Rendezvous der Träume – Surrealismus und deutsche Romantik
Kunsthalle Hamburg 07.08.2025
Die Handschrift von Salvador Dali.
Erklärung zum Regentaxi
Generalkommissariat für die öffentliche Vorstellungskraft
Das „Regentaxi“ für die snobistische und surrealistische Dame enthält ‚pflanzliche Dunkelheit‘, eine Regen-Installation im Innenraum, 200 lebendige Weinbergschnecken, 12 liliputanische Frösche, jeder von ihnen trägt eine sehr feine goldene Agrippa-Krone auf dem Kopf – Der Fahrer trägt einen Helm gefertigt aus einem Haifischgebiss. Die Dame wird vorzugsweise mit einem schäbigen Netz bedeckt sein, auf dem das Stigma von Millets Angelus und diesen sensationellen Pflückerinnen aufgedruckt sein wird.
Alles Gute für das ganze Jahr 1938
Salvador Dali
Jane Graverol, Le Sacre du Printemps, 1960.
Jane Graverol wurde am 18. Dezember 1905 in Ixelles, Belgien, geboren. Sie studierte an der Académie Royale des Beaux-Arts in Brüssel, einer ihrer Lehrer war Jean Delville. Seit den späten 1930er Jahren wandte sie sich dem Surrealismus zu; „her compositions mainly centred on strong and determined female figures. Blending fairytale with the grotesque, and often depicting the erotic female body, Graverol described her paintings as ‚waking, conscious dreams‘.“
1940 bat sie René Magritte, sich ihre Gemälde anzusehen. Er war von ihren Werken so beeindruckt, dass er seine Galeristen davon überzeugte, sie auszustellen.
Giorgio De Chirico, Portrait prémonitoire de Guillaume Apollinaire, 1914.
Giorgio De Chirico kam im Juli 1911 nach Paris und fand dort schnell die Bewunderung des Dichters Guillaume Apollinaire, der das Werk des Malers in mehreren Artikeln verteidigte. De Chirico war überaus dankbar für die Unterstützung durch Apollinaire und würdigte ihn mit diesem Porträt. Eine „vorahnende“ Zielscheibe im Profil des Dichters bezeichnet genau die Stelle, an der Apollinaire einige Jahre später während des Krieges von einem Granatsplitter getroffen wird.
Johann Heinrich Füssli, Queen Mab, 1814.
Romeo. I dream’d a dream to-night.
Mercutio. And so did I.
Romeo. Well, what was yours?
Mercutio. That dreamers often lie.
Romeo. In bed asleep, while they do dream things true.
Mercutio. O, then, I see Queen Mab hath been with you. She is the fairies‘ midwife, and she comes In shape no bigger than an agate-stone On the fore-finger of an alderman, Drawn with a team of little atomies Athwart men’s noses as they lie asleep; Her wagon-spokes made of long spinners‘ legs, The cover, of the wings of grasshoppers, The traces, of the smallest spider’s web, The collars, of the moonshine’s watery beams, Her whip of cricket’s bone, the lash of film, Her wagoner a small grey-coated gnat, Not half so big as a round little worm Prick’d from the lazy finger of a maid; Her chariot is an empty hazel-nut Made by the joiner squirrel or old grub, Time out of mind the fairies‘ coachmakers. And in this state she gallops night by night Through lovers‘ brains, and then they dream of love; O’er courtiers‘ knees, that dream on court’sies straight, O’er lawyers‘ fingers, who straight dream on fees, O’er ladies ‚ lips, who straight on kisses dream, Which oft the angry Mab with blisters plagues, Because their breaths with sweetmeats tainted are: Sometime she gallops o’er a courtier’s nose, And then dreams he of smelling out a suit; And sometime comes she with a tithe-pig’s tail Tickling a parson’s nose as a‘ lies asleep, Then dreams he of another benefice: Sometime she driveth o’er a soldier’s neck, And then dreams he of cutting foreign throats, Of breaches, ambuscadoes, Spanish blades, Of healths five fathom deep; and then anon Drums in his ear, at which he starts and wakes, And being thus frighted swears a prayer or two And sleeps again. This is that very Mab That plats the manes of horses in the night, And bakes the elf-locks in foul sluttish hairs, Which, once untangled, much misfortune bodes: This is the hag, when maids lie on their backs, That presses them and learns them first to bear, Making them women of good carriage: This is she—
Romeo. Peace, peace, Mercutio, peace! Thou talk’st of nothing.
Ein René Magritte-Auge.
Es gehört zu „Le double secret“, 1927.
„ln so far as possible, I make a point of making only paintings that give rise to mystery with the precision and enchantment necessary to the life of ideas.“ (Magritte)
Salvador Dali, Double énigme, 1936
Max Ernst sitzt auf Dostojewskis Schoß und streichelt seinen Bart. Wer würde das nicht.
Max Ernst, Das Rendezvous der Freunde (Au rendez-vous des amis), 1922
Max Ernst, Le jardin de la France, 1962
2019 konnte ich Rembrandts „Landschaft mit dem barmherzigen Samariter“ in Krakau sehen. Das Gemälde schien so magisch von innen heraus zu glühen, dass man sich fragte, welches okkulte Wissen ein Maler wie Rembrandt 1638 besaß und in sein Werk übertrug.
Jeder weiß es – Kunst läßt sich nicht reproduzieren, weder auf Papier noch digital. Man muß direkt vor dem Gemälde stehen, um seine Tiefe, seine Macht wirklich zu spüren, um beides zu erleben – die Präsenz des Künstlers in diesem Werk und das absolute Eigenleben des Gemäldes. Und manche Bilder haben dieses Leuchten, das man nicht erklären kann. So ist es auch mit „Der Goldfisch“ von Paul Klee (1925). In den mysteriösen Tiefen der Unterwasserwelt wirkt sein goldener Glanz übernatürlich, leuchtend und strahlend wie etwas Göttliches.
Oder wie eine Idee.
David Lynch: „Ideas are like fish. If you want to catch little fish, you can stay in the shallow water. But if you want to catch the big fish, you’ve got to go deeper. Down deep, the fish are more powerful and more pure. They’re huge and abstract. And they’re very beautiful.“
„Ideas are so beautiful and they’re so abstract. And they do exist someplace. I don’t know if there’s a name for it. And I think they exist, like fish. And I believe that if you sit quietly, like you’re fishing, you will catch ideas. The real, you know, beautiful, big ones swim kinda deep down there so you have to be very quiet, and you know, wait for them to come along.“
André Masson, Portait of the Poet Kleist, 1939.
Obwohl er im Ersten Weltkrieg schwer verwundet und traumatisiert wurde, verlor Masson nie seine Faszination für deutsche Kultur und Schriftsteller wie Nietzsche, Goethe oder Heinrich von Kleist.
Victor Brauner, The Philosopher’s Stone, 1940
Brauner wurde in Rumänien geboren. Aus Angst vor dem Aufstieg des Faschismus in Rumänien kam er 1930 nach Paris. Er lernte Yves Tanguy kennen und schloss sich der surrealistischen Gruppe an. Er fühlte sich zu esoterischen Ideen hingezogen, und seine Bibliothek verriet ein profundes Interesse an Magie und Alchemie.
Hätte ich ein Bild mitnehmen können, wäre es dieses gewesen. Valentine Hugo, Rêve du 21 décembre 1929.
Ihr Mädchenname war Valentine Gross. Mit einer Zeitmaschine wäre eine meiner ersten Stationen der Abend des 29. Mai 1913, das Théâtre du Champs-Élysées in Paris, die Premiere des Balletts „Le Sacre du Printemps“. Die Musik von Igor Strawinsky und die Choreographie von Vaslav Nijinsky verursachten einen der berühmtesten und berüchtigtsten Skandale der Kunstgeschichte. [Ich habe ausführlich darüber geschrieben: Le Sacre du Printemps].
Valentine Gross liebte Diaghilews Ballet Russes und hatte während der Proben zu „Sacre“ Skizzen angefertigt, die im Foyer des Theaters gezeigt wurden. Über diese Nacht schrieb sie:
„Nichts von all dem, was je über die Schlacht des Sacre du Printemps geschrieben wurde, vermittelt einen schwachen Eindruck von dem tatsächlichen Geschehen. Das Theater schien von einem Erdbeben heimgesucht zu werden. Es schien zu erzittern. Leute schrien Beleidigungen, buhten und pfiffen, übertönten die Musik. Es setzte Schläge und sogar Boxhiebe. Worte reichen nicht, um eine solche Szene zu beschreiben.
Ich weiß nicht, wie es möglich war, daß dieses Ballett, das die Zuschauer von 1913 so schwierig fanden, in einem solchen Aufruhr zu Ende getanzt wurde. Ich stand zwischen den beiden mittleren Logen, fühlte mich im Auge des Hurrikans ganz wohl und klatschte mit meinen Freunden. Ich bewunderte den titanischen Kampf, der stattgefunden haben mußte, um diese unhörbaren Musiker und diese betäubten Tänzer nach den Gesetzen ihres nicht sichtbaren Choreographen zusammenzuhalten. Das Ballett war atemberaubend schön.“
Ich bin schon so lange von diesem Ballett fasziniert, von Strawinskys Musik, ich muß nur die ersten Töne von „Sacre“ hören and it still gives me a chill. Valentines Bericht begleitet mich fast ebenso lang, und es machte mich glücklich, eines ihrer Werke in dieser Ausstellung zu finden. Ihr Traum vom 21. Dezember 1929 ist verstörend und faszinierend, ein wunderschöner Alptraum, das Bild, von dem man mich wegzerren mußte.
Nicht der beste Buñuel-Film, aber einer meiner liebsten: „Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“, über, nun ja, Archibaldo de la Cruz und dessen beständigen Versuch, zum Frauenkiller zu werden, der aber beständig scheitert, weil irgendwelche Fügungen ihm im letzten Moment die Arbeit abnehmen. Am Ende muß dann eine lebensgroße Puppe im Feuer schmelzen, aus mehreren Gründen eine unvergeßliche Szene. Die wunderschöne Darstellerin der Lavinia – das Vorbild der Puppe – beging einige Tage nach Abschluß der Dreharbeiten Selbstmord.
07.02.2007
Nachtschwester Ingeborg:
Immer wieder stelle ich fest, dass der interessanteste Europäische Film seit einigen Jahren aus Spanien kommt. Erinnern möchte ich auch an einen der wirklich großen Regisseure der Filmgeschichte: Luis Buñuel – der Mann hat über 40 Filme gedreht, von denen die allermeisten absolut phantastisch sind, große Filmkunst eben.
Christian Erdmann:
Spanien: einer meiner Favoriten ist Julio Médem, „Die Liebenden des Polarkreises“. Beantwortet die Frage „Können zwei Menschen füreinander bestimmt sein?“ überaus intelligent mit einem dezidierten „Ja, aber“. Buñuel wurde hier ja schon mehrfach gewürdigt (kann man natürlich nicht oft genug tun), Allmacht des Verlangens und Ohnmacht des Verlangens, beides Buñuel-Spezialitäten. Und richtig, 40+, da war immer das Gefühl, daß es noch viel zu entdecken gibt (aus seiner mexikanischen Phase), aber jetzt wird es langsam Zeit. Man lebt nicht ewig.
Nachtschwester Ingeborg:
Letzte Woche lief auf 3sat „Die Last mit der Lust“ von Manuel Gómez Pereira, mit Victoria Abril und Javier Bardem, fesselnde Geschichte, tolle Schauspieler, Erotikthriller. „Tesis“ von Alejandro Amenábar, der Snuff-Video Thriller schlechthin. Luis Buñuel ist eine Galaxie für sich. Kaum ein Filmemacher hat eine eigene Welt erschaffen so wie es Buñuel gelang. Der Regisseur der Moderne.
Christian Erdmann:
Zu den ersten Filmen, die ich mal auf Video aufgenommen habe, gehörten „Tanz der Vampire“ und „Das Gespenst der Freiheit“. Jeden, der zu mir kam, habe ich dann erstmal gezwungen, „Das Gespenst der Freiheit“ anzusehen. Ich weiß gar nicht, warum dessen Erzählweise so ungewöhnlich sein soll – genau so geht das Leben. Dramaturgie quittiert den Dienst am Linearen, Episoden entstehen aus Abzweigungen, nichts ist schockierender als Ansichtskarten, Mademoiselle Rosenblum beendet das soziale Ritual, und durchs Zimmer tappt in der Nacht ein Strauß, was soll sein.
Hab immer das Gefühl, hinter der perversen Komik sagt Buñuel todernst: Koinzidenz und das essentielle Mysterium aller Dinge kannst du umarmen oder nicht.
13.03.2008
David M.:
„Die Elixiere des Teufels“ von Hoffmann fand ich schon sehr gut!
Christian Erdmann:
Dann kennen Sie bestimmt auch „The Monk“ von M.G. Lewis? Wenn nicht, auch unbedingt lesen! „Die Elixiere des Teufels“ wurde ja mal verfilmt mit Dieter Laser, hab aber keine Erinnerung daran, zu lange her. Meine Lieblingsfilmmönche sind natürlich die rauchenden, trinkenden und kartenspielenden aus Buñuels „Das Gespenst der Freiheit“, die dann bei den flagellantischen Exerzitien von Mademoiselle Rosenblum und ihrem Begleiter hochmoralisch entrüstet aus allen Wolken fallen: „Er will Schläge? Die kann er haben!“
06.07.2009
Christian Erdmann:
The Devil made it all, Schnaps, Dialektik, me do it, und ich weiß auch, wo er herkam. Liebste Buñuel-Szenen („Wollen nicht wenigstens die Mönche bleiben?“) machen wir dann morgen.
15.02.2010
Christian Erdmann:
Buñuels Filme sind alle großartig, aber „Belle de Jour“ ist mein liebster… dann vielleicht „Tristana“, „Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“, „Das Gespenst der Freiheit“, „Viridiana“… eine Schweizer Zeitung schrieb 1962 nach „Viridiana“, Buñuel gehöre in eine Zwangsjacke gesteckt. Feuer und Schwefel kommen immer so anstrengungslos aus Buñuels Unbewußtem, aber es gab auch handfeste Inspirationen: lustigerweise wurde Buñuel dafür der Blasphemie geziehen, daß er in „Viridiana“ ein Messer in Form eines Kruzifix zeigte. Buñuel meinte, die Dinger gebe es überall in Albacete, und überhaupt hätte seine Schwester mal eine Nonne gesehen, die mit so einem Kruzifixmesser ihre Äpfel schälte. Surrealisten und Nonnen, immer ein inniges Verhältnis, da konnte man kaum mal Zigarettenpause machen.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“]
„Un Chien Andalou“ mit einem neuen Score von „The Flushing Remonstrance“, live eingespielt am 26. März 2017 im LetLove Inn, Astoria, Queens, NYC.
Die faszinierende Person, die wir auf der Straße sehen (5:30 – 7:50) und die als „Hermaphrodit“ bezeichnet wird, ist Fano Messan (1902 – 1998). Fano Messan (auch Maesens) war eine Künstlerin, die sich der Bildhauerei widmete, von Man Ray fotografiert und von Kees van Dongen gemalt.
Aus „The Questionnaire“, The Guardian Weekend, 21 November 1992, Frage an Siouxsie Sioux:
With which historical figure do you most identify ?
Siouxsie: Luis Buñuel, for his humour and conviction. I like the story of him taking rocks to the preview of Un Chien Andalou, to pelt the critics when they showed disapproval. To his surprise they applauded.
„Mystery is the essential element of every work of art.“
„People always want an explanation for everything. It’s the logical result of centuries of bourgeois education. And when they can’t explain something, they end up by turning to God. But what good does that to them? They then have to explain God. As for myself, I simply cannot change the way I am. I have not been blessed with the faith. I’m afraid that a life that includes ambiguities and contradictions interests me. Mystery is beautiful.
The idea that I might be eternal fills me with horror. For example, if my best friend, who died a long time ago, appeared before me and touched my ear with his fingers and immediately set fire to it, even then I wouldn’t believe that he had just come from Hell. Nor would I have any greater belief in God, or in the Immaculate Conception of the Virgin; nor would I think that the Virgin could help me pass my exams. I would simply say to myself, ‚Luis, look, this is just another mystery that you can’t understand.'“ – Luis Buñuel
In einem Interview zu „Belle de Jour“ erzählt Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, wie der Schauspieler Paco Rabal, „der viele Frauen in ganz Madrid kannte“, für Informationen aus erster Hand sorgte. Er nahm Carrière in Bordelle mit, „wo wir mit den Frauen sprechen konnten – nur sprechen – und vor allem mit der Madame, der Lady.“ Und man fand bestätigt, ja, es gäbe durchaus gut situierte Frauen, die in solchen Etablissements arbeiten. Buñuel und Carrière merkten bei der Arbeit am Drehbuch „bereits am allerersten Tag“, daß es nötig war, der Protagonistin Séverine eine weitere Dimension zu verliehen: sie sollte Tagträume haben, Visionen, Fantasien, die von ihr Besitz ergreifen.
„Und so überlegten wir direkt, was Séverines Tagträume sein könnten. Wir trauten uns nicht, uns etwas auszudenken, weil wir Männer waren. Also fragten wir die Frauen um uns herum (…), um ihre sexuellen Fantasien zu erfahren. Zwei Männer wie wir hatten nicht das Recht, einer Frau Fantasien anzudichten. Und so haben wir uns für verschiedene Fantasien entschieden. Alle Fantasien im Film entstammen der Vorstellungskraft von Frauen.“
12.06.2011 @ray05
Bin im übrigen davon überzeugt, der obere Rand der schwarzen Strümpfe, der sich in Buñuels Filmen so häufig sichtbar von der milchweißen Haut abhebt, bedeutet nicht einfach Obsession oder Fetisch, das hat bei ihm apotropäischen Charakter, so wie in Vampirfilmen dem Bösen das Kreuz entgegengehalten wird, so wird dieser Anblick all den „bösen“ Mächten entgegengehalten, die bestreiten wollen, daß es Eros ist, der die Realität ständig überfließen läßt in Poesie. :)
Wie man zur Burg Pernštejn kommt: Man nimmt einen Zug von Brno nach Tišnov, steigt dort um in einen Zug nach Nedvedice, schaukelt durch wilde Gebirgslandschaft, ruft „Hüte festhalten, Ladies!“, Mylady ruft „Ich halte nicht am Borgo-Pass!“, es riecht verdammt stark nach Knoblauchwurst, man erinnert sich an die Fledermaus von gestern abend mitten in Brno, groß wie die von Willem Dafoe ausgelutschte in „Shadow of the Vampire“, steht dann recht unvermittelt auf dem Bahnhof dieses Fleckens unterhalb der Burg und hat noch zwei Kilometer zu gehen. Aufwärts. Aufregend, die Burg in der Ferne zu sehen.
Man kommt nur mit Führung in die Burg. Es gibt vier verschiedene Besichtigungsrouten, für drei davon muß man vorab eine Reservierung tätigen. Und wenn man „Nosferatu – Phantom der Nacht“ von Werner Herzog – mit Klaus Kinski, Bruno Ganz, Isabelle Adjani – für einen der besten und schönsten Filme aller Zeiten hält, ist es von höchster Wichtigkeit, herauszufinden, welche der Besichtigungsrouten an möglichst viele der Punkte führt, die Herzog zwischen dem 1. Mai und dem 6. Juli 1978 für seine Kamera auswählte. Alle Szenen auf der Burg in „Transsylvanien“, auf der Nosferatu / Graf Dracula (Klaus Kinski) Jonathan Harker (Bruno Ganz) empfängt, wurden auf Burg Pernštejn gedreht – insgesamt etwa 25 Minuten des Films.
Mein „Mám otázku“ („Ich habe eine Frage“) war bei der wunderbaren Radka Loukotova aus dem Ticket Office gelandet. Sie bedauerte zunächst, daß die Tour, die ich favorisiert hatte, nur auf Tschechisch angeboten wird. Ich antwortete, das sei kein Problem, erwähnte „Nosferatu“ und unseren Wunsch, auf der Burg so viele Schauplätze des Films wie nur irgend möglich sehen zu können. Mlle. Loukotova kannte den Film nicht, setzte aber Hebel in Bewegung, „trying to figure out where it was taken“, und teilte wenig später mit, ein Kollege habe bestätigt: „it was taken in the Entrance Hall, Tyrolean Courtyard, Reception Hall“. Ich schickte ihr einige Screenshots aus dem Film, unter anderem mit dem Gang, den Bruno Ganz im oberen Stock unternimmt, bis er an die dritte Tür kommt: jener Raum, in dem Harker untergebracht ist, an Lucy schreibt, und bei Nacht dem Nosferatu schließlich zum Opfer fällt. Die charmante Antwort: „Dear Mr. Erdmann, you are welcome, there’s nothing to thank for. :) Thank you for that pictures, they helped a lot. It is – as I thought – Entrance Hall and Reception Hall and they both are in number I. But because of that corridor it would be better to join number III… But I have to tell you that the room in the corridor isn’t included. You will see just the closed doors – is it enough? :) Well, it seems it’s really complicated at our castle, but I believe you will like it here :)“
Besichtigungsrunde III also. Im Ticket Office kommt es zur herzlichen Begrüßung mit Mlle. Loukotova („You must see that movie!“). Wir waren für 14:00 gebucht, dürfen aber noch in die 13:00-Tour rutschen. Daß man nur mit Begleitung in die Burg darf, hat sicher auch den Vorteil, daß man sich nicht verirren kann, unabsichtlich oder absichtlich. Gewissermaßen ist es in der Tat „really complicated at our castle“: der Palas ist labyrinthisch.
Im Burghof hinter dem IV. Tor schauen wir uns die Kapelle an und warten auf den Beginn der Führung. Überwältigt von dem Gefühl, wirklich hier zu sein.
Der erste Teil der Szenen, die Herzog auf Burg Pernštejn dreht: Harkers Ankunft.
Man betritt den Palas über dieselbe Treppe, auf der Bruno Ganz zur Begegnung mit Klaus Kinski emporsteigt.
Die Treppe ist überdacht, ein diagonaler Korridor gleichsam, und sie ist so lang, daß man sich fragt, ob bzw. wie Herzogs Kamera auf den Trittstufen stand. Klaus Kinski dagegen steht im Freien.
Es ist leider nicht erlaubt, im Palas zu fotografieren. Auf dem folgenden Bild ist aber zu sehen, wo die Szene spielt. Links, erkennbar an den runden Fenstern, der Aufgang mit der Treppe, die Bruno Ganz hochsteigt. Klaus Kinski wartet hinter der Tür, von der ein kleines Stück zu sehen ist. Besichtigungsrunde III verweilt auf diesem Plateau, und während 25 Menschen der jungen tschechischen Dame zuhören, die uns durch die Burg führen wird, stehen wir da, wo Kinski stand, und flüstern mit Augen groß wie Untertassen. „Ich bin Graf Dracula und heiße Sie in meinem Schloß willkommen“: right here. In der Mitte die Mauer, von der Kinski den Kerzenleuchter nimmt; rechts, unter dem Wappen, der Eingang, durch den Dracula und Harker ins Burginnere gelangen.
Wir kommen in die Entrance Hall: die im 16. Jahrhundert entstandene Eingangshalle mit dem phantastischen Diamantengewölbe. Die erste Szene, die hier spielt, ist das Nachtmahl, mit dem Graf Dracula seinen Gast bewirtet.
Der Erker mit dem Tisch befindet sich auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite der Halle. Teile des Diamantengewölbes der Entrance Hall sind im establishing shot sichtbar.
Die Ausstattung unternahm Herzogs Team, Herzog erwähnt im Audiokommentar des Films „völlig leere Eingangsräume“. Teilweise benutzte man für die Szenen Mobiliar und Gegenstände, die andernorts auf der Burg zu finden waren; die Uhr dagegen wurde von einem handwerklich begabten Mathematiker namens Cornelius Siegel eigens für den Film angefertigt. – Jörg Schmidt-Reitwein, der Kameramann, von Herzog zurecht gerühmt als Magier der Beleuchtung, ist Sohn eines Malers.
„Hören Sie? Hören Sie! Die Kinder der Nacht, wie sie Musik machen!“
Harker schneidet sich mit dem Brotmesser in den Finger, das Blut reizt den Vampir, der vorgibt, nur die Wunde aussaugen zu wollen, „Bitte lassen Sie mich… das ist das älteste Heilmittel der Welt…“, Harker weicht vor dem enragierten, plötzlich gefährlichen Vampir zurück, Nosferatu / Kinski drängt ihn durch die Halle, an einem der Treppenaufgänge vorbei, Harker fällt in einen der Stühle vor dem Kamin. Der Vampir läßt schwer atmend ab: „Wir sollten noch zusammen aufbleiben… es ist noch lange bis zum Sonnenaufgang.“ Harker schlummert vor dem Kamin ein.
Der Kamin existiert nicht. Im Audiokommentar sagt Herzog: „Dieser Kamin ist gebaut“, wir dachten, daß Herzog an einen vorhandenen Kamin diesen bizarren Vorsatz anbringen ließ, tatsächlich befindet sich aber in der Halle kein Kamin.
Nach dieser alptraumhaften Nacht erwacht Harker in der Halle; der Vampir ist verschwunden. Harker findet einen reich gedeckten Tisch vor und beginnt dann, die Burg zu erforschen, dieses Gemäuer, „das so irregulär und so seltsam ist und so viele merkwürdige Türen hat, da habe ich gesagt, das muß ohne Schnitt gehen, wir dürfen hier nicht schneiden, wir müssen sozusagen dem Mann jetzt folgen. Und wir müssen das Gefühl haben, es gibt keinen Ausgang.“ (Herzog)
(Bei der Silhouette, die man am Ende dieses Filmausschnittes sieht, handelt es sich um die Ruine von -> Burg Strečno in der Slowakei, nicht um Pernštejn)
Hinter Bruno Ganz eine rätselhafte Tür, die auch später für ihn verschlossen bleibt, und von der wir auch während der Führung nicht erfahren, wohin sie führt.
Blick in Richtung Eingang:
Harkers Blick fällt auf eine der beiden Treppen, die sich an den Längsseiten der Halle befinden – sofern man bei diesem unübersichtlichen Grundriß von „Längsseiten“ sprechen kann.
Die Handkamera folgt ihm durch die Halle, und schwenkt dann, seinem Blick folgend, zum Diamantengewölbe hoch.
Harker takes the stairs. Auf der anderen Seite der Halle führt eine fast identische Treppe hinauf. Falls der Nosferatu-Liebhaber darob in der Halle die Orientierung verliert: ein kleines Fenster gibt es nur bei dem einen Treppenaufgang.
Auch einige Szenen des Films „Bathory“ von Juraj Jakubisko wurden auf Burg Pernštejn gedreht. Hier führt Erika, eine Dienerin Elisabeths, Caravaggio (the same) die Treppe hinauf; auch Jakubisko läßt zum Diamantengewölbe schwenken.
Herzogs Kamera steht hier in der Reception Hall, einem Saal, der die Eintrittshalle im ersten Stock gleichsam wiederholt. An einem Punkt der Führung stehen wir genau da, wo die Kamera steht, um dann wie Bruno Ganz den Gang zu erforschen. Dieser Gang führt rund um den Palast und war ursprünglich ein Wehrgang auf der Burgmauer.
Harker geht an zwei Fenstern vorbei, schaut in zwei Räume, deren Türen offenstehen, und kommt dann zur dritten Tür; in diesem Raum findet er seine Packtaschen.
Man findet Inschriften an mehreren Stellen der schmalen Gänge; im Ausschnitt Herzog – Nosferatu – III erkennt man eine davon bei Minute 2:55. Vermutlich haben Soldaten, die sich bei der Nachtwache langweilten, im 16. Jahrhundert die Wände mit Rötelstift bekritzelt. Manche der Inschriften sind Zitate, etwa aus der Bibel, man findet auch eine der ersten Übersetzungen Ovids ins Tschechische, anderes ist originäres Gedankengut der Soldaten. Vielleicht hat sich auch eine unglückliche Prinzessin verewigt, oder die in den Burggängen umherirrende Weiße Frau: natürlich hat Pernštejn sein Gespenst, der Geist einer Kammerzofe, die es vorzog, sich im Spiegel zu bewundern, statt fromm zu beten. Darum gibt es hier auch einen Spiegel, von dem es heißt, daß jeder, der hineinblickt, binnen eines Jahres seine Schönheit verlieren wird.
Harkers Zimmer:
Blick auf die Burg von außen. Harker befindet sich in dem Eckzimmer mit den hell umrahmten Fenstern. Links der Turm der Vier Jahreszeiten.
Die folgende Szene: Harker erwacht aus der Nacht, in der er von Graf Dracula heimgesucht wurde, eilt hinunter, und wir können die Entrance Hall noch einmal en detail erkunden. Zuletzt läuft er, wie schon in einer Szene zuvor, in den kleinen Burghof: dies ist der „Tyrolean Courtyard“.
Unfaßbar, als wir den Hof betreten, gerate ich an derselben Stelle in das Löchlein zwischen den Steinen wie Bruno Ganz. Während die Führung im Tiroler Hof erneut anhält, besetze ich die Stelle, an der Bruno Ganz für immer leicht ins Straucheln kommt (1:20), und muß fast weinen. Niemand bessert diese Stelle jemals aus, das ist ein Befehl.
Auch diese Szene aus „Bathory“ wurde im „Tyrolean Courtyard“ gedreht:
Schaut man im Tiroler Hof nach oben, sieht man nur ein winziges Stück Himmel. Durch das bizarr zusammengewachsene Gebilde der Gebäude blieb über dem alten Burghof nur noch ein Lichtschacht in der Mitte des Palas.
Die Ursprünge der Burg liegen im 13. Jahrhundert, 1285 wird Burg Pernštejn erstmalig erwähnt. „Pernštejn“ ist eine altböhmische Abwandlung von Bärenstein. Die ersten Herren der Burg trugen den Namen von Medlov, später übernahm der auf der Burg lebende Familienzweig den Namen Pernštejn. Im Laufe des 14. Jahrhunderts verlor die Familie an Bedeutung, auf der Burg wußte sich Vilém I. von Pernštejn jedoch zu behaupten. Er hielt eine kleine Truppe auf der Burg, die man manchmal nur schwer von einer Diebesbande unterscheiden konnte, und es gelang ihm, Vorteile aus der Unterstützung verfeindeter Parteien zu ziehen. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde damit begonnen, die Burg zu befestigen; Viléms Sohn Jan I. ließ die Wehrhaftigkeit der Burg erhöhen, seine Herrschaftszeit und die Regentschaft seiner Söhne Vratislav I. und Vilém II. (in der zweiten Hälfte des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts) bedeuten die Aera der größten Bautätigkeit auf der Burg.
Im 16. Jahrhundert wurden Burgen als Familienwohnsitz weitgehend von komfortablen Schlössern abgelöst. Unter Vilém II., der seine Familie zur reichsten im Böhmischen Königreich und in der Markgrafschaft Mähren gemacht hatte, begann sich auch Pernštejn in das Denkmal einer Adelsfamilie zu verwandeln. Die letzte Bautätigkeit von Bedeutung erlebt Pernštejn in der Mitte des 16. Jahrhunderts unter Jan II., von dem der Satz stammt: „Wenn es nichts mehr zu bauen gibt, laßt etwas abtragen und baut es neu auf.“ 1596 aber zwingt der unaufhaltsame Vermögensverlust die Familie zum Verkauf der Burg; einige Jahrzehnte später stirbt die Familie, als wäre ihr Fortbestand nur auf der Burg möglich gewesen, vollkommen aus.
Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges ging die Burg in den Besitz der Grafen von Lichtenstein-Kastelcorn über, kaisertreu und trotz Belagerung durch die Schweden (1645) auf der Seite der Sieger, 1655 wurde Pernštejn zur mährischen Landesfestung ernannt, während viele andere Burgen als mögliche Nester des Widerstandes gegen die Habsburger zerstört wurden.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts übernahm die Familie der Stockhammer die Burg, unter deren Herrschaft die Wände und das Deckengewölbe des Rittersaals mit Stuckverzierungen versehen wurden. Seit 1760 keine Festung mehr, kam die Burg gegen Ende des 18. Jahrhunderts in den Besitz von F. I. Schroeffel von Mansberg; dessen Nichte ehelichte 1828 Vilém Mitrovsky. So gelangte Pernštejn in den Besitz der letzten Adelsfamilie, die, obgleich nicht ständig auf der Burg wohnhaft, bedeutende Spuren hinterließ: Viléms Sohn Vladimir I. ließ die vernachlässigte Burg mit großem Aufwand sanieren.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mit Büchern aus dem Familienbesitz der Mitrovsky im großen Saal des Renaissancegebäudes eine Bibliothek gegründet, eine naturgeschichtliche Sammlung kam hinzu.
In dieser Bibliothek drehte Herzog die Szene aus „Nosferatu“, in der Graf Dracula den Kaufvertrag für das Haus in Wismar umgehend abschließen will, als er ein Bildnis von Harkers Frau Lucy – Isabelle Adjani – sieht. Es ist die wunderbare „Ich lege keinen Wert mehr auf Sonnenschein und blitzende Fontänen“-Szene: „Die Papiere, den Vertrag, ich unterschreibe sofort!“ – „Eigentlich haben wir noch keinen Preis festgesetzt…“ – „Das ist doch ganz unwichtig!“ Unsterblich.
Wir dürfen die Bibliothek von einer Treppe aus sehen. Und in der naturgeschichtlichen Sammlung haben wir unter der Vielzahl ausgestopfter Vögel den einen entdeckt, von dem Herzog oder ein Requisiteur bei den Dreharbeiten sagte: den stellen wir Kinski auf den Tisch. Es gibt dort zwei ausgestopfte Adler; den für den Film ausgeliehenen Adler erkennt man daran, daß er etwas in den Fängen hat, das einmal ein kleines Füchslein war.
Der ausgestopfte Wolf, der am Anfang dieser Szene zu sehen ist, steht noch an derselben Stelle.
„Zeit, das ist ein Abgrund, tausend Nächte tief…“
Als wir in einem der oberen Stockwerke, man hat längst die Orientierung verloren, einen Treppenabsatz erreichen, flattert hinter einer Glasscheibe, die einen Gang abtrennt, aus unerfindlichen Gründen eine kleine Fledermaus, wie ein Nachkomme der kleinen Gesellen, die bei Bruno Ganz am Fenster hängen. Den Enthusiasmus, mit dem wir dem zur Unzeit aufgeregten Flattermäuschen begegnen, quittiert unsere Führerin mit abgeklärtem Lächeln.
Nach der Führung durch den Palas genießen wir eine köstliche heiße Schokolade in der Gaststube, der alten Burgschenke aus dem 16. Jahrhundert, dann erkunden wir noch einmal das weitläufige Burgareal, jeden Zentimeter, der von außen zugänglich ist.
Blick auf das IV. Tor mit den Wappen des Grafen Vilém Mitrovsky und seiner Gemahlin Josefina Schroeffel von Mansberg.
Blick in die andere Richtung: das III. Tor, rechts die alten Kutschenhäuser, links der sogenannte Schroeffel-Garten.
Im Schroeffel-Garten
Zuletzt identifizieren wir noch den Schauplatz der Szene, in der Harker von der seltsamen Kutsche in die Burg gebracht wird; die Kutsche fährt durch das Tor des sogenannten Barbakan, der die Verteidigung mit Feuerwaffen ermöglichte.
WOW!! Danke, wunderschöner abendlicher Ausflug für mich. Als ich sah, daß Teil 3 Eurer Reise dran war, hab ich mir erstmal eine köstliche heiße Schokolade gemacht und als ich von Eurer las, nahm ich gerade einen Schluck :) Werde den Film nun mit wieder neuen Augen sehen, nehme ich mir gleich fürs Wochenende vor. DANKE!
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
In der Schenke hört man noch das Gejohl und Geklirr der Soldaten, die da vor Jahrhunderten ihren Sold verzechten, und genießt diese köstliche heiße Schokolade folglich etwas verschämt. Danke also für Deine Solidarität. :)
ray05:
Die Sachwalter des Burgtourismus wissen nichts von „Nosferatu“? Da treibt’s mir gleich den Pflock ins Herz, wenn das höre. Erinnert an Prag: dort sind auch alle mit plötzlicher Taubheit geschlagen, wenn der Name Kafka fällt. :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Seufz, ja. Um meine Zähren zu trocknen, sagte ich mir: keiner von uns kennt alles. Ich zum Beispiel kannte bis vor kurzem „Inception“ nicht. Ich kenne „Inception“ auch jetzt noch nicht so richtig, weil mir der autistische Krach von Hans Zimmer, gegen den die Schauspieler phasenweise anschreien müssen, so auf den Senkel ging.
Daß man keine heilige Zusammengehörigkeit von „Nosferatu“ und Pernstejn zelebriert, hat sicher viele Gründe, und für viele Dinge ist vielleicht auch erst jetzt langsam Zeit. Im Sozialismus dürfte die Burg tatsächlich nichts als ein leerer Spuk gewesen sein. Kafka: Prag, Hotel, Nacht, an der Rezeption saß dieser studentisch aussehende Mensch mit Buch. Ging nochmal runter zu ihm, weil ich dachte, den könnte ich nach dem Kafka-Museum fragen. Also nicht dem in Kafkas Geburtshaus, sondern dem anderen, von dem man nie was liest. „What was the name?“ Über seinem Nerd-Pizzateller googelte er dann erstmal nach Kafka. Ich meine, der hat ja auch einiges hinter sich da, der Kafka. Verfemung aus politischen Motiven, Vereinnahmung aus politischen Motiven, Vermarktung. Verstehe schon, wenn es Zeit braucht, Kafka einfach so entdecken zu wollen als weltbesten Literaten aus Prag. Something else aber: die schmerzliche Einsicht, daß man tatsächlich einen Schritt vor den anderen setzen kann, ohne Herzog, Kinski, Kafka, Rilke und Rimbaud, Cave und Cale, 89% dessen, was unsereins so liebt, auch nur zu kennen. Ist aber so. Diese Einsicht macht aus unsereins den Nerd. Ich hab nur irgendwann beschlossen, unverdrossen ins Wasser schreiben. :)
ray05:
Ins Wasser schreiben: da denk ich an Flaschenpost. Ist eh alles Flaschenpost durch Zeit und Raum. Jedes gut verkorkte Zettelchen trägt die geheime Überschrift „Message to our folks“. :) Ich werd der Isar ne richtig altmodische Flaschenpost mit auf die Reise geben. Meinste, die können Englisch in Bulgarien?
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Ne Menge alter Verstecke von Schwarzmeerpiraten da unten. Was hast Du vor, eine Piratenbraut aus dem 17. Jahrhundert nach Marienbad einladen? :) „Alles ist Flaschenpost durch Zeit und Raum“, voilà. Take them down the only road you’ve ever been down. You know the one that takes you to the places where all the veins meet.
Anonym:
…unverdrossen ins Wasser schreiben: Ja, tun Sie das weiter!
„Poppy Day (2 Minutes Silence)“ is based on John McCrae’s poem In Flanders Fields.
The poem was written in 1915 after he lost a friend during a battle in World War I.
„Join Hands“ Remaster Liner Notes 2006:
The mantra-like ‚Poppy Day‘, which included lyric snatches from First World War poet John McCrae’s ‚In Flanders‘ Fields‘, had been conceived after Severin had observed the televised two-minute’s silence on Remembrance Sunday 1978. „We wanted to write a song that would fittingly fill that gap,“ he said.
The Vice Barons kommen aus Belgien, dem wundersamen Land. Ihre zwischen Pulp-Garage und Stripclub pendelnde X-tatic-Sleaze-Diskographie beginnt Anfang der Neunziger in Brüssel, mit der Band befreundete Stripperinnen bereichern die Bühnenshow, der Keyboarder Vince Vincent heißt außerhalb von Les Vice Barons offensichtlich Vincent Verstraeten und schätzt das „Mirage“-Video von Ladytron. Männer von exquisitem Geschmack also.
„PC-Szenepolizei also bitte aufpassen und rechtzeitig Boykottmaßnahmen einleiten“, schrieb das Ox-Fanzine 1997. Der Rest kauft lüstern Tracks der Vice Barons und hilft der Band damit hoffentlich, einen neuen Plattenvertrag an Land zu ziehen.
„Lookin‘ In The Face Of Evil“ ist 2023 erschienen, produziert vom legendären Jim Diamond aus Detroit, der u.a. mit The White Stripes, The Sonics und The Devils gearbeitet hat.
Ende 2024 ein neues Lebenszeichen. Praise the Lord. Oder den anderen.
Und jetzt hatte Aljoscha in seinem Universum ein Schwarzes Loch entdeckt, das Ledas Existenz und Bedeutung verschluckte. Hatte er eine eigene Welt? Vielleicht là-bas. Tief unten. „Wir werden sehen“, dachte Aljoscha, griff nach seiner Jacke und machte sich auf in die Stadt.
Der Rathausplatz rumorte wie ein antikes Amphitheater. Publikum brodelte erwartungsfroh der Abenddämmerung und dem Beginn der Aufführung entgegen. Aljoscha stand neben einem jungen Paar, dessen aufgeregtes Getue den Börsenkursen in der Zeitung galt, obwohl es eher blöden Urlaubsphotos, einem skandalösen Liebesbrief oder dem Striptease einer Horde Heinzelmännchen angemessen war. Das mußte man tolerieren, aber nicht direkt neben sich. Aljoscha wanderte weiter, kam zu einer Absperrung seitlich der Bühne, und fand, daß dieser lumpenproletarische Standpunkt Sicht genug bot. Auf den Tribünenplätzen ging es pomphaft und bourgeois zu, während der Plebs den Platz als das betrachtete, was er vor Erfindung der Bannmeile zu sein pflegte: als den seinen.
Aljoscha sah, was man von der Tribüne aus nicht sah: Tänzerinnen und Tänzer, die hinter der Bühne, im Dunkel vor dem kolossalen Rathaus, Drehungen und Sprünge probten, Bruchstücke des bevorstehenden Balletts, und die Bewegungen, die jeder Akteur dort ganz für sich ein letztes Mal probte, waren wie eine exklusive Ouvertüre. Aus tiefer Konzentration brachen plötzlich Tanzfiguren hervor; ebenso abrupt brach die Bewegung wieder ab. Vor dem gewaltigen, sinistren Bauwerk wirkten die fragilen Tänzerinnen wie bleiche Priesterinnen am Tor zu einer anderen Welt; die Tänzer erschienen wie Boten vor dem Turm von Babel. Ihre blitzartigen und doch geschmeidigen Tanzbewegungen vor der eigentlichen Aufführung glichen den Signalen einer geheimen, rituellen Kommunikation, deren wortlose Intensität Gewaltiges ankündigte. Babylon wird fallen, beispielsweise. Mochte das Übermächtige mit seinen Schatten drohen, Babylon wird fallen. Zen-Meister Huang-Po hätte gesagt: Der Geist der Bewegung besiegt das Steingewordene und Starre. Oder: Ewiger Übergang gerinnt nicht. Vielleicht hätte er auch gesagt: Iß niemals Steckrüben.
Während Aljoscha noch gebannt zusah, kämpfte sich zu seiner Linken ein beherztes Mütterchen bis zur Absperrung durch; nachdem sie ein wenig Luft geschöpft hatte, stieß sie Aljoscha mit dem Ellenbogen an: „Hier sparen wir 30 Rubel!“
Aljoscha sagte: „30 Rubel? Donnerwetter.“
„Nicht wahr? Jedenfalls, hier haben wir ein schönes Plätzchen gefunden“, freute sich die alte Frau im Plural, als wäre sie mit Aljoscha zusammen aufgebrochen, um dem spektakulären Ereignis beizuwohnen.
„Soll ich Ihnen etwas sagen“, fuhr sie fort, „ich weiß gar nicht, was gespielt wird. Ich war nur auf dem Przewalski-Prospekt und habe Rollschuhe für meine Enkelin gekauft, bei Kastschej, da“, – sie raschelte mit ihrer Einkaufstüte – „und dann sah ich die Versammlung hier. Früher war ich oft im Theater! Ich hab noch den großen Grindko gesehen! Der hat sich ja nachher dann umgebracht. Die Größe, Gott, was hab ich mich da zermartert!“ – Aljoscha nahm an, daß diese letzte Bemerkung den Füßen der Enkelin galt und nicht dem großen Grindko, und setzte zu der Frage an, wie alt das Kind denn sei, aber das Mütterchen war soeben untergetaucht, um stöhnend und umständlich ihr Gepäck auf den Steinplatten zu deponieren. Wieder lotrecht fragte sie: „Aber welches Stück wird denn nun aufgeführt?“
„Ballett. Zu Musik von Gustav Mahler.“
„Ach, ein Ballett.“ Das schien nicht nach ihrem Geschmack. Aljoscha rechnete damit, daß sie unter beträchtlichem Aufwand Sack und Pack wieder emporhieven würde, doch sie beschloß: „Na, besser als ein Kurkonzert. Haben Sie schon einmal ein Kurkonzert erlebt, junger Mann?“
„Nein, bislang nicht.“
„Es macht Kranke gesund und Gesunde krank. Um 22 Uhr 30 muß ich gehen, sonst versäume ich meine Metro. Würden Sie mich zur rechten Zeit auf den Weg schicken?“
„Leider besitze ich keine Uhr“, sagte Aljoscha.
„Am Rathausturm ist eine Uhr“, sagte das Mädchen zu seiner Rechten.
„Ach? Na ja! Dann geht es. Gehören Sie wohl zusammen, Sie beide?“
Aljoscha und das Mädchen wechselten einen Blick. Sie war meerjungfräulich schön und trug so gewiß einen nordischen Namen, wie sie ihr Haar in Salzwasser wusch. „Nein, wir gehören nicht zusammen“, bekundete Aljoscha.
„Nicht? Na, was nicht ist, wird noch“, bestimmte das Mütterchen mit resoluter Fröhlichkeit. Die Meerjungfrau lächelte vielsagend und viel verschweigend, und dann setzte die Musik ein.
Das Haupt-Gebäude, die Baukunst des Bewußtseins, muß von unermeßlicher Größe sein. Betreten wir also die Korridore und Gemächer der entlegeneren Flügel. Kein Zaudern, keine Glaubensfragen. Es gibt Falltüren und Schlangengruben, wir wissen das, wir wissen das. Was nicht ist, wird noch? Daß etwas war, wird sein. Etwas wird am Ende dieses Weges liegen. Vergessene Geschöpfe mit Augen, die vor Trauer bluten, ein halb irr gewordenes Faktotum, das jede Faszination hierher verschleppt und an schwere Steine kettet, ein Louvre an Bildern, ein Logbuch der Traumfahrten, ein Labyrinth, ein Minotaurus, ein Kerberos, der die Schätze der Vergangenheit bewacht, oder die Schätze der Zukunft, vielleicht auch nichts als Spinnweben und der heulende Wind – was immer auch geschehen muß, laß es geschehen.
Während des ersten Aktes übermittelte die alte Dame Aljoscha und dem Mädchen tuschelnd ihre Eindrücke, wie eine Gouvernante, die sich reckt, um ihren Schutzbefohlenen die vorbeifahrende Kutsche des Königs zu beschreiben. Während des zweiten Aktes hauchte die Meerjungfrau Aljoscha einige Gedanken zu; was sie sagte, war nicht eigentlich an ihn gerichtet, und er vergaß sogar, verlegen nach einer Antwort zu grübeln, weil er spürte, wie um sein Herz gelegte Zwingen sich langsam zu lösen begannen. Während des dritten Aktes dann verließ das Mütterchen den Schauplatz, nicht ohne sich gerührt von ihren Schäfchen zu verabschieden.
Als Fanfare hatte die Musik begonnen, triumphal, wie eine Huldigung an Mars. Die Tänzer ließen ein Epos aufleben, in dem gewaltige Mächte miteinander rangen, und die Musik rief Aljoscha den martialischen Hauptmann ins Gedächtnis, von dem er geträumt hatte in der Nacht der Katzenmenschen. Es war strahlende Musik, die vorwärts stürmte wie ein göttlicher Streitwagen, sie warf alles und jeden zwischen die Fässer des Zeus mit den Gaben des Wehs und den Gaben des Heils. Bilder, die den Rausch sich erprobender Kräfte beschworen, naturhaften Trieb, der die Konstellationen der Masse bestimmte – Wesen wurde zu Gepräge, Gepräge zu Gefüge, Gefüge zu Struktur, Struktur zu Formation, Formation zu Organisation, Organisation wurde totalitär, wurde Tyrannei, alle nur noch Paladine einer fatalen Gesetzmäßigkeit, alle nur noch einstimmig sich einstimmend auf einen großen Glauben, in dem Menschliches unter Menschen sich verlor. Die Musik jedoch, sie untergrub latent ihr eigenes Pathos und ließ dunkle Vorahnungen wie schleichendes Gift durch die Motive rinnen. Inmitten des heroischen Taumels fühlt ein Namenloser die Bedrohung, kehrt sich ab vom hymnischen Wahn – er hält Ausschau. Aber wird er klug aus seiner Suche? Begreift er, was ihn treibt?
Er rettet sich in einen Traum von anderen Sphären. Lyrische, verführerische Musik, wie eine Huldigung an Venus. Himmlisch helle Anmut der Tänzerinnen, eine Vision von Heilung und Erlösung, vor Augen geführt wie ein neues Versprechen für Tantalus, zu nah, um jemals wieder zu verlöschen, zu schön, um jemals Wirklichkeit zu werden, ohne Opfer zu verlangen – zu erbarmungslos schön.
Was dann kam, war anders, unvorstellbar anders. Zunächst war nur Vibrieren, eine schaurige Präsenz, aus unendlichen Tiefen kommend, als Klang zunächst kaum hörbar; dann, so unerwartet, als würde eine Statue ihr steinernes Haupt bewegen, eine Stimme. Eine Frauenstimme. Eine Welt entfernt.
O MENSCH
singt sie und etwas regt sich, 2000 Faden tief, là-bas,
O MENSCH
auferweckt, beschworen,
GIB ACHT
unbeirrbar aufsteigend, höher und höher,
GIB ACHT
bis es an die Oberfläche kommt und auftaucht unter einem Purpurhimmel,
WAS SPRICHT DIE TIEFE MITTERNACHT?
schattenlos sich erhebend in unheimlicher Stille, unauslöschlich, unausweichlich – die Gestalt der Namenlosen, die namenlose Gestalt.
ICH SCHLIEF! ICH SCHLIEF!
Ihre Macht ist göttlich genug, um Blasphemie zu sein. Sie kennt ihre Opfer. Sie macht sich auf den Weg, um
AUS TIEFEM TRAUM
in tiefen Traum
BIN ICH ERWACHT
zu führen einen Erstgeborenen und ihn an vergessene Weisen zu erinnern, vergessene Seinsweisen, versunkene Kaskaden quälend süßer Töne, wie sie die Undinen singen.
DIE WELT IST TIEF
Die nunmehr Anwesende legt über ihn den Hauch des Abwesenden und spricht: „Du bist nur halb von dieser Welt.“
UND TIEFER ALS DER TAG GEDACHT
Sie schießt ihm eine Silberkugel durch den Kopf und spricht: „Unbedingte Liebe oder überhaupt nichts. Die Wurzeln sind abgeschnitten. Du wirst verdorren.“
TIEF IST IHR WEH
Sie schlingt die Arme um ihn, und ihre Augen sind Speere aus Licht, und sie spricht: „Aber eine Sehnsucht ist in dir, mächtig wie Tigersprünge, maßlos wie Prinzenwünsche, geduldig wie ein Reptil.“
LUST –
Sie peitscht ihn mit Ruten und spricht: „Sie rührt sich nicht. Doch sie ist hellwach. Und so viel älter als das Schlaflied, das die Welt ihr singt.“
TIEFER NOCH ALS HERZELEID
Sie zeigt sich in den Winkelspiegeln eines Kaleidoskops, in dem bunte Glassplitter zu Sternen werden, und sie spricht: „Schönbildschauer, meine Gunst ist ein Palast, mit hunderttausend Juwelen geschmückt. Lerne zu vergessen und tritt ein.“
WEH SPRICHT: VERGEH!
Sie steht in einem perfekten Kreis und spricht: „Glaubst du an die Möglichkeit des Ideals, das Seiende zu berühren?“
DOCH ALLE LUST WILL EWIGKEIT, WILL
Sie benetzt sein Auge mit einer Träne und spricht: „Du bist das Auge. Du bist der Schauplatz. Finde die eine Illusion, von der du vergessen kannst, daß sie eine ist.“
TIEFE, TIEFE EWIGKEIT
Morgenglocken lösten den Bann: der Traum verflüssigte, die Umgebung nahm ihren Platz wieder ein. Auch der Namenlose auf der Bühne rieb sich die Augen: er sah ein ätherisches weibliches Wesen – einen Engel. Jähe Lichtung. Kehre des Seins. Er näherte sich vorsichtig, und der Engel scheute nicht zurück, gab sich zum Pas de deux, zum Nichts als Zwei…
Oder war dies wieder nur ein Traum in einem Traum? Zur Schlußsequenz der Symphonie über schicksalsschweren Paukenschlägen schritt das engelhafte Wesen am Bühnenrand von rechts nach links, als müßte es die Parade der vom Schattenreich mit einem Gestellungsbefehl Versehenen abnehmen, schritt langsam von einem Ende zum anderen, von Kether zu Malkuth, vom Sein zum Woanderssein, von den Brettern, die die Welt bedeuten, zum Ausgang, von der Wirklichkeit zum Riß in der Wirklichkeit, von irgendeinem Hier zu irgendeinem Dort.
Und gerade so, als läge im Erscheinen dieses ätherischen Wesens nichts anderes als ein immerwährendes Urteil, das Unerreichbarkeit verhängt, sah der Namenlose aus der Ferne zu wie ein Gerufener, der doch nicht folgen kann, obgleich es sein Wille ist. Und mit einem letzten Blick in ihre unbewegten Augen fragte er sie – nichts. Er fragte sich, ob er sie wohl jemals wiedersehen würde. Und sagte stumm Adieu.
War dies das Ende? Oder schritt sie nur voraus auf einem Weg ins Folgenschwere, in eine wirkliche Geschichte, die vielleicht immer schon bestanden hat, als einzig mögliche? Es gab keine Antwort mehr auf diese Frage. Der Vorhang war gefallen.
Die Menge gönnte den Tänzern stürmische Ovationen, um sich dann doch recht eilig zu zerstreuen. Aljoscha sah sich um. Er hätte gerne noch auf irgendwas gewartet, doch er wußte nicht, worauf. Als er zu seinem Fahrrad ging, fiel ihm endlich ein, woher er den Text des Liedes von der tiefen Welt kannte – es war das Mitternachtslied aus Nietzsches Zarathustra. Das Gefährt für den Heimweg stand seltsam resigniert da. Zen-Meister Huang-Po hätte gesagt: Stell’ dein Fahrrad nicht an einen Baum, an den der Hund pißt.
We No Who U R Jubilee Street Do You Love Me? Tupelo Red Right Hand Mermaids From Her To Eternity West Country Girl God Is In The House Watching Alice Into My Arms Higgs Boson Blues The Mercy Seat Stagger Lee Push The Sky Away
Encore:
We Real Cool Papa Won’t Leave You, Henry Jack The Ripper Deanna (on request) Give Us A Kiss
Uh, yes. :) Guilty, Your Honour. Übrigens tatsächlich einer der atmosphärischsten S/W-Filme jener Zeit, sehr schön und spooky, Franco war ja durchaus ein Meister der cinematography, auch wenn er diese Meisterschaft später zugunsten… uh… anderer Prioritäten… etc. :) Diana Lorys ist dann später noch einmal sehr beeindruckend (anders beeindruckend) in einem weiteren Jess Franco-Film, „Nightmares Come At Night“. Der in ganz besonderem Maße Francos Talent zu einzigartiger, unverständlicher, unvergeßlicher Schönheit kombiniert mit Szenen, die, filmtechnisch, eine echte Belastung darstellen für das Nervensystem auch des Verständnisvollsten.
Wie Franco in dieser einen Szene aus „Der Teufel kam aus Akasava“ Soledad Miranda hinterherschaut, das ist vielleicht der Schlüssel zum ganzen Franco. Diese Schönheit in meinem Film, heilige Hölle. Das sagt dieser Blick, und: für diese Schönheit unternehme ich, was in meiner Macht steht, kinky, fetischistisch, bizarr, bonkers, aber zum Teufel nicht durchschnittlich und langweilig.
„Küss mich, Monster“, völlig ditzy, als Film kaum erkennbar, hat – neben der rasanten Version von „Sock It To’Em J.B.“ von Rex Garvin & The Mighty Cravers (kannte vorher nur die Specials-Version) – auch so eine Szene: Franco in seinem Cameo als… hm… wird von hinten erschossen und läßt sich, die Arme hochwerfend, von Janine Reynaud und Rosanna Yanni auffangen. Hätte ich auch so gemacht. :) Leaving the building, going to Max Schreck-Land. :) See you later.
10.10.2014
Anonym:
Was macht eigentlich die klimpernde Dame. Can’t she get no satisfaction?
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Mad Scientist-Thema. Howard Vernon als Dr. Orloff ist ein Entführer schöner Nachtclub-Damen. Um das durch Feuer entstellte Gesicht seiner Tochter neu erschaffen zu können, entfernt er den Damen die perfekte Haut. Referenz: der phantastische Les yeux sans visage von Georges Franju. Orloff hat einen furchterregenden, ihm sklavisch ergebenen Gehilfen mit sehr eigener Geschichte namens Morpho. Es gibt in nahezu jedem guten Jess Franco-Film einen Morpho. Inspector Tanner wird auf den Fall angesetzt. Diana Lorys ist Wanda Bronsky, Tanners Ballerina-Freundin, die sich, als sie Tanner investigativ unterstützt, selbst in höchste Gefahr begibt. Can’t she get no satisfaction? Kann schon sein. Wird nicht so recht klar, was sie an Tanner findet.
Bizarrer und wundervoller Film, aber Vorsicht vor Jess Franco. Kulturell verdammte, fetischistische Faszination in abgründigen Kontexten. I don’t give a damn about my bad reputation. Or his. :)