„On the Road“ ist ein fabelhafter Roman oder Erlebnisbericht, das hat aber nicht mehr mit „Black Spring“ zu tun als z.B. Ovid. Da gehts um Autofahren und Amphetaminkonsum und Sex … bei Miller geht es um existenzielle Nöte und Überleben in einer Umgebung, die man nicht wirklich versteht, und Sex.
Christian Erdmann:
Aber wenn man den ganzen Kerouac nimmt, geht es bei ihm um existenzielle Nöte (Liebe / Frauen zähle ich bei ihm dazu) und Überleben in einer Umgebung, die man nicht wirklich versteht, und Zen. :) Seine sehr persönliche Art von Zen. Die eine Schrift, die er sorgfältig überarbeitet hat, ist die „Schrift der Goldenen Ewigkeit“.
Billy Corgan von den Smashing Pumpkins sagte mal: „I’m a Pisces, and Pisces have this weird inability to be completely spontaneous. We’re too conscious of our actions. I’ve always been way too sensible for my own good.“
Wie dem auch astrologisch sei, zufällig ist Kerouac auch Sternzeichen Fische, und für Kerouac trifft dies ganz gewiß zu – diese „seltsame Unfähigkeit, vollkommen spontan zu sein“, dieses „sich seiner selbst ständig allzusehr bewußt sein“. Roter Faden seines Lebens, wie er es beschreibt. Er ist der Beobachter. Auf seltsame Weise zugleich immer mittendrin und immer am Rand. Der Song „Some Weird Sin“ auf dem „Lust For Life“-Album von Iggy Pop könnte geradezu von Kerouac handeln:
I never got my license to live They won’t give it up So I stand on the world’s edge I’m trying to break in Oh I know it’s not for me And the sight of it all Makes me sad and ill That’s when I want Some weird sin Things get too straight I can’t bear it I feel stuck, stuck on a pin I’m trying to break in Oh I know it’s not for me And the sight of it all Makes me sad and ill Etc
Einerseits bei Kerouac seine Fähigkeit zum – real häufig stummen – Mitleiden mit allem, was ist, andererseits: „I stay under glass“ – erneut Iggy Pop, „The Passenger“, ebenfalls auf „Lust For Life“ – „I am the passenger / And I ride and I ride / I ride through the city’s backsides / I see the stars come out of the sky / Yeah the bright and hollow sky“ – ständiges Unterwegssein, und ständiges Gefühl des Verlorenseins dabei, ebenfalls sehr Kerouac’sch. Der Bezug zu „Lust For Life“ (und dieser Lust verleiht Kerouac zugleich ja auch Ausdruck) ist gar nicht so weit hergeholt: immerhin ist mit der ersten Zeile des Gassenhauers „Lust For Life“, „Here comes Johnny Yen again“, eine Figur von William S. Burroughs angesprochen.
Die im Leben also immer etwas unter Glas bleibende Spontaneität schleudert Kerouac dann Hals über Kopf in sein Schreiben. Wie häufig dann bei Kerouac in der Rückschau das Bedauern – das Bedauern darüber, nicht ins Zentrum der Situation gelangt zu sein, aufgrund der von Corgan an sich selbst festgestellten Eigenheiten -, und trotzdem, zugleich, die Liebe zu allem, was geschah, geschieht, geschehen wird, das große: „Was kommt als Nächstes?“ als Mantra.
Gut – Kerouac war einer meiner Männer so zwischen 18 und 21 Jahren, aber fond affections werde ich immer hegen.
[SPIEGEL ONLINE Forum 08.04.2008]
Im März 2013 wird im Londoner Victoria & Albert Museum die Ausstellung David Bowie Is eröffnet, kurz darauf erscheint eine Liste mit Büchern, die Bowie unter den Tausenden, die er im Laufe seines Lebens gelesen hat, ausgewählt hat als jene 100, die für ihn besonders prägend und bedeutend waren. „On The Road“ von Jack Kerouac ist eines dieser 100 Bücher. „On The Road“ zelebriert das Unterwegssein als Daseinsgrund, als intensive Gegenwärtigkeit und ständigen Aufbruch zu neuen Perspektiven zugleich; Bowie würde immer viel zu sehr in Bewegung sein, um Bewegungen anzugehören. Auch war Bowie fasziniert von Kerouacs spontaner Prosa, die „das literarische Äquivalent zum improvisatorischen Elan des Bebops“ war: „Seine Liebe zur Unmittelbarkeit hat Bowie von Kerouac“ (John O’Connell, Bowies Bücher, Köln 2020, 158 ff.). Und für Bowie war Kunst immer auch spirituelle Suche; auch dafür war Kerouac ein Vorbild. Die Bekanntschaft mit Kerouac verdankte David Bowie seinem älteren Halbbruder Terry. Der Journalist Al Aronowitz: „The night before Bowie’s Carnegie Hall debut in New York, I’m sitting with him over a room service dinner in his Plaza Hotel suite while he amazes me with the story of how, when he was a teenager, reading On The Road had been his turning point. It opened up all possibilities for him.“
Bob Dylan sagt über „On The Road“: „It changed my life like it changed everyone else’s.“
Miscellaneous:
Traumtagebuch
Schnee ist da, Kinder, die durch die graue Luft schlittern – ich lauf heim durch die dunkle Moody, die dunkle Gershom, rede darüber, bis zu meinem dunklen Haus in der Sarah – alles und jedes hat diese Dunkelheit der Dinge, vergraben in dem verwesenden Boden – ICH bin es – ich sehe jetzt meinen Baum aus meiner Hand wachsen, durch die Knochen sehe ich den November scheinen, ich warte auf kommende Frühlinge und auf Blüten für meine Finsternis, ich bin der Frankenstein meines eigenen 6 Fuß Grabes, lebt wohl, ihr kleinen goldenen Kinder dieser fröhlichen verrückten Welt.
Zuvor, oder später, versuchte ich, ein paar gelbe Notizblöcke vom Schreibtisch der Western Union zu stehlen, im Marble Subway Korridor, war mir aber nicht darüber klar, wieviele, bis ich mich schließlich entschloß, alle zu stehlen, doch da fingen die hübschen Sekretärinnen an, von Zimmer zu Zimmer zu gehen, obwohl sie mir in Wirklichkeit gar keine Aufmerksamkeit schenkten
Mit meinen Malstiften zeichne ich eine bewundernswert schöne Szene einiger Gebäude am späten Nachmittag, vielleicht Kirchen oder Läden, aber weil ich reichlich Rosa und ein tiefes Tintenblau verwende und dick mit der Hand auftrag habe ich eine Farbe voll von Ehrfurcht und dem Geheimnis der späten Sonne auf altem Stein geschaffen, die wunderschön ist, etwas, das menschliche Augen nie zuvor gesehen haben, ein Kunstwerk, eines Da Vinci, sogar eines Rembrandts würdig – ich bin nur leicht erstaunt, zu erkennen, daß ich ein derart großer Künstler bin (…)
Eines Tages werde ich wiedergeboren werden in dieser großen Stadt in einem anderen Weltsystem, in der Vergangenheit oder der Zukunft, wo ein einziger 3 Meilen hoher Berg sich gegen den blauen Himmel abhebt – Mit all meinem Gefühl in mir, alles was ich brauche ist die Weisheit des Landes
Die Verblendung des Duluoz
… denn niemand kann mir weismachen, Herr Gott noch mal, daß dieser sozusagen massive homerische Krieg zwischen den Griechen und Trojanern lediglich auf wirtschaftliche Dinge zurückzuführen sei, daß es dabei nur um Handel und Gewerbe ging; was war denn mit dem Gewerbe in Helenas Keuschheitsgürtel?
Ich saß draußen auf der Veranda und lehnte mich weit zurück, mit den Füßen auf dem Geländer, und schaute zum erstenmal in meinem Leben hinauf zu den Sternen. Eine klare Augustnacht, die Sterne, die Milchstraße, der ganze Zauber klar. Ich starrte und starrte, bis sie zurückstarrten. Wo zum Teufel war ich, und was sollte das alles?
In meinen Träumen kommt es manchmal vor, daß ich vollgepackt bin, und andere Leute rennen neben mir her, auch auf dem Weg zum Bahnhof. Ich bitte sie darum, meinen Mantel oder meinen Schirm zu halten, aber sie lehnen immer höflich ab. Und daher gehe ich durchs Leben und muß mehr tragen, als ich tragen kann. Und niemand stört sich daran.
Denn obwohl ich ein loyaler Mensch bin, ist mir nichts geblieben, gegen oder für das ich loyal sein könnte.
… so sitzt er [Burroughs] langbeinig auf seinem Stuhl und betrachtet den leeren Bürgersteig, „wo es nichts zu betrachten gibt“, womit ich sagen will, daß der verdammte Planet, von dem er kommt, allen Lebens bar gewesen sein muß. („Ich bin Agent und komme von einem anderen Planeten“, sagte er.)
Und deshalb, meine liebenswürdigen Dummköpfe, wie traurig, wie wahr, wie notwendig, daß vielleicht ein ganzer Tag wie ein durchnäßter Lumpen sein muß, trostlos, qual-voll, wie der letzte Tag der Welt (der er einmal sein wird), und alle „Fenster werden verdunkelt sein und die Töchter der Musik niedergeworfen“ (…)
Tristessa
(Bull Gaines) „Wenn du Opium hast, brauchst du nichts mehr. Das ganze gute O geht dir in die Adern und du hast ein Gefühl, als ob du Hallelujah singst!“ Und er lacht. „Bring mir Grace Kelly auf diesen Stuhl, Morphium auf den da, und ich nehme das Morphium.“ „Ava Gardner auch?“ „Ava Gvavna und alle Briezen in allen Ländern der Erde.“
Unerträglich, wenn sie mich wegstieße und No, no, no sagte, wie in den französischen Filmen, wo die enttäuschten schnurrbärtigen Helden von der kleinen Blondine – der Frau des Bremsers – an einem Zaun im Rauch um Mitternacht auf dem französischen Rangierbahnhof abgewiesen werden.
Ich sehe Tristessas Bein und entschließe mich, den Ausgang des Schicksals zu vermeiden und jenseits der Himmel zu ruhen.
(„I look at Tristessa’s leg and decide to avoid the issue of fate and rest beyond heaven.“)
Passing Through (Desolation Angels)
„Habe ich alles gesagt?“ fragte Lord Richard Buckley, bevor er seinen Geist aufgab.
„Was geht mich die Universität an, laß mich weiterschlafen!“ Ich träumte gerade von einem geheimnisvollen großen Berg, auf dem sich die ganze Welt befand, alles andere konnte mir gestohlen bleiben.
Denn der einzige Grund für das Leben oder eine Geschichte ist doch: „Was passiert als nächstes?“
… oder wie die alten Fotografien, die man auf den Bodenspeichern von verlassenen Connecticut-Farmhäusern findet und die ein 1860er Kind in einer Wiege zeigen, und es ist bereits tot (…)
Und warum? Weil wir gefallene Engel sind, die im Himmel sagten: „Der Himmel ist herrlich, nur müßte es ihn auch geben„, und deshalb gleich fielen?
[Burroughs, Tanger] … kraftvoll ausschreitend wie ein meschuggener deutscher Philologe in der Emigration (…)
… und während ich dann auf seinem Bett saß und las, geschah es oft, daß er sich beim Runtertippen seiner Geschichte plötzlich vor Lachen darüber krümmte und manchmal sogar auf dem Boden wälzte. Ein seltsam komprimiertes Lachen, das von ganz tief innen kam, während er tippte. Damit aber kein Truman Capote denkt, er sei nur eine Schreibmaschine, zückte er zuweilen seinen Füller und begann auf Schreibmaschinenbogen zu kritzeln, die er, sobald sie voll waren, über die Schulter warf wie Doktor Mabuse, bis der ganze Boden mit den seltsamen etruskisch-unentzifferbaren Zeichen seiner Handschrift bestreut war. Mittlerweile waren, wie schon gesagt, seine Haare total zerzaust, aber da ich mich um sonst nichts weiter kümmerte, schaute er ein paarmal beim Schreiben hoch und sagte mit offenen blauen Augen zu mir: „Weißt du, daß du der einzige Mensch in der Welt bist, der im Zimmer sitzen kann, während ich schreibe, ohne daß ich überhaupt merke, daß du da bist?“ Ein großes Kompliment übrigens.
Nichts kann fader sein als „coolness“ (…), posierte, ja in Wirklichkeit starre Lässigkeit, unter der sich eine persönliche Unfähigkeit verbirgt, etwas Gewaltiges oder Interessantes aufzunehmen (…)
Aber ich sage dir, nichts ist schrecklicher als die leeren Morgengrauenstraßen einer amerikanischen Stadt, es sei denn den Krokodilen im Nil zum Fraß vorgeworfen zu werden, bloß damit Katzenpriester lächeln können.
Ist die Wirklichkeit der unwirkliche Teil der Unwirklichkeit?
Maggie Cassidy
… Kinder, die sich aneinanderklammern für das, was sie für einen reifen, selbstbewußten Kuß halten (…)
An ihrem Hals versteckte ich mich wie eine verirrte Schneegans aus Australien, suchte den Duft ihrer Brüste …
Schon kann ich sehen, wie sich im Stirnrunzeln hübscher Mädchen Stendhalsche Intrigen formen (…)
Ich umschlang ihre nachgiebige, sehnsuchtsvolle Taille, ihr Beckenknochen drückte gegen meinen, ich biß die Zähne zusammen in der Erinnerung an die Zukunft –
… meine heißen Augen spürten die sanften, kühlen Fingerspitzen, die Freude, das Streicheln und das Kaum-Berühren, die weibliche süße verlorene verträumte in sich versunkene vorausdenkende tieferdige aprilhafte Liebkosung (…)
Ich war bereits in den rotziegeligen Hotels inmitten des New York von 1939 gewesen und hatte meinen ersten Sex mit einem rothaarigen älteren Mädchen erlebt, einer professionellen Hure – ich war herumgelaufen und hatte damit angegeben wie all die anderen Irren der Schule, hatte schluckend im Bett gewartet, sie kam den Flur mit scharfem Absatzgeklapper herunter, ich wartete mit klopfendem Herzen, die Tür öffnete sich, diese vollkommen gebaute Hollywood-Schönheit schwebte herein mit dem Reichtum ihrer schweren Brüste (…)
Lonesome Traveller
… & sowieso nichts anderes zu tun habe als mit langem Gesicht das wirkliche Amerika mit meinem unwirklichen Herzen zu durchstreifen …
Was sind schon 5 Dollar für einen Märtyrer?
… während ich den Paris Soir las und dazu die Musik im Radio mit Neuigkeiten aus meinem ersehnten Paris – so saß ich da mit unerklärlichen bohrenden Erinnerungen, so als sei ich schon einmal auf der Welt gewesen und hätte schon einmal in dieser Stadt gelebt, unter Brüdern (…)
Im Britischen Museum fand ich im Rivista Araldica IV, S. 240, meine Familie: „Lebris de Keroack. Kanada, ursprünglich aus der Bretagne. Blau auf einem goldenen Streifen mit drei silbernen Nägeln. Motto: Lieben, arbeiten und leiden.“ Ich hätte es wissen können.
The Dharma Bums
„Denk nur mal an den Haiku, der vielleicht der größte von allen ist. Er geht so: ‚Der Sperling hüpft die Veranda entlang. Seine Füße sind naß.‘ Von Shiki. Du siehst die nassen Fußspuren wie eine Vision vor deinem geistigen Auge, und doch siehst du in diesen paar Worten auch den ganzen Regen, der an dem Tag gefallen ist, und beinahe riechst du die nassen Tannennadeln.“
Der Wald ist schuld daran, wenn dir so zumute ist. Er sieht immer vertraut aus wie etwas längst Verlorenes, wie das Gesicht eines vor langer Zeit gestorbenen Verwandten, wie ein alter Traum, wie der Fetzen eines vergessenen Liedes, der über das Wasser treibt, und vor allem wie die goldenen Ewigkeiten einer vergangenen Kindheit und vergangener Mannesjahre, und wie alles Leben und alles Sterben und aller Herzenskummer seit Millionen von Jahren (…)
Was ist ein Regenbogen, Herr? Ein Reif für die Demütigen.
Om Mani Padme Hum Gepriesen sei der Donnerschlag in der finsteren Leere
The Subterraneans
(Mardou Fox) (…) denn sie war es, die später sagte: „Männer sind so verrückt, sie wollen das Wesentliche, die Frau ist das Wesentliche, sie halten es direkt in Händen, doch sie laufen weg und errichten große abstrakte Gebäude.“
Die Regennacht deckt alles zu, küßt überall Männer Frauen und Städte in plätschernd trauriger Poesie, mit lieblichen Reihen aus trompetenblasenden Engeln hoch oben, und sie spielen die letzten orientalisch-geheimnisvollen Pazifik-gewaltigen paradiesischen Lieder, ein Ende der irdischen Angst.
kicks joy darkness. Jack Kerouac Tribute Album, 1997.
Zu Weihnachten hab ich mir die Die Brüder Karamasow gewünscht. Mal gucken, ob der Weihnachtsmann da mitspielt. (Zusammen mit Solschenizyns Archipel Gulag hätte ich dann einen russischen Winter vor mir.)
Christian Erdmann:
„Der Idiot“, „Die Dämonen“, „Die Brüder Karamasow“, „Schuld und Sühne“, darüber kommt ja generell schon mal gar nichts mehr. Außer vielleicht mein heimlicher Dostojewski-Lieblingsroman „Erniedrigte und Beleidigte“, und seine beiden Erzählungen „Die Sanfte“ und „Weiße Nächte“. Würde plötzlich das Dekret eines betrunkenen Königs verlangen, daß man nur das Werk eines einzigen Autors mit ins Exil nehmen dürfte, für mich wäre es Dostojewski, nicht Shakespeare, nicht einmal Sacher-Masoch, obwohl Dostojewski bestätigt, daß Freud darin irrte, Sadismus als primär anzusehen… Masochismus ist primär. Als Wunsch, sich dem Ungeheuren auszuliefern. Die ungeheure geistige Dimension des Masochismus, diese Einwilligung, zu erleiden, dieser Wille zur Vermischung von Lust und Pein, diese Gestalten in der permanenten Erregung des Suspense! Die Lust an der Zufügung als Lust an der Hinzufügung. Masochismus als ideelle Neuordnung der Welt. Diese Figuren, die eine wahre Wollust zeigen, sich bloßzustellen, Schwächen und Fehler aller Welt zu erzählen. Dieses Hin- und Herjagen zwischen Zeigenwollen und Verbergenwollen. Dieses Verführen zum Schlechtbehandeltwerden. Dieses Zeugensuchen für das Ertragen des Leides. Dieses auffällig Verborgene, das… das…
„Ah, auch du leidest zuweilen darunter, daß ein Gedanke nicht in Worte zu fassen ist! Dieses edle Leiden, mein Freund, wird auch nur Auserwählten zuteil: ein Narr ist immer mit dem zufrieden, was er gesagt hat, und dazu spricht er immer mehr aus, als not tut; sie tun das gern auf Vorrat.“ – Aus „Der Jüngling“.
Weltfremd werden, weil man vor ungestillter Liebe die Welt für weltfremd hält, unwirklich werden aus gewollter Unfähigkeit, die Wirklichkeit leidenschaftslos zur Kenntnis zu nehmen. Have some Toska, John.
„Der Jüngling“, 89: „Aber vielleicht ist es besser, von den Menschen gekränkt zu werden: sie befreien einen wenigstens von dem Unglück, sie zu lieben.“
93: „Als Ergebnis zeigte es sich, daß der Dumme allein ich war, weiter niemand.“
Ty Coon:
Ich hab Schuld & Sühne letztes Jahr in einer Klinik gelesen und begeistert aufgesogen, dabei aber bestimmt nur die Hälfte verstanden. Ich kann mit diesem christlichen Brimborium nicht soviel anfangen, aber man weiß ja vorher wenigstens so ungefähr, was einen erwartet. Dostojewskij ist vor allem in den Dialogen und in den versteckten Nebensätzen wirklich stark. Doch es braucht schon Ruhe und Muße, um sich in so ein Werk zu vertiefen; zwei Dinge, die nicht jeder hat.
Christian Erdmann:
Wenn man bei Dostojewski etwas ausblenden kann, dann das „christliche Brimborium“. Dostojewski ist vor allem als Psychologe stark, und zwar da, wo der common sense endet. All diese Figuren sind Amokläufer im common sense, Besessene, besessen davon, sich für ihre Idee peitschen zu lassen. Wenn du das Gefühl hast, daß die Menschen um dich herum sich bei dem, was du tust, nur noch mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen – es gibt einen, der dich versteht, und der heißt Fjodor. Einer, der weiß, warum der Weg, den man dir vor die Füße schiebt, nicht der Weg ist, den du gehen kannst, weil du ein Geheimnis, eine Idee, eine Obsession im Herzen hast, und das, während ständig ohne jeden Rückhalt bloßgelegt wird, Seelen wie Handgranaten in das Leben der anderen geworfen werden. Wenn Camus lakonisch sagt, „An sich neigt der Mensch dazu, sich zu verzetteln“, tröstet Dostojewski mit der dem common sense unbekannten Versicherung, daß der menschliche Geist und das menschliche Herz im Grunde ständig mit den phantastischsten Situationen konfrontiert sind. Und das, schrieb Dostojewski einmal an Strachov, was die meisten Menschen für „phantastisch“ halten, ist für ihn „das innerste Wesen der Wahrheit“. Mindestens: daß man nicht einfach und jederzeit Ja oder Nein sagen kann. Daß Ambivalenz auszuhalten ist. Mittendrin Heilige Narren wie Myschkin mit ihrem intuitiven, hellseherischen Verstehen.
Aus den Dialogen, den „versteckten Nebensätzen“, ebenso den nicht versteckten Nebensätzen, den inneren Monologen und allem, was mir jetzt gerade nicht einfällt :), sprechen Charaktere, die sich weigern, zu kapitulieren, obwohl sie alle um das wissen, wovor es zu kapitulieren lohnt. Selbst Stawrogin mit seiner schrecklichen Indifferenz weiß es – er ist ex-Romantiker.
Mayallix:
Dostojewskijs „Jüngling“ lässt mich immer an Karl Marx denken. Die Sache mit dem Geld und dass der Mensch das Geld anbetet.
Christian Erdmann:
Mag so sein. Dostojewskijs „Jüngling“ scheint mir aber eher ein typischer Fall dafür, wie einer der Gedanken, die transportiert werden sollen, weit zurücktritt hinter viel Eigentlicheres, und beim Verfolgen Arkaschas, der wiederum die Wege des ruhelosen Wersilow verfolgt, seines Vaters, zwischen der Erleuchtung, die Wersilows Liebe zur passiven, duldenden Sofija gilt, Arkadijs Mutter, und seiner Verfallenheit an Katerina, ist Karl Marx in etwa das letzte, woran ich denke. Ich denke eher an Bob Dylans Satz aus „Renaldo and Clara“: „Truth is on many levels“. Wersilow selbst sagt von sich, er könne zwei entgegengesetzte Gefühle zu ein und derselben Zeit fühlen. Und er verbeugt sich vor einer ganz anderen Idee als dem, wie Arkascha sagt, „dummen goldenen Kalb“. Im Grunde weiß er, daß er an einem Punkt zumindest vorübergehend wahnsinnig werden „muß“, um die Verständnislosigkeit, die ihm entgegenschlägt, zu „legitimieren“. Bis zuletzt sucht er einen Menschen seines Schlages, schleudert Katerina entgegen, er wisse, sie und er seien Menschen eines Wahnsinns, obwohl er zugleich weiß, daß sie eine ganz gewöhnliche Frau ist, die das „Heitere“ sucht, (atemberaubend übrigens, wie Dostojewski hier mit einer Dialogzeile den ganzen Wersilow beschwört, wie plastisch er dasteht in diesem einen einzigen Wort, das er antwortet, als Katerina sagt: „Ich liebe heitere Menschen…“ – „Heitere?“) -, und er weiß, daß sie nur deshalb alle Vollkommenheiten besitzen müsste, weil sie solche Macht über ihn hat. Daß nach der katastrophalen Klimax Wersilow endlich Sofija heiratet, mag man dann wiederum als Umsetzung eines „Gedankens“ auffassen, Vereinigung der höchsten, verfeinertsten Intelligenzija mit dem „einfachen“ Volk Russlands, aber blah. All dies brettert für mich immer viel zu sehr über die Komplexität auch der vorgestellten Charaktere hinweg, deren Entgleiten über irgendeinen Plan hinaus ja auch Dostojewskis Werk ist, somit die Größe bei Dostojewski u.a. ja gerade darin liegt, daß seine Charaktere zu vielschichtig sind, um als Transporteure bloßer Ideen daherzukommen.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“]
„Von mir aus will ich noch bemerken, daß fast jede Wirklichkeit, wenn sie auch ihre unwiderleglichen Gesetze hat, unwahrscheinlich und unglaublich erscheint. Und je wirklicher sie ist, desto unwahrscheinlicher sieht sie mitunter aus.“
(Fjodor Dostojewskij, Der Idiot, München 1979, 495)
SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“
Mixolydian:
Ohne Cut-ups hätte es weder das Eno/Byrne-Referenzalbum „My Life In The Bush Of Ghosts“ noch die in dessen Nachfolge immer ausgefeilter werdende Sampling-Technik in der Musik gegeben. Die Cut-up-Methode war ein Experiment, das sich als extrem einflußreich erwiesen hat. Hier wurden einfach neue Wege aufgezeigt. Ohne Innovatoren wie Burroughs, Gysin oder auf dem musikalischen Feld Eno, Byrne, Fripp oder Cale wären wir heute um einige Kunstwerke ärmer.
Christian Erdmann:
Ich denke, daß der Zufall stets in die künstlerische Arbeit integriert ist (Genie besteht ja auch in der Fähigkeit, sich den Zufall zunutze zu machen), und daß die Cut-up-Methode sozusagen nur die extremere Form des Sichauslieferns an dieses Prinzip ist. Sie legt den Akzent zunächst auf die reine Methode, den reinen Prozeß, ohne Vorplanung und vorgegebene Bedeutung. Indem Dinge zusammenkommen, die sonst nicht zusammenkommen, entstehen neue Bedeutungen. Lautréamont sprach von der Schönheit der zufälligen Begegnung eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf dem Seziertisch. Ich persönlich mag es als Leser sehr, mich zu fragen: wie kommt das denn jetzt da hin, solange all die Türen, die sich da öffnen, noch als einem Korridor zugehörig erkennbar sind. Burroughs oder Lautéamonts „Gesänge des Maldoror“ können sehr labyrinthisch (minus Ariadnefaden) werden, zur sehr anstrengenden Reise durch einen Kopf. Hypertroph scheinende Willkür ist natürlich enervierend. Aber durch die offene Kollaboration mit dem Zufall sind Werke von unglaublicher Schönheit entstanden.
Für sein „Low“-Album, das er mit Eno zusammen aufnahm, wollte David Bowie ein langsames Stück mit nahezu religiöser Atmosphäre – das war alles, was er Eno vorgab. Eno schlug vor, erst einmal eine Spur mit Fingerschnipsern aufzunehmen. Das taten sie dann, ca. 430mal Fingerschnipsen. Das notierten sie. Jeder der beiden nahm sich dann willkürlich bestimmte Sektionen vor und spielte auf dem Synthesizer Sequenzen dafür ein. Dann löschten sie die Schnipser und schrieben, abgestimmt auf die zugeteilten Taktmengen, weitere Sequenzen darüber. Keine „Komposition“ im eigentlichen Sinne also, aber dieser ungewöhnliche Entstehungsprozeß ist das letzte, woran man bei dem Stück „Warszawa“ denkt, das einen noch immer auf die Knie sinken läßt – zeitgenössische Klassik eben.
Bowie hat sich auch in seinen Texten zuweilen der Cut-up-Methode bedient, auch für das „1. Outside“-Album, das so starken Einfluß auf David Lynch hatte („Lost Highway“). Auf „1. Outside“ erzählt Bowie zwar eine Geschichte, die Cut-up-Methode erlaubt es dem Autor einer Geschichte aber auch, der Geschichte dazu zu verhelfen, sich selbst zu erzählen und ihren Autor zu überraschen. Textsegmente arbeiten als Bedeutungsgeneratoren. Ein Titel des Albums lautet „The Hearts Filthy Lesson“. Wer würde diese Worte schon zusammendenken? Nach dem ersten Schreck ergeben viele Dinge Sinn. Genau wie bei Träumen, und oft gleicht alles, was Cut-up-Methode gleicht, dem Vokabular von Träumen. Träume sind Cut-ups.
Aber zugegeben, es kommt sehr darauf an, wer sich dieser Techniken befleißigt. Grundsätzlich kann diese Technik natürlich schrecklich unsinniges Getröt produzieren, aber das gelingt auch Autoren, die sich ganz prometheisch sehen. Quod licet Bowie, non licet bovi.
Eliza:
Eben. Sich allein auf den Zufall zu verlassen, garantiert zunächst nur, dass was Zufälliges dabei rauskommt.
Es muss ein gewisses, recht hohes Minimum an Gestaltung dabei sein, bevor mir der Ausdruck Kunst einleuchtet.
Christian Erdmann:
Du kennst doch sicher Shaftesbury, den englischen Philosophen? (Ich meine den 3rd Earl). Der sprach vom Künstler / Schöpfer als „second maker“, als „Prometheus under Jove“. Der von mir oben angesprochene Typus wäre sozusagen „Cut-up-artist under Prometheus“ (in einer Person).
Goethe hat von Shaftesbury den Begriff der „inneren Form“ geklaut: die „inward form“ des Kunstwerks / des Charakters / der vorbildhaft Teile zu einem Ganzen fügenden Natur. Wobei Shaftesbury für seine Zeit übrigens recht weit darin ging – sein Weg führte schon über das, was später deutlich als Begriff des „Erhabenen“ erschien –, auch das „Dissonante“ in diese „innere Form“ einzugliedern. Die „innere Form“ erlaubt vieles, eben auch Nutzbarmachung des Zufalls, Eingliederung sich selbst schaffender Bedeutungen etc., nur darum ging es mir, mein Respekt vor den Beherrschern der inneren Form ist grenzenlos.
Wenn poetische Sprache nicht auch zum Ziel hat, Vorstellungen davon, „was geht“, hinter sich zu lassen, wozu dann überhaupt Poesie?
Stefan Möhler:
Der Künstler ist immer der zweite Schöpfer. Eigentlich eher ein Seher, der vermag, Dinge zu realisieren, die sich anderen eben nicht von alleine erschließen. Ob es ihm nun gelingt, diese Realisation für alle Menschen sichtbar zu machen oder nicht, ist dabei völlig unerheblich.
Immer ist ein Kunstwerk ein Aufruf zur Auseinandersetzung: mit eigenen Gedanken, Urteilen, Sichtweisen, Vorurteilen, eingefahrenen Denkstrukturen, Blindheit – letzten Endes mit sich selbst.
Wer dazu nicht in der Lage ist, und ja, solche Menschen gibt es tatsächlich, dem erschließt sich weder Kunst noch deren vielfältige Möglichkeiten der Rezeption. Daran werden weder Kunstwerke selbst noch Worte über dieses Faktum irgendetwas ändern können. Das kann man bedauern, aber nicht ändern.
Christian Erdmann:
Es spricht etwas aus dem Künstler, den Du „Seher“ nennst, das er selbst nicht völlig kontrolliert, aber er muß versuchen, soviel Kontrolle wie möglich darüber zu gewinnen. Er muß das, „was geht“, überwinden, und dieses „was geht“ war nicht nur im Hinblick auf die Form gemeint, es ist immer auch das, was für die menschliche Realität bislang Gültigkeit besaß. Wäre der Künstler in glücklicher Übereinstimmung mit der Welt, wie sie ist, und den Konditionen, die sie stellt, würde er dann Kunst schaffen wollen? Das soll keine revolutionäre Pose der Kunst an sich beschreiben, aber ist der Künstler nicht immer der Träumer irgendeines „Anderen“, selbst wenn der Unterschied zum affirmativ Säuselnden kaum noch spürbar sein sollte, auch die vehementeste Opposition zum Zeitgeist ist da vielleicht letztlich nur ein gradueller Unterschied, wiewohl die Skala derartige Unterschiede bereithält, daß vielen der Größten (Hölderlin, Artaud, Nijinsky etc) der Rückweg aus ihrer Kunst in die „normale Umgebung“ nicht mehr gelang.
> Gegen Ende Oktober trifft plötzlich bei Ficker eine unheilvolle Nachricht aus Krakau ein. Die Karte trägt den Ortsvermerk: Garnisonsspital Nr. 15, Abt. 5.
„Verehrter Freund! Ich bin seit fünf Tagen hier im Garnisonsspital zur Beobachtung meines Geisteszustandes. Meine Gesundheit ist wohl etwas angegriffen und ich verfalle recht oft in eine unsägliche Traurigkeit. Hoffentlich sind diese Tage der Niedergeschlagenheit bald vorüber. Die schönsten Grüße an Ihre Frau und Ihre Kinder. Bitte telegraphieren Sie mir einige Worte. Ich wäre so froh, von Ihnen Nachricht zu bekommen…“
„Auf diese Karte hin“, so sagte Ficker später, „aus der hervorging, daß kein einziger der Freundesgrüße Trakl im Felde erreicht hatte, reiste ich nach Krakau.“
Ficker hat in seinem Erinnerungsbuch jenen zweitägigen Besuch (25. und 26. Oktober 1914) mit aller Genauigkeit geschildert. Es stellte sich in Gesprächen mit dem Patienten (oder als solchen Behandelten) heraus, daß er unter den Nachwirkungen eines schweren, an der Front erlittenen Schocks einen von Kameraden vereitelten Selbstmordversuch unternommen und vierzehn Tage danach – eben in Limanowa – die Abkommandierung ins Krakauer Garnisonsspital erhalten hatte; nicht etwa zur Dienstleistung als Apotheker, wie er zuerst annahm, sondern zur Beobachtung seines Geisteszustandes.
In der Schlacht um Gródek war Trakls Sanitätskolonne zum ersten Male eingesetzt worden. Ohne ärztlichen Beistand mußte er in einer Scheune, nahe dem Rynek, dem großen Markt, an die hundert Schwerverwundete betreuen. Zwei Tage und zwei Nächte hörte er nichts als das Stöhnen und Jammern der Gemarterten. Immer wieder wurde er von dem oder jenem angefleht, der Qual doch ein Ende zu machen. Einer, den ein Schuß in die Blase getroffen, jagte sich vor Trakls Augen eine Kugel durch den Kopf – blutige Gehirnteile klebten an der Wand. Da wurde ihm schwarz vor den Augen, und er eilte ins Freie; doch dort ragten kahle, gespenstische Bäume in den Himmel und an jedem schaukelte ein Gehenkter – Ruthenen, die als Spione oder Russophile hingerichtet worden waren; wie man Trakl erzählte, hatte der zuletzt an die Reihe Gekommene sich selber den Strick um den Hals gelegt.
Auf dem Rückzug, beim Nachtmahl in einem Dorf, sprang der von den Gesichten dieses Infernos Gepeinigte plötzlich auf und stürzte mit den Worten, er könne so nicht mehr weiterleben, hinaus; Kameraden entwanden ihm die Waffe. „Ich fürchte“, sagte er nun zu Ficker, „wegen jenes Vorfalls vor ein Kriegsgericht gestellt und hingerichtet zu werden. Verzagtheit, wissen Sie, Mutlosigkeit vor dem Feind. Ich muß darauf gefaßt sein.“ Und er beharrte bei dieser Wahnidee – die Atmosphäre war auch zu bedrohlich, zu unheimlich. Sein Zimmer, im Erdgeschoß des Psychiatrie-Traktes gelegen, glich einer Gefängniszelle. Er fühlte sich nicht als Patient, sondern als Delinquent. Aus den oberen Stockwerken drangen die Schreie der Irren. Und der Zimmergenosse, ein an Delirium tremens leidender Leutnant von den Windischgrätz-Dragonern, machte das alles noch unerträglicher. Die einzige ihm nahe Seele war sein Bursche Mathias Roth, ein Bergarbeiter aus Hallstadt. Der schlief jede Nacht am Fußende seines Bettes auf dem Fußboden.
Wie sich zeigte, waren Trakls neurotische Ängste nicht ganz unbegründet. Der Spitalskommandant, ein tschechischer Oberstabsarzt namens Nikolaus Toman, verhielt sich zugeknöpft, als Ficker um die Herausgabe des Patienten bat. Und der Assistenzarzt, ein Pole, der Trakl unter Beobachtung hatte, erklärte sich für diesen Fall von „Genie und Irrsinn“ besonders zu interessieren, hatte er doch bei der Briefzensur Verse des Dichters gelesen, die ihm nicht geheuer vorgekommen waren.
Am nächsten Tag ist Trakl apathisch, in sich gekehrt. „Wollen Sie hören, was ich im Feld geschrieben – es ist blutwenig.“ Und er liest, auf dem Eisenbett liegend, während der Windischgrätz-Dragoner sich ungehalten und gelangweilt in seinem Bett der Wand zukehrt, dem Freund zwei erschütternde Gedichte vor: Klage und Grodek. Dann greift er nach einem Reclam-Bändchen – Dichtungen von Johann Christian Günther, dem „wilden“ Günther – und spricht mit leiser, eindringlicher Stimme ein paar der tiefpessimistischen Strophen dieses genialen Barocklyrikers, der ihm in der Lebenstragik ähnelte und jung starb.
Beklommen verabschiedet sich Ficker, denn er hatte herausbekommen, daß Trakl tödliche Gifte bei sich verborgen hielt. Ficker spricht ihm Trost zu; er werde sogleich von Wien aus seine Versetzung nach Innsbruck ins Werk setzen. Als er mit einem „Auf baldiges Wiedersehen“ von dem Freunde scheidet, liegt dieser regungslos, entgegnet kein Wort. „Sah mich nur an. Sah mir noch nach… Nie werde ich diesen Blick vergessen.“
In Innsbruck treffen noch zwei (vom 27. Oktober datierte) Briefe Trakls und eine Feldpostkarte ein. Dem einen Brief liegt – neben der verbesserten Anfangsstrophe des Sonetts Traum des Bösen – die neue vierstrophige Fassung des ursprünglich sechsstrophigen Gedichts Menschliches Elend von 1911 bei; Trakl hatte den Titel in Menschliche Trauer umgeändert. Merkwürdigerweise wurde diese zweite und endgültige, um vieles stärkere Fassung, in der sich das gewaltige, aus der Irrsinnsatmosphäre des galizischen Schlachthauses empfangene Bild findet: Es scheint, man hört der Fledermäuse Schrei / Im Garten einen Sarg zusammenzimmern, erst in die vierte Auflage (1939) der Dichtungen aufgenommen.
Der zweite Brief enthält die Sätze: „Seit Ihrem Besuch im Spital ist mir doppelt traurig zu Mute. Ich fühle mich fast schon jenseits der Welt.“ Zwei Gedichte sind beigeschlossen – die letzten von Trakls Hand, in einer nun letztverbindlichen Fassung:
Klage
Schlaf und Tod, die düstern Adler
Umrauschen nachtlang dieses Haupt:
Des Menschen goldnes Bildnis
Verschlänge die eisige Woge
Der Ewigkeit. An schaurigen Riffen
Zerschellt der purpurne Leib
Und es klagt die dunkle Stimme
Über dem Meer.
Schwester stürmischer Schwermut
Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt
Unter Sternen,
Dem schweigenden Antlitz der Nacht.
Grodek
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den
schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein
gewaltiger Schmerz.
Die ungebornen Enkel.
Auffällig ist, daß Trakl das Gedicht Klage zur Gänze und von Grodek die ersten sechs Zeilen in der Lateinschrift seiner Jugendzeit (mit Bleistift) aufgezeichnet hatte. Vielleicht, um mit der schwerer leserlichen Kurrentschrift bei den Beamten der Militärzensur, die oft Nichtdeutsche waren, keine Unannehmlichkeiten zu haben.
Die Feldpostkarte, gleichfalls nicht datiert, hatte Trakl vor Fickers Besuch geschrieben; dieser erinnerte sich, daß der Dichter sie ihm zum Lesen gegeben hatte: „Da ich bis heute noch kein Lebenszeichen erhalten habe nehme ich an, daß Sie meine Feldpostkarten nicht erhalten haben. Ich verlasse nach vierzehntägigem Aufenthalt im hiesigen Garnisonsspital Krakau. Wohin ich komme, weiß ich noch nicht. Meine neue Adresse will ich Ihnen baldmöglichst mitteilen.“ – Was konnte Trakl veranlaßt haben, sie abzuschicken? Betroffen drehte Ficker die Karte um. Da stand von fremder Hand und mit unleserlicher Unterschrift: „Herr Trakl ist im Garnisonsspital Krakau eines plötzlichen Todes (Lähmung?) gestorben. Ich war sein Zimmernachbar.“
Die Karte trug den Poststempel Prag – 9. 11. 1914.
Auf eine Anfrage nach den näheren Umständen von Trakls Tod – Georgs Halbbruder Wilhelm hatte sie an das Garnisonsspital in Krakau gerichtet – kam von dort die folgende Auskunft zurück:
„… wird Ihnen mitgeteilt, daß Ihr Bruder Medik.-Akzessist Georg Trakl im hiesigen Spitale wegen Geistesstörung (Dement. praec.) in Behandlung stand, am 2. November nachts einen Selbstmordversuch durch Kokainvergiftung (das Medikament hat er wahrscheinlich von der Feldapotheke, wo er früher tätig war, mitgebracht und so aufbewahrt, daß trotz sorgfältiger Untersuchung bei ihm nichts gefunden wurde) unternommen hat und trotz aller möglichen ärztlichen Hilfe nicht mehr gerettet werden konnte. Derselbe starb am 3. November um 9 Uhr abends und wurde im hiesigen Rakoviczer Friedhofe beerdigt. Krakau, am 15. November 1914. Dr . . . (Stabsarzt).“ <
[Otto Basil: Georg Trakl, Reinbek bei Hamburg, 19. Auflage April 2010, 149 ff.]
18.08.2019
Wir verlassen den hiesigen Rakoviczer Friedhof, nehmen den Bus bis Nowy Kleparz und sind nach nur wenigen Schritten in der Wroclawska. Neben dem Eingang zum Militärhospital wurde an der Mauer eine Gedenktafel angebracht:
Früher, stiller Sonntagnachmittag, auf dem Gelände des alten Garnisonsspitals wagen wir uns vor, bis ein Schild dieses Gebäude als psychiatryczny-Abteilung ausweist. Wir deduzieren also: this must be the place.
Ludwig Wittgenstein, der ebenfalls in Galizien eingesetzt war, traf erst drei Tage nach Trakls Tod in Krakau ein, hatte aber später die genaue Lage des Grabes auf dem Rakowicki-Friedhof recherchieren können: „Exhibit Nummer 3570“, „Gruppe XXIII. Reihe 13 Grab N° 45“. Ludwig von Ficker ließ 1925 die sterblichen Überreste Trakls auf den Mühlauer Friedhof bei Innsbruck überführen.
SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – was lohnt es noch, zu lesen?“ 05.11.2007
Christian Erdmann:
Um kurz zu intermittieren: Carl Einstein, Bebuquin. Ein Gefühl beim Lesen, als würde man durch Bilder von Clovis Trouille wandern.
Durch die regengepeitschte Nacht fuhr in ihrem Auto die Schauspielerin Fredegonde Perlenblick. Sie hörte außerdem auf den Namen Mah bei jüngeren Liebhabern, Lou, wenn sie dämonisch war, und Bea, wenn sie eine Familie zu ersetzen suchte. Sie fuhr mit zwei erschrecklich blendenden Scheinwerfern, die im glitschrigen Asphalt, in dessen Regenwasser die Schatten der letzten Trotteurs gaukelten, weiße Lichtgruben aufrissen. Ihre Autohuppe hatte entschieden dramatische Kraft. Der Chauffeur hielt einen tragischen Recitationsstil inne, die Huppe hatte das dramatische R. Auf dem Dache des Coupés war ein Kintop angebracht, der den verschlafenen Bürgern zeigte, wie die Schauspielerin Fredegonde Perlenblick sich auszog, badete und zu Bett ging. Ehe es dunkel wurde, erschien über dem Bett kalligraphisch ‚Endlich allein?‘ Unter der Bilderreihe des rasenden Kinema stand zum Beispiel „Ich trage den Strumpfhalter ‚Ideal'“ oder sonst irgend eine wertvolle Empfehlung. Die Schauspielerin ließ vor der Bar halten. Sie stieg aus, es war noch niemand da. Ihr erster zündender Blick, der das Lokal durchkreiste, blieb unerwidert. Sie setzte sich hin und war schön für sich selbst. Bebuquin stieg über die Schwelle. „Gnädigste, Sie sitzen auf einer Hypothese.“
Bebuquin fuhr Euphemia an die Nase und umarmte sie zugleich leidenschaftlich. Ein Sturmregen pointilliert die großen Scheibenfenster. „Man hat bis jetzt die Vernunft benutzt, die Sinne zu vergröbern, die Wahrnehmung zu reduzieren, zu vereinfachen. Im ganzen, die Vernunft verarmte; die Vernunft verarmte Gott bis zur Indifferenz; töten wir die Vernunft; die Vernunft hat den gestaltlosen Tod produziert, wo es nichts mehr zu sehen gibt. Noch für Dante war der Tod ein Vorwand für Glanz, Farbe, Reichtum und Lust. Nehmen wir unsere Sinne, entreißen wir sie der Ruhe der Stupidität platonischer Ideen, beobachten wir den Moment, der viel eigenartiger ist, als die Ruhe, weil er differenziert und charakteristisch ist, gar keine Einheit hat, sondern sich zwischen vorn und hinten restlos aufteilt.“ Der tote Böhm tanzte dankend auf Euphemias Hut und versank im Buffet; er legte sich wieder in eine seltsame Cognacsorte, die er von jeher geliebt.
Weiter mit dem regulären Programm.
06.09.2010
I’m a Substitute:
… und der angeschlagene Tonfall muß der Sache selbst angemessen sein. Wahrscheinlich konnte ich deswegen bei aller Verehrung für Carl Einstein mit seinem „Bebuquin“ nichts anfangen…
Christian Erdmann:
Schade. Aber genau darum ging es Einstein ja auch nicht, um das „der Sache Angemessene“, wäre schlecht möglich bei einer Kampagne wider erzählerische Mimesis & „wirklichkeits“-verhaftetes Erzählen, da entsteht „die Sache“ von vornherein anders, im ästhetischen Experiment selbst. Und wenn, erstes Kapitel erster Satz, die Scherben eines gläsernen, gelben Lampions auf eine weibliche Stimme klirren, dann ist die Sache einfach da, bereit für Faszination oder Verständnislosigkeit. Was wäre denn für diesen Satz jene Sache, zu der es „angemessen“ zu sein gälte?
Clovis Trouille, Le palais des merveilles (1907 – 1927 – 1960)
„Man muß einsehen, ihr Dummköpfe, daß die Logik nur Stil werden darf, ohne je eine Wirklichkeit zu berühren. Wir müssen logisch komponieren, aus den logischen Figuren heraus wie Ornamentkünstler. Wir müssen einsehen, daß das Phantastische die Logik ist.“
(Carl Einstein, Bebuquin, Stuttgart 1985, 7)
„Bebuquin, sehen Sie einmal. Vor allen Dingen wissen die Leute nichts von der Beschaffenheit des Leibes. Erinnern Sie sich der weiten Strahlenmäntel der Heiligen auf den alten Bildern und nehmen Sie diese bitte wörtlich.“
(ebd., 12)
„Man muß das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit ist. Das Wunder ist eine Frage des Trainings.“
„Niels Lyhne“ von Jens Peter Jacobsen. Ein melancholischer Fin de siècle-Roman, ziselierte, ornamentale Sprache, großer Einfluß auf Rilke, auch auf Hofmannsthal. Niels, ebenfalls einer, der ständig allerfeinste Stimmungen spürt, aber nie weiß, wie man darauf reagiert; existentialistische Züge in der Art, wie Niels es gegen die Übermacht Gott aufnimmt und „stehend sterben“ will. Jacobsen läßt Niels‘ Wahrnehmung den poetischsten Zauber wirken, doch immer lauert die Desillusion mit zwei, drei schroffen Pinselstrichen. Eine Geschichte über die Unerreichbarkeit:
„Er hatte das Gefühl, das man in Träumen hat; da ist etwas, was ruft, und man will so gern kommen, aber es ist nicht möglich, einen Fuß zu heben, und man wird von seiner Ohnmacht angestachelt, siecht dahin vor Sehnsucht, fortzukommen, wird bis zum Wahnsinn von diesem Rufen aufgereizt, das nicht versteht, daß man gebunden ist.“
Nichts konnte so unangreiflich korrekt sein wie ihr Auftreten. In dem, was sie sagte und in dem, was sie sich sagen ließ, hielt sie sich innerhalb der Grenzen strengster Sprödigkeit und ihre Koketterie bestand darin, sich nicht im mindesten kokett zu zeigen, darin, unheilbar blind zu sein gegen den Eindruck, den sie machte und nicht den geringsten Unterschied zwischen ihren Anbetern zu machen. Aber gerade deshalb träumten sie alle berauschende Träume von dem Antlitz, das hinter der Maske sich bergen mußte, glaubten an ein Feuer unter dem Schnee, spürten einen Duft von Verderbtheit in dieser Unschuld auf. Niemand von ihnen wäre überrascht gewesen zu erfahren, daß sie einen heimlichen Liebhaber besitze, aber niemand von ihnen wollte seinen Namen im mindesten zu erraten suchen.
Also sah man Edele Lyhne.
Niels ging darauf zu; er war blutrot, und indem er sich über diese langsam sich rundenden Beine und über diese langen schmalen Füße beugte, die in ihren feinen, wiegenden Formen etwas von der Intelligenz einer Hand besaßen, wurde ihm ganz schwindlig, und als die eine Fußspitze sich im selben Augenblick mit einer plötzlichen Bewegung etwas nach unten krümmte, war er nahe daran umzufallen.
Sie war nicht mehr ein Mensch wie alle andern, sondern ein wunderbares, höheres Wesen, durch die Mystik einer seltsamen Schönheit zur Göttin erhoben, und es lag eine herzklopfende Wonne darin, sie zu beschauen, in seinem Herzen vor ihr zu knien, zu ihrem Fuße in selbstauslöschender Demut zu kriechen…
„Es gibt nichts in meiner Seele, das ich nicht morden, entwürdigen würde, wenn ich Sie dadurch gewinnen könnte.“
Es gibt Menschen, die ihren Kummer auf sich nehmen und ihn tragen können, starke Naturen, die ihre Stärke gerade in dem Gewicht der Bürde fühlen, während die, die schwächer sind, sich dem Kummer hingeben, willenlos, wie man sich in die Gewalt einer Krankheit ergibt und wie eine Krankheit durchdringt der Kummer sie, trinkt sich in ihr innerstes Wesen hinein und wird eins mit ihnen, wird in langsamem Kampf in ihnen umgestaltet und verliert sich in ihnen in völliger Genesung. Aber es gibt auch solche, für die der Kummer eine Gewalttat bedeutet, die gegen sie verübt ist, eine Grausamkeit, die sie niemals lernen als Prüfung oder Züchtigung, so wenig denn als einfaches Schicksal anzusehen. Es ist für sie das Ergebnis einer Tyrannei, eines ganz persönlich Hassenden, und es bleibt davon stets ein Stachel in ihrem Herzen zurück.
Weil er gelernt hat, in sich selbst zu lesen, glaubt er auch, daß alle andern das, was in ihm geschrieben steht, zu lesen vermögen …
„Ich will in solch eines Meerfrauenleibes eigentümliche Schönheit eingeweiht werden; sie sollte nackt sein wie eine Woge und des Meeres wilde Schönheit sollte in ihr spuken. Es müßte etwas von des Sommermeeres Phosphorschimmer über ihrer Haut sein, etwas von der Tangwälder schwarzem, verfilztem Grauen in ihrem Haar. Jawohl; des Wassers tausend Farben müssen in blinkendem Wechsel in ihren Augen kommen und gehen; die bleiche Brust muß kalt sein von einer wollüstig kühlenden Kälte, die Wellen rieseln ihren wiegenden Gang durch alle ihre Formen und es ist des Maelstroms Saugen in ihrem Kuß und es ist des Schaumes zerstäubende Weichheit in der Umschlingung ihrer Arme.“
Sie gehörte zu diesen bleichen, sanften jungfräulichen Naturen, die nicht den Mut oder vielleicht nicht den Instinkt besitzen, ihre Liebe auszulieben, bis da auch kein Selbst mehr auf dem tiefsten Grund ihrer Seelen zurückgeblieben ist. Nicht einmal den flüchtigsten Augenblick vermögen sie so zu greifen, daß sie sich blind mit fortgerissen unter die Wagenräder des Götzenbildes werfen. Das vermögen sie nicht; aber sonst können sie alles tun für den, den sie lieben. Die schwersten Pflichten können sie erfüllen, zu den schmerzlichsten Opfern sind sie bereit, und es gibt nicht die Demütigung, die zu ertragen sie sich fürchten.
Wenn sie mit einem Nähzeug dasaß und mit der sanften, ruhigen Stimme sprach, mit diesen klaren, treuen Augen aufsah, dann wurde sein ganzes Wesen von der unwiderstehlichen Gewalt eines starken und stillen Heimwehs zu ihr hingezogen. Er sehnte sich danach, sich vor ihr zu demütigen, das Knie zu beugen und sie heilig zu nennen. Stets sehnte er sich so seltsam nach ihr hin, nicht nur, wie sie war, sondern er sehnte sich nach ihrer Kindheit und allen den Tagen, wo er sie nicht gekannt hatte; und wenn sie allein waren, konnte er die Vergangenheit stets in ihrer Rede heraufbeschwören und sie dahin bringen, von ihren kleinen Leiden, ihren kleinen Verirrungen, kleinen Eigenarten, an denen jede Kindheit so reich ist, zu erzählen.
Es lag eine so frische, unbewußte Sinnlichkeit über ihrer ganzen Gestalt; wenn sie ging, flüsterte ihr Gang von ihrem Körper; es lag eine Nacktheit über ihren Bewegungen, eine träumende Beredsamkeit über ihrer Ruhe, aber sie konnte nichts dafür, weder für das eine noch das andere, es wäre ihr nicht möglich gewesen, es zu verbergen oder es zum Schweigen zu bringen, selbst wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätte.
Niels erriet viel, Fennimore wäre unglücklich gewesen, wenn sie gewußt hätte, wie viel.
„Verstehst du, Fennimore, daß ein solches Geheimnis, das nicht mit schlichten Worten in die gewöhnliche, alltägliche Luft hineinerzählt werden kann, daß das einen Menschen zum Künstler zu stimmen vermag? Und sie können es nicht aussprechen, verstehst du, sie können nicht; man muß daran glauben, daß es da ist und still da drinnen lebt wie eine Zwiebel unter der Erde…“
„Du weißt nicht, wozu du uns verurteilst“, sagte er betrübt, „es wäre viel besser, wenn wir jetzt mit eisernen Absätzen drauflosträten, statt zu schonen. Glaube mir, Fennimore, wenn unsere Liebe nicht unser alles ist, das einzige, das erste in der Welt, das, was vor allem anderen gerettet werden muß, so daß wir draufloshauen, wo wir am liebsten heilen wollten, und Leid bringen, wo wir soviel lieber jeden Schatten von Leid fernhielten, wenn wir das jetzt nicht tun, so sollst du sehen, wie all das, worunter wir uns jetzt beugen, sich schwer auf unsere Schultern legt und uns in die Knie zwingt, so unbarmherzig und unerbittlich. – Ein Kampf auf den Knien, du weißt nicht, wie schwer der zu kämpfen ist!“
„… daß er glaubte, es würde das größte Glück sein, wenn er ihr in Worten danken dürfte, weil sie so schön und so lieblich war.“
„Er gehörte zu den Menschen, in denen ein Traum begraben liegt, der Helligkeit und Frieden um einen kleinen Fleck in ihrer Seele ausbreitet, wo sie am meisten sie selbst und am wenigsten sie selbst sind.“
„Seien Sie ganz ruhig, Sie streicht man nicht weg aus seinem Leben. Aber nehmen Sie sich in acht; einer Liebe wie der meinen begegnet eine Frau nicht zweimal in ihrem Leben.“
„Jener Stempel von der Melancholie der Ewigkeit, der ihrer Liebe ihr Gepräge verliehen hatte …“
„Als Hjerrild Niels Lyhne zum letztenmal sah, lag er da und fabelte von seiner Rüstung und davon, daß er stehend sterben wollte.“
Entzückt und unbeweglich saß ich im blauen Licht des Meeres und im goldenen des Raumes. Ich war glückselig, erhob mich mit leichter Seele und sagte mit feiner, unerklärlicher Überzeugung zu den Sonnengespenstern: „Euch, Zeichen und Figuren, die ihr mit unbekannter Bedeutung hereingebrochen seid und mich mit dem stillen Wechselspiel Eures golden-flimmernden Tanzes erfreut habt -, solange Ihr Euch noch nicht von mir wendet, vertraue ich das Rätsel des Unerfüllbaren in mir an. Ich bitte Euch, es zu lösen und mich zu erleuchten…“
Ich war mir dessen bewußt, daß mir diese Ansprache später etwas lächerlich vorkommen würde.
SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“ September 2007
Christian Erdmann:
Gerade beendet: Alexander Grin, „Wogengleiter“, 1928. Thomas Harvej, der Held des Romans, fühlt, wie „das Unerfüllte“ ihn ruft, und beginnt, von den kleinlichen Angelegenheiten des Alltags abzusehen, stattdessen die „schwach flimmernden Schemen“ zu ergreifen – den Zeichen zu folgen, die das Unerfüllte gibt. Er erblickt es in Form einer Frau, die im Hafen die Falltreppe eines Dampfers hinabschreitet, ein Bild, das er in den feinsten Regungen seiner Seele immer erwartet hat. Und dann gerät Harvej in haarsträubende Geschichten, in denen er den Mustern der Bestimmung nachspürt; er reist als Passagier auf dem „Wogengleiter“, dessen schurkischer Kapitän Gaes „zufällig“ ein Bild der von Harvej erblickten Frau, Bice Seniel, in seiner Kajüte hat. Von der Begegnung mit der übers Wasser gehenden Fresi und der später dasselbe Kleid wie Bice tragenden Desi bis zum allesverbergenden, allesverheißenden Karneval in Gel-Gju: eine stilistisch filigrane, mit hinreißenden Metaphern nur so um sich werfende Geschichte voller geheimnisvoller Charaktere, die bei allen verschlungenen Abenteuern doch wie eine Reise durch die Psyche, wie ein Weg durch das Labyrinth des Herzens ist.
Darum, Allez, lesen: um die Literatur das Leben überzeugen zu lassen, daß alles möglich ist. Daß es möglich ist, zwischen Betontürmen ohne Peinlichkeit und Lächerlichkeit den Blick für das Wunder zu bewahren.
Am Abend des folgenden Tages kam Hilfssheriff James Osterberg über die Eselsbrücke in die Stadt geritten. Der Mann, den sie Iggy Pop nannten, dutzendmal geteert und gefedert, der Mann, der wußte, daß man alle Ausgänge kennen muß, bevor man durch den Eingang geht. Lang hatte er Blaßgesichtern das Feld überlassen; jetzt war er zurückgekehrt, um erneut seinen existentialistischen Halsbrecher-Report über die Bretter gehen zu lassen und die Anatomie zu schinden wie kein zweiter, den sehnigen glänzenden Gauklerkörper – man konnte sagen, dieser Körper hatte Charakterstärke – versehen mit einer rituellen Zeichnung: Narben all der Wunden, die der Mann sich zugefügt hatte in Zeiten, als die Frage „Was ist das Problem, James?“ einen konvulsivischen Anfall zur Antwort bekam, begleitet vom Metallgewitter der drei bösen Stooges, weil das Problem war, daß man für das Leben ein zweites Leben als ständigen Kurort gebraucht hätte. Well, Leute. Intensität fängt irgendwann zu brennen an. Allen, die es wissen wollten, erklärte der Mann den Grund für seinen langen Rückzug: er hatte seinen Selbstrespekt verloren. Er hatte eine völlige Neuordnung seines Lebens vorgenommen. Er hatte die Selbstauflösung angehalten und im eigenen mentalen Irrenhaus die Rolle des Platzanweisers übernommen. Eine kopernikanische Wende. Wenn man sich selber ständig in die Quere kommt, hilft ein innerer Amoklauf. Sich nichts mehr vormachen und nichts mehr mitmachen, was man nur durchmacht. Siedende Wahrhaftigkeit aushalten, einem einfachen und starken Sinn zuliebe. „Ich wollte herausfinden“, sagte der Mann, der schon alles gesehen und in der Hölle die Asche zusammengefegt hatte, „ich wollte herausfinden, was ein Liter Milch kostet.“
Das hatte es in sich. Die Würde in diesem Satz! Das ließ den Spiegel der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu Bruch gehen. Das gab Sachschaden. Das warf Scheinwelt und Fassaden in den Orkus. Ein Mantra gegen faulen Zauber und Staffage. Vordringen zum wahren Jakob. Herausfinden, was ein Liter Milch kostet. Ein Kôan war das.
Und dann sagte der Mann noch etwas. Er sagte: „Es mußte getan werden, also tat ich es.“ Gott selbst hätte es nicht besser ausdrücken können.
An einem Abend im Dezember konnten Leda und Aljoscha miterleben, was geschieht, wenn Iggy Pop ein paar Bühnenbretter vorfindet, und die Meute, der sie angehörten, wußte, was sie dem Mann schuldig war. Vier Helfershelfer schufen einen Klangwall, auf dem Pop wilde Zeichen machte wie Pierrot auf Glatteis. Er holte das letzte aus sich heraus, und so herausgeholt sah das letzte noch viel besser aus. Der Genosse Osterberg, er lebe hoch, hoch, hoch! Von diesem Schauspiel würde man noch Jahre zehren, und Aljoscha fühlte sich nach dem Konzert so erquickt wie ein Spatz nach einem Sandbad.
Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“
Wie kann ein Mensch in das, was er an der Welt liebt, nicht „The Idiot“ und „Lust For Life“ inkludieren? Eine Welt, in der diese beiden Platten gar nicht vorkommen, ist das überhaupt eine Welt? „I love those records so much“, läßt Josh Homme die Katze aus dem Sack, als 2013 „… Like Clockwork“ erscheint. Schon 1995 A.D. sind es diese beiden Werke von Iggy Pop, die Homme zur Offenbarung gereichen, mit dramatischen Folgen: auf der Stelle löst er Kyuss auf und gründet die Queens of the Stone Age.
Iggy Pop wiederum erklärt 2016 die Queens of the Stone Age in ihrer Mischung aus Virtuosität, Emotionalität und Präzision zum Inbegriff von Brillanz; besonders zwei Stücke von „… Like Clockwork“, das Titelstück und „The Vampyre Of Time And Memory“, hätten ihn berührt wie seit 40 Jahren nichts.
Daß „Post Pop Depression“ die Vollendung einer Trilogie nach 39 Jahren ist, würde Gott selbst unterschreiben, wenn ihm denn sein derzeitiges Dasein als durchgeknallter Heckenschütze Zeit ließe, doch nach den erschütternden Todesfällen von Lemmy und David Bowie erschien „Post Pop Depression“ wie Ausgießung des heiligen Geistes, Rettung, Trost. Daß Iggy Pop und Josh Homme in aller Heimlichkeit zur Schöpfung schritten, und daß diese Schöpfung tatsächlich so großartig ist, wie man es sich nur hätte ausmalen können, injiziert eine Dosis unfaßbarer Richtigkeit ins zerrüttete Weltgeschehen. Homme ist ein Heiliger, und was er anfaßt, wird zu Gold. Gesegnet der Tag, an dem er begriff, daß der Absender der mittlerweile legendären SMS tatsächlich Iggy Pop mit seinem ollen Klapp-Phone war. Homme: „Mir war nur klar: Wenn mich hier jemand verarscht, werde ich ihn dafür umbringen.“
Ich war 20, als ich zwei große Lautsprecherboxen im Abstand von etwa 70 Zentimetern auf den Teppich stellte und meinen Kopf, der dazwischen lag, mit „Lust For Life“ in die Luft sprengte. Dieser donnernde Drumbeat, 72 Sekunden bis HERE COMES JOHNNY YEN AGAIN, die umwerfendsten Einstiegssekunden eines Songs ever.
UNCUT: Iggy claims ‚Lust For Life‘ was written in front of the TV in Berlin, with a rhythm copied from the tapping Morse Code beat of the Forces Network theme. Is this the case?
BOWIE: Absolutely.
Es gibt mehrere Gründe, warum der Roman „Aljoscha der Idiot“ heißt, aber ohne „The Idiot“ von Iggy Pop hätte ich ihn nie geschrieben.
SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – was lohnt es noch, zu lesen?“
September 2009
hans-werner degen:
Zweigs Dostojewski interessiert mich deutlich weniger als mein eigener…
Christian Erdmann:
„Dostojewski ist nichts, wenn nicht von innen erlebt.“ (Stefan Zweig)
einEi:
Stefan Zweig, der bekannte Schriftsteller, soll das gesagt oder geschrieben haben? Wann? Wo? Sie müssen schon mit Quellen arbeiten, sonst versteht hier keiner mehr, was das alles soll.
Christian Erdmann:
„Sehr schön. Wenn Sie zur Tagesordnung sprechen, gut und schön. Gut und schön, wenn Sie zur Tagesordnung sprechen. Fahren Sie fort.“ (Flann O’Brien)
KLMO:
Im Detail ist Dostojewski ein Meister der menschlichen Psychologie. Doch wie löst er die Problematik als Ganzes?
Seine Werke quellen über von Schuld und Sühne, Gott und Teufel, Paradies und Hölle, alles Metaphern, derer sich bevorzugt das Christentum bedient…
Christian Erdmann:
Iggy Pop, den die meisten nur als „Godfather of Punk“ kennen, ist ein sehr belesenes Kerlchen, was sich zuletzt darin ausdrückte, daß er sich von Houellebecqs Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ zu einem Album inspirieren ließ. 1993 ließ er auf seiner „American Caesar“-Platte in seiner Version des Klassikers „Louie Louie“ kurz verlauten: „I’m as bent as Dostoevsky“.
Schon 1977 durfte man annehmen, daß Iggy Pop seinen Fjodor kennt: in diesem Jahr brachte er zwei Platten heraus: „The Idiot“ und „Lust For Life“. Zwei Titel, die, zusammengenommen, Dostojewski in der Nußschale ergeben.
AS BENT AS DOSTOEVSKY
zeigt sich Iggy Pop schon auf dem Cover, das sowohl von Heckels „Roquairol“
(nicht umsonst schleppte Bowie Iggy in Berlin durch die Expressionismus-Sammlungen)
inspiriert ist, als auch jenen Bildern Egon Schieles gleicht, in denen die Verzerrung und Verdrehung menschlicher Gestalt wie der Ausdruck des Fehlens jeglicher inneren Ausgewogenheit wirkt. Isoliert wirkende Gestalten – die Journalistin Kerstin Bode betitelte einen Artikel über Iggy Pop mal mit „Isolierter Sprengsatz“ und spricht von seiner „grausamen Einzigartigkeit“ –; Gestalten, die Schiele in „kompromißloser Selbstentäußerung“ (Erwin Mitsch) aufs Blatt bringt, und über die Mitsch sagt: „Die organische Einheit des Körpers … wird zerrissen in einander widerstrebende und bekämpfende Teilstücke. Sie werden Spiegelbild und sichtbarer Ausdruck innerer seelischer Kräfte und Vorgänge.“
Iggy Pop „dehnt/biegt und krümmt seine Gliedmaßen zu Formen, die dem Gravitationsgesetz trotzen. Freiübungen eines Ballettänzers, der an der Starkstromleitung hängt.“ (Harald InHülsen, ca.1980).
Qual/Schmerz/Lust/Erregung.
Eines von Schieles Selbstbildnissen trägt den Titel: „Ich liebe Gegensätze“.
Werner Theurich, den Hiesigen eher als „sysop“ bekannt, schrieb nach einem Konzert von Iggy Pop in „Knopf’s Music Hall“ (heute Docks), bei dem ich auch zugegen war, über den „ewigen Märtyrer“ (Zitat Theurich): „Nicht zu reden von Iggy Pops offensiven Bühnenshows, die über das Publikum hereinbrachen, mit denen Iggy sich auslieferte, Angst machte und immer um den vollen Einsatz spielte.“
Iggy Pop im Sommer 1979:
„Ich habe gerade in der Herald Tribune eine Geschichte über den Nuklearen Endkampf gelesen; weißt du, was Bowie machen würde? Er schlägt seine Landkarte auf, sieht nach, wo die Bombe explodieren wird, steigt sofort ins Flugzeug und begibt sich an einen sicheren Ort, vielleicht Argentinien. Ich werde genau das Zentrum raussuchen, wo die Bombe aufschlägt, denn ich will es fühlen, genau da! Die Hitze spüren, den Schmerz!“
Poetische Übertreibung, vielleicht.
Brocken aus Stefan Zweig über Dostojewski:
„Von jeder seiner Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des Irdischen, hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz seiner Menschen liegt die ewige Nacht und glänzt das ewige Licht … Wer viel von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm … die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden …
…Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski und seinem Schicksal … Alle Konflikte spitzt es ihm schmerzhaft zu, alle Kontraste dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft auseinander … Amor fati, die hingegebene Liebe zum Schicksal, die Nietzsche als das fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in jeder Feindlichkeit nur die Fülle fühlen, die Heimsuchung als Heil … Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des Erlebnisses verliert das äußere Schicksal gänzlich seine Herrschaft … Triumph des Menschen über sein Schicksal, eine Umwertung der äußeren Existenz durch die innere Magie … hat auch das Glück seiner Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit, sondern es flimmert und brennt wie Feuer … Nie war vor ihm die Gegensätzlichkeit des Gefühles ähnlich weit aufgerissen, nie die Welt so schmerzhaft weit gespannt wie zwischen diesem neuen Pol der Ekstase und Zernichtung, die er jenseits aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt hat … leidenschaftlicher Bejaher seines Schicksals … Dostojewski provoziert im Glücksspiel das Schicksal: … was er ihm abgewinnt, ist äußerster Nervenrausch, tödliche Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl … Er will unendliches Leben. Und Leben ist ihm einzig elektrische Entladung zwischen den Polen des Kontrastes … Seine Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine Norm, sondern einzig auf Intensität … Lust (zeugt) das Leiden und das Leiden wieder Lust. Ewig berühren sich die Gegensätze … Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein zwiespältiges Schicksal, amor fati ist darum Dostojewskis letztes und einziges Geheimnis, der schöpferische Feuerquell seiner Ekstase. Eben weil das Leben ihm so gewaltig zugemessen war, weil es ihm Unermeßlichkeiten des Gefühles im Leiden auftat, hat er das grausam-gütige, göttlich-unverständliche, ewig unerlernbare, ewig mystische Leben geliebt … Er will nicht wie Goethe zum Kristall erstarren … sondern Flamme bleiben, selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich sich neu aufzubauen, ewig sich wiederholend, aber immer mit gesteigerter Kraft und aus gespannterem Gegensatz. Er will nicht das Leben meistern, sondern das Leben fühlen … Und nur so, als der „Gottesknecht“, als der Hingebendste aller, konnte er der Wissendste alles Menschlichen werden … Seine Helden … sind nicht friedlich eingeordnet in unsere Welt, überall reichen sie mit ihrem Empfinden bis zu den Urproblemen hinab … Sie wollen gar nicht in die Realität hinein, sondern von allem Anfang an über sie hinaus … Sich selbst wollen sie fühlen und das Leben, aber nicht dessen Schatten und Spiegelbild, die äußere Realität, sondern das große mystische Elementare, die kosmische Macht, das Existenzgefühl … jenes ganz urhafte Gelüst, das nicht Glück will oder Leid, die schon Einzelformen des Lebens sind …, sondern die ganz einheitliche Lust …
… Sie wollen das Leben weder erlernen noch bezwingen, gleichsam nackt wollen sie es bloß fühlen und fühlen als Ekstase der Existenz.“
Wersilow und Katharina in „Der Jüngling“, kurz vor dem Ende:
„Ich weiß, ich weiß, Sie sahen, daß Sie das nicht fanden, was Sie brauchten, aber… was brauchten Sie denn? Erklären Sie mir das noch einmal…“
„Habe ich Ihnen das denn schon einmal erklärt? Was ich brauche? Ja, ich bin doch eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe… ich liebe heitere Menschen.“
„Heitere?“
Die Verständnislosigkeit, mit der Wersilow das wiederholt: „Heitere?“
Nochmals Stefan Zweig über die Figuren Dostojewskis:
„Glücklichsein ist ihnen gleichgültig, Zufriedensein ist ihnen gleichgültig, Reichsein eher verächtlich als erwünscht. Sie wollen nichts von all dem, diese Seltsamen, was unsere ganze Menschheit will. Sie haben den uncommon sense… sie wollen alles. Und alles ganz stark. Das Gute und das Böse, das Heiße und das Kalte, das Nahe und das Ferne.“
Wissen, daß man verdreht ist, verzerrt, daß man scheitert, sich in (scheinbaren) Widersprüchlichkeiten zerreißt, daß man ein Idiot ist, ewiger Märtyrer, daß man sich selbst fast zugrunderichtet mit der Empathie, dem „unendlichen Mitleiden“, mit dem Versuch, panoramisch zu sein, und bei alldem ICH LIEBE GEGENSÄTZE die Wurstmacher Wurstmacher sein lassen und dort Schätze finden, wo andere ums Verrecken nichts erkennen, wissen, daß man die Einheit noch in den vertracktesten Ambivalenzen aufspüren kann, und in alldem nichts fühlen als das Leben selbst: das, lieber KLMO, ist für mich bei Dostojewski viel wichtiger als „all die Metaphern“, weil am Ende all dessen nicht sinnlose Liebe zum Exzeß steht, sondern: Lust for Life.
Iggy Pop, David Bowie, Tony Visconti – drei der an „The Idiot“ Beteiligten hatten Dostojewskis „Der Idiot“ gelesen.
David Buckley nennt „The Idiot“ „a funky, robotic Hellhole of an album“.
Komplett abgestürzt und ausgelaugt durch die Selbstzerstörungsorgie der Stooges, die sadomasochistischen Energien ihrer Musik, die Drogenexzesse, den Nihilismus und die Torturen an Leib und Seele steht Iggy Pop schließlich vor den Türen einer Anstalt. Zu den wenigen Besuchern in der Neuropsychiatrie zählt David Bowie. Im Frühjahr 1976 nimmt er Iggy als Begleitung mit auf seine Station To Station-Tour durch Europa, surreal schöne Fotos entstehen, Bowie und Iggy in Touristenpose auf dem Roten Platz oder im Moskauer Metropol-Hotel.
Im Juli 1976, der Umzug nach Berlin läuft, beginnen Bowie und Pop im Château d’Hérouville mit den Aufnahmen zu „The Idiot“. Das sexy Höllenloch öffnet sich mit „Sister Midnight“.
Wie Bowie und Iggy Pop bei diesem Sound angekommen sind, bei dieser glorios hypnotischen strangeness, bleibt Geheimnis. „Damn, listen to what Dennis Davis is playing on ‚Sister Midnight‘ … it’s insane!“ (Iggy, 2016). Können vor Schaudern. Selbst jeder Schlag auf die crash cymbal wird von Dunkelheit verschluckt. Die brutale Insistenz, mit der das irreguläre Funk-Riff von Davis / Murray / Alomar und Iggys furchterregende Stimme Sister Midnight bearbeiten, ist betäubend. Dazu eine Gitarre, die den Mond anheult oder eine Jungfrau zersägt. Brian Eno über „The Idiot“: als würde man langsam einbetoniert.
„Calling Sister Midnight / I’m an idiot for you“. Beep.
„So as we were working on Sister Midnight, David was playing, and I was trying to tune the sound using a compressor to get a nice distortion. As I turned an equalization button on the desk, I got a sudden noise, like a ‚bip‘. I saw David, with the headphones on, startled in his chair. But he didn’t stop playing. When he came back to the control room, he asked me ‚What was that noise?‘ I told him that I made a mistake on the desk. We listened to the tape. The ‚bip‘ was clearly distinct. ‚It’s nice! We’ll keep it. ‚“ – Laurent Thibault, Schloßpächter und house engineer im Chateau d’Herouville.
Letzte Nacht unten im Labor, mit Dracula und seiner Crew. Das Album ist creepy. Kalte Dunkelheit, zwielichtige Dekadenz, expressionistische Verzerrung. Was ist, wird Obsession. „Low“ erschien zuerst, aber „The Idiot“ entstand zuerst und war Bowies Testgelände. Bowie inspiriert Iggy zu Gesang in bedrohlich tiefem Bariton, ghoulish zuweilen. Iggy: „I was working on the lyrics to ‚Funtime‘ and he said, ‚Yeah, the words are good. But don’t sing it like a rock guy. Sing it like Mae West.'“ Er entpuppt sich als verdammt guter Sänger. Iggy erhebt sich sinister majestätisch aus seiner Gebrochenheit, über postapokalyptischen Soundscapes, über Rhythmen, die, funky & robotic, einen ominösen Glamour in Bewegung bringen, und, vor allem, über all die Spuren von Verzerrung, die Bowie in die Musik legt. Zweig über Dostojewski variierend ließe sich sagen: von jedem Moment auf „The Idiot“ führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des Irdischen. Ich meine mich zu erinnern, daß ein Journalist mal schrieb: ideale Musik für eine Auspeitschparty.
Für den Nine Inch Nails-Song „Closer“ modifiziert Trent Reznor ein Drum Machine-Sample aus „Nightclubbing“. Die sleazy cabaret-Elemente von „Nightclubbing“ verleihen das Gefühl, vampirhaft, like a ghost, durch die gespenstisch ausgeleuchteten Korridore und Hinterzimmer eines mysteriösen Etablissements zu schleichen, in dem unaussprechliche Dinge vorgehen.
Funtime:
„Almost immediately, the listener is greeted by a zombie-like, dissonant chorus: ‚All aboard for funtime‘. … The guitar on the first bridge starts with an off-note, but it’s kept as it is part of the dissonant mood. During the bridges … the listener feels helpless as if he/she is strapped into some kind of horror show carousel that is careening out of control.
This out of control feeling and ever present dissonance on this song makes the listener feel that something very UN-fun is actually happening and this is the main thrust of ‚Funtime‘. The juxtaposition of ‚Fun‘ and ‚Funtime‘ with the aggressive subject matter, monster references, leering sexual content and terrifying soundscape leaves the listener not with feelings of irony but unease.“ (Bradley Banks)
In den ersten Sekunden hört man etwas, das wie leises Schluchzen klingt, vermutlich gluckst Iggy vor dem vocal take einfach in sich hinein, aber die Atmosphäre ist von Anfang an beunruhigend. Bowies Gitarre, die vom falschen Akkord hochrutscht, lutscht sich Energie von Deinen Knochen, aber das ist Dir im Labyrinth der darkrooms jetzt ganz recht.
Eine der traurig schönen Traumpuppen da unten ist Baby, und der Sänger erklärt ihr: die Welt ist immer ungerecht. „I’ve already been down the street of chance“. Please stay clean, please stay young, Iggy singt, als wolle er alle gleichzeitig hypnotisieren, Baby und die Dämonen, die es auf die Unschuld abgesehen haben. Bei 0:47 hört man einen Lautfetzen, der sich gerade noch als Bowies Stimme identifizieren läßt, wie aus dem Nebenraum des Songs, in dem sinistre Voyeure den lullaby sardonisch kommentieren.
Zwischen „Funtime“ und „China Girl“ hat „Baby“ es nicht leicht, aber wenn man den Song, sagen wir, 10mal nacheinander hört, bekommt man ein Gespür dafür, wie er der winterlichen Schneelandschaft gleicht, in der Iggy auf dem Coverbild die „Roquairol“-Pose nachstellt. Das absteigende Motiv, das Hit The Road Jack-Sachlichkeit vortäuscht und doch nur in schiere Unheimlichkeit getaucht ist, eine Landschaft, die man grimmig durchwandert, Fäuste in den Jackentaschen.
„China Girl“, Amoklauf von Liebeslied, allesverzehrende Leidenschaft, die Bilder von eskalierender Herrschaftsphantasie und Vernichtung produziert, während Taumel und Wahnsinn sich steigern bis zu drohender Selbstentleibung. „China Girl“ fängt nicht einfach an, „China Girl“ entlädt sich, mit der Hoffnung auf escape, mit ihr, ohne sie ein Wrack, Iggy klingt verletzlich, fragil, I’d feel tragic like I was Marlon Brando, dann eskaliert der bedrohliche Unterton, wird manisch bei „It’s in the white of my eyes“, Iggys Stimme „distorting the microphone preamplifier“ (Tony Visconti), und wen zwingt das nicht auf die Knie: „And when I get excited, my little China Girl says ‚Oh Jimmy just you shut your mouth. She says, Sshhh…“ Und dann ist er tatsächlich still, und dieses unfaßbar dramatische Ende nimmt seinen Lauf, Synthesizer mit Streicher-Grandeur, Bowies Saxophon glüht durch den dichten Mix, dann die gleißenden Gitarrenlinien, dann färbt sich die Sonne blutrot.
Weihnachten 2013 war Iggy Pop zum ersten Mal mit einer eigenen Radioshow auf BBC 6 Music zu hören, seit 2015 führt er als „atmospheric bartender“ regelmäßig durch den Abend, läßt uns teilhaben an seinem Gefühl für die Schönheit und Bedeutung der Songs, die er spielt, läßt uns wissen, falls wir es vergessen hatten, daß sie so viel mehr sind als nur Songs, und das Wunderbarste daran: wie er, der Godfather of (you name it), dabei Dankbarkeit und Demut durch den Äther schickt. Mit ähnlichem Gestus erklärt er 2016, der beste Teil von „China Girl“ beginnt
„when I shut up. There is a beautiful guitar line that David wrote. I knew it was good when we did it, but I was not able to appreciate it emotionally the way I do now. Every time I hear it, I feel all these things that have to do with coming and going. Because we all come, and we all go.“
Der verzerrte fernöstliche Klang, den Bowie auf „China Girl“ produziert: ein Spielzeugklavier, das Laurent Thibaults 8jähriger Tochter gehörte. Der Text würde auch Sinn ergeben, wenn „China Girl“ eine Metapher für Heroin wäre, aber die Dame, die den Song wesentlich inspirierte, war eine Vietnamesin namens Kuelan Nguyen.
Am Ende des Songs ist mir immer, als hätte ich Abschürfungen. An der Seele. Manchmal brauche ich die Pause, die das Vinyl der LP danach gewährte, immer noch.
Für „Dum Dum Boys“ spielt Bowie sich die Finger auf der Gitarre blutig, dann läßt er das Riff, das Synapsenverbindungen im Hirn herstellt, die ziemlich sleazy sind, Note für Note von Phil Palmer nachspielen (dem Neffen von Ray & Dave Davies). 7-Minuten-Ode an Aufstieg und Fall der coolen, bösen Gang, in der Iggy die Verachtung der Stooges für den Rest der Welt beschwört und ihre Geschichte damit zum Mythos macht. Siouxsie, die Edle, die später Iggys „The Passenger“ für ein Cover-Album auswählt, beschrieb „The Idiot“ als „re-affirmation that our suspicions were true: the man is a genius.“ Tatsächlich klingt „The Idiot“ geradezu absurd anders als alles andere. „The Idiot“ steht schief zur Welt, auf Trümmern, die noch rauchen.
Der Tag bricht an und du willst nicht leben, „‚cause you can’t believe in the one you’re with“, die Tricks und die Vergangenheit, der Verlust einer Unschuld, die dann auch die junge Unschuld nicht zurückbringt. „Tiny Girls“ – ah what did you think. Über der dunklen Textur spielt Bowie das wunderschönste, coolste und zugleich wehmütigste Solo auf einem Plastiksaxofon für Kinder.
Auf die Desillusionierung von „Tiny Girls“ folgt die epische Verheerung von „Mass Production“.
„I have no idea how Bowie and Pop achieved the song’s unique sound; I suspect Alomar and a synthesizer are running the show, especially during the sublimely weird instrumental passage which makes you feel like you’re on the floor of the ocean in a doomed submarine that is sending out an SOS.“ (Michael H. Little, 2016).
Dave Catching (QOTSA, EODM, Herz des Rancho de la Luna): „It sounds like they were detuning the synths too, and it always puts me in a trance whenever I listen to it.“
8 1/2 Minuten Trance.
„The first thing you hear on ‚Mass Production‘, the eight-minute industrial horror movie that finishes off The Idiot, is a synthesizer fading in, like a machine drawing breath; it’s suddenly confined to the right channel, where it now drones a single note, like a foghorn, and it’s answered by four piping notes in the left channel, a mechanical birdsong that repeats through much of the track (though often drowned in the mix). Dennis Davis‘ drum fill kicks the song into a semblance of life, and Iggy Pop appears, sounding like a man holding a hostage.“
„Mass Production“ – „is far from any sort of triumphal Futurism; there’s no nobility of the machine found here, just a nihilistic realization that even the cold promise of machinery is a lie. If ‚Mass Production‘ has a visual analogue, it’s David Lynch’s street sets for Eraserhead: a city seemingly purged of human beings and reduced to abandoned train tracks, lifeless tenements and an encroaching darkness.“ (Pushing Ahead Of The Dame)
Leben als industrielle Massenproduktion, Lyrics, in denen ein Mädchen nach der Nummer eines Mädchenduplikats gefragt wird, Austauschbarkeit und Leere und trotzdem ein seltsamer Reiz: Iggy Pop sprach immer fasziniert von der Schönheit verfallender Industriekultur. Das fadeout von „Mass Production“ post-alles, der Song geht unter in grauer endloser Ferne und otherwordliness, letzte Atemzüge of everything, devastating und – unerklärlich schön.
G. Starostin: „Sometimes the noises get really ugly but then again it’s mass production“. „Das ist ja schrecklich! Wie das leiert!“ rief Leda eines Abends bei besagter weird instrumental passage, und es war einer dieser Momente: „Aljoscha sah, wie an einer entscheidenden Weiche ein schwerer Hebel umgelegt wurde, von einem Mann, der sein Gesicht im Schatten der Hutkrempe verbarg.“
„Though I try to die / You put me back on the line / Oh damn it to hell / Back on the line / Hell, back on the line / Again and again / I’m back on the line“.
„The Idiot“ war das letzte, das Ian Curtis in seinem Leben hörte. Für mich war in Phasen tiefster Verzweiflung, Entfremdung und Verachtung „The Idiot“ ein Teil der Mythologie, die zu Auferstehung rief. „The Idiot“ sagt: If you lived through this, you live through everything. Tief im Herzen dieser desolation liegt a new conviction.
„The Idiot“ und „Lust For Life“ bedeuteten auch: die Götter sehen diesem Mann zu in stiller Bewunderung I’M AN EASY MARK WITH MY BROKEN HEART „Ein permanenter Versuch, die Verbindung zwischen dem brodelnden Inneren, der Irrationalität / dem eigenen Irrenhaus und der (er-)wartenden Außenwelt herzustellen“ I STAND ON THE WORLD’S EDGE wer sonst ist mit mir AND I RIDE AND I RIDE smiles like a reptile HERE COMES MY FACE IT’S PLAIN BIZARRE ich fotografierte das „Lust For Life“-Cover und vergrößerte es für meine Wand, „a beaming, slightly mad-looking Iggy shot in a dressing room during the March ’77 UK tour. It’s the face of a man ready to harangue the world while he charms it“ JESUS? THIS IS IGGY ein Gesicht, aus dem man Handlungsmaximen ableiten kann THINGS GET TOO STRAIGHT I CAN’T BEAR IT selbstverständlich ist er 1977 die schönste Kreatur auf Erden I SEE THE STARS COME OUT OF THE SKY „immer auf der Suche nach der Möglichkeit, nach dem Weg, das eigene Geschick unter Kontrolle zu bekommen“ ALL OF IT WAS MADE FOR YOU AND ME „Ich weiß nichts, was ähnlich wäre wie diese Stimme. Ich denke, daß es die einsamste Stimme der Welt ist.“ (Dirk Scheuring, SPEX 1986) I’M TRYING TO BREAK IN OH I KNOW IT’S NOT FOR ME ein Märtyrer, der sich nach Liebe und Anerkennung sehnt CALLING SISTER MIDNIGHT I’M A BREAKAGE INSIDE sein Plan für später: wiedergeboren werden als schwarzer Pudel und an den Beinen der Mistress hochspringen CALLING SISTER MIDNIGHT YOU’VE GOT ME REACHING FOR THE MOON.
„I just want to say that the most provocative friend of my adult life has been David Bowie and he has absolutely opened vistas to me where I have been able to assimilate information that has allowed me to survive and also to enjoy the world I’m in a lot more…“ – 1988
1976 pflegen Bowies Tourmusiker Iggy Pop am Frühstückstisch anzutreffen, wie er beim Kaffee mit Brille auf der Nase die politischen Kommentare europäischer Zeitungen studiert. Der Mann, der am Ende einer Nacht exzessiven Konsums in Berlin von einer Telefonzelle aus, in die irgendein Witzbold ihn eingeschlossen hat, die Polizei anrufen muß, um sich befreien zu lassen, war immer einer der Intelligentesten der Delinquenten. The world’s forgotten boy ist ein Informationsassimilator mit einem enzyklopädischen Gedächtnis für Kunst und Geschichte, einer, der Bücher als Freunde betrachtet, in einem Interview 1999 zählt er als letzte Lektüre auf: Charles Dickens, Voltaire, Victor Hugo, Marquis de Sade. „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ von Edward Gibbon ist eines seiner Lieblingswerke; sein leidenschaftliches Interesse an Römischer Geschichte lebt er 1993 auf dem Song „Caesar“ als „Throw them to the lions“-Imperator aus. Römisch an ihm ist vor allem die Mischung aus Primitivismus und refinement.
Geschichte als Weg aus dem gefängnishaften Zeitgenössischen. Iggy Pop sammelt Stühle. Zu seiner Kollektion gehören ein Louis Seize-Stuhl und ein normannischer Thron. Er begann ein intensives Verhältnis zu Stühlen zu entwickeln, weil ihm lange Zeit nichts gehörte – seine Plattenverkäufe standen in gotterbärmlichem Gegensatz zu seinem Ruf -, und weil es ein gutes Gefühl war, wenigstens auf einem Stuhl sitzend sagen zu können: „Das Fernsehen blökt mich an, und die Leute betonieren alles zu und treiben mich verdammt nochmal in den Wahnsinn“, aber dies ist mein Reich. Weltherrschaft ist Herrschaft über die eigene Welt, you see.
Indianischer Gesang, Schamanentrommeln, dann hebt sich der Vorhang für die Band in leuchtend roten dinner jackets im Sixties-Stil – und für den donnernden Beat. Nach einer Minute „Lust For Life“ kündigt Josh Homme ihn an: „Ladies and Gentlemen, Mister Iggy Pop!“ Die Antwort auf Iggys Erscheinen ist ungezügelte, manische Turbulenz. Sollte es die letzte Tour des Iggy Pop sein, dann ist sie ein würdiger Triumphzug. Vor diesem Abend habe ich Iggy Pop 5 x live gesehen, und es war jedes Mal nicht nur ein denkwürdiges Spektakel, sondern auch, siehe ganz oben, eine Art Anleitung zum Himmelssturm. Diese Band aber spielt / zelebriert die Songs von „The Idiot“ und „Lust For Life“ genau so, wie sie live klingen müssen, wenn man diese beiden Platten über alles liebt. Josh Homme genießt seinen Part als Hofzeremonienmeister wie ein Schneekönig, der seine süßeste Fantasie auslebt, zusammen mit Troy van Leeuwen, Dean Fertita, Matt Sweeney und Matt Helders reproduziert er den vibe all dieser Songs getreu und punktgenau, zwangsläufig schütteln sich ein paar Elemente aus dem Queens of the Stone Age-Hexensabbat aus dem Handgelenk – Killerversionen der Originale mit Queens-Stempel, ein verdammter Traum. Iggy kracht nicht mehr von allen Seiten durch die Bühnenbretter, doch der ungezähmte Genius seiner Five Foot One macht Lust For Life zum Thema dieser Nacht und aller Nächte wie noch nie zuvor. Eine so überwältigte Freude bei allen, auf der Bühne und davor, alle komplett betäubt und euphorisiert. Als wisse tatsächlich plötzlich die ganze Welt, was sie diesem Mann schuldig ist, und als wäre die Welt überglücklich, es ihn wissen zu lassen. Das Feingefühl, mit dem Josh Homme Bowies Präsenz in die Musik von „Post Pop Depression“ eingearbeitet hat, abwesende Freunde sind anwesend heute nacht, „China Girl“ wie ein ergreifender Salut. „David’s friendship was the light of my life. I never met such a brilliant person. He was the best there is.“ – Iggy Pop 11:00 AM – 11 Jan 2016.
„FUUUUCK! BLESS YOU!“, „WHOU! WHOU! FUCKING HELL!“, er winkt jeder einzelnen Seele zu, vor „Funtime“ läßt er Boxen näher an das Publikum schieben, damit er springen kann. Bei „Fall In Love With Me“ teilt er das Meer und wandert durch den ganzen Saal. Michael Ruff, 1987: „Für Iggy Pop sind Konzerte in Hamburg seit jeher ein Heimspiel – unvergessen die kaum zu kontrollierende Begeisterung bei seinem ersten Hamburg-Auftritt vor zehn Jahren.“ An diesem Abend kulminiert die gegenseitige Zuneigung in ganzer Schärfe, Schmerzlichkeit und Schönheit. He is the best there is.
Brust in Brand setzen, Instinkt, Verletzlichkeit, Scheitern, Würde, childlike flashes of excitement, Triumphieren on your own terms. Seine Musik / sein Leben war immer eine Antwort auf die Frage, wie man mit der Welt koexistiert. Die ganze Geschichte des Iggy Pop gewährt einen Blick ins Wesen des Menschseins, für den ich endlos dankbar bin. Sagte ich endlos? Auf „Post Pop Depression“ sind Sterblichkeit und Endlichkeit nichts Unwirkliches mehr. Beliebter Schreibfehler hierzulande: „Zum Todlachen“. Das Todlachen, ich hörte es auch schon. Es klingt raffelnd, rasplig, geschrotet, dann schaumig. Dann so, als hätte er glühende Kohlen mit dem Löffel gefressen, dann wieder scharfkantig, gezackt, durchbohrend, Schnitzmesser spuckend. Manchmal abgearbeitet, schachmatt. Vaterlos, mutterlos, gottverlassen. Dann dieses Lachen, das an Jahren zunimmt, während er es lacht, bis es vergreist, vereist, zerklirrt. Zum Todlachen. Nein, ich gehe vorerst nicht dahin zurück. CALLING SISTER MIDNIGHT CAN YOU HEAR ME CALL CAN YOU HEAR ME WELL CAN YOU HEAR ME AT ALL.
Setlist
Lust For Life Sister Midnight American Valhalla Sixteen In The Lobby Some Weird Sin Funtime Tonight Sunday German Days Gardenia Nightclubbing The Passenger China Girl
Encore:
Break Into Your Heart Fall In Love With Me Repo Man Baby Chocolate Drops Paraguay Success
„Mass Production“ was not played due to keyboard difficulties
„It’s endearing and almost childlike, just the way he looks at the world with those big eyes.“ – Nina Alu, 2003
„Illusion“ klingt im Deutschen stets nach Betrug und Täuschung, die sogleich mit einer gehörigen Portion „Realität“ bestraft gehört. Wenn gutmeinende Freunde auf meine „Illusionen“ zu sprechen kommen, dann doch stets mit dem Rat, sich davon unverzüglich zu befreien und mutig den ungeschminkten Tatsachen ins Auge zu blicken. Wen wundert’s, dass Hauptmann trotz seines Plädoyers für den Angeklagten „Illusion“ letztlich auf verminderte Schuldfähigkeit setzt: als versöhnender Ehestifter zerstrittener Eheleute. Doch hat die Illusion den Vorwurf der Kuppelei von „Wahrheit“ mit „Lüge“ verdient? Ist der Kern der Illusion tatsächlich die Verdauungshilfe zur Wahrheit?
Ein gern verwendeter, doch ebenso auf Abwege führender Begriff ist die „Projektion“ (in der Psychonanalyse). Indem er in den anderen hineinschaut, entdeckt der Mensch sich selbst. Doch geht es hier vor allem um Hässlichkeiten, die wir nicht bereit sind, an uns wahrzunehmen, selten um nette Dinge, die uns das Leben verschönern.
Für mein Verständnis gibt es aber noch einen anderen Begriff, der die Tücken der beiden anderen umschifft: die Imagination. Gemeinhin als ein Vermögen verstanden, sich (auch ohne äußere Sinneseindrücke) Bilder aus dem Inneren abzurufen, beinhaltet diese Fähigkeit noch viel mehr, nämlich das Hineinsehenkönnen von Inhalten in die Wahrnehmung, Dinge zu ergänzen, die sich objektiv nicht feststellen lassen, durch die sich aber ihre Bedeutung für den Betrachter erst erschließt. Dabei geht es um etwas, das uns in den „Raumabgründen des Weltalls“ jede Menge Wärme spendet, wenn wir auch bisweilen unter der imaginierten Hitze zu leiden haben, sobald die Dinge uns hässlich erscheinen.
Die Krähen behaupten / Christian Erdmann:
Sehr schön. Die Allmacht der Imagination gliedert auch den Raum der Erfahrung permanent. Das ist mehr als „Hineinsehenkönnen“, das geschieht immer. Interessant ist doch, warum Menschen so allergisch auf die Information reagieren, daß sie immer mit einem „phantasmatic support“ unterwegs sind, wie der verrückte Žižek das mal nannte.
Jörn Bünning:
Die Krähen werden den Himmel schon nicht zerstören
Nun, diese Krähenschrift ist mir doch seltsam vertraut, auch Slavoj Žižek ist mir kein ganz Unbekannter, selbst wenn ich seine Texte 2-3mal und mit großer Aufmerksamkeit und Vorsicht lese, vor allem, wenn er sich auch noch auf Lacan bezieht.
Aber es stimmt schon: Ohne den „phantasmatic support“ funktioniert keine Erotik. Imagination ist der Schlüssel zur Wahrnehmung, der Weg zu den Empfindungen und damit zur inneren Wahrheit. Wie auch bei guter Musik, z.B. „A Secret Wish“. ;)
Die Krähen behaupten / Christian Erdmann:
„Die Welt, die uns etwas angeht, ist falsch, d.h. ist kein Tatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über einer mageren Summe von Beobachtungen.“ – Nietzsche. Daß es kein Erfahrungsmaterial ohne „Ausdichtung und Rundung“ gibt, meinte vermutlich auch Kant, als er das „Ding an sich“ in die Tonne warf. Guter Musikgeschmack, Herr Bünning. :)
Jörn Bünning:
„Kein Erfahrungsmaterial ohne Ausdichtung und Rundung“ ist gut gesagt – es gibt ja noch nicht einmal ein Begreifen ohne Interpretation, die eigentlich nur aus Imagination besteht. Darüber hatte sich Kant mit dem Philosophen David Hume seinerzeit gestritten: Der schottische Rationalist betonte das Primat der Wahrnehmung für alle geistigen Vorgänge im Menschen. Demgegenüber beschrieb Kant das (apriorische) Vorhandensein geistiger Erkenntnisstrukturen, die nicht aus der Wahrnehmung ableitbar sind, diese aber moderieren.
Dazu nur zwei kleine Beispiele: Auch Hume musste letztlich einräumen, dass Kausalitäten sich nicht direkt beobachten lassen. Sie werden vielmehr bei einer Ereignisabfolge intuitiv „imaginiert“, sofern die Ereignisse in ausreichend enger räumlicher und zeitlicher Abfolge auftreten.
Ein anderes Beispiel ist die Imagination von Bewegungen: Zwei benachbarte Lämpchen blinken abwechselnd – das Licht „springt“ dann scheinbar zwischen beiden hin und her. Dieser Eindruck ist so zwingend, dass er sich auch gegen besseres Wissen durchsetzt.
Doch hat auch Hume, vom Standpunkt der Evolution betrachtet, nicht unrecht. Die Kant’schen „Presets“ unserer menschlichen Wahrnehmung sind schließlich selbst das Ergebnis einer langen Schulung des Lebens auf diesem Planeten und es hat lange gedauert, bis die Bedeutung ansatzweise in die Wahrnehmung hineingefunden hat.
Ohne Imagination wäre jede Wahrnehmung ohne Verstehen, Schönheit würde es nicht geben, Musik eine komplexe Folge von Geräuschen, was wohl schade wäre, allein schon wegen Mark Lanegan. ;)
Die Krähen behaupten / Christian Erdmann:
Zwei Facetten: Erstens, die erkenntnistheoretische, das Paradox, daß unser Wahrnehmungsapparat uns Weltbeschaffenheit vermittelt, die wir aber nicht objektiv beschreiben können, weil wir eben den Wahrnehmungsapparat haben, den wir haben. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Wirklichkeit passiert die Pforte unserer Sinne. Unsere Wahrnehmungsorgane funktionieren, indem sie vorhandene Information reduzieren. Gerade weil wir so avanciert sind, wissen wir, daß nur ein naiver Realismus noch meint, daß die Dinge so sind, wie wir sie wahrnehmen. Die Auffassung von Wahrnehmung als einer Registration des „Gegebenen“ ist überholt. „If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, infinite.“ Sie sind aber nicht cleansed, und „infinite“ ist auch nur ein Wort: auch Sprache als Organisator der Wirklichkeit beeinflußt unsere Wahrnehmung.
Zweitens, „phantasmatic support“, der produktive Anteil der Einbildungskraft an der Wahrnehmung, der Anteil der Imagination und der Projektion an der Schönheit; an allem. Am Beispiel der Büste der Nofretete hat mal jemand dargestellt, wie der Vorstellung von Schönheit ein umfassender Prozeß des Ausschließens zugrundelag, wie ihr Antlitz aus dem Chaos (der Natur) herausgemeißelt ist. Ein Prozeß, der folgerichtig fortsetzt, daß Beobachtung ohnehin Auswahl ist, und in dem die Reduktion wiederum mit dem eigenen kreativen Überschuß versetzt wird.
Žižek hatte ja ein kurioses Beispiel für „phantasmatic support“ – italienische Männer, die es angeblich lieben, wenn ihnen die Frau beim Sex Obszönitäten ins Ohr flüstert, bevorzugt über das, was sie mit einem anderen Mann getan hat. Apart from that, ist dies einfach von Anfang an die Art und Weise, wie wir unsere Lebenswelt gestalten. In der Wahrnehmungverleihen wir. Sehen heißt Hineinsehen. Wir agieren eh von Anfang an so, als gebe es keine uninterpretierbaren Tatsachen, wir reichern jedes Erleben mit unserer Phantasie an, schießen durch imaginäre Ordnungen, ersetzen Mythen durch Mythen.
Lese gerade die Kafka-Biographie von Peter-André Alt. Erster Satz: „Franz Kafkas Wirklichkeit war ein weitläufiger Raum der Einbildungskraft.“ Gemeint ist tatsächlich, daß Kafka bewußt den Raum der Erfahrung wie eine Traumlandschaft gliedert, daß er etwa seine Furcht vor dem Vater durchaus obsessiv kultiviert, weil sie zu dem Selbstbild gehört, das Bedingung seiner schriftstellerischen Existenz ist, daß ihm sein Schreiben selbst die Erfahrungswelt in einen Raum verwandelt, in dem Phantasie und Realität nicht mehr getrennt werden können. Im „großen Schachspiel“ des Lebens, erklärt Kafka, sei er „der Bauer des Bauern, also eine Figur, die es nicht gibt“. Bei aller realen Furcht und Einsamkeit, die er erfahren haben mag, spürt er früh, daß er die Erfahrungslandschaft seines Alltags in Zonen verwandeln muß, wo er die Kunst der Beobachtung unbefangen praktizieren kann, und sie gegen die ihn umgebende Gemeinschaft verteidigen muß. Bin noch nicht weit mit dem Buch, aber so etwa der Tenor der ersten Kapitel, der letztlich auch eine Weise des „phantasmatic support“ beschreibt.
Jörn Bünning:
Vorsicht! Ich hoffe, Du weißt, worauf der sich einlässt, der seine Dämonen füttert und seine Wirklichkeit gegen eine soziale Umgebung verteidigt. Kafka war psychisch isoliert und so fruchtbar dieser Boden für seine künstlerische Gestaltung war, so furchtbar litt er zugleich unter den Dämonen seines phantasmatic support, stets in Gefahr die Kontrolle über den letzten Bauern vollends zu verlieren.
Einen Großteil ihrer Zeit ver(sch)wendet die menschliche Spezies dazu, sich einer gemeinsamen – „der richtigen“ – Realität zu versichern, ihren phantasmatic support nach Kräften zu domestizieren, eine gewaltige kulturelle Leistung, die aber selbst größeren und sog. „aufgeklärten“ Gesellschaften nur zeitweise und unter größten Mühen gelingt. Die großen Massenhysterien der Zeit singen uns periodisch Strophen über die Vergeblichkeit all dieser Bemühungen.
Und die Sprache, die sich anbietet als ein Geländer vor den inneren Abgründen und als betretbare Brücke zum Gegenüber, wird selbst zu einer trügerischen Spur in den Nebel und ehe wir uns versehen, stehen wir mitten im grausamen Grau, ängstlich aneinander geklammert, doch ohne einen Halt.
Folge Deinem Instinkt wie ein Käfer auf dem Tellerrand, der unendliche Welten bezwingt, indem er die Angst vergisst, wo er sie lebt.
Die Krähen behaupten / Christian Erdmann:
Vorsicht! Ich hoffe, Du weißt, worauf der sich einlässt, der seine Dämonen füttert (…)
Absolut.
Wie bedrückend die Gewißheit gewesen sein muß, daß nichts im Leben ihm selbstverständlich war. Worauf Alt, meinem ersten Verständnis nach, hinauswill: natürlich scheint der Vater die personifizierte Selbstgefälligkeit im Lehnstuhl gewesen zu sein, ein Alltagsdespot, der unmißverständliche Handlungsmaximen, geronnene Lebensweisheiten und banale Gemeinplätze verkündete, aber Alt sieht trotzdem die Frage, ob der Vater tatsächlich dem hier entworfenen Bild objektiv entsprach, oder ob Kafka das Modell einer archetypischen Autorität als unumkehrbares Grundmuster von Fremdheit und Bedrohlichkeit auch beizubehalten bzw. noch zu verstärken suchte, für jenen abweichenden Selbstentwurf, der sich im Schreiben verwirklichte.
Man weiß wohl von Ottla, Kafkas Lieblingsschwester, daß sie dem Vater gegenüber einen offeneren Trotz zeigte; anderer Umgang mit dieser Figur also theoretisch möglich war. Seine Schwestern liebten Kafka, Brod scheint ein wunderbarer Freund gewesen zu sein (der, so interpretiert Alt, auch Kafkas letzten Wunsch richtig verstanden hat), Kafka konnte ein glänzender Unterhalter sein usf. Insgesamt also Ausloten der Möglichkeit, daß Kafka die Zone der Isolation, die Du beschreibst, sehr bewußt bewohnte und behauptete; all seine Kräfte in sie zusammenzog, Kräfte, die er immer als sehr bemessen ansah. Daß er, trivial gesagt, nicht nur ein „angenehmeres“ Leben der Kunst opferte, sondern daß er den phantasmatic support bewußt zur Verdunkelung seiner Umgebung benutzte; um in den Schatten bleiben zu können, die ihm Hellsicht gewährten.
Was Kafka beim Schreiben anstrebte, würden Neumodiker wohl als „flow“ bezeichnen; das glückende Schreiben als ununterbrochener Strom (die 8 Stunden von „Das Urteil“). Du kennst die Tagebucheinträge, die, wenn das nicht gelang und er abbrach, z.T. nur aus zwei Worten bestehen: „Nichts, nichts.“ Wenn man ahnt, worin Kafka Glück empfand, ahnt man auch, welche Verzweiflung in diesen zwei Worten liegt. Vielleicht eine stärkere als jene, die von den Dämonen ausging? Wage ich nicht zu beurteilen.
ray05:
[…] „Nichts, nichts.“ Wenn man ahnt, worin Kafka Glück empfand, ahnt man auch, welche Verzweiflung in diesen zwei Worten liegt. Vielleicht eine stärkere als jene, die von den Dämonen ausging? Wage ich nicht zu beurteilen.
Nun, wenn ich mir den Künstler vorstelle als jemand, der sich alles, was ihm widerfährt, zunutze macht – egal, ob das Widerfahrene „eingebildet“ ist oder nicht -, dann vermute ich, dass er jene Teile, die ihm den größten Nutzen für seine Arbeit versprechen, dementsprechend kultiviert, auch wenn’s wehtut und die Verzweiflung mit am Tisch sitzt wie so ein Farmer aus dem Mittelwesten mit zugekniffenen Augen, Strohhut und angelegter Schrotflinte. :) Denke dennoch, dass dieses „Nichts, nichts“ der größtmögliche Verzweiflungssatz ist, denn was kann schlimmer sein als das Eingeständnis vor sich selbst, nichts [mehr] zum Sprechen bringen zu können, sich nichts [mehr] zunutze machen zu können.
KLMO:
Bei Kafka spielte natürlich seine angeschlagene Konstitution eine Rolle. Kafka suchte am Anfang auch das Abenteuer, das Leben im Extrem, den Weg nach oben. Stattdessen überall unüberbrückbare Hindernisse, verbunden mit einer schon früh angeschlagenen Gesundheit. Beispiel: Meldet sich als Kriegsfreiwilliger, Vater interveniert – um dann noch einmal wegen Dienstuntauglichkeit abgelehnt zu werden. (Man beachte seine TB). Schon hier liegt der Schlüssel für sein introvertiertes Leben. Als Metapher: Den Berg auf herkömmliche Art zu besteigen, bleibt ihm verwehrt.
Gezwungenermaßen verharrt Kafka in der Ebene, aber er besitzt die Fähigkeit, den Berg zu durchschauen.
Die Krähen behaupten / Christian Erdmann:
…verharrt Kafka in der Ebene, aber er besitzt die Fähigkeit, den Berg zu durchschauen.
Klasse, der Satz.
Denke dennoch, dass dieses „Nichts, nichts“ der größtmögliche Verzweiflungssatz ist, […]
Wahrscheinlich eben: ja. Diese Fabrik im Zizkov-Bezirk, für die Kafka 1911/1912 Teilhaberschaft übernimmt, heftiger Streit mit dem Vater, der ihm Vorwürfe macht wegen seines geringen Einsatzes für das Unternehmen; Kafkas Verzweiflung ist so groß, daß er „Eine Stunde dann auf dem Kanapee über Aus-dem-Fenster-springen“ nachdenkt. Herbst 1912, als die literarische Arbeit gut voranschreitet, erneut Selbstmordgedanken, weil er die Fabrik regelmäßig besuchen muß. Seine Erklärung, warum er den Sprung aus dem Fenster nicht gewagt hat, färbt größtmögliche Verzweiflung mit der angesichts größtmöglicher Verzweiflung größtmöglichen Ironie: weil „das am Lebenbleiben mein Schreiben (…) weniger unterbricht als der Tod.“
Was soll ich sagen, außer, daß jeder auch sein eigener Schleusenwärter ist. Ich kann doch nicht entscheiden, wie jemand liest, was er liest, und warum, ob zur bloßen Zerstreuung, oder um abtauchen zu können in eine andere Welt als die, die ihn umgibt, und daraus Kraft und Inspiration zu schöpfen, oder um in Literatur etwas zu finden, das einem Schubkraft aus Sein in Unwahrhaftigkeit geben kann, oder um einfach Sprache zu genießen, oder um sich eine vertraute Geschichte neu erzählen zu lassen, oder um sich eine ungeahnte Geschichte mit vertrauten Worten erzählen zu lassen, oder um sich den Boden unter den Füßen wegreißen zu lassen, oder um sich Boden unter die Füße zu schieben, um sich bestätigen zu lassen, um sich Räume öffnen zu lassen, um einfach nur etwas über Zeiten zu erfahren oder über Charaktere, um sich erotisieren zu lassen durch das, was möglich ist, um mitzufühlen oder um amüsiert, mit interesselosem Wohlgefallen die Menschliche Komödie zu genießen, um Mantras daraus zu ziehen fürs Leben oder sich zu sagen, all das, all diese verschiedenen Beschreibungen der Condition humaine zusammengenommen, gehören zur Definition von „Realität“, ob man sich auch via Literatur anfüllt mit dem Chaos, das man nach Nietzsche noch in sich haben muß, um einen tanzenden Stern gebären zu können, oder ob man gelassen Kunst schlürft, ob man dazu kommt zu fühlen, daß jemand, der 1871 schrieb, mehr Zeitgenosse sein kann als die Zeitgenossen, oder ob man über Rilke einen Essay schreiben muß, oder will, ob man sich was konstruieren lassen will oder lieber was dekonstruieren, ob man widerlegen will, daß man nach Sade-Lektüre zum Sadisten wird, oder es beweisen, ob ob ob und noch mehr ob – ich sagte schon, ich bin nur eine Billionstel Kalorie im Urknallsperma, alles, was ich will, ist, daß hier jeder weiter in die Manege schmeißt, was er für lesenswert hält, und daß keiner dem anderem vorschreibt, was er überhaupt für Literatur zu halten habe und wie er darüber spricht.
KLMO:
Damit hast Du fast alles gesagt – jeder nach seiner Fasson.
Christian Erdmann:
Gracq, „Witterungen II“, bist Du durch, übrigens? Hatte Dir ja vom Sog erzählt, in den „Das Ufer der Syrten“ einen zieht: ein derartiges Aufgehen in Wirklichkeit, daß es fast unwirklich ist; wie eine präzis beobachtende Trance. Habe vor ein paar Tagen gefunden, daß Gracq schon als Junge von geologischen Karten fasziniert war, die wie ein magischer Schlüssel auf ihn wirkten. Mit diesem magischen Schlüssel scheint er zu „sehen“, Schichten von Wirklichkeit, die er in Bilder überführt, die zugleich extrem dicht und extrem klar sind: als hätte die Sprache selbst einen luziden Traum. Metaphern, die zugleich so präzise und so seltsam sind, daß man ahnt, was Gracq meinte, als er sagte, er sehe die Welt wie Novalis, es gibt keinen Bruch, nur „magische Entfaltung, die auf einer tiefinneren Umkehrung der Aufmerksamkeit beruht“.
„Erst sehr viel später wurde mir wirklich bewußt, daß sie die Gabe besaß, mit einer Landschaft oder mit einem Objekt sogleich untrennbar eins zu werden. Allein ihre Gegenwart schien den Dingen die Befreiung zu schenken, die ein geheimer Wunsch erhofft, und sie zu sinnvollen Attributen zugleich zu erniedrigen und zu erhöhen.“
Was der Protagonist Aldo da von dem Mädchen Vanessa sagt, trifft in gewissem Sinne auch auf Gracqs Sprache zu; man hat den Eindruck, als kehre seine souveräne Syntax ständig aus sonst unzugänglichen Bereichen zurück, als wäre er ein schwebendes Auge in einer Textur der Dinge, für die unsere eigenen Augen verklebt sind.
Sehr sympathisch auch seine Weigerung, an den Mechanismen des Literaturbetriebs teilzunehmen: „Für mich ist der Schriftsteller jemand, der schreibt. Ich habe keine Lust, mich vor meine Bücher ins Schaufenster zu stellen. Wenn das Arroganz ist, dann kann man da nichts machen.“
ray05:
Nun, vielleicht ist ja Sprache für Gracq genau das, was die „Seele“ für Platon war. Sie – Sprache bzw. Seele – sieht sich am Schönen, Guten, Wahren satt, das der Demiurg für sie aus der Urmasse herauswerkelt, wandert in den Autor zurück, der sich während des Schreibprozesses an all das Geschaute seiner Seele erinnert. Mit Schaudern. – Gefällt mir, das Bild … :)
11.08.2009
Christian Erdmann:
Gestern nacht gelesen in „Das Ufer der Syrten“, ein Friedhof, der für Aldo zum „unseligen Geist der Stadt“ selbst wird:
„Zu ebener Erde erhielt sich diese gefräßige Stadt auf dem schwindelnden Gipfel eines Gerüsts aus Verkrüppelten, aus lebendig zurechtgehobelten Knochen. Sie war und blieb eine hauchdünne Membran, hochempfindlich, aber gänzlich von einem unerhörten Gewebeschwund befallen, sie verbrauchte ihren Lebenssaft bis zum letzten Tropfen, um Knochen, Knochen und Knochen abzusondern und unter der Erde im senkrechten Absturz eines Alptraums eine beständig wachsende Schicht aus Gebein zu formen, gleich geologischen Epochen breitete sie ein einziges gigantisches Gerippe aus.“
„Im senkrechten Absturz eines Alptraums“ – allein das.
19.03.2010
Achras:
Die Werke Julien Gracqs sind im Verlag Droschl vor einigen Jahren erschienen. Was darin „surrealistisch“ anmuten soll, ist in Wirklichkeit nur schwerverdauliches Verfehlen treffenden Ausdrucks für das, was er in Worte zu fassen versucht… schade eigentlich!
Christian Erdmann:
Phantastisch! Abgesehen davon, daß Du vor ein paar Jährchen Julien Gracq hier noch als „sehr lesenswert“ erwähnt hast: Du hast irgendeine Form von Being Julien Gracq hinter Dir und weißt jetzt, was er angeblich „in Wirklichkeit“ in Worte zu fassen „versuchte“, dabei aber regelmäßig den „treffenden“ Ausdruck verfehlt hat? Phantastisch, einfach phantastisch! :)
Achras:
Natürlich gibt es Leser, für die die Lektüre Julien Gracqs eine völlig neue Leseerfahrung darstellt, daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, daß die Lektüre der „Witterungen“ Gracqs wirklich für jeden Leser einen Gewinn oder einen Genuß darstellt…
Gern bestätige ich, daß es eine Phase gegeben hat, in der seine Werke mir eine inspirierende Abweichung oder Ablenkung vom „Literaturkanon“ waren. Dennoch sind beträchtliche Teile dieses Lebenwerkes weder sonderlich erhellend für den „Geist des Surrealismus“ in der Literatur noch erschiene es mir als angemessen, innerhalb des breiten Spektrums der (möglichen) Literatur überhaupt etwas als „zeitlos“ oder „zwingend“ zu rühmen…
Die Welt hat sich verändert, seit Gracq phantasierte…
Christian Erdmann:
Ändert nichts an der Anmaßung dieser Aussage:
Was darin „surrealistisch“ anmuten soll, ist in Wirklichkeit nur schwerverdauliches Verfehlen treffenden Ausdrucks für das, was er in Worte zu fassen versucht…
Nochmal: wo hast Du den Codex „Was Gracq tatsächlich in Worte zu fassen versuchte“ gefunden? Wie wäre es, davon auszugehen, daß Gracq genau so schrieb, wie er schreiben wollte, und genau beschrieb, was er beschreiben wollte? Es gibt übrigens Menschen, die behaupten, Kafka wäre mehr Realist als die sogenannten „Realisten“. Das könnte man selbst dann nur sinnvoll bestreiten, wenn man versteht und akzeptiert, wie es dazu kommt. Gracq ein „verfehlendes“ Phantasieren zuzuschreiben, ist eher Indiz fürs Gegenteil. Es bräuchte keine Literatur mehr, wenn es einen Kanon des gefälligst zu Beschreibenden gäbe, den ein Autor zu erfüllen hat, um nicht eines „Verfehlens“ geziehen zu werden. Gar besser als der Autor wissen zu wollen, was treffender Ausdruck sei – im übrigen bei einem Stil, der andernorts gerade dafür gerühmt wird, daß er durch äußerste Prägnanz gekennzeichnet ist –, wirkt auf mich dann aber doch schon kurios.
„Natürlich“ gibt es Leser, für die die Lektüre Julien Gracqs eine völlig neue Leseerfahrung darstellt; ein neu entdeckter Autor ist eine neue Leseerfahrung. Es sei denn, man verstellt sich mit der – ohnehin nur angemaßten – Haltung des hartgesottenen Alleskenners den Blick. – Die Welt hat sich verändert, seit Gracq phantasierte? Die Welt hat sich verändert, auch weil Gracq schrieb. Daß Weltwahrnehmung in dieser Form möglich ist, ist die viel aufregendere Entdeckung gegenüber der Erkenntnis, daß man von „Surrealismus“ sprechen kann oder auch nicht.
Und was soll das überhaupt, „die Welt hat sich verändert, seit“ – ? Sind Lampenschirme jetzt Polizeibeamte? Ist Beethoven schlecht, weil es Nick Cave gibt? Das ist doch ein gar zu sehr unter Mißmutdrogen stehender Satz, den Du da schreibst. Es gibt zeitlose, die Menschen in der Tat zwingende Phänomene, die seit Jahrhunderten in immer neuen Anordnungen, Facetten, Sichtweisen Thema von Literatur waren und immer sein werden, die ganze Literaturgeschichte ist da ergänzendes Entbergen. Daß Literatur immer auch formal, unterm Stil- und Strukturaspekt rahmensprengend in den Bereich des Möglichen vordringt, wird sich ebenfalls hoffentlich nicht ändern, aber es gab einmal ein kluges Wort vom Stehen auf Schultern von Giganten.
20.03.2010
Achras:
Zitat von Julien Gracq:
„Bis in mein fünfzehntes Lebensjahr, und vermutlich weit darüber hinaus, war eines meiner Lieblingsbücher – neben den periodischen Zusendungen des Chasseur francais, worin ich die Streckenbeschreibungen für Radtouristen verschlang – ein veralteter Michelin-Führer, der auf dem Dachboden neben einer Sammlung des Vermot-Almanachs stand und so manchen Nachmittag eines unfreiwilligen Fastens ausgefüllt hat, an dem ich mich über keinen Jules Verne, keinen Fenimore Cooper hermachen konnte.“
Der Guide Michelin war von seinen ersten Ausgaben an keine Lektüre für Fahrradwanderer…
Christian Erdmann:
… was in dieser Passage ja auch nicht behauptet wird:
„…war eines meiner Lieblingsbücher – neben den periodischen Zusendungen des Chasseur francais, worin ich die Streckenbeschreibungen für Radtouristen verschlang – ein veralteter Michelin-Führer, der auf dem Dachboden neben einer Sammlung des Vermot-Almanachs stand…“
Achras:
Und wenn Gracq in jungen Jahren diese Lektüre jeder anderen bisweilen vorgezogen haben mag, wieso verblieben diese Bücher auf dem Dachboden?
Christian Erdmann:
Da steht nur, daß er da stand. Eines der Lieblingsbücher meiner Freundin, so mit 12, war die von Lo Duca herausgegebene zweibändige Enzyklopädie der Erotik, Kurt Desch Verlag 1963, Exemplare nummeriert, die in der Bibliothek ihres Vaters stand.
Achras:
Aha. Was lernen wir daraus …
Christian Erdmann:
Aha. Langsam verstehe ich.
Zitat von Julien Gracq:
Neben ihr aufgestützt, sah ich ihr schlafversunkenes Haupt wie von Welle zu Welle auftauchen, immer weiter von mir weggespült. Ich blickte um mich, fröstelnd allein in diesem aschenfarbenen Tag, der mit dem Widerschein des Kanals durch kalte Scheiben ins Zimmer sickerte. Was mich getragen hatte, war nun völlig versiegt, und selbst der Raum um mich schien sich zu leeren und wegzuströmen durch die nachtdunkle Schlucht eines Schlafes voll bedrückender Träume. In ihrer hochfahrenden Laxheit, überlegen leichtgesinnt, ließ Vanessa die hohen Türen ihres Gemachs beständig weit offen. Die zarte Asche des Dämmerlichts entsank der Glut dieser kurzen Tage, dumpfen Herzens lag ich matt auf den Laken, und über meine nackte Haut strich der kühle Hauch aus der Flucht der verfallenen Räume. In diese Höhle geduckt, waren wir von einem schon erstorbenen Wirbelsturm vergessen worden, aber wider meinen Willen lauschte ich in das sinnende Dunkel, als käme von fern her und wie vom Grund der horchenden Stille belagerter Städte das Tosen eines Massakers.
Was lernen wir daraus? Eben. Nicht einmal Vanessas Schuhgröße. Wir lernen höchstens, was Literatur ist bzw. was sie auch sein kann: Beschwörung dessen, was sich der Sprache vermeintlich zu entziehen scheint, der nahezu unauslotbaren Tiefe eines einzigen Augenblicks, einer einzigen Situation, eines einzigen Anblicks, jener Tiefe, aus der uns die Zeit, das ist ihr Auftrag, permanent fortreißt.
KLMO:
Aljoscha, was Du richtig beschreibst kann man nicht lernen! Entweder man hat es oder man hat es nicht. Den Rest kann man sich sparen.
21.03.2010
ray05:
Die zarte Asche des Dämmerlichts entsank der Glut dieser kurzen Tage, […]
„Onkel Aljoscha Onkel Aljoscha, das hier kann überhaupt nicht stimmen, der Bericht lügt! In unserem Pfadfinderhandbuch steht ausdrücklich, dass Tage nicht brennbar sind. Und Licht wird auch in der Dämmerung niemals zu Asche.“
Christian Erdmann:
„Auch Rosenkohl ist eigentlich mehr eine Rose als Kohl.“
„Hoffnungsloser Fall! Ihm fällt nur noch Gemüse ein.“