
Kategorien
Japanese Whispers



Léo Malet überführte die hard-boiled-Tradition à la Hammett und Chandler ins Nachkriegs-Paris, in dem die Stöckelabsätze nur so klackern, und Nestor Burma, Malets main man, kommt in bester film noir-Tradition vor allem durch dieses Geräusch in seine Bredouillen. Malet trieb sich, bevor er Burma erfand, bei Anarchisten und Surrealisten herum, was sich in seinem Stil vor allem dann bemerkbar macht, wenn Burma mal wieder eins auf die Rübe bekommen hat und langsam wieder zu sich kommt. Jeder Fall spielt in einem anderen Pariser Arrondissement, und die deutschen Taschenbuchausgaben der „Neuen Geheimnisse von Paris“ (der Burma-Zyklus) enthalten „Nachgänge“, die im heutigen Paris Spurensuche betreiben. Wer Paris liebt, wird bei Malet viel von dem finden, was er an Paris liebt. Melancholisch, sarkastisch, sehr charmant, nicht gerade Weltliteratur, aber ideal für den Zug nach Paris. Die Legende sagt, daß die Schreibmaschine, auf der Malet tippte, früher Trotzkis Sekretär gehört hat.
[Moi, SPIEGEL ONLINE Forum, 18.08.2006]
Aus Malets Autobiographie:
„Leute, die meine Bücher gern lesen, und Kritiker sagen, daß meine Krimis eine besondere ‚Atmosphäre‘ hätten. Ein wenig wie bei Simenon, obwohl es nicht dasselbe ist – die ganze Simenon-Palette mit dem mit feinen Strichen gezeichneten Dekor. Simenon hat den Nebel für sich beansprucht, seine Bewunderer sagen fast, daß er ihm gehöre. Rühren Sie den Nebel nicht an! Simenon hat dieses Dekor an sich gerissen und spricht mit der ihm eigenen Sensibilität darüber. Ich habe dasselbe gemacht. Meine Sensibilität ist vielleicht nicht dieselbe. Simenon hat den Nebel nicht erfunden, ich habe Paris nicht erfunden.“
Aber Malet sagt, er schrieb nicht mehr, als er merkte, daß Beton ihn nicht inspiriert. Im Grunde ein durch „die Fassade, hinter der sich etwas verbirgt“ angeregter Autor, der verstummte, als er auch die hinter Beton agierenden Zeitgenossen nicht mehr zu verstehen glaubte. Und natürlich durch und durch Fetischist, zweites Movens seiner Inspiration.
[Moi, SPIEGEL ONLINE Forum, 23.05.2008]

Zitate aus: Léo Malet, Stoff für viele Leben. Autobiographie, Edition Nautilus Verlag, Hamburg 1990
Von meiner Mutter bleibt mir nur eine einzige Erinnerung, welche die Psychoanalytiker sicher interessieren wird. Es war kurz vor ihrem Tod, sie war erst 21. Der Arzt hatte ihr eben eine Spritze gegeben und schloß seinen Koffer. Ich kam ins Zimmer. Es saßen ein paar Leute da, sie sagten nichts und nickten mit dem Kopf, wie in einem Alptraum. Meine Mutter lag auf dem Bauch, ihr Hintern war nackt und auf der weißen Rundung perlte ein Blutstropfen. Dieses Bild ist mir geblieben. An meinen Vater kann ich mich überhaupt nicht erinnern.
Vom Katechismusunterricht bleibt mir eine genaue und ziemlich seltsame Erinnerung: Der Priester erzählte uns die Geschichte einer Dame, die gewisse kleine Sünden beichtete. Jedesmal, wenn sie eine Sünde zugab, kroch eine kleine Schlange aus ihrem Mund, fiel auf den Boden und wand sich. Plötzlich aber erschien zwischen den Lippen der Beichtenden der Kopf einer Riesenschlange: eine große Sünde, die sie zu beichten anfing. Sie wollte aber mit ihrem Bekenntnis nicht ganz heraus und schluckte die Schlange wieder. Sofort stürzten sich die kleinen Schlangen, die neben den Füßen des Beichtvaters lagen, auf die Frau und hopp! verschwanden sie wieder im Körper der Sünderin. Ich konnte mir die Szene sehr plastisch vorstellen. Es war fast wie eine Collage von Max Ernst. Die ganze Geschichte hatte eine erotische Seite. Das Bild einer Schlange, die aus dem Mund einer Frau kommt, ist verdächtig; es müßte vielleicht einmal analysiert werden.
In meinen Büchern töten sich alle gegenseitig, ich kann aber keinem Zwerg etwas antun.
Ich bin immer schon gern zu Fuß gegangen und in Paris war das etwas Besonderes. Man sah erstaunliche Dinge. Zum Beispiel einen Epilepsieanfall auf dem Boulevard Sébastopol um 2 Uhr morgens, Leute, die von irgendwoher kamen und gafften, Nutten, kleine Gauner und ein Kranker, den es immer stärker schüttelte, der stöhnte und sabberte. Wie Zabel in „Hafen im Nebel“ sagt: „Man sieht seltsame Dinge zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens“. Ich wurde auch Zeuge von Razzien im Montmartre, wo die Polizisten auf ihren Fahrrädern aus allen Straßen auf den Place Pigalle kamen und die Leute vor sich herstießen. Oder in Barbès, wo die Mädchen mit hochgezogenen Röcken davonliefen, verfolgt von der Sitte und Polizisten in Uniform.
Auch in meinem Zusammenhang hat man von anarchistischem Puritanismus gesprochen. Man irrt sich, muß ich leider sagen. Ich bin kein Puritaner, ich finde nur, daß es Sachen gibt, die man nur zu zweit gut machen kann, nicht zu dritt oder zu viert.
„Er ist tot, der große Ameisenbär, der große schwarze Stern, die Sonnenblume, der Himmelsstürmer, der große Lichtträger, die große Fackel; leuchtend wie eine verirrte Haarsträhne einer verliebten Frau, die große Fackel dieser Jahrhundertwende mit ihren Gewitterstürmen des Denkens. Er ist in Fantomas‘ Spital, Lariboisière, gestorben, wo Philippe Daudet am Samstag, dem 24. November 1923, gegen halb fünf Uhr nachmittags, sterbend in einem Taxi aufgefunden, eingeliefert worden war … Man kann noch lange behaupten, die Revolution sei nicht das Werk des einzelnen, ohne bestimmte Menschen aber gibt es keine Revolution. Schlaft in Frieden, liebe Leute, feiert die 70 Jahre von Elsa, hört dem monotonen Aragon zu, schaut fern, die große Sonnenblume liegt in ihrem Sarg. Von nun an ist alles erlaubt.“
Ich schrieb diesen Nachruf, nachdem ich vom Begräbnis André Bretons 1966 nach Hause kam.
Man könnte doch ausgefallene Szenarien aus der französischen Geschichte schreiben. Schon allein die Königin Margot wäre eine wahre Fundgrube. Sie war eines Tages mit ihrem Liebhaber im Bett, als ihr Bruder, Heinrich III. von Navarra, ins Zimmer stürzte und den Liebhaber mit Hilfe eines Dolchs aus ihr herauszog. Der bedauernswerte Mann verlor sein Blut gleichzeitig mit seinem Sperma.
[Über seinen Roman „Das Leben ist zum Kotzen“]:
Mit Hilfe von Träumen und persönlichen Erinnerungen, mit vielleicht verfehlten Interpretationen des Verhaltens großer Krimineller habe ich versucht, einen gewaltigen und brutalen Schrei nach Liebe auszustoßen, denn dieses Buch ist letztlich ein Roman über Liebe und Leidenschaft, eine verzweifelte Suche nach dem affektiven Absoluten, zwischen den Zeilen steht das allmächtige Bild der Frau, die wie eine Kaiserin, Haare und Augen leuchtend vom tödlichen Widerschein des Goldes, ihre mörderisch hohen Absätze in die Brust ihres Opfers bohrt. Aus diesem Grund wäre es mir unangenehm, wenn man diesen Roman wegen bestimmter heikler Passagen mit der jetzt so beliebten Supermarkt-Erotik verwechseln würde. „Das Leben ist zum Kotzen“ ist etwas anderes.
Ich habe „archäologische“ Romane geschrieben. Wissen Sie, wie das ist, wenn Ihnen jemand sagt, daß es eine Straße, die Sie kannten, nicht mehr gibt?
Überall, oder fast überall, stehen nun diese Scheißhaufen aus Stahl, Glas und Beton. Blinde Fenster, die nie geöffnet werden, hinter denen man nur mit Mühe lebendige Wesen vermutet.
Von der Mitte der Grenelle-Brücke, die abgerissen und den Normen des Autoverkehrs angepaßt wiederaufgebaut wurde, etwa in der Nähe des Ortes, an dem Lady Betham, die Mätresse von Fantômas, in der Nacht den verhängnisvollen Fiaker anhalten ließ, sehe ich diese neuen Tempel des Jahres 2000. Ich weine nicht über das Verschwinden der Citroën-Fabrik, aber ich muß an dieses ganze Netz von verschwundenen kleinen Straßen denken, an dieses mythische Labyrinth des Volksromans, wo Theseus schließlich dem Minotaurus begegnete, der ihn mit dem ganzen Viertel zugleich auffraß.
Für ein Buch von 200 Seiten benötigte ich mindestens 800 maschinengeschriebene Seiten. Ich feilte immer aus, war nie zufrieden. Wegen eines durchgestrichenen Wortes schrieb ich die ganze Seite nochmal. Ich habe später erfahren, daß Dashiell Hammett dieselbe Manie hatte.
Ich weiß nicht warum, aber wenn ich ans Wort „Ende“ kam, war es immer fünf Uhr morgens.

Postcript: Kommentarsektion Antirationalistischer Block
29.05.2015
ray05:
Besorg‘ ich mir! :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Vergaß zu sagen, irgendwo schreibt er noch, jeder Franzose sei Fetischist. :)
ray05:
Wir anderen jetzt nicht, oder was? :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Ich glaube, er meint, wir sind alle Franzosen. Und das Schöne ist, die Französinnen auch. :)


Foto © Christian Erdmann

„La Bayadère“ gilt als „heiliges Ballett“. Die Choreographie ist von Marius Petipa, die Musik von Léon Minkus. Die Ovationen nach der Uraufführung des Balletts am 23. Januar / 4. Februar 1877 in St. Petersburg sollen über eine halbe Stunde gedauert haben. Im Mittelpunkt der Handlung, die im alten Indien spielt, steht die tragische Geschichte der unmöglichen Liebe zwischen der Bayadère (Tempeltänzerin) Nikiya und dem edlen Krieger Solor. Das Ballett hatte ursprünglich vier Akte, mittlerweile endet es nach dem dritten Akt, dem „Königreich der Schatten“.
Ausserhalb Russlands war „La Bayadère“ lange nahezu unbekannt; das Kirov-Ballett aus Leningrad – mit Rudolf Nurejew – tanzte den Schattenakt 1961 in Paris, doch erst 1980 brachte Natalia Makarova mit dem American Ballet Theatre das Ballett in voller Länge auf eine westliche Bühne. „La Bayadère“ war auch das letzte Ballett, das Rudolf Nurejew als Choreograph in Paris inszenierte, die Premiere im Palais Garnier war am 8.10.1992.
„La Bayadère was also the final task in a life totally devoted to the dance: Rudolf Nureyev – in spite of his illness – worked on staging this ballet and attended rehearsals until the opening night on October 8th 1992 at the Palais Garnier.
After the curtain calls congratulating the soloists, the corps de ballet and the conductor, the curtain rose once again. This time, Rudolf Nureyev was there, dressed up, with a red scarf over his shoulder, taking his bow between Isabelle Guérin and Laurent Hilaire, with Elisabeth Platel at his side. The public fell silent for a moment, hesitant when faced with this brave and illustrious man, thin but standing proud, defying his illness. The audience rose as one and burst into applause.
They understood that they were seeing him for the last time. A triumph riddled with emotion that paid homage, not only to a handsome performance, but also to the fate of a man who « went around and came around »… he had performed on this very same stage at the Palais Garnier in the « Shades » scene of La Bayadère and he was now leaving us with his own production of La Bayadère in three acts, as if it were his last will and testament left to the Paris Opera Ballet.“ [nureyev.org]
Nikiya stirbt im 2. Akt, von einem Schlangenbiss ermordet, in Solors Armen. Von Nikiyas Tod überwältigt, betäubt sich Solor mit Opium: dies führt uns in das „Königreich der Schatten“, eine Vision des Jenseits, in dem Solor die Geliebte wiederfindet. Dieser 3. Akt beginnt mit einem der berühmtesten und schönsten Auftritte des klassischen Balletts, als sich die Prozession von 32 Tänzerinnen in tranceartig wiederholten Arabesque penchées auf die Bühne ergießt: tiefe Verbeugungen, bei denen ein Arm zu seiner maximalen Länge ausgestreckt wird, während das entgegengesetzte Bein weit und hoch nach hinten gestreckt wird. Für die Tänzerinnen eine höllische Anstrengung, für uns von heiliger Schönheit. Und falls ich noch in einer Opiumhöhle lande, this is the dream I want to see.
Solor, inconsolable, seeks refuge in his dreams. In his delirium, he sees ghostly figures, looming in the darkness. Among them is Nikiya. Solor loses contact with reality and follows his beloved in the Kingdom of Shadows…
Der 3. Akt von „La Bayadère“ mit dem Bolschoi-Ballett, Moskau, Olga Smirnova als Nikiya, Artemy Belyakov als Solor.
Über den wunderbaren Zauber der Liebe
Der Blitz schlägt ein, und das Universum sprüht Funken. So fühlt es sich an, als Aljoscha die geheimnisvolle Fremde zum ersten Mal sieht. Sie erscheint, er muss ihr folgen. Stumm betet er sie an und schafft in seiner Gedankenwelt eine seltsamen Regeln unterworfene Beziehung mit dem sphinxhaften Wesen. Es scheint, als könne der Zauber nur aus der Distanz heraus wirken. […] Aljoscha ist getrieben von dem Wunsch nach absoluter Liebe, nach totaler Verschmelzung, völliger Hingabe. Diesem fast schon religiösen Anspruch hält seine Liebe zu seiner Lebensgefährtin Leda im Alltag nicht stand, und so ist sie unausweichlich zum Niedergang verurteilt, während andernorts der Zauber neu aufblitzt.
Christian Erdmanns Debütroman ist ein kluges und feinfühliges Buch über die Zerbrechlichkeit der Liebe. „Ich wollte etwas Wunderbares festhalten, was ich in ähnlicher Form selbst erfahren habe“, sagt Christian Erdmann, der wie sein Protagonist Philosophie studiert hat. Er nennt sich Westentaschen-Flaubert – in Verbundenheit mit dem Literaten, der ständig auf der Suche nach dem „mot juste“, dem einen passenden Wort war. Das ist Christian Erdmann auch. Seine Sprache ist mit Bedeutung aufgeladen, wirkt anfangs sperrig, entfaltet aber schnell eine Sogwirkung und wird zum Genuss an sich. Auch für Vito von Eichborn ist dieses Werk „literarisch das Beste, was ich in den letzten Jahren gelesen habe“. Und ganz nebenbei wächst einem Aljoscha ans Herz.
In Kopf und Seele des Protagonisten spult sich ein Szenario aus Gedanken und Erinnerungen ab – melancholisch, romantisch, dann wieder rasant und aufwühlend. Es geht um Abschied, Verwandlung und Neubeginn. Zwischenmenschliche Beziehungen sind deshalb so schwierig, weil sich bestimmte Phänomene des Gefühlslebens der Kommunikation entziehen. […] Bleibt letztlich jeder mit seiner Sehnsucht und seinen Wünschen allein? Eine Frage, die viele Menschen in der Moderne oder Postmoderne beschäftigt. „Die Welt ist nicht entzaubert“, sagt Erdmann. „Hinter den Fassaden des Auf- und Abgeklärten begegnen der Vernunft noch Ungeheuer und Zauberwesen. Der Zustand des Verliebtseins öffnet die Augen dafür. Und Liebe ist die höchste Form der Magie.“
BoD AKTUELL, Ausgabe 28, Sommer 2007
Based on: Telefon-Interview mit Sylvia Gräber, Journalistin, Rundfunkreporterin und Moderatorin u.a. für NDR und WDR.

[Artwork CE / AI]
[Geschrieben in die Kommentarsektion auf Antirationalistischer Block zum Artikel >Interview Literatur-Feder Magazin< im April / Mai 2012.]
Jörn Bünning:
„Zu dem, was uns als Antwort vorgelegt wird, keine neue Fragen finden, das ist der eigentliche Elfenbeinturm.“
Dabei stellt sich mir zuweilen die Frage, ob wir angesichts der Fülle gegenwärtiger Antworten bereits übersättigt in die Tiefkühlhallen des Geistes geraten sind.
Das „Aufladen mit Bedeutungen“ ist unseres Geistes liebste Passion, magisches Denken, sein stärkstes Mittel gegen Sinnverlust. Um die Magie des Rationalen zu entwickeln, bedarf es feiner Künstlerhände. Die Kindheit, als eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat, feiert ihre Auferstehung in der Liebe. Allein sie hat Bedeutung. Kein Wunder also, dass Aljoscha nicht daran vorbei kommt.
Christian Erdmann:
Thanks JB, in Heinrich Manns „Professor Unrat“ gibt es irgendwo den Satz: Wissenschaft und Kunst kommen allemal aus demselben Käsegeschäft. Tun sie nämlich. :) Geschichtenerzähler at work, nur daß Wissenschaftler leugnen, daß sie storyteller sind, selbst wenn sie wissen, daß, sagen wir, auch die Physik bestenfalls einen minimalen Ausschnitt erklärt, und immer noch nur so, wie eben für Menschen die Physik etwas erklären kann. Der Mann, der auf dem Weg zu einer Lesung aus seinem Buch „Es gibt keinen Weg, nur Gehen“ von einem Auto überfahren wurde, meinte mal, Wissenschaftler gebrauchen das Wort „wissenschaftlich“ exakt so wie afrikanische Medizinmänner einen Fetisch.
Mit jeder neuen Antwort 10 neue Fragen = wir werden immer dümmer, je mehr wir wissen. Wir werden natürlich auch immer dümmer, indem wir immer dümmer werden, klar. :) Wenn man z.B. dummerweise beim Zappen den Auftritt einer Gesangscombo namens Wise Guys auf dem Kirchentag gesehen hat, wird einem schlagartig klar: dies ist die flachköpfigste, gedankenloseste, idiotischste, albernste Phase des Christentums ever. Und ich denke mir, das muß ein Christ genauso sehen wie der Antichrist, aber warum sieht das niemand außer mir? :)
Bei mir überwiegen also eindeutig noch die Fragen, in einer Welt, in der Unerschrockene wie Du in Lyrikthreads an die Hüter der „sprachlichen Richtigkeit“ Sätze richten müssen wie: Poesie unterliegt nicht den üblichen semantischen Grenzen des Sprachgebrauches. Ich hätte mich, wäre ich noch da, mit einem geröchelten „Nichts lärmt hier so dissonant wie Ihre Scheinbescheidenheit!“ selbst entleibt.
And love? Will tear us apart, again.
Jörn Bünning:
Love? Will tear us apart to bring us together. :)
Wie wir das menschliche Streben in Wollen und Können unterscheiden, so lässt sich wohl auch die Dummheit von der Unwissenheit trennen; letztere ist unserem Unvermögen geschuldet, nicht aber unserem Unwillen.
Bleiben wir zwar stets im selben Käseladen, so versucht sich die Wissenschaft in einer systematischen Erweiterung der Unwissenheit; was ohne Kreativität so unmöglich ist wie die Schriftstellerei oder jede andere künstlerische Betätigung. Letztlich geht es nie ohne Kreativität, was nur von Menschen geleugnet wird, die sich zeitlebens nicht von den Bürgersteigen herunter getraut haben.
Aber es gibt, wie Du längst weißt, Leben jenseits der Bordsteinkanten und Du kannst stolz auf Dich sein, wenn Deine Neugier die Angst besiegen konnte. Allerdings wirst Du auch nach vielen gescheiterten Mühen feststellen müssen, dass Du selbst die Opfergabe auf dem Altar Deiner Werke bist.
„Hochwürden, ich habe meinen Glauben verloren.“
„Das ist keine Schande mein Sohn – auch ich habe lange mit mir gerungen, bis ich zu Gott gefunden habe.“
„Gott? Ich rede von den Menschen.“
Paganini’s:
Aber „gescheiterte Mühen“ sind auch eine Frage der Definition. Und Hingabe ist kein Synonym für Selbst-Opferung. Manchmal ganz im Gegenteil!
Christian Erdmann:
Ich will jetzt nicht nochmal Zizek bemühen, der mal sagte, daß jeder Erfolg im Grunde aus einem Scheitern entsteht. Will mich auch nicht daran erinnern, daß ein guter Freund einmal vor einer kleinen Gallerie von Porträts in meinem Zimmer – unter ihnen Rimbaud – bemerkte, eigentlich hätte ich da Bilder von Gescheiterten an der Wand. Ich bin immun gegen die Behauptung, daß Rimbaud oder Lautréamont, der mit 24 verhungert ist, „Gescheiterte“ sind, jede Zeile von ihnen ist der Gegenbeweis.
Gewiß kann man fragen, was konnten sie sich dafür kaufen, warum diese Opferung auf dem Altar ihrer Werke? Kann nur sagen, was die Dame sagt: diese Art von Hingabe ist keine Selbst-Opferung, sie ist Selbst-Schöpfung.
Fand übrigens erschütternd, wie zuletzt in der Debatte ums Urheberrecht auf SPON erneut eine beträchtliche Reihe von (insert nietzscheanischen Unterton here) Deutschen die Gelegenheit ergriff, künstlerisches Schaffen überhaupt zu diskreditieren, Hintergedanke jetzt offenbar: wozu überhaupt groß Geld ausgeben dafür. Eine Gegenstimme: „Ist schon seltsam, wir sind nicht systemrelevant – aber alle Welt will unseren Mist für lau oder ganz umsonst?“ Ja, seltsam. Eine zweite Gegenstimme: „Die künstlerische Leistung soll allgemein klein geredet werden, damit man die Enteignung der Kreativen besser vor sich und anderen rechtfertigen kann. Denn klar ist, was nichts wert ist, das soll auch nichts kosten und das muss man auch nicht schützen.“
Natürlich gibt es Unmengen von Schrott, der wertlos und zynisch (zynisch unter dem Aspekt: wie und warum produziert) langsam auch den Willen zu lähmen scheint, dem Großartigen auf den Fersen zu bleiben. Das immer noch zuhauf existiert und immer noch genau so entsteht, wie es immer entstanden ist. Nick Cave 1990, nachdem „And The Ass Saw The Angel“ erschienen war: wenn man ein Buch geschrieben hat, ändert sich alles. „Man weiß dann nämlich, wie alleine man sein muß, wenn man es schreibt, wieviel Konzentration man aufbringen muß, und welche Massen an Vertrauen in und Überzeugung von sich man haben, welche harte Arbeit man bewältigen muß. Und all das zu wissen, bevor man anfängt, macht es wirklich schwierig, ein zweites zu beginnen. Es ist kein einfacher Job.“
Was wissen wir schon von den Glücksmomenten eines Trakl. Trakl hauste, wie Walter Muschg sagte, in auswegloser Verdammnis. Er ist ja beileibe nicht der einzige in jener Zeit, für den „Verfall“ ein Beherrschendes ist, aber er scheint es als seinen Auftrag, seine Mission empfunden zu haben, einzudringen in das Wesen des Verfalls, sich dem Verfall gleichzumachen.
Aber es gibt einen Brief von ihm an seine Schwester Minna (Mia), in dem es heißt:
„… Vorbei! Heute ist diese Vision der Wirklichkeit wieder in nichts versunken, ferne sind mir die Dinge, ferner noch ihre Stimme, und ich lausche, ganz beseeltes Ohr, wieder auf die Melodien, die in mir sind, und mein beschwingtes Auge träumt wieder seine Bilder, die schöner sind als alle Wirklichkeit! Ich bin bei mir, bin meine Welt! Meine ganze schöne Welt, voll unendlichen Wohllauts.“
Das sind Beschreibungen von Glück.
Von einem Dichter, der unabdingbar zu sich, seinem Schicksal, seiner eigenen Ausdruckswelt findet.
Bob Dylan in „No Direction Home“: „Happy? Anybody can be happy. What’s the purpose of that?“
Jörn Bünning::
Aber so hatte ich es ja auch gemeint, meine Dame, mein Herr! Nicht als Warnung, vielmehr als Verheißung.
Selbstopferung bedeutet (mir) nicht Zer-Störung des Selbst zugunsten einer vor-gesetzten Aufgabe, sondern bedingungslose Opferung an (!) ein Selbst.
Happiness ist eine Eselsmöhre, als Künstler wirst Du den Stolz und den Schmerz kosten können.



Hafenklang, Goldener Salon, 14.08.2024. Weiteres Bildmaterial unmöglich aufgrund extensiver Exzessbejahung. Erika Switchblade (Toraldo), Gianni Blacula (Vessella). You either love them or you’re wrong.
12. August 2021, wir machten mit dem Fahrrad eine Pilgertour zum Grab von Raimund Harmstorf – Kapitän Wolf Larsen in „Der Seewolf“, wohl der legendärste der ZDF-Abenteuer-Vierteiler, mit denen ich aufgewachsen bin. Die Grabstätte von Raimund Harmstorf befindet sich auf dem Friedhof von Bad Oldesloe.
Am Abend vorher hatte ich meine erste Ausgabe von Jack Londons Roman aus einem Karton gezogen, ein ausgedientes Exemplar, das ich geschenkt bekommen hatte bei einer der Reisen in den Osten, die meine Maman mit mir fast jeden Sommer unternahm. Verlag Neues Leben Berlin 1968, 2. Auflage 1970. Übersetzerin war Christine Hoeppener. Ich las noch einmal die ersten Zeilen:
„Ich weiß kaum, wo beginnen, wenn ich auch mitunter im Scherz die Ursache all dessen auf das Konto von Charley Furuseth schreibe. Er besaß ein Sommerhäuschen in Mill Valley, im Schatten des Mount Tamalpais, und bewohnte es nie, außer wenn er die Wintermonate vertrödelte und Nietzsche und Schopenhauer las, um sein Gehirn auszuruhen.“
[Another case of synchronicity – in Mill Valley war soeben die Sängerin Rykarda Parasol zur Post gegangen, um mir zwei ihrer CDs zu schicken. Ich hatte seit Juni Kontakt zu ihr. Wie Charley Furuseth lebt sie zeitweilig in Mill Valley. Unglaublich.]
In dieses Exemplar also schrieb ich ein paar Worte, mit der Absicht, es beim Grab zu lassen. Manchmal muß man Dinge tun, auch wenn sie absurd sind.
Es dauerte eine Weile, bis wir die Grabstätte fanden. Und dann war es verdammt berührend, dort zu stehen. Ich las ein paar Passagen aus dem Buch vor. And left it there. Full circle. Wie Jeordie White im Hour of Goon-Podcast zu sagen pflegte: „Great man. Beautiful man.“







„BLUTIGER FREITAG ist einer der selteneren Spezies deutscher Filme, der sich seiner blutverschmierten Seele und politischen Unkorrektheit bewusst ist und nicht schämt, sie darüber hinaus als essentiell betrachtet, um an das anvisierte Ziel und ein bisschen weiter zu kommen.“ (italo-cinema.de)
Update 08/2024 – so lovely to see: mein „Seewolf“-Exemplar durfte noch für einige Zeit beim Grab verweilen und erschien sogar in einer Fotoausstellung. Die Fotografin Sonja Broschinsky hat dieses wunderschöne Bild gemacht:

„Erst beim zweiten oder dritten Blick erkennt man auf einem Bild den übergroßen Ausschnitt eines Buches und eines Engelsflügels. Broschinsky hat beides ziemlich versteckt am Rande des Grabes von Raimund Harmstorf entdeckt.
Der bekannte Schauspieler, der auf dem Oldesloer Friedhof seine letzte Ruhe fand, hat immer noch viele Fans. Einer von ihnen muss wohl das Buch ‚Der Seewolf‘ von Jack London hier abgelegt haben, darauf sitzt ein kleiner Engel. Raimund Harmstorfs bekannteste Rolle war die des Kapitäns Wolf Larsen in der Verfilmung.“
Muss wohl. :) Aus:
Oldesloer Friedhof in Schwarz-Weiß
Schwarz-Weiß-Bilder bieten besonderen Blick auf Oldesloer Friedhof
„Heyday“ war ein ironisch gemeinter Albumtitel, Reaktion auf das Verdikt, das die Band nach „Remote Luxury“ traf: „Aw, they’re past their heyday.“ „Remote Luxury“ hatte zwei EPs aus dem Jahr 1984 zu einem für Church-Maßstäbe lediglich guten Album kompiliert, eine US-Tour endete finanziell im Minus, „The band was just drifting along in a sea of apathy“ (Kilbey). „Heyday“ war dann – genau das. Absolute Sternstunde, damals und für immer; Gold wert für Aljoscha in Rembrandtsommer und Poussinwinter.
„We’re still here, we’ve got the same ideals as when we started out, and we’re still aware there’s a special chemistry at work.“ (Marty Willson-Piper, 1986)

Marty Willson-Piper, „Heyday“ Liner Notes 2010:
„But, there was always some kind of built-in anti-success gene playing down our commercial side. We were notoriously difficult in interviews and Steve was cagey when it came to defining what The Church was actually about. (…) A magician is never asked how he does his trick.
I fell out with Steve one afternoon on tour in Hamburg and took the train back to Stockholm without playing the gig. [Am 10. Juli 1986. Willson-Piper war nach einer Woche wieder zurück in der Band].
‚Tantalized‘ was the second single. This song came out of a jam Peter and I had at the rehearsal studio when Richard and Steve were out of the room. Peter was behind the drum kit and I was slashing at chords like a mad person on my Rickenbacker 12 string then cruising into a frantic rhythm in the B-section before returning to the pattern that would be the verse. When the others came back we had this monster in there with us.“
God I’ve been asleep so long, I’ve been away
Back from software limbo the natives call today
I let their promises bind me
I let seductive logic blind me
I embraced a machine, went through the routine
I hid from the people who were trying to find me
Till the day comes when you realize
Otherwise you never care
Pandora’s box reveals a new surprise
Can’t wait to see your eyes, now you’ve been tantalized
For a hundred and one voluptuous days I broke the law
The labyrinth was closing so we panicked up a door
I let their wanton flesh obsess me
I felt their dreams and drugs assess me
I was hired and fired yet never inspired
Flattering, chattering words to impress me
All that glittered had me mesmerized
Otherwise I would have dared
Guess the nature of our enterprise
Can’t stop to sympathize, now you’ve been tantalized
I turned up in some harsh doomed city on another plane
I couldn’t believe the room I got or the guests I entertained
I felt the dirty streets surround me
I let the buzzing swarm confound me
I gave money to ghosts, I insulted my hosts
I could never get off the stuff that spellbound me
„The drums are so thick and natural on Heyday that they almost sound like they were recorded in a fairy tale forest. (…) For my part, the songs were wonderful opportunities for lots of electric 12 string guitar parts. Moreover, the interaction between the other stringed instruments, Peter’s guitar parts and Steve’s bass were nothing short of magical. Peter Walsh obviously understood the dynamic of the guitars, and the rich tones on Heyday showcased the intricate webs we weaved.“ (MWP, 2010)
Seaside town in winter, I’m trying to write my book
She’s broken down, it’s raining, I said I’d have a look
Uncurling human tragedy
Appropriately a mystery
She tells my story back to me
She said I’ll live this chapter till eternity
I let her go into the night
Night of light, satellite
Quite a sight to see
Oh oh what an ending baby, promise you’ll remember me
I’m not pretending baby, your sweet and wicked treachery
Water all my orchids, save my dynasty
I said I’m never, never coming back again
Never coming back again
“ … Heyday glows constant with startling colour and confidence“, schreibt Steven Cadbury [RAM, Australia, 02/1986]. Und Michael Morris [Juke, Australia, 01/1986]: „True, the inspired guitarwork and interplay with bass/drums provides a genuine excitement. But what draws the listener back time and time again is the yearning and vulnerable quality in the vocals, in such haunting tracks as ‚Myrrh‘ or ‚Tantalized‘. By definition, it’s spiritual music in the very best sense: it doesn’t always make sense except in the heart, which won’t ignore it. There might be a touch of confusion and venom in some of the lines, but it’s wit and charm strike beyond.“
„We’re interrupted by the telephone / You didn’t think they were invented then.“ Das Telefon klingelt in einer Zeit, in der es noch nicht erfunden ist: exemplarisch dafür, wie sich in Kilbeys Texten immer wieder Welten überlagern und durchdringen.
Aljoscha-Zeit: Spätsommer, zurück aus Florenz, „How can you be so invisible / Give me the nerves to see“.
Trotz begeisterter Reviews verkaufen sich die „Heyday“-Singles in Australien nur mäßig. EMI läßt The Church fallen. In den USA sind die Verkaufszahlen besser, und die Band beschließt, ihr nächstes Album dort aufzunehmen. Das US-Label Arista nimmt The Church für vier Alben unter Vertrag. Die Aufnahmesessions mit den Produzenten Waddy Wachtel und Greg Ladanyi geraten allerdings zur echten Herausforderung. Kilbey im neuen Jahrtausend über „Starfish“: „The biggie. The behemoth. The one to beat. Done with the geezers in LA. That’s called juxtaposition you guys. What a set of songs they had to work with though. We toughen up and lose some of the prettiness around the edges.“
Marty Willson-Piper, „Starfish“ Liner Notes, 2010:
„It was two worlds colliding – the West Coast scene’s obsession with perfection and smoothness and The Church’s predilection for jamming and psychedelia. We soon felt like the project was chained to a post, there was no chaos, nothing psychedelic and certainly no jamming. Richard in particular struggled to adhere to their strictness and when I listen to this record he sounds cautious.
We rehearsed the songs until they were perfect, like a gang of bank robbers going through the plan over and over again till there was no room for error.“
Steve Kilbey, 1988:
„Inspiration by its very definition means that you are unable to trace the source, I would have thought. It’s a bit like saying ‚what does something invisible look like?‘ Do you know what I mean? If it’s inspiration, you don’t know where it comes from.“
„I’ve just got this feeling that there is more going on than meets the eye. I think that song lyrics or ‚pop‘ songs should address these things more than they do.“
Marty Willson-Piper:
„The first track on the album was the cryptic, twisting ‚Destination‘, a good example of how far we had come in terms of writing as a band and the development of our sound. (…) The song takes you on a journey without moving, heading for a place you may not even be sure exists. (…) Arista released this song as a single. The light and shade of the arrangement, the builds from the verse into strident instrumental sections, the volume swells in the quiet choruses – great mood, great words, great guitars, great melody, great songwriting, bad single.“
Jemand auf YT: „Marty Willson-Piper’s guitar so transports this song into wondrous otherworldly places.“ Alle Gitarren, actually.
Our instruments have no way of measuring this feeling
Can never cut below the floor or penetrate the ceiling
In the space between our houses some bones have been discovered
But our procession lurches on as if we have recovered
Draconian winter, unforetold
One solar day, suddenly you’re old
Your little envelope just makes me feel cold
Makes destination start to unfold
Live im italienischen TV 1988. Kommentare:
My God this is one of the most intense performances. The guitar work by both Koppes and Wilson-Piper is just mind-bending! Emotive, powerful, timeless. I feel so grateful to have had The Church with me throughout my life. I would be a lesser man without their music.
Of all the Church stuff on YouTube, this probably comes the closest to capturing the magic of the guitar interplay of Peter and Marty.
Always such a mysterious band with mysterious songs – like this great one.
So raw and yet so dialed in. MWP and Peter are just so in sync here… Such a special band.
The Church = best damn guitars in the business. No one else even comes close.
Marty Willson-Piper 2010 über „Under The Milky Way“:
„My parts on the song were the 12 string acoustics. There are actually two rhythms played on different parts of the neck, one using a capo on the 5th fret, the other without a capo. The blend of the two make it hard to pick out the individual parts but the easy strum and evocative chord sequence introduce Steve’s naked yearning vocal perfectly.
Notice the second note on the bass – this is a powerful musical moment and helps contribute an unusual musical richness (…) Peter’s beautiful ethereal Wah-Wah electric guitar sends sparkling waves through the fragile shell of the song. A journey into something deeply philosophical ensues. There’s something about ‚Under The Milky Way‘ that takes you to another place, some timeless deep humanity that connects you to the stars, something that perfectly encapsulates you in the universe at peace in the great unknown, something that makes you close your eyes. We have lost count of how many times it has been covered. It’s a song that has its own life. It’s bigger than the band, a song that people who don’t even know the band, know.
We had no idea at the time of how this song would single-handedly write us into the history books and send us into the American singles charts.“
„Meanwhile, we were still struggling conceptually with the stiffness of the other songs. […] Interestingly we hadn’t really been willing or able to confront the issue of tempo within the band. Waddy came down on us like a ton of bricks about this and Richard was under constant attack. All this would lead to serious problems on the next album Gold Afternoon Fix that would change the shape of the band forever.
‚Reptile‘ was the highlight of Side Two and one of the most memorable tracks on the album. I wrote the riff in a rehearsal room somewhere in Sydney; it just fell out of my guitar like a diamond. Sometimes it just happens like that, but a riff is only as great as the song that follows it. It wasn’t just the lyrics and melody that made ‚Reptile‘ one of the great Church songs; everyone contributed their own crucial part. Sometimes a song can be mainly one person’s idea augmented by everyone else. Other times a song really is the sum of the parts working magically together. This was the case with ‚Reptile‘. Peter’s soaring guitar line, Richard’s intense hi-hat rhythm and Steve’s melodic bass line, acerbic lyrics and perfect melody brought this song to life.“
„Starfish“ erscheint im Februar 1988, und noch immer höre ich die Platte am liebsten aus kalter Winterluft kommend. Das Album katapultiert die Band auf eine neunmonatige Welttournee, Arista erhöht den Druck, man erwartet einen ähnlich erfolgreichen Nachfolger. Die Band hofft, mit John Paul Jones arbeiten zu können, die Idee wird jedoch abgelehnt, und so findet sich The Church Ende 1989 erneut in Los Angeles ein, um sich ein weiteres Mal in die kompetenten, aber kalten Hände von Waddy Wachtel zu begeben. Die Sessions dieser erzwungenen Liaison sind noch angespannter als die Aufnahmen für „Starfish“, und für Schlagzeuger Richard Ploog bedeutet dies das Ende der Reise.
Marty Willson-Piper, Liner Notes für „Gold Afternoon Fix“ 2011:
„By the end of the sessions Richard Ploog had only played on four songs and the absurd idea that a drum machine would compensate for Richard’s absence had been accepted. Consequently it was the most disappointing record the band ever made in terms of sound. (…) When I talk to people now I realise that a lot of the fans really did like it but unbeknown to them the problems were manifold. Richard had seemed to lose interest in the band, but it wasn’t just the music that was the issue. His relationship with Steve was fraught and he was on another life path […] Richard seemed to have forgotten he was the band’s drummer and with little encouragement from the production team he seemed resigned to the fact that he was not needed. […] Richard just did not have the discipline to carry on after the first few days‘ sessions. Waddy had eroded his confidence with his ferocity towards tempo, steady backing tracks and simplicity, showing less concern for excitement and spontaneous improvisation.
So Richard was sidelined. What happened next was perhaps the most stupid musical decision ever made on behalf of The Church. To overcome the problem of Richard playing the songs too fast, we were persuaded to use a drum machine.
But after we lost Richard we were sucked into the big machine, where we lost ourselves in glamorous photo sessions and expensive videos with faceless directors and a cast of thousands. Hollywood infiltrated our ranks. Our road crew was so large that we didn’t know all their names. Everything started to go wrong for us and culminated in two members leaving, waning sales, heavy drug addiction and no record deal.“
„Gold Afternoon Fix“ beginnt ominös mit „Pharaoh“, bleibt auf großartige Weise mysteriös und auf mysteriöse Weise großartig. Die Attraktion liegt gerade darin, wie die Band auch in einer Diktatur (Wachtel) ihrem eigenen Stern folgt. So klingt es, wenn The Church „Pop“ produzieren – futuristisch und doch zeitenschwer („a world passes by / with the sound of a young girl’s sigh“, „Transient“), metallisch kalt und doch romantisch, düster und doch zärtlich, melancholisch und doch strahlend schön wie Cinderellas Ankunft beim Ball. Vor allem aber viel zu weird, um jemals im Mainstream anzukommen. Kilbeys Zeitmaschine chromglänzend in der Asche stehend, grüne Schatten, ein ausgetrocknetes Meer, Traum von der Trapezkünstlerin in Metropolis. Mat Smith beschreibt im Melody Maker die Atmosphäre so:
„Gold Afternoon Fix is panoramic in its preoccupations – dreams and thunder, female universes – a sodium-toned Blade Runner landscape patented for their own backyard where the guitars no longer ring but brood, sounding an imaginary death knell for a worn out, silent planet.“
Und er spricht von „Steve Kilbey’s magnesium-eroded, despair-charred voice“. Magnesium-eroded. „And here, there’s lots of method in their madness, dear“, singt Kilbey in „City“, aber die Band infiltriert die Methodik der Produktionsbedingungen mit reichlich madness.
Willson-Piper 2011 über Kilbey: „Tethered, unable to break free to live out his stoner, sci-fi fantasy where elaborate and impossible worlds were inhabited by strange men and women and fantastic beasts that somehow spoke a language that we could all understand; a fantasy world that we could believe in. […] Which world should he be writing about – the world of reality or that of the imagination? The words seemed to jump back and forth between dimensions.
We had the songs, the imagination and the musical ability but no one seemed to quite know how to tap it, bottle it and sell it to the masses. Consequently we were doomed to be a cult band forever. A band you either loved or didn’t know. We were on the periphery of commercialism but equally too oblique to seduce the casual listener.“
Kilbey und Willson-Piper stehen später eher quer zu „Gold Afternoon Fix“, andere Bands würden an unheiligen Altären opfern, um nur einmal eine solche Platte zustandezubekommen.
„Terra Nova Cain, „with its lyrics that could be about alien seduction or just a kinky lover“ (The Morning Call, 1990).
She had unearthly eyes
She had a way of sifting through your mind
Like she’d done it to a million guys
She said, will you help with our research
I said, take me to your leader
She put her foot down on the oscillation pedal
She was a transdimensional speeder
Androidin / kinky lover in „her weightless bedroom“:
What is Russian Autumn Heart about?
„When I look at it, it’s probably a slightly anti materialism/pro aesthetic pursuit theme.When I was working in LA with Brix Smith, she was living in Sue Hoffs‘ brother’s guest house. His wife is Russian. She was reading one day in the back garden. She seemed incongruous in this warm sun-soaked Californian paradise setting. I made a comment to her about the book she was reading as I think it was something Russian that I’d read too.
She was so happy to discuss literature with somebody as she felt that people she had met never read ‚Great‘ novels where in Russia everybody with an education would gorge themselves on these works of art.“ – Marty Willson-Piper
„‚Fading Away‘ should have been great. It had a potentially captivating feel, the mood and the melody, a great chorus, some soaring guitar from Peter and me playing those three descending chords. Sonically unrealized again, there is magic in there somewhere but its hands are tied and it’s gagged and covered in polythene, kidnapped by the studio itself. The studio is a space ship and it’s the producer’s responsibility to navigate the stars and arrive at the right planet.“
Richtig aber falsch. Der Song ist alles, wovon Marty Willson-Piper glaubt, daß er es hätte sein können. „Fading Away“ ist my favourite auf „Gold Afternoon Fix“.
Don’t come to pieces in my hand
White stars reflecting dust and sand
That perfume makes me think of grief
Shake the faith, shake the belief
Who’s there to say that we’re living this moment
Feels like I’m in a play
The sets and the props of this, your apartment
Seem to be fading away, fading away
So I wander through these rooms
I feel the orbit of the moons
And I dream what I’ve become
And all’s forgotten by the sun
I understood before I knew
I realized I’d spend my life coming back to you
(„Laughing“)