie kostete 35. „Uff!“ – „Du meinst, uff, so billig kann man Marianne sehen.“ – „Uff, wo sitze ich denn da?“ – „Uff, ganz oben.“ Aber dann saßen wir alle im Parkett, weil das Konzert nicht ausverkauft war. Aber wir, die wir da waren, rührten sie zu Tränen, und sie uns. Jemand reichte ihr Blumen, sie nahm sie entzückt wie ein junges Mädchen, und dann doch ironisch-abgeklärt: „They’re from your mother’s garden, aren’t they.“
„Wilder Shores Of Love“ ist der Song unter allen Marianne Faithfull-Songs, den ich höre, wenn vom Nachthimmel die Engel fallen.
Think about it when you’re out on the street Think about it when you’ve nothing to eat How did you fall so low from so high above?
Think about it when you’re on your own Think about it when you’re leaving home You didn’t see it coming, the velvet glove
Too far out on the wilder shores of love Too far out like you knew before On the wilder shores of love
Think about it from the other side Realize you’ve got nothing to hide There’s no one left alive to give you away
Night moves in mystery What else do you want to be? Did no one ever show you the way?
Just found out on the wilder shores of love Just found out what you did before On the wilder shores of love
Too far out on the wilder shores of love Too far out what you knew before On the wilder shores of love
I can feel your dangerous love around me Do I want to go in there again When all I wanted was for you to drown me And love was there to make me go insane
I remember all the lies you told me Shut my eyes and always you appear I can’t forget the way you used to haunt me I can’t forget the love that wasn’t there
Too far out on the wilder shores of love Too far out like you knew before On the wilder shores of love
So far out on the wilder shores of love So far out like you knew before On the wilder shores of love
[From a letter]
Yesterday afternoon, after they had sent me home for two days off, I had fallen asleep with my fever head while a collection of Marianne Faithfull songs was playing. Woke up again, sobbing, because in a dream I had been lying on my bed, crying, and a certain person who is gone had come in silence to look for me, and I understood crystal clear how the idea of angels being around came into this world. And the music was still playing and the song that just faded was this one. I’m not kidding.
Marianne Faithfull in „Lucifer Rising“, Regie Kenneth Anger.
Marianne Faithfull hat mir im Leben wiederholt die Tränen in die Augen getrieben, „The Ballad Of Lucy Jordan“ unausweichlich. Das, wobei Sie dachten, Sie sehen nicht richtig, stammt aus dem Dezember 1979, holländisches TV, kann mich nicht immunisieren gegen die Heroinaugen, gegen ihre Schönheit zwischen kompletter Entrückung und Capricorndisziplin.
Es gibt auch einige der frühen Aufnahmen von Marianne Faithfull, die ähnliche Wirkung auf mich haben, „I Have A Love“ (von „Love In A Mist“, 1967) ist ein Song, auf dem ihre noch helle Stimme von derart überirdischer, tragischer Unschuld ist, daß man nichts mehr hört als einen Engel, der weiß, daß er in Fetzen gerissen wird.
Ein weiterer Australier, der Kummer gewohnt ist. Sein Oeuvre von 1990 – 1998 – „Earl’s World“, „Second Revelator“, „Valley Of Light“, „Spiritual Thirst“ und „Chemical Wedding“ – zeigt ihn als versierten Traumkartographen, vor allem aber: keiner kann härter, staubiger, trockener sein als Hugo, kein Loch ist schwärzer als das, in dem Hugo war, und wenn der „Dirty Old Waltz“ losgeht, bringt man seine Seele besser in Sicherheit. Aber Liebeslieder schreibt der Mann, da wird erst jahrelang und dann noch 400 Meilen für Victoria gewandert, und wenn ich Victoria wäre, würde ich dem Mann den Blues schon austreiben wollen. Die alte U2-Weisheit, daß man nicht mit ihr und nicht ohne sie leben kann, verteilt sich hier auf 50+ Kleinepen, die sich irgendwo zwischen erotisch aufgeladenen Film noir-Hinterzimmern und dem Showdown mit dem Gunslinger, der mit goldenen Patronen schießt, abgespielt haben müssen. Ein träge kreiselnder Ventilator, 40er-Jahre-Kleider liegen herum. Die Stimme klingt, als wäre ihr Inhaber einst losgezogen, um an einer Frau das Ungeheuerliche zu suchen, und als hätte er es dann gefunden. Großartig auch die Coverversionen, etwa von „River Of No Return“ oder Blind Willie Johnsons „Always Will Be God“.
Last night I saw my Captain He said „Dream your life has changed“ When I woke up this morning Nothing looked the same There was money on the table And roses in the air Fire inside my mind And a woman in my bed
Aber all das ist natürlich nur Gaukelwerk des Second Revelator, des Gottseibeiuns, der seine besten Geschäfte da macht, wo das Wundfieber zu stark ist. Das Lachen, mit dem der Teufel dich dann zurück auf Null setzt, mit delirierender Posaune im Hintergrund und einem schubbernden Bassmotiv, an das man sich gewöhnen kann, obwohl es sagt: Verscharren. An einem unbekannten Ort. Ist das noch eine Bassgitarre oder schon eine Kreatur?
Dirtmusic sind Chris Eckman (Walkabouts), Chris Brokaw und Hugo Race, der „Knochenbrecher-Punk-Blues“ (Musik-Express)-Experte. Spuckt dir ganz gamblingmanlike auf deinen Stiefelstaub.
„Das ist eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen. An die Umstände kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich muss um die fünf Jahre alt gewesen sein. Im Haus meiner irischen Großmutter, in den Hügeln bei Melbourne, wo ich oft in den Sommerferien war, fand ich heraus, dass sie einen uralten Plattenspieler besaß. Von einem meiner Cousins, denke ich. Ja, und die einzige Platte, die sie hatte, war Rebel Walk.“
Aber Caves Herzeleid galt einer Mary, und damit hatte es dem Weh Aljoschas eins voraus: es konnte auf einen Namen bluten. Aljoscha sah aus dem Fenster und hatte keinen Namen. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, Angst, SIE nie mehr wiederzusehen. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, ein Ich, das nur noch aus Höllenschmerz bestand, weil das, was SIE ihm hinterließ, mit Eisenzangen sein Geständnis forderte. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, leere Augenhöhlen, die sich erst nach und nach wieder mit Augapfel und Sehkraft füllten.
[Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“]
SPIEGEL ONLINE Forum
Juni 2009
*42*:
Sag mal, darf ich mal in Deinem Plattenschrank wühlen? :)
Christian Erdmann:
Gern! Gemäß der Chaostheorie könnte das etwas Ordnung hineinbringen. Gemäß meiner eigenen Chaostheorie jedenfalls. Gute Nacht, Nacht:
ray05:
Neuen Ordner anlegen, Nick draufschreiben, Nick reintun. :) Füllt sich wie von alleine, der Nickordner, OK, ab und zu mal Schnee aus der Mappe schippen.
Christian Erdmann:
Dieser Tracy Pew ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet. Aber gut, en route und von vorn, Aufräumaktion auf dem Junkyard.
ray05:
Der Geburtstagspartypunk ging damals komplett an mir vorbei; aufmerksam wurde ich erst, als mir ein Mädchen – jaaa! es gab so Perlen :) – eine MC aufnahm und schenkte. Seite 1: Pricks, Eternity, Tupelo, das ganz frühe BadSeedsZeug; Seite 2: Neubauten, Patient O.T. glaub ich.
Die zwei verschiedenen MC-Seiten sprachen damals für mich schon ahnungsvoll miteinander, bildeten aber leider mit dem unglaublichen „Swordfishtrombones“ den Regierungssitz von Kannitverstan. Recht froh wurde ich also nicht damit, vielleicht weil mir die Erfahrung der Lektüre von „Moby Dick“ und „Billy Budd“ noch fehlte. Dostojewski und Fontane allein scheint als Vorbereitung nicht ausreichend gewesen zu sein … Madness und Miles Davis auch nicht … :)
Christian Erdmann:
Aljoscha T entdeckte Nick Cave genau auf der Rückfahrt von Seite 83, eine auf dem Bahnhof erworbene Zeitschrift mit einem Artikel über ihn, der Titel eines Abschnitts hieß: „Der Einzelgänger agiert immer.“ Katherine Mansfield, Tagebücher. Schon diese Titelzeile wurde für den Protagonisten bedeutend.
Die Birthday Party habe ich zwar auch nur im Retroverfahren kennengelernt, und es bleiben mir abgesehen vom Bewundern des höllischen Strukturenschindens (aber dafür muß man Virtuose sein!) vornehmlich zwei Stücke, „Mr Clarinet“ und „Mutiny In Heaven“. Nick Cave aber war Literatur plus phantastische, dramatische Musik plus der Bad Seeds als Vertreter eines mir bis dahin unvertrauten Stils: der Outlaw als bestgekleidetster Mann der Welt. „Kicking Against The Pricks“ und „Your Funeral, My Trial“ werden im Buch ja auch erwähnt, schlugen genau dort ein, als Zeichengeber der „unwahrscheinlichen Mitwirkung“ (Breton).
Der besagte Artikel stammte von der großartigen Jutta Koether, aus einer Zeit und dem Hirn einer Frau also, die über Musik mit einer Mischung aus künstlerischer Kompetenz und unbedingtem persönlichem Einsatz schrieb, an der Oscar Wilde (Kunstkritik hat gefälligst selbst kreativ zu sein, sonst ist sie überflüssig) seine pure Freude gehabt hätte. Cave hatte zu der Zeit „seit eineinhalb Jahren“ an seinem Buch geschrieben: der Sänger, der sich als Künstler versteht, „der viel in seine Songtexte hineingesteckt hat“ und wußte, wie alles, was man als „Sänger“ tut, zu leicht trivialisiert wird. Und er erwähnte Dostojewski, ja. Genau da.
Die Bad Seeds, anmutig bis brachial in der überall spürbaren Verarbeitung von Einflüssen, aber mit einem neuen Gefühl für das alles, konzentriert und seltsam isoliert, vom Standpunkt der Nicht-Zugehörigkeit aus, im Grunde schon immer bereit, „one more town around the bend“ aufzusuchen, aufsuchen zu müssen, weil alles so schiefgeht wie bei William Blake dem Zweiten. Fünfmal live gesehen (mit „And The Ass Saw The Angel“-Lesung sechsmal), von der berüchtigten „Kings ov Independence“-Nacht, in der erstmal halb St. Pauli klirrte, bevor um 5 Uhr morgens tatsächlich noch Nick Cave und seine Kumpane erschienen, bis zum Gegenbeweis zur kolportierten Humorlosigkeit, als er im sonnigen Stadtpark bei „The Singer“ nicht „I pass a million houses“, sondern „I pass a million trousers“ sang. Blixa Bargeld kriegte sich nicht mehr ein. Zuletzt bei der „Abattoir Blues / Lyre of Orpheus“-Tour. Ich persönlich liebe ja Mädchenchöre am Rande der Hysterie, und Nick hat den Damen bestimmt vorher Dylans „Street Legal“ und „Shot Of Love“ nochmal vorgelegt.
ray05:
Aber ja. Nick ist aber auch einer von diesen Bußpredigern, die im Planwagen die öden Kaffs im Herrgottswinkel abklapperten. Zwar staubig aber bestens gekleidet. An den Crossroads verkauften sie dann Schnaps und verführten die jungen Dinger … :)
Christian Erdmann:
„Abattoir Blues / Lyre of Orpheus“, Tabelle nach dem 33. Spieltag: „Spell“ – „Nature Boy“ – „There She Goes, My Beautiful World“ – „Supernaturally“. Aber auch „Hiding All Away“, großartig, wie das Tretmühlengeschmurgel am Anfang erst Nicks Lachen und dann einen sardonisch polternden Rhythmus provoziert, und die Chormädchen genauso aufs Geratewohl einsetzen müssen wie seinerzeit die Damen bei Dylans „The Groom’s Still Waiting At The Altar“ und einmal dann ja auch ins Kichern kommen ob leicht versemmeltem Einsatz. Sehr schön.
Schon die weißen Hemden auf der Rückseite von „It’s Still Living“, Birthday Party. Alles hinter sich, Heuschrecken, Finsternis und Flut, Seitenstraßen voller Blut, geht der Mann seiner Extra-Plage entgegen, begleitet von einer Gruppe Typen, die aussehen wie unkommunikative Bestatter mit Extra-As im Ärmel. Und die Plage wird ein Strumpfband tragen, und hinter ihrem übernatürlich blassen Gesicht lauert irgendeine schöne Perversion. Was tut man, wenn man jedes Höllenfeuer exploriert hat? Man schaut, ob nicht doch noch eines übrig ist. Unsterbliche Obsession, irgendein Zustand der Verdammnis, der aussieht wie Erlösung, oder umgekehrt. Nicht mehr schlafen können, aber im Traum. Und noch im Traum die Frage – wird ein Herz mich überstehen?
(Aus einem Brief):
Sie hatten ungefähr 2500 Tickets verkauft, für einen Veranstaltungsort von 1200. Der Eintritt begann mit einer Verzögerung von zwei Stunden, die Leute mussten buchstäblich unter dem Gitter hindurch ins Knopfs hineinkriechen, Türsteher begannen, Leute zu schlagen, ein paar Flaschen wurden geworfen, ein paar Fenster eingeschlagen und die Polizeiautos kommen. Drinnen ist es höllisch heiß, viele Menschen versuchen wieder rauszukommen und fürchten den Tod durch Ersticken. Draußen sind all diese Leute, Tickets in der Hand, umgeben von der Polizei. Barrikaden brennen jetzt, überall Feuer. Reeperbahn für einige Stunden autofrei. Ich kann mich nicht erinnern, wie oder wann ich reingekommen bin. Eine meiner surrealeren Nächte. Es ist fünf Uhr morgens, als Nick Cave auftritt. Im Grunde steht man also da und sieht Nick Cave und erwartet, daß jeden Moment das Haus niederbrennt. Und es ist dir egal. So gut ist er.
SIE und ich waren nun ein Liebespaar, seit kurzem, sie hatte ein Ticket, ich nicht. Für business down the road fahre ich am Knopf’s vorbei, finde sie in der Menge, die vor verschlossenen Türen steht. Die Lage ist unübersichtlich, äußerst angespannt und IHR nicht geheuer. Um 21 Uhr 45 steckt sie mir das Ticket in die Jackentasche: „Es hat mir die ganze Zeit einen Stich versetzt, daß du ihn nicht sehen sollst!“ Ihn, Nick Cave.
Als ich zurückkomme zum Knopf’s, ist die Polizei schon da. Nach einer Weile wage ich mich unter dem Gitter hindurch in den Hexenkessel, niemand fragt nach meinem Ticket. Ein Mädchen sagt, drei Bands haben schon gespielt – Die Haut, Holy Toy, und leider auch Crime & The City Solution. Die Butthole Surfers sind auf der Bühne, projiziertes Bunt, eine tanzende Go-Go-Danseuse und Filmchen, ein brennendes Becken, oh well. Danach erklingt Klassik. Keine Chance, an die frische Luft zu gelangen. Ich sehe beim Aufbau der Swans zu, schaffe es dann, nach zwei Liedern der Swans, nach draußen. Alles ist abgesperrt, die Polizei bildet eine Kette. Weird scenes, unbehaglich, gefährlich. Ständig zerklirren Flaschen. An der legendären Tankstelle lassen sie nur noch drei Personen gleichzeitig hinein. Ein Polizist knurrt mich an: „Würden Sie hinter die Absperrung gehen, verdammt!“ – „Warum? Ich will ein Konzert hören!“ – Ein betrunkenes Paar tanzt am Knopf’s vorbei, Polizisten begleiten es mit Hohngelächter. Die Aggression eskaliert, einer der Polizisten stößt die Frau sogar zu Boden. Leute werden verfolgt und tatsächlich an die Wand gestellt. In einer Wohnung scheint eine Rauchbombe explodiert zu sein, auf der Straße gehen Feuerwerkskörper hoch. Die Polizisten heben ihre Schilder, ein Gegenstand fliegt, „Draufhauen!“ rufen die Cops. Das Geräusch der Stiefel, als sie auf uns zustürmen. Panik, kreischende Mädchen, Menschen versuchen in die Halle zu fliehen, das Gedränge ist entsetzlich, die Augen mancher Cops absolut hasserfüllt, irgendwie gelange ich zurück ins Knopf’s, ohne zertrampelt und zerquetscht zu werden. Inside, alles bleibt vollkommen surreal, erklingt Tschaikowskys opus 23. Dann The Fall mit Brix, und irgendwann im Herz der Finsternis tatsächlich der Bühnenumbau für Nick Cave.
Voyeuristische Anbetung, Paroxysmus des Verlangens, Paroxysmus der Lust, mädchenmörderischer Wahnsinn, „der dunkellichtige Schimmer von romantischer Anwandlung“ (spex 1990), bedingungslose romantische Liebe, tiefster Humanismus, spirituelle Sehnsucht, all diese Songs, die von allen Arten der Liebe handeln, von allen Arten des Himmels und von allen Arten der Hölle, „Sein ganzes Leben lang hat Cave über Tod und Mord und Schmerz geschrieben, über das Böse, über das unsägliche Dunkel im Zentrum des menschlichen Daseins. Es verwundert deshalb nicht, daß er sich jetzt auf einer spirituellen Suche nach dem Licht befindet.“ (Sylvia Patterson, Rolling Stone 04/1996). Und genau hier sehe ich ihn also zum ersten Mal leibhaftig, weißes Hemd, schwarze Weste, es ist 4 Uhr 30 und auf seltsame Weise der perfekte Ort und die perfekte Zeit für den Straßenräuber-Klassizismus der frühen Bad Seeds.
Hey Joe Saint Huck Jack’s Shadow Your Funeral, My Trial Stranger Than Kindness Sad Waters I’m Gonna Kill That Woman From Her To Eternity Long Time Man The Singer
SPIEGEL ONLINE Forum
Januar 2008
Christian Erdmann:
„I don’t know what it is but there’s definitely something going on upstairs!“
Was macht eigentlich Lazarus, nachdem er von den Toten erweckt ist? Er hollert „increasingly neurotic and obscene“ durch die Mean Streets der 70er.
Zum Schießen. Wie Grinderman mit Discosoul-Stringenz und dem Wundermittel Sleaze. Seit „Babe I’m On Fire“, dem endlosen Ende von „Nocturama“, hat der als Düstermann Verschrieene offenbar gesteigerte Lust daran, den Leuten den absurden Humor seines epischen Ansatzes so richtig vor den Latz zu hauen. Erst weicht man ein wenig zurück, weil man meint, dieser Pornofilmdarsteller fummelt einem gleich im Gesicht herum, und dann hört man’s rauf und wieder runter, und leichtes Befremden am Anfang ist immer ein gutes Zeichen.
kleintal:
Unglaublich! :-)) Allein mit diesem Song raucht der gute Nick sämtliche „wichtigsten CDs“ des letzten Jahres in der Pfeife.
ralfons:
Ja, da soll noch einmal einer sagen, Metal wäre langweilig, vorhersehbar und würde sich ständig selbst kopieren! Aber Nick Cave darf einen kompletten Song lang ein Riff runternudeln, das schon in Jugendzeiten meiner Oma maximal Gähnen ausgelöst hätte, und dazu ’nen 08/15-ich-wär‘-jetzt-gerne-lasziv-aber-es-klappt-gerade-nicht-Sprechgesang dahernölen? Ich war mal großer Nick-Cave-Fan, aber irgendwie löst er mittlerweile bei mir nichts mehr aus.
Christian Erdmann:
Leck‘ Deine Wunden bitte nicht auf dem Rücken eines Nick Cave-Songs. Zeig mir die, die in ihrem Oeuvre derartige Kontraste vorweisen können wie Cave zwischen Tosen und Toben der Hölle, heiliger Melancholie und unfaßbarer Zärtlichkeit.
Eine der Platten, die mit der Zeit immer besser werden. Wie auch Dylans SLOW TRAIN COMING. Sagte ich das schonmal? :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Möglich, kann man aber nicht oft genug sagen. :)
Er machte auch im Hause des Allerheiligsten zwei Cherubim nach der Bildner Kunst und überzog sie mit Gold. Er machte auch einen Vorhang von blauem und rotem Purpur, von Scharlach und köstlichem weißen Leinwerk und machte Cherubim darauf. Und er machte vor dem Hause zwei Säulen, fünfunddreißig Ellen lang und der Knauf obendrauf fünf Ellen. Und machte Ketten zum Gitterwerk und tat sie oben an die Säulen und machte hundert Granatäpfel und tat sie an die Ketten. Und richtete die Säulen auf vor dem Tempel. Und im Tempel verehrte er „Night Of The Lotus Eaters“, „We Call Upon The Author“ und „Hold On To Yourself“. 2. AljoschaChronik 3.
50 Peter Murphy-Songs, zu denen es 50 geöffnete Türen gibt, in meinem Leben. Aber wo soll man anfangen. Die tiefe Mitternacht, als ich zum ersten Mal „Bela Lugosi’s Dead“ im Radio hörte? Die Wahrheit, daß die bedeutendste aller Wirklichkeiten ein geheimer Garten ist („Our Secret Garden“)? „Hit Song“, von hinten in den Himmel gestoßen vor unserer Nacht in Hagenbecks Tierpark? „Final Solution“ im Roman? Das einzige Ticket, das ich jemals auf dem Schwarzmarkt erwarb, Minuten vor Konzertbeginn, um die Bauhaus-Reunion zu sehen, 1998? Sein Auftritt am Anfang von „The Hunger“? Diese ihn für alle Ewigkeit zum dear man machende Geste, „Marlene Dietrich’s Favourite Poem“ zu schreiben, diese Zeilen, mit denen er die Momente würdigt, in denen Marlene in Maximilian Schells Film Tränen vergießt zum Gedicht von Freiligrath, „My mother loved it so…“ – ? Der Artikel über Murphys Leben in Istanbul, Beginn einer Entdeckungsfahrt durch orientalische Musik? Die Tatsache, daß ich die Begegnung mit Antonin Artaud eigentlich ihm verdanke? Das Video zu „She’s In Parties“? Das Video zu „Spirit“? Überhaupt alle Videos? Daß „Roll Call“ vermutlich der Song ist, den ich am längsten im Walkman hatte, ever? Diese Stimme, deren Tiefen dich „on a long and winding grey paved street, your breath the only friend, chattering others surrounding you“ erheben? Den Tränen nah bei „Huuvola“? Ich wüßte nicht wo anfangen.
Murphy ist ein Bruder. Always there.
SPIEGEL ONLINE Forum
11.06.2008
Christian Erdmann:
„Cascade“ hat mit „Huuvola“ vielleicht den mysteriös-schönsten aller Murphy-Songs, aber „Dust“ empfehle ich unbedingt! Daß Murphy auch ein Domizil in Istanbul hat, wußte ich zwar schon eine Weile, aber irgendwann erwischte ich auf TRT mal ein Konzert mit einem orientalisch-klassischen Ensemble, diversen anderen Musikern, kreiselnden Derwischtänzern; wunderbare, hypnotische Musik. Endgültig vom Stuhl fiel ich, als ich begriff, daß der Sänger, der sich in meinen ersten Minuten da gerade im Hintergrund hielt, Peter Murphy war. „Dust“ ist ähnlich, die Musik wandert über Wüstensand, es dürfte sich um viele 7-Minuten-Stücke handeln, aber man verliert hier das Gefühl für Zeit.
SPIEGEL ONLINE Forum
Oktober 2009
Christian Erdmann:
Danke, mir ist gerade alles egal. Wenn der Peter Murphy nach 15 Songs plötzlich „Hello!“ zu deiner Begleiterin sagt und ihre Hand hält, und anfängt mit „You’re very attentive, thank you, it encourages us“, und im Grunde das zu ihr sagt, was du ihr ein Leben lang zu sagen versucht hast, und das von der Bühne aus, ist dir nach Gang in die Nacht der Lotusesser. Sollte die Welt noch versäumen, auseinanderzufallen, verdurste ich in einer Wüste aus Goldstaub. Von den Mächten Die Da Sind als Konzert getarntes Satori – Kick In The Eye.
Landegaard:
Ohne Scheiß? :)
Christian Erdmann:
Ja. Murphy ist ja mit einer Türkin verheiratet und lebt (auch) in Istanbul. „Dust“ ist für jene, die was damit anfangen können, daß in der Sprache der Sufis das Wort für „Sünde“ dasselbe bedeutet wie „Distanz“. Distanz von truth & essence. Alle, die von „small intelligence“ (Murphy) den Kanal voll haben und „thirsty for the water of life“ (Murphy) lebende Reflexbrecher sein müssen. Oder einfach für jene, die immer wissen wollten, wie ein Mann mit goldenem Licht in der Stimme sich anhört.
SPIEGEL ONLINE Forum
April 2011
Christian Erdmann:
Im Juni erscheint nun endlich das neue Album von Peter Murphy. Schon da: Rosenspucken mit PM.
Im September auf Tour in Deutschland, wenn nichts dazwischenkommt.
oasis:
Vornehm hin oder her, aber man kann’s auch übertreiben *schelt*. :) Murphy, welch phantastische Neuigkeiten!! Und dann so bescheiden mal nebenbei bemerkt vom Licht-unter-den-Scheffel-Steller himself.
Aber immerhin. Jetzt haben sie hier schon einen extra Thread für Dich eröffnet. :) “ … wenn Jesus wiederkommt, so wird das vermutlich nicht in Gestalt eines Bundesministers oder eines Strommanagers sein. Er wird ganz schlicht und einfach daherkommen. Nicht in einer Luxuslimousine, sondern auf einem klapprigen Fahrrad.“
Christian Erdmann:
Seit die rosenspuckende dunkle Lichtgestalt von der Bühne herab die Hand meiner, ähm, Begleiterin festhielt und ihre, ähm, inspirierende Ausstrahlung würdigte, ich meine so mitten im Konzert, – ich habe zwar einen Tonmitschnitt davon ergattert, aber das glaubt einem ja trotzdem kein Mensch – habe ich mein Jesustum an den Nagel gehängt. Irgendwann zwischen zwei Songs beklagte er die Schwierigkeiten, die Platte rauszubringen, die also im Oktober 09 offenbar schon fertig war, „very frustrated“, und „There’ll be a pot on the way out“, für die Kollekte. So sieht’s leider aus, daß eine Legende wie Peter Murphy von der Industrie praktisch ignoriert wird. Und darum ist das natürlich eine phantastische Neuigkeit, daß es jetzt endlich soweit ist. Er hat damals schon ein halbes Dutzend der Songs gespielt, die auf „Ninth“ erscheinen werden, „Velocity Bird“, „Peace To Each“, „Memory Go“, „Secret Silk Society“, „Uneven & Brittle“, „The Prince & Old Lady Shade“.
Peter Murphy, 15.10.2009, nimmt also vor „Deep Ocean Vast Sea“ Birgits Hand & this is exactly what he said to her:
„Hello, how do you do? You’re very attentive, thank you, it encourages us, me especially, when somebody’s looking so… so inspired.“
„But I mean, I can’t exist without you, darling.“
Excerpts from „The Fairy Godfather of Goth“, Magazine Article on Peter Murphy, 1992
Text: Adrian Deevoy
Photos: Ken Sharp
„The method I use to create lyrics hasn’t changed. If I haven’t written any, I just turn the microphone on and sing and words will just come out. There’s no interference from anything cerebral. You see, instinct is distinct from rationale. The pure intellect is in the realm of the imagination which is a finer sensibility. So things can come through and you don’t know where they come from and your conscious mind would have no way of reproducing those images in the conscious state. So, in a sense, you become as much of a listener as the, um, listener.“
Today, Peter Murphy is in Istanbul. He met his Turkish wife, Beyhan, back in the Bauhaus days and now spends a couple of months each year resting on a small island north of the city.
„My only impression when I first came to Turkey,“ he says sipping water in the marbled bar of the hotel where the Orient Express used to stop, „was that Midnight Express cliché. Of course, that was immediately dispelled, although it can still be pretty scary.“
„I think what people, the press in particular, didn’t like was that there was an arrogance about [Bauhaus] which said, We don’t need you. It was a very self-made band. And we attracted some very negative writing. Really seriously bad things were written about us.“
Before visiting Istanbul’s sense-scrambling bazaar, Murphy bumps into a Turkish friend. „Oh, Peter!“ she gasps, motioning towards his stick-insect-on-steroids physique. „You’ve lost so much weight!“ „No, I haven’t,“ retorts Murphy indignantly, „I’ve always been skinny.“ This is true. In fact, it would come as no great shock if Murphy’s passport described his full-time occupation not as „Songwriter“ or „Musician“ but as „Professionally thin person“.
Although he still lives in North London, Murphy believes that the UK is a market that no longer requires his services. Following Bauhaus‘ disintegration in ’83 (the orphaned members of the band went to America to gather modest underground garlands as Love And Rockets) Murphy (…) went to work as a solo singer on the USA club circuit in ’86.
„The Bauhaus effect is odd in the States,“ Murphy muses, „because as a solo artist I sell a hell of a lot more records than Bauhaus ever did. But you still get people going out and buying Bela Lugosi’s Dead and enjoying this wonderful cultish experience for the first time.“
„If you were to stop the average music fan and ask them about Peter Murphy, they’d say, What’s happened to him? What’s he been up to since 1983? People still come up to me in the street and say, Wow, Peter Murphy, what have you been doing with yourself? And I say, I’ve actually had four albums out. I’ve been working solidly for five years, thank you very much. I just got bored of dealing with this negative attitude. In the end you just go where you’re wanted.“
Do people expect him to be weird when they meet him?
„There was a gentleman in LA last month who came along with the full baggage of misconceptions,“ he recalls fondly. „He was asking me, What is it that you know that we don’t? Tell us about the secret message in these lyrics. What is the right religion to follow? Why do you wear black all the time? […] I try to avoid the transference of their interpretation of my personality on to me, this preconceived montage of who you are.“
Has Murphy ever experienced these feelings himself?
„I did when I met Bowie,“ he admits. „I played a part in the film The Hunger. Catherine Deneuve was there too, so it was doubly strange for me. But I sat there with Bowie and I thought, Well, there he is. And that was it. He was there as a human being and the whole thing was exorcised. I immediately felt OK about it. That first moment to me was very important.“
„Why don’t we just have a chat, a cigarette and a coffee?“ Murphy sighs. „Let’s be… Turkish.“
I put a spell on you Because you’re mine Stop the things you do Watch out I ain’t lyin‘ Yeah, I can’t stand No runnin‘ around I can’t stand No put me down I put a spell on you Because you’re mine Stop the things you do Watch out I ain’t lyin‘ I love you I love you I love you, anyhow I don’t care if you don’t want me I’m yours right now I put a spell on you Because you’re mine
Autor dieses Kultsongs, gecovert von Nick Cave, Marilyn Manson und vielen anderen, ist der Mann, den Knut Benzner im Frühjahr 1998 in Paris trifft: Screamin‘ Jay Hawkins. Aus dem Interview, das Benzner mit dem legendären Sänger führt, entsteht eine Radiosendung in fünf Teilen, die zum Besten gehören dürfte, das jemals mit / über Screamin‘ Jay Hawkins gemacht wurde. Keine zwei Jahre später weilt Jalacy Hawkins nicht mehr unter den Lebenden. Er hinterläßt mindestens 55 Kinder.
Zu meiner großen Freude ist Knut Benzner in die Archive des NDR gestiegen, um eine Aufzeichnung seiner Sendung ausfindig zu machen. Zu meiner noch größeren Freude erlaubt er mir, sein Special hier zu präsentieren.
Hamburg radio DJ Knut Benzner met singer / songwriter / actor / legend Screamin‘ Jay Hawkins in the spring of 1998 in Paris. Benzner produced a five part radio show based on that interview. To my great delight Knut Benzner undertook the mission to find a recording of his show in the NDR Radio archive, allowing me to present it here.
„Der kreischende Buffo“ – Radio Special über und Interview mit Screamin‘ Jay Hawkins von Knut Benzner. Sendetermin: 22.06. – 26.06.1998 auf NDR 4 Beats’n’Sounds. Redaktion: Klaus Wellershaus.
Herrlich! Und wieder ein Puzzlestück, von dem ich völlig vergessen hatte, dass es fehlt. Man puzzelt sich sein Leben ja mehr schlecht als recht zusammen, jeden Tag kommen neue Teile hinzu; man guckt, man prüft, wo könnte es passen, dann clipt man es in die Fehlstelle, lehnt sich zurück… Manchmal muss eine Stelle freibleiben, weil die Welt andere Prioritäten hat als man selbst, und die Lücke gerät erst ausser Sicht, dann in Vergessenheit. Wie gut, wenn es dann einen Blog wie diesen hier gibt!
Vor etwa 20 Jahren sah ich im Kino den Film „Mystery Train“ eines meiner liebsten Regisseure, Jim Jarmusch. In diesem Film gab es ein heruntergekommenes Hotel, hinter dessen Rezeptionstresen saßen zwei Angestellte. Ein älterer Herr und ein jüngerer Page. Ich liebte diese beiden Zerberusse, ihren trockenen Humor, ihre lässige Art; zwei Felsen, auf denen das Hotel so hoch und sicher ruhte, dass man alle Tage dort einchecken wollte. Mir war sofort klar, dass der ältere der beiden keine gewöhnliche Nebenrollenbesetzung war, dass da etwas in ihm glimmte, das größer war als der Raum zwischen den Buchdeckeln eines Drehbuchs. Aber es gab damals weder Smartphones noch Internet, und bald war diese Fehlstelle meines Puzzles ausser Sicht und vergessen.
Doch was sehe ich nun, 20 Jahre später, wenn ich diesen Blog anklicke? Das Hotel, den Tresen und meinen Zerberus aus tiefster Vergangenheit inklusive ausführlicher Würdigung durch Bild und Ton. Ich kenne jetzt seinen Namen, seine Originalstimme, sein Leben.
Ein schönes Puzzleteil, es seufzt zufrieden, als ich es in die Leerstelle clippe. Vielen Dank!
Und die Pflaume sah soooo lecker aus ;-)
02.07.2012
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
„I don’t think you should eat that thing.“ Hilarious. Schrieb mal auf SPON: „Elvis‘ Stimme hallt durch die amerikanische Nacht, eine Nacht, die es nie gegeben hat.“ – „Mystery Train“ im Sinn. Hawkins sitzt in diesem phantastisch heruntergekommenen Memphis Hotel größer als das Leben, saß schon immer da und wird immer da sitzen, das Buch, in das er schreibt, ist in etwa so dick wie das, in das Gott selbst schreibt, und durch die Nacht hallt „Blue Moon“. Ja, Sie beschreiben es sehr schön, warum man jederzeit dort einchecken möchte, in diesem Hotel und in dieser endlosen Nacht. Die Plum Scene, zum Niederknien. Hawkins, nachdem der Bellboy sich über seine Uniform beklagt hat: „Well, you should do like I do, shit, go over and buy your own damn clothes over at Lansky’s, somewhere like that; I mean, you know it’s like they say: the clothes make the man. I mean look at that damn hat on your head, you look like a damn mosquito-legged chimpanzee, I mean – “ – und dann dieses unfaßbare Hawkins-Lachen. Und dann – nichts. Auf künstliche Fliegen mit der Fliegenklappe einschlagen, deadpan. Im Grunde wartet alles nur darauf, daß „Blue Moon“ nochmal für 3 Minuten die Atmosphäre der Nacht auflädt. „Jiffy Squid?! Turn that damn thing off.“ Freut mich außerordentlich, daß Knut Benzners vortreffliche Würdigung ein Stück ins Lebenspuzzle setzen konnte! Wunderbar! :)
Mark Lanegan im Uebel & Gefährlich. Diese Hinterzimmer-Lounge mit den verrußt-goldenen Tapeten im oberen Bunkerstockwerk, so oldschool-stylish. Das Konzert so unfaßbar brillant. „The Faye Dunaways“ (Fred Lyenn Jacques & Aldo Struyf), Duke Garwood, die ganze Zeit hört man Gläserklirren und audience chat von hinten, dann kommt Lanegan auf die Bühne, singt ein paar Töne, and there is absolute, stunned silence. „When Your Number Isn’t Up“ verursacht mir the chills, completely.
Und wie er auf die Bühne kam. Tosender Applaus, und er schaut in Richtung Schlagzeug, auf dem kurzen Weg, der ihm angeblich so unangenehm ist. Er ist zunächst kaum zu sehen, spotlight control freak. Wir sind in der zweiten Reihe, gegen Ende des Sets dann ganz vorn. Letzter Song eine Killerversion von „The Killing Season“. „Quiver Syndrome“ ist live einer meiner Favoriten. Und es gab diesen einen Moment, als der Applaus so anstieg, daß er tatsächlich kurz innehielt, zur Seite schaute, nickte und – lächelte. Kaum merklich, but he did. Das erste Mal, daß ich ihn lächeln sah auf einer Bühne.
Nach dem Konzert schnappe ich mir eine Setlist.
Jeff Fielder (Gitarre) sagt noch auf der Bühne: „Hamburg, that was wicked!“, macht ein Foto von uns, und erinnert daran, daß Mark in 15 Minuten am Merchstand sein wird, to sign things and shake a few hands. Do we go? Als ich ihn da sitzen sehe, kann ich nicht anders. Ich erwerbe ein Phantom Radio-Notebook. Er sieht mich, sagt „Hey man.“ Und gibt mir die Hand. Er unterschreibt Setlist und Notebook mit Silberstift. Ich sage „Thank you for being you.“ Er schaut slightly baffled. Ich schaue slightly baffled zurück.
„‚Donnerkacke!‘ brüllte Stan im Rücksitz.“ (Kerouac, On The Road). Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Doofköppe wie ich denken ja dann immer, das sind Botschaften der Situationistischen Internationale. Peter Alexander hat mal eine Version von „Muleskinner Blues“ gemacht, wußten Sie das? Nein, wußten Sie nicht, und darum ist es notwendig, im nächsten der neun Leben als Diabolik des Schlagerdada wiedergeboren zu werden. Bis dahin: von Marisa Mell nach Mathar.
Genauigkeit ist funky: Grüngespenstich grenzt ein Erich. Man sieht genau, wann bei Bert die Drogen zu wirken beginnen.
Ricky Shayne versteht nicht die Bohne von dem, was er da singt, und während des Instrumentalteils denkt er wahrscheinlich „Nipssachen fängt allmählich einzuschlagen an, Tiereknocken und Fischebeine“. Aber das geht ja jedem mal so.
Meine Eltern hatten Rickys Single. Das Label war schwarz, und immer wenn ich diese Mandoline über diesem klasse Beat höre, sehe ich, wie sich das Ding dreht und diffus behauptet: das, was da auf zwei langen Beinen vorbeistolziert, läßt dich irgendwann mit der bloßen Hand eine Wespe in das Ohr deines Feindes hauen.
Mein Liebling aber bleibt diese Meditation über Bergson’sche durée. Die Zeit ist das, was bald geschieht. Die Zeit läuft vor sich selber fort. Heute ist schon beinahe morgen. Bis man das alles so richtig verstanden hat, sitzt man wieder sieben Jahre unterm Kirschbaum.
Äh, Kitschbaum? Ich kann äußerst kitschunempfindlich sein. Grüngekleidete Königinnen haben für gewöhnlich eine Seele, sonst wäre Barrys „But“ ja sinnlos. Wahrheit wird immer nur fragmentarisch ergriffen.
Platz 4: Costa Cordalis mit „Komm mit mir durch den Steckermännchenkorridor“.
Ich knall‘ die Türen vor stolzesten Frau’n Weil ich so tüddlich und so eigenschaftlich bin Mir braucht nur eine vor die Drehtür zu hau’n Und schon isse hin
Oft steckt bei Frauen der Absatz im Dreck Das ist kein Wunder, denn das Sternbild zeigt halb Vier Der Hut von Prada, und schon ist er weg Das liegt wohl an mir
Ich lach sie an und sage blau: Solln wer hier nächtigen, gnädige Frau etc etc
Unter deutschen Duschen
2007 / 2008
[Der Thread „Unter deutschen Duschen – was singen Sie denn?“ besetzte für lange Zeit im SPIEGEL ONLINE Forum (als das Forum noch Forum war) unter „Meistdiskutierte Themen“ Rang 1. Gekapert zu Beginn des Jahres 2007 vom Kommando „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ und für ein paar Jahre das SPON-Hauptquartier von Tonkunst, Tiefsinn, Unsinn und Psychodrama.]
Eine Schiffsladung Geister, die so unerwartete Dinge wie Steelgitarre, Banjo und Dulcimer mitbringen. Daß Reznor sich mit glasscherbenscharfen Satie- oder Debussyklängen auskennt, wußte man ja. 36 dunkle Träume, während Eno ein Nickerchen macht. Während Eno im Studio zur Inspiration gern Kärtchen mit kryptischen Texten verteilt, war für jedes Stück von „Ghosts“ irgendeine visuelle Referenz der Ausgangspunkt, imaginierte Orte, Szenarios, die dann mit Sound und Textur bekleidet wurden, akustische Gemälde, Einladung zur Verstörung wie immer inklusive.