
In the corners there is light
That is good for you
And behind you
I have warned you
There are awful things
Cimitero Monumentale della Certosa di Ferrara

In the corners there is light
That is good for you
And behind you
I have warned you
There are awful things
Cimitero Monumentale della Certosa di Ferrara
25.10.2024
Das Foto entstand am 02.09.2024 in Ferrara, Italien.
What’s this?
Vorweihnacht

So, Watson, nochmal von vorn. Ich rief Ihnen etwas zum Geburtstag zu, von diesem schaukelnden Berg aus, aber der große schwarze Adler schnappte sich das wohl im Flug. Ich dreh mal kurz die Zeiger auf Kurz Vor: All good things to you, my Co-Spion in the House of Sinn. Sagte ich Sin? In ein paar Tagen wird The Claw leuchtend zusehen, wie mein Geist in tausend Stücke springt.
Kennen Sie übrigens die hier? „I Am Kloot“ von I Am Kloot ist die beste Herbstplatte, wenn nicht Herbst ist. Manchmal ist das Leben genau so. Genau so. Und Tischtennis war schon immer mysteriös, wenn die Mädchen mitspielten, damals.
Da erwähnt einer Robyn Hitchcock, stimmt zwar nicht, was der sagt, aber Robyn Hitchcock & The Egyptians müssen mal erwähnt werden. „Robyn“, she said, „you know I don’t take sugar.“
Musik ist Komplizin der Ahnung, daß Zeit ein Schwindel ist. Was heißt da schon „long ago“. „Achtlos gehe ich meines Weges, in einem großen Lärm von Gattern, die überall geschlossen werden. Lieben, sie wiederfinden, die verlorene Gnade des ersten Augenblicks, in dem man liebt…“ (Breton, L’amour fou).
Nine Inch Nails in Berlin am 30.6. Nach ein paar Songs: „God DAMN it’s hot up here!“ Und etwas später: „We’re having fun up here, so… thank you!“ Die Treptow Arena, a wonderful place. Von Nebelmaschine zu Fever Ray vs. 200% Luftfeuchtigkeit unmittelbar vor Konzertbeginn bis: „Our last show in Germany was a good one. Thank you Berlin! Hotter than fuck onstage.“ (Trent auf Twitter um 2 Uhr morgens).
Wenn es wirklich das letzte NIN-Konzert war, vorerst – was für ein phantastischer Abschluß. Unfaßbar, was aus „Hurt“ geworden ist, live. Triumph des Lebens, des Am-Leben-Seins, der Liebe zum Leben.


Nachts um 3 sahen wir Füchse beim Hauptbahnhof. Vorher Marienkirche, Nikolaiviertel, Impressionistentee bei Mariage Frères, Kaffee auf der Friedrichstraße, und dann unser Besuch bei E.T.A. Hoffmann, an einem wunderbaren Spätnachmittag.



Und jetzt will ich, daß mir doof ums Herz wird, darum verschwinde ich jetzt mit Musik, die zu mir kam in einem mitleidlosen Winter, als zwei Frauen noch da waren, die jetzt auf zwei verschiedene Weisen nicht mehr da sind. Ich wünsche, daß es Ihnen wohlergeht, ich umarme Sie.
Und sind Sie sicher, dass es der große schwarze Adler war? Weil hier ewig erwartungsvoll der hässliche braune Geier kreist und nicht einsehen will, dass auch in den dunkelsten Phasen noch erneuerbare Energie vorhanden bleibt, die einen Kosmos erhellen könnte, wenn sie nur wollte. Es ist wohl die rührendste aller menschlichen Verrücktheiten, diese Hoffnung auf was auch immer, die wieder aufersteht aus der Asche der letzten Dummheit.
Long ago heißt vielleicht auch, dass es gut ist, dass Zeit Wunden heilt und Menschen die weniger guten Stunden vergessen. Naja. Heute hoffe ich auf sechs Wochen mit ausreichend Schlaf. Luxuriös, geradezu dekadent, ich weiß, aber alles, was zu hoffen mir in naher Zukunft von Bedeutung scheint. Also, danke schön für den Co-Spion in the House of Sinn. Darf ich das verwenden? The House of Sinn. Das baue ich doch, als Mahnmal für, nein, gegen die Unwahrhaftigkeit. Materialbestellungen zur Zeit leider mit Verzögerungen, good reasons out of stock. Neulieferungen in Kürze. Hopefully. Oh ja, auf Kurz Vor drehen wäre fein. Ich verbrachte so viele wunderbare Abende seitdem mit diesem hier:
The Dancing Men – Sherlock Holmes
Die Szene ab 2:53 in Holmes‘ und Watsons Wohnzimmer! Jeremy Brett ist, nein war grandios. DER Sherlock Holmes, jetzt verstehe ich alles. Rathbone unvergessen, aber blass gegen diesen phänomenalen Mann, der sein Leben Sherlock widmete, nachdem seine Frau viel zu früh starb. Am Ende konnte er, depressiv und gebrochenen Herzens, Rolle und Realität nicht mehr auseinander halten – wer wollte es ihm verdenken. Starb 1995, das Herz blieb einfach stehen. Skorpion, certainly. Konnte nicht anders sein.
Natürlich kenne ich I Am Kloot, wenn nicht sogar durch Sie, ich weiß es nicht mehr. Loneliness, it s got your name and your new address, and it drinks and never leaves. Hymne, Holmes, Hymne. Tischtennis, hmhm, so kam mir das alles auch immer vor, als ich noch an Leben mit einem Gegenspieler dachte. Energiekosten können in kritischen Turnierphasen ins Unermessliche steigen.
Aaaaach, Berlin. Aber ich war ja auch da, letztes Wochenende. Now I hate Madame Tussauds, aber das nur am Rand. Drei Tage including Farin Urlaub Racing Team including 12000 Fans in der Wuhlheide including Walls of Death and Walpurgisnacht im Juli. Advanced Ärzte. Farin leistet sich da ein richtig gutes Racing Team und seine Philosophie bringt auch immer etwas Licht in unsere Seelen. Dumm nur die Organisation, der Einlass dauerte katastrophale 2 Stunden und wir standen ebenso lange erschöpft in der Menge, fielen zu Konzertbeginn auf Plätze im Seitenrang und sahen den feiernden Menschen zu. Haben Sie schon mal eine auf- und zugehende La Ola Blume aus 24000 Händen gesehen? Beautiful!
NIN also auch mit wie immer hoher Erfreudichte, sehr schön! Treptow Arena ist doch die an der Spree? Das Partyschiff dahinter war Ort der NachderTheCureShowFeier letztes Jahr, weil die Show auch in der Arena sein sollte, (leider) ins Velodrom verlegt wurde. Ein schöner Ort, Blick in Richtung Alex und Oberbaumbrücke unterm Sternenhimmel.
Robyn Hitchcock! God damn, das ist toll! Wenn Musik Komplizin der Ahnung, dass Zeit ein Schwindel, dann wünsche ich Ihnen, dass sie mit Ihnen im Olympiastadion Lügen aufdeckt bis in Ihrem Blut ein blubberndes Süppchen aus Adrenalin kocht!
Seien Sie auch umarmt und beschützt from your old Watson!
„Pum pum pum pum.“ (Holmes at 5:17). Miss Ina (Bornstraße) hat mir gerade eine 5 x Audrey Hepburn DVD-BlissBox geliehen, muß mal in „War and Peace“ auf Jeremy Brett achten. Denn natürlich stimmt alles, was Sie sagen. Ich las darauf, daß er mal mit Anna Massey verheiratet war. „Peeping Tom“, knoworrimean. Die sich öffnende und schließende Wuhlheidenblume ist wunderschön.
We saw the Wild Irish Rose unfolding. Das blubbernde Süppchen aus Adrenalin wich schließlich, kurz vor Ende, bei „With Or Without You“ einem nicht mehr zu verhindernden Tränenfluß. Positionalität beinhaltet Übergang, meint Plessner. Weinen gehört dazu. Weinen ist wider den Cartesianismus. Weil Trennung von Ich und Welt, sofern sie die Übergänge sperrt, schlecht ist. Und weil es einer dieser Momente unfaßbarer Richtigkeit war, und das, als man ohnehin schon in einer plötzlich aufgegangenen buntfunkelnden Sternengalaxie schwebte. „Unbelievable“, meinte Bono mehrmals.
Ich weiß nicht mehr, ob ich Ihnen erzählte, daß Bono und ich uns mal hallo sagten vor der „Fabrik“, als sie ihren Schepperbus einluden. U2 waren schuld daran, daß die Psychedelic Furs an dem Abend nicht auftraten. Zu denen hatte ich damals Leda eigens verschleppen wollen, so aber boykottierten wir U2, und in der Werkstatt 3 warf Rimbaud mir Fragezeichen ins Weinglas und in die ungeschriebene Zukunft. Die Psychedelic Furs mit ihrer unter Ha! Ha! Ha!-Zynismus begrabenen Romantik, im Grunde war schon alles vorbereitet. Jedenfalls kamen wir auf dem Rückweg wieder an der Fabrik vorbei. „Hello!“ – „Hello!“ Als viel später dann Aljoscha at a place called Vertigo war, wies The Joshua Tree den Weg. Denn worum geht es bei U2 sonst, als um erneuerbare Energie. Um House of Sinn versus mauvaise foi. Ich schrieb über die irischen Mönche, und SIE, die als Mädchen mal in Irland war, brachte mir Material, halb Bibliotheken durchforstend, halb einfach nie aus Irland zurück und von dort aus sprechend. So ging das dann immer weiter, mit U2.
Und darum war es Zeit.
Bei Tischtennis denke ich gar nicht so sehr an Gegenspieler, sondern an diese Sonderform mit Um-den-Tisch-Laufen. Wer den Ball verhaute, flog raus. Und ich flog meistens früh raus, weil ich zu Tode fasziniert war davon, wie Mädchen laufen. Ich fand das sehr erotisch, wenn sie nach ihrem Schlag auf die andere Seite des Tisches liefen, mit sinnlos, aber bezaubernd fliegenden Armen, wunderbar unökonomisch. Da lag eine geheime Koordination drin, die auf alles außer Tischtennis gerichtet war. Das hat auch irgendwie damit zu tun, daß sie beschwipst nicht mehr „Atom Heart Mother“ sagen konnten. „Aaytom… atom… wie?“ Aber das führt jetzt zu nichts, Watson.
Robyn Hitchcock, verkanntes Genie. Bitte beachten Sie den Monolog in „Autumn Sea“.
‚Hunting? No, I think it’s a perfectly beastly sport!‘ quipped Frobisher as they leaned on the mantlepiece over the crisp autumn fire.
Featherstonehaugh felt his calves warming pleasantly as the brandy seeped below his waist: knotting slightly over the abdomen, suddenly passing back up through the spine, causing a small trickle of the otherwise pleasing brown fluid to shoot from the fontanel on top of his head which landed on top of the other guy‘s head (I’ve forgotten his name now… aw, anyway, he got covered in it).
‚Aw, what’s this?‘
‚Aw, some kind of fluid,‘ said Featherstonehaugh.
‚Fluid? Oh, that’s the tops.‘
‚No, they use them for clothes pegs, you know!‘ continued Featherstonehaugh, somewhat more droll.
‚Really?‘ said Butterworth, who was feeling rather left out of the conversation.
‚Oh yes, that’s right, you know, they pick them up in Siberia and bring them over.‘
‚Siberia!‘ interjected the fellow whose name I still can’t remember.
‚Topping place! Went there once. Found a little moustache. One of the Russkies had it. Wah ha ha! Took it home, don’t you know. Showed the little lady. Hrrmph. She put it on. Left me for another woman. Hmmm. Rum things, lefts. And women.‘
He was left alone: there was no one there, not even a woman, just the fireplace and his ever swelling chins. As the brandy began taking lethal effect, Featherstonehaugh (or was it Butterworth? Or was it the other guy whose name I can’t remember?) found himself slowly turning into some kind of helpless, diseased houseplant. As he watched his future and his past gradually become interchangeable like a highway surrounding a drunken man that begins to spin, he looked up above him.
Even the angels were asleep. It was one of those nights.
Ahhh. October.
The universe is based on sullen entropy
It falls apart as it goes on
As the light shines through your Chinese bones
There’s no one else
In the whole outside world
That matches to her in your soul
But she doesn’t exist anymore
Eine Aufführung im SPIEGEL ONLINE-Forum „Literatur – was lohnt es noch, zu lesen?“ aus dem Juli 2009.
Auftretende Personen: Muffin Man, Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann, Joseph Roth, kurzundknapp, KLMO, Albert Camus, André Breton, Alexander Grin, Jean Baudrillard, Blaise Pascal, Theodor Fontane, eine Katze, ein Kater, Arno Schmidt, chevy57, Charles Bukowski, Rainer Maria Rilke, Malte Laurids Brigge, Volker Paul, Camille Paglia, hans-werner degen, ray05, Gottfried Benn, Jean-Paul Sartre, Micheline Presle, Onkel Bruno, Onkel Johann, Vladimir Nabokov, Jens Peter Jacobsen, Niels Lyhne, Bob Dylan, Renaldo, Clara, Kant, Platon, Moby Dick, Nurejew, Weib.
Muffin Man [über Joseph Roth].
Ich „verteufle“ hier gar nichts. Allerdings hege ich gewisse Zweifel daran, daß die als Roman aufbereitete Genugtuung über den Untergang der Österreich-Ungarischen Monarchie heutigen Lesern wirklich eine gewinnbringende Lektüre darstellt…
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann.
Bei wem Genugtuung? Bei Joseph Roth?
Muffin Man.
Bei Joseph Roths heutigen Lesern!
Er selbst scheint den Niedergang jener „Gemächlichkeit“ mit all ihren Fallstricken der Etikette und der Standesunterschiede ja eher als Verlust empfunden zu haben. Nichtsdestotrotz wäre er doch auch in einer Gesellschaftsform, die ihm behagt hätte, kein Abstinenzler gewesen…
Christian Erdmann.
Die „Gemächlichkeit“ hat Roth wohl weniger vermißt, aber es gab in der Vielvölkermonarchie ein Klima der Toleranz, dem er nachtrauerte.
Trotzdem verstehe ich Deinen Satz oben nicht, warum sollten Roths heutige Leser „Genugtuung“ über den Untergang der Österreichisch-Ungarischen Monarchie empfinden?
Und warum sollte es nicht 27 andere Gründe dafür geben, daß die Lektüre Roths „gewinnbringend“ ist? Sagen wir zum Beispiel, ein Movens bei Roth ist das Mitgefühl für das Unterdrückte, vom Untergang Bedrohte, und das bezieht sich nicht auf „Untergang der Monarchie“, sondern, ich sagte es weiter oben schon, Roth richtet seine Sprache in ihrer poetischen Genauigkeit auf den eigenen Wert und die eigene Welt von Charakteren, Dingen, Begebenheiten, Stimmungen, Erfahrungen, als würde er ein Archiv des Versinkenden schaffen wollen, des an den Rand Gedrängten.
Am Rand der Wahrnehmung.
Jemand sagte mal, Roth konnte in Sprache übersetzen, was gewöhnlich nur in Musik auszudrücken ist.
„Rührung überfällt uns in der klaren Nachtluft, wenn die Sehnsucht aus den blauen Gründen zu uns kommt und am Fenster der Pfiff einer weitrollenden Lokomotive hängenbleibt, auf dem Bürgersteig gegenüber liebesdurstig eine Katze schleicht, in einem Kellerfenster verschwindet, hinter dem der Kater lauert. Groß und sternenreich ist der Himmel über uns, zu hoch, um gütig zu sein, zu schön, um nicht einen Gott zu erhalten. Die nahen Kleinigkeiten und die ferne Ewigkeit haben einen Zusammenhang, und wir wissen nicht, welchen. Vielleicht wüßten wir ihn, wenn die Liebe zu uns käme; sie ist mit den Sternen verwandt und mit dem Schleichen der Katze, mit dem Pfiff der Sehnsucht und mit der Größe des Himmels.“
(Joseph Roth, Der blinde Spiegel)
Gib mir EINE solche Passage gegen den Scheißzynismus, die abgeklärte Besserwisserei, die Mundvollnehmerei überall, und du weißt, daß die wahren Empiriker sich an der Seite einer schönen, schizophrenen Frau zu Tode soffen.
kurzundknapp.
Ich weiß auch nicht, was Muffin hat, Roth ist einer, den ich immer wieder lesen kann und will, weil sein Schreiben immer – ich wage das Wort – immer wahrhaftig war.
Dein letzter Satz sagt übrigens alles, sein Sterben war für ihn konsequent…
Christian Erdmann.
Wahrhaftigkeit, unaufdringliche Schönheit. Genaue Ansicht wird zu Zuversicht von ganz, ganz sanfter Ironie.
KLMO.
Es sind die unsichtbaren Schwingungen zwischen den Zeilen, die man nicht liest aber umso mehr verspürt!

KLMO [an Muffin Man].
Zunächst habe ich generell Respekt vor einer Leistung, wenn Sie wissen sollten, was es bedeutet, ein Buch zu schreiben.
Christian Erdmann.
Wiedergefunden: Camus, Tagebücher, Viertes Heft.
„Drei Jahre, um ein Buch zu schreiben, fünf Zeilen, um es lächerlich zu machen.“
Im folgenden Brief-Entwurf schreibt Camus, daß er scharfe Kritik hinnehmen könne; nicht aber voreingenommene.
KLMO.
Ich dachte schon, ich lebe auf dem falschen Planeten. Aljoscha, danke für Deine Zeilen!
Dass es dem Autor gelingt, diese zeitlose Thematik in seine Zeit und Umgebung so wirkungsvoll zu etablieren, das zeichnet Joseph Roth als schriftstellerisches Talent so aus.
Eine Bildsprache von unglaublicher Tiefe, eingebettet in die damalige Historie (Galizien) und Zeit. (Ein Narr, wer Historie nur als Historie sieht.)

Muffin Man.
Zitat von Aljoscha der Idiot:
Sagen wir zum Beispiel, ein Movens bei Roth ist das Mitgefühl für das Unterdrückte, vom Untergang Bedrohte, und das bezieht sich nicht auf „Untergang der Monarchie“ sondern […] das an den Rand Gedrängte.
Das ist ja sehr schön – und es findet auch ohne mein Zutun offensichtlich genügend Käufer. Vielleicht brauche ich ihn auch gerade deswegen gar nicht zu lesen und zu bewundern, weil das in baldige Vergessenheit zu geraten Bedrohte ohnehin mein eigenes Sujet ist (wenn naturgemäß auch im Kleineren als im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang)…
Jemand sagte mal, Roth konnte in Sprache übersetzen, was gewöhnlich nur in Musik auszudrücken ist.
Solcherlei Huldigung schreckt mich eher ab; ja, vielleicht könnte man sagen, daß meine Unzufriedenheit mit der Literatur einen neuen Ansatz bei den Konstruktionsprinzipien selbst fordert.
In jungen Jahren war ich leicht zu beeindrucken; da brauchte ein Schriftsteller bloß ein Thema zu streifen, das mich interessierte oder sozialer Utopie das Wort reden, und ich war begeistert. Aber die Welt ist nicht besser geworden, und die Zahl der Bücher, die ein Mensch in seinem Leben braucht, scheint eher wieder zu schrumpfen – man schaue sich postmoderne „Aufbewahrungssysteme“ in Möbelhäusern oder Privatwohnungen nur einmal an…
Offen gestanden, mir wäre ein illustriertes Lexikon, in dem nun wirklich ALLE Spardosen, die je im Laufe der Menschheitsgeschichte als Werbemittel bzw. in Serienfertigung produziert worden sind, abgedruckt wären, ein lehrreicheres Buch, als alle Sternenguckerei Joseph Roths…
Christian Erdmann.
Wie kommst Du nur darauf, daß es in der Passage um „Sternenguckerei“ geht? Es geht um „mein Herz, das in deinen unbezwingbaren Tiefen schlägt, in diesem blendenden Rosenschlund des mathematischen Wahnsinns, wo du geheimnisvoll über deiner Macht brütest“ (André Breton). Es geht um „Zeichen und Figuren, die ihr mit unbekannter Bedeutung hereingebrochen seid“ und denen das „Rätsel des Unerfüllbaren in mir“ (Alexander Grin) anvertraut wird. Es geht um „Verbindungen und Verführung: nichts ist isoliert, nichts geschieht zufällig – der Zusammenhang ist absolut. Das Problem bestünde eher darin, diesen totalen Zusammenhang der Ereignisse an bestimmten Punkten zu bremsen oder anzuhalten: den Taumel der Verführung und der Verkettung der Formen untereinander anhalten, das heißt diese magische Ordnung (andere werden sagen, diese magische Unordnung), die wir in Form von kettenartigen Sequenzen und (glücklichen oder unglücklichen) Koinzidenzen, in der Form des Schicksals und der unvermeidbaren Vereinigung, bei der sich die Ereignisse wie durch ein Wunder zusammenfügen, plötzlich wieder auftauchen sehen“ (Baudrillard). Es geht nicht um Gott, nicht um die Sterne. Es geht um die „unter dem Getrenntsein stöhnenden Dinge“ (Camus). Es geht darum, daß aller Irrtum von der Ausschließung herrührt (Pascal). Es geht um das vielleicht niemals zu Erreichende. Es geht um das, was Du als Mysterium ablehnst. Es geht um „Eine ganze Geschichte lag in diesen verschämten Strichelchen“ (Fontane). Und wir denken sie uns, immer, weil wir Empiristen des Impressionismus sind, und manche von uns schreiben sie. :)
Muffin Man.
Zitat von Aljoscha:
… der Zusammenhang ist absolut.
Absolut, so habe ich mal im Mathematikunterricht gelernt, bedeutet so viel wie „losgelöst“. DANN wär’s aber kein „Zusammenhang“ mehr…
Es geht um die „unter dem Getrenntsein stöhnenden Dinge“ (Camus).
Ohne „Getrenntsein“ wären die Dinge nicht – sie wären (wie in den der Erkenntnistheorie zuwiderstrebenden Welt-Lehren etwa des Taoismus) dann ja nur noch eins und damit weder Ding noch erkennbar noch von Bedeutung…
Bitte, es ist mir ja recht, daß Joseph Roths Werke gelesen werden; warum aber soll ich sie lesen? Seine Bücher gehören halt mehr zu der Epoche, in der unsere Großväter sie hätten lesen sollen…
Es geht um das vielleicht niemals zu Erreichende.
Richtig: Der Zug hat gepfiffen und ist schon abgefahren… auch die Katze, der des Erzählers Blick folgt, ist durchs Kellerfenster verschwunden (als würde ein rolliger Kater ausgerechnet im Kohlenkeller sein Rufen ertönen lassen!)
Tschuldigung, aber ich kann mit solcher „Metaphysikalisierung der Dinge“ (und der nächtlich geschäftigen Katzen) nichts anfangen. Einen „Bedeutungszusammenhang“ zwischen dem Nachthimmel und dem, was auf der Erde halt geschieht, würde ich nicht konstruieren wollen.
Zitat von kurzundknapp:
Ich weiß auch nicht, was Muffin hat.
Der Muffin hat Realitätssinn.
KLMO.
Als ob mir ein Tontechniker versuchte zu erklären, dass Musik nichts ist als Schallwellen, der Rest reine Gefühlsduselei…
Aljoscha – tief durchatmen und entspannen!
Christian Erdmann.
Zitat von Muffin Man:
Absolut, so habe ich mal im Mathematikunterricht gelernt, bedeutet so viel wie „losgelöst“. DANN wär’s aber kein „Zusammenhang“ mehr…
Losgelöst von Bedingungen. Absolut als un-bedingt. Baudrillard erklärt, der Zusammenhang ist ein schlechthinniger, uneingeschränkter, was man bezweifeln kann, aber ein falsches Wort verwendet er mitnichten.
Ohne „Getrenntsein“ wären die Dinge nicht –
Behauptet Camus das Gegenteil?
Bitte, es ist mir ja recht, daß Joseph Roths Werke gelesen werden; warum aber soll ich sie lesen? Seine Bücher gehören halt mehr zu der Epoche, in der unsere Großväter sie hätten lesen sollen…
Es hat Dich auch niemand mit vorgehaltener Pistole gezwungen, sie zu lesen. Bei Deinen Äußerungen zu Joseph Roth denke ich freilich, es ist besser, wenn Ihr Euch NICHT als Autor und Leser begegnet. :) Du findest Roth großväterlich, ich finde die Haltung, Roth großväterlich zu finden, etwas großväterlich.
Richtig: Der Zug hat gepfiffen und ist schon abgefahren… auch die Katze, der des Erzählers Blick folgt, ist durchs Kellerfenster verschwunden (als würde ein rolliger Kater ausgerechnet im Kohlenkeller sein Rufen ertönen lassen!)
Schreibt Roth irgendwo was davon, daß der Kater im Kohlenkeller sein Rufen ertönen läßt? He doesn’t, does he? …krrrk… krrrk… Aljoscha 1 erbittet Funkkontakt… Muffin, was ist denn los bei Dir? :)
Tschuldigung, aber ich kann mit solcher „Metaphysikalisierung der Dinge“ … nichts anfangen. Einen „Bedeutungszusammenhang“ zwischen dem Nachthimmel und dem, was auf der Erde halt geschieht, würde ich nicht konstruieren wollen.
Wir stellen ständig Zusammenhänge her und wir laden ständig mit Bedeutung auf. Wir assoziieren, daß es nur so kracht. Wir drehen, Arno Schmidt erhörend, ständig Seiten zu Zylindern, so daß die rechte und die linke Spalte ineinander übergehen. If you know what I mean. Blue Moon hilft, muß aber nicht.
Realismus ist auch nur ein Stil. Stil, sagte mal wer, ist Wirklichkeit gesehen durch ein Temperament. Wobei „Temperament“ gar nicht das Entscheidende ist; das Entscheidende, weil nicht zu umgehen, ist das „gesehen durch“. Und ich, um Dein unnötig mokantes „In jungen Jahren war ich leicht beeindruckbar“ aufzugreifen, werde immer ehrfürchtiger vor dem „gesehen durch“. Denn was ein Autor GENAU DAMIT macht, ist viel wichtiger als Zeit und Ort seines Schreibens.

chevy57.
Sehen Sie, mir geht es genau andersherum. Da ich schon vor längerer Zeit erkannte, dass die hier in Endlosschleife hervorgekramten deutschen Klassiker für mein persönliches Leben und Streben mehr oder weniger bedeutungslos sind, wandte ich mich der Gegenwartsliteratur zu.
Und die findet, da waren wir uns im mittlerweile leider geschlossenen Fred zur U.S.-amerikanischen Szene einigermaßen einig, im anglophonen Sprachraum statt.
So unterschiedlich sind halt die Geschmäcker im Bereich der Kunst und das ist m.E. auch gut so. Und wer jetzt wieder versucht, da irgendeine Form von Wertung hineinzuschwurbeln, auf den werfe ICH den ersten Stein. Versprochen! ;)
Christian Erdmann.
Wieso gehst Du nicht von einem entschiedenen Sowohl-Als-Auch aus? Meinen Viertelmeter Hammett und Chandler verteidige ich genauso wie meinen Viertelmeter Malet, wenn ich nachts schlafe, bechern Pynchon und Bulgakow um die Wette. Hier ging es kürzlich um Bukowski, ich habe den noch vorm Abi bei einer Lesung gesehen, Markthalle Hamburg, packevoll, und after the ordeal, Fragen an Mr Bukowski, hielt so ein Profilneurotiker aus dem Publikum ein Vorträglein, das in der Frage kulminierte: „Mr Bukowski, are you a frozen man?“ Was soll man da sagen. Weitere Fragen? Der fing wieder an: bla bla bla, und: Mr Bukowski, are you a frozen man? Murmel murmel, Unmut im Publikum. Der ließ sich nicht abbringen. Mr Bukowski, are you a frozen man? Zwei Dinge gelernt: keine Lesungen, und nie blöde Fragen stellen.
Was ich sagen wollte: es nervt, wenn geglaubt wird, wenn man das eine lobt, könne man mit dem anderen nichts anfangen, ist manchmal Tendenz dieser Threads hier, auch in der Musik-Abteilung.
Wie für Musik gilt bei mir auch für Literatur: völlig pimpe, von wann was ist und woher es kommt. Etwas interessant zu finden, weil es Gegenwartsliteratur ist, oder etwas abzulehnen, weil es ältere Literatur ist, wäre borniert, idiotisch, krank. Rilke ist weder altmodisch noch modern: im „Malte Laurids Brigge“ ist er moderner als das modern Moderne, das schnell modern kann. Wer gut ist, bleibt immer Zeitgenosse. Also immer Gegenwart. So seh ich das.
Muffin sagt, er sei „Realist“. Und was wäre das, „die“ Realität? Das zu erhellen, kann für mich jemand, der 1880 schrieb, genauso leisten, wie jemand, der 2009 schreibt.
Ich weiß auch nicht, wer hier ständig deutsche Klassiker hervorkramt? Meine letzten Empfehlungen hier waren Anna Achmatova, Nick Cave, Alexander Grin.

Muffin Man.
Zitat von Aljoscha:
Schreibt Roth irgendwo was davon, daß der Kater im Kohlenkeller sein Rufen ertönen läßt?
Er schreibt: Daß auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Katze schleicht, in einem Kellerfenster verschwindet, hinter dem der Kater lauert. Würde die Katze auf dem Weg zu einem Kater sein, würde sie eher eine Zaunlücke oder die nachtschwarze Toreinfahrt an den Mülltonnen vorbei zum Innenhof gewählt haben. Der Kater „lauert“ nicht und schon gar nicht „hinter dem Kellerfenster“. Ich bestehe darauf! ;-)
Christian Erdmann.
Die Katze ist nicht „auf dem Weg“ zum Kater. Sie wird vom Kater überrascht! :)
Muffin Man.
Übrigens: Selbstverständlich überlasse ich’s jedem Leser selbst, Joseph Roth (oder wen auch sonst) zu lesen oder dies zu unterlassen. Wie mir Frau Fuchs letztes Jahr bescheinigte, schreibe ich doch unablässlich im Ton der Herablassung…
Christian Erdmann.
Dz. Dabei schreibst Du doch nur im Ton eines Seminarleiters, den es einen Teufel schert, ob er selbst den Gegenstand des Seminars gelesen hat. :)
„Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!“ – Arno Schmidt. :)
Muffin Man.
Im Ernst? DANKE! Also in der Erwachsenenbildung würde ich ja furchtbar gern mein Geld verdienen! Meinst Du, ich habe ernstzunehmende Chancen?
Volker Paul.
Hm, ich würde den Kurs dann wohl abwählen :)
Da wäre mir zu wenig Herz und Seele drin …
Muffin Man.
Zitat von Aljoscha der Idiot:
Die Katze ist nicht „auf dem Weg“ zum Kater. Sie wird vom Kater überrascht! :)
Da habe ich nun soooo viele Katzen und Kater kennengelernt, aber wirklich nicht eines dieser guten Tiere, das unbedarft in einen Hinterhalt oder Überraschungsangriff hineingeraten wäre…
Christian Erdmann.
Katzen können sich sogar SELBST überraschen! :) Camille Paglia:
„Katzen sind umherstreifende Räuber, unheimliche Geschöpfe der Nacht. Quälerei und Spiel sind für sie eins. Sie leben von der Angst und für die Angst, trainieren ihre eigene Schreckhaftigkeit und erschrecken Menschen durch plötzliches Losstürzen oder Hervorbrechen. Katzen hausen im Okkulten, das heißt im ‚Verborgenen‘. Katzen, die von den vierundzwanzig Stunden eines Tages bis zu zwanzig verschlafen können, evozieren und bewohnen die nächtliche Welt der Urzeit. Die Katze ist telepathisch – oder hält sich jedenfalls dafür. Viele Menschen bringt ihr kalt starrender Blick aus der Fassung. Verglichen mit Hunden, die sich sklavisch mühen zu gefallen, sind Katzen Autokraten des nacktesten Egoismus; gleichermaßen amoralisch und unmoralisch, verstoßen sie bewußt gegen Regeln. Ihr ‚böser‘ Blick bei solchen Gelegenheiten ist keine menschliche Einbildung: Die Katze ist möglicherweise das einzige Tier, das perverse Situationen genießt oder als solche wahrnimmt.
Die Katze schätzt Unsichtbarkeit; wie sie sich für unsichtbar hält, während sie über einen Rasen schleicht, wirkt geradezu komisch. Aber sie hat auch ein Faible dafür, zu sehen und gesehen zu werden; sie beschaut sich das Drama des Lebens, amüsiert und voller Herablassung.
Katzen sitzen Modell. Sie haben einen Sinn für die Zurschaustellung von Masken – und werden sichtlich unruhig, wenn die Realität ihre würdevolle Haltung untergräbt. Katzen haben heimliche Gedanken, ein gespaltenes Bewußtsein. Kein anderes Tier ist der Ambivalenz fähig, jener zwiespältigen, widersprüchlichen Gefühlsbewegung, die eine Katze zeigt, wenn sie, ohne ihr Schnurren zu unterbrechen, einem warnend die Zähne in den Arm gräbt. Das innere Drama, das sich in einer faul daliegenden Katze abspielt, wird durch ihre Ohren signalisiert, die sich einem entfernten Rascheln zuwenden, während sie ihren Blick in täuschender Hingabe in unsere Augen senkt. Manchmal tut die Katze so, als wäre ihr eigener Schwanz ihr fremd, und unternimmt schizophrene Angriffe auf ihn. Der zuckende, schlagende Schwanz ist das chthonische Barometer in der apollinischen Welt der Katze; die Schlange im Paradies, die voller Boshaftigkeit umherfährt und faucht. Der ambivalente Doppelcharakter der Katze findet dramatischen Ausdruck in unvermittelten Stimmungsumschwüngen, im jähen Umschlag von Apathie zu Manie, durch die sie uns in unsere Schranken weist: ‚Bis hierher und nicht weiter. Ich bin undurchschaubar.‘
Die Katzenverehrung der Ägypter war also weder unsinnig noch kindisch…“
Etc.
Muffin Man.
Guuuut! DAS hol‘ ich mir! DAS ist doch mal nutzbringende Literatur! (Und Camille Paglia hat zudem eine interessante Veröffentlichung über Hitchcocks „The Birds“ ‚rausgebracht!)

hans-werner degen.
Zitat von Aljoscha:
Zwei Dinge gelernt: keine Lesungen, und nie blöden Fragen stellen.
Es gibt keine blöden Fragen, nur Menschen, die zu blöd sind, Fragen zu beantworten!
Christian Erdmann.
Und ob es die gibt. Aber es gibt zuviele spannende Fragen, um sich mit den blöden aufzuhalten.
hans-werner degen.
Und die Frage nach dem Frozen Man finde ich eigentlich sehr interessant.
Und das Verweigern der Antwort zeigt eine gewisse Feigheit vor sich selbst! Denn gerade Bukowski ist in Werk und Person ein Frozen Man…
ray05.
Vortreffliche Analyse. Seine Kälte bezog Bukowski womöglich direkt aus dem überdimensionalen Eisschrank, in dem er im Sommer schlief und der ihn ansonsten laufend mit saukaltem Budweiser versorgte. Womöglich schubste er noch Eiswürfel oben rein. Empörend eigentlich für jeden aufrechten Menschen, wie z. B. diesen ahnungslosen Mercedesfahrer auf dem Parkplatz der Pferderennbahn.
Christian Erdmann.
Zitat von hans-werner degen:
... Bukowski ist in Werk und Person ein Frozen Man…
Ignoranz und Penetranz, born twins. Erst später lernte ich, daß mindestens einer dieser Typen in jedem, aber jedem geisteswissenschaftlichen Seminar sitzt.
Ich habe mit Anfang 20 all meine Bukowski-Bücher verkauft, aber wenn Sie ein solcher Kenner des Bukowski-Oeuvres sind, dann sollten Sie sich daran erinnern, daß das „Frozen Man Syndrome“ eine Beschreibung war, die von ihm selbst stammte. Was mal Punkt 1 ist, warum genau diese Frage, genau so gestellt, eine blöde Frage ist. Ich weiß also auch gar nicht, was Ihre Rede von der Feigheit soll, die bei einem, der sich in seinen Schriften derart bloßgelegt hat wie Bukowski, an sich schon merkwürdig ist. Ich habe auch nicht gesagt, daß er auf die Frage nicht geantwortet hätte. Ich schrieb: „Was soll man da sagen?“ Es war eben einfach eine blöde Frage.
hans-werner degen.
Tut mir leid… mein Bruder setzte sich damals für ihn ein, traf ihn wohl auch einmal und wir diskutierten lange über ihn und sein Werk…. für mich ist viel Attitude drin; wohl auch was vom Dandyismus vergangener Zeiten und wohl auch das l’ennui des Baudelaire. Selbstinszenation; Trauer um sich selbst…. zu große Worte für ein zu kleines Leben.
KLMO.
Trauer kann man gelten lassen, das euphorische Leben hat eher Rummelplatz- bzw. Verdrängungscharakter.
ray05.
Was reden Sie da bloß in Ihren Eigenheimen? Mindestens drei Vaterunser für diesen Satz, Degen. Da kommt noch was auf Sie zu.
KLMO, Sie verorten Bukowski auf dem Rummelplatz der Zerstreuung? Der Mann schrieb nur, WAS IST.
„Der große Dichter aber ist ein großer Realist, sehr nahe allen Wirklichkeiten – er belädt sich mit Wirklichkeiten, er ist irdisch, eine Zikade, nach der Sage aus der Erde geboren, das athenische Insekt,“ sagte Benn. Und dem werden Sie ja wohl glauben, oder?
hans-werner degen.
Ich komme mir ganz klein vor… anlässlich dieser Diskussionen hier.
Aber ich begreif‘ mich ja auch nur als Connaisseur der alten Schule und lese und träume vor französischen Kaminen.
Allein mit einem Buch im Sessel vor knisterndem Feuer, ein Glas edlen Kognack und ne gute Zigarre…. wäre, a la Auburtin mein Traum.
Christian Erdmann.
Zitat von ray05:
„Der große Dichter aber ist ein großer Realist, sehr nahe allen Wirklichkeiten – er belädt sich mit Wirklichkeiten, er ist irdisch, eine Zikade, nach der Sage aus der Erde geboren, das athenische Insekt,“ sagte Benn.
Aha. Irgendwann komme ich dahin, den älteren Herrn zu verstehen, der uns vor Äonen zuraunzte: „Sartre?! Würd ich gar nicht lesen! Kennse Gottfried Benn?“ Weil, nämlich,
Zitat von sinta:
Ich lese gerade mal wieder ‚Das Spiel ist aus‘ von Sartre. Wird hier wohl aber kein Wohlgefallen auslösen.
doch, schon. Obwohl ich den Film mit Micheline Presle zuerst kannte, das Buch ist ja Drehbuch, mit Sein und Nichts erschlugen wir uns erst später. Wirklichkeit-EN als „Realismus“, Dear Capricorns.
ray05.
Ja. Point?
Christian Erdmann.
Was, „Point“?
ray05.
Benn vs Sartre?
Christian Erdmann.
Niemals! Wie ich schon sagte: Sowohl-als-Auch, bis ich mit den Regalen nach unten in den 1. Stock durchbreche.
Point Neuf:
„Der Muffin hat Realitätssinn“. Und „braucht“ deshalb Joseph Roth nicht zu lesen, u.a. wegen dessen „Metaphysikalisierung“ der Dinge. Eine Einteilung, die mit einem lediglich behaupteten „Realismus“ arbeitet, wo er doch nur keinen Sinn für die Roth-Realität hat. Was ja perfectly alright ist. Nur, ich konnte schon als Junge mit Onkel Bruno nicht viel anfangen, der immer sagte: „Wollen doch mal ehrlich sein, es ist doch so: …“
Eigentlich war es NIE so, wie er dann behauptete. :)
KLMO.
Aber der Onkel Bruno WOLLTE ehrlich sein… Aljoscha, es reicht schon, Gutes gewollt zu haben!
Dem Onkel Bruno wird wahrscheinlich die Hölle erspart bleiben. (Die Verteidigung: Irren ist menschlich!)
Dagegen wird es wahrscheinlich sehr ernst, wer den Realitätssinn allein für sich in Anspruch nimmt. (Der muss vielleicht nochmal zurück zur Mutter Erde – also alles noch einmal ganz von vorne angefangen…)
hans-werner degen.
Ich mach mir durch Germanistik nicht meine Lektüre kaputt!
Christian Erdmann.
Kommen Sie, das ist oll. Ich habe früher auch geantwortet, daß ich nicht Literaturwissenschaft studiert habe, weil ich die Literatur zu sehr liebe. Aber das ist jetzt langsam oll. Jeder von uns hier ist Connaisseur, jeder von uns ist zigmal Mitgerissener, jeder von uns hat zig Welten auf Schwarzweiß, in die er eingetaucht ist bis zur völligen Selbstvergessenheit, oder auch mit dem brennenden Wunsch sogar, eine dieser Gestalten der jeweiligen Geschichte zu sein, in dieser Welt zu leben, alles geschenkt, Sie müssen sich nicht zum Monopolisten der Leselust stilisieren. Aber wir sitzen hier nunmal nicht mit Konjäckchen im Ledersessel. Unsere Aufgabe hier ist vielmehr, uns abzurackern, bis einer mit irgendwas ankommt, das Muffin beeindruckt. :)
ray05
Saugeil. :D

ray05.
Mein Onkel Bruno hieß Johann … :)
„Wahrheit“ – sei es historische oder sonstwie von irgendjemandem beglaubigte – wird immer erfunden zu dem Zweck, dass der Leser, Sie & ich, was lerne; oder was glaube. Auch Saint-Éxupéry meisselt „Wahrheitsbrocken“ aus dem Seienden, verschweigt Zusammenhänge hier und deutet andere da – eben so, wie es seiner ureigenen, subjektiven Intention entspricht, die auch nichts anderes will als die erotische Vereinigung mit der Objektwelt.
Und ich glaube, es war Nabokov, der schrieb, „Wahrheit“ sei wohl das einzige Wort, das unter allen Umständen immer nur in Anführungszeichen stehen kann. Auf alle Fälle schrieb er, dass es nie auf das Thema ankommt, sondern darauf, wie man es behandelt. :)
Christian Erdmann.
Nabokov sagte ja auch: Literatur wurde nicht an dem Tag geboren, an dem ein kleiner Junge aus dem Neandertal „Wolf! Wolf!“ rufend nach Hause kam, ein großer grauer Wolf hinter ihm, sondern an dem Tag, als ein kleiner Junge aus dem Neandertal „Wolf! Wolf!“ rufend nach Hause kam, kein großer grauer Wolf hinter ihm. Die Frage ist nur, was glaubte der Junge? Ließ ihn seine Imagination den Wolf „sehen“, oder hatte er schon eine Intention? :)
Wollte nur noch einmal darauf hinweisen, daß ich unter dem ursprünglich hier verwendeten Wort „Wahrhaftigkeit“ etwas völlig anderes verstehe als „Wahrheit“, „historische Wahrheit“ gar. Man darf zum Beispiel nicht vergessen, daß dem einen völlig natürlich ist, wo der andere Künstlichkeit sieht. Den „impressionistischen Stil von höchster Exaktheit und tiefer Introspektive“, den
in „Niels Lyhne“ anschlägt, einen Roman, den ich hier wahrscheinlich jetzt zum dritten Mal empfehle, wird mancher nur als Manierismus, als ornamentales Herumgeranke sehen können, aber er ist, perfectly simple, Ausdruck der Wahrhaftigkeit Jacobsens. Auch würde ich sagen: Wahrhaftigkeit eines Künstlers kann jeden Stilschwenk umschließen, wenn sie Ausdruck einer echten Suche und Suche nach etwas Echtem ist (was nicht identisch ist mit „objektiver Wahrheit“). Auch hat sie sicher zu tun mit Treue und Ehrfurcht dem eigenen Auftrag gegenüber, Treue auch zu den Mitteln, die eigene „Sicht“ auf Realität auszudrücken, noch wo andere todsicher von „realitätsfern“ sprechen werden, von „versponnen“, „verschroben“; in jedem Fall gibt es eine Richtung der „Wahrhaftigkeit“ nach innen. Aber nicht nur; wenn – ursprünglich – kurzundknapp die „Wahrhaftigkeit“ Joseph Roths anspricht, meint er – vermute ich – damit auch etwas wie: das im hohen Grade spürbare „Einstehen“ Roths dafür, daß das, was Roth uns sagt, „wahr“ sei. Aber was bedeutet dieses „wahr“ genau?
Dylan in „Renaldo & Clara“: „Truth is on many levels“. Und irgendwo wird in dem Film auch über Dylans „truthfulness“ sinniert. Wie wäre also die Beziehung zwischen truth und truthfulness?

Muffin Man.
Müssen Sie eine komplette Jahresproduktion einer Konditorei essen, um beurteilen zu können, ob Ihnen EIN STÜCK KÄSEKUCHEN dieser Konditorei schmeckt?
Christian Erdmann.
Kommst Du auf einem Viertaktmotor reitend bis Quakenbrück?
Bei dem von Dir zerlegten Roth-Abschnitt hat Deine Hyperrationalität irgendwann den Wald vor Bäumen nicht mehr gesehen. Kein Wort über Sprache oder Komposition, über Rhythmus oder poetische Prägnanz der Passage; Du hast sie zerlegt wie einen Motor, aber Du hast sie auch an diversen Stellen falsch wieder zusammengeschraubt: ebenso wie bei Camus und Baudrillard.
„Die unter dem Getrenntsein stöhnenden Dinge“ (Camus) konterst Du mit:
„Ohne ‚Getrenntsein‘ wären die Dinge nicht – sie wären (wie in den der Erkenntnistheorie zuwiderstrebenden Welt-Lehren etwa des Taoismus) dann ja nur noch eins und damit weder Ding noch erkennbar noch von Bedeutung…“
Abgesehen von der Frage, welcher Erkenntnistheorie der Taoismus zuwiderstrebt? – was willst Du sagen? Daß die Dinge froh sein sollen, getrennt zu sein, da sie sonst nicht stöhnen könnten? Sagst Du Dir bei so einer Passage tatsächlich, also bei mir knarrt höchstens das Bücherregal? Fragst Du Dich nicht, welche Dinge gemeint sein könnten? Oder fragst Du Dich wirklich nicht, ob das nicht ein ziemlich ergreifendes Bild für das Getrenntsein von Menschen sein könnte, sechs Worte zudem, die wie ein LAKONISCHER SCHMERZENSSCHREI klingen, falls man sich das vorstellen kann, und das kann man sich eigentlich nicht vorstellen, umso gewaltiger das Bild? Versuchst Du Dir NICHT vorzustellen, unter welchen Umständen ein Mensch darauf kommen kann, diese sechs Worte aneinanderzureihen? Just a hint: es ist ein Tagebucheintrag, der sich als Notiz für „Die Pest“ erwiesen hat.
Diese sechs Worte sind EIN Ausdruck für das, was zustandekommen kann, wenn der Mensch fühlt, daß er aus seiner gewohnten Bahn geworfen wird, wenn er sein kleines Ich fühlt in einem unvorstellbaren Kosmos von Möglichkeiten, wenn er eine Vorstellung von etwas erringt, das man früher Schicksal nannte, von etwas, das sich als äußeres Muster in ständiger Interaktion befindet mit dem, was er als seine Freiheit empfindet; sie sind Ausdruck einer veränderten Wahrnehmung der „Realität“, weil etwas „mit unbekannter Bedeutung eingebrochen“ (Grin) ist, das im Grunde nur sagen will, daß jede einzelne Situation praktisch unauslotbar ist in ihren Verästelungen, zu Herkunft, Bedeutung, Konsequenz; nicht viel anderes scheint mir Roth zu sagen, auch er spricht diese Interaktion an, diesen Zusammenhang. Rilke: „Immerfort um das eigne Sein rein eingetauschter Weltraum. Gegengewicht, in dem ich mich rhythmisch ereigne.“
Aber sich hinauswagen, um auszuloten, bedeutet auch, daß man Wahrnehmungen in eine Sprache kleidet, die ebenso Wagnis sein muß. Das ist Prinzip auch der Zen-Meister, die ihren Schülern ein Kōan aufgeben. Ratio ist da nur Lieferant der Basiswerkzeuge, Weiteres erscheint ihr sinnlos, paradox. Du nennst es „Metaphysikalisierung“, ich nenne es Überwindung einer traurigen Vorstellung von „Realismus“.
ray05.
Jens Peter Jacobsen – Besten Dank, passt wohl gerade wunderbar in meine alljährliche Rilkesaison. :)
Zitat von Aljoscha der Idiot:
[…] das im hohen Grade spürbare „Einstehen“ Roths dafür, daß das, was Roth uns sagt, „wahr“ sei. Aber was bedeutet dieses „wahr“ genau?
Uff, diffizile Dinge frage ich für gewöhnlich immer meine Frau … :)
Aber gut: Meinem begrenzten Verständnis nach liegt unsere ureigene Wahrhaftigkeit [vor uns selbst] in unserem „Entwurf“ sowie dem Modus unseres Tuns für ein Gelingen besiegelt. Auch im Weitermachen gegen alle Anfechtungen. Ich will nicht mit Kant und der Pflicht kommen, aber es geht sicherlich in diese Richtung. Selbst wenn ich mich selbst nur unzureichend kenne, muss ich meine Verantwortungen und Aufgaben und Fähigkeiten kennen, muss wissen, von welcher Startrampe aus ein Gelingen möglich ist. Und dann MUSS ich es machen, sonst reißt wieder irgendwas im Kosmos :); wir sprachen ja schon beiläufig vom Eros. Ich muss mir ganz banal morgens in den Spiegel schauen können. So denn geschehen nenne ich mein Produkt, mein Werk „wahr“. Es verweist auf mich, ist ohne mich nicht denkbar, aber für sich lebensfähig und – hoffentlich – von Dauer. :)
Christian Erdmann.
Platon, Arete? Der einen Sache Feuerschutz geben unter allen Umständen, remember; same direction.
Muffin Man.
Lieber Aljoscha, unsere Herangehensweise an bestimmte Bücher mag grundlegend unterschiedlich sein, und besagter Abschnitt aus einem Werk Joseph Roths war mir doch lediglich präsentiert worden, um „Appetit“ auf mehr anzuregen. Ich behaupte nicht, daß meine „Dekonstruktion“ seiner Bestandteile die geeignete Methode sei, sich Roths Werk zu nähern. Aber sie ist im Rahmen dieser Diskussion als Gegenposition zur blinden Bewunderung Roths, wie sie derzeit im Feuilleton zum guten Ton gehört, berechtigt. Ebenso berechtigt bin ich als Leser, derzeit NICHT Joseph Roth zu lesen und ebensowenig Alexander Grin…
Christian Erdmann.
Die Feuilletons, die Feuilletons, die interessieren mich nicht. Der Unterton von „in blinder Bewunderung den Feuilletons folgen“ sieht einfach wieder nur wie ein sehr schaler Versuch aus, anderen Kompetenz abzusprechen, lieber Muffin. Ich habe mir das erste Bändchen mit Erzählungen von Joseph Roth gekauft, nachdem ich eine Verfilmung von „April“ gesehen hatte. Da wußte ich noch nicht mal, daß es Feuilletons gibt.
Und, falsch lesen ist noch nicht Dekonstruktion. Mein Eindruck der letzten Tage jedenfalls: erst schiebst Du Autoren Dinge unter, die sie nicht geschrieben haben, dann legst Du das, WAS sie geschrieben haben, und das, was sie NICHT geschrieben haben, zusammen unter das vermeintlich realistische Mikroskop Deiner „Dekonstruktion“, und Du erklärst, Dir reiche ein solches Segment, um Dir ein Urteil über den Autor per se zu bilden. 135 Kapitel Moby Dick:
>…Entlang dieses erzählerischen Fadens, der knapp die Hälfte des Romans ausmacht, reiht Melville zahlreiche philosophische, wissenschaftliche, kunstgeschichtliche und mythologische Exkurse, zu denen noch viele subjektive, mal lyrische, mal auch ironische Betrachtungen des Autors kommen….<
Was wäre Dir nur entgangen, wenn man Dir irgendwann aus Versehen gerade die „falschen“ 6 Zeilen vorgelegt hätte! :)
Na, verstehe schon: man glaubt, die Meisterschaft eines Autors auch in der Facette erkennen zu können. Ich will gar nicht bestreiten, daß man relativ schnell Spreu von Weizen trennen kann, nur sollte das nicht in Impertinenz ausarten, abgesehen davon schwöre ich Dir, es gibt Goethe-Passagen, über denen Thomas Mann eingeschlafen ist. :)
Ich sage nicht wie KLMO, daß es darum ginge, „zwischen“ den Zeilen zu lesen, denn es ist alles in den Zeilen, aber ich verstehe schon, was er meint. Auch, daß Du mich zwingst zu wiederholen, daß Dich noch keiner hier mit vorgehaltener Pistole zu Roth erpreßt hat, finde ich befremdlich. Natürlich bist Du zu Ablehnung berechtigt, nur wäre Ablehnung aus den richtigen Gründen charmanter. :)
Zitat von ray05:
Jens Peter Jacobsen – Besten Dank, passt wohl gerade wunderbar in meine alljährliche Rilkesaison. :)
Das will ich meinen!
„… das war zu einer Zeit, da ich schon ‚Niels Lyhne‘ gelesen hatte und alles, was von Jacobsen besteht. Ich weiß nicht zu sagen, woran ich diese Bücher erkannte; aber ich war entschlossen, mit ihnen zu leben, und nun, da Sie fragen, habe ich die Antwort leicht: Jacobsens schöne und unerschöpfliche Bücher sind es, die bestimmend auf mich gewirkt haben.“ / Rilke.
„Alljährliche Rilkesaison“, mein Gott, Du verstehst zu leben! :)
Uff, diffizile Dinge frage ich für gewöhnlich immer meine Frau … :)
Muß auch so sein. Obwohl, ich kriege von IHR sogar ständig Antworten, ohne gefragt zu haben! :) Der mit „Frag Weib dreimal, dann tu‘ Gegenteil“ war übrigens Nurejew.



Teil 2
Diese vierte Geschichte von Dead of Night gilt manchen als unpassender humoristischer Exkurs, spoiling the atmosphere. Dabei gibt es in jeder englischen Tragödie eine burleske Einlage. Es geht um zwei Golfer, George und Larry (Basil Radford und Naunton Wayne, unzertrennlich seit Hitchcocks „The Lady Vanishes“), deren Rivalität noch über das Grab hinaus besteht. Man könnte auch sagen, es geht um Männer, die mit Instrumenten, die Freud als Phallusersatz zu deuten keine Mühe hätte, versuchen, etwas in einem Loch unterzubringen („Das war’s! Drin ist er!“). Beide verlieben sich in Mary, und Mary bleibt eine Frau zwischen – oder mit – zwei Männern. Ihre Rivalität tragen die Männer dann auf dem Golfplatz aus, bis George dank einer Schummelei Mary „in der Tasche“ (“ … with Mary in the bag“) hat. Der unterlegene Larry geht auf der Stelle ins Wasser / in den Tod und verfolgt George als Geist, greift ihm in den Schläger und verhindert das Einlochen. Aber auch die Geisterrolle wechselt, und Mary wird vermutlich noch sehr lange eine Frau mit zwei Männern bleiben, die sich gegenseitig am Einlochen zu hindern suchen. Man soll nicht überall Symbole sehen, sagt Herodes in Ken Russells Salome’s Last Dance.
Unübersehbar allerdings ist der Phallusersatz in der fünften Episode. Als Foley seine Geschichte erzählt hat, sehen wir auch Craig wieder in der Runde. Craig rechtfertigt gleichsam den komischen Exkurs mit seiner Frage an Foley: „Sie haben mir nur helfen wollen, nicht wahr?“ Tatsächlich müsste nun der Horror drohen, den Craig voraussah: das Grauen würde ausbrechen, nachdem Eliot vom Tod eines Mannes spricht, von dem Craig noch nie gehört hat. Aber das Grauen scheint nicht auszubrechen, trotz der Geschichte von Larry Potters Selbstmord. Mrs. Foley erklärt, da der Bann nun gebrochen sei, könne sie sich um das Essen kümmern. „Oh, Mr. Craig – now that you’ve met us, I’m sure you wouldn’t dream of dreaming about us again.“ Van Straaten gibt zu, daß es auch in seiner Berufskarriere einen Fall gegeben hat, der ihn erstaunte. Nämlich diesen:
Maxwell Frere, ein Bauchredner, ist wegen versuchten Mordes an seinem amerikanischen Kollegen Sylvester Kee angeklagt. Van Straaten wird in diesem Fall um ein Gutachten gebeten. Frere äußert, keine Hilfe von Van Straaten zu wollen: „Nur Hugo ist in der Lage, mir zu helfen!“ Hugo ist die Bauchrednerpuppe, mit der Frere aufgetreten ist. „Hugo should be here with me.“ („Ich rede kein Wort ohne meinen Hugo!“) Aber Hugo wurde beschlagnahmt. Frere erklärt, Hugo trage die größere Schuld. „Wie ist egal, Hugo muß zu mir!“ Frere wird wieder abgeführt, und Van Straaten liest Kees Aussage.

Kee und Frere waren sich begegnet, als Frere in einem Pariser Nachtclub auftrat. Kee erkundigt sich bei Madame [1]: „This guy Frere, they tell me he’s pretty good.“ – „I’ll say he is!“ – „Well, what’s he got that I haven’t got?“
„Seine Puppe.“ Die Bauchrednerpuppe Hugo gehört zu Frere wie ein Teil seines Körpers. Wir sehen Frere bei seinem Auftritt: Hugo scheint tatsächlich mit eigener Stimme, mit eigenem Geist begabt – zumal Michael Redgrave, Darsteller des Frere, die Lippen über weite Strecken nicht einmal ansatzweise bewegt. Nur zeitweilig zuckt sein Mund kaum merklich, und Redgraves Virtuosität in diesen Szenen besteht darin, einerseits die Möglichkeit offen zu lassen, daß Frere tatsächlich ein begnadeter Bauchredner ist, andererseits aber den Anschein zu erwecken, daß Frere hier, nervös darum bemüht, den Schein zu wahren, Hugos Rede nur nachempfindet – weil er nicht weiß, was Hugo sagen wird. Frere und Hugo setzen sich an Kees Tisch, und Hugo findet Gefallen an Kee. Frere wird sichtlich unruhig, als Hugo Kee vorschlägt, mit ihm zusammenzuarbeiten: „You interest me quite a lot. We two could make beautiful music together.“ – „Das wär‘ wundervoll, Hugo, aber wir machen lieber Musik mit Frank!“ Als die Musik einsetzt und Frere mit Hugo die Bühne betreten hat, erklärt Hugo, er habe jetzt keine Lust zu singen. „Du machst heute mal den Kanarienvogel“, bestimmt er; Hugo will lieber mit Sylvester Kee sprechen.

Es kommt also zu keinem Lied; Maxwell scheint keine Kontrolle über Hugo zu haben. Am Tisch mit Kee stellt die Puppe Hugo den Puppenspieler Frere als seinen Assistenten vor. Hugo fragt Sylvester Kee erneut: „How’d you like to work with me?“
Zunächst scheint es also, als wäre Hugo der operative Phallus, mit dem Frere die Welt zugleich penetriert und auf Distanz hält. Bei ihrem Auftritt macht die Frere-Hugo-Einheit spitze, anzügliche Bemerkungen über die Besucher des Nachtclubs, insbesondere die weiblichen. Hugo erklärt, eine der Damen aus dem Folies Bergères zu kennen.
Der operative Phallus aber operiert selbsttätig; Frere ist vielmehr das Werkzeug der Puppe und in dieser Beziehung der passive Teil. Als Hugo äußert, „mit dem billigen Kerl“ Frere nichts mehr am Hut zu haben, versetzt Frere ihm eine Ohrfeige, und Hugo kontert: „Immer diese Launen!“ („Temper, temper. You’ll be sorry for this later, you know.“)
Auch „Launen“ sind weiblich konnotiert. Hutchings erkennt die Situation als „representing (…) a homosexual love triangle, with Sylvester (…) at one point, Maxwell (…) at the second, and the dummy, Hugo, at the third. The ‚bitchiness‘ of the dialogue between Maxwell and Hugo, and Maxwell’s neurotic fear of Hugo leaving him for Sylvester, both testify to this level (…) Maxwell’s highly pitched, nervous voice and his ‚feminine‘ mannerisms also signal him as the passive / ‚female‘ half of the relationship“ [2].
Sofern Frere also ein passiv homosexuell eingestellter Mann ist, der diese seine Einstellung gleichwohl vor sich selbst zu kaschieren sucht, steht auch hier die männliche Identität auf dem Spiel. In dieser Situation scheint Hugo als „a kind of detachable phallus“ [3] zu fungieren. Der Männlichkeit „sichernde“ Hugo aber desertiert Maxwell. Zum einen erscheint Maxwell damit als ein weiterer männlicher Charakter dieses Films, der in gewisser Hinsicht nicht genügt und der in mörderische Eifersucht getrieben wird; gleichzeitig aber agiert Hugo so autonom in seiner Partnerwahl, wie es Maxwell möglicherweise gerne täte.
Das heißt, der Phallus agiert autonom. Mit Hugo versucht Maxwell sein Bild von „Männlichkeit“ zu behalten. Wenn Hugo eine Beziehung mit einem anderen eingeht, wird auch Maxwell sich seiner Homosexualität bewußt. Genau das aber bedroht seine männliche Identität. Sein Horror davor, daß Sylvester ihm Hugo raubt, bedeutet, daß Freres „very identity, his ‚completeness'“ [4], auf dem Besitz von Hugo ruht. Tatsächlich fühlt sich Maxwell im Verhör ja außerstande, ohne Hugo sprechen zu können – eine interessante Variante des von Lacan betonten Zusammenhangs von Phallus und Sprache.
Hugo macht Maxwell vor dem Publikum lächerlich: „Would you believe it, this guy thinks he carries the act.“ Nach Maxwells Auftritt ruft Hugo noch einmal durch den Vorhang, Sylvester solle in seine Garderobe kommen.

Als Sylvester dort an die Tür klopft, ruft Hugos Stimme: „Come in!“ Sylvester findet die Puppe allein im Raum und hört wiederum Hugos Stimme: „Glad to see you, Sylvester!“. Erst dann erscheint Frere aus einem Nebenraum, Zigarette im Mundwinkel. Sylvester hebt Hugo empor, Maxwell reißt ihm Hugo aus den Armen: „Sorry, but I can’t bear anyone touching him.“

Sylvester ist verwirrt: „Say, I sure liked it how you pulled that gag.“ – „What gag?“ – „You know, for a moment, I could’ve sworn it was the dummy speaking.“ Frere ist in Panik: Kee werde Hugos Angebot doch nicht etwa annehmen? Kee: „How in heck could I team up with Hugo? He’s yours, isn’t he?“ Frere schaut kurz an sich selbst herunter (!), während er antwortet: „Yes that’s right, he… he’s mine.“ Sylvester meint, Hugo scheine ja wirklich einen eigenen Willen zu haben, „this fellow’s almost human“, worauf Hugo den Kopf wendet, offensichtlich ohne daß Maxwell ihn bewegt, und feststellt: „Maxwell, der Typ ist genauso blöd wie du. Vielleicht sollte ich ihn erstmal aufklären.“ – Maxwell fährt dazwischen: „Das läßt du schön bleiben!“ Hugo wendet sich an Kee: „I’m the one who gives orders around here. He’s only –“ Das Wortgefecht führt dazu, daß Maxwell der Puppe den Mund zuhält, und Sylvester wird die Sache unheimlich: „Say, what kind of a routine is this, anyway?“ Maxwell fordert Sylvester auf, endlich zu gehen. Während Frere Hugo den Mund zuhält, hören wir Freres Stimme und die unartikulierten Protestlaute, die Hugo von sich gibt, gleichzeitig. Sylvester meint, Maxwell solle dringend einen Arzt aufsuchen: „You ought to get your head examined.“ In diesem Augenblick preßt entweder Frere die Zähne der Puppe so stark in seine Hand, daß blutende Abdrücke zu sehen sind – oder Hugo hat Maxwell in die Hand gebissen. Hugo ruft Sylvester zu: „Verlaß mich nicht, mein Freund!“ Aber Sylvester hält Maxwell für übergeschnappt und veschwindet.
In London begegnen sich Maxwell und Sylvester erneut. Frere sitzt an der Hotelbar, abgerissen, betrunken und mit den Nerven sichtlich am Ende, Hugo stumm neben ihm. Ein Mann erscheint mit zwei Frauen an der Bar, sie reden über Frere und die Puppe, eine der Frauen sagt: „Ich würde ihn am liebsten mal anfassen, den Burschen!“ („Oh, I’d just love to pick him up!“) Gesagt, getan. Hugo, schließlich macht er sich nichts aus Frauen, reagiert ungehalten und droht der Dame mit Schlägen. „Hau ab! Was sagst du, Maxwell! Dieses Flittchen geht mir glatt an die Wäsche!“ („This cheap bit of skirt’s getting after me!“) Maxwell kassiert die weiblichen Verwünschungen. Der Begleiter der „Ladies“ stellt ihn zur Rede. „Wo ist hier ’ne Lady?“ quakt Hugo. Maxwell kassiert den männlichen Boxhieb. Sylvester Kee hat die Szene beobachtet. Er bringt Maxwell auf sein Zimmer:, legt den Betrunkenen ins Bett – und richtet zum ersten Mal ein paar Worte an Hugo: „If my pal Fancy Pants got me down the way you do your boss, well I guess I’d want to be rid of him.“



Nachts wird Sylvester in seinem Hotelzimmer von Maxwell geweckt, weil Hugo verschwunden ist. „He’s here! I know he’s here!“ Tatsächlich ist Hugo anwesend. Hat er sich heimlich in Sylvesters Zimmer begeben? Maxwell, vollends von Sinnen, schießt auf Sylvester.
Das Ende der Episode zeigt, wie Van Straaten Hugo zu Maxwell bringen läßt. Maxwell sitzt apathisch in seiner Zelle, die rechte Hand so erhoben, als würde er mit ihr eine Puppe dirigieren. Als Maxwell Hugo sieht, reagiert er zunächst panisch, dann erfreut und erleichtert: „I knew you wouldn’t leave me, Hugo. I knew you’d come back!“ Aber Hugo blökt: „Not for long, my boy. Not for long!“

Van Straaten beobachtet, wie Maxwell Hugo anfleht, für ihn auszusagen; Hugo erklärt jedoch, daß er für seine Karriere schließlich einen neuen Partner brauche, wenn Maxwell im Gefängnis sitze, und Sylvester werde bald aus der Klinik entlassen. Hugo demütigt Frere auf boshafte Weise, malt ihm aus, wie er ihn mit Sylvester besuchen werde („Private show for the loony“).



Als Maxwell erkennt, Hugo nicht behalten zu können, versucht er ihn mit einem Kissen zu ersticken (Hugos Stimme klingt dabei tatsächlich gedämpft), schließlich zerstört er die schreiende Puppe, auf ihrem Kopf herumtrampelnd. Van Straaten ruft – für einen Rationalisten sinnloserweise – in die Zelle: „Stop, Frere! Frere! You fool!“, wie um Maxwell von einem Mord abzuhalten. Später, in der Irrenanstalt, bringt Van Straaten Sylvester zu Maxwell, der nicht mehr spricht (schließlich hat er keinen Phallus mehr). Endlich spricht er doch – mit Hugos Stimme. „The destruction of the dummy / phallus – equivalent to the self-inflicted throat-cutting in ‚The Haunted Mirror‘ – has, quite simply, left Maxwell a castrato“ [5]. Nicht nur das. Maxwell sagt: „Why hello Sylvester… I’ve been waiting for you..“ – mit Hugos Stimme, unter Anstrengung, als wäre sein Kiefer der einer Puppe. Selbst nun ohne Phallus, ist er bereit, Sylvesters Puppe zu werden, aber der Preis für diese Erkenntnis ist Wahnsinn. Seine unterdrückten (homosexuellen) Wünsche vermag er nicht in seine Identität zu integrieren.
Die personifizierte Ratio Van Straaten behauptet all dies als Fall von Schizophrenie, von gespaltener Identität: die eine Hälfte von Frere war er selbst, die andere war seine Puppe. „Schön und gut“, bemerkt Foley, „nur, wie konnte Hugo die Zimmer wechseln?“ Schön und gut, warum liegen in einer Szene zwei Stimmen übereinander? Warum versucht Van Straaten offensichtlich, den Mord an einer Puppe zu verhindern? Hugo eignet sich eine Persönlichkeit an, und mit der Persönlichkeit kommt der Nachname: irgendwann im Lauf der Geschichte heißt die Puppe Hugo Fitch.
Als Grainger Van Straaten ein Glas reicht und der Psychiater im selben Moment seinen Arm hebt, zerbricht dessen Brille. Dies ist der Augenblick, den Craig vorausgesehen hat. „It’s… started.“ sagt er düster. Die anderen Anwesenden versuchen Craig zu beruhigen, doch der will mit Van Straaten alleingelassen werden. Van Straaten erklärt Craig, er habe sich dazu durchgerungen, dessen Traum zu akzeptieren. Jovial fordert die Stimme der Ratio den Träumer auf, nur weiter zu sprechen. Aber Craig erhebt sich langsam aus seinem Sessel und sagt: „If only I’d left here when I wanted to… when I still had a will of my own. You tried to stop me… you wouldn’t have done it if you’d known…“
Craig tötet Van Straaten. Das träumende Ich würgt die Stimme der Ratio ab, der Psychiater bezahlt seinen Skeptizismus mit dem Leben. („A man without defense, because he is lost in the dark.“, so Craig über den, den er töten muß. Was nebenher bekräftigt: der Rationalismus tappt im Dunkeln). Der Verfechter der psycho-logischen Erklärung ist aus dem Spiel, und in den folgenden Sequenzen eskaliert das Szenario mit atemberaubender Geschwindigkeit.
Craig empfängt den Impuls, sich zu verstecken, und wird dabei im surrealistischen Schnelldurchlauf noch einmal durch die Schauplätze der erzählten Episoden gejagt, ist jetzt selbst ihr Bestandteil, fragt Peter, ob er sich im Spiegelraum verstecken könne, schleppt Sally auf den Dachboden; das Mädchen ruft den Verfolgern zu „Here he is, up in the lumber room!“ Craig schlägt Sally nieder. „Ist ein Polizist anwesend?“ keift Hugo im Nachtclub, auf Sylvesters Knie sitzend, und der Leichenkutscher / Busschaffner wiederholt sein „Just room for one more inside, Sir!“ jetzt vor einer Gefängniszelle. Als Craig auf der Gefängnispritsche liegt, erhebt sich – für Dyson „the film’s most horrific moment“ [6], für Justin Mory „one of the most frightening images in horror movies bar none“ [7] – ein mannsgroß gewordener Hugo und beginnt Craig zu würgen, der Mob der Verfolger, zombiehaft gewordene Besucher des Nachtclubs, schaut durch die Gitterstäbe zu.



Ein Telefon klingelt. Craig erwacht, völlig verstört. Seine Frau betritt das Zimmer. „Darling, whatever’s the matter?“ – „Another nightmare.“ – „You poor sweet.“ Seine Frau geht ans Telefon. Es ist für Craig.
„Wie war der Name, Sir?“
„Eliot Foley! F – o – l – e – y!“
Craig steht auf, erklärt seiner Frau, ein Freund von Bill habe angerufen und ihn zum Weekend eingeladen. „Die Leute wollen ihr Haus umbauen, ziemlich alter Kasten.“ („A reconstruction job.“).
Seine Frau rät Craig zu, spielerisch wirft er eine Münze: „Kopf ist annehmen, Zahl ist ablehnen.“ Kopf. „Ich tu’s.“ – „That’s just what you need, Darling. It’ll help you get rid of those horrible nightmares.“
Craig fährt mit dem Wagen zu dem Landhaus, in das er telefonisch bestellt wurde. Er hält kurz an, wirft einen Seitenblick auf das hinter einem Waldstück zum Vorschein kommende Haus, schüttelt ratlos den Kopf und fährt weiter. Er scheint verwirrt von dem, was er sieht. Aber Craig bewegt sich durch ein endloses Déjà vu, und er befindet sich an dem Punkt, an dem sein Bewußtsein dafür langsam – wieder – erwacht.
Ad infinitum, ausweglos. Es sei denn, einmal erscheint Zahl, vielleicht. Oder Van Straaten wird einmal nicht erwürgt, vielleicht.
Nach dem „Aufwachen“ also spricht Craig darüber, daß er geträumt habe, erinnert sich aber noch nicht daran, daß er, wenn er mit dem Wagen auf das Landhaus zufährt, wieder zur Traumfigur werden wird, die mit den Figuren seines Traums auf einer luziden Ebene über seinen Traum sprechen wird. „Dead of Night“ verleiht dem Zuschauer nicht das versichernde Gefühl, alles war nur ein Traum, und ersetzt es durch das zutiefst verunsichernde Gefühl, daß der Punkt, an dem man zwischen Wachen und Träumen unterscheiden könnte, nicht mehr existiert. Das Ende ist wieder der Anfang, und mit jedem Anfang versinkt Craig tiefer in seinen Traumabgrund.
Dead of Night provoziert intellektuelle Unsicherheit: „Not only are the images in the mirror now questionable but also every character and object before the mirror and indeed even the mirror itself (and also the ‚dreamer‘, Walter Craig). One does not even know whether this is an actual dream that one is seeing“ [8].
Der Traum ohne Ende, aus dem Craig niemals entkommt, ist auch ein Film ohne Ende, der den Zuschauer mit dem seltsamen Gefühl entläßt, daß die Geschichte bis in alle Ewigkeit weiter läuft, als unaufhaltsame, autonome Endlosschleife. Ontologische Sicherheit ist perdu, wenn das Ende der Nacht nicht das Ende der Nacht ist und das gute alte „alles nur ein Traum“ durch klaustrophobische Zirkularität ersetzt wird. Der Film hat kein „recognisable monster“; Dead of Night ist „rather a film where the monster turned out to be the film itself“ [9]. Der Film macht mehrere phantastische Drehungen: wenn die Tötung Van Straatens durch Craig bedeutet, daß alles „Übernatürliche“ Produkt eines die Ratio ausschaltenden Gehirns ist, demonstriert andererseits eine Episode nach der anderen, daß eben dies nicht der Fall ist. Und: zur selben Zeit, als Craigs rationales Bewußtsein über die Abläufe auf dem höchsten Punkt ist, gibt Van Straaten, bis dahin die reine rationale Skepsis, zu, daß auch er einmal an die Grenze des Erklärlichen gestoßen ist.
Hutchings betrachtet Dead of Night als „an intense and obsessive meditation on issues arising from the transition from a wartime to a post-war society“ [10]. Viele der Filme der Kriegszeit suggerierten die Notwendigkeit für das Individuum, persönliche Wünsche und Ambitionen zugunsten des Wohls der national community zurückzustellen. Die Protagonisten dieser Filme wurden „from home and family“ in eine „more community-based social structure“ überführt. Dead of Night dagegen verlegt die den Film strukturierende Handlung nicht nur in die Heimstatt eines seiner Charaktere, sondern darüberhinaus „inside a particular character’s head [11].
Die unmittelbare Nachkriegszeit bedeutete: verstörte Männer kamen nach Hause, „and many women giving up, willingly or otherwise, their wartime occupations and adopting again the nurturing roles of housewife and mother within the domestic household“ [12]. Nach den Zerrüttungen des Krieges sollte es darum gehen, das traditionelle Familienleben mit seinen traditionellen Rollenverteilungen wieder zu installieren. Dead of Night läßt sich vor diesem Hintergrund durchaus als „return to the home“ [13] erkennen – aber nicht nur ist dieses home der Traum im Kopf eines Mannes; der Film stellt überdies seine weiblichen Charaktere in das strahlende Licht ihrer neugewonnenen Unabhängigkeit. Joyce und Joan glänzen als starke Frauen, als Repräsentantinnen der Frau, die gelernt hat, gut ohne den Mann auszukommen. Neben sie stellt Dead of Night männliche Charaktere, deren Nichtbewältigung der Entmachtung der traditionellen männlichen Rolle in Paranoia und Horror eskaliert. Innere Zustimmung zur starken Frau gelingt dem Mann in Dead of Night ebensowenig wie der Versuch, latente Skepsis gegenüber der monogamen heterosexuellen Beziehung ohne Horror in Alternativmodelle zu verwandeln. Wo in Dead of Night das Heim gesucht wird, wartet das Unheimliche. Walter Craig ist Architekt. Architekten entwerfen the scheme of things. Und über genau dieses gebietet der männliche Protagonist von Dead of Night nicht mehr; statt dessen wird er gezeigt als Gefangener seines eigenen scheme of things.
Dead of Night zeigt „a return to the home“, aber nicht „a reconstituted family“ [14]. Im Landhaus sind Vaterfiguren, Mutterfiguren, Frauen, Männer und ein junges Mädchen präsent, aber als „curiously unintegrated group, the interrelationships of whom (…) are never elaborated in any detail“. Eher werde die Gruppe als „in the process of disintegration“ gezeigt: „A sense of uncertainty pervades the film; about the respective values of domesticity and community and the roles played by men and women within each; about reality itself“ [15].
Dead of Night zeigt Unsicherheit über die Realität selbst und über die Rolle, die in ihr zu spielen ist, bezeugt aber auch die Suche nach einem Übergang von „wartime collectivity to a more desire-centred, individualistic fictional world“ [16], bezeugt die Ambivalenz von Sehnsucht nach dem Heim und dem Unbehagen an ihm. Das Haus und das Heim könnten sich für das überkommene Männerbild als Falle erweisen. Der Film ist „a complex imagining of a gender crisis, one which focuses in particular on fears, anxieties and uncertainties about the role of the male“ [17]. Die Wahnvisionen oder übernatürlichen Begebenheiten, die Grainger, Peter und Maxwell Frere ereilen, werden assoziiert mit der Krisensituation männlicher Identität. Horror ist hier eine Erscheinung von masculinity in trouble. Wie „The Haunted Mirror“ handelt „The Ventriloquist’s Dummy“ von bedrohter Identität und Verlust des Selbst.
Die männlichen Gestalten scheinen die Frau eher als pflegende und tröstende Figur zu wollen; die weiblichen Gestalten übernehmen die Nurse-Funktion auch, reflektieren aber den Männern damit zugleich deren Pflegefall-Dasein und geben ihnen darüber hinaus zu verstehen, daß sie ihre Stärke und Unabhängigkeit als Frau – auch erotisch – auszuleben gewillt sind. Es ist ein Kunststück, Frauenfiguren dieses Films wie Joyce und Joan nicht überaus sympathisch und attraktiv zu finden. Aber man muß die geeignete Psyche mitbringen: sie lassen sich nicht in das scheme of things der männlichen Architekten zwingen. Alles in allem gilt für Dead of Night: „In fact it’s hard to think of a more respectable looking horror film that still manages to be so subversive and entertaining“ [18].
Und dann ist da noch die Performance von Michael Redgrave:
„The element that raises ‚The Ventriloquist Dummy‘ to greatness is the transcendent performance by Michael Redgrave as Max Frere. He captures our empathy even while disintegrating before our eyes. A moment during their performance when he snaps, slapping Hugo in the face, is still shocking. The way he clutches at Hugo as he shoots Kee while Cavalcanti spins the frame is unnerving. When Von Straaten, playing a hunch, slips Hugo into Frere’s jail cell he unknowingly sets the stage for Frere’s final meltdown. Redgrave’s use of his voice during this scene is brilliant. From his gasp of dread when he first sees Hugo to the tortured sounds he makes as he kicks Hugo’s head into a pile of sawdust he shows us his madness but also his horrible pain.“[19]
[1] Die Nachtclub-Besitzerin wird gespielt von Elisabeth Welch: zum ersten Mal in einem englischsprachigen Film wird eine schwarze Frau als erfolgreich und unabhängig dargestellt. Bei ihrem Song wird sie von weißen Musikern begleitet.
[2] Hutchings 33
[3] Hutchings 33
[4] Hutchings 33
[5] Hutchings 33
[6] Dyson 178
[7] Justin Mory, zekefilm.org, Dead of Night Blu-Ray Review, July 22, 2019
[8] Hutchings 35
[9] Hutchings 36
[10] Hutchings 26
[11] Hutchings 28
[12] Hutchings 28
[13] Hutchings 28
[14] Hutchings 29
[15] Hutchings 29
[16] Hutchings 29
[17] Hutchings 33 ff.
[18] Dyson 180
[19] Rich Dishman, classic-horror-com, Dead of Night Review, 24.01.2011
Traum ohne Ende / Dead of Night, GB 1945, Regie Alberto Cavalcanti, Charles Crichton, Basil Dearden, Robert Hamer.

Dead of Night, oder: Horror als Identitätskrise männlicher Architekten des scheme of things
Teil 1
DEAD OF NIGHT ist ein Film mit einer sehr vertrackten und raffinierten Komposition. Zum einen reiht er Episoden aneinander, die vom Übernatürlichen handeln: als Riss im Gewebe der Realität, als Erfahrung, die das gewohnte Weltbild und die wahrgenommene Regelhaftigkeit des „Normalen“ zersetzt, eben den „natürlichen“ Lauf der Dinge. Der kumulative Effekt von vier solcher Episoden suggeriert, daß auch in der fünften und berühmtesten, bekannt als „The Ventriloquist’s Dummy“, Übernatürliches geschieht; bedeutendes Thema in „Dead Of Night“ ist jedoch auch die Desintegration des Selbst.
Zum anderen – dies die Rahmenhandlung – werden diese Geschichten erzählt von Personen, die in einem Landhaus versammelt sind und die gleichzeitig als Charaktere in der Alptraumschleife eines Mannes existieren, der, wenn er sich im Wachzustand wähnt, seinen eigenen Traumgestalten auch noch begegnet, um mit ihnen die ganze Vertracktheit zu besprechen, wobei ein Punkt des Übergangs von außerhalb des Traums zu innerhalb des Traums, sofern es ihn gibt, nicht leicht auszumachen ist. Während besagte Personen von einer Wirklichkeit erzählen, in der es einen Riss gab, sucht dieser Mann – Walter Craig, ein Architekt – verzweifelt nach einem Riss in seiner Wirklichkeit, die darin besteht, daß der unnatürliche Lauf der Dinge nicht unterbrochen wird; sie ist ein „Traum ohne Ende“.
Der Film setzt damit ein, daß Craig mit dem Wagen zu dem Landhaus fährt, in das er, wie wir später erfahren, telefonisch bestellt wurde. Er hält kurz an, wirft einen Seitenblick auf das hinter einem Waldstück zum Vorschein kommende Haus, schüttelt ratlos den Kopf und fährt weiter. Er scheint verwirrt von dem, was er sieht, und da er nur ein Landhaus gesehen hat, sind auch wir bereits verwirrt. Aber Craig bewegt sich durch ein endloses Déjà vu, und er befindet sich an dem Punkt, an dem sein Bewußtsein dafür langsam wieder erwacht.
Vor dem Landhaus wird Craig von dem Mann begrüßt, der ihn angerufen hat. Eliot Foley entschuldigt sich dafür, daß er Craig ein Wochenende mit „für Sie wildfremden Menschen“ [1] zumutet, und spricht dann von dem Plan für zwei neue Schlafzimmer; Craig, zunehmend nervös, weiß bereits: „And with only one living room“, obwohl er direkt danach erklärt, noch nie in der Gegend gewesen zu sein – „not… not actually.“ In der nächsten Dialogsequenz nimmt Craig seinem Gastgeber das Wort aus dem Mund – weil er es schon kennt. Als Craig das Cottage betritt, weiß er nach kurzem Nachdenken, wo er Mantel und Hut aufzuhängen hat. Und er weiß, ihn erwarten noch weitere Gäste, deren Begrüßungen und ausgestreckte Hände er mit der Benommenheit des sich das Hirn Zermarternden ignoriert. Er hat den Eindruck, dieses Mal sei es kein Traum, sinniert: „As it isn’t a dream this time, I must be going out of my mind“, geht auf den Psychiater Dr. Van Straaten zu und vermutet, daß dieser wohl wieder seine Behandlung übernehme. Craig erklärt, daß jeder der Anwesenden in dem Traum erscheine, den er wieder und wieder träume: „Meeting you all together, here in this room that I’ve neer been in, in my life, until today“. Van Straaten fragt, ob Craig erzählen könne, was im Traum passiert sei, und Craig erzählt nach, was bisher im Film geschah; er wisse aber auch, daß später noch eine weitere Person hinzukomme – eine Frau, attraktiv, dunkles Haar; „She comes in quite unexpectedly and says something about not having any money“. Nach dem Erwachen bleibe die Erinnerung an den Traum nur für ein paar Sekunden, „and none of it ever comes back to me until the next time it starts.“
Die Anwesenden versichern Craig, keine Zweifel darüber zu hegen, daß sie in seinem Traum vorkommen. „Keiner von uns existiert wirklich… wir sind alle nur Figuren in Mr. Craigs Traum“, sagt mit charmantem Lächeln die schwarzgekleidete Joan, während sie die Beine übereinanderschlägt und sich eine Zigarette anzünden läßt.
Im Anschluß an die Frage, ob „the possibility of foreseeing the future“ möglich sei, was Van Straaten ausschließt, erzählt der Rennfahrer Hugh Grainger „something I’ll not forget to my dying day. Matter of fact it very nearly was my dying day.“ Grainger ist bei einem Rennen verunglückt. Nach dem Unfall liegt er physisch wie psychisch schwer versehrt und fiebernd im Krankenbett, wie ein verwundeter Soldat im Lazarett. Er redet die Krankenschwester an: „You are here, Peggy? All the way from Scotland?“ Die Schwester: „All the way from Scotland.“ Grainger, langsam zu sich kommend: „But… you’re not Peggy, are you?“ – „No, I’m awfully sorry… you’ve been calling me Peggy for days. My name is Joyce.“ Grainger erklärt Joyce dankbar, von ihr gehe „eine unheimliche Ruhe“ aus, und bittet sie, nicht fortzugehen, ihn nicht allein zu lassen; sie verspricht es, wenn er brav wieder einschlafe, und er schwört: „Ich tue alles, was Sie verlangen“. Grainger erholt sich langsam, „it was a grand job of nursing on Joyce’s part.“

Die Profession des Autorennfahrers läßt sich vergleichen mit dem „conventional male heroism provided by the war“ [2]; Hutchings argumentiert, „no male in the film as a whole quite recovers from the crash“. Der Film, unmittelbar nach Ende des II. Weltkrieges entstanden, handelt nicht nur vom Unfall des männlichen Heroismus, er handelt überhaupt von verunsicherten Männern, die sich nicht mehr zurechtfinden.
Die nächste Szene zeigt, wie Grainger und Joyce sich näher gekommen sind; wie nah aber, bestimmt Joyce. Beim verliebten Dialog ist Grainger, symptomatisch, noch passiv ans Bett gefesselt, während Joyce Aktivität und muntere Dominanz verströmt: „Well, you’ve stopped being delirious. At least I think so, it’s hard to tell, you talk such nonsense!“ Als Inhalt seiner „Alpträume“ bezeichnet Grainger die Angst, Joyce könne ihm einen Korb geben und Doktor Albury heiraten; Joyce antwortet „You needn’t worry“, aber ihre Begründung gibt kaum Anlaß, den verunsicherten Mann mit der Gewißheit auszustatten, sie würde ihn in jedem Fall vorziehen: „He has a wife and three children.“ Banter, klassisch britisch, aber Geplänkel in „Dead of Night“ ist immer zugleich tongue-in-cheek und verräterisch. Als Grainger sie bittet: „Es gibt nur ein Mittel, mich endgültig zu heilen: heirate mich!“, läßt sie ihn neckisch stehen bzw. liegen: „Du machst mir Laune!“ (You’ve got a hope!“) und verläßt das Zimmer. Es ist 21:45.
Grainger bleibt allein in der Nacht seines Zimmers. Er nimmt ein Buch. Musik aus einem Radio ist zu hören, der Sänger singt: Why do you pass me by? How can you treat me so when you know all that you mean to me? Dann verschwinden die Musik und das Ticken der Uhr im Nichts – „to signal a slip into a non-rational world“ [3]. Motorengeräusch eines vorbeifahrenden Autos hinter den geschlossenen Fenstervorhängen. Es ist nur eine Minute vergangen, seit Joyce das Zimmer verließ. Doch als Grainger auf die Uhr blickt, ist es 4:15.
Grainger fixiert die Fenstervorhänge, bis es nur noch eine Frage gibt: was ist hinter diesem Vorhang? „This is a noticeably evocative shot (…) it is the first supernatural event of the film and it is presented unambiguously and tangibly – we have slipped through the boundaries with the hapless racing driver“ [4]. Grainger steht auf und geht langsam auf das Fenster zu. Er zieht die Vorhänge auf. Vogelzwitschern. Grainger sieht das Haus gegenüber im sommerlichen Morgenlicht.
Die Verstörung liegt darin, daß man das Panorama – der friedlichste Anblick, den man sich vorstellen kann – nach einem Schock absucht, während man begreift, daß dieses Panorama selbst der Schock ist: eben war es noch „a lovely night“ (Joyce). Direkt unter Graingers Fenster wartet unbewegt ein Kutscher. Schwarze Pferde, schwarze Kutsche. Ein Leichenwagen.

Plötzlich hebt der Kutscher sein Gesicht und ruft Grainger zu: „Einer hätte eben noch Platz drin, Sir!“ („Just room for one inside, Sir!“). Grainger wendet sich ab, setzt sich aufs Bett, fährt sich durchs Haar. Das Ticken der Uhr und die Musik kehren zurück. Es ist 21:50, Nacht, im Haus gegenüber erleuchtete Fenster.
Die nächste Szene zeigt Grainger im Gespräch mit Dr. Albury. Der fragt: „In the split second before your car crashed, you were firmly convinced you were gonna be killed, weren’t you?“ Grainger bestätigt dies; auch, daß er diese Furcht noch immer nicht ganz losgeworden sei. Die Todesvisionen seien die psychische Krisis, die der physischen folge, so der smarte Albury, doch „ich wette, wir haben Sie hier raus binnen einer Woche“. Nach einer Woche verläßt Grainger tatsächlich die Klinik. An der Bushaltestelle fragt ihn ein Mann nach der Uhrzeit. Grainger antwortet, es sei viertel nach 4. „A quarter past 4“ zeigte die Uhr auch plötzlich in jener Nacht. Als Grainger in den Bus einsteigen will, sagt der conductor zu ihm: „Just room for one inside, Sir!“. Der conductor ist der Leichenkutscher. Grainger steigt nicht ein, den conductor als Todesboten erkennend – und sieht dann fassunglos zu, wie der Bus nach der Kollision mit einem Lastwagen von einer Brücke stürzt. Graingers Leben ist gerettet, doch die letzte Szene, in der Grainger erkennt, daß seine „psychische Krisis“ buchstäblich der Blick durch den Riss in der Wirklichkeit war, exponiert ihn im close-up als stummen, machtlosen Zuschauer, entsprechend seiner passiven Rolle als Opfer übernatürlicher Abläufe, die keine smarte Psychologie wegerklären kann.
Die Anwesenden im Cottage diskutieren über die Geschichte. Grainger selbst besteht darauf, „that hearse driver was sent to me as a warning“, der als doubting Thomas angesprochene Van Straaten will Grainger davon überzeugen, es sei nur eine phobische Reaktion auf das Einsteigen in ein Fahrzeug gewesen: „You were still obsessed by your crash“. Craig mischt sich ein: „No use, Grainger. We’re both in the same boat. We’ll never convince him.“ Van Straaten wolle handfeste Beweise („genuine first-hand evidence“), zu denen noch keiner in der Lage war. Er hält inne, denn in diesem Augenblick erscheint überraschend die von Craig prophezeite attraktive, dunkelhaarige Person. Es ist Schwester Joyce, nunmehr Mrs. Grainger, die Geld für den Taxifahrer braucht. Joyce wundert sich, daß sie die Erfüllung eines Traums sei, Foley bestätigt: „Bargeldlose Brünette, erschienen nach Plan“ („Penniless brunette, laid on according to plan.“), und Mrs. Foley, Eliots Mutter, klärt sie auf: „Mr. Craig has been dreaming about you for years!“
„Dead of Night’s raison d’être“, so Dyson, ist der Konflikt „rationality / psychiatry vs the supernatural“ [5], wobei gilt: „(…) we are not encouraged to side with Van Straaten“. Der die Strategie der Ratio vertretende Skeptiker artikuliert diese Stimmung auch im Plot selbst: Van Straaten mutmaßt, die anderen Versammelten hätten sich vorgenommen, ihn mit einer Inszenierung in die Falle zu locken („An extraordinary elaborate practical joke at my expense.“) Joan Cortland antwortet ihm: „Welchen Grund sollten wir haben, um uns eine solche Geschichte auszudenken?“ – Welchen Grund haben wir, fragen die Traumgestalten im Cottage des psychischen Apparats die skeptizististische Ratio; eine Frage von feinster Ironie, bedenkt man, daß Ratio auch Grund heißt und für die Strategie des Logos die Welt ohne Ratio eine Welt ohne Grund ist.
Van Straaten spielt mit seiner Brille, was Craig aus seiner vorübergehenden Lethargie weckt; er sieht Schreckliches voraus: „That’s it! Your glasses!“ – „What about my glasses?“ – „It’s later on. We’re having drinks. You break those glasses of yours, and then, quite suddenly, the room goes dark. Then, Foley, you say something, something about the death of a man I’ve never heard of. And that’s where my dream becomes a nightmare. A nightmare of horror.“ – „Horror? What sort of horror?“ fragt Joan. „Ich spüre“, so Craig, „wie meine Willenskraft dahinschwindet… ich fühle mich im Würgegriff einer schlimmen Macht, die mich zu etwas unaussprechlich Bösen zwingt…“ Für Van Straaten ist klar: „It shows that you have some heavy weight on your conscience.“ Craig wird immer unruhiger. Warum könne gerade er in die Zukunft blicken? Je mehr Begebenheiten er antizipiert und voraussieht, je mehr Craig das Gefühl hat, daß er selbst dem scheme of things in diesem Landhaus zugrundeliegt, „the more he begins to crack-up“ [6]. Das Irrationale ist immer auch eine Bedrohung der sozialen Norm. Als die Stimmung unbehaglich zu werden droht, meint Mrs. Foley, Sally möge jetzt vielleicht lieber gehen; die 14jährige Sally aber erklärt, ihr sei ebenfalls schon äußerst Sonderbares widerfahren, und Van Straaten will ihre Geschichte hören.
Sally erzählt von einem Weihnachtsfest, das sie in Somerset verbrachte. Im großen alten Haus einer Mrs. Watson findet eine Kinderparty statt. Sally und Jimmy Watson sind die Ältesten, aber auch Jimmy ist noch kein Mann; „significantly“, beobachtet Hutchings, „aside from a briefly glimpsed aged butler, there are no adult men present“ [7]. Die Kinder spielen Versteck; Sally soll gesucht werden. Sie läuft die Treppe empor zu den oberen Räumen des Hauses und versteckt sich hinter einem Vorhang. Jimmy findet Sally, bringt sie auf den Dachboden und macht ihr ungeschickte Avancen; Sally, „dressed and made-up like a young woman“, reißt sich los und läuft noch tiefer hinein in die entlegensten Winkel des Hauses, „giving us the impression that [she] has travelled a long way from the rest of the guests, and from help“ [8].

Jimmy hatte versucht, Sally Angst zu machen mit einer Gespenstergeschichte („Believe it or not, this house is haunted“): ein grausiger Mord sei hier verübt worden. Die Täterin, ein Mädchen, sei wohl verrückt gewesen; sie habe ihr Opfer erdrosselt und halb geköpft.
Sally entdeckt einen alten Korridor und hört in einem abgelegenen, vergessenen Zimmer das Schluchzen und Wimmern eines Kindes. Sie findet einen weinenden Jungen, nimmt ihn in den Arm und tröstet ihn. Der Junge bittet Sally, sie möge hier oben bei ihm bleiben. Er sagt, er heiße Francis Kent, und dieses Zimmer sei das Schlafzimmer von ihm und seiner Halbschwester Constance, die sehr garstig zu ihm sei: „She hates me. She said she’d like to kill me.“
Unten sucht man Sally, während sie den kleinen Francis zu Bett bringt und ihm ein Lied vorsingt. Dann erscheint sie wieder in der Halle und berichtet von ihrer Begegnung. Mrs. Watson ist verstört: „Was für ein kleiner Junge?“ Jimmy bemerkt lachend, Sally habe es also die ganze Zeit gewußt? Sally hat nicht gewußt, „daß Constance Kent ihren Bruder ermordet hat, den kleinen Francis!“; daß sie einem kleinen toten Jungen begegnet ist, dem seine Halbschwester 80 Jahre zuvor den Hals aufgeschlitzt hat. [9] Hutchings bemerkt:
„The method of killing is important. Constance Kent cuts her brother’s throat. This act, this cutting of the human body has often been read as an inscription or writing of sexual difference onto the body, particularly in the context of the horror film where the body in question is usually female, the wielder of the weapon usually male and the outcome a reassuring (for men) reimposition of traditional gender roles. In Dead of Night this is reversed, so it is the male who is marked by what can be read in this context as a symbolic castration (…) Moreover, this castrating act is shown as causatively linked with Sally’s violent rejection of the advances of a pubescent boy, someone who is not completely a man.“ [10]
Selbst das Noch-nicht-Mann-Sein wird in Dead of Night zum Symbol des verunglückten Männlichen; das Mädchen Sally muß sich um einen verunsicherten, verängstigten, kleinen Jungen kümmern; wie fast alle Männer in Dead of Night verunsicherte, ängstliche, kleine Jungen sind. Dead of Night präsentiert bezaubernde Frauen, die unter zuckersüßer Glasur Nurse und Castratrix in einem sind. Aufgeschlitzt, entmannt, entmachtet, verunsichert, passiv, versehrt und verstört, ist das männliche Geschlecht in Dead of Night dem überlegenen Lächeln der Frau ausgeliefert, das den Stachel nur noch tiefer eindringen läßt. Die männlichen Figuren der Geschichten in Dead of Night sind phallischer Macht beraubt. Einige von ihnen suchen verzweifelt Ersatz. So wie der Film „the independent / strong woman and the weak / emasculated man“ gegenüberstelle, evoziere er „a sense of there being something wrong with conventional heterosexual relationships“ [11].
Die Runde nimmt ihre angeregte Diskussion wieder auf; Joyce Grainger bemerkt, sie glaube sowohl an Sallys Geschichte als auch an Craigs Traum, und Foley nörgelt: „So we’re all powerless in the grip of Craig’s dream. That’s a solemn thought.“ Van Straaten wirft ein, wenn er nur eine Marionette sei und Craig an den Fäden ziehe, könne er ja wohl Auskunft erwarten über die Rolle, die er spielen soll, doch Craig meint, das sei nicht so einfach. Er wisse, daß er Sally Gewalt antun werde, doch das sei wiederum auch nicht konsistent, denn Sally werde die Runde bald verlassen. Gerade als man beschließt, daß Sally zu ihrem Schutz hierbleiben solle, erscheint ihre Mutter, um Sally abzuholen. Sally protestiert: „Mom, das geht nicht, schau, das ist Mr. Craig, und ich spiele eine wichtige Rolle in seinen Träumen!“ (You see, this is Mr. Craig, and I’m one of the characters in his dream!“)– „Oh, freut mich ganz ungeheuer, Sie kennenzulernen“ („Oh, how do you do? Such fun, charades.“) „Mom, jetzt, wo es so aufregend wird, er… er schlägt mich nachher zusammen!“ („Mother, you must listen. You see Mr. Craig is going to hit me savagely!“) Sallys Protest ist umsonst, Sallys Mutter nimmt ihre Tochter mit aus dem Haus.
Van Straaten fällt auf, daß Craig sich nicht an Sallys Mutter erinnert hat, aber Joan bekräftigt mit laszivem Selbstvertrauen: „Mister Craig! Je weniger der Doktor Ihnen Ihre Einlassungen abnimmt, desto mehr tue ich es!“ Und sie fordert Van Straaten heraus: „Doktor! Haben Sie zufällig eine Erklärung für Folgendes?“ Folgendes ist Joans Geschichte, die kurz nach ihrer Verlobung begann.
Joan überrascht Peter an dessen Geburtstag mit einem teuren Geschenk: einem alten Spiegel. Sogleich fällt auf: Joan bringt die kostspieligen Überraschungen mit in das Zuhause, in dem Peter im Sessel sitzt und auf Joans Rückkehr wartet. Beim Auspacken fragt Peter: „You haven’t gone and had your portrait painted, have you?“ – „No, I thought you’d like to look at yourself.“ – Portraits lassen Mächtige und Bedeutende von sich anfertigen. Joan, dies ist nach Sekunden klar, beherrscht diese Beziehung. „Darling, it’s a beauty!“ befindet Peter (quasi auch über sich selbst), vor dem Spiegel posierend, während die starke, dominierende Frau gurrt: „Gefällt er dir?“ – wie es tausend Helden in tausend Filmen zu einer den Ring oder das Collier forciert atemlos bestaunenden Frau sagten.
Die nächste Szene offenbart, daß Joan sich von einem Bekannten namens Guy nach Hause fahren ließ; Peter macht ein paar schnippische Bemerkungen über ihn, auf die Joan erwidert: „Vorsicht, mein Freund! Ich mag diesen Jungen nämlich!“ („You be careful! I’m very fond of Guy.“) – „Es schmeichelt doch nur deiner Eitelkeit, den Knaben an der kurzen Leine zu halten!“ („Meaning that it pleases your disgusting feminine vanity to have him on a string.“) Die Szene suggeriert, „that Joan is enjoying the company of two men (…), as if one is insufficient“ [12]. Als Peter den Spiegel aufgehängt hat, sagt Joan: „I’m glad to see you’re going to be useful about the house.“ Ist ein Mann auch inadäquat, ist es gut, wenn mehrere in irgendeiner Hinsicht adäquat sind. „Hmmm… handsome couple“, sagt Joan, als sie und Peter vor dem Spiegel stehen, und in diesem Augenblick blickt Peter über seine Schulter zurück, als hätte er im Spiegel etwas hinter sich gesehen.

Als Peter sich am Abend vor dem Spiegel für eine night out fein macht, verwandelt sich das Spiegelbild vollständig. Der Spiegel bedeutet jetzt endgültig die Präsenz einer anderen Welt. Im Spiegel sieht Peter sich in einem Zimmer stehen, das nicht das Zimmer ist, in dem er tatsächlich steht. Als er sich umdreht, einmal fest die Augen schließt und wieder öffnet, scheint der Spuk vorbei.
Von ausgiebigem Tanz erschöpft bemerkt Peter: „Should have worn our grass skirts“. Blink and you miss it: Peter empfiehlt seiner Missus und sich selbst ein bei heißen Temperaturen getragenes Röckchen. Auch hier: banter, und doch vielsagend. Joan: „Darling, is anything the matter? You seem to have been a bit broody all evening.“ – „(…) ‚broodiness‘ another conventionally feminine attribute“ [13]. Nachdem er zunächst vorschiebt, es sei nur die Hitze, kommt Peter schließlich doch auf den Spiegel zu sprechen. „Es war nicht mein Raum, den ich gesehen habe. Es war ein anderes Zimmer.“ („The reflection was all wrong.“)
In der Nacht tritt Peter noch einmal vor den Spiegel; erneut ist dieser andere Raum zu sehen. Es ist sichtlich ein Zimmer aus einer früheren Epoche. Im Hintergrund des dunklen Salons brennt ein Kaminfeuer. Und jetzt verschwindet das Bild dieses Zimmers nicht mehr.
Joan und Peter sind in den nächsten Wochen damit beschäftigt, ein Haus zu suchen (in der kurzen Szene, die eine Besichtigung zeigt, können wir an der Körpersprache erkennen, daß Joan die Entscheidung trifft); dann folgt das Chaos der Hochzeitsvorbereitungen. Peter wird immer unkonzentrierter und reizbarer, so als wären es die „again conventionally feminine eve-of-wedding nerves“ [14]. Joan organisiert alles und herrscht Peter dafür an, daß er, ständig zu Hause, nicht einmal an ein Telefongespräch gedacht hat.
Es ist der Spiegel. Peter sagt, es gelinge ihm nicht mehr, durch Willenskraft dem Spiegel seine normale Reflektion aufzuzwingen. „The only thing to do is to try not to look in it at all. But in a queer sort of way it fascinates me.“ Peter fühlt, daß der Spiegel Gewalt über ihn hat („I feel as if that room, the one in the mirror, were trying to… to claim me“), daß der Spiegel versucht, ihn in das fremde Zimmer hineinzuziehen. Es scheint ihm jetzt, als wäre das fremde Zimmer sein Zimmer und sein eigenes Zimmer imaginär. Und er fühlt, daß da etwas auf ihn wartet, jenseits des Spiegels; „etwas Böses… unwahrscheinlich Böses“. („Something evil. Monstrously evil.“) Wenn er die Trennlinie überschreite, werde etwas Furchtbares geschehen.


Joan, pragmatisch, will den Spiegel zurückgeben, doch Peter erwidert: „The trouble’s not in the mirror – it’s in my mind. It must be.“ Der Spiegel sei nur Holz und Glas. Peter bittet Joan: „Laß uns die Hochzeit verschieben, bitte“. Joan ist vor den Kopf geschlagen, faßt sich aber rasch wieder, nimmt Peter an die Hand und führt ihn vor den Spiegel. „Schau in den Spiegel!“ befiehlt sie. Peter sieht nur das fremde Zimmer und sich selbst; Joan sieht er nicht. „In the other room I’m alone!“ Joan befiehlt ihm, exakt zu beschreiben, was er sieht. „Anstelle meines Bettes steht da ein anderes Bett (…) Die Vorhänge sind aus dunkelroter Seide, die Wände sind getäfelt“. Dann erzählt ihm Joan, was sie sieht: „Just your ordinary room with you and me in it. Listen to me! You’re going to look in this mirror again, you’re going to see exactly the same as I do! Come here!“ Zunächst gelingt es nicht. Joan ermuntert ihn: „You can, darling, if you try!“, ergreift fest seine Hand – und es gelingt.
Im neuen Haus fühlt sich Peter zunächst durchaus wohl mit dem Spiegel – solange Joan bei ihm ist. Joan hat die Hochzeit und ihren Willen durchgesetzt. Als sie ein Wochenende bei ihrer Mutter verbringt, ist das ominöse Spiegelbild wieder da. Peters erste Reaktion ist es, Joan anzurufen, aber er nimmt ihren Rückruf nicht an – weil der Spiegel ihn ruft.

Joan erkundigt sich bei dem Antiquitätenhändler nach dem Spiegel, entdeckt in dem Laden jenes Bett, das Peter stets im Spiegel sieht, und erfährt: das Bett und der Spiegel gehörten zu den Privaträumen eines gewissen Francis Etherington, der im Jahre 1836 starb. Die Räume blieben vom Todestag bis zum Verkauf des Interieurs unbenutzt und verschlossen. Etherington, so der Antiquitätenhändler, „war ein Mann von äußerst dominantem Charakter. Arrogant, rücksichtslos, blendend aussehend, aber von ungezügeltem Temperament.“ Etherington machte eine reiche Erbin zu seiner Frau. Eines Tages fiel Etherington bei der Jagd vom Pferd und erlitt eine Wirbelsäulenfraktur, die ihn ans Bett fesselte. Er wurde verbittert, traute niemandem mehr und verdächtigte seine schöne Frau, ihn mit Freunden, Fremden und Dienern zu betrügen. In einem Anfall von rasender Eifersucht habe er sie schließlich erwürgt. Dann habe er sich vor den Spiegel gesetzt und sich die Kehle durchgeschnitten. Joan erkennt: „And the mirror hasn’t been used again until Peter… until I bought it for my husband!“ – „Precisely.“

Der Spiegel hatte gewissermaßen viel Zeit, das Erlebnis, das er „gesehen“ hat, zu behalten. Er hat, spiegelpsychoanalytisch gesprochen, das ihn traumatisierende Erlebnis nicht verarbeitet und reproduziert den Schauplatz seines Traumas – mit dem Ziel, das zu dem Schauplatz gehörende Ereignis zu reproduzieren.
Und das Ereignis lautet: der ursprünglich und eigentlich sich als dominant verstehende Mann ist entmachtet (man darf ersetzen durch „kastriert“) und abhängig geworden von der Frau, die in seiner Phantasie zum männermordenden Vamp wird – erneut verschmelzen Nurse und Castratrix –, und tötet sie. Peter befindet sich Joan gegenüber, nur scheinbar weniger dramatisch, in derselben Situation: in widerwillig submissiver Position gegenüber einer – unwiderstehlich sympathischen – Dominatrice, und eifersüchtig. Joan ist eine starke, unabhängige, sexuell selbstbewußte Frau, und so sehr Peter es zu überspielen sucht: die Rolle, die er in dieser Beziehung spielt, behagt ihm nicht. Der Spiegel, der Vergangenheit reflektiert, zeigt auch: all is not well, in dieser Beziehung.
Auffällig ist, daß Peter äußerte, etwas Furchtbares werde geschehen, wenn er die Trennlinie überschreite, und unmittelbar darauf Joan bittet, die Hochzeit zu verschieben – vordergründig, weil er Angst hat, verrückt zu werden und dies einer Ehefrau nicht zumuten will. Aber ebenso scheint die Hochzeitsnacht die dividing line zu sein, die zu überschreiten „Furchtbares“ nach sich zieht. Was immer es ist – Widerstand gegen Joans Dominanz, unterdrückte Homosexualität, unterdrückte Erotik, unterdrückte Aggression, unterdrückte gewalttätige Impulse -, es geht, wie in so vielen Horrorfilmen, um male sexual trouble, und, damit einhergehend, um ein männliches Identitätsproblem. Das Spiegelbild lädt ein in den „monströsen Raum“ auf der anderen Seite, lädt ein zur Transformation in einen Anderen. „[Peters] transformation into that other man is prefigured in passing comments about Joan’s relationship with another man“ [15].
Peter läßt sich auch verstehen als Apolliniker, der die dionysische Verschmelzung zugleich faszinierend findet und panisch davor zurückschreckt. Dabei zeigt der Spiegel gerade dann sein normales Bild, wenn Joan und Peter – sowohl psychisch als auch dadurch, daß Joan fest seine Hand nimmt – ein Stadium der Verschmelzung erreichen. Aber Peter bleibt eingeschlossen in seinem apollinischen Solipsismus. In der Kunst wurde der Spiegel als Symbol für weibliche Eitelkeit verwendet; Peter zeigt vor dem Spiegel ein gewisses Maß an Effeminiertheit, vor allem aber auch an narzißtischer Faszination. Es scheint – zumindest bis zu einem gewissen Punkt -, als schließe Peter mit besagter „Willenskraft“ Joan davon aus, im Spiegel das zu sehen, was er sieht. Im Verhältnis zwischen ihm und dem Spiegel bleibt Joan ausgeschlossen, weil der Spiegel ihm sein eigenes Innenleben zeigt – es als ein mörderisches vorwegnehmend. „In Dead of Night, men seem to spend most of their time staring anxiously into space (and, implicitly, into their own minds)“ [16]. Narzißtische Introspektion als „Waffe“ gegen die Verschmelzung mit dem Anderen, als „Rache“ für die Einbuße phallischer Macht, als Kompensation für die Unfähigkeit, an der Seite weiblicher Stärke keinen Minderwertigkeitskomplex zu entwickeln. Joan strahlt Lebenslust, wenn nicht Libertinage aus; Peters Beruf ist accountancy. Ironischerweise sagt Joan zu Peter: „I thought you’d like to look at yourself“.
Der Spiegel verstärkt Peters „weibliche“ Seite, die er aber nicht zu akzeptieren bereit ist. Im Spiegel muß er sich selbst ansehen als Mann des Ressentiments, gefangen in einem Rahmen, der sein Innerstes als mörderische Umgebung zeigt.

Als Joan von dem Antiquitätenhändler zurückkehrt, ist Peter völlig verändert: „Something gone wrong with your plans for a weekend?“ wirft er ihr aggressiv entgegen. Seine Eifersucht eskaliert. „Du hast gedacht: dieser Einfaltspinsel, der merkt überhaupt nicht, wenn ich mich amüsiere – nicht wahr?“ Peters Rede ist bereits speaking in tongues: „Noch bin ich in der Lage, mich zu bewegen! Wie schön für dich und deinen Liebhaber, daß ich mich so elend fühle! Könnte ich heraus aus dem Raum, würde ich den Burschen in Stücke reißen!“ („But I won’t stand it. Not while I’ve strength to move at all (…) If I could move out of this room, I’d break him in pieces…“) Joan streitet ab, Guy überhaupt gesehen zu haben. Peter aber ist jetzt außer sich, der Spiegel hat ihm die Identität des Mörders verliehen, und er versucht, Joan zu strangulieren; bei ihrem Kampf fällt Joans Blick in den Spiegel – und jetzt sieht auch sie das Zimmer from another time, sieht sie Peter und sich selbst darin, kämpfend. Sie ergreift einen schweren Kerzenleuchter und zerschmettert den Spiegel. Der Bann ist gebrochen. Peters erste Worte: „I seem to have cut myself…“ Die Wunde des Mannes hinter dem Spiegel fügt sich vor dem Spiegel zu. Peter fragt, was denn mit dem Spiegel passiert sei; Joan demoliert auch noch dessen Reste. Für einen Augenblick war es dem Spiegel gelungen, auch die Identität zwischen Joan und dem Opfer des Mörders hinter dem Spiegel herzustellen.



Joan sah das Zimmer im Spiegel genau wie Peter, bemerkt Joyce. Van Straaten erklärt: „Dieses war ein Kasus von Kryptoamnesie“. („This was a case of crypto-amnesia. The transmissibility of an illusion by one person to one or more other persons who are emotionally cohesive…“) Und Van Straaten ist ein Kasus von Kaschieren eines Erklärungsnotstands. Craig erklärt, er habe jetzt verstanden: der stets wiederkehrende Traum solle ihm zur Warnung dienen vor den Schrecken, die hier auf ihn lauern. „Es ist etwas Grauenhaftes, was mich hier erwartet – möglicherweise sogar der Tod!“ Er will das Haus verlassen. Van Straaten sagt, wenn Craig jetzt gehe, würde er sich vollends seiner Obsession ausliefern. Foley, ganz englischer „Alter-Knabe“-Typ, bringt Craig auf den Korridor und erzählt ihm „eine Story für den Heimweg“. „Jolly unpleasant when you come slap up against the supernatural.“
[1] Deutscher Dialog wird zitiert aus der Synchronfassung, die vom ZDF 1988 für die deutsche TV-Ausstrahlung [28.09.1991] hergestellt wurde und die der für die DVD 2008 produzierten Fassung weit überlegen ist. Die Kinosynchronisation von 1947 scheint komplett verschollen.
[2] Peter Hutchings, Hammer and Beyond – The British Horror Film, Manchester / New York 1993, 31
[3] Jeremy Dyson, Bright Darkness. The Lost Art of the Supernatural Horror Film, London 1997, 170
[4] Dyson, 170 ff.
[5] Dyson 170
[6] Dyson 172
[7] Hutchings 31
[8] Dyson 172
[9] Die echte Constance Kent wurde 100 Jahre alt und starb 1944.
[10] Hutchings 31
[11] Hutchings 30
[12] Hutchings 31 ff.
[13] Hutchings 32
[14] Hutchings 32
[15] Marcia Landy, British Genres, Cinema and Society 1930 – 1960, Princeton 1991, 393
[16] Hutchings 32
Zwischendurch von jenseits der Geschmacksgrenze: nächtens ward ich trunken von Ladislav Klima, „Die Leiden des Fürsten Sternenhoch“. Tagsüber fragte ich mich, ob bei mir noch alles stimmt. Ich empfehle das Buch niemandem, las es aber mit Augen groß wie 5 Kopeken. „Grotesk“ wäre eine groteske Untertreibung. Bei wikipedia fand ich dies:
Utrpení knížete Sternenhocha (The Sufferings of Prince Sternenhoch: Prague 1928) is his most famous novel. In a series of journal entries, the book chronicles the descent into madness of Prince Sternenhoch, who moves from the life of a nobleman to a life filled with suffering, eccentricity, bouts of madness and self-torment. Having sunk to the lowest level, he eventually attains an ultimate state of bliss and salvation.
Das ist aber sehr euphemistisch. Alleszersetzende Beziehung zur dämonischen, „grausamen“ Frau, aber dermaßen bizarr und böse, daß man sich fragt, was Klima, eigentlich Philosoph, sich in die Brause gekippt haben mag. Keine Ahnung, wie man sich die Welt vorstellen soll, in der das spielt. Eine burleske Mischung aus verblasener Philosophie und Trash-Horror, am Ende hat man Floria Sigismondi-Ästhetik oder Tool-Videos im Kopf, so haarsträubend, daß kein Kamm das wieder hinkriegt. Zum Schreien. Aber langweilig war’s nicht. Wie Lotte Lenya sagt: „Da wird was geboten für sein Geld“.
[moi, SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, 23.06.2006]

Einen „seltsamen Mann“ nannte der tschechische Dichter und Nobelpreisträger Jaroslav Seifert in seinen Erinnerungen „Alle Schönheiten der Welt“ den Schriftsteller und Philosophen Ladislav Klíma. Seifert berichtet von einem Treffen in der Weinstube „U Šuterů“, das mit dem völligen Besäufnis von Klíma endete.
Volker Strebel, fixpoetry.com
Klima verstand sich niemals als Literat; seine Prosa war nur ein Nebenprodukt seiner Philosophie und diente ihm als Einübung in die spätere „Praxis“. Die Qualität der Texte schwankt entsprechend. Er bezeichnete die Art seines Schreibens als „Rotzen auf alles, was bisher Literatur hieß“. Stellenweise gelangen ihm faszinierende Texte.
Das Verfahren hängt von seiner jeweiligen Verfassung ab. Banalitäten werden transponiert auf eine Metaebene, verklärt zum Nonsens und Dada, Surreales, Träume, Visionen werden eingebaut, es wird entschwebt, erleuchtet, postuliert: „Ludibrionismus“ – die Welt als Spiel des freien Willens; „Deoessenz“ – das Ich als Gott. Der ganze Schwulst des gotischen Romans, philosophisch verbrämt; aber dann bekommt der eigene Schatten eins in die Fresse, und das dämonische Gespenst, der Tod selbst, sieht aus wie ein Wassermann mit Gelbsucht. Klima arbeitet nicht auf Pointen hin, sie passieren ihm beim Schreiben, wie nebenbei – ein poetischer Mehrwert.
1910 notiert er, quasi als Nachwort zu seinem literarischen Schaffen: „Die Form des Romans, wie er bis heute geschrieben wird, ist zu eng. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich eine absolut freie, durch nichts zu bändigende, vom Hohngelächter einer souveränen, göttlichen Skepsis beherrschte Form einfindet.“ 1928 starb Ladislav Klima mit fünfzig Jahren an Tuberkulose.
Seine Werke wurden von Freunden gesammelt: als lose Blätter in den Papierkörben billiger Hotels entdeckt, unter Tischen von Gasthäusern, oft samt deren Verfasser.
Libuše Moníková, Die Zeit, 1993
Das Nationaltheater Prag bringt am 7. April 2018 „Sternenhoch“ von Ivan Acher zur Uraufführung, eine Oper in zehn Bildern, gesungen in Esperanto.
Prinz Sternenhoch (Sergey Kostov) schläft, sein Kopf ruht auf einem Tisch. In seinen Träumen hört er den Geist von Helga (Vanda Šípová).

My own personal Frank Booth experience als „Warum ich Buddy Holly nicht mag pt. 1“: Susanne aus meinem Englisch-Leistungskurs war in diesen Gang-Rocker namens Andreas Kriautzak verliebt, der um der Einfachheit willen „Grütze“ genannt wurde. Grütze war meist betrunken, hörte ununterbrochen Buddy Holly und faselte sich ebenso ununterbrochen und lautstark seine Eins durch Neun-Dialektik zusammen. Tränen, Szenen und Gott weiß was. Ein paar Freunde und ich in der Grütze-Bude, dusselige Matrosen auf einem Seelenverkäufer, Begleitpersonal hirnrissiger Szenen. Dann saß ich plötzlich mit der weinenden Susanne in einer Abseite hinter einem roten Vorhang und tröstete sie. Ich mochte sie. Ich küßte sie. Und in eben diesem Augenblick wird der Vorhang beiseitegezerrt. Zwei Sekunden Blitzschlag in seinen Eins durch Neun-Augen. Ich sehe mich bereits im Krankenwagen. Mein Leben verdanke ich der Geistesgegenwart einer Frau und ihrer intuitiven Fähigkeit, das Richtige zu tun. Sie redete sofort auf ihren Grütze ein, ließ ihn nicht zu Wort kommen, beschwichtigte ihn, führte ihn weg von mir und meiner zweifelhaften rechten Geraden. Grütze war so hinüber, daß er die Szene schon wieder vergessen hatte, als ich wieder zum Vorschein kam. Er dachte, ich wäre eben gekommen. „Bedien‘ dich, Mann!“
Aber ein Song von einem Buddy von Buddy, das geht.
What’s this?
Vorweihnacht
Am Donnerstag sah ich zum ersten Mal „Vom Winde verweht“, naja, der Schluß gefiel mir nicht. :) Und Freitagnacht zwei ganz großartige Sherlock Holmes Filme von 1939. Sie zufällig auch? Der Schauspieler Basil Ichweißnichtweiter (edit: Rathbone) war ein grandioser Sherlock. Watson leider dümmlich dargestellt, was von Doyle nicht so gedacht war, wohl aber gern interpretiert wird. Ich brauche unbedingt die BBC Serie, die Briten bezeichnen den dortigen Sherlock Schauspieler als den Sherlock.
Nein, ich schreibe nicht verziehen und verzeihen auch selten. Aber ich schreibe oft ncihts. Was überhaupt keinen Sinn ergibt. Die Buchstaben liegen weit auseinander auf der Tastatur, allerdings könnte die rechte Gehirnhälfte hier eine tragende Rolle spielen, da sie die kreativere und emotionalere der beiden ist und deshalb wohl gern mal der rationalen Richtigschreibregion der linken dazwischenfunkt. Vielleicht ist sie auch einfach die schnellere, ich schreib nämlich auch gern mal sit statt ist. Hmmm. Was sagt uns das? Nichts Neues eigentlich. Wir fühlen eben schneller als wir denken. Wie bin ich jetzt hierhin gekommen? Ach ja. Deduktion ist alles. Elementare Schlussfolgerungen. (Hab soeben entdeckt, dass man die Sherlock Holmes Filme im Grunde komplett auf youtube sehen kann – grand!)
Der maxime Park, kürzlich neu angelegt, ist tatsächlich ein Ort, den ich während meiner ausgedehnten Spaziergänge, die mir ein Arzt aus Heidelberg nahelegte, häufig aufsuche. Begleitet eher von Robert als von Romy und die Herren Covenant eskortieren. Die Parkanlagen werde ich auch am 6. August aufsuchen, um Herrn Paul Smith zu bewundern. Ich strebe sogar die erste Reihe an.
Ostern war etwas blassblau, ja, Werfels Sprache großartig. Identifikation aus bekannten Gründen mit Vera. Zur Zeit reise ich mit einem Kühlschrank durch Irland. Das ist absolut sinnlos, aber es gibt viele Pausen, in denen irisches Bier gereicht wird. Und sinnlose Unterfangen sind es nun mal, die mich in diesem Jahr vom eigentlich Interessanten abhalten, aber irgendwann wird die Diplomarbeit ihr Ende finden. Außerdem teilen wir die Küche mit fliegenden Ameisen, was mich irritiert und befremdet. Aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit habe ich kapituliert, wir werden umziehen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Das Bollerwagen-Foto ist wirklich süß. Der Kleine vorn rechts mit den rötlichen Haaren wirkt, als wäre schon vorgezeichnet, dass er einmal die Laboratorien der geologisch-paläontologischen Fakultät übernehmen wird.
Basil Rathbone war einer der Lieblingsschauspieler von Lux Interior und ein guter Freund von Vincent Price. Mehr muß man gar nicht wissen. Er ist doch auch der böse Onkel Andre in „Wir sind keine Engel“. Ein paar Sherlock Holmes-Filme mit ihm habe ich mal gesehen, ist aber länger her. Eines dieser smarte-Schurken-Gesichter. An „Vom Winde verweht“ gefällt mir vor allem Clark Gable nicht. Aber der gefällt mir ohnehin selten. Wußten Sie, daß David Bowie, als er gerade „The Elephant Man“ spielte, ein Buch empfohlen hat mit dem Titel „The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind“? Wollte ich immer mal lesen, hab ich aber nie. Der Titel ist mir aber unvergeßlich. Danke für den Maximo Park-Clip. Hüte sind ja sehr im Schwange. In der BS liegen auch haufenweise Hüte herum, neuerdings, und ich wandere zeitweise mit hohem, spitzem Magician’s Hat umher. The Importance Of Being Horst.
Flugameisen sind ja eigentlich immer zahlenmäßig überlegen, aber das ist sehr garstig. Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß es nicht allzu schwierig und langwierig wird, ein neues Domizil zu finden. Spaziergänge durch Eppendorf fallen mir schwer, too many memories, historisch belastet. Dabei ist es so schön, da, am Kanal, wo bald wieder der Zirkus seine Zelte aufschlagen wird. Auf dem Bollerwagen-Foto sehen Sie vorn rechts Levi. Levi ist Anarchist. Ich nenne ihn immer Herr Tapp. Weil eine der Erzieherinnen mal zu ihm sagte „Ertappt, Levi!“ Und er hatte verstanden Herr Tapp Levi. Er: „Ich bin nicht Herr Tapp!“ – Ich: „Doch, du bist Herr Tapp.“ – „Nein, du bist Herr Tapp!“ – „Nein, du bist Herr Tapp.“ Wie die Marx Brothers. Zur guten Nacht noch eine Schwäche, die ich, wie ich gerade erfahren durfte, mit dem berühmten Ecki Stieg teile, The Rattles in ihrer kurzen Zwischenphase 1970/1971. Ob „The Witch“ im Niendorfer Gehege gedreht wurde?
Und dies, mit einem Killergitarrenriff und einem Killerstreicherbläserarrangement, vermutlich steckt James Last dahinter.
The Rattles – You Can’t Have Sunshine Every Day
Ich wollte grad sagen, die sehen alle so unschuldig und irgendwie, hm, so gesund aus, aber im Niendorfer Gehege haben sie dann wohl doch irgendwas eingeworfen. Niedlich! Hihi, James Last, ja, der wilde Halunke. Solche Musik lief früher, wenn Mutter bei der Hausarbeit das Radio laufen ließ. Aaaaaaach, ich verlange ja auch gar nicht immer Sonnenschein. Das wär ja auch schrecklich. Aber ein bisschen einfacher wäre schon gut. Entschuldigen Sie diesen dämlichen Satz, aber auch Dämlichkeit muß mal ans Licht der untergehenden Sonne. Ist ja bald wieder der längste Tag im Jahr und zuviel Sonne macht schon mal etwas dumm. Fragen Sie jetzt nicht wieso, das weiß ich nämlich auch nicht. Und außerdem erklären Sie mir mal bitte, warum Bier mit dem Strohhalm getrunken zu beschleunigter und/oder erhöhter Trunkenheit führen soll!? Jedesmal, wenn ich darauf angesprochen werde, frage ich dies und niemand konnte es bisher erklären. Ich mag halt nicht immer an Flaschen nuckeln und in den Etablissements wird ja heutzutage oft nur die Flasche gereicht. Nun ja. Ich möchte Sie ja auch nicht mit Unnützem belasten. Herr Tapp ist ja ein grandioser Name für so eine kleine Persönlichkeit. Nicht lange und er wird Herr Dr. Tapp genannt werden wollen müssen dürfen.
Hüte sind ganz groß in Mode, ja, und Paul Smith trägt sie ja konsequent auf der Bühne. Sehr, sehr schick. Magician’s Hats sind ja etwas Harry Potteresque, aber gewisse Altersklassen müssen da durch. Von David Bowie hatte ich noch keine Buchempfehlung entgegengenommen, nein, aber die Zwei-Kammer-Theorie ist wohl auch widerlegt. Vernetzung ist sicher. Aber das wussten Sie ja schon. So und nun: Zum Wohl! (Nur Sojaschokoladenmilch, aber mit Strohhalm) Ach, eins noch: Third verse same as first? Das kenn ich aus nem Violent Femmes Lied!?
Ich glaube nicht, daß man schneller betrunken wird, wenn man Bier mit dem Strohhalm trinkt. Das ist so ein urbaner Mythos, wie der, daß die Kartoffel, die Raimund Harmstorf zerquetschte, gekocht war. Natürlich war die NICHT gekocht, die war aus Stahl. Vielleicht trinken halt eher Mädchen Bier mit dem Strohhalm, und Mädchen werden schneller betrunken? Oder tun jedenfalls earlier beschwipst? Keine Ahnung. Der Film scheint sich zu Sherlock Holmes zu verhalten wie „From Hell“ zu Jack The Ripper. Haben Sie den hier mal gesehen?
Das ist doch schonmal gut, erstmal aus der Schußbahn der Flugameisen. Hoffe intensiv auf Ausziehwilligkeit obenrum. Ich lebe ja im Zauberberg-Lungensanatorium für Jakobiner. Dabei bin ich unter Umständen Royalist. Wie schon gesagt, es ergibt keinen Sinn, Watson.
Beim ersten Hören fand ich, die neue Marilyn Manson-Platte hat ihren Höhepunkt in der Mitte, Tracks 7 und 8. Auf „Running To The Edge Of The World“ singt er sich ja quasi das Herz raus. „I Want To Kill You Like They Do In The Movies“ fängt fast an wie ein Tool-Song. „And I’m a country you don’t ever ever ever ever ever wanna visit again“ und man wird hellhörig. Und mit „Cut. Cut. Cut. Cut. Cut. Cut.“ hat er einen. Dann wird klar, warum Twiggy zurückgekommen ist. Um das Drama zu strukturieren. Nach dreieinhalb Minuten hängt er eine Gitarre in die Endlosschleife wie damals David Bowie, als er sich für Iggy Pops „Dum Dum Boys“ die Finger blutig spielte, und dann geht der Song einfach immer weiter und weiter, und mindestens muß man feststellen, sowas noch nicht gehört von Manson. Derzeit sind meine Favoriten „Into The Fire“ mit diesem guitar-gently-weeps-Solo von Twiggy (Manson: „Twiggy blew me away, it made me cry“) und „15“. Und dann kamen die ersten Bilder von der Tour und man dachte: oha. Death Trip. Mittlerweile haben sie aber wohl in die Spur gefunden.
Haben Sie Placebo bei „Rock am Ring“ gesehen? Groß und schön. Und im Gegensatz zu diesen Typen, die nur unglaublich gutaussehend tun, à la Mando Diao, na Sie wissen schon. Molko hat sich ja in der Zwischenzeit in einem Hausboot auf der Seine eingerichtet. „Third verse same as first“ ist aus „Second Sight“. Die Violent Femmes sind immer irgendwie an mir vorbeigegangen. Also, die Band.
Stahlkartoffel? Klar, Mädchen werden ja schneller betrunken, da kommts her, danke für die Erhellung. Ich werde nur noch damit argumentieren. Erstens: Ich werde schneller betrunken, weil ich ein Mädchen bin und zweitens: Strohhalm rettet den Lippenstift, damit wenigstens betrunken im elegant chaos. Oder so. Ein Lungensanatorium wäre mir auch grad ganz gelegen, aber eins auf einem echten Berg, bitte. Royalist, ja, was sonst. Da hat man jedenfalls was zu gucken. Demokraten und Despoten sind meistens hässlich. Sinn, Mister Holmes, Sinn. Den such ich nur noch im Dunkeln. Hauptsache sinnlich, meinen Sie wohl, und doch geht es uns besser, wenn das Licht auf uns fällt. 100.000 Lux gegen fundamental states of mind. Als gestern mal wieder die Sonne aufging und bis heute abend durchschien, wurde mir doch wieder etwas wohler zu Gemüt. My goth, ich kenne weder Blow-Up noch From Hell. Placebo hab ich nur zusammengeschnitten gesehen, weiß was Sie meinen. Farin Urlaub setzt sich hier nach wie vor durch wie geschnitten Brot und ich hab nichts dagegen.
Hausboot auf der Seine hab ich auch gelesen, klingt aber bestimmt besser als es ist. Chocolat hab ich schließlich mehrfach gesehen und ich muß JEDESMAL heulen, wenn das Schiff in Flammen aufgeht und Anouk dort vermutet wird. Mando Diao – ach du Schreck. Schlimm auch die Killers. Danke für die MM Plattenkritik, werde darauf zurückkommen. Aha, dachte schon, dass third verse ne Redewendung sein muß. Violent Femmes vorbeigegangen (also die Band..)? :) Vielleicht wäre mir das zeitweise auch lieber gewesen. Aber wer würde dem Schmerz nicht entgehen wollen, wenn er ihn kommen sähe? Und doch war dieser Schmerz das Ende und der Anfang gleichzeitig von so vielem. Gordon Ganos Stimme so speziell, eines der besten Konzerte ever im Stadtpark. Apart from Partyhits hatten die Femmes unvergleichliche Momente. Ihre Platte Why Do Birds Sing? hab ich wohl das letzte Mal in den 90ern gehört, und doch sind Musik und Texte derart ins Hirn gebrannt, dass sie mich aufsuchen, als wären sie Körperteile oder innere Organe, die man, obwohl sie immer da sind, nur hin und wieder beachtet. Wenn sie weh tun meistens. First cut is the deepest. Wenn ich den noch mal finden könnte, der untrennbar zu dieser Musik gehört, wäre ich etwas weniger traurig insgesamt. Aber man trifft sich ja nur immer zweimal im Leben und das war schon. It’s all so long ago.
