Gestern hätte Brian Connolly Geburtstag gehabt, der 1997 verstorbene Sänger von The Sweet, die eine ziemlich versierte Band waren, und auch von den richtigen Leuten geschätzt: in „The Shadow of Love“ (zumal im „Ten Inches of Hell Mix“) übernehmen The Damned den berühmten Drumbeat von „Ballroom Blitz“ 1:1. Connolly war eine der tragischsten Figuren des Pop überhaupt: mit 18 erfuhr „Snowball“ (sein Spitzname als Junge), daß er er ein uneheliches Adoptivkind war, daß die Menschen, die er für seine Eltern gehalten hatte, Pflegeeltern waren. 1974, als The Sweet ziemlich auf dem Höhepunkt waren, wurde Connolly von ein paar Typen zusammengeschlagen, die dabei nicht nur seinen Hals schwer verletzten; Steve Priest: „Brian was becoming ill and it was not just the booze. He never recovered from the kicking he had to his throat … He had lost his self esteem and confidence.“ Wegen seiner Alkoholprobleme von Andy Scott dann mehr oder weniger aus der Band geworfen; 1981 14 (!) Herzstillstände, bleibende Schäden, ein Jahr vor seinem Tod eine „Doku“ auf Channel 4, die ihm nicht gerecht wurde, und die ihm wohl schwer zusetzte, Ende in einer schäbigen Sozialwohnung. Einer, der nur selten lächeln konnte und dem zigmal das Herz gebrochen wurde.
Bis „Little Willy“ waren auf den Sweet-Singles die von Chinn/Chapman engagierten Studiomusiker zu hören, alle Vocalparts aber stammten von Anfang an von Connolly, Scott, Priest und Tucker selbst, allesamt sehr gute Sänger in allen möglichen Tonlagen.
R.I.P. Connolly, danke für die coole Teenagerzeit.
[SPIEGEL ONLINE Forum]
The Lone Ranger, auf sich allein gestellt, an dem Nachmittag, als ich zu diesem gigantischen Supermarkt called Hanse SB ging und „Desolation Boulevard“ nach Hause trug, quasi in das Innenfutter meiner Jacke eingenäht: The Sweet zu mögen war nicht cool in meiner Klasse. Dabei fand ich sie schon seit „Co-Co“ faszinierend. Brian Connollys feather cut hätte ich auch bei einem Mädchen zuckersüß gefunden, und er hatte eine, mir fällt gerade kein anderes Wort ein, schöne Stimme. Connolly, Priest und Tucker noch ohne Andy Scott, 1968:
1969:
Die Evolution von The Sweet (irgendwann strichen sie das „The“) und den ewigen Kampf der Band um Anerkennung innigst zu verfolgen, war Ehren-, aber Geheimsache. „Desolation Boulevard“ auf meinem Plattenspieler war ein Statement, das niemand sah oder hörte, aber es gibt Statements, die niemand sehen oder hören muß. The Sweet wurden belächelt von, blimey, „ernsthaften“ Musikern und bespöttelt vom Blödmannsgehilfen next door, bis Pete Townshend kam und ihre B-Seiten rühmte. „Blockbuster“ hatte praktisch dasselbe opening riff wie Bowies „The Jean Genie“, alle Beteiligten erklären aber, das sei bloßer Zufall gewesen. „The Ballroom Blitz“ wurde später von The Damned gecovert, mit Lemmy am Bass, „Set Me Free“ von „Sweet Fanny Adams“ klingt wie eine Blaupause für Motörhead-Songs.
Auf „Sweet Fanny Adams“ und „Desolation Boulevard“, beide von 1974, schimmern Einflüsse wie Deep Purple, Led Zeppelin oder The Who gern sehr deutlich durch, manchmal hört man die Vier trying too hard im Beweisen-was-sie-können (Schlagzeugsolo auf „Man With The Golden Arm“, dabei ist Mick Tucker einfach auf jedem Song schlicht brillant), wessen Gitarrenspiel eigentlich wen beeinflußte (Andy Scott – Brian May), ist ohnehin nur mit Würfeln zu entscheiden, der extrem hohe, vielstimmige Backgroundgesang war jedenfalls Markenzeichen von The Sweet, bevor Queen zum Höhenflug ansetzten. Was die Band auf den Alben veranstaltete, bewies nur auf andere Weise, was man auf ihrer wahnwitzigen Reihe von Hitsingles schon hören konnte: außergewöhnliche Energie, jederzeit in der Lage, Songs wie rasende Züge klingen zu lassen, die niemand mehr anhalten kann oder will, und dabei tight as hell.
Eine halbe Stunde auf dem „Official Sweet Channel“, mit den TV-Auftritten für „Blockbuster“, „Hell Raiser“, „The Ballroom Blitz“ oder „Teenage Rampage“, meinetwegen auch „Wig-Wam Bam“, und man könnte auf dumme Gedanken kommen: daß Gesellschaften, die sich noch nicht Spaßgesellschaften nannten, mehr Spaß hatten, oder warum heuer soviel Konformismus ist im Anything Goes. Belebendes Elixier jedenfalls, it never gets old, mitanzusehen, wie The Sweet aber auch jedem Faß den Boden ausschlagen.
„Action“ wurde von den Scorpions, damals hießen sie noch The Hunters, zu „Wenn es richtig losgeht“ eingedeutscht. Man kann diese Version auf YouTube hören und wünscht sich danach, daß das Internet zumacht.
The Ballroom Blitz: „This song was inspired by an incident on 27 January 1973 when the band was performing at the Grand Hall in Kilmarnock, Scotland and were driven offstage by a barrage of bottles.“
„At one show in Kilmarnock in early 1973, with Block Buster at No 1 in the charts, Sweet received trouble from both sexes. The men spat at them from balconies above the stage, and the women screamed so loudly they drowned out the music.“
Und dann mußten The Sweet das wichtigste Konzert ihrer Karriere absagen, weil es zu jenem folgenschweren Vorfall kam, bei dem Brian Connolly mehr verlor als nur seine Stimme. The Sweet hatten The Who immer verehrt, live spielten sie Songs von The Who seit Jahren, „My Generation“ landete schließlich auf „Desolation Boulevard“. Und nun hatte Pete Townshend sie eingeladen als Support für The Who im Juni 1974 im Stadion von Charlton Athletic.
„But in early 1974, in the midst of session for a new album that was to showcase a harder rock direction, came the incident that changed everything. Connolly was beaten up outside a pub in Staines, Surrey. Scott says Connolly was trying to protect his Mercedes from a couple of local vandals. Priest’s version is much more sinister. Connolly’s car was tailed by persons unknown who waited until he stopped at the pub to buy cigarettes. „It was a set-up job,“ Priest says. „He’d annoyed someone. There were three guys attacking him and one of them kicked him in the throat. Brian heard him say, ‚That should do the job.‘ The only one who knows the truth is an ex-roadie of ours, and he won’t tell.“
The assault on Connolly changed the destiny of Sweet. As well as damaging his vocal cords, it shattered his confidence and he began drinking heavily.“
Die Band hält den Vorfall damals geheim, Connollys Auszeit wird mit schwerer Halsentzündung erklärt. Für einige Songs auf „Sweet Fanny Adams“ übernehmen Andy Scott bzw. Steve Priest die Lead Vocals, erst nach sechs Monaten ist Connolly wieder zu Live-Auftritten in der Lage, „with band and critics noting a rougher edge to his voice and a reduced range.“
Von Anfang an schien da eine seltsame Traurigkeit in Brian Connollys Gesicht, und nun bricht sie sich Bahn. Gott weiß, was er erlitt bis zu seinem Tod 1997 – ein geringerer Mann hätte früher aufgegeben. Er starb, bevor das Internet ihm zeigen konnte, wie sehr er geliebt wurde.
Ceterum censeo – brillante Band, unterschätzt.
Auf „Sweet Fanny Adams“ gibt es den Song „Sweet F.A.“ – was soviel bedeutet wie „nothing at all“ oder „fuck all“. [Die gruselige Geschichte der bedauernswerten Fanny Adams nebst Entstehung der Redewendung: -> hier].
Mein liebster Song auf „Desolation Boulevard“ war und ist „Medus[s]a“, eine Andy Scott-Komposition, weird und bizarr. Connollys Gesang halb aus einer anderen Welt, halb besessen vom Geist der Songs von The Who circa 1967. Was mich killt, ist dieses „Yes“ in „Yes. Are you coming to see me?“. Mysteriösestes yes ever. Wie Antwort vor Frage. Und am Ende von Scotts Gitarrensolo gleich zweimal: „Yes / Yes / Are you coming to see me?“ Scheinbar random, dieses Yes, aber so artikuliert sich die Medusa eben.
Glaube, daß Connolly mir von Anfang an als tortured soul erschien, selbst in meiner School Days-Wahrnehmung. Ein blonder Unglücksrabe. – Auch die Times konnte irgendwann nicht anders: „Behind the flamboyant gimmickry was a band playing punchy, well-crafted and annoyingly memorable songs.“
Sehr „dicht“ geschrieben und geradezu überwältigend voll von Wortspielen und Referenzen auf Literatur, Philosophie, Musik und Film. Gerade dadurch ausgesprochen spannend und lesenswert.
„L’uccello dalle piume di cristallo“ / „The Bird with the Crystal Plumage“ (deutscher Titel „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“) aus dem Jahre 1970 war die erste Solo-Regiearbeit von Dario Argento. Als einer der ersten kommerziell erfolgreichen Giallo-Filme steht er am Beginn der Blütezeit des Genres zwischen 1970 und 1975. Phänomenal war die Popularität des Films in Italien: in einem Mailänder Kino lief er dreieinhalb Jahre lang. Eva Renzi betrachtete ihre Mitwirkung in diesem Film als Karriereselbstmord (natürlich war sie nie beeindruckender, vorher oder nachher), Argento wurde für sein sensationelles Debut als „italienischer Hitchcock“ gefeiert.
Sam (Tony Musante) ist ein amerikanischer Schriftsteller, der auf der Suche nach Inspiration seinen Wohnsitz nach Rom verlegt hat. Mit seiner Model-Freundin Julia (Suzy Kendall) wohnt er in einem Haus, das schon dem Abbruch geweiht ist, andere Mieter gibt es nicht mehr. Eines Nachts wird Sam Zeuge einer blutigen Attacke: in den hell erleuchteten Räumen einer Kunstgalerie sieht er durch die Glastür eine rothaarige Frau im Kampf mit einer Person, die schwarze Handschuhe und einen schwarzen Mantel trägt. Eine Klinge blitzt, Sam versucht, der Frau zu Hilfe zu eilen, doch die Glastür läßt sich nicht öffnen. Die Gestalt im schwarzen Mantel flieht, löst aber noch einen Alarm aus, durch den sich eine weitere gläserne Trennwand schließt, und Sam findet sich plötzlich eingeschlossen zwischen zwei großen Sicherheitsglastüren: so muß er machtlos mitansehen, wie die verwundete Frau blutend über den Boden kriecht, die Hand flehend nach ihm ausgestreckt. Im Glasgefängnis ist Sam unhörbar, nur mit Mühe kann er einem Passanten bedeuten, die Polizei zu rufen. Die Frau wird gerettet. Es ist Monica Ranieri (Eva Renzi), die Frau des Galeriebesitzers Alberto Ranieri, der kurz nach der Polizei am Schauplatz erscheint. Die Eingangssequenzen des Films haben uns wissen lassen, daß im letzten Monat drei junge Frauen ermordet wurden, wir sahen Hände in schwarzen Handschuhen mit einer Kollektion von Stichwaffen, und so vermuten wir auch Monica als Opfer eines Serienkillers. Sam erklärt Inspector Morosini, „There was something wrong with that scene, something odd.“ Zunächst behandelt die Polizei Sam jedoch auch als Verdächtigen, und Morosini konfisziert Sams Passport.
Die für den nächsten Tag geplante Rückkehr in die USA zerschlägt sich also mit dem klassischen Hitchcock-Szenario: ein Mann, der sich in einem fremden Land aufhält, gerät in Verdacht. Tatsächlich hofft der Inspektor jedoch auf Sam, der das Gefühl hat, daß ihm bei der Erinnerung an die Gewalttat ein entscheidendes Stück fehlt; Morosini glaubt, daß Sam tatsächlich das Gesicht des Killers gesehen hat und somit der einzige Zeuge ist. Bei den Morden gab es kein offensichtliches Motiv, und Morosini geht von einem maniac aus.
Sam darf das Revier verlassen und entgeht schon auf dem Heimweg im Morgengrauen nur knapp einem Mordversuch. Der Inspektor teilt mit Sam von nun an seine Informationen, beteiligt ihn an der Investigation, und Sam, immer mehr in Bann gezogen, wird selbst zum Detektiv: die Szene, die er sah, wird zur Obsession, dieses entscheidende something odd, das zum Geheimnis führt; er ist besessen davon, den Killer zu finden. Noch mehr junge Frauen werden sadistisch ermordet, doch der mysteriöse Killer hat es nun vor allem auf Sam und Julia abgesehen.
Wer unbedingt muß, findet in „The Bird with the Crystal Plumage“ möglicherweise peinigende Plotlöcher, was aber für die Qualität des Films ganz irrelevant ist. Italian horror war nie berühmt für banale Kohärenz. Die Rätselhaftigkeit, die aus der Verachtung konsequenter Nachvollziehbarkeit entsteht, gehört quasi per se zum Giallo. Im Labyrinth der plausiblen Implausibilitäten, in dem wir uns mit Entzücken und so williger wie totaler suspension of disbelief verlieren, in dem wir einer eigenen, bizarren Logik folgen und uns nie enttäuscht fühlen, begegnen wir unter anderem: zunächst Tony Musante und der recht berauschenden Suzy Kendall, ein überaus einnehmendes Paar, sehr funkensprühend, tatsächlich haben sie in einer Szene beinahe Sex im Beisein eines Freundes (ob der Freund ein Freund ist, bleibt lange undurchsichtig).
Werner Peters erscheint als homosexueller Antikhändler, Mario Adorf als exzentrisch-wirrer, katzenessender Maler. Von ihm stammt das Gemälde, das einen Schlüssel zu den Morden darstellt, das Gemälde wiederum ist inspiriert von einer wahren Begebenheit. Es gibt eine unvergeßliche nächtliche Verfolgungsszene mit dem ohnehin stets unvergeßlichen Reggie Nalder (-> Alfred Reginald Natzler), wir begegnen dem stotternden Zuhälter einer ermordeten Prostituierten und einem zwie-lichtigen Mann namens Faiena, der hartnäckig jede Aussage umgehend durch eine zweite relativiert. Als der Inspektor für Sam mit „Bring in the perverts!“ eine Gegenüberstellung veranlaßt, erscheint unter den vorgeführten Verdächtigen ein Mann in Frauenkleidern, und der Inspektor schimpft: „How many times do I have to tell you, Ursula Andress belongs with the transvestites, not the perverts!“ Es gibt Anrufe des Killers, bei denen einmal im Hintergrund ein seltsames Geräusch zu hören ist – „What makes a sound like that?“, ein Audiolabor isoliert das Geräusch, beißt sich an dieser Frage aber die Zähne aus, jemand anders findet mehr heraus.
Es gibt die atemberaubende cinematography von Vittorio Storaro, der später drei Oscars gewinnen wird für seine Kamera-Arbeit (u.a. für „Apocalypse Now“); dies ist sein erster Farbfilm. Es gibt dunkle phantastische Treppenhäuser und verlassene Pin-Up Girls an einer schäbigen Wand, es gibt ein Messer, das in eine Holztür eindringt, hinter der Julia sich verbarrikadiert. So wie im Film ein Gemälde, Kunst also, die Gewalt inspiriert, so wie es am Ende eine sadistische Szene gibt, in der ein Kunstwerk (fast) zum Mordinstrument wird, so steht Argento hier am Anfang seines sehr eigenen Weges, Gewalt und Sadismus zu Kunst zu machen. Es gibt am Ende die Erklärung eines Psychologen, wie in „Psycho“, und es gibt für Argento-Verhältnisse noch recht wenig Blut: erst nach „The Bird with the Crystal Plumage“ werden die Giallo-Thriller zusehends blutiger und sleazy.
Intelligent, fesselnd, vielschichtig, erfindungsreich und überraschend vom Beginn bis zum fuck-me-Jesus-Ende, für das es clues gibt, die aber nicht zwingend beim ersten Sehen auffallen. Und dann ist da der exzellente Score von Ennio Morricone, nervenzerfetzend und wunderschön, sweet and demented, dunkel, dissonant, erotisch, Edda Dell’Orso breathing heavily, erregend, haunting. Einer der nicht wenigen sehr seltsamen Soundtracks in Morricones unüberschaubarem Oeuvre. Angeblich schätzte Morricone diesen Score besonders. Argento hat erzählt, daß Morricone die Stücke nicht schon vorher geschrieben hatte, daß sie auch nicht entstanden, nachdem Morricone den Film gesehen hatte, sondern daß Morricone und eine Gruppe ausgesuchter Musiker diese Stücke größtenteils improvisierten, während der Film lief.
„Evil-Honky Stomp“. „The sample is taken from an old 78 rpm on Sun Records called ‚Jukebox Boogie‘.“ Fängt den absurden Wahn von Rassenhass („Up in the big house they’re branding niggers“) auf unheimliche Weise ein.
Danielle Dax, die sich mit Fingerschnipp in einen glamourösen Barbarella-Typus verwandeln konnte, sammelte Autopsie-Tapes. Passend dazu ein beherztes „Silence all your lies with a knife“ aus „Fortune Cheats“, vom schön schrägen „Jesus Egg That Wept“.
01 Evil-Honky Stomp 02 Pariah 03 Fortune Cheats 04 Hammerheads 05 Here Come The Harvest Buns 06 Ostritch 07 The Spoil Factor
Sehr schade, daß sie sich zurückgezogen hat, mit ihrer Stimme konnte sie sehr weit unten und sehr weit oben Erstaunliches anstellen. Falls jemand den Film „Company of Wolves“ erinnert („Zeit der Wölfe“), das wolf-girl am Ende, das ist Danielle Dax.
Von der Bühne hat mir DIE mal zugelächelt, wahrscheinlich aber nur, weil ich ein Betty Page-Shirt anhatte.
[moi @SPIEGEL ONLINE Forum 2008 – 2011]
Chris Roberts, Blast The Human Flower (Melody Maker, 1990):
„A world without Danielle Dax being thoroughly wonderful and glamorous and really rather wry would be unthinkable. Fear not, Dax remains Dax as marble remains marble. Everything this ridiculously entertaining and economically vivid album reminds me of is among my favourite things. Official supreme monarchy of the whole cosmos and all its gardens can be only months away for Danielle.“
„Dax’s music was … dark, bright, disturbing, sexy, arty, wordy, weird, sparkly, excessive, obsessive and rock’n’roll … But she spent most of her career as a fringe presence, doing things that were perhaps too radical and visually/aurally unusual for the general public. She should have been absolutely huge, but was probably 20 years before her time.“ (Dave Simpson, The Guardian, 05/2009).
Der letzte Song auf ihrem letzten full-length album: tausendmal in Himmelsozeannächten und in der gespenstischen Welt der Dämmerung.
Huch!? Im „Musikladen“ (von Radio Bremen produzierte Musiksendung im deutschen Fernsehen, * 12/1972, † 11/1984) taucht als Deko ein Gemälde von Clovis Trouille auf, „Dolmancé et ses Fantômes de Luxure“ (1958 – 1965). Rechts im Bild nach etwa anderthalb Minuten.
Später schnappte sich Lemmy die Stripperin von Frankie Goes To Hollywood und ging mit ihr stiften,
und zu den Go-Go-Girls ist ja schon alles gesagt, sonst sag ich’s nochmal.
Das hier ist gar nicht aus dem „Musikladen“, sondern aus der „Plattenküche“, aber eine an den Mast genagelte Dublone für den, der endlich diese 4 Minuten für mich restauriert. Trash-Humor, der „einheimische Klangkörper“ und die komplett vom Stern gefallenen und doch komplett phantastischen Tänzerinnen, hinreißend, wie sie sich Karoli und Liebezeit mit hex hex-Gesten nähern, Irmin Schmidts Hände sehen aus wie die von Ernie, Michael Karoli wischt sich ein Toupet ab, dazu der Videotape-Aussetzer, Can-typisch, die Band produzierte immer irgendwelche Störungen in den angeschlossenen Geräten, unbegreiflich alles, trotzdem Sternstunde.
Hach, der Musikladen. David Bowie am 30. Mai 1978, Bremen TV Studio 3, Isolar II World Tour.
Ich träumte von einer Tigerin, die mit 12 Meter hoher Eleganz über die Ebene lief wie durch ein Dali-Bild, in einem 60°-Winkel zu den Gleisen, so daß ich vom Zugfenster aus das Schauspiel ihrer Gangart noch bewundern konnte, bevor es verglühte.
Elisabeth Bathory, die berüchtigte „Blutgräfin“, wurde auch „Tigerin von Čachtice“ genannt.
Im Juni 2012 wurden die Ruinen von Burg Čachtice geschlossen für reconstruction works. Trotzdem fahren wir an diesem Morgen von Bratislava nach Nové Mesto nad Váhom und nehmen dort den Zug nach Čachtice. Wie erwartet steigt außer uns nur The Ghost of Electricity an diesem Bahnhof aus.
Wir nehmen uns vor, die Burg Čachtice noch einmal zu besuchen, sobald die Arbeiten an der Ruine abgeschlossen sind, und im Sommer 2014 erfüllt sich der Plan. Dieser zweite Besuch ist hier erzählt:
Auf Befehl des Königs Matthias II. von Ungarn (= Kaiser Matthias HRR) stürmt und durchsucht Palatin Graf György (Georg III.) Thurzo, ein Vetter von Elisabeth, in einer kalten und schneereichen Nacht am 29. Dezember 1610 mit einem Trupp Soldaten die Burg Čachtice. Elisabeth Bathory wird wegen vielfachen Mordes an jungen Mädchen auf ihrer Burg festgesetzt. In Bitcse (Bytca) werden zwei Prozesse abgehalten, auf Ungarisch und Latein, bei denen Elisabeth keine Anwesenheit erlaubt ist. Der Prozeß besteht aus der Vernehmung von Mitangeklagten und einer Unmenge von Zeugen.
Die Aussagen der Mitangeklagten, drei Dienerinnen und ein Diener der Gräfin, werden laut Prozeßunterlagen einmal freiwillig, ein weiteres Mal unter der Folter erbracht. Als Resultat des Prozesses werden zwei der Dienerinnen, Ilona Jó und Dorottya Szentes, die Finger abgerissen, beide dann lebendig verbrannt. Elisabeths Gehilfe Johannes („Ficzko“, Bürschchen) wird geköpft, seine Leiche auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Matthias verlangt „die Einhaltung göttlichen Rechts“, also das Todesurteil gegen Elisabeth, Thurzo läßt sie jedoch in einem kleinen Turmzimmer auf Burg Čachtice einmauern. Sie wird nur mit dem Nötigsten versorgt, bis an ihr Lebensende gibt es Kontakt zur Außenwelt für sie nur durch eine kleine Öffnung in der Mauer.
Am 31. Juli 1614 macht sie ihr Testament. Am 21. August 1614 stirbt Elisabeth Báthory.
Das Grab der „Blutgräfin“ ist unbekannt. Einem Bericht zufolge wird sie am 25. November 1614 – nach drei Monaten also – in der Kirche von Čachtice beigesetzt. Ein Sarg wird dort aber auch nach mehreren Untersuchungen nicht gefunden.
Zwei kleine Mädchen, die am Straßenrand spielen, sagen artig „Dobry den!“, als wir vorbeigehen, wir sagen auch „Dobry den!“. Ein Hund sagt auch Guten Tag. Dem war wohl seit Äonen langweilig, er bellt, daß es eine Art hat, und läuft ein Weilchen freudig mit. Die schmalen Straßen, die sich hinter der Kirche in die Höhen des Burgbergs winden, sollen Kúria und Podzámska heißen, aber Straßenschilder finden wir hier nicht. Vom Ort aus ist die Burgruine nicht zu sehen, sie liegt versteckt hinter den Wäldern, die man beim Anstieg durchquert und dabei an die 1800 freilaufenden Bären in der Slowakei denkt, zuerst auf Asphalt, dann auf Lehmwegen. Erst aus einigen hundert Metern Entfernung sieht man die Burg.
Und man sieht dies. Die Stille, die nichts mehr weiß von den Schreien gefolterter und sterbender Mädchen.
As close as we can get.
Die Kirche von Čachtice von der Straßenseite aus. Ursprünglich gotische Kirche aus dem Ende des 14. Jahrhunderts.
Eingemauerter Grabstein bei der Kirche
Kaltes Rajec unter Sonnenschirmen, ein süßes „Auf Wiedersehen!“ der Saaltochter. Das kleine Schloß Draškovic, im Stil der Spätrenaissance im 17. Jahrhundert erbaut, beherbergt das Museum von Čachtice. Die Präsentation zu Elisabeth Báthory ist sichtlich modernisiert. Enthielt eine Reportage von 1999 (T. Niederberghaus im Tagesspiegel) noch die klassische Folklore („Was wollen Sie denn dort oben in den geheimnisvollen Gemäuern“, „Viele von ihnen meiden das verfallene Anwesen noch Generationen später“ und „Daß die Einwohner in Čachtice empfindlich reagieren, wenn man sich nach der Báthory erkundigt…“), scheint man sich nun mit der Historie langsam zu arrangieren.
Zu sehen ist Elisabeths Handschrift. (Original im Staatsarchiv in Bytca)
Präsentiert wird auch diese Reproduktion eines Gemäldes, das Elisabeth Báthory zeigt.
Das Original dieses Portraits befindet sich im Ungarischen Nationalmuseum Budeapest. Ein anderes Bildnis Elisabeths wurde 1991 aus dem Museum von Čachtice gestohlen.
Das zweite Testament der Elisabeth Báthory vom 3. August 1614. Nicht Elisabeths Schrift. Denn: „Wir, das Domkapitel von Esztergom, geben dies zu Gedächtnis: daß wir auf die freundliche Bitte der vornehmen und erhabenen Frau Gräfin Elisabeth Báthory, der Witwe des erlauchten und erhabenen einstigen Herren Grafen Nádasdy, da sie wegen ihrer Gefangenschaft nicht persönlich zu uns kommen konnte, zwei unserer Ehrwürdigen, nämlich die Herren Andreas Kerpelich und Emericus Agiens, unsere Brüder und Mitkanoniker, zur Kenntnisnahme des nachstehenden Bekenntnisses der Frau ausgeschickt haben, um uns ihrerseits als hierfür geeignete Zeugen zu dienen, worauf diese schließlich, nachdem sie zu uns zurückgekehrt waren, unter Eid, wie er hierfür in einem allgemeinen Dekret festgelegt ist, dies berichteten:
Daß diese im gegenwärtigen Jahr des Herrn 1614, am Tag des 31. Juli in der Burg namens Csejte, erbaut im Komitat Neutra angekommen waren, wo die vorgenannte Frau Gräfin Elisabeth Báthory in der persönlichen Gegenwart dieser unserer Brüder freiwillig und aus eigenem Antrieb folgendes aussagte und sich auf diese Weise äußerte: (…)“
Der berühmte Brief von Thurzo an seine Frau vom 30. Dezember 1610.
(…) Geliebtes Herz, ich kam gestern hier in Ujhely an, Gott sei Dank in guter Gesundheit. Ich ließ Frau Nádasdy festnehmen, jetzt wird sie in die Festung gebracht. Ihre Folterer, die bösen, Unschuldige tötenden Frauen mitsamt einem jungen Mann, der ihr Helfer war in vielen Schandtaten, habe ich ebenfalls hinaufgeschickt. Sie sollen unter strenger Bewachung und in Haft bleiben, bis Gericht über sie gehalten wird. Die Frauenzimmer werden in der Stadt, der junge Mann aber in der Festung gefangengehalten. Als unsere Männer und Knechte in das Kastell in Csejte ankamen, fanden sie gerade ein Mädchen tot, ein zweites gefoltert und voller Wunden im Sterben liegend. Eine dritte Frauensperson war ebenfalls gepeinigt und verwundet. Außerdem waren einige für künftige Folterungen in strenger Haft gehalten von der verdammten Frau. Ich warte nur, daß die verdammte Frau in die Festung gebracht und versorgt wird. Dann mache ich mich auf den Weg, und wenn der Herr es gibt, komme ich morgen nach Hause. Gott gebe, daß wir uns in guter Gesundheit wiedersehen. Seiner guten und heiligen Vorsehung empfehlen wir uns und unsere geliebten Kinder. Geschrieben in Eile, in Ujhely, am 30. Dezember 1610. Dein Dich liebender Wandergeselle, der Dich so liebt, wie sein eigenes Herz, seine Seele und sein Leben. Graf Georg Thurzo manu propria
Auch die Krypta der Kirche von Čachtice barg keinerlei Anzeichen für Elisabeths letzte Ruhestätte. Die Kirche durch ein Fenster des Museums gesehen.
„Csejte, 16. November 1607. Elisabeth Báthory teilt mit, daß sie am vergangenen Dienstag (13. Nov.) bei gutem Wohlbefinden Csejte erreicht hat. Wenn Gott ihr die Gesundheit gibt, wird sie, Thurzos Wunsche Folge leistend, bei der Vermählung seines Kindes anwesend sein. Es ist ihr ein Vergnügen, sich ihm dienstbar zu erweisen.“ – Brief von Elisabeth an Thurzo. „Die Briefe zeigen eine schöne und gleichmäßige, gut leserliche Handschrift und deuten auf viel Übung hin…“ (Ravelsberg; Farin 239).
In der Halle begegnet man Elisabeth noch einmal. Als Plakat ans Gewölbe geschraubt, damit man sich von ihrem Blick verfolgen lassen kann.
Das Draškovic-Kastell.
Wir wandern zum Bahnhof zurück. Trotz gewissenhaften Studiums slowakischer Fahrpläne vor der Reise wird schnell die Frage drängend, ob hier noch ein Zug kommt.
An diesem Bahnhof ist bis auf die letzte Glühbirne alles abgeschraubt. Irgendjemand brauchte auch dringend ein C.
Der Versuch, bei den Gleisen die Burg Čachtice nachzubauen, blieb in den Kinderschuhen stecken.
Once Upon a Time in the East
Der Mundharmonikaspieler kommt mit dem Zug
Donnerstag, 30.08.2012
Bär erschien nur 5 km vor Bratislava!
Zum letzten Mal wurde ein Bär vor den Toren Preßburgs um 1600 gesichtet. Hatte ich mir so mein Ende vorgestellt? Auf dem Weg zum Bahnhof von Bratislava von Meister Petz gefressen zu werden? Stefánikova: coast is clear.
„Dva listky do Brno, prosim“ wird verstanden, jeder furchtlose Ausflug ins Paraslowakische lächelnd entgegengenommen. Auch schrilles „Tri listky! Tri listky!“ stört die Atmosphäre auf dem Bahnhofsplatz nicht sehr.
Mähren, Brno, Brünn, Hotel Europa, Kapitana Jaroše 27, Zimmer 105. Der Blick aus unserem Hotelzimmer.
1000 Meter Luftlinie entfernt von hier wohnte Robert Musil, in der ehemaligen Augustinergasse, heute Jaselska. Die Musils zogen nach Brünn, als Robert 10 Jahre alt war.
Nichts von „Brünner Funktionalismus“ zu sehen. Klassische Schönheit, Historismus, Gründerzeit, Jugendstil.
Als erstes besuchen wir die Kapuziner.
Das Schild führt zur Krypta unter der Kapuzinerkirche. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden in der Kapuzinergruft die Ordensbrüder bestattet, auch einige prominentere Tote, Gönner und Förderer des Ordens. Die Beschaffenheit des Gesteins im Kirchenfundament und ein ausgeklügeltes System von 60 kleinen Schächten, das für einen steten Luftzug sorgt, führten zur Mumifizierung der Toten. Um die 50 Mumien haben sich in der Gruft erhalten, aus den Jahren zwischen 1658 und 1784 – danach verfügte Joseph II. die Schließung aller Friedhöfe im Stadtgebiet und verbot auch Bestattungen in Kirchen oder kirchlichen Grüften.
Die Welt hier unten ist nicht unbedingt für die zartesten Gemüter. Im ersten Raum mumifiziert ein Pandur. Franz Freiherr von der Trenck, Vetter des Friedrich Freiherr von der Trenck, eine der schillerndsten Gestalten des 18. Jahrhunderts.
Geboren am 1. Januar 1711, Sohn eines preußischen Offiziers, Jesuitenschule, wo er während einer Fronleichnamsprozession seine geweihte Kerze auf dem Kopf eines Studenten in kleine Stücke schlägt. Mit 17 im kaiserlichen Regiment, gefährdet er sein Leben in einer Reihe von Duellen, seine Eskapaden machen Trenck in Adelskreisen bekannt und berüchtigt, eine der ersten Damen der Wiener Gesellschaft bekommt seinen Zorn auf besonders unangenehme Weise zu spüren. Aus dem Regiment entlassen aufgrund ausschweifenden Lebens und ausgeprägter Streitlust. Rittmeister in einem russischen Husarenregiment, dann Dragonerregiment, erneuter Ärger, als Trenck den Obersten öffentlich ohrfeigt. Trenck steht schon vor dem Erschießungskommando, Pardon des Feldmarschalls in letzter Sekunde, Trenck wird zu Strafarbeit auf der Festung Kiew verurteilt, danach Rückkehr auf seine Güter in Slawonien.
Bei Ausbruch des österreichischen Erbfolgekriegs 1740 erhält er von der jungen Maria Theresia die Erlaubnis, einen Trupp von 1000 Panduren auf eigene Kosten auszurüsten und nach Schlesien zu führen. Die Pandurenarmee wächst auf 5000 Mann an, fällt durch wagemutige Streifzüge und tollkühne Eroberungen auf, aber auch durch grausame Härte vor allem gegen die Zivilbevölkerung; ein bunter Haufen von Galgenvögeln und Schwerverbrechern, und ein blutiger: bald waren Trenck und seine Panduren, mit ihrer eigentümlichen Tracht und Bewaffnung, wegen ihrer Raub- und Mordlust landauf, landab gefürchtet. 1744 nimmt Maria Theresia den Vorschlag an, Trenck zum Obristen zu befördern. Als Trenck bei der Schlacht von Soor das preußische Lager plündert, bringt er das Tafelsilber Friedrichs II. an sich. Die Beschuldigungen gegen Trenck häufen sich, Maria Theresia muß eine Untersuchungskommission anordnen. Hausarrest in Wien mißachtet er, fährt in den schönsten Equipagen in der Stadt herum. Im Theater, Maria Theresia ist ebenfalls anwesend, stürzt sich Trenck auf einen seiner Gegner, den er in einer Loge entdeckt, um ihn zu züchtigen.
Damit ist das Maß endgültig voll, Trenck wird 1746 vor dem Kriegsgericht in Wien der Prozeß gemacht, unter den Anklagepunkten fahren Trencks Gegner auf: daß er einige seiner Panduren niedergemetzelt habe; daß er zum Raub von Kirchengerät aufgefordert und Geistliche mit Schlägen mißhandelt habe; daß er Regimentsgelder veruntreut habe; Greueltaten, Ungehorsam, Insubordination. Während der Verhandlung packt er den Präsidenten des Gerichts, schleift ihn zum Fenster und macht Anstalten, ihn hinauszuwerfen, was die anwesenden Wächter gerade noch verhindern können. Trenck wird zum Tode verurteilt, das Einschreiten Maria Theresias ändert das Urteil 1748 zu lebenslanger Festungshaft in den gefürchteten Kasematten der Burg Spielberg in Brünn. Im schrecklichsten Kerker der Monarchie erkrankt Trenck, trotz Maria Theresias Befehl, ihm „alles, was er nur wünsche, nur nicht die Freiheit“ zu gewähren, nach nur einem Jahr und stirbt, mit 38 Jahren, am 14. Oktober 1749.
Trencks Mumie liegt seit 1872 in einem verglasten Metallsarg aufgebahrt. Der Deckel dieses Zinksarges ist mittlerweile, eigentlich, an einer der weißen Wände dieses Raumes aufgehängt, befindet sich aber gerade in der Memento Mori-Ausstellung im Prager Loreto. Man kann um den Abenteurer und daredevil herumgehen und durch die Glasfenster die äußerste Seltsamkeit seines post mortem-Sonderweges betrachten. Schaurige Präsenz, die durch Jahrhunderte spukt. Ob der Kopf Trencks eigener ist? Es geht die Geschichte, daß der Pandur zwei Wochen nach seinem Begräbnis geköpft und sein Schädel gestohlen wurde. Ein zur gleichen Zeit verstorbener Kapuzinermönch soll ihm seinen Kopf geliehen haben. Eine gewisse Verbindungslosigkeit zwischen Kopf und Körper scheint erkennbar, aber das Rätsel bleibt. Kopfräuber oder Kopf wurden nie gefunden.
Im September 1749 hatte Trenck sein Testament aufgesetzt, in dem er auch die Kapuziner großzügig bedachte. 1740 hatte er mit 30 Panduren türkische Räuber bis in deren Heimat verfolgt und sich dann einem Konflikt mit der Justiz wegen seines eigenmächtigen Vorgehens durch Flucht nach Wien entzogen, wo die Kapuziner ihm Asyl gewährten, bis die Angelegenheit durch Vermittlung Herzogs Karl von Lothringen bereinigt war.
Es heißt, daß Trenck zu der Stunde starb, die er vorausgesagt hatte. Daß er sich die Tonsur scheren ließ und das Habit der Kapuziner anlegte. Daß er ausrief: „Gottlob, meine Stunde ist gekommen!“, sich an einen Tisch setzte, den Kopf auf die Arme stützte und so verweilte. Als die Anwesenden ihn nach einer Weile berührten, stellten sie fest, daß er tot war. Es ging auch das Gerücht, Trenck sei im Besitz des legendären Giftes namens Aqua Tofana gewesen. Mozart glaubte während der Arbeit am Requiem, durch Aqua Tofana vergiftet worden zu sein.
Mit Trenck in einem Raum: Clementiana, Märtyrerin aus der Zeit der Christenverfolgung, das Gesicht unter rätselhaft schöner weißer Maske.
In einem anderen Raum die Mitglieder der Familie Grimm. Barockbaumeister Moritz Grimm, seine Frau Vorsila, sowie Franz Anton Grimm, beider Sohn, ebenfalls Baumeister und Ingenieur. Moritz Grimm installierte das System von Lüftungskanälen, das zusammen mit den geologischen Besonderheiten der Gruft für die Mumifizierung der hier Bestatteten verantwortlich ist.
Im nächsten Raum einige Angehörige der besseren Gesellschaftsschichten, Adelige, Angehörige der Geistlichkeit, bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Sie mumifizierten in Särgen aus dunklem Holz, aus einfachen Brettern gezimmert, Reste von Bemalung, nachgedunkelte und verblichene Ornamente. Einem alten Brauch folgend, blieben die Hobelspäne, die bei der Herstellung der Särge anfielen, in diesen liegen. Der älteste Körper, von Jakob Kunes, stammt von 1658. Jan Zinzendorf, Reichsgraf, ehemaliger General und Herr von Spielberg. Der stumme Schrei seines mit den Jahrhunderten immer weiter aufgerissenen Mundes immer lauter. Daneben seine Schwiegertochter, die 1719 verstorbene junge Komtesse Isabella von Zinzendorf. Ihr Körper ist seltsam verdreht. Ernst Trost schrieb in einer Reportage über Brünn:
„Man starrt die Leiche an und fühlt sich als Zeuge einer schrecklichen Tragödie. Die Haltung der anderen Mumien in der Gruft drückt das Endgültige des Todes aus. Dieses Mädchen aber verkrampft seine mageren Hände in die Schenkel, seine Beine sind ein wenig angezogen, der Körper ist gekrümmt. Unruhe, Entsetzen, Angst, Verzweiflung – all das bekannt diese Mumie mit einem einzigen stummen Aufschrei für die Ewigkeit. Jetzt ist ihr Sarg geöffnet. Damals war er geschlossen und das Mädchen erwachte (…) hier in der Gruft, wo es für jedes Klopfen und Schreien zu spät war“.
Ob die junge Komtesse tatsächlich in panischem Schrecken in ihrem Sarg erwacht ist, oder ob sie an einem epileptischen Anfall starb, der ihre heimgesucht wirkende Haltung erklären könnte – der Anblick ist schauerlich.
Martin Löw, Kaufmann aus Brünn, der Schlag traf ihn während eines Klosterbesuchs, 1773. Jiri Barnabas Orelli, Zunftmeister, die Stiefel wie eben gerade über die ausgetrockneten Überreste gezogen. Franz Preisler, ein Arzt, der die Kapuziner 36 Jahre lang behandelte, ohne Entgelt zu verlangen, trägt ein Rokokohemd nach spanischer Mode.
Ein 12 Jahre alter Ministrant, der während der Messe beim Altar starb.
Der letzte Raum: die Grabstätte der Mönche. Von den 150 hier beigesetzten Kapuzinermönchen haben sich die Leichen von 24 als Mumien erhalten. In Einhaltung ihres Armutsgelübdes verwendeten die Kapuziner nur einen einzigen Holzsarg, in dem sie den verstorbenen Bruder nach den Bestattungsriten auf einer schmalen Treppe in die Gruft hinabtrugen und ihn dann auf den kahlen Erdboden der Krypta legten. Der Kopf wurde durch zwei Ziegelsteine gestützt.
Zwei Räume. In einem kleinen Raum die Mumien von vier Mönchen. Einer scheint uns aus dem Jenseits noch anzulächeln.
Der andere Raum: die Mumien von zwanzig Mönchen in zwei Reihen. Nie etwas Vergleichbares gesehen. Erschreckend und faszinierend. Einige halten noch den Rosenkranz oder ein Kruzifix in den brüchigen Fingern. Einer hält ein langes Holzkreuz im Arm. Manche friedlich, andere mit Furcht in den bröckelnden Gesichtszügen, Schemen der einst lebendigen Physiognomie, verzerrte Fratzen. Alle in den graubraunen Resten ihrer Kutte, mancher noch mit Kapuze. Als würden sie gleich gemeinsam einen Gesang aus der ewigen Dunkelheit anstimmen.
Fotografieren ist in der Krypta nicht erlaubt. Ein Bild aus dem Heft, das man am Eingang erwerben kann:
Ein Fundstück:
Haunting, und da kommt der Kirchenkitsch-Laden bei der Kathedrale St. Peter und Paul wie gerufen. Die Dame konstatiert unser weltliches Erscheinungsbild zunächst skeptisch, wir überraschen sie jedoch mit gezieltem Einsatz religiöser Mimikry, Madame verläßt den Laden mit einem Container Kerzen, ich mit einem Betbild, das mich an gewisse Innencover von Nick Cave-Platten erinnert. Wir werden freundlich verabschiedet.
Die Kathedrale bei Tag.
Die erste dem Apostel Petrus geweihte Kirche wurde hier um 1180 im romanischen Stil errichtet, von diesem Bau ist noch die Krypta erhalten. Im 14. Jahrhundert, während der Herrschaft der Luxemburger, wurde die Kirche in eine dreischiffige gotische Basilika umgebaut. Um 1500 wurde das Patrozinium der Kirche auf den Apostel Paulus ausgeweitet, die Kirche in eine Hallenkirche umgewandelt.
Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Brünn 1643 und 1645 von den Schweden belagert, die Kirche wurde durch Kanonenfeuer stark beschädigt und brannte schließlich nieder. Die Türme stürzten ein. Zunächst nur notdürftig instandgesetzt, wurde die Kirche nach Plänen von Moritz Grimm zwischen 1743 und 1746 umfangreich erneuert. 1777 wurde St. Peter und Paul zur Bischofskirche, der Innenraum aus diesem Anlaß im Barockstil neu gestaltet. Die Türme wurden erst zwischen 1901 und 1909 durch den Wiener Architekten August Kirstein erbaut.
Die Mittagsglocken von St. Peter und Paul läuten um 11, nicht um 12, in Erinnerung an eine List, die General Raduit de Souches im Dreißigjährigen Krieg während der Belagerung von Brno durch die schwedische Armee anwandte. Der Legende nach erklärte der schwedische General Torstenson am Morgen des 15. August, daß er die Belagerung aufgeben würde, wenn er die Stadt nicht vor dem Läuten der Mittagsglocke einnehmen kann. General Raduit de Souches ließ die Mittagsglocke eine Stunde früher läuten, und die getäuschten Schweden zogen sich zurück.
In der St. Jakobs-Kirche befindet sich das Grab von Jean-Louis Raduit de Souches, der Frankreich nach dem Hugenottenkrieg 1629 verlassen hatte. Er gilt als der heldenhafte Retter von Brünn.
St. Jakob wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts als romanische Kirche erbaut, zu Beginn des 16. Jahrhunderts durch einen dreischiffigen Hallenbau ersetzt, unter Beteiligung des seinerzeit berühmten, in Brünn geborenen Baumeisters Anton Pilgram, der zwischen 1511 und 1515 auch die Bauhütte am Wiener Stephansdom leitete.
Baumeister Pilgram neigte zu Schabernack. Am Alten Rathaus hat er ein Türmchen kurios verbogen, an der Fassade von St. Jakob huckt dies Männchen.
St. Thomas
Billa Break, Birne umsonst, zwei Shelties in der Kapitana Jaroše. Der Volkssport „Pflastersteine stehlen“ wurde auch in Brno von der Bevölkerung überaus gut angenommen. Wir gehen Dessous kaufen.
Die Kathedrale bei Nacht.
Petrus und Paulus beobachten den Flug der methodischen Fledermäuse.
Die Burg Spielberg (Špilberk) wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts unter Przemysl Ottokar II. angelegt. Die ältesten schriftlichen Quellen über die Existenz der Burg stammen aus den Jahren 1277 / 1278; 1278 fand in den Burgräumen der Landtag statt. Die gotische Burg war als Sitz der böhmischen Könige und der Markgrafen von Mähren konzipiert, die böhmischen Herrscher weilten jedoch nur gelegentlich auf Spielberg. Die erste Gemahlin des böhmischen Königs Karl IV., Blanche von Valois, verweilte nach ihrem 1337 erzwungenen Weggang aus Prag auf Spielberg.
Im 15. Jahrhundert tritt die militärische Bedeutung der Burg in den Vordergrund, während der Hussitenkriege und vor allem während der Kämpfe zwischen dem böhmischen König Georg von Podiebrad und dem ungarischen König Matthias Corvinus. 1469 gelang es Matthias Corvinus, die erschöpfte böhmische Besatzung der Burg Spielberg zur Aufgabe zu zwingen.
Bis zum 17. Jahrhundert erlebt die Burg unter wechselnden Besitzern einen langsamen Verfall, während des Dreißigjährigen Krieges läßt die geringe militärische Präsenz von etwa 40 Mann zunächst nicht darauf schließen, daß die Burg noch jemals eine bedeutende militärische Rolle spielen sollte.
Das änderte sich schlagartig mit der partiellen Besetzung Mährens durch die schwedische Armee und mit der unmittelbaren Bedrohung Brünns in den Jahren 1643 / 1645. Die Befestigung der Burg und der Stadt wurden umgehend repariert und modernisiert. Als Brünn 1645 unter dem Kommando von Oberst Raduit de Souches drei Monate lang der Belagerung durch die schwedische Übermacht trotzte, war dies ein neuer Beweis für die strategische Bedeutung der Festung. In der Mitte des 18. Jahrhunderts bildete die Burg mit der befestigten Stadt Brünn das bedeutendste Bollwerk in Mähren, das 1742 auch für den preußischen König Friedrich II. zu einem unüberwindbaren Hindernis wurde.
Zur Burg gehörte auch das Festungsgefängnis. Dort wurden nach dem Ständeaufstand 1620 führende mährische Mitglieder der Rebellion gegen die Habsburger einige Jahre lang festgehalten, es gab „gewöhnliche“ Sträflinge, aber auch einige hochgestellte Militärs wie die österreichischen Heerführer Bonneval und Wallis. Berühmtester Häftling war der 1749 hier verstorbene Pandurenoberst Franz von der Trenck.
Die Kasematten, 1742 fertiggestellt, sollten einem 1200 Mann starken Soldatencorps dienen, letztlich blieben sie jedoch Depots für militärische Ausrüstung. 1783 wurde auf Anordnung des Kaisers Joseph II. im Zuge der Reform des Gefängniswesens in den Kasematten ein ziviles Gefängnis für die gefährlichsten Schwerverbrecher eingerichtet. Die gemeinsame Nutzung der Burg als Festung und als ziviles Gefängnis brachte einige Schwierigkeiten mit sich.
Nach der Zerstörung einiger wichtiger Festungsteile durch abziehende napoleonische Truppen im Herbst 1809 verlor die Festung ihre militärische Bedeutung, 1820 wurde sie aufgegeben. Die gesamte Festung Spielberg wurde zu einem zivilen Gefängnis, das Franz Joseph I. 1855 wieder aufhob. Bei der Umwandlung in ein Gefängnis Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte die Burg ihren letzten ausgedehnten Umbau, die radikale Instandsetzung beseitigte mit Ausnahme des Ostflügels praktisch alles, was noch von der mittelalterlichen Burg und ihren späteren Anbauten übrig geblieben war. Die Burg Spielberg erhielt damit ihr heutiges Aussehen.
Es gibt mehrere Ausstellungen auf der Burg. Die „Vulcanalia“-Exposition widmet sich der Geschichte und der Kunst des Feuerwerks, von der Beherrschung des Feuers bis zu Furttenbachs Pyrotechnischem Theater. Seit 1998 findet in Brünn jeden Sommer das „Ignis Brunensis“ statt, ein internationales Feuerwerk-Festival, in das zwei Wochen lang die ganze Stadt involviert ist, denn es ist zugleich Teil eines historischen Festivals („Brno – City in the Centre of Europe“): Kanonen werden abgefeuert, Pferde ziehen alte Tramwagen durch die Stadt, Damen in historischen Kostümen wedeln mit dem Fächer. In der Ausstellung sieht man alte Abschußmörser und -rampen, darf sich in die Arbeit des Pyrotechnikers vertiefen, und man lernt, daß es 1767 auf der Burg Spielberg ein großes Feuerwerk gab zu Ehren der wiederhergestellten Gesundheit der Kaiserin Maria Theresia.
Zwölftens: Liefen zwey andere versetzte Feuerräder neben diesen zwoen Pyramiden, und immittelst aus zweenen Pöllern versetzte Luftkugeln aufstiegen.
Zu sehen gibt es auch Fundstücke aus dem 112 Meter tiefen Brunnen im westlichen Teil des Hofes, der mit der Zerstörung Spielbergs durch französische Truppen zugeschüttet wurde; bei der vollständigen Freilegung des Brunnenschachtes 1990/91 kamen Waffen, Pfeifenköpfe, Hufeisen, Knöpfe, Münzen, Patronenhülsen, Brillen, Gürtelschnallen zum Vorschein. Man hat in diesem Brunnen auch ein Skelett gefunden. Es soll sich um einen Soldaten handeln. Die Schuhe, die man bei ihm fand, stammen aus der Zeit zwischen 1870-80. Auch ein gewisser Johann Rader soll 1833 beim Wasserschöpfen in den Brunnen gestürzt und dort gestorben sein. Rader sollte in Spielberg eine 12jährige Strafe abbüßen, offenbar ist sein Skelett aber in Lovecraft’sche Tiefen davon, im Brunnen hat man es nicht mehr gefunden. Am Grund des Brunnens befinden sich zwei horizontale Schächte von 17 bzw. 26 m Länge.
Dann durchstreifen wir die Räume der Ausstellung „Spielberg – Kerker der Nationen“. Man wird mit den Geschichten vieler Häftlinge vertraut gemacht, und man kann sich ein Bild vom Dasein der Gefangenen auf Spielberg machen. Man gewinnt Einblick in die Constitutio Criminalis Theresiana, das umstrittene Strafgesetzbuch, das Maria Theresia 1768 als Erzherzogin erließ – in den „Beylagen“ präzise Anleitungen für korrekte Durchführung des Langziehens und anderer „legaler“ Foltern.
Man bestaunt „Die Spitzbubensprache“ von 1802, eine Art Gaunerwörterbuch, oder eine Kundmachung von 1815, „den Raubmörder Johann Georg Grasel betreffend“. Zu sehen auch das Bild des berühmt-berüchtigten Grasel mit den komplici Fähding und Stangel. Wir begegnen Vaclav (Wenzel) Babinsky, dem legendären böhmischen Räuberhauptmann, geboren 1796. Babinsky wurde 1841 als Häftling Nummer 1042 in die Festung Spielberg eingeliefert. Er war als ruhiger Gefangener bekannt, der stets einen Rosenkranz bei sich trug und betete, das Vertrauen der Gefängnisleitung gewann, bald kranke Mithäftlinge betreute und zahlreiche Vergünstigungen erhielt.
Auch Jean-Baptiste Drouet war hier. Drouet, der am 21. Juni 1791 den fliehenden König Louis XVI. erkannte und Maßnahmen zu dessen Verhaftung in Varennes einleitete. Drouet geriet im Herbst 1793 in österreichische Gefangenschaft, die er auf Spielberg verbingen mußte, bis er im Zuge eines Gefangenenaustausches im September 1795 nach Frankreich zurückkehrte.
Ausgiebig dokumentiert auch die Geschichte des 1789 geborenen Schriftstellers Silvio Pellico, Autor der Tragödie Francesca da Rimini, wie Manzoni ein patriotischer Kämpfer für die Einheit Italiens und wider die Fremdherrschaft, 1820 als Mitglied der Carbonari verdächtigt und verhaftet. 1824 wurde er zum Tode verurteilt und zunächst in die Bleikammern von Venedig überführt; durch einen Gnadenakt des Kaisers von Österreich, Franz I., wurde das Todesurteil in Kerkerhaft umgewandelt, die Pellico auf der Festung Spielberg verbüßte. Pellico wurde 1830 vorzeitig entlassen, doch er war ein gebrochener Mann, körperlich schwer gezeichnet. Er lebte zurückgezogen und schrieb ein aufsehenerregendes Buch über seine Haft (Le mie prigioni, dt. „Meine Kerker“, 1832), das ihm internationalen Ruhm einbrachte; später, als er mit der Erziehung der Kinder des Conte Lambertenghi betraut war, kamen u.a. Lord Byron, Madame de Stael und August Wilhelm Schlegel, um Pellico kennenzulernen.
Pellico gehörte zu den politischen Gegnern der Habsburger Monarchie, die auf der Festung Spielberg inhaftiert waren. Auf die politischen Häftlinge warteten jedoch nicht die Kasematten. Für Gefangene höheren Standes, auch für die „Staatsgefangenen“, die aus politischen Gründen interniert waren – italienische Carbonari, Angehörige der republikanischen Bewegung in Ungarn (die „ungarischen Jakobiner“), polnische Revolutionäre des Krakauer Aufstandes von 1846 -, gab es auf Spielberg separate Zellen, zunächst in der oberen Etage des alten Gefängnisgebäudes, später in einem Teil der Kasernen.
Ein anderer italienischer Revolutionär war Graf Federico Confalonieri (1785 – 1846), nach zermürbenden Prozeß seit Januar 1824 auf Spielberg inhaftiert. Einmal im Gefängnis, weigerte sich Confalonieri bei weiteren Befragungen, auch nur noch ein einziges Wort zu sprechen oder zu schreiben, und wurde während seiner Haft mit außerordentlicher Strenge behandelt. Teresa Casati, mit der Confalonieri seit 1806 verheiratet war, setzte sich unermüdlich für Erleichterung der Haftbedingungen ein. Sie starb 1830; Federico erfuhr erst zwei Jahre später von ihrem Tod.
Persönliche Gegenstände des Franz von der Trenck, von Pellico, Bücherlisten, Erzeugnisse der Häftlinge, ein ausgehöhltes Buch.
Eine Figur auf einem Bild von Pieter Brueghel dem Älteren, die aus einem Turmfenster schaut. Feels like this.
Der Eingang zu den Kasematten. Ein netter junger Mann erklärt uns vorab den Weg durchs Labyrinth, schickt uns mit Faltblättchen auf die Reise, ich sage „In case I come back alone, I have locked her up“, er lacht: „It’s only prison for men!“
Die Kasematten – Gänge und fensterlose Räume mit Tonnengewölbe – wurden 1742 vollendet, als Spielberg unter Oberst de Rochepin eine neuerliche Befestigung erfuhr. Als Kaiser Joseph II. 1783 entschied, Spielberg zum Gefängnis für Schwerstverbrecher zu machen, wurde zuerst die obere Etage der (zweigeschossigen) nördlichen Kasematten umgebaut zu Massenzellen für Gefangene, 1784 entstanden auf Anordnung des Kaisers, nachdem er das Gefängnis von Spielberg persönlich inspiziert hatte, in der unteren Etage der nördlichen Kasematten 29 Holzverschläge, in denen die zu lebenslanger Haft verurteilten Sträflinge an Ketten angeschmiedet werden sollten. 22 Gefangene wurden tatsächlich in diesen tiefsten und ärgsten Verschlägen untergebracht, wo es nicht einmal indirekte Beleuchtung gab. Einer von ihnen war der Soldat Joseph Lippmann, 1786 zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er seinen Hauptmann von hinten erschossen hatte. 1790 ließ Leopold II. diese schlimmste Form des Arrestes auf Spielberg wieder aufheben. 1785 wurde auch die obere Etage der südlichen Kasematten zum Gefängnis umgewandelt, der sogenannte Leopoldinische Trakt. Die Kasematten von Spielberg wurden schnell zum berüchtigtsten Kerker der Habsburger Monarchie, europaweit bekannt und gefürchtet, eine Hölle der Lebenden.
1939 wurde Spielberg zum Gefängnis der Gestapo im besetzten Brünn. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nahmen die Nazis Umbauten in den nördlichen Kasematten vor, um Unterkünfte für ihre Truppen zu schaffen. Einen Rest der von den Nazis installierten Telefonanlage sieht man noch, an diesem unheimlichen Ort.
Zwischen 1987 und 1992 erhielten die Kasematten von Spielberg im Rahmen einer umfassenden Rekonstruktion wieder weitgehend das Erscheinungsbild, das sie am Ende des 18. Jahrhunderts hatten.
In den Massenzellen der Kasematten waren „gewöhnliche“ Kriminelle wie Mörder, Diebe, Brandstifter untergebracht. Verliese „for 29 prisoners“, „for 23 prisoners“, „for 27 prisoners“, im größten dieser Kerker, der sich in den südlichen Kasematten befindet, vegetierten 50 Gefangene.
Bis 1790 durften nur kranke Gefangene auf Strohmatten schlafen. Alle anderen Häftlinge verbrachten die Nächte auf Gestellen aus Holz, an Eisenringe angekettet.
In den nördlichen Kasematten.
Flucht aus den Kasematten war im Grunde unmöglich.
Neues Rathaus, Innenhof, Drache.
Cappuccino in einem Keller bei der Dominikanerkirche, Abendmesse in St. Thomas, Brünn bei Nacht.
Sie, deren Schönheit so exzeptionell war wie die Form ihrer Intelligenz, die aber unter einem dunklen Schatten lebten, Nico oder Marianne Faithfull. Marianne Faithfull, de facto und nicht nur metaphorisch eine Verwandte von Leopold von Sacher-Masoch, hat Mick Jagger mal Bulgakows „Der Meister und Margarita“ geschenkt, so kam es zu „Sympathy For The Devil“. Als Jagger sich von ihr trennte, unternahm sie einen Selbstmordversuch, und nach einem Sechstagekoma waren ihre ersten Worte: Wild horses couldn’t drag me away. Sie schoß sich im Theater Heroin, um als opheliahafteste Ophelia in die Geschichte einzugehen, lebte zeitweise in Soho auf einer Mauer und wurde doch die Frau, die immer wiederkam. In einem ihrer späteren Songs, „Times Square“, gibt es diese Zeile: „Playing in a wrong world“. Man weiß, warum diese Ophelia, dieser boy’s dream, auf dem Weg der Selbstzerstörung den Times Square aufsucht, aber dahinter steht eben dies: playing in a wrong world. Dieses Grundgefühl, ein Fremdgänger zu sein in dieser Welt, in der als „wirklich“ definierten Welt.
1979 hat Marianne Faithfull mit Broken English ihr Revolutionsepos geschaffen, kontrovers, provokant, radikal, wehmütig, aggressiv, düster, kalt, giftig, illusionslos. Die helle, reine Stimme der belesenen Adelstochter und Klosterschülerin ist verschwunden, auf „Broken English“ hört man die rissige Stimme einer Frau, die keinen Zweifel mehr daran läßt, daß alle Verobjektivierungen, zu denen der immer leicht abwesend wirkende Engel der Sixties vielleicht einlud, hiermit gescheitert sind. Auf dem Cover hält sie noch die Zigarette in der Hand, deren Rauch sie gerade ins Gesicht aller Erwartungshaltungen geblasen hat. Eine schmerzend intime Bestandsaufnahme am seidenen Faden, Schnappschüsse aus einer Zeit, in der Mariannes persönliche Lebenssituation – Junkie ohne Dach über dem Kopf – und das Klima kollektiver Ernüchterung, das in die Revolte des Punk umgeschlagen war, sich als Ausgangspunkt für Broken English gegenseitig unter Druck setzen. In ihrer Autobiographie beschreibt Marianne Faithfull später diese Stimmung als Mahlersymphonie, die außer Kontolle gerät. Weniger Ästhetizismus prägt ihren legendären Vortrag auf „Why D’Ya Do It“ – Lyrics von Heathcote Williams, dem Prospero in Derek Jarmans „The Tempest“ -, der dazu führt, daß Broken English in Australien ohne diesen Track erscheint.
Broken English erzählt keine Geschichten mehr, sondern hat sie gelebt. Und doch beweist Marianne Faithfull auf „The Ballad of Lucy Jordan“ herzzerreißend, wie sehr es ihr dennoch möglich ist, sich wiederzufinden in einer Frau, die sich am Nichtgelebten ihres Lebens entlang in sanften Wahnsinn gleiten läßt. „Lucy Jordan is me if my life had taken a different turn. It’s a song of identification with women who are trapped in that life and the true private horror of the ‚good life‘, the one women are meant to aspire to.“ Auf Broken English konzentriert Marianne Faithfull ihren Mut, alles, was sie durchlebt hat, als Teil der eigenen long road zu verstehen, unashamed.
Dangerous Acquaintances galt dann 1981 als Enttäuschung. „Truth Bitter Truth“ oder „So Sad“ lassen das Album durchaus nicht so lauwarm erscheinen, wie Kritiker es sehen, aber der letdown führte dazu, daß Marianne Faithfull wieder in der Versenkung verschwand.
1983, A Child’s Adventure. Mir schien, ich war der einzige weit und breit, der diese Platte kaufte.
„Und ebensowenig wie die Träume kümmert es das Kind, ob seine Bilder denen des wirklichen Lebens gleichen oder ob sie vollständig sind: es nimmt einfach an, sie seien es, und Punkt.“ – Felisberto Hernández, Das verlorene Pferd
Wie ein verirrtes Kind, diese Platte. Ich liebte sie, bis vom Vinyl nicht mehr viel übrig war. Verschenkte „Times Square“, „Ireland“ und „The Blue Millionaire“ auf den Dingern, die man heute Mixtapes nennt, and nobody cared. Daß Marianne Faithfull das Heroin noch nicht hinter sich hatte, war die schreckliche Wahrheit hinter A Child’s Adventure.
Anyway, so ging es die ganze Zeit mit Marianne Faithfull. Immer kam sie plötzlich von irgendwoher und zwang einen mit einem Song in die Knie.
In a tired part of the city Hiding from the fast talk Watch Don’t walk to Walk Easy when you’re dreaming Staring at the movies Standing in a circle The laughing at the wrong time
If alcohol could take me there I’d take a shot a minute And be there by the hour
Take a walk around Times Square With a pistol in my suitcase And my eyes on the TV
In a car taking a back seat Staring out the window Thinking about danger Playing in a wrong world Fighting but I’m not free Talking on the telephone Talking about you and me
If Jesus Christ could take me there I’d fall down on my knees Have no questions to his answers
Take a walk around Times Square With a pistol in my suitcase And my eyes on the TV
And if I die gaining my senses Wake up in a hotel Staring at the ceiling.
1999 erreichte ich im letzten Moment die Musikhalle. „Was kostet die billigste Karte?“ – Es war 5 vor 8, sie kostete 35. „Uff!“ – „Du meinst, uff, so billig kann man Marianne sehen.“ – „Uff, wo sitze ich denn da?“ – „Uff, ganz oben.“ Aber dann saßen wir alle im Parkett, weil das Konzert nicht ausverkauft war. Aber wir, die wir da waren, rührten sie zu Tränen, und sie uns. Jemand reichte ihr Blumen, sie nahm sie entzückt wie ein junges Mädchen, und dann doch ironisch-abgeklärt: „They’re from your mother’s garden, aren’t they.“
„Wilder Shores Of Love“ ist der Song unter allen Marianne Faithfull-Songs, den ich höre, wenn vom Nachthimmel die Engel fallen.
Think about it when you’re out on the street Think about it when you’ve nothing to eat How did you fall so low from so high above?
Think about it when you’re on your own Think about it when you’re leaving home You didn’t see it coming, the velvet glove
Too far out on the wilder shores of love Too far out like you knew before On the wilder shores of love
Think about it from the other side Realize you’ve got nothing to hide There’s no one left alive to give you away
Night moves in mystery What else do you want to be? Did no one ever show you the way?
Just found out on the wilder shores of love Just found out what you did before On the wilder shores of love
Too far out on the wilder shores of love Too far out what you knew before On the wilder shores of love
I can feel your dangerous love around me Do I want to go in there again When all I wanted was for you to drown me And love was there to make me go insane
I remember all the lies you told me Shut my eyes and always you appear I can’t forget the way you used to haunt me I can’t forget the love that wasn’t there
Too far out on the wilder shores of love Too far out like you knew before On the wilder shores of love
So far out on the wilder shores of love So far out like you knew before On the wilder shores of love
[From a letter]
Yesterday afternoon, after they had sent me home for two days off, I had fallen asleep with my fever head while a collection of Marianne Faithfull songs was playing. Woke up again, sobbing, because in a dream I had been lying on my bed, crying, and a certain person who is gone had come in silence to look for me, and I understood crystal clear how the idea of angels being around came into this world. And the music was still playing and the song that just faded was this one. I’m not kidding.
Marianne Faithfull in „Lucifer Rising“, Regie Kenneth Anger.
Marianne Faithfull hat mir im Leben wiederholt die Tränen in die Augen getrieben, „The Ballad Of Lucy Jordan“ unausweichlich. Das, wobei Sie dachten, Sie sehen nicht richtig, stammt aus dem Dezember 1979, holländisches TV, kann mich nicht immunisieren gegen die Heroinaugen, gegen ihre Schönheit zwischen kompletter Entrückung und Capricorndisziplin.
Es gibt auch einige der frühen Aufnahmen von Marianne Faithfull, die ähnliche Wirkung auf mich haben, „I Have A Love“ (von „Love In A Mist“, 1967) ist ein Song, auf dem ihre noch helle Stimme von derart überirdischer, tragischer Unschuld ist, daß man nichts mehr hört als einen Engel, der weiß, daß er in Fetzen gerissen wird.
„Morning Holmes.“ – „DON’T ASK ME TO COMMENT ON YOUR NEW TIE!“ Sloterdijk – uiiih. Der muß ein vor Jahren geführtes Telefongespräch abgehört haben, in dem ich jemandem erklärte, dass dieses ganze Geversichere absurd. Sich gegen das Leben versichern zu wollen, hieße tot sein. Aber so tun sie es. „Sie“, die M-Püree-Menschen. Alles verneinen, was Leben, Lieben, Entwicklung ist. Aber ich bin müde, darüber zu viele Worte zu verlieren. Helfersyndrom und Beteiligtheit nach Timbuktu verschifft. Sie meinen, Sie überspringen das 21. Jahrhundert? Durch den Dienstboteneingang des 20. ins 19. zurück? Werfe ein paar Schachteln Antiidiotikum und Aspirin ins Gobelinköfferchen, das Samtcape über und bin dabei. British Lads, thumbs up, thank you! Und thank you auch für Mark Lanegan. Nicht nur die Musik, die goose-bumps-voice und allen voran (z.Zt.) You Will Miss Me When I Burn, auch für die wunderschöne Covergestaltung! Unternehmen Sie auf Ihren Rückwärtsreisen Raubzüge alter französischer Zeitungen? Die adorable poupée blonde et rose ist entzückend und der Plattenspieler erinnert so very an Control. Love it!
Ach ja, die Platten der Geschwister, ich kenne sie auch! Aber Plastikhüllen innen? Oh je oh je. Waren die besten Momente, wenn der Bruder in der Schule und ich am verbotenen Plattenschrank. Da auch gefunden mein Leben, meine Zuflucht, meine Vergangenheit, meine Zukunft, Offenbarung. Die Heilung. In seiner Schönheit wandelt er in Samthosen? Ich hörte damals von Leuten, die sich Punks nannten und auf ihren Platten herumsprangen, bevor sie aufgelegt wurden, undenkbar natürlich für die Gebrüder Penibel. Ungeschlagene Meister der Kabelvermuddelung sind ja Lichterketten. Auf Platz 2 knickt und schlängelt sich mein Telefonkabel herum, aber ich habe nun einen Teenager, der sich um Entwirrung bemüht, um in Verwirrung zu sprechen mit anderen seiner Zunft und zwar in seinen Gemächern.
Oh Dear, how you described The Devils Foot! Zu allem ein gehauchtes: Quite so. Und noch: Wie er im Moment, als die Polizei eintrifft, die zwei Hinweise gibt, mit denen der Fall gelöst werden kann. Genau weiß, dass diese keine Beachtung finden werden. Folgerichtig, dass er am Ende wütet, er arbeite schließlich nicht für die police. A deep sigh here. Logic is rare. Ich habe schon wieder vorausgegriffen und „The Dying Detective“ in eine Lernpause geschoben. Nur auf youtube, aber ach, wie groß ist diese Folge!?! Die Geschichte ist one of my favourites in geschriebener Form, deshalb die Wahl. So eine schöne Umsetzung! Die bezaubernde Susannah Harker, die in BBCs Pride and Prejudice die Jane spielt. JB sieht in der vorletzten Szene David Bowie ähnlich. Ich kann mich nur den Worten der jungen Dame in der letzten Szene anschließen: „We are very grateful to you, Mr. Holmes!“ – „My privilege, Miss Savage.“
Die raubzüglerische Rückwärtsreise spulte vorwärts zu einem der Bouquinistes in Paris, der aussah wie der Sohn von Michel Polnareff. Und von dem stammen denn auch eine Single von Michel Polnareff und zwei von Francoise Hardy aus den 60s. Und eine „Jours de France“-Illustrierte vom 19. Juni 1965. Da das Titelbild davon ohnehin hinter Glas an meiner Wand hängt (Francoise of course), entwand ich ihr Control-Plattenspieler und poupée blonde, das schwob mir heilig genug vor für das Wissen, es kommt ein Cash-Paket. Eine andere 60s-Ophelia: kennen Sie den besten Roman überhaupt, Bulgakows „Der Meister und Margarita“? Den hat Marianne Faithfull mal Mick Jagger empfohlen, und so kam es zu „Sympathy For The Devil“. Ich verehre diese Frau. Wenn Sie dem Stundenhehler nochmals begegnen, überlassen Sie sich doch dem überaus beeindruckenden Portrait der Tochter der Großnichte von Leopold Sacher-Masoch (5 Teile) auf YT.
JB ähnlich David Bowie in TDD? Gott, was wird sich noch alles ins Gedichtnis brunnen. Wie ich ohne diese Serie leben konnte, entkenntnist mein Ziehtsich. Es gibt Frogen, da bin ich überfrogt.
Sapperment! Ich setze Rauhreif an. Vorerst pfeife ich auf die Ewigkeit. Es schlägt 13 im Crescendo der Sibeliusstreicher. Weiße Laken aus Schnee. Mein Herz wird schmelzen und liquides Gefunkel versprühen. Einer der drei Weisen, dumm wie Bohnenstroh. Sieh mal Jesus, jeder von uns hat doch in seinem Herzen eine mehr oder weniger tiefe Wunde, nicht? Vergebung, Maestro. Ich friere bloß so. Weiße Laken aus Schnee. Bengalische Fackeln. Eine Prozession fackeltragender Eisheiliger. Ich scheine mich in einem kleinen Nest in Mittelschweden zu befinden. Oh, meine Schwester Lisbeth kommt aus der Schule. Stapft durch den Schnee in ihrem grünen Kleid. Ich frage mich, wer ihr diesen Hut aufgesetzt hat.
Ich kapituliere. Gehen wir. Aber ich will nicht sehen, wie sie sieht, wie ich gehe. Warten wir nur, bis sie uns den Rücken zukehrt.
Und als aus Lisbeth Liz geworden war, stand sie an Tagen wie diesen beim Fenster. Das graublaue Wolltuch um die schmalen Schultern geschlungen, schaute sie dem Schnee beim Schmelzen zu und sie wünschte sich nichts, als im Grünen durch den Schnee zu stapfen und dem Bruder noch einmal beim Gehen zusehen zu dürfen, aber wie immer wurde jeder Tagtraum jäh beendet, denn es war noch Brot zu backen und auszukehren. Nach zwei Wochen Klausurlernen und Prüfungstandhalten, die schlimmste von allen, genehmigte ich mir gestern den letzten der fünf Jeremy Brett-Filme. Der begehrte Junggeselle. Das Zeichen der Vier und Der begehrte Junggeselle sind DIE Filme. Der erste gnadenlos Holmesianisch, der letzte ein wenig wilder, psychedelisch zuweilen, Jeremys Krankheit angepasst sogar, würde ich meinen. Szenen, in denen er schwitzend im bodenlangen Nachthemd zu Bett fiebert, nur um im übernächsten Moment auf die Straße zu stürzen und im Schlamm zu landen bei dem Versuch eine Kutsche zu stoppen. Ich lag schaudernd und schaute nur. Spannungsbogen, Psychedelik, Traumdeutung, zu grellbunte Flüssigkeiten in den Phiolen, ein dunkelschwarzes Samtkleid mit weißem Spitzenkragen, Drama, ein fast zärtliches Ende. Ohne Sherlock Jeremy Holmes leben? Never again. Es entkenntnist sich Ihnen vollkommen zurecht.
Dem Stundenhehler begegnete ich wie erwähnt nur gestern einen kurzen Moment, er hat auch nicht immer alles vorrätig. Aber wenn das Lager wieder Nachschub lieferte, werde ich mich gern Marianne & Bulgakow widmen, es ist alles vielversprechend. Vor meiner Klausurtagungszeit habe ich mich noch dem Sherlock Holmes Handbuch hingegeben und es sagte, dass an dem Platz, wo bei Ihnen ein französisches Titelblatt die Mauern ziert, bei mir eines schönen Abends ein Titelblatt des Strand Magazins auf mich herablächeln wird nebst einer Sidney Paget Zeichnung, deren Originale aus den Erstveröffentlichungen ja, wie Sie vielleicht wissen, den göttlichen Creators von Granada und Jeremy als Vorlage dienten. Im Handbuch kann man die Zeichnungen unmittelbar mit den Serienbildern vergleichen. Fantastic, Holmes, splendid! Das Bild mit der Rose ist besonders beautiful.
Das ist ein feiner Plan, mit dem Strand Magazine-Titelblatt. Derzeit sehe ich die falschen Filme. Fight Club. Aguirre, der Zorn Gottes. Ein Thema von Fight Club ist ja, daß man von Flutwellen gequirlter Scheiße erfaßt wird. Man liegt da und denkt, ach aus dem Haus in der Paper Street könnte man schon was machen, mit Helena Bonham Carter drin. Doch der Protagonistenkopf sagt sich nun mal Dinge wie: mit genug Seife könnte man so ziemlich alles in die Luft jagen. Eins muß man Tyler Durden lassen: er hat die Fähigkeit, das, was ohne Bedeutung ist, weggleiten zu lassen. – Wir halten durch. Ich bin der Zorn Gottes. Wer sonst ist mit mir. Wir haben entschieden, dem Treiben des Schicksals ein Ende zu setzen. Wir rebellieren bis auf den Tod. Irgendwie gehören diese beiden Filme zusammen, aber bevor ich herausfinde wie, lenkt mich „Metropolis“ ab, mit den 25 in Buenos Aires gefundenen Minuten. Gut so. Aus einem perfekten Kreis
werfe ich mich in Schwarze Löcher, um in Erfahrung zu bringen, wie sich dort die Zeit verlangsamt.