Kategorien
Today's Best Song Ever

Today’s Best Song Ever: Iggy Pop – Lust For Life

Christian Erdmann, Today's Best Song Ever: Iggy Pop - Lust For Life.

Am Abend des folgenden Tages kam Hilfssheriff James Osterberg über die Eselsbrücke in die Stadt geritten. Der Mann, den sie Iggy Pop nannten, dutzendmal geteert und gefedert, der Mann, der wußte, daß man alle Ausgänge kennen muß, bevor man durch den Eingang geht. Lang hatte er Blaßgesichtern das Feld überlassen; jetzt war er zurückgekehrt, um erneut seinen existentialistischen Halsbrecher-Report über die Bretter gehen zu lassen und die Anatomie zu schinden wie kein zweiter, den sehnigen glänzenden Gauklerkörper – man konnte sagen, dieser Körper hatte Charakterstärke – versehen mit einer rituellen Zeichnung: Narben all der Wunden, die der Mann sich zugefügt hatte in Zeiten, als die Frage „Was ist das Problem, James?“ einen konvulsivischen Anfall zur Antwort bekam, begleitet vom Metallgewitter der drei bösen Stooges, weil das Problem war, daß man für das Leben ein zweites Leben als ständigen Kurort gebraucht hätte. Well, Leute. Intensität fängt irgendwann zu brennen an. Allen, die es wissen wollten, erklärte der Mann den Grund für seinen langen Rückzug: er hatte seinen Selbstrespekt verloren. Er hatte eine völlige Neuordnung seines Lebens vorgenommen. Er hatte die Selbstauflösung angehalten und im eigenen mentalen Irrenhaus die Rolle des Platzanweisers übernommen. Eine kopernikanische Wende. Wenn man sich selber ständig in die Quere kommt, hilft ein innerer Amoklauf. Sich nichts mehr vormachen und nichts mehr mitmachen, was man nur durchmacht. Siedende Wahrhaftigkeit aushalten, einem einfachen und starken Sinn zuliebe. „Ich wollte herausfinden“, sagte der Mann, der schon alles gesehen und in der Hölle die Asche zusammengefegt hatte, „ich wollte herausfinden, was ein Liter Milch kostet.“

Das hatte es in sich. Die Würde in diesem Satz! Das ließ den Spiegel der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu Bruch gehen. Das gab Sachschaden. Das warf Scheinwelt und Fassaden in den Orkus. Ein Mantra gegen faulen Zauber und Staffage. Vordringen zum wahren Jakob. Herausfinden, was ein Liter Milch kostet. Ein Kôan war das.

Und dann sagte der Mann noch etwas. Er sagte: „Es mußte getan werden, also tat ich es.“ Gott selbst hätte es nicht besser ausdrücken können.

An einem Abend im Dezember konnten Leda und Aljoscha miterleben, was geschieht, wenn Iggy Pop ein paar Bühnenbretter vorfindet, und die Meute, der sie angehörten, wußte, was sie dem Mann schuldig war. Vier Helfershelfer schufen einen Klangwall, auf dem Pop wilde Zeichen machte wie Pierrot auf Glatteis. Er holte das letzte aus sich heraus, und so herausgeholt sah das letzte noch viel besser aus. Der Genosse Osterberg, er lebe hoch, hoch, hoch! Von diesem Schauspiel würde man noch Jahre zehren, und Aljoscha fühlte sich nach dem Konzert so erquickt wie ein Spatz nach einem Sandbad.


Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“


Ich war 20, als ich zwei große Lautsprecherboxen im Abstand von etwa 70 Zentimetern auf den Teppich stellte und meinen Kopf, der dazwischen lag, mit „Lust For Life“ in die Luft sprengte. Dieser donnernde Drumbeat, 72 Sekunden bis HERE COMES JOHNNY YEN AGAIN, die umwerfendsten Einstiegssekunden eines Songs ever.

UNCUT: Iggy claims ‚Lust For Life‘ was written in front of the TV in Berlin, with a rhythm copied from the tapping Morse Code beat of the Forces Network theme. Is this the case?

BOWIE: Absolutely.

010

Kategorien
Today's Best Song Ever

Today’s Best Song Ever: Iggy Pop – Shades

Iggy Pop by Masayoshi Sukita,

Doch 10mal wunderlich! SIE trug noch mehr! 9 Tage war es her, daß sich in der Metro ein 8-loses Individuum zwischen ihn und SIE geschoben hatte, dadurch 7 Flüche auf sich zog und erst zurückwich, als Aljoscha seinen Walkman von Lautstärke 6 auf militant laut stellte, wodurch im Umkreis von 5 Metern „Shades“ von Iggy Pop Mitreisende mitreißen mußte. Seitdem hatte dieses Stück Musik den 4fachen Schriftsinn:

3) Es handelte von einem Geschenk, das ein Mann von einer Frau erhält, was diesen Mann so rührt, daß er der Frau darüber Treue schwört für ewig und einen Tag (anagogischer Sinn).

2) Es enthielt die Zeile: Die anderen Kerle sind schlecht dran, sie wollten einem Mädchen wie dir nie zuhören (Moralsinn).

1) Es war die Hymne auf den Zauber, in den die Katzenmenschenfrau Aljoschas Leben hüllte. Allegorischer Sinn.

0) Es war so gut, daß man in die Knie ging. Buchstäblicher Sinn.

Und weil „Shades“ das Hohelied auf eine Sonnenbrille war, jenes so bedeutsame Geschenk zur richtigen Zeit am richtigen Ort, trug SIE an diesem kalten Tag, den kein Sonnenstrahl erhellte, eine Sonnenbrille. Klarer Fall! – auch wenn dies alles Aljoscha im Augenblick mehr schwante, als daß er es sich rational und en bloc zusammenspekulierte.

Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“

004