Wenn man Jesse Hughes auf Instagram folgt, ist einem die Mitteilung wohlvertraut: „fatherbadass hat ein Live-Video gestartet.“ In der Nacht vor dem Konzert erzählt er uns beim Spaziergang durch St. Pauli („I’m gonna get an apartment right above the Sexy Angel Shop!“), wie sehr ihn die Stolpersteine bewegt haben, die in den Boden verlegten kleinen Gedenktafeln aus Messing („Hier wohnte…), die an das Schicksal von Menschen erinnern, die von den Nazis verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. „Deeply moved by those markers“ nimmt er sich ein Gebet vor für den nächsten Morgen.
Ein Konzert der Eagles of Death Metal ist immer auch Gottesdienst, Göttinnendienst vielmehr, widmet er doch ausdrücklich jeden einzelnen Song seines gesamten Oeuvres den Damen. „It’s astounding / Time is fleeting / Madness takes its toll“, die Lichter gehen aus für „Time Warp“ aus der Rocky Horror Picture Show, Jesse betritt die Bühne in einem roten Glitzercape aus seiner Kollektion von Capes, das er für den Opener „Got A Woman“ ablegt, der Show-Hase braucht maximale Bewegungsfreiheit. Song 2:
Es folgt „Don’t Speak (I Came To Make A Bang)“, nach „Anything *Cept The Truth“ kümmert sich Jesse kurz mit inniger Umarmung um das Wohlbefinden von Jennie Vee, dann wieder um uns: „This ain’t fucking Hollywood, how is everybody doin‘ tonight?! Amen! Do we love the Ladies?“ Hohe Zustimmungswerte, „That’s right! And that is why I wrote this next song!“ Das ist dann „Complexity“. Hernach erzählt er euphorisch die Geschichte, wie „this amazing beautiful drummer“, es ist Leah Bluestein, zu den Eagles of Death Metal kam, das war nämlich so, daß Jesse zwischen einer Reihe von Steinstatuen irgendwelche ungezogenen Dinge tat, und er sich wünschte, „my God, if only this beautiful statue could be a real girl!“, und irgendeine Blue Fairy erledigte das dann. „Can you dig it, amen!“ Genau so war das nämlich. „Silverlake“ von „Zipper Down“, das Haus singt den „Don’t you know who I am“-Chorus mit.
Dann „Heart On“, nach „Secret Plans“ kommen abwechselnd hoch- und tieftönige Antworten auf wiederholte „Ladies, how you doin‘ tonight!“ – „Boys, how you doin‘!“ – „Ladies!“ – „Boys!“, das anschließende „Cherry Cola“ ist dann wieder ausdrücklich den Ladies gewidmet, „just like every song we’ve played before and every song that follows!“
„Flames Go Higher“, dann das wunderschöne „Now I’m A Fool“, auch von „Heart On“, für das der Gitarrist Scott Shiflett, ebenfalls neu in der Band (Bruder des Foo Fighters), ein exquisites Solo beisteuert.
Jesse Hughes kennt ein paar Höllen, von denen wir wissen, und wahrscheinlich noch ein paar Höllen, von denen wir nicht wissen. Keine andere Band hat je erlebt, was er mit seiner Band im November 2015 im Pariser Bataclan erleben mußte. Die Eingangskontrollen in der Markthalle waren besonders sorgfältig, und wir hörten einen der Securityleute sagen, das müsse man verstehen bei dieser Band. Nicht, daß die Traumata enden würden: Jesses Herzensdame Tuesday Cross ist aus einem Koma erwacht, following an asthma attack that sent her into cardiac arrest. Ein Hirnschaden war die Folge, und Jesse ist glücklich über jeden Moment, in dem sie ihn zu erkennen scheint. Die Menschen, die ihren langen, schweren Weg aus dem Dunkel begleiten, nennt er Tuesday’s Army.
Er hätte jeden Grund, Gott einfach in die Gosse zu treten und das Schicksal zu verfluchen, aber – he cares about people. Jesse Hughes ist ein Mann ohne Arg. Und er verliert nicht für eine Sekunde die Dankbarkeit dafür, tun zu dürfen, was er hier heute abend auf dieser Bühne tut. „The greatest joy in my life is to entertain you, my friends!“
Und dann stellt er die atemberaubende Jennie Vee vor mit: „We’ve got the Queen of Rock’n’Roll herself!“, und der roar für die Betörende ist so groß, daß man von ihren Lippen ein „Oh my God!“ lesen kann.
„I Want You So Hard (Boy’s Bad News)“ und „Whorehoppin‘ (Shit, Goddamn)“, „I don’t think I’m wrong when I say this is probably the best fucking crowd of the tour so far“, Frau Vee, die Angetraute des glücklichen Slim Jim Phantom (Stray Cat), signalisiert Zustimmung, Jesse traut man zu, daß er das in jeder Stadt erklärt und es in jeder Stadt genau so meint, aber Hamburg ist nun mal immer the best fucking crowd of the tour so far. „Dös is faktisch“, wie Joseph Roth sagte. „I Love You All The Time“, dann spricht er plötzlich erstaunlich gutes Deutsch, „Unsere Freunde! Es tut mir leid, ich bin nicht gut Deutsch sprechen, ich bin ein bißchen behindert“, aber sein Lieblingswort aller Sprachen dieser Erde sei ein deutsches: Muschikatze. Damit ist endgültig alles allen Muschikatzen gewidmet, und weil David Bowie den Song für jeden einzelnen, der hier ist, geschrieben hat, beschließt „Moonage Daydream“ das Set – das Gitarrensolo von Mr. Shiflett hat den Segen von Mick Ronson.
Vor der Zugabe erklärt Jesse, „We’re having the time of our lives, if you can’t see it, you can’t see nuthin‘!“ Die Zugabe ist dann „Speaking In Tongues“, including Jesses Auftauchen im Zuschauerraum, von wo aus er sich ein Gitarrenduell mit Shiflett liefert, Jennie Vee mit einer Kurzfassung von „Ace Of Spades“, und Jesses Kniefall vor ihr mit Handkuß.
Eigentlich war noch geplant, daß alle anwesenden Boys kurz vor Jennie Vee in die Knie gehen, aber dann ist doch Schluß. Jesse läßt offenbar jedes Konzert filmen, auch die Momente davor und danach, und so erfahren wir, daß Jennie Vee vor der Show noch unter Kopfweh litt, was die besorgte Umarmung auf der Bühne erklärt, aber das Steinbockmädchen kann noch so ätherisch sein, es ist tougher als der Rest und hat einfach grundsätzlich nach ein paar Takten die Malaisen weggeblasen.
Und wir können Jesse direkt nach dem Auftritt hinter der Bühne hören: „That was fucking killer tonight!“
„Essentially a pub rock supergroup that grew monstrously out of control“ (list.co.uk). Alice Cooper, Johnny Depp, dagegen verblasst doch vieles. Die beiden so nah: so real, daß es surreal ist. Johnny bester Laune, hatte sich offenbar den Knöchel gebrochen und stapft mit Fraktur-Boot über die Bühne, singt aber göttlich und hat eine gute Zeit, smiling and waving and looking so fine. „The Death & Resurrection Show“, das Killing Joke-Cover von seiner Platte mit Jeff Beck, ist eine der Glanznummern der ausgelassenen Vampire an diesem Abend. Bei allem Heidenspaß geht es bei den Hollywood Vampires immer auch um absent friends, verlorene Weggefährten, und Johnny hat eine Gitarre seines jüngst verstorbenen Freundes Jeff Beck dabei. Die spielt Joe Perry dann für ein Stück. Da wird einem gleich ums Herz so doof. Überhaupt Perry: Aerosmith leidet ja vor allem unter Steven Tyler, Perrys Cover von „You Can’t Put Your Arms Around A Memory“ zeigt, daß er eigentlich der viel bessere Sänger ist, seine Stimme wie gemacht für diesen Song von Johnny Thunders.
And that Cooper woman… der ist 75 und kontrolliert immer noch die Erdrotation mit seinem Stock. „School’s Out“ und „Billion Dollar Babies“ gehörten zu den ersten Platten, die ich als Schuljunge besaß. Ich sag’s nur. Charisma-Overkill. „Listen to them. The children of the night. What music they make!“
Die fabelhafteste Surf Rock-Band der Gegenwart kommt aus Russland. Hohepriester der „Church of Reverb“ (Albumtitel) ist Oleg Gitarkin aka Oleg Guitaracula aka Oleg Fomchenkov, die betörend schöne Zombierella aka Svetlana Nagaeva spielt den Bass, singt zuweilen und begrüßt uns mit „Hello humans“. Am Schlagzeug Herr Rockin‘ Eugene aka Evgeny Lomakin, und zum Konzert gibt es nicht viel anderes zu sagen als: sexier wird es nicht. Quentin Tarantino sollte den Soundtrack für seinen letzten Film einfach dieser Band überlassen.
„Messer Chups is an adventure into the spooky and funny world of vintage surfing guitars and the aesthetic of B-movies, classic (and not classic) horror, 60s soundtracks, sexploitation and sci-fi. A little creepy, funny and an exciting trip.“ (Zombierella im Interview mit Zora Burden).
„I like Mario Bava’s movies; their aesthetic. They are sensual. I could imagine myself as a character in one of his movies – a victim girl and I guess some maniac or creature will be hunting after me! Or it could be something opposite, like during the night I become a werewolf woman and bite some people.“ (Zombierella, ebendort: zoraburden.weebly.com)
Oleg betrieb in den 90ern das Projekt Messer für Frau Müller, das Lounge/Easy Listening/Sci-Fi mit Cut-up- und Dada-Techniken kombinierte. Messer Chups ist seit 1998 zunächst Nebenprojekt, zur Wahren Geschichte Hamburgs gehört ganz unbedingt, daß Gitarkin die Band 1998 zusammen mit Annette Schneider in Hamburg gründet. Das Messer bleibt, um die Kontinuität zu betonen, der Dauerlutscher Chupa Chups vollendet den Bandnamen, halb Lollipop, halb sleazy, halb sweet und halb Horror, 2005 entert Zombierella die Band, und das Messer zum Lutschen wird zur eigentlichen Leidenschaft.
Svetlana: „I met Oleg Guitaracula when I was 17 or 18 years old. We were together, and he asked me if I wanted to play the bass guitar in Messer Chups. I said, ‚Sure, why not?!‘ Oleg was already an experienced musician, having been in a few different bands before Messer Chups … and he already had his own vintage-surfy B-movie and horror-influenced style. We decided to play surf live together.“ (s.o.)
Svetlana: Oleg ist „mastermind of our sounds and visuals and other processes. But that aesthetic is part of all of us. I grew up as a kid watching horror and horror-influenced stuff like The Addams Family (…) I guess I’m pretty goth inside. And yes, I’m also part of the visual presentation of Messer Chups, aesthetically and stylistically. I do a lot of the lyrics and the titles for the vocal songs and I bring some dark and black-humour attitude to the process.“ (s.o.)
Gladys Fuentes (houstonpress.com, April 2019) nennt Svetlana „gothic Barbie“ und erklärt, „the audience is in for a rockin‘, sexy and spooky treat (…) Chups is known for their heavy surf rock sound and live performances incorporating visual art projecting old horror and sci-fi movies – Her vocals carry that squeaky rockabilly sweetness slathered in her Russian accent and the occasional scream bordering between cute and ghoulish.“
Keine Filme im Hintergrund heute abend, dafür David Lynch/Red Room-Atmosphäre:
Die Spooky Surf Combo aus St. Petersburg spielt im Monkey’s Music Club in Ottensen, im Sommer 2012 residierte hier noch das Kir, das erstaunlicherweise zum Drehort wurde für die Club-Szene in „Only Lovers Left Alive“ von Jim Jarmusch. Yes indeed: Jarmusch, Tilda Swinton, Tom Hiddleston, Mia Wasikowska und Anton Yelchin waren right here für die Szene, in der „Red Eyes And Tears“ von Black Rebel Motorcycle Club im Hintergrund läuft. Fast hätte ich den Boden geküßt, auf dem Tilda Swinton stand, so berühre ich nur ehrfürchtig, was sie mit ihrer Hand berührt hat, Mauer und Pfeiler.
Es ist ein wilder Ritt, aber von cooler Perfektion und absoluter Präzision. „Insomnia Of The Mummies“ ist auf der Setlist an diesem 29. Mai, zu „The Hound Of The Baskervilles“ heult der Saal Intro & Outro, auch die heißersehnte Messer Chups-Version von „Nights In White Satin“ und „Magneto“ sind dabei, vor „Pink Pantheratu“ erklärt Oleg Henry Mancini zu seinem „favourite composer“, Svetlana singt „They Call Me Zombie“ und „Crypt-A-Billy Tales“, und wie jemand in einem Surf-Rock-Forum schreibt: „Messer Chups’ sound is reminiscent of the great surf rock bands of the 1960s, but they definitely have their own unique style, which combines surf sounds, classic B-movie horror, and retro-themed artwork. Zombierella’s vocals … spiked with her famous shrill, spine-chilling scream, make you wonder how a girl can sing, play, look so sexy and be so cool, all at the same time.“
Oleg: „… we are crazy about Edgar Allan Poe, especially the screen versions of his works with Vincent Price, our favorite actor.“
Irgendwo in Deutschland fotografieren sich die drei an einem sonnigen Nachmittag auf einer Fahrradtour, und jemand schreibt unter die Fotos: „Dracula Hates Killer Bicycles“.
Der Zeitplan der Europatour ist ziemlich mörderisch, bestimmt kein Zuckerschlecken, und man kann Musikern wie den Messer Chups nur unendlich dankbar sein, daß sie, in times like these, mit ihrem Miet-Mercedes-Transporter durch Europa und alle möglichen Strapazen sausen. Wie Mlle. Zombierella, unter jedem Video auf YouTube verehren humans sie mit großen Glitzeraugen, bei alldem nichts von ihrem Glamour einbüßt, wissen nur die Göttinnen.
Nach dem Konzert erwerbe ich ein Tourposter bei Mister Rockin‘ Eugene, der es auch signiert, das Poster liegt dann vor mir auf einem Tresen, ich sehe, wie zwei glückliche Dudes ein Selfie machen mit Zombierella, und dann kommt sie auf mich zu, „die wie ein kühler Schatten durch einen Traum schreitet“ (Georg Trakl), lächelnd, surreal, eine Erscheinung, in my mind höre ich Twin Peaks-Musik, weil die echte Musik so laut ist, frage ich sie mehr oder weniger in Zeichensprache, ob sie wohl das Tourposter signieren würde, Miss B reicht Mlle. Zombierella einen Stift, die beiden Ladies tauschen mit wissendem Lächeln einen „Typisch! Er will das Autogramm, und du mußt an den Stift denken“-Blick, sie nimmt sich eine Ewigkeit Zeit für ihren Schriftzug (vielmehr, ihre Nähe verändert das Raum-Zeit-Kontinuum), ich lege die Hände aneinander und verbeuge mich japanisch, und sie lächelt umwerfend süß. Danach ist kurzzeitig der Ausgang des Monkey’s Music Club verschwunden, weil einfach die ganze Welt kurz ausgefallen ist. Blackout By Sexy.
„Die Kultcombo aus St. Petersburg spielt seit 15 Jahren verwegenen Rock’n’Roll zwischen Surf-Sound, 60’s-Beat, Rockabilly, Horror Punk, Zombie-Soundtracks, Pulp Fiction und diversen anderen musikalischen Sumpfgebieten. Erleben Sie die geheimnisvolle Horror-Prinzessin Zombierella, Bassistin der Extraklasse, faszinierende Sängerin mit einzigartiger Stimme (…)“ – bourbonstreetfestival.at
My own bad Smartphone pics:
Zusammen mit Alexander Moralez betreibt Svetlana ein Projekt namens The Bleak Engineers, „Synth / Post-Punk duo from non-existent melancholic island“ (Selbstbeschreibung).
Als Zombierella’s Tentative Reels covert sie „Suicide Commando“ der deutschen Band No More um Andy Schwarz.
Ein Messer Chups-offshoot sind The Bonecollectors, Rockabilly/Psychobilly/Horrorbilly mit upright bass player und Svetlana an der Rhymthmusgitarre, hier mit einer Rockabilly-Version von „Lucretia My Reflection“.
In Hamburg posierte Miss Zombierella vor ein paar Jahren für Carlos Kella und seinen „Girls & Legendary US Cars“-Kalender.
Am Abend des folgenden Tages kam Hilfssheriff James Osterberg über die Eselsbrücke in die Stadt geritten. Der Mann, den sie Iggy Pop nannten, dutzendmal geteert und gefedert, der Mann, der wußte, daß man alle Ausgänge kennen muß, bevor man durch den Eingang geht. Lang hatte er Blaßgesichtern das Feld überlassen; jetzt war er zurückgekehrt, um erneut seinen existentialistischen Halsbrecher-Report über die Bretter gehen zu lassen und die Anatomie zu schinden wie kein zweiter, den sehnigen glänzenden Gauklerkörper – man konnte sagen, dieser Körper hatte Charakterstärke – versehen mit einer rituellen Zeichnung: Narben all der Wunden, die der Mann sich zugefügt hatte in Zeiten, als die Frage „Was ist das Problem, James?“ einen konvulsivischen Anfall zur Antwort bekam, begleitet vom Metallgewitter der drei bösen Stooges, weil das Problem war, daß man für das Leben ein zweites Leben als ständigen Kurort gebraucht hätte. Well, Leute. Intensität fängt irgendwann zu brennen an. Allen, die es wissen wollten, erklärte der Mann den Grund für seinen langen Rückzug: er hatte seinen Selbstrespekt verloren. Er hatte eine völlige Neuordnung seines Lebens vorgenommen. Er hatte die Selbstauflösung angehalten und im eigenen mentalen Irrenhaus die Rolle des Platzanweisers übernommen. Eine kopernikanische Wende. Wenn man sich selber ständig in die Quere kommt, hilft ein innerer Amoklauf. Sich nichts mehr vormachen und nichts mehr mitmachen, was man nur durchmacht. Siedende Wahrhaftigkeit aushalten, einem einfachen und starken Sinn zuliebe. „Ich wollte herausfinden“, sagte der Mann, der schon alles gesehen und in der Hölle die Asche zusammengefegt hatte, „ich wollte herausfinden, was ein Liter Milch kostet.“
Das hatte es in sich. Die Würde in diesem Satz! Das ließ den Spiegel der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu Bruch gehen. Das gab Sachschaden. Das warf Scheinwelt und Fassaden in den Orkus. Ein Mantra gegen faulen Zauber und Staffage. Vordringen zum wahren Jakob. Herausfinden, was ein Liter Milch kostet. Ein Kôan war das.
Und dann sagte der Mann noch etwas. Er sagte: „Es mußte getan werden, also tat ich es.“ Gott selbst hätte es nicht besser ausdrücken können.
An einem Abend im Dezember konnten Leda und Aljoscha miterleben, was geschieht, wenn Iggy Pop ein paar Bühnenbretter vorfindet, und die Meute, der sie angehörten, wußte, was sie dem Mann schuldig war. Vier Helfershelfer schufen einen Klangwall, auf dem Pop wilde Zeichen machte wie Pierrot auf Glatteis. Er holte das letzte aus sich heraus, und so herausgeholt sah das letzte noch viel besser aus. Der Genosse Osterberg, er lebe hoch, hoch, hoch! Von diesem Schauspiel würde man noch Jahre zehren, und Aljoscha fühlte sich nach dem Konzert so erquickt wie ein Spatz nach einem Sandbad.
Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“
Wie kann ein Mensch in das, was er an der Welt liebt, nicht „The Idiot“ und „Lust For Life“ inkludieren? Eine Welt, in der diese beiden Platten gar nicht vorkommen, ist das überhaupt eine Welt? „I love those records so much“, läßt Josh Homme die Katze aus dem Sack, als 2013 „… Like Clockwork“ erscheint. Schon 1995 A.D. sind es diese beiden Werke von Iggy Pop, die Homme zur Offenbarung gereichen, mit dramatischen Folgen: auf der Stelle löst er Kyuss auf und gründet die Queens of the Stone Age.
Iggy Pop wiederum erklärt 2016 die Queens of the Stone Age in ihrer Mischung aus Virtuosität, Emotionalität und Präzision zum Inbegriff von Brillanz; besonders zwei Stücke von „… Like Clockwork“, das Titelstück und „The Vampyre Of Time And Memory“, hätten ihn berührt wie seit 40 Jahren nichts.
Daß „Post Pop Depression“ die Vollendung einer Trilogie nach 39 Jahren ist, würde Gott selbst unterschreiben, wenn ihm denn sein derzeitiges Dasein als durchgeknallter Heckenschütze Zeit ließe, doch nach den erschütternden Todesfällen von Lemmy und David Bowie erschien „Post Pop Depression“ wie Ausgießung des heiligen Geistes, Rettung, Trost. Daß Iggy Pop und Josh Homme in aller Heimlichkeit zur Schöpfung schritten, und daß diese Schöpfung tatsächlich so großartig ist, wie man es sich nur hätte ausmalen können, injiziert eine Dosis unfaßbarer Richtigkeit ins zerrüttete Weltgeschehen. Homme ist ein Heiliger, und was er anfaßt, wird zu Gold. Gesegnet der Tag, an dem er begriff, daß der Absender der mittlerweile legendären SMS tatsächlich Iggy Pop mit seinem ollen Klapp-Phone war. Homme: „Mir war nur klar: Wenn mich hier jemand verarscht, werde ich ihn dafür umbringen.“
Ich war 20, als ich zwei große Lautsprecherboxen im Abstand von etwa 70 Zentimetern auf den Teppich stellte und meinen Kopf, der dazwischen lag, mit „Lust For Life“ in die Luft sprengte. Dieser donnernde Drumbeat, 72 Sekunden bis HERE COMES JOHNNY YEN AGAIN, die umwerfendsten Einstiegssekunden eines Songs ever.
UNCUT: Iggy claims ‚Lust For Life‘ was written in front of the TV in Berlin, with a rhythm copied from the tapping Morse Code beat of the Forces Network theme. Is this the case?
BOWIE: Absolutely.
Es gibt mehrere Gründe, warum der Roman „Aljoscha der Idiot“ heißt, aber ohne „The Idiot“ von Iggy Pop hätte ich ihn nie geschrieben.
SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – was lohnt es noch, zu lesen?“
September 2009
hans-werner degen:
Zweigs Dostojewski interessiert mich deutlich weniger als mein eigener…
Christian Erdmann:
„Dostojewski ist nichts, wenn nicht von innen erlebt.“ (Stefan Zweig)
einEi:
Stefan Zweig, der bekannte Schriftsteller, soll das gesagt oder geschrieben haben? Wann? Wo? Sie müssen schon mit Quellen arbeiten, sonst versteht hier keiner mehr, was das alles soll.
Christian Erdmann:
„Sehr schön. Wenn Sie zur Tagesordnung sprechen, gut und schön. Gut und schön, wenn Sie zur Tagesordnung sprechen. Fahren Sie fort.“ (Flann O’Brien)
KLMO:
Im Detail ist Dostojewski ein Meister der menschlichen Psychologie. Doch wie löst er die Problematik als Ganzes?
Seine Werke quellen über von Schuld und Sühne, Gott und Teufel, Paradies und Hölle, alles Metaphern, derer sich bevorzugt das Christentum bedient…
Christian Erdmann:
Iggy Pop, den die meisten nur als „Godfather of Punk“ kennen, ist ein sehr belesenes Kerlchen, was sich zuletzt darin ausdrückte, daß er sich von Houellebecqs Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ zu einem Album inspirieren ließ. 1993 ließ er auf seiner „American Caesar“-Platte in seiner Version des Klassikers „Louie Louie“ kurz verlauten: „I’m as bent as Dostoevsky“.
Schon 1977 durfte man annehmen, daß Iggy Pop seinen Fjodor kennt: in diesem Jahr brachte er zwei Platten heraus: „The Idiot“ und „Lust For Life“. Zwei Titel, die, zusammengenommen, Dostojewski in der Nußschale ergeben.
AS BENT AS DOSTOEVSKY
zeigt sich Iggy Pop schon auf dem Cover, das sowohl von Heckels „Roquairol“
(nicht umsonst schleppte Bowie Iggy in Berlin durch die Expressionismus-Sammlungen)
inspiriert ist, als auch jenen Bildern Egon Schieles gleicht, in denen die Verzerrung und Verdrehung menschlicher Gestalt wie der Ausdruck des Fehlens jeglicher inneren Ausgewogenheit wirkt. Isoliert wirkende Gestalten – die Journalistin Kerstin Bode betitelte einen Artikel über Iggy Pop mal mit „Isolierter Sprengsatz“ und spricht von seiner „grausamen Einzigartigkeit“ –; Gestalten, die Schiele in „kompromißloser Selbstentäußerung“ (Erwin Mitsch) aufs Blatt bringt, und über die Mitsch sagt: „Die organische Einheit des Körpers … wird zerrissen in einander widerstrebende und bekämpfende Teilstücke. Sie werden Spiegelbild und sichtbarer Ausdruck innerer seelischer Kräfte und Vorgänge.“
Iggy Pop „dehnt/biegt und krümmt seine Gliedmaßen zu Formen, die dem Gravitationsgesetz trotzen. Freiübungen eines Ballettänzers, der an der Starkstromleitung hängt.“ (Harald InHülsen, ca.1980).
Qual/Schmerz/Lust/Erregung.
Eines von Schieles Selbstbildnissen trägt den Titel: „Ich liebe Gegensätze“.
Werner Theurich, den Hiesigen eher als „sysop“ bekannt, schrieb nach einem Konzert von Iggy Pop in „Knopf’s Music Hall“ (heute Docks), bei dem ich auch zugegen war, über den „ewigen Märtyrer“ (Zitat Theurich): „Nicht zu reden von Iggy Pops offensiven Bühnenshows, die über das Publikum hereinbrachen, mit denen Iggy sich auslieferte, Angst machte und immer um den vollen Einsatz spielte.“
Iggy Pop im Sommer 1979:
„Ich habe gerade in der Herald Tribune eine Geschichte über den Nuklearen Endkampf gelesen; weißt du, was Bowie machen würde? Er schlägt seine Landkarte auf, sieht nach, wo die Bombe explodieren wird, steigt sofort ins Flugzeug und begibt sich an einen sicheren Ort, vielleicht Argentinien. Ich werde genau das Zentrum raussuchen, wo die Bombe aufschlägt, denn ich will es fühlen, genau da! Die Hitze spüren, den Schmerz!“
Poetische Übertreibung, vielleicht.
Brocken aus Stefan Zweig über Dostojewski:
„Von jeder seiner Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des Irdischen, hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz seiner Menschen liegt die ewige Nacht und glänzt das ewige Licht … Wer viel von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm … die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden …
…Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski und seinem Schicksal … Alle Konflikte spitzt es ihm schmerzhaft zu, alle Kontraste dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft auseinander … Amor fati, die hingegebene Liebe zum Schicksal, die Nietzsche als das fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in jeder Feindlichkeit nur die Fülle fühlen, die Heimsuchung als Heil … Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des Erlebnisses verliert das äußere Schicksal gänzlich seine Herrschaft … Triumph des Menschen über sein Schicksal, eine Umwertung der äußeren Existenz durch die innere Magie … hat auch das Glück seiner Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit, sondern es flimmert und brennt wie Feuer … Nie war vor ihm die Gegensätzlichkeit des Gefühles ähnlich weit aufgerissen, nie die Welt so schmerzhaft weit gespannt wie zwischen diesem neuen Pol der Ekstase und Zernichtung, die er jenseits aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt hat … leidenschaftlicher Bejaher seines Schicksals … Dostojewski provoziert im Glücksspiel das Schicksal: … was er ihm abgewinnt, ist äußerster Nervenrausch, tödliche Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl … Er will unendliches Leben. Und Leben ist ihm einzig elektrische Entladung zwischen den Polen des Kontrastes … Seine Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine Norm, sondern einzig auf Intensität … Lust (zeugt) das Leiden und das Leiden wieder Lust. Ewig berühren sich die Gegensätze … Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein zwiespältiges Schicksal, amor fati ist darum Dostojewskis letztes und einziges Geheimnis, der schöpferische Feuerquell seiner Ekstase. Eben weil das Leben ihm so gewaltig zugemessen war, weil es ihm Unermeßlichkeiten des Gefühles im Leiden auftat, hat er das grausam-gütige, göttlich-unverständliche, ewig unerlernbare, ewig mystische Leben geliebt … Er will nicht wie Goethe zum Kristall erstarren … sondern Flamme bleiben, selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich sich neu aufzubauen, ewig sich wiederholend, aber immer mit gesteigerter Kraft und aus gespannterem Gegensatz. Er will nicht das Leben meistern, sondern das Leben fühlen … Und nur so, als der „Gottesknecht“, als der Hingebendste aller, konnte er der Wissendste alles Menschlichen werden … Seine Helden … sind nicht friedlich eingeordnet in unsere Welt, überall reichen sie mit ihrem Empfinden bis zu den Urproblemen hinab … Sie wollen gar nicht in die Realität hinein, sondern von allem Anfang an über sie hinaus … Sich selbst wollen sie fühlen und das Leben, aber nicht dessen Schatten und Spiegelbild, die äußere Realität, sondern das große mystische Elementare, die kosmische Macht, das Existenzgefühl … jenes ganz urhafte Gelüst, das nicht Glück will oder Leid, die schon Einzelformen des Lebens sind …, sondern die ganz einheitliche Lust …
… Sie wollen das Leben weder erlernen noch bezwingen, gleichsam nackt wollen sie es bloß fühlen und fühlen als Ekstase der Existenz.“
Wersilow und Katharina in „Der Jüngling“, kurz vor dem Ende:
„Ich weiß, ich weiß, Sie sahen, daß Sie das nicht fanden, was Sie brauchten, aber… was brauchten Sie denn? Erklären Sie mir das noch einmal…“
„Habe ich Ihnen das denn schon einmal erklärt? Was ich brauche? Ja, ich bin doch eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe… ich liebe heitere Menschen.“
„Heitere?“
Die Verständnislosigkeit, mit der Wersilow das wiederholt: „Heitere?“
Nochmals Stefan Zweig über die Figuren Dostojewskis:
„Glücklichsein ist ihnen gleichgültig, Zufriedensein ist ihnen gleichgültig, Reichsein eher verächtlich als erwünscht. Sie wollen nichts von all dem, diese Seltsamen, was unsere ganze Menschheit will. Sie haben den uncommon sense… sie wollen alles. Und alles ganz stark. Das Gute und das Böse, das Heiße und das Kalte, das Nahe und das Ferne.“
Wissen, daß man verdreht ist, verzerrt, daß man scheitert, sich in (scheinbaren) Widersprüchlichkeiten zerreißt, daß man ein Idiot ist, ewiger Märtyrer, daß man sich selbst fast zugrunderichtet mit der Empathie, dem „unendlichen Mitleiden“, mit dem Versuch, panoramisch zu sein, und bei alldem ICH LIEBE GEGENSÄTZE die Wurstmacher Wurstmacher sein lassen und dort Schätze finden, wo andere ums Verrecken nichts erkennen, wissen, daß man die Einheit noch in den vertracktesten Ambivalenzen aufspüren kann, und in alldem nichts fühlen als das Leben selbst: das, lieber KLMO, ist für mich bei Dostojewski viel wichtiger als „all die Metaphern“, weil am Ende all dessen nicht sinnlose Liebe zum Exzeß steht, sondern: Lust for Life.
Iggy Pop, David Bowie, Tony Visconti – drei der an „The Idiot“ Beteiligten hatten Dostojewskis „Der Idiot“ gelesen.
David Buckley nennt „The Idiot“ „a funky, robotic Hellhole of an album“.
Komplett abgestürzt und ausgelaugt durch die Selbstzerstörungsorgie der Stooges, die sadomasochistischen Energien ihrer Musik, die Drogenexzesse, den Nihilismus und die Torturen an Leib und Seele steht Iggy Pop schließlich vor den Türen einer Anstalt. Zu den wenigen Besuchern in der Neuropsychiatrie zählt David Bowie. Im Frühjahr 1976 nimmt er Iggy als Begleitung mit auf seine Station To Station-Tour durch Europa, surreal schöne Fotos entstehen, Bowie und Iggy in Touristenpose auf dem Roten Platz oder im Moskauer Metropol-Hotel.
Im Juli 1976, der Umzug nach Berlin läuft, beginnen Bowie und Pop im Château d’Hérouville mit den Aufnahmen zu „The Idiot“. Das sexy Höllenloch öffnet sich mit „Sister Midnight“.
Wie Bowie und Iggy Pop bei diesem Sound angekommen sind, bei dieser glorios hypnotischen strangeness, bleibt Geheimnis. „Damn, listen to what Dennis Davis is playing on ‚Sister Midnight‘ … it’s insane!“ (Iggy, 2016). Können vor Schaudern. Selbst jeder Schlag auf die crash cymbal wird von Dunkelheit verschluckt. Die brutale Insistenz, mit der das irreguläre Funk-Riff von Davis / Murray / Alomar und Iggys furchterregende Stimme Sister Midnight bearbeiten, ist betäubend. Dazu eine Gitarre, die den Mond anheult oder eine Jungfrau zersägt. Brian Eno über „The Idiot“: als würde man langsam einbetoniert.
„Calling Sister Midnight / I’m an idiot for you“. Beep.
„So as we were working on Sister Midnight, David was playing, and I was trying to tune the sound using a compressor to get a nice distortion. As I turned an equalization button on the desk, I got a sudden noise, like a ‚bip‘. I saw David, with the headphones on, startled in his chair. But he didn’t stop playing. When he came back to the control room, he asked me ‚What was that noise?‘ I told him that I made a mistake on the desk. We listened to the tape. The ‚bip‘ was clearly distinct. ‚It’s nice! We’ll keep it. ‚“ – Laurent Thibault, Schloßpächter und house engineer im Chateau d’Herouville.
Letzte Nacht unten im Labor, mit Dracula und seiner Crew. Das Album ist creepy. Kalte Dunkelheit, zwielichtige Dekadenz, expressionistische Verzerrung. Was ist, wird Obsession. „Low“ erschien zuerst, aber „The Idiot“ entstand zuerst und war Bowies Testgelände. Bowie inspiriert Iggy zu Gesang in bedrohlich tiefem Bariton, ghoulish zuweilen. Iggy: „I was working on the lyrics to ‚Funtime‘ and he said, ‚Yeah, the words are good. But don’t sing it like a rock guy. Sing it like Mae West.'“ Er entpuppt sich als verdammt guter Sänger. Iggy erhebt sich sinister majestätisch aus seiner Gebrochenheit, über postapokalyptischen Soundscapes, über Rhythmen, die, funky & robotic, einen ominösen Glamour in Bewegung bringen, und, vor allem, über all die Spuren von Verzerrung, die Bowie in die Musik legt. Zweig über Dostojewski variierend ließe sich sagen: von jedem Moment auf „The Idiot“ führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des Irdischen. Ich meine mich zu erinnern, daß ein Journalist mal schrieb: ideale Musik für eine Auspeitschparty.
Für den Nine Inch Nails-Song „Closer“ modifiziert Trent Reznor ein Drum Machine-Sample aus „Nightclubbing“. Die sleazy cabaret-Elemente von „Nightclubbing“ verleihen das Gefühl, vampirhaft, like a ghost, durch die gespenstisch ausgeleuchteten Korridore und Hinterzimmer eines mysteriösen Etablissements zu schleichen, in dem unaussprechliche Dinge vorgehen.
Funtime:
„Almost immediately, the listener is greeted by a zombie-like, dissonant chorus: ‚All aboard for funtime‘. … The guitar on the first bridge starts with an off-note, but it’s kept as it is part of the dissonant mood. During the bridges … the listener feels helpless as if he/she is strapped into some kind of horror show carousel that is careening out of control.
This out of control feeling and ever present dissonance on this song makes the listener feel that something very UN-fun is actually happening and this is the main thrust of ‚Funtime‘. The juxtaposition of ‚Fun‘ and ‚Funtime‘ with the aggressive subject matter, monster references, leering sexual content and terrifying soundscape leaves the listener not with feelings of irony but unease.“ (Bradley Banks)
In den ersten Sekunden hört man etwas, das wie leises Schluchzen klingt, vermutlich gluckst Iggy vor dem vocal take einfach in sich hinein, aber die Atmosphäre ist von Anfang an beunruhigend. Bowies Gitarre, die vom falschen Akkord hochrutscht, lutscht sich Energie von Deinen Knochen, aber das ist Dir im Labyrinth der darkrooms jetzt ganz recht.
Eine der traurig schönen Traumpuppen da unten ist Baby, und der Sänger erklärt ihr: die Welt ist immer ungerecht. „I’ve already been down the street of chance“. Please stay clean, please stay young, Iggy singt, als wolle er alle gleichzeitig hypnotisieren, Baby und die Dämonen, die es auf die Unschuld abgesehen haben. Bei 0:47 hört man einen Lautfetzen, der sich gerade noch als Bowies Stimme identifizieren läßt, wie aus dem Nebenraum des Songs, in dem sinistre Voyeure den lullaby sardonisch kommentieren.
Zwischen „Funtime“ und „China Girl“ hat „Baby“ es nicht leicht, aber wenn man den Song, sagen wir, 10mal nacheinander hört, bekommt man ein Gespür dafür, wie er der winterlichen Schneelandschaft gleicht, in der Iggy auf dem Coverbild die „Roquairol“-Pose nachstellt. Das absteigende Motiv, das Hit The Road Jack-Sachlichkeit vortäuscht und doch nur in schiere Unheimlichkeit getaucht ist, eine Landschaft, die man grimmig durchwandert, Fäuste in den Jackentaschen.
„China Girl“, Amoklauf von Liebeslied, allesverzehrende Leidenschaft, die Bilder von eskalierender Herrschaftsphantasie und Vernichtung produziert, während Taumel und Wahnsinn sich steigern bis zu drohender Selbstentleibung. „China Girl“ fängt nicht einfach an, „China Girl“ entlädt sich, mit der Hoffnung auf escape, mit ihr, ohne sie ein Wrack, Iggy klingt verletzlich, fragil, I’d feel tragic like I was Marlon Brando, dann eskaliert der bedrohliche Unterton, wird manisch bei „It’s in the white of my eyes“, Iggys Stimme „distorting the microphone preamplifier“ (Tony Visconti), und wen zwingt das nicht auf die Knie: „And when I get excited, my little China Girl says ‚Oh Jimmy just you shut your mouth. She says, Sshhh…“ Und dann ist er tatsächlich still, und dieses unfaßbar dramatische Ende nimmt seinen Lauf, Synthesizer mit Streicher-Grandeur, Bowies Saxophon glüht durch den dichten Mix, dann die gleißenden Gitarrenlinien, dann färbt sich die Sonne blutrot.
Weihnachten 2013 war Iggy Pop zum ersten Mal mit einer eigenen Radioshow auf BBC 6 Music zu hören, seit 2015 führt er als „atmospheric bartender“ regelmäßig durch den Abend, läßt uns teilhaben an seinem Gefühl für die Schönheit und Bedeutung der Songs, die er spielt, läßt uns wissen, falls wir es vergessen hatten, daß sie so viel mehr sind als nur Songs, und das Wunderbarste daran: wie er, der Godfather of (you name it), dabei Dankbarkeit und Demut durch den Äther schickt. Mit ähnlichem Gestus erklärt er 2016, der beste Teil von „China Girl“ beginnt
„when I shut up. There is a beautiful guitar line that David wrote. I knew it was good when we did it, but I was not able to appreciate it emotionally the way I do now. Every time I hear it, I feel all these things that have to do with coming and going. Because we all come, and we all go.“
Der verzerrte fernöstliche Klang, den Bowie auf „China Girl“ produziert: ein Spielzeugklavier, das Laurent Thibaults 8jähriger Tochter gehörte. Der Text würde auch Sinn ergeben, wenn „China Girl“ eine Metapher für Heroin wäre, aber die Dame, die den Song wesentlich inspirierte, war eine Vietnamesin namens Kuelan Nguyen.
Am Ende des Songs ist mir immer, als hätte ich Abschürfungen. An der Seele. Manchmal brauche ich die Pause, die das Vinyl der LP danach gewährte, immer noch.
Für „Dum Dum Boys“ spielt Bowie sich die Finger auf der Gitarre blutig, dann läßt er das Riff, das Synapsenverbindungen im Hirn herstellt, die ziemlich sleazy sind, Note für Note von Phil Palmer nachspielen (dem Neffen von Ray & Dave Davies). 7-Minuten-Ode an Aufstieg und Fall der coolen, bösen Gang, in der Iggy die Verachtung der Stooges für den Rest der Welt beschwört und ihre Geschichte damit zum Mythos macht. Siouxsie, die Edle, die später Iggys „The Passenger“ für ein Cover-Album auswählt, beschrieb „The Idiot“ als „re-affirmation that our suspicions were true: the man is a genius.“ Tatsächlich klingt „The Idiot“ geradezu absurd anders als alles andere. „The Idiot“ steht schief zur Welt, auf Trümmern, die noch rauchen.
Der Tag bricht an und du willst nicht leben, „‚cause you can’t believe in the one you’re with“, die Tricks und die Vergangenheit, der Verlust einer Unschuld, die dann auch die junge Unschuld nicht zurückbringt. „Tiny Girls“ – ah what did you think. Über der dunklen Textur spielt Bowie das wunderschönste, coolste und zugleich wehmütigste Solo auf einem Plastiksaxofon für Kinder.
Auf die Desillusionierung von „Tiny Girls“ folgt die epische Verheerung von „Mass Production“.
„I have no idea how Bowie and Pop achieved the song’s unique sound; I suspect Alomar and a synthesizer are running the show, especially during the sublimely weird instrumental passage which makes you feel like you’re on the floor of the ocean in a doomed submarine that is sending out an SOS.“ (Michael H. Little, 2016).
Dave Catching (QOTSA, EODM, Herz des Rancho de la Luna): „It sounds like they were detuning the synths too, and it always puts me in a trance whenever I listen to it.“
8 1/2 Minuten Trance.
„The first thing you hear on ‚Mass Production‘, the eight-minute industrial horror movie that finishes off The Idiot, is a synthesizer fading in, like a machine drawing breath; it’s suddenly confined to the right channel, where it now drones a single note, like a foghorn, and it’s answered by four piping notes in the left channel, a mechanical birdsong that repeats through much of the track (though often drowned in the mix). Dennis Davis‘ drum fill kicks the song into a semblance of life, and Iggy Pop appears, sounding like a man holding a hostage.“
„Mass Production“ – „is far from any sort of triumphal Futurism; there’s no nobility of the machine found here, just a nihilistic realization that even the cold promise of machinery is a lie. If ‚Mass Production‘ has a visual analogue, it’s David Lynch’s street sets for Eraserhead: a city seemingly purged of human beings and reduced to abandoned train tracks, lifeless tenements and an encroaching darkness.“ (Pushing Ahead Of The Dame)
Leben als industrielle Massenproduktion, Lyrics, in denen ein Mädchen nach der Nummer eines Mädchenduplikats gefragt wird, Austauschbarkeit und Leere und trotzdem ein seltsamer Reiz: Iggy Pop sprach immer fasziniert von der Schönheit verfallender Industriekultur. Das fadeout von „Mass Production“ post-alles, der Song geht unter in grauer endloser Ferne und otherwordliness, letzte Atemzüge of everything, devastating und – unerklärlich schön.
G. Starostin: „Sometimes the noises get really ugly but then again it’s mass production“. „Das ist ja schrecklich! Wie das leiert!“ rief Leda eines Abends bei besagter weird instrumental passage, und es war einer dieser Momente: „Aljoscha sah, wie an einer entscheidenden Weiche ein schwerer Hebel umgelegt wurde, von einem Mann, der sein Gesicht im Schatten der Hutkrempe verbarg.“
„Though I try to die / You put me back on the line / Oh damn it to hell / Back on the line / Hell, back on the line / Again and again / I’m back on the line“.
„The Idiot“ war das letzte, das Ian Curtis in seinem Leben hörte. Für mich war in Phasen tiefster Verzweiflung, Entfremdung und Verachtung „The Idiot“ ein Teil der Mythologie, die zu Auferstehung rief. „The Idiot“ sagt: If you lived through this, you live through everything. Tief im Herzen dieser desolation liegt a new conviction.
„The Idiot“ und „Lust For Life“ bedeuteten auch: die Götter sehen diesem Mann zu in stiller Bewunderung I’M AN EASY MARK WITH MY BROKEN HEART „Ein permanenter Versuch, die Verbindung zwischen dem brodelnden Inneren, der Irrationalität / dem eigenen Irrenhaus und der (er-)wartenden Außenwelt herzustellen“ I STAND ON THE WORLD’S EDGE wer sonst ist mit mir AND I RIDE AND I RIDE smiles like a reptile HERE COMES MY FACE IT’S PLAIN BIZARRE ich fotografierte das „Lust For Life“-Cover und vergrößerte es für meine Wand, „a beaming, slightly mad-looking Iggy shot in a dressing room during the March ’77 UK tour. It’s the face of a man ready to harangue the world while he charms it“ JESUS? THIS IS IGGY ein Gesicht, aus dem man Handlungsmaximen ableiten kann THINGS GET TOO STRAIGHT I CAN’T BEAR IT selbstverständlich ist er 1977 die schönste Kreatur auf Erden I SEE THE STARS COME OUT OF THE SKY „immer auf der Suche nach der Möglichkeit, nach dem Weg, das eigene Geschick unter Kontrolle zu bekommen“ ALL OF IT WAS MADE FOR YOU AND ME „Ich weiß nichts, was ähnlich wäre wie diese Stimme. Ich denke, daß es die einsamste Stimme der Welt ist.“ (Dirk Scheuring, SPEX 1986) I’M TRYING TO BREAK IN OH I KNOW IT’S NOT FOR ME ein Märtyrer, der sich nach Liebe und Anerkennung sehnt CALLING SISTER MIDNIGHT I’M A BREAKAGE INSIDE sein Plan für später: wiedergeboren werden als schwarzer Pudel und an den Beinen der Mistress hochspringen CALLING SISTER MIDNIGHT YOU’VE GOT ME REACHING FOR THE MOON.
„I just want to say that the most provocative friend of my adult life has been David Bowie and he has absolutely opened vistas to me where I have been able to assimilate information that has allowed me to survive and also to enjoy the world I’m in a lot more…“ – 1988
1976 pflegen Bowies Tourmusiker Iggy Pop am Frühstückstisch anzutreffen, wie er beim Kaffee mit Brille auf der Nase die politischen Kommentare europäischer Zeitungen studiert. Der Mann, der am Ende einer Nacht exzessiven Konsums in Berlin von einer Telefonzelle aus, in die irgendein Witzbold ihn eingeschlossen hat, die Polizei anrufen muß, um sich befreien zu lassen, war immer einer der Intelligentesten der Delinquenten. The world’s forgotten boy ist ein Informationsassimilator mit einem enzyklopädischen Gedächtnis für Kunst und Geschichte, einer, der Bücher als Freunde betrachtet, in einem Interview 1999 zählt er als letzte Lektüre auf: Charles Dickens, Voltaire, Victor Hugo, Marquis de Sade. „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ von Edward Gibbon ist eines seiner Lieblingswerke; sein leidenschaftliches Interesse an Römischer Geschichte lebt er 1993 auf dem Song „Caesar“ als „Throw them to the lions“-Imperator aus. Römisch an ihm ist vor allem die Mischung aus Primitivismus und refinement.
Geschichte als Weg aus dem gefängnishaften Zeitgenössischen. Iggy Pop sammelt Stühle. Zu seiner Kollektion gehören ein Louis Seize-Stuhl und ein normannischer Thron. Er begann ein intensives Verhältnis zu Stühlen zu entwickeln, weil ihm lange Zeit nichts gehörte – seine Plattenverkäufe standen in gotterbärmlichem Gegensatz zu seinem Ruf -, und weil es ein gutes Gefühl war, wenigstens auf einem Stuhl sitzend sagen zu können: „Das Fernsehen blökt mich an, und die Leute betonieren alles zu und treiben mich verdammt nochmal in den Wahnsinn“, aber dies ist mein Reich. Weltherrschaft ist Herrschaft über die eigene Welt, you see.
Indianischer Gesang, Schamanentrommeln, dann hebt sich der Vorhang für die Band in leuchtend roten dinner jackets im Sixties-Stil – und für den donnernden Beat. Nach einer Minute „Lust For Life“ kündigt Josh Homme ihn an: „Ladies and Gentlemen, Mister Iggy Pop!“ Die Antwort auf Iggys Erscheinen ist ungezügelte, manische Turbulenz. Sollte es die letzte Tour des Iggy Pop sein, dann ist sie ein würdiger Triumphzug. Vor diesem Abend habe ich Iggy Pop 5 x live gesehen, und es war jedes Mal nicht nur ein denkwürdiges Spektakel, sondern auch, siehe ganz oben, eine Art Anleitung zum Himmelssturm. Diese Band aber spielt / zelebriert die Songs von „The Idiot“ und „Lust For Life“ genau so, wie sie live klingen müssen, wenn man diese beiden Platten über alles liebt. Josh Homme genießt seinen Part als Hofzeremonienmeister wie ein Schneekönig, der seine süßeste Fantasie auslebt, zusammen mit Troy van Leeuwen, Dean Fertita, Matt Sweeney und Matt Helders reproduziert er den vibe all dieser Songs getreu und punktgenau, zwangsläufig schütteln sich ein paar Elemente aus dem Queens of the Stone Age-Hexensabbat aus dem Handgelenk – Killerversionen der Originale mit Queens-Stempel, ein verdammter Traum. Iggy kracht nicht mehr von allen Seiten durch die Bühnenbretter, doch der ungezähmte Genius seiner Five Foot One macht Lust For Life zum Thema dieser Nacht und aller Nächte wie noch nie zuvor. Eine so überwältigte Freude bei allen, auf der Bühne und davor, alle komplett betäubt und euphorisiert. Als wisse tatsächlich plötzlich die ganze Welt, was sie diesem Mann schuldig ist, und als wäre die Welt überglücklich, es ihn wissen zu lassen. Das Feingefühl, mit dem Josh Homme Bowies Präsenz in die Musik von „Post Pop Depression“ eingearbeitet hat, abwesende Freunde sind anwesend heute nacht, „China Girl“ wie ein ergreifender Salut. „David’s friendship was the light of my life. I never met such a brilliant person. He was the best there is.“ – Iggy Pop 11:00 AM – 11 Jan 2016.
„FUUUUCK! BLESS YOU!“, „WHOU! WHOU! FUCKING HELL!“, er winkt jeder einzelnen Seele zu, vor „Funtime“ läßt er Boxen näher an das Publikum schieben, damit er springen kann. Bei „Fall In Love With Me“ teilt er das Meer und wandert durch den ganzen Saal. Michael Ruff, 1987: „Für Iggy Pop sind Konzerte in Hamburg seit jeher ein Heimspiel – unvergessen die kaum zu kontrollierende Begeisterung bei seinem ersten Hamburg-Auftritt vor zehn Jahren.“ An diesem Abend kulminiert die gegenseitige Zuneigung in ganzer Schärfe, Schmerzlichkeit und Schönheit. He is the best there is.
Brust in Brand setzen, Instinkt, Verletzlichkeit, Scheitern, Würde, childlike flashes of excitement, Triumphieren on your own terms. Seine Musik / sein Leben war immer eine Antwort auf die Frage, wie man mit der Welt koexistiert. Die ganze Geschichte des Iggy Pop gewährt einen Blick ins Wesen des Menschseins, für den ich endlos dankbar bin. Sagte ich endlos? Auf „Post Pop Depression“ sind Sterblichkeit und Endlichkeit nichts Unwirkliches mehr. Beliebter Schreibfehler hierzulande: „Zum Todlachen“. Das Todlachen, ich hörte es auch schon. Es klingt raffelnd, rasplig, geschrotet, dann schaumig. Dann so, als hätte er glühende Kohlen mit dem Löffel gefressen, dann wieder scharfkantig, gezackt, durchbohrend, Schnitzmesser spuckend. Manchmal abgearbeitet, schachmatt. Vaterlos, mutterlos, gottverlassen. Dann dieses Lachen, das an Jahren zunimmt, während er es lacht, bis es vergreist, vereist, zerklirrt. Zum Todlachen. Nein, ich gehe vorerst nicht dahin zurück. CALLING SISTER MIDNIGHT CAN YOU HEAR ME CALL CAN YOU HEAR ME WELL CAN YOU HEAR ME AT ALL.
Setlist
Lust For Life Sister Midnight American Valhalla Sixteen In The Lobby Some Weird Sin Funtime Tonight Sunday German Days Gardenia Nightclubbing The Passenger China Girl
Encore:
Break Into Your Heart Fall In Love With Me Repo Man Baby Chocolate Drops Paraguay Success
„Mass Production“ was not played due to keyboard difficulties
„It’s endearing and almost childlike, just the way he looks at the world with those big eyes.“ – Nina Alu, 2003
Eines der Newtonschen Grundgesetze der Bewegung lautet: wenn die Queens of the Stone Age in der Berliner Zitadelle spielen, erscheint am Nachthimmel ein sensationeller Vollmond. Der schwebt über der Renaissancefestung, als wolle er unbedingt in Spuckdistanz zur Größe bleiben. So war es 2010, und so ist es in dieser Nacht, in der Josh Homme sagt, daß Schluß ist, wenn Josh Homme sagt, daß Schluß ist. Und jedes Mal sagt Josh: Look at that moon. Eine reine Kausalkette. Vor „…Like Clockwork“ erklärt er: „We’ve been to a lot of places all over the world, this is one of my favourite places to play“, und man glaubt es ihm. „It’s such a beautiful night.“
Der Abend beginnt mit den Virginmarys, deren Sänger, er heißt Ally, euphorisch mitteilt, sie kämen aus Macclesfield, was, an Allys Akzent unschwer zu erkennen, nicht weit von Manchester entfernt ist. Ein echter Maxonian würde mir dafür natürlich einen Möbelladen auf den Kopf hauen. Das Trio klingt angenehm schmutzig, passend zum Staub, der sich in der Zitadelle auf die Schuhe legt.
Dann wollen wir niederknien, denn nun kommt der legendäre Chris Goss. Die Masters of Reality und die Queens of the Stone Age an einem Abend sehen zu dürfen, das ist so, als ob einem Hardcore-Katholiken das Papamobil über die Füße fährt. Eines der Newtonschen Grundgesetze der Bewegung lautet: wenn die Queens of the Stone Age in der Berliner Zitadelle spielen, ist Dave Catching auch da. Irgendwie. 2010 ging er mit sanftem Lächeln, ein Rucksäckchen auf dem Rücken, an uns vorbei den Weg zur Zitadelle hoch, als wir auf den Einlaß warteten, wurde dann aber nur noch in den Kulissen gesehen, wie er Photos machte von Alain Johannes und den Steinzeitköniginnen. Auch schön. Viel besser aber: nunmehr mit Hut und ZZ Top-Bart ausgestattet an der Gitarre bei den Masters of Reality. Als Intro gibt eine roboterhafte Stimme geschlagene 5 Minuten lang kryptische Outer Space-Mitteilungen von sich, und man hat an sich schon den Verstand verloren. Dann kommt Catching, und dann ER. Schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, Satanistenbart, der Anton La Vey der Stromgitarre, der Godfather des out of whack Rock, ultracool, bad-ass, imposant, zuckersüß: „Hello children, how are you?“ John Leamy Schlagzeug, Paul Powell Bass, Mathias Schneeberger Keyboards. Tilt-a-Whirl / Swingeroo Joe, Third Man On The Moon, High Noon Amsterdam, Domino, Deep In The Hole, Doraldina’s Prophecies und Zeugs. Außerdem hebt Goss sein Glas darauf, daß „… Like Clockwork“ umgehend auf # 1 der Billboard 200 Chart geschossen ist: „That’s how you do it, Baby.“
Birgit Fuß schreibt in ihrer Besprechung von „…Like Clockwork“ über Josh Homme: wenn seine Alben nach 45 Minuten zu Ende sind, sitzt man immer verdutzt da. Verdutzte Birgit sitzt hübsch im Je ne sais quoi: „Das Faszinierende an Josh Hommes Musik war schon immer, dass man nie genau weiß, was er da eigentlich macht.“ Eine „kaleidoskopische Wundertüte, unfassbar und unberechenbar“, in der sie unter anderem „zappeligen Surrealismus“ erkennt. Einem Rezensenten bei amazon fällt für die Musik der Queens of the Stone Age ein Gleichnis ein: das edelste Hotel am Platz, aber mit halsbrecherischer Drehtür.
„… Like Clockwork“ ist, wie ja nun bekannt, „die Audio-Dokumentation eines manischen Jahres“ (JH) und überhaupt all der Wirren und Tiefschläge seit „Era Vulgaris“, diesem Ungeheuer, das komplex ist sexy zischt. Nach extensivem Touren bis zum Sommer 2008 folgt down time für QOTSA; Josh Homme reaktiviert die Supergroup-Idee mit Dave Grohl und John Paul Jones als Them Crooked Vultures für Album und Tour, Troy van Leeuwen gründet (mit seiner hinreißenden Herzensdame Serrina Sims) Sweethead, Michael Shuman die Mini Mansions, Joey Castillo schließt sich den Eagles of Death Metal an, Dean Fertita kommt bei Jack Whites The Dead Weather unter.
Die Erschütterungen beginnen mit dem Tod von Natasha Shneider im Juli 2008. Zwar geben QOTSA auch 2010 und 2011 Konzerte im Zuge der Neu-Editionen von „Rated R“ und des Debutalbums von 1998, aber der Schnitter bittet nochmals zum Stelldichein. Eine Knie-Operation, ein Herzstillstand im Oktober 2010. Josh Homme ist kurzzeitig tot. „I woke up and there was a doctor going, ‚Shit, we lost you.‘ I couldn’t get up for four months. When I did, I hadn’t got a clue what was going on.“
Dunkelheit breitet sich aus, Homme versinkt in tiefe Depression. „I would never say, ‚I’m probably not gonna make it out of here.‘ But back then, I would definitely think it.“ Das Gefühl, ein Teil von ihm ist noch nicht wieder anwesend, verschiebt alle Wahrnehmungen.
Van Leeuwen, Castillo, Shuman und Fertita ermutigen Homme, zur Band zurückzukehren und ein sechstes Studioalbum in Angriff zu nehmen, aber der Weg führt durch dichten Nebel: „I had to ask them, ‚If you want to make a record with me right now, in the state I’m in, come into the fog. It’s the only chance you got.‘ It brought us much closer, because you never really know someone till everything goes wrong.“
Der erste Song, den Josh Homme aus dem Dunkel holt, ist „The Vampire Of Time And Memory“: „I hated it. I thought, ‚Who wants to hear this?‘ Then Brody reminded me, ‚Who fucking cares?‘ You got to start somewhere and the bottom can be a really great place.“
Die Genesis von „… Like Clockwork“ bleibt jedoch, vorsichtig ausgedrückt, schwierig; der ironische Albumtitel verweist auf Schiefgehen wie geschmiert. Während der Aufnahmen kommt es zur abrupten Trennung von Joey Castillo. Gründe liegen noch im Dunkeln. Dean Fertita: „Yeah, we were maybe about a third of the way in, so there was still a lot of work to do. That was an emotional thing for us – we love Joey to death.“
Mit den Konzerten von 2011 hatte Homme versucht, Muse und Mission wiederzufinden: „I really wanted to make almost like a trance blues James Brown record, but that just wasn’t there for me. I was hoping that playing the first record would really inspire me and make me fall in love with music again. But I think I was just lost, looking for something in the dark. In that dark I found this record.“
„But in all honesty, the last couple of years of failure and anguish have been the best thing to ever happen to me. It gave me a chance to figure out what’s really important to me.“
„The undercurrent of the record is just be honest, and if something is scary, walk toward it, not away from it. There’s no other way I could have said any of what it says.“
„… Like Clockwork“ kann sich anfühlen wie ein dunkles Labyrinth. Was zählt, ist, daß man sich bewegt im Labyrinth. Eines der Newtonschen Grundgesetze der Bewegung lautet: safety equals death. Und was die „Dunkelheit“ betrifft: Troy van Leeuwen, nicht nur der bestangezogenste Gitarrist des Planeten, fand eine Parallele in da Vincis berühmtester Tat: „We went to the Louvre the other day and none of us had ever seen the Mona Lisa. There was a huge crowd around it and the tour guide was saying that the sort of smile she has depends on your mood: if you’re in a good mood, you see her mouth curling up, but if you’re in a bad mood, it turns down. That’s the way we see our record: some people think it’s dark and others think it isn’t. I welcome that; that’s what art is about. But to us, [the album is] a reflection of trying to say something that’s really difficult, and turning and facing it…“
Tiefgreifende Verunsicherung schließlich doch umzuschmelzen in ein rätselhaftes Meisterwerk, das ist Alchemie.
Wir stehen vorne links, kurz vor Troy. Mit explodierendem Glas auf der LED-Wand geht es ins wundertütische Kaleidoskop: „Keep Your Eyes Peeled“, das erste Stück von „… Like Clockwork“, das so tut, als wäre hier alles creepy as hell. „Can one so lost be found“, singt Josh. Aber er ist schon mit einem Lächeln auf die Bühne gekommen, mit den ersten Takten von „You Think I Ain’t Worth A Dollar, But I Feel Like A Millionaire“ schießen die Flüssigkeiten aus allen Bechern, bei keiner anderen Band, so die Gazetten am Tag danach, kommt der Mob so schnell von Null auf Hundert, und nach dem Break von „No One Knows“, als nur Shumans Bass zu hören ist, zeigt Homme auf seinen Arm: „You’re makin‘ the hairs on my arms stand up straight!“ Nach dem Song gelingt ihm ein nahezu perfektes ö in „Dankeschön!“ Nagelneues wie „My God Is The Sun“ wird bejubelt wie Rückkehr des Königs. „Burn The Witch“, „Sick, Sick, Sick“ und „First It Giveth“, bis sich das Gehirn im Schädel dreht. Als man sich gerade fühlt wie eine in Blut ersoffene Fledermaus, wird das Piano für Josh zurechtgerückt: „The Vampire Of Time And Memory“. Intimer Moment und vier Minuten panoramisches Bewußtsein über das Scheißglück, daß wir alle noch da sind und hier sind.
Dann folgt, was Josh Homme zur Tanznummer erklärt. Damit meint er Sachen wie das allen sittlichen Halt zerstörende „Misfit Love“ oder, heute, „Turnin‘ On The Screw“. „If I Had A Tail“ mit THE END IS REALLY FUCKING NIGH-Clip im Hintergrund, der Gassenhauer „Little Sister“, immer noch ein bißchen heißgeliebter als gedacht. „I Sat By The Ocean“ („Silence is closer / We’re passing ships in the night / Closer and closer / We’re crashing ships in the night“), das 4 Sekunden lang wie Blurs „Coffee & TV“ klingt, bis die Slidegitarre des Betrunkenen Roboters bestätigt, daß die Queens of the Stone Age wie niemand sonst klingen. Der Song, nach dem David Letterman in seiner Late Show sagte: „Holy crap, that was great.“ Michael Shumans Bass so delicious.
Als das Volk beim lasziven Geschlängel von „Make It Wit Chu“ den Refrain anstimmt, teilt Homme die Menge ein: „Just the Ladies, let me hear you Ladies!“ Als die Mädels ihm ihr „I wanna make it, I wanna make it wit chu!“ im Chor dargebracht haben, was sonst als: „I feel the same goddamn way, I gotta tell you.“ Und als er die Jungs zum Esmitihmmachenwollenchor animiert hat, breitet er die Arme aus: „Today is Gay Pride Day.“ Er testet nochmal den Wohlfühlpegel, die Menge antwortet als Flammenmeer, abgesehen von einem Mädchen, das, wie er amüsiert feststellt, so „uhmmm“ geschaut habe gerade. „I Think I Lost My Headache“ kündigt er daher an mit: „This song goes out to the one girl who can’t stand us.“ Entführung in eeriness mit „A Song For The Deaf“ und schließlich ein episches, fast zehnmütiges „I Appear Missing“. Als Zugabe zunächst „… Like Clockwork“ – Zweifel und Introspektion, die Muse nachdenklich, Ginger Elvis in Verlorenheit und Verletzlichkeit, der Song, der den shift des neuen Albums zusammenfaßt.
Es ist 22:54 und Josh Homme klärt die Verhältnisse: „They told us we have to stop playing but fuck that shit, man. It’s you and us, fuck everybody else, man. We’re done when I say we’re done.“ Und los geht’s mit „A Song For The Dead“.
Boneface, der junge englische Künstler, der für das Artwork rund um „… Like Clockwork“ (das Albumcover dürfte von Bela Lugosis 1931er-Dracula inspiriert sein) verantwortlich ist, zusammen mit Liam Brazier auch für die Alptraumlogik der animated short films, hat zweifellos das große Los gezogen, als Josh Homme ihn zu kontaktieren wünschte. Was auch während des gesamten Konzerts auf der LED-Wand abläuft, ist durchweg phantastisch. Aber der endlose Schwarm schwarzer Vögel, der von der LED-Wand auf uns zufliegt, zu diesem Song, ist einfach nur noch mind-blowing.
Summa summarum ekstatische Stimmung, und die Band hocherfreut darüber, Gänsehaut auf beiden Seiten. My favourite Wackelclip: der Beginn von „A Song For The Dead“. Die Kamera, die sich aus Seitenlage zurechtkippt, als wäre auch The Ever Watchful Eye außer Kontrolle, das Mädchenkreischen von 0:05 – 0:07, das ganze Inferno als -> 33-Sekunden-Geniestreich.
[Edit: ich schrieb dies im Juni 2013 für Antirat; 2021 taucht plötzlich dieser Mitschnitt von 6 Songs auf, „an incomplete, unedited wide shot perspective“ aus der Konzertphase vor Sonnenuntergang, für den Film „Lo Sound Desert“ von Joerg Steineck.]
Auf theskinny.co.uk hat Josh Homme angedeutet,
…that another Queens album might arrive sooner than we think, referencing the dark before the dawn of Iggy Pop’s first two ‚Berlin period‘ solo albums, written, recorded and released in swift succession within the same year. „Part of me thinks it would be great if this was the point-counterpoint that The Idiot and Lust For Life are, y’know? I love those records so much; they came out in a quick period of time. The Idiot is very dark and Lust For Life is sorta like ‚Tah-daaah‘. I would love to answer this album with a ‚Tah-dah!‘ at some point.“
„Turns out waiting around for something to change is the wrong way to change.“
„The real man pushes himself and is totally vulnerable.“
„If it’s really easy, it’s not worth it. My grandpa used to say, ‚Life is hard because it’s worth it.‘ It’s simplifying it but it’s fucking true. The struggle is just how far you’re willing to go to chase fucking vapour.“
„I’m gonna bleed for this shit until all the blood’s gone“.
Josh Homme
Verlauf der Soirée:
Keep Your Eyes Peeled You Think I Ain’t Worth A Dollar, But I Feel Like A Millionaire No One Knows My God Is The Sun Burn The Witch Sick, Sick, Sick First It Giveth The Vampyre Of Time And Memory Turnin‘ On The Screw If I Had A Tail Little Sister I Sat By The Ocean Make It Wit Chu I Think I Lost My Headache A Song For The Deaf I Appear Missing
… Like Clockwork A Song For The Dead
craveonline.com → „…Like Clockwork“:
[…] as the distant sounds of crashing glass grow closer in the first moments of the new Queens of the Stone Age album …Like Clockwork, that anxiety of uncertainty returns. An anticipatory snake of cold, ominous awe weaves through you as the nightmare carousel grinds back into motion.
More real, raw and direct than ever before in both production and composition, …Like Clockwork […] is the long-awaited studio return of Joshua Homme, Troy Van Leeuwen, Michael Shuman and Dean Fertita, alongside a trio of drummers – beloved departing slugger Joey Castillo, returning extended-family member Dave Grohl, and newest member Jon Theodore of The Mars Volta […] While 2007’s Era Vulgaris was a razor-sharp whipcrack in a vortex of cool, beyond the signature sexual chocolate, …Like Clockwork is a trip of honest fragility bleeding through deeply layered textures and harmonies, a pendular swing volleying between forlorn vulnerability and fire-christened renewal. The much-discussed „no trick at all“ approach to QOTSA’s typically enigmatic haunt is far more an autobiographical narrative lean than a lack of sonic trap doors.
This is not a free-balling drunk-robot sequel to Songs For The Deaf a decade later, a high-velocity ride packed with a cocksman’s banquet of caricaturized drunken narrators. The guests aren’t paraded out in traditional cameo-spotlight fashion; there are no „take it away Elton!“ moments. Yes, Queens finally have their true queen in Elton John, but the glitter-shitting rolodex of contributors on the album is a gathering of threads weaving through a tapestry, rather than ropes of highlighted selling-point rock embroidery. When a new voice rises from the collective, before an impact of presence can be established they step back into the mix, joining the chorus of the great pirate ship once more. You’ll give yourself whiplash turning to the speaker when Trent Reznor’s voice rips through the bass-driven fabric on „Kalopsia,“ but before you can lock in he’s gone. Later, near the end of the magnificently cutting „Fairweather Friends,“ the same happens with Mark Lanegan – and it’s damned delicious.
Barbed with uptempo hooks and a guitar line so perfectly addictive, „I Sat By The Ocean“ is an inevitable radio smash, which in a merciful world will offer the FM dial some relief from the relentless „Little Sister“ and „No One Knows“ rotation. Crisp, bright production makes this a guaranteed home run, but as the sunshine enema really starts to sink in, the lyrical veil is pulled and we realize we’re inside a Rock ’n‘ Roll confessional with an impaled heart. This carries dramatically into „The Vampyre of Time and Memory,“ and calling it a reflection of recent well-publicized developments in the desert family doesn’t seem a stretch […] The presence of pain is evident. Joshua seems downright despondent, warier than ever and ready to give up the ghost, over a pensive piano line: „I want God to come and take me home / ’cause I’m all alone in this crowd / Who are you to me? Who am I supposed to be? Not exactly sure, anymore.“ The hopelessness is jarring, an unsettling departure from the signature wisecracking swagger we’re so accustomed to. „Aint no confusion here, it is as I feared / The illusion that you feel is real,“ he sings in a doubled, delicate vocal. A lonely guitar solo flies briefly after the first verse, expressing a bilious, desolate sadness. „Does anyone ever get this right? I feel no love.“
Like the breaking rays of dawn, a loop of rising chimes at the onset of „If I Had a Tail“ is a warm wave of revitalizing energy, kicking into a subdued-funk Stones groove with a popped collar that flies even closer to Keef in the guitar solo. Sexy, sardonic and shameless, this is a ride in the kind of car Daddy never wants to see pull in the driveway to pick up his girl – because she’ll be walking differently when she gets back.
[…] Our first taste of new material after a six year absence, „My God Is The Sun“ is the clearest connecting thread to where the band left off, on the gloriously labyrinthian „The Fun Machine Took a Shit and Died.“ Dangerously careening, complicated and as epic as the arrival of giant warlord aliens riding rabid elephants, it’s a full flex of the gargantuan velocity the band is capable of – a testament to how hard each member works to push their own envelope. The synaptic tangle burns away to reveal double-barreled good-riddance scorn in „Fairweather Friends,“ a gorgeously finger-pointing fuck you that minces no words in a diagnosis of damnation. The body moves independently when Elton pounds the keys, a rhythmic recall of the dearly departed Natasha Shneider, as swarms of Lanegan, Reznor, the visiting piano-rock legend and more flow in a thick, bubbling choral-vocal undercurrent.
[…] New stickman Jon Theodore is featured only on the title track, a sparsely piano-driven, mourning heartbreaker that ends the album on the most somber, discouraging note possible: „It’s all downhill from here.“ As we find ourselves on the far banks of the most difficult era of Queens of The Stone Age’s existence, the spilled blood still drying, new hope springs from Homme taking off the mask and showing what’s beneath the leather. While the tone of the album’s exit is ominous, these are the sounds of fighting demons in real time – honest struggle and catharsis alchemized and tantalized by the most revered gang in Rock.
Josh was right – the best trick of all truly is no trick at all.
Aaaaah, Raveonettes! Eine bemerkenswerte Band und allerherrlichstes Gequietsche! Bekannte Töne, klar, aber während sich andere Retro-Bands klagsam dem „No-Future“-Gebot fügen, werden bei den Raveonettes die überkommenen Elemente doch eher cool zelebriert als lustvoll ausgelebt…
Christian Erdmann:
Aus dem Lumpenproletariat erheben sich aber Stimmen, die sagen, das coole Zelebrieren wird lustvoll ausgelebt. Sie werden oft mit The Jesus & Mary Chain verglichen, aber erstens fehlte denen das Leader of the Pack-Element und zweitens die Frau. Genosse Vorsitzender der Akustischen Kommission, ich muß Ihnen Bericht erstatten: ich sympathisiere mit allen Richtungen, in die sich The Raveonettes bewegen, aber zu der Sextheorienentfaltung über B-flat minor auf „Whip It On“ werde ich auch in 27 Jahren noch überm Matschkäsekuchen selig lächeln.
27.11.2008
Christian Erdmann:
Interessant ist aber, daß die Raveonettes „Lust Lust Lust“ ohnehin so klingen lassen, als käme sie aus guten Gründen aus dem Nebenzimmer. Und wenn sie wirklich mal aus dem Nebenzimmer kommt, ist man zwei Räume höher. Innenarchitektonisches Rätsel, die Platte.
02.12.2008
Christian Erdmann:
Eigentlich ist „Lust Lust Lust“ immer noch eins meiner Alben dieses Jahres, aber die zweiköpfige Sexmaschine aus Kopenhagen / USA hält nicht viel von fauler Haut und reicht eine Handvoll Digital-EPs nach. Jeder Song der Raveonettes variiert alles, was David Lynch je im Rock ’n‘ Roll zu suchen hatte.
07.12.2009
Volker Paul:
Wie war das Konzert?
Christian Erdmann:
Konzert war hyggelig psychedelisch, und ich hab ein Autogramm von Sharin Foo.
Genaugenommen bin ich auch noch in sie reingeschubbert, als ich mich direkt nach dem Konzert im engen, dunklen Garderobengang irgendwie komisch umdrehte, und sie gerade zum Merch-Stand eilte. Vor dem Konzert sahen wir, wie sie die Merch-Kisten höchstdarselbst auf den Tisch hievte. Die Wikingerfrau ist ja gewohnt, alles selbst zu machen, seit sie Erik verabschiedete mit „Und wenn du an so ein Gebäude mit gekreuzten Stäben obendrauf kommst, bring einen Leuchter mit.“
Volker Paul:
Wie bekommst Du das nur immer hin, dass Du gleich irgendwie in Kontakt mit diesen Typen kommst? Sieht Sharin Foo in echt auch so kühl, blond und aufregend aus wie auf den Fotos?
Christian Erdmann:
Also daß sie mich da im Korridor elektrisch auflud, war ja reiner Zufall, und am Merch-Stand war sie zwar sehr blond und aufregend, wirkte aber sehr zugänglich, also kaufte ich eine 7″ von ihr und nahm all meinen Schuljungen-Mut zusammen, „Would you sign it?“
Trotz Zugänglichkeit – sie hat Augen, daß du in Nullkommanichts zu einem beschleunigten System wirst und aufpassen mußt, daß du dich nicht einfach in deine Atome auflöst. Unwirklicher Scheiß, das Leben.
21.02.2011
Christian Erdmann:
Die Raveonettes sind auch schon wieder da, kann wieder prima ein kleiner Dream Man aus einer dunklen Lynchfilmecke kommen und rückwärts dazu tanzen.
… Tanizakis Konzept japanischer Ästhetik, die beinhaltet, daß Schönheit nicht in den Objekten selbst zu suchen sei, sondern zwischen ihnen, im Helldunkel, im Schattenspiel; im nicht restlos Ausgeleuchteten, im Indirekten und Angedeuteten; …
KLMO:
Habe gerade auch das Büchlein von Tanizaki „Lob des Schattens“ gelesen. Dass hier die japanische Kultur eine größere Sensibilität gegenüber den westlichen Kulturen aufzuweisen hat, ist für mich eine neue Erkenntnis.
Christian Erdmann:
Hast Du das Gespräch von Gero von Boehm mit Ryuichi Sakamoto gesehen? Sehr interessant: von Boehm spricht Sakamoto auf den Film „Merry Christmas Mr Lawrence“ an. Britische Soldaten in einem japanischen Kriegsgefangenenlager auf Java, 1942. Major Celliers, gespielt von David Bowie, gerät in eine hochkomplexe, erotisch aufgeladene Beziehung zum Kommandeur des Lagers, Yonoi, gespielt von Ryuichi Sakamoto, der ein strenges bis sadistisches Regiment walten läßt, aber auch deutlich als feinsinniger Mensch erkennbar ist, der gegen seine eigenen Neigungen kämpft. Lawrence ist der britische Colonel unter den Gefangenen, der in der hochangespannten Lage versucht, eine Brücke zwischen den Kulturen herzustellen, der Japanisch sprechende Vermittler, aber die Lage eskaliert, weil Yonoi, zerrissen zwischen seiner Faszination für Celliers (Tabu der Homosexualität in ultranationalistischem Kontext) und dem Druck, seiner Rolle entsprechen zu müssen, zunehmend die Selbstbeherrschung verliert, provoziert von Celliers, der ihn durchschaut. Als Yonoi einen dramatischen Aufmarsch aller Gefangenen inklusive der Schwerverwundeten befiehlt und ein letztes Mal Informationen einfordert, ist er kurz davor, dem Gefangenensprecher den Kopf abzuschlagen. In diesem Moment tritt Celliers hervor, geht auf Yonoi zu, und küßt ihn. Yonoi fällt in Ohnmacht, Celliers wird büßen.
Von Boehm bemerkt, daß der Regisseur Bernardo Bertolucci dies „die schönste Kußszene der Filmgeschichte“ nannte: „Weil es zwei Männer waren?“ Sakamoto: „Probably…“ – Ein sehr höfliche, japanische Art zu sagen: Blödsinn. Im nächsten Satz sagt Sakamoto dann, einer wie Bertolucci nehme „Dinge wahr, die andere nicht sehen“. Sakamotos Antwort hier, würde ich sagen, ist auch ein Beispiel für das Indirekte. :)
Empfehlung dazu: die drei Geschichten „Trennender Schatten“, „Die Saat und der Säer“ sowie „Das Schwert und die Puppe“ von Laurens van der Post, Original erschienen 1963, unter dem Sammeltitel „Das Schwert und die Puppe“ 1994 bei Diogenes erschienen. Van der Post stand in den 1930ern dem Bloomsbury Set nahe und war während des Zweiten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft selbst eine Art Mr Lawrence. Feinfühliger Versuch, die „japanische Seele“ zu ergründen, insgesamt ein Zeugnis für das Aufrechterhalten von Würde, Hoffnung und Verständnis under pressure, zumal in Zeiten der Eskalation kulturellen Mißverstehens.
KLMO:
Natürlich habe ich das Interview gesehen. Wie Sakamoto sein Freiheitsideal radikal umsetzte, hat mich am meisten fasziniert.
Schon als Kind bekennt er rigoros, dass er keinen Beruf anstrebe. Beruf heißt für ihn Bindung, Abhängigkeit – und das lehne er ab.
Dass der schon in der Kindheit mit solch einem Freiheitswillen durchdrungen war, ist allein schon ein Ausnahmephänomen. Er folgt und vertraut nur seiner eigenen Kreativität und wird dabei noch erfolgreich. Dabei auch interessant, dass er sich ungern in der Musik festlegen will und andererseits die chinesische Kultur und Musik eingehend studiert, um einer Filmmusik, die er komponiert, gerecht zu werden. Dabei bestach beim Interview immer wieder seine Gelassenheit ohne jeden Pathos.
Christian Erdmann:
„Es sind die kleinen Ziele, viele kleine Ziele.“ – Ein überaus sympathischer Mensch von stiller, beeindruckender Offenheit, fürwahr. Trotz Haßliebe zur chinesischen Kultur – „Und die chinesische Fünftonmusik mag ich sowieso nicht“ – die Essenz dieser Musik verstehen zu wollen: gerade wenn eine solche Haltung, übertragbar auf beliebige Zusammenhänge, so selbstverständlich wirkt wie bei ihm, wird einem deutlich, wie häufig man sie bitter vermißt. – Schön auch seine Antwort auf die Frage, was er in New York „hört“: den Sound von 1 Million Klimaanlagen.
Kleine Tour durchs Reich der Verdammten. Es muß mal gesagt werden. The Damned haben 1985-1986 mit „Phantasmagoria“ und „Anything“ zwei Platten gemacht (und dazwischen „Eloise“), die so klingen, als hätte die Tochter von Bela Lugosi und Maila Nurmi Dave Vanian gezwungen, die besten Songs aller Zeiten zu schreiben, andernfalls sie ihn wie Turandot ihre Freier köpfen lasse. Vanian tat sein Bestes, und für Sachen wie „Sanctum Sanctorum“ oder „The Portrait“ wäre gar Lord Byron nochmal angerannt gekommen, wäre er nicht mit dem Luziferfuß umgeknickt. Dave Vanian hat zweifelsohne eine phantastische Stimme.
„Oh yeah, he’s quite a strong bloke old Dave. He actually really used to be a grave digger. He really lives the lifestyle. I know it sounds weird but he really is into it. The whole lifestyle, the motorbikes, the ex-grave digger bit and all that stuff. I like the bloke a lot, he’s a bit of an enigma. I think he’s tinged with madness. I really think he is, because of the twenty years I’ve known him he’s never changed and he’s always backed up whatever he said. Once I went round his house, he was living in a basement and he’d had a flood. I said “ ‚ello Dave how’s it going “ – He said „The drains have flooded, can you help me get this carpet out“. Actual sewage had come up through the drains and it wasn’t very pleasant. We got the carpet out and I said „What’s that under there then, that’s a pentagram. Is that like satanic stuff or what?“ And he says „It must have been put down by the previous owners of the flat“. Now does that ring true to you, the bloke sitting there dressed up as Dracula, with a hearse sitting outside the house and he’s telling me it must have been someone else who done the pentagram. I don’t think so, do you.“ – Captain Sensible
„We complement each other as songwriters, neither of us treading on each other’s toes. We both love 60s garage music and appreciate a bit of dark melancholy … And the bloke is the best singer of his generation.“ – Captain Sensible 2019
Nicht seit dem Tag, an dem ich Antipapst wurde.
Hommage an Pink Floyd mit Syd Barrett + Hawkwind + Neu! + Ron Asheton +++, + ureigene The Damned-Perfektion. Und ja, das ist Dave Vanian.
Und noch immer ist The Damned eine der unterschätztesten Bands des Planeten. Ja, The Damned war die erste Punk-Band, die im Vereinigten Königreich eine Single veröffentlichte („New Rose“, 22. Oktober 1976. Daniel Ash von Bauhaus: „The perfect single. Brilliant.“), aber wer sie auf „Punk“ reduziert, kann auch die Beatles auf „She Loves You“ reduzieren. Tatsächlich hat sich das Universum der Verdammten ähnlich atemberaubend ausgedehnt wie bei den Beatles, vielleicht in nicht ganz so rasanter Geschwindigkeit, aber die Liste ihrer Erfindungen ist lang, Psychpunk, Gothpunk, Progpunk, you name it.
Im Oktober 2019 baten The Damned ins Londoner Palladium zur „Night of a Thousand Vampires“, bei welcher Gelegenheit die Tochter von Dave Vanian und Patricia Morrison, Emily, erneut mit ihrer Violine bei „Curtain Call“ auf der Bühne erschien – und zwar exakt so goth, wie man sich eine Tochter von Dave Vanian und Patricia Morrison vorstellt. Bei aller schauderhaft schönen Theatralik machte dieser Abend die herausragende Virtuosität der Herren Vanian, Sensible & Co nochmals deutlich.
Ich besitze noch einen SPEX-Artikel, betitelt: „10 Jahre Damned oder Gröhl, gröhl, gröhl!“. Michael Ruff damals: „Ich muß da ganz subjektiv werden: Es ist so gut, daß es sie gibt.“ Einer der besten Sätze aus 100 Jahren SPEX. Bald heißt es „100 Jahre The Damned“ und natürlich macht ihre chaotische Brillanz keine Gefangenen, darum gilt für die Tatsache, daß wir es mit phantastischen Musikern, einem phantastischen Sänger und jederzeit phantastischen Songstrukturen zu tun haben: blink and you miss it.
Als Intro wählen die Beatles des Punk eine Version von „The Man With The Golden Arm“. Dave Vanian im feinen schwarzen Anzug, weißes Hemd, blutrote Manschettenknöpfe, schwarze Handschuhe, Sonnenbrille, The Invisible Man-Hut. Las vor einer Weile: wie kann jemand nur so dapper aussehen, der seit 500 Jahren kein Spiegelbild hat.
„Street Of Dreams“, „The Invisible Man“, „Wait For The Blackout“, „Lively Arts“, „Born To Kill“ dann annonciert Dave „We got a new album“, und sie spielen es fast zur Gänze, „exclusively on Reeperbahn!“, charmant gelogen natürlich, aber dann folgen tatsächlich 9 Songs von „Darkadelic“ am Stück.
Wir stehen in der ersten Reihe, 3 Armlängen vom Captain entfernt, da dreht sich einem schnell das Gehirn im Schädel. Madame hier gut zu erkennen am Poison Ivy-roten Haar, und als der Captain in unsere Richtung blickt und erklärt: „Nice looking audience actually… much prettier than in England“, meint er nicht mich. Women and Captains first.
The Damned pflegen liebenswerte Anarchie, schön zu sehen bei „Love Song“, als Dave Vanian aus ohnehin schon ironisch inszenierter klassischer Rockpose, der Captain und Paul Gray Schulter an Schulter, bizarres Slapstickgetümmel macht.
Der Abend besteht aus 100 Minuten ungebremster Spielfreude, als die Band zur ersten Zugabe wieder auf die Bühne kommt, stehen die Herren länger als geplant ohne Gitarre und Bass da, Dave Vanian singt „Why are we waiting?“, Captain und Publikum beschließen ein „Wot!“-Impromptu, das für Entzücken auch beim Captain sorgt: „Vielen Danke, mein Damen, mein Herren!“ Bei „Eloise“ hat Paul Gray dann Probleme mit seinem Bass, der offenbar völlig verstimmt absäuft, Herr Gray kurzzeitig auch verstimmt, dafür hat er eine wunderbare Szene am Ende des neuen „The Invisible Man“-Videos: „You got the package?“ – „Just drive, fool!“ – „Charming“. Wer kennt das nicht.
„We’re cursed“, grinst der Captain, was schiefgehen kann, gehe schief, aber alles inthe best of spirits, auch bei der Vorstellung des wieder mal in eine Art totenkopfübersäten Schlafanzug gekleideten Monty Oxymoron, Captain: „How did he end up in a punk band?“, Dave: „That’s a long story.“ Bei „Smash It Up“ noch Captain an Dave: „You’re in fine voice tonight!“, und es gibt noch ein zweites Zugabenset, ganz am Ende „New Rose“. Eine der besten Debut-Singles in allen Sonnensystemen. Is she really going out with him?