
Bertel Thorvaldsen
Cupid Triumphant, Examining His Arrow
1823
Thorvaldsens Museum, Kopenhagen
Amor vincit omnia

Bertel Thorvaldsen
Cupid Triumphant, Examining His Arrow
1823
Thorvaldsens Museum, Kopenhagen
Amor vincit omnia

Don’t take me away from this dream
Even though it’s not what it seems
Please let me continue this dream
Even though it can’t be believed

The Devils aus Neapel sind Erica Toraldo a.k.a. Erika Switchblade, Schlagzeug und Gesang, und Gianni Vessella a.k.a. Gianni Blacula, Gitarre und Gesang. Benannt hat sich das Duo nach dem Psychohorrordrama „The Devils“ von Ken Russell aus dem Jahre 1971.
Der z.T. harsch zensierte und in Finnland bis 2001 komplett verbotene Film behandelt das Schicksal des Urbain Grandier (gespielt von Oliver Reed), Priester in Loudon, der 1632 der Hexerei beschuldigt und 1634 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Grandier ist ein charismatischer Mann, stolz und populär, der vielen den Kopf verdreht und sich mächtige Feinde macht. Eine der Nonnen von Loudun, Schwester Jeanne von den Engeln, ist besessen von ihm und verfällt in sexuelle Wahnvorstellungen; schließlich komplett deranged, löst sie die Anschuldigungen gegen Grandier aus, denen Massenhysterie folgt – Jeannes unerwiderte Obsession wandelt sich zu Hass und bringt Grandier zu Fall. Vanessa Redgrave ist Schwester Jeanne des Anges, und ein Bild von Vanessa Redgrave aus dem Film ziert die Bassdrum der Erika Switchblade.
The Devils glauben an die Hölle als Non-Stop Erotic Cabaret. Bislang gibt es 6 Alben: ihr Debut, „Sin, You Sinners!“ von 2016, ein knapp 18minütiger Wahnwitz, wollüstig, verkommen und dreckig, wird in 2 Tagen aufgenommen und produziert von Jim Diamond, der auch für The White Stripes gearbeitet hat. Ein Sound, der allen Ausschweifungen huldigt und die willigen Sünder in die Unterwelt peitscht. Ein Song heißt „Azazel“, und eben so klingt die Band: wie der Höllenfürst, dem man was in die Drogen getan hat.
Ein anderer Klassiker, „Coitus Interruptus (From A Priest“), fehlt auch heute abend nicht.
Ende 2017 erscheint „Iron Butt“, wiederum auf Voodoo Rhythm Records (Wohltäter der Menschheit) und wiederum produziert von Jim Diamond. „This is minimalistic, lunatic-level trash rock on amphetamines, the kind you hit it and quit it to […] minimalism yields maximum results here. Throughout the 10 tracks of Iron Butt, Toraldo and Vessella collude with the dark side by addressing topics of sin, sodomy, and other facets of man’s ruin and ecstasy with scuzzy punk/blues riffing and thrashing drums“, schreibt New Noise Magazine und verleiht entzückt 5 Sterne. Der Opener heißt „Put Your Devil Into My Ass“. Nur damit die Verhältnisse klar sind.
„Guts Is Enough“ klingt wie 2 Minuten besessene Reaktion auf die Exorzisten, die neben dem Bett stehen und mit den Armen fuchteln.
Im Herbst 2019 treten zwei Legenden auf den Plan: Erika und Gianni gewinnen Alain Johannes als Produzenten für „Beast Must Regret Nothing“. Und auf „Devil Whistle Don’t Sing“ ist Mark Lanegan als Sänger zu hören. („That was also a gift from Alain. But already when we wrote the song and realized our voice wasn’t right, we jokingly said, ‚This song needs Mark Lanegan’s voice,‘ but we never thought it would happen. Instead, while we were recording, Alain passed the recordings to Mark, and he liked us. When he returned to Los Angeles to mix the album, he was in the studio with Mark working on his audiobook, and he asked us, ‚Shall we have Mark do the song?‘ Could we possibly refuse?“) (*)
Ein Glücksfall für den Weltenlauf, daß Alain Johannes diese Band entdeckt, liebt, und sich ihrer annimmt. „Beast Must Regret Nothing“ wird wegen Pandemie-bedingter Verzögerungen erst im April 2021 veröffentlicht („Wir wollten nicht zu lange warten und riskieren, daß es ein posthumes Album wird.“) ICH BIN DER MADONNA ERSCHIENEN!
Mit Alain Johannes erschließen sich The Devils neue Dimensionen, beschäftigen sich intensiver mit den Arrangements, so sinistrer wie lasziver Groove wird eine weitere ihrer Stärken. Auf dem Song „Beast Must Regret Nothing“ ist Alain Johannes höchstselbst mit Gitarre und Gesang zu hören.
„Real Man“. Eins meiner 111 Lieblingsvideos, ein Jammer, daß Lux Interior The Devils nicht mehr erlebt.

Im Januar 2023 erscheint das Live-Album „Live at Maximum Festival“, Anfang 2024 dann „Let The World Burn Down“, aufgenommen in Padua, mixed and mastered by Alain Johannes.
You put on a blindfold
And I tear it off
Which of us is blind?
It never helps to be kind
We are just two fools
And if you don’t
And if you don’t want to see it
You can break your own mirror
„Although we’ve never really played blues or soul music, we’ve spent years exploring and pursuing these genres. We’ve delved into their roots and absorbed countless musical influences. As we celebrate our 10th anniversary, it feels fitting to create this record as a tribute to the music that has become our steadfast inspiration and something we can truly rely on.“
Auch für das brillante Cover-Album „Devil’s Got It“ (März 2025), für das man bei Bandcamp wie für alle Werke der Band genau 6,66 € zahlt, sitzt Alain Johannes wieder am Mischpult. Daß immer mehr David Lynch in die Musik von The Devils Einzug hält, läßt sich auch im Video für „Lonely For You Baby“ erkennen, kurz nach dem Tod des Regisseurs veröffentlicht als „deeply-felt homage to David Lynch“ (so die Band), Video-Regisseur Rob Schmidt:
„David Lynch’s BLUE VELVET, specifically the ‚IN DREAMS/ROY ORBISON‘ sequence, was the specific aesthetic inspiration for our video. We even looked at stills from it on set. Now, a few days after the master’s death, I am realizing how much he has inspired our work with his dark retro style. Rest in peace good master, your voice echoes through time.“
Die Nonnen in „The Devils“ geraten in religiös-sexuelle Raserei, Urbain Grandier wird grausam gefoltert vor seinem Feuertod, am Ende masturbiert Schwester Jeanne mit einem phallisch geformten Knochen Grandiers. Obszönität, Blasphemie, Nunsploitation, The Devils – ein genuiner Nexus. Als sie in einem Interview gefragt werden, ob sie ein Paar seien, antwortet Gianni: Wir sind Geschwister, Kinder der gleichen Nonne, aber unterschiedlicher Priester. Frühe Auftritte absolvierten sie denn auch im Fetisch-Nonnen- bzw. Priester-Outfit, heute stöckelt Erika in glänzenden, hohen Lackstiefeln durch den Hafenklang-Club, lächelt ein hinreißendes „Hello“, als sie an uns vorbeigeht, und besteigt schließlich mit Gianni die Bühne zu den Klängen von Wojciech Kilar für Coppolas „Dracula“ (die ersten zweieinhalb Minuten davon).
Zwischen Songs erzählt Erika so süße Sachen wie: sie hätten mal für den Vatikan gearbeitet, aber man habe sie dann doch rausgeworfen. Wie sie mit diesen Stiefeln / diesen Absätzen das Schlagzeug bearbeitet, ist Kunst für sich. Der Rabatz dieser beiden Teufel, die so klingen, als wären sie vier, verhindert so zwingend jegliches Stillstehen, daß Filmen mir 2024 gänzlich unmöglich war, dieses Mal stehle ich mich bei „Devil Whistle Don’t Sing“, dem auf dem Album von Mark Lanegan gesungenen Song, an die Seite der Bühne, immerhin, for my bad smartphone snippet.
Gianni sitzt mit seiner Gitarre am Bühnenrand für eine wunderbare Version von „Everybody Loves A Winner“.
Für The Devils gilt jederzeit: sex is only dirty if you do it right, und das vermitteln sie in stellar performances, auf ihren Alben wie bei ihren Live-Shows. Die dunkle Seite der Gefühlswelt exponiert in der Kulisse eines Horror-Sex-Trash-B-Movies, und in dieser Welt sind sie Perfektionisten. In einem Interview zu „Beast Must Regret Nothing“-Zeiten erzählt Erika, sie sei immer enttäuscht, weil in einem fertigen Song immer nur 5% der Bilder auftauchen, die sie im Kopf hatte. Wenn Erika die anderen 95% aktiviert, gnade uns Gott. Oder der andere. Im Weltbild von The Devils ist der Teufel die Unfähigkeit des Menschen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. „We’re two people who, if they see a crowd, go the other way“ (*).
Neopuritanismus, Cancel Culture, Zensurmaßnahmen, jeder sanktioniert jeden, Kunstfreiheit ist keine Selbstverständlichkeit mehr und Abweichlertum lebt gefährlich: in solchen Zeiten bedeuten The Devils besondere Wohltat. Zwischen dem 28. Januar und dem 28. Februar spielen sie sage und schreibe 31 Konzerte in Italien, Deutschland, Österreich, der Niederlande, Belgien und der Schweiz: wir verneigen uns in Bewunderung und tiefer Dankbarkeit. Lächeln uns nochmal zu am Merch-Stand und nehmen ein von beiden dann signiertes Exemplar von „God’s Got It“ mit. Cut out the middleman, wie Jeordie White mal sagte.
„We wanna get rid of the obsession of reason.“ – Erika Switchblade
„The Devil, it seems, departed from the Mother Superior at 10:45 precisely.“ – The Devils, 1971

* Interview übersetzt aus dem Italienischen
Philosophie des Horrors 005.
„Ein jeder Engel ist schrecklich.“
(Rilke 2006, 689)
Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto veröffentlichte 1917 mit „Das Heilige“ ein Schlüsselwerk der Religionspsychologie, das als überholt gelten mag, sofern man dem Autor ein rein spekulatives, nicht-empirisches Verfahren zuschreibt und dies als Mangel ansieht. Für uns indes empfiehlt sich Rudolf Ottos Werk als bedeutend, weil es nachvollzieht, wie sich an jener ersten Grenze, die den Kosmos strukturiert, ein Psychodrama ereignet, das den Eindruck verstärkt: Weltordnung und Horror are born twins.
Für das ursprünglich Heilige, das eigentlich Innerste aller Religion, das sich in rationalen Aussagen und Begriffen nicht zu vollständiger Klarheit und Deutlichkeit bringen läßt, das zu erschließen ist nur über die Gefühlsreaktion, die es erregt, prägt Rudolf Otto den Begriff des Numinosen.
Für die Urform religiösen Erlebens, diese Begegnung mit einem Unaussprechlichen, sei das Gefühl der schlechthinnigen „Abhängigkeit“, von dem Schleiermacher sprach, eine zu sehr aus dem Subjekt heraus gedachte Bestimmung, die R. Otto durch das „Kreaturgefühl“ (RO 10) ersetzt, das Gefühl des Versinkens und der Nichtigkeit vor einem unsagbar Übermächtigen, als einer Wirkung des Numinosen. Übermacht und Unnahbarkeit des Numinosen, das als objektive Präsenz erfahren wird, bewirken im Erlebenden die Scheu. Scheu ist die primäre Gefühlsbestimmtheit, aus der das Kreaturgefühl resultiert; dasjenige am Numinosen, was mit sinnverwirrender Gewalt erregt, was Ursache und Gegenstand ehrfürchtigen Erschauerns oder verklärter Demut sein kann, wird von R. Otto bezeichnet als Mysterium tremendum (RO 13).
Tatsächlich kann dieses „Grausen und Schauder“ auslösen, tatsächlich geht es um das „Erzittern und Verstummen der Kreatur“ vor dem, „was im unsagbaren Geheimnis über aller Kreatur ist“ (RO 14); mit dem tremendum soll etwas der Furcht Analoges umschrieben sein, das doch „noch ganz etwas anderes ist als Sichfürchten“ (RO 15). Fällt auch der Begriff selbst nicht, geht es doch gerade hier um Horror: als einen durch die erlebte, ja verhängte Grenze zum Übernatürlichen, Heiligen, Numinosen inspirierten Affekt.
Das Mysterium tremendum, das Schauerliche, löst einen Schrecken aus, der genuin verschieden ist von „natürlicher“ Furcht. Bei dieser läßt sich angeben, was gefürchtet wird; was im numinosen Schrecken erschreckt, was in dieser Scheu gescheut wird, läßt sich nicht erfassen. Der erste, aus anderem nicht ableitbare Grundfaktor der Religion ist für R. Otto eben dieses durch nichts Geschöpfliches ausgelöste Grauen: als „erstes Sich-Erregen und Wittern des Mysteriösen“ (RO 17). Daß hier de facto die Rede ist von Horror, wird gerade auch deutlich in der Bemerkung, daß „diese eigentümliche Scheu vor dem ‚Unheimlichen‘ auch eine völlig eigentümliche, bei natürlicher Furcht und Schrecken niemals so vorkommende körperliche Rückwirkung hervorbringt: ‚Es lief ihm eiskalt durch die Glieder‘, ‚mir lief eine Gänsehaut über den Rücken‘. Die Gänsehaut ist etwas ‚Übernatürliches‘.“ (RO 18)
Für R. Otto ist der physiologische Horrorschauer Effekt der numinosen Erfahrung – und nur der numinosen Erfahrung. Der Zustand Horror, hier wird er religiöses Urerlebnis. Engländern sei er bekannt als „(…) ‚awe‘, das nach seinem tieferen und speziellsten Sinne ungefähr auf unseren Gegenstand geht.“ (RO 15) Im Deutschen gibt es Ausdrücke „für die roheren und niederen Entwicklungsstufen dieses Gefühles. Nämlich unser ‚Grausen‘, auch unser ‚Schauer‘ und ’schauervoll‘. Und ‚Erschauern‘ z.B. ‚Erschauern in Andacht‘ bringt uns doch auch das Höhere ziemlich rein zum Anklingen.“ (RO 16)
Nacktes Grauen und vornehmeres Erschauern werden also als Formen religiösen Horrors erkannt. Die „erhabene“ religiöse Scheu hat ihre Vorstufe im „panischen Schrecken“, in der dämonischen Scheu, „mit ihrem apokryfen Absenker, der ‚gespenstischen Scheu‘. Und in dem Gefühle für das ‚Unheimliche‘ hat sie ihre erste Regung.“ (RO 16) Von diesem Gefühl eines Unheimlichen, das in den Gemütern der Urmenschheit auftauchte, „ist alle religionsgeschichtliche Entwicklung ausgegangen.“ (RO 16).
Die Ehrfurcht vor dem Numinosen ist auf ihren höheren Stufen erheblich verschieden von der dämonischen Scheu, doch auch die Götter behalten als numina immer etwas Gespenstisches an sich, auch das Erhabene behält den eigentümlichen Charakter des Unheimlich-Furchtbaren, und dieses Moment verschwindet auch nicht auf der Stufe des Gottesglaubens: „Das ‚Grauen‘ kehrt hier wieder in der unendlich geadelten Form jenes tiefst innerlichen Erzitterns und Verstummens der Seele (…)“ (RO 19)
Auch im erhabenen Erschauern bleibt elementares Grauen. Horror ist schon religiöse Erfahrung, und in jeder religiösen Erfahrung ist noch Horror. Zum tremendum hinzu kommen das Gefühl schlechthinniger Übermacht oder Übergewalt (majestas), und das als „Wirken“ des Numinosen Empfundene, das Moment des „Energischen“, die Bewegtheit und Erregung dieser Übermacht, die z.B. als „Zorn“ gefühlt wird und wiederkehrt in den verschiedenen „Affekten“ mythologischer Gottheiten.
Das eigentliche Mysterium am mysterium tremendum aber, das nicht Tremor (Zittern, Beben, Erschütterung), sondern Stupor bewirke, das „starre Staunen, das ‚völlig auf den Mund geschlagen sein‘, das absolute Befremden“ (RO 29), ist schließlich „das Ganz andere, das aus der Sphäre des Gewohnten, Verstandenen und Vertrauten und darum ‚Heimlichen‘ schlechterdings Herausfallende und zu ihm in Gegensatz sich Setzende, das darum das Gemüt mit starrem Staunen Erfüllende.“ (RO 29)
Drei Symptome religiösen Horrors werden also benannt: der Schauer der „Gänsehaut“, der Tremor und der Stupor. Das vornehmlich Stupor Bewirkende weist menschliches Erkennen gänzlich in die Schranken: das Ganz andere, vor dem es nur das Zurückprallen in erstarrendem Staunen gibt, ist menschlichem Wesen inkommensurabel (vgl RO 31).
Genaugenommen hat dieses Ganz andere, nicht nur bei R. Otto, das Problem, daß seine „Inkommensurabilität“ die Metapher ist für letztmögliche Kommensurabilität. Es kann zu keinem Etwas ein Ganz anderes geben ohne ein letztmögliches gemeinsames Maß; ansonsten liefe es am Etwas schlicht vorbei, es gäbe keinen Bezug mehr zwischen dem Etwas und dem sogenannt Ganz anderen. Insofern ist ein Ganz anderes gar nicht denkbar. Nun behauptet R. Otto auch gar nichts anderes vom Ganz anderen: denkbar ist es nicht, doch es ist. Das Ganz andere ist „ein Etwas, das nicht hineingehört in den Kreis unserer Wirklichkeit“ (RO 32) – das sich aber doch in irgendeiner Form in dieser Wirklichkeit bemerkbar macht, sonst gäbe es keine Wahrnehmung davon und keine Rede von ihm.
Wie ganz anders das Ganz andere sein kann, bestimmt die jeweilige Wirklichkeit. R. Otto nennt das Übernatürliche als das Ganz andere der Natur, das Überweltliche als das Ganz andere von „Welt“; es sind Bezeichnungen „einer eigentümlichen, ‚ganz anderen‘ Realität und Qualität, von deren Eigenart wir etwas fühlen, ohne ihm begrifflich klaren Ausdruck geben zu können.“ (RO 34). Die Grenze, um die es geht, ist stets dieselbe: sie verläuft zwischen einer gewohnten und vertrauten „Wirklichkeit“ und dem, was diese Vertrautheit übersteigt.
Auf allen Stufen der Religion ist nach R. Otto also ein Grundelement vorfindbar, das er „das numinose Gefühl“ (RO 1932, 2) nennt, den sensus numinis (Zinzendorf hatte den Begriff im 18. Jahrhundert verwendet), der den geschichtlichen Ursprung der Religion darstellt. Charakteristisch am Begriff des numen ist das „Schwebende, Indefinibele, Übergreifende, Mysteriöse dieser Bezeichnung“ (RO 1932, 5). Der sensus numinis, als Entsetzen und Scheu, wird durch eine Sinneswahrnehmung aktiviert, ist aber nicht durch diese gegeben: etwas löst Furcht aus, etwas, von dem eine dunkle Vorstellung durch etwas Gegebenes angestoßen, angeregt, „aufgeweckt“, zur Ahnung gebracht wird; der sensus numinis ist Wahrnehmer (und Für-Wahr-Nehmer) der Dinge hinter den Dingen. Das Erschrecken und Erschauern hüllt sich erst nachträglich in Vorstellungen von Geistern und Dämonen und setzt diese nicht etwa voraus; das Erschrecken und Erschauern bricht spontan hervor, als Erlebnisart, die auch weit elementarer sei als jede „Seelen“- oder „Mana“-Vorstellung. Das heißt, auch R. Otto lehnt sowohl die Theorie des Animismus ab, nach der aus den Vorstellungen von „Seelen“ die Vorstellungen von Geistern, Dämonen und Göttern entstanden seien, als auch die Theorie des Präanimismus, nach der es vor allen Seelenvorstellungen die Annahme einer magischen Kraft (mana) gab, die zunächst an einzelnen Dingen, dann als eine einheitliche vorgestellt wurde. Das Unheimliche, das Übernatürliche, das mächtige „Ganz andere“: all dies provoziert nach R. Otto elementares Grauen, bevor es die Vorstellungen von „Beseeltheit“ oder magischer Kraftwirkung gibt; es ist Grauen vor einer ganz anderen Seinsweise schlechthin, ein dunkel gefühlter Vorstellungsinhalt, der sich erst später zu konkretisieren beginnt. Das numinose Gefühl spürt, mit einem Wort, „a presence“ (RO 1932, 68); eine fremde, seltsame Wesenheit, die ihm Entsetzen und Scheu einflößt, weil ihre Präsenz die Grenze des „Natürlichen“ überschritten hat.
An der Gespensterfurcht ist nicht so wichtig, daß man in ihr den „apokryfen Absenker“ und in der Gespenstergeschichte eine Art Abfallprodukt des numinosen Gefühls sehen muß, sondern daß sie den Reiz verdeutlicht, der vom Ganz anderen ausgeht. Was das Lustgefühl an der Gespenstergeschichte ausmache, sei nicht, das Gespenst am Ende wieder loszuwerden; der Reiz sei vielmehr das Gespenst selbst, als Mirum und Wunderding, als etwas, das es eigentlich gar nicht gibt, als Ganz anderes; der Reiz ist die Lust an der numinos aufgefaßten Macht selbst.
So gibt es neben dem tremendum als dem schreckenden und abdrängenden Moment des Numinosen auch ein anziehendes, gar zusichreißendes Moment, ein Faszinierendes, mit dem es in „seltsame Kontrastharmonie“ (RO 39) tritt: das fascinans des Numinosen. „Diese Kontrast-Harmonie, dieser Doppelcharakter des Numinosen ist es, für den die ganze Religionsgeschichte zeugt“ (RO 39). Das Dämonische, das Göttliche, das Numinose ist zugleich grauenvoll-furchtbar und lockend-reizvoll. Mit dieser „Kontrast-Harmonie“ – Erstarren, Zurückschrecken, Erschauern, in dem zugleich Hinwendung liegt – exponiert Rudolf Otto die dem Zustand Horror elementare Ambivalenz.
In dämonischer Scheu allein gebe es keine positive Hinwendung zum numen. Das Mysterium könne als beseligend erfahren werden, weil im fascinosum ein (religiöses) Sehnsuchtsgefühl zum Tragen kommt. Zum einen geht dies in die Richtung des von R. Otto dann proklamierten sensus numinis, eine in den irrationalen Sphären des Menschen erregbare Kapazität der Reaktion auf das sich offenbarende Ganz andere; zum anderen spräche dies aber auch dafür, daß ein Verlangen nach Ohnmacht vor dem Übermächtigen existiert, das Entzücken des Versinkens in die Nichtigkeit vor der majestas, eine Lust am Überwältigtwerden und Sichausliefern. Unterstrichen wird ausdrücklich „das Dionysische der Wirkungen des numen“ (RO 39). Dionysisch ist gerade das Zulassen der Überschreitung, in der die Grenzen der Identität sich lösen.
R. Otto zieht Parallelen zwischen dem Numinosen und dem im 18. Jhdt. entwickelten Begriff des Erhabenen: auch das Erhabene wirke abdrängend und anziehend zugleich, demütigend und zugleich erhebend, das Gemüt zugleich einschränkend und es über sich hinaus tragend, Schrecken wie Beglückung auslösend. Das Erhabene ist ein Reiz, den das ihm vorausgehende religiöse Gefühl ermöglicht; das aus keinem anderen Gefühl ableitbare religiöse Gefühl, der sensus numinis, hat den Sinn für das Erhabene entbunden. Dem Zustand Horror wird hier also, als Urgrund aller religiöser Erfahrung und als Symptom für das Erlebnis des Erhabenen (in der Tat sprach englische Philosophie vom Erhabenen als delightful horror), höchste Signifikanz sowohl für den Bereich der Religionswissenschaft als auch für den Bereich der philosophischen Ästhetik zugesprochen.
Twitchell erinnert an das von R. Otto Entwickelte wie folgt: „Otto (…) argued that it is from this shiver (‚daemonic dread‘) that the visionary and mystical experience (‚mysterium tremendum‘) emanates.“ (Twitchell 1985, 11). „Daemonic dread“ ist bei R. Otto zwar die erste Stufe im Erleben des Numinosen, doch emaniert das Gefühl für das Numinose nicht aus dem „shiver“. Twitchell biegt hier R. Ottos Gedankengang seiner eigenen Prämisse entsprechend um, nach der Horror primär eine physiologische und allenfalls sekundär eine numinose Erfahrung sei (vgl. Twitchell 1987, 43); R. Otto geht indes gerade vom objektiv gegebenen Numinosen aus; das einbrechende Ganz andere bewirkt den Schauer, keineswegs wird aus dem Schauer erst die religiöse Erfahrung abgeleitet. Twitchell macht die von R. Otto gegenüber Schleiermacher vorgenommene Umkehrung der Erlebnisrichtung also wieder rückgängig.
Das Numinose beugt und zwingt als äußere Macht das Innere des Menschen; sobald aus dem gefühlten Überwältigtwerden durch Übermächtiges die Anerkennung der äußeren Macht durch ein sich beugendes Inneres wird, entsteht das Heilige. So wie Horror noch im „erhabenen“ religiösen Gefühl präsent ist, so ist schon im „primitiven“ religiösen Gefühl das Heilige präsent: schon „primitive“ Götterbilder und -schilderungen vermögen durch den Ausdruck des Gräßlichen und entsetzlicher Fürchterlichkeit „echte Gefühle echter religiöser Scheu“ (RO 77) hervorzurufen und höchste Heiligkeit auszudrücken eben durch die Form der Fürchterlichen, die auf anderen Entwicklungsstufen dem Darstellungsmittel des Erhabenen weiche.
Es gibt also ein nur allmählich und nacheinander sich vollziehendes Auftauchen und Wachwerden der einzelnen Momente des Numinosen. Was unverständlich und schreckend hineinfuhr in den Bereich menschlichen Handelns, hat von jeher Dämonenfurcht geweckt; der daimon ist nach R. Otto ein „Vorgott“, eine niedere Stufe des numen, aus der allmählich der „Gott“ hervorgeht; parallel zum Übergang von daimon zu theos wird „Grauen (…) zum heiligen Erschauern“ (RO 132). Keine heilige Scheu ohne Horror zwar, aber je weniger Horror in der heiligen Scheu, um so mehr entsteht Andacht. In allem aber, woran Religion sich knüpft, bleibt ein Fremdes, Unnahbares, das Ganz andere.
R. Otto hält das Empfinden des Numinosen als seelisches Urelement fest. So wie nach Kant Erkenntnis mit Erfahrung anhebt, aber nicht aus ihr entspringt, so wird der sensus numinis durch Anregung aktiv, existiert jedoch nicht aus ihr; er ist apriori Angelegtes. Das Gefühl des Unheimlichen ist letztlich unableitbar, und durchaus mag die Gefühlsintensität dem eigentlichen Anlaß gegenüber unangemessen sein. Aber dämonische Scheu ist weder Autosuggestion noch völkerpsychologischer Alpdruck, sondern Erstregung aller religionsgeschichtlichen Entwicklung.
Nicht im Seelenglauben, sondern gerade auch im archaischen Ausgesetztsein des Menschen, der sich einem „natürlichen Lebensraum“ durch Bewußtwerdung entfremdet, sieht R. Otto den Ursprung der Tiefe des Grauens vor den numina: „Das numen, das im geheimnisvollen Grauen der Höhlen und Grotten, dieser weltweiten und allmenschlichen Anreger und Geburtsstätten der ‚Scheu‘, dämmert, das Numen der Einöden und grauenhaften Stätten, der Berge und Klüfte, der ‚haunted places‘, der wunderlichen und auffallenden Natur-erscheinungen wird nur mit Gewalt auf Seelen-vorstellungen, ja auf irgendeine klare Vorstellung überhaupt bezogen“(RO 1932, 39).
Wenn der biblische Jakob spricht: Wie schauerlich ist diese Stätte, dies ist Elohims Wohnsitz (1 Mose 28,17), dann enthalte der erste Teil dieses Satzes „den numinosen Urschauer selber“, der hinreichte, um heilige Stätten auszuzeichnen, sie zu Plätzen scheuer Verehrung und des Kultes zu machen, auch ohne „diesen Eindruck des Schauervollen aufzulösen in die Vorstellung eines numen, das dort hause, oder ohne daß das numen ein nomen ward“ (RO 151). Der zweite Satzteil ist dann die reflektierte, konkrete Deutung jenes Urerlebnisses. Ein Satz wie „Es spukt hier!“ hat auch noch „gar kein rechtes Subjekt“ (RO 151), ist vielmehr „nur rein ein Ausdruck des Gefühles des Unheimlichen selber“ (RO 151 ff,)
Der frühe Mensch findet das Heiligtum in der Natur vor: der heilige Wald, der heilige Berg usw. Das numinose Elementarerlebnis findet „schauervolle“, „heilige“, vom numen besessene Stätten auf. 1 Mose 28,17 oder 2 Mose 3 (der Dornbusch) berichtet von Stätten, die „haunted“ sind, an dem ein „Jenseitiges“, ein Schauerliches sich verdichtet zum numen loci – Stätten, „an denen ‚es nicht richtig ist'“ (RO 152). Und das Erschauern im Halbdunkel heutiger Heiligtümer habe „eine letzte Verwandtschaft mit der ‚Gänsehaut‘, deren numinosen Charakter wir früher erwogen haben“ (RO 153) – mit dem Horror also. Das Gebet ist die Fortsetzung von Grauen und Schrecken auf anderer Ebene.
Rudolf Otto schärft den Blick dafür, daß Horror zugleich Erschauern vor dem Untergang und lustvoller Schauer der Erwartung ist, Grauen und Faszination, das Zugleich von Zurückschrecken und unwiderstehlicher Anziehung. Der psychophysische Erregungszustand Horror bestätigt sich als Elementarerlebnis an einer Grenze: als Grenzerfahrung am Ganz anderen, Unheimlichen, an der erlebten Grenze zum Numinosen, Übernatürlichen, Überweltlichen oder der gezogenen Grenze zum heiligen Raum. Der ehrfürchtige Schrecken hält zurück, ist hemmend und restriktiv, doch zugleich auch „erhebend“, insofern der fasziniert Schaudernde über sich hinaus, an eine Grenze und über sie hinaus getragen wird.
Virulent wird der Zustand Horror demnach an der elementaren Grenze, die das „Übernatürliche“ als Erlebnis von der „natürlichen“ Lebenssphäre abtrennt; sie ist die „Rauheit“ in der Wahrnehmung, die zugleich stasis und ekstasis bewirkt, Erstarrung und Ekstase. Horror ist eine Variante von Plessners Deutung menschlicher Existenz als Exzentrischer Positionalität insofern, als sowohl die Positionalität, die Gesetztheit eines Körperlichen, das Gebanntsein in eine Existenz innerhalb dieser positionierenden Grenze, und die Exzentrizität, das Über-die-Grenze-des-Körpers-hinaus, extreme Potenzierung erfahren. Und diese Variante ist eine veritable Zerreißprobe: das fascinans saugt die Identität geradezu aus ihrer Positionalität, während das tremendum den Körper festnagelt.
Das Ganz andere, das Grauen auslöst, awe, Scheu, Gänsehaut, Horror, heiliges Erschauern, Ehrfurcht, wirkt wie ein aufgerichtetes Grenzzeichen mit der Inschrift: Von hier an Ende der „normalen“ und „natürlichen“ Wirklichkeit. Das solcherart, einer Aufrichtung gleich, Herausgehobene, „das absolut Inkommensurable des Heiligen“ (Van der Leeuw 1957, 195), diktiert sich als Grenze zum Außerordentlichen, diktiert einen permanenten Zusammenhang von Grenze und Horror, diktiert die unvergängliche schreckliche Lust am Ganz anderen. Das von R. Otto formulierte Zugleich von tremendum und fascinans verdeutlicht, welch extreme Dynamik dem Erstarren des Horrors innewohnt. Starrheit, in der keine Bewegung mehr ist, wird eher durch rigor angezeigt – rigor mortis, letzte Erstarrung. Horror ist heftigste Emotion bei blockierter Lokomotion, als „full-passioned fixity“ und als „static turbulence“ (Twitchell 1985, 10 u.11). Horror ist keine gewöhnliche Furcht, sondern ein potentiell ekstatischer Zustand, ein Ausnahmezustand nahe am Außersichsein. Das Zugleich von tremendum und fascinans bedeutet Kopräsenz von Erstarrung und Hinwendung, Schrecken und Lust, Panik und Genuß.
Durch die im Horror gesetzte Grenze wird das Jenseits der Grenze zur tatsächlichen oder zur drohenden Zufügung, wird das plötzliche Erscheinen des (Ganz) Anderen zum tatsächlichen oder drohenden Übergriff, und doch ist das Bedrohende, Abstoßende zugleich ein Anziehendes, ist an der Schwelle der ekstatische Wunsch des Über-sie-hinaus. Das von jenseits der Grenze her Übergreifende und Zufügende provoziert die „faszinierte Vermeidung“; die Grenze wird zur Schwelle und die Schwelle zum Zustand der Ambivalenz. Was jenseits der Schwelle liegt, entfernt, unvereinbar, fremd, im Widerspruch, verboten – der heilige Raum ist auch der verbotene Raum – und bedrohlich, ist doch zugleich durch die Schwelle nah, in Beziehung, unwiderstehlich und ersehnt. Der Zustand Horror als fasziniertes Grauen an einer elementaren ontologischen Rauheit, die zum Grenzerlebnis zwingt, erfährt in seiner Ambivalenz durch das Phänomen der Grenze selbst kaum Besänftigung; vielmehr ist die Grenze selbst ein paradoxer Ort, eine genuine Ambivalenz: jede Grenze leistet Abgrenzung, aber keine Grenze leistet nur Abgrenzung.

John Martin [1789 – 1854]: Trees
Literatur:
Otto, Rudolf: Das Heilige, 4. Auflage Breslau 1920 (Erstveröff. 1917). (= RO)
Otto, Rudolf: Das Gefühl des Überweltlichen (Sensus numinis), München 1932. (= RO 1932)
Rilke, Rainer Maria: Die Gedichte, Frankfurt am Main und Leipzig 2006.
Twitchell, James B.: Dreadful Pleasures – An Anatomy of Modern Horror, New York/Oxford 1985.
Twitchell, James B.: Forbidden Partners: The Incest Taboo in Modern Culture, New York 1987.
Van der Leeuw, Gerard: Vom Heiligen in der Kunst, Gütersloh 1957.

How beautiful she was. Und wie traurig. Das Lied vom einsamen Mädchen: Estella Blain, geboren als Micheline Estellat am 30. März 1930, Tochter einer Familie baskischen Ursprungs, verbringt ihre Kindheit im Montmartre-Viertel, in der Nähe der Pathé-Studios in der rue Francoeur, sieht dort fasziniert die Künstler kommen und gehen, singt nach dem Krieg in Pariser Terrassencafés, nimmt Schauspielunterricht, aus dem Traum wird ernste Berufung, 1953 spielt sie im Théâtre du Grand-Guignol neben Michel Piccoli, dreht noch im selben Jahr ihren ersten Film, blondiert ihr Haar, heiratet den jungen Schauspieler Gérard Blain, das schüchterne Mädchen wird zum Star, orientiert sich in Kleidungsstil, Frisur und Make-up an den Hollywood-Schauspielerinnen der 1950er, der Glamour verdeckt das Trauma der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie aufwuchs. Scheidung von Blain 1956, doch sie behält den Namen. Sie heiratet ein zweites Mal, sie hat einen Sohn. Sie ist Madame de Montespan in „Angelique und der König“. Sie dreht über 20 Filme in 15 aufregenden Jahren. Und erlebt dann, wie andere Idole die Fantasie der Öffentlichkeit bewegen.
Als sich in den 1970ern Produzenten und Regisseure nicht mehr für sie interessieren, kehren die Dämonen der Kindheit zurück, ihre Zerbrechlichkeit, Empfindsamkeit und Melancholie wandeln sich in Depression. Als der Sohn sein eigenes Leben zu leben beginnt, fühlt sie sich allein, elend, nutzlos.
Am Neujahrstag 1982 findet man sie am Strand in der Nähe ihres Hauses in Port-Vendres im Département Pyrénées-Orientales. Sie hat sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Für ihre letzte Reise wird ihr Körper nach Toulouse gebracht, im Beisein zahlreicher Künstler und Filmschaffender wird ihr Leichnam im Krematorium Cornebarrieu eingeäschert.
1967 oder 1968, die tragische Schönheit singt die Einsamkeit.
„Miss Muerte“ / „The Diabolical Dr. Z“, 1965, einer der Hauptgründe für Orson Welles‘ Begeisterung für Jess Franco.












Originally titled Miss Muerte („Miss Death“), this is one of Franco’s best movies. It was supposedly based on a novel by „David Kuhne,“ but it owes its essential plot to Cornell Woolrich’s novel THE BRIDE WORE BLACK, which Francois Truffaut would film two years later. THE DIABOLICAL DR. Z opens with the death of Dr. Zimmer, another Orloff disciple whose disfigured daughter (Mabel Karr) seeks revenge on the Medical Board responsible for shaming him into a fatal coronary. As the instrument of her vengeance, she employs an exotic dancer named Miss Death (Estella Blain), whom she brainwashes with a sadistic acupuncture machine and sends out into the male world with a translucent danceskin and poisoned fingernails. Franco himself plays the rather large supporting role of a police inspector, unable to sleep since becoming a father; his partner in detection is played by Daniel White, who composed the scores for many of Franco’s films.
Franco co-wrote this kinky melodrama with Jean-Claude Carrière, an unsung specialist in fetishistic storytelling who also scripted several of Luis Bunuel’s last films, like DIARY OF A CHAMBERMAID (1969) and THAT OBSCURE OBJECT OF DESIRE (1977). As embodied by Blain (who committed suicide in 1981), Miss Death is one of the most lethal divinities of European horror. Beautiful black-and-white photography suffuses the visuals with an unnerving, silvery, surgical sheen.
Tim Lucas, Horrotica, The Sex Scream of Jess Franco










Jesús Franco’s The Diabolical Dr. Z (1966) is a heady, atmospheric venture that stands out among the director’s works as one of his most striking films. With its singularly captivating female antagonist and a plot thick with gothic flair, Dr. Z was groundbreaking in several ways. The film presents a unique departure from traditional horror tropes, challenging the norms with a woman leading the charge into villainy, a rarity for its time and an element that adds to its enduring fascination.
[surgeonsofhorror.com, 2024]
In einem Interview sagte Jess Franco einmal, wenn er nur drei Filme aus seinem Werk für die Nachwelt erhalten dürfte, würde er sich für Succubus, Venus in Furs und The Diabolical Dr. Z entscheiden.


„Als Aljoscha mitten in der Nacht an den Knöpfen seines Radios drehte, fand er einen ihm bis dahin unbekannten Sender, der ein paar Stücke von The Fall durch den Äther schickte, der Gruppe um Mark E. Smith, dessen Vortrag sich zu Gesang verhielt wie ein Woolworth-Hemd zu einem Chanel-Kleid; nörgelige Bestandsaufnahmen, ultraweitschweifige, meterlange, tagelange Tiraden von stoischer Besserwisserei, mit dem linken Fuß zuerst aufgestandene, ins Mikrophon oder Megaphon gemäkelte Bezichtigungen, über einen knochentrockenen, eins überbügelnden Rhythmus hingegossen wie Bier über einen Pub-Tisch. Das Ganze klang wie Staubsaugen auf Kopfsteinpflaster und tat einem Mann mit einem Messer im Bauch notwendig gut.“
„Aljoscha der Idiot“, by me.
Michael Ruff über The Fall in der SPEX Mai 1988. Ein paar Exzerpte.
Ein Leben mit The Fall. Die einzige Band, die einen nie enttäuschen kann, weil sie sich nie entwickelt. Der Fehler liegt immer bei Dir, Freundchen.
Oder der flutlichtbestrahlte Super-Bash von ’86 mit Extra-Spot auf Brix, die Kleine vom Roten Planeten, und die reizende, Ballettwäsche tragende Marcia Schofield, die dann sogar einen Song singen durfte!
Das ist das Verschlagene an The Fall: sie haben sich immer entwickelt – sie haben sich nie entwickelt. Nie haben sie irgendetwas gemacht, was nicht sofort als The Fall zu identifizieren gewesen wäre, und doch ist ihre Karriere bestimmt von Wechseln, Fortschreiten, ungewöhnlichen Schritten und Experimenten.
(M.E.S. über The Frenz Experiment)
„Von den Songs haben wir drei in einem Studio in Brixton aufgenommen, das ungefähr so groß war wie dieser Tisch hier. Dementsprechend rauh ist auch der Sound geworden, und das bildet einen guten Gegensatz zu den tracks, die in den Abbey Road Studios entstanden sind. (…) ‚Hit The North‘ war der Song, von dem ich am meisten besessen war, und wir haben lange daran gearbeitet.“
(„Victoria“, The Kinks)
„Warum ich das singen wollte? Nun, ich hatte eine Vorahnung. Heute ist sie eingetreten, und alle Zeitungen schreiben, dies und das sei wie im viktorianischen Zeitalter. (…) Aber ich muß schon lachen, wenn das heutige England als viktorianisch bezeichnet wird – in der viktorianischen Zeit war entschieden mehr los (…) 1850 – Mädchen von 19 Jahren schreiben über Alchemie, Vikare über Hexenkraft. Es werden vorsätzlich völlig nutzlose gothische Gebäude gebaut. Das war bestimmt interessanter als England heute.“
(Sonic Youth)
„Sie möchten gerne The Fall Anno ’84 sein. Sie sind immer zwei Jahre hinter uns.“
Heißt also, dies heute sind The Fall Anno ’86. (…) Die neue LP ist also in etwa das, was die letzte sagen wollte.
Nach „Hotel Bloedel“ kommt mit „Bremen Nacht“ die inspirierende Wirkung einer Deutschland-Tournee erneut zum Tragen. Dabei hieß es früher, du magst Deutschland nicht besonders.
„Das stimmt nicht. Hier gefällt es mir eigentlich am besten. Der Song handelt von den Geschehnissen bei unserem letzten Auftritt in Bremen, es war in einer Universität, niedrige Decken, ziemlich voll. Ich fühlte mich nicht besonders (…), und nach dem Konzert begann ich, mich sehr merkwürdig zu benehmen, als wäre ich nicht Herr meiner selbst. Ich bin im Hotel herumgelaufen, habe überall geklopft und gefragt ‚Ist Steve Hanley hier?‘ Und Brix schrie immerfort, ich solle ins Zimmer zurückkommen. Ich bekam Haßanfälle und fürchtete, es sei der Teufel in mir, obwohl ich wußte, das konnte nicht sein. Aber als ich mich ins Bett legte, hatte ich überall am Körper diese roten Stellen, als hätten sich Fingernägel in mich gebohrt. Mein Rücken hatte rote Flecken, wie verbrannt. Das hielt acht Stunden. Jeder hat mir danach gesagt, ich wäre nicht mehr als ich selbst zu erkennen gewesen. Es muß irgendein Geist gewesen sein. Vielleicht ist das Gebäude während des Kriegs bombardiert worden oder ähnliches. Während des Auftritts fühlte ich, wie etwas an meinem Bein zog, aber das Publikum war nicht in Reichweite.“
The Fall
… werden populärer, weil keiner, der sie kennt, sie je vergessen wird und immer mehr dazukommen werden. Woher diese unbändige Beharrlichkeit?
„Ich schreibe Texte und bringe sie zu der Musik, die mir gefällt. So ist meine Persönlichkeit. Ich habe es auch anders versucht, mit ‚Hey! Luciani‘ zum Beispiel. Wir werden mit Michael Clark, dem Tänzer, demnächst auch live auftreten. Die Holländer wollen im Juni ein neues Ballett aufführen, für Wilhelm von Oranien, 250 Jahre Protestantismus und so. Es wird zwei Bühnen geben, eine für die Tänzer, eine für die Band. (…) Michael ist ein echter Fall-Fan, ist aus dem königlichen Hofballett wegen Leimschnüffelns rausgeflogen und dergleichen.“
M.E.S., married man, carry bag man. Ein Freund fürs Leben.

5.3.1957 – 24.1.2018


Moira Shearer, geboren am 17. Januar 1926 in Dunfermline, Schottland, tanzte seit 1942 am Sadler’s Wells Theatre, der führenden Bühne für Ballett in London, und stieg dort auf zur Primaballerina. Sie ist in drei Filmen von Michael Powell und Emeric Pressburger zu sehen, 1948 im Wunderwerk „The Red Shoes“, dem Ballett-Kultfilm schlechthin; 1951 in „The Tales of Hoffmann“; 1959 in „Peeping Tom“, jenem brillanten Film, der Michael Powells Karriere als Regisseur in Schutt und Asche legte.

1944 glänzt Moira Shearer als Odile in „Schwanensee“:
„In her black and gold dress, Moira Shearer had a burnished beauty that night that caught the breath as she made her dramatic entrance. Triumphant, evil, she took the stage with glittering assurance and slipped with ease into the exacting pas de deux and variations with a noble and romantic partner in David Paltenghi. With swift and dramatic touches she cast her spell over Prince and Court alike and then in a flash of baleful black and gold movement was gone, leaving an audience under an enchantment as irresistible as that woven in the tale.“ [1]
Zwei Jahre später begeistert sie als Aurora in „The Sleeping Beauty“,
„In the opinion of Arnold Haskell, one of the foremost ballet critics, she had a magnificently fluid style, great and unusual beauty and a fine intelligence. He wrote: ‚Shearer has an attack and self-possession altogether unusual in a young British dancer, gaining the sympathy and then the enthusiasm of the audience from the moment she stepped on the stage'“ [2],
1948 als Giselle (The Times: „… a performance outstanding for its poetry and lyricism“, 3)
und als Cinderella:
„Through it all Shearer moved with lyrical enchantment. In the first act she invested the part with a simple pathos and a wistful humour as, with her broom for a partner, she danced in imagination at the ball. Her arrival at the Palace was the crowning moment of the ballet. She was the fairy-tale princess of everyone’s dreams.“ [4]
Musical Opinion: „Moira Shearer made a most appealing Cinderella. The role suits her and her imagination and intelligent control of her technique, both of dancing and of mime, enabled her to suggest, unerringly, the many and swiftly changing emotions to which the little maiden is subject during the first really exciting moments of her life. (…) With Michael Somes, a noble and ardent Prince Charming, she is at her radiant best.“ [4]
Michael Powell in einem Interview über „The Red Shoes“:
„The salient feature of this film is simply Moira Shearer. Before this film could be started it was necessary to find a dancer on the brink of becoming a ballerina, about twenty years of age; beautiful; exquisit figure and legs; strength of character; who could dance all the classical parts; and finally a dancer who could act and not an actress who pretended to dance. If we had not found Moira Shearer we could not have made this film.“ [5]
„The press show of The Red Shoes followed ten days after her appearance as Giselle. Professional film previews are usually cold, unenthusiastic affairs but half way through the film, when the ballerina bows before the curtain at the end of the ballet, hardened critics burst into applause. An American reporter there said he had never heard this happen in all his experience of press shows. The same thing occurred at the premiere on July 18th.“ [6]

[Entwurf von Hein Heckroth für „The Red Shoes“]
Martin Scorsese, 2009 [independent.co.uk]:
„The first word that comes to mind about Moira Shearer in The Red Shoes is ‚radiant,‘ particularly in the way she was lit in the film and the angles used in her close-ups. The combination of actor/dancer seemed so natural for her. The nature of her physical build said so much about the character, even just a glance from her or a close-up.
The colour, the way the film was photographed by the great Jack Cardiff, stayed in my mind for years. The film would be shown every Christmas on American television in black and white, but it didn’t matter – we watched it. Even though it was in black and white on TV, we saw it in colour. We knew the colour. We still felt the passion – I used to call it brush-strokes – in the way Michael Powell used the camera in that film. Also, the ballet sequence itself was like an encyclopedia of the history of cinema. They used every possible means of expression, going back to the earliest of silent cinema.
It is a film that I continually and obsessively am drawn to.
The movie that plays in my heart.“
Allison Shoemaker, 2016, consequence.net:
If The Red Shoes was a bad movie, but with all the dancing intact, it would still be remarkable. Watch the film’s central ballet alone and you’re seeing one of the greatest sequences ever committed to celluloid. But even though the ballet scenes are easily the film’s most striking, dance is a bit of a red herring. The Red Shoes isn’t a dance movie … The Red Shoes is a movie about life.
As played by the luminous (an overused word, justly applied here) Moira Shearer, a ballerina making her film debut, Victoria begins the film with only one desire: to dance. Her drive steers her into the path of ballet luminary Boris Lermontov (the remarkable Anton Walbrook), who is completely uninterested until he sees that glint of possession in her eyes. „Why do you want to dance?“ he asks her. „Why do you want to live?“ she responds.
You learn everything you need to know about what comes next in that central, 20-minute ballet. It’s hallucinogenic, non-literal — no stage in the world has ever looked like that — and more about Victoria’s inner conflict than it is about Anderson’s tale. She’s consumed by her art but beginning, ever so slowly, to fall in love with the very person whose music underscores her thoughts. On one side, the man who would make her a truly great artist. On the other, the man who could make her happy. On her feet, the red shoes. How could anyone not be torn apart?
Whatever Powell and Pressburger sacrificed of themselves to get the film made, whatever deal with the devil or pound of flesh it required, it seems to have been worth it. The Red Shoes is a terrifying, visually stunning piece of filmmaking, and its distinctive aesthetic (thanks largely to the Oscar-winning work of German painter and theatre artist Hein Heckroth) keeps its surrealist landscapes from seeming even the least bit dated.
While beloved by cinephiles — Martin Scorsese cites the film as a favorite and personally spearheaded a seven-year restoration effort, the results of which can be seen on Criterion’s DVD release — The Red Shoes seems to have slipped from the larger cultural memory. It’s unlikely to come up in a round of pub trivia or shown in a double-feature with All About Eve (another great backstage film, which won the big award two years later). But watch it, and try not to wonder about who else is making such a choice, what artist is running away from a life of warmth and love in pursuit of a beast that never stops feeding. Watch and just try to forget it.
„The red shoes,“ Lermontov says, „are not tired. In fact, the red shoes are never tired.“

„The Tales of Hoffmann“ ist ein weiterer Lieblingsfilm von Martin Scorsese, und auch George A. Romero, der Regisseur von „Night of the Living Dead“, ist ihm verfallen: „I was just enthralled by it. Some of the imagery just sticks with you. It was the first music video, as far as I’m concerned.“ (Romero)

[1] Pigeon Crowle: Moira Shearer – Portrait of a Dancer, London 1949, 35
[2] Crowle, 47
[3] Crowle, 64
[4] Crowle, 69
[5] in: Crowle, 56
[6] Crowle, 65











feat. Mark Lanegan
Humanist ist Rob Marshall, ein englischer Musiker, Songwriter und Produzent. Marshall und Mark Lanegan kennen sich seit einer Soulsavers-Tour 2008; 2016 schickt Marshall per Email Songideen an Lanegan, der Lyrics dazu schreibt, und so erscheint Marshall bei der Hälfte der Songs von „Gargoyle“ (2017) als Co-Autor. Auf „Somebody’s Knocking“ (2019) setzen Lanegan und Marshall die Zusammenarbeit fort. Für sein Humanist-Projekt kann Marshall neben Lanegan so illustre Namen wie Dave Gahan und Peter Hayes (Black Rebel Motorcycle Club) gewinnen.
„Fernab liegt die Welt / Wie versenkt in eine tiefe Gruft“. Do it, scheint die Braut durch Zeit und Raum zu hauchen. Ritt durch nebelnächtiges Land, bis zum Rauschen aller Lebenstöne. Do it. Kann ich zurück zu meiner Hochzeit bitte? Und der Tod sagt, aber sicher, ich begleite dich.
I’m riding through the kingdom
A ghost is riding by my side
As we roll up to the kingdom
Ours is just to ride or die
There is no medicine to cure us
There is no medicine to take
Beware the shark below the surface
Beware the love that you forsake
Keep a-ridin‘
Keep a-ridin‘ baby
Death tripping through the kingdom
Death is riding by my side
We are rolling through the kingdom
Ours is just to ride or die
Doctor are you gonna cure us
Give us some medicine to take
I am the shark below the surface
I am the love that you forsake
Mama turn your floodlights on
Let them radiate
Turn your floodlights on
Let them radiate


Rob Marshall, Humanist
032





Lieblingsfilme: Was ist ‚großes Kino‘? [SPIEGEL ONLINE Forum], 2007 – 2009.
Christian Erdmann:
Während hier alles brachliegt, breche ich eine Lanze für Stanley Kubricks „Barry Lyndon“. Entgegen aller anderslautenden Gerüchte ist der Film nur lang, aber in keiner Sekunde langweilig. Im Zeitalter der screenshots ist es möglich, sich Gainsborough-Bilder an die Wand zu hängen, die nicht von Gainsborough sind, weil sie von Kubrick sind. Schauspieler, von denen man das nicht unbedingt erwartet – Ryan O’Neal, Marisa Berenson – gehen einem plötzlich mit der stillen Intensität an die Nieren, die Kubrick in ihre Gesichter gezaubert hat. Von Nebendarstellern wie Murray Melvin als Reverend Runt gar nicht zu reden, der seine geheime Liebe zu Lady Lyndon unter seiner zimperlichen Pietät verbirgt; wenn man Melvin am Spieltisch sieht, wie er der Blicke zwischen Redmond Barry und Lady Lyndon gewahr wird, und man Zeuge wird, mit welch minimalen Mitteln er ausdrückt, daß für ihn gerade eine Welt zusammenbricht, möchte man Helmut Berger zustimmen: „Es gibt keine Charlotte Rampling mehr“.
Der Film ist ebenso ätzende Satire wie distanziert-zärtliche Annäherung. Man fällt in Szenen hinein, bis die Erzählstimme ironisierende Kontrapunkte setzt. Ein ständiges Wechselbad zwischen tiefer, süßer Romantik (Barry und Lady Lyndon auf dem Balkon) und knallharter Entlarvung von Opportunismus und Oberflächlichkeit.
Bei der Duellszene zwischen Barry Lyndon und Lord Bullingdon nach 2½ Stunden war seinerzeit die Hälfte der Kritiker, die nach „Clockwork Orange“ von Kubrick offenbar alles, nur nicht dies, erwartet haben, vermutlich bereits eingeschlafen; mir hingegen stockte der Atem. Über 10 Minuten hinweg. Im Grunde ist „Barry Lyndon“ ein Actionfilm par excellence, nur daß der special effect, den Kubrick dabei einsetzt, darin besteht, die „Action“ aus Gesichtern hervorscheinen zu lassen, Gesichter entweder von einer dem Zeitalter entsprechenden Maskenhaftigkeit, oder, wie bei Redmonds Barrys Mutter, dem höflichen Highwayman-Räuber und seinem Sohn, oder dem englischen Offizier, den Redmond zu Beginn des Films brüskiert und hernach in einem Duell zu töten vermeint, von einer gnadenlos überzeugenden Authentizität. Souveräner und virtuoser als Kubrick, das in jeder Sekunde detailversessene Genie, führt niemand in die Mitte des 18. Jahrhunderts.
Händel, Vivaldi, Schubert, The Chieftains – nicht nur setzt Kubrick mit dem Einsatz der Musik immer, IMMER, auf unübertreffliche Weise Stimmungen, die Musik gehört so sehr zu diesen Bildern, daß man hinterher Schuberts Klaviertrio (opus 100) nicht mehr hören kann, ohne an Marisa Berensons stummes Leiden zu denken. Dös is faktisch, wie Joseph Roth immer sagte, außer für jene, die bei Schuberts Klaviertrio an Catherine Deneuve in „The Hunger“ denken, natürlich.
Unterschätztes Meisterwerk, ganz großes Kino.
Gwynplaine:
Auf jeden Fall! „Barry Lyndon“ bewundere ich sehr. Die Duell-Szene ist in der Tat sehr intensiv. Auch der Hass in Bullingdons Augen, als er von seinem Stief-Vater demütigende Prügel bezieht.
Christian Erdmann:
Das Großartige und Wunderbare ist, daß Kubricks angeblich immer so „kühler“ Blick und diese permanente Desillusionierung nicht verhindern, daß man genuine compassion mit diesen Figuren empfindet, noch nach 27 Stunden, als Redmond und Lady Lyndon am Bett ihres sterbenden Sohnes sitzen. Kubrick bringt einem, bei aller Kritik an ihnen, diese Figuren näher, als es viele andere „ach so intime“ Filme der 70er heute – wenigstens bei mir – vermögen. „Das siebente Siegel“ wird immer groß sein, aber „Szenen einer Ehe“? Gut, wichtig… aber nichts für mich.




BerSie:
Bei „Barry Lyndon“ möchte ich ergänzen, dass in den Innenräumen mit lichtstarken Objektiven nur bei Kerzenlicht gefilmt wurde! Damals eine Innovation!
Christian Erdmann:
Mit Equipment von der NASA! Marisa Berenson hat erzählt, daß bei manchen close-ups die Schauspieler sich keine Handbreit rühren durften, sonst wären sie aus dem Fokus verschwunden.
Ich könnte gar nicht aufzählen, wo überall ich, seit Marisa Berenson in „Barry Lyndon“, überhaupt nicht mit mir handeln lasse und auf Einwände bezüglich schauspielerischer Leistung sofort in verständnisloses Anstarren verfalle, im günstigsten Fall die Virtuosität zartester Mundwinkelbewegungen rühme und insgeheim eine Karriere als Minnesänger ins Auge fasse. Kann mich noch gut erinnern, wie mal, als ich 15 war oder so, Wolf von Lojewski den Film „The Jungle Princess“ mit Dorothy Lamour ansagte und dabei schwer didaktisch wurde. Als der Film vorbei war, beschloß ich: ich höre dich nicht, Wolf von Lojewski, nie mehr.







Christian Erdmann:
Marisa Berenson in „Barry Lyndon“ ist so verstandraubend, ich krieg‘ immer SO’N Hals wegen Redmond, wenn er seinen Tabakqualm in ihr Antlitz bläst.
Sagte ich schon, daß „Barry Lyndon“ der Lieblingsfilm von Brian Eno ist? Wahrscheinlich schon.
Das Leben ist ja auch deshalb oft so unverständlich, weil es Menschen gibt, die sich nicht sofort beim ersten Auftauchen von Lady Lyndon in Spa in sie verlieben.







[Kommentarsektion Antirationalistischer Block, 2012]
AugenBlickerin:
Es war einer dieser Tage, an denen nichts so ist, wie es sonst ist. Anfang oder Mitte der 90er Jahre, im großen Saal mit ebensolcher Leinwand, im Schloßtheater in Münster. Eigentlich wollte ich ‚Barry Lyndon‘ sehen, zum allerersten und bis heute letzten Mal. Irgendwie habe ich das auch, und dann doch wieder nicht. Normalerweise kann ich problemlos zwischen ‚Im Film, in der Geschichte sein‘ und ‚Zwischendurch einmal die Machart bewundern‘ wechseln, wobei ich meistens bis auf kleine Millisekundenausflüge komplett in der Geschichte bin beim ersten Viewing. Aber damals saß ich nur so da in diesem Kinosessel – völlig umsetzungshingerissen – und habe mich first and foremost seit der Kerzenszene den Restfilm über immer nur gefragt „Wie zum Henker haben die das gefilmt?“, weil nirgendwo Anzeichen für eine andere Beleuchtung als eben diese Kerzen auszumachen waren. Makes perfect sense, lichtstarke Objektive von der NASA. Was auch sonst, Kubrick halt … trotzdem, ich kann mich überhaupt nicht an die Geschichte erinnern, die Du – zusätzlich zur Umsetzung und vor allem Marisa Berenson – so wunderbar und bewundernd beschreibst. Lediglich Ryan O’Neal ist bei mir hängengeblieben nach ‚Paper Moon‘, dachte so bei mir „Was für ein gutaussehend-blasiertes Arschloch dieser Mann, in dieser Rolle, einfach großartig“, während ich den Film nicht sah. Da fällt mir ein, ich muss Peter Greenaway in meine Lieblingsfilmliste aufnehmen, weil ich bis ‚Prosperos Bücher‘ alle seine Filme eben in jenem Schloßtheater erwischt habe.
Anonym:
(Annette to Barry Lyndon)
…wenn ich Ihren Blog weiter verfolge, kann ich meinen Job an den Nagel hängen, nur noch all dies in mir, was mich so sehr an das erinnert, das ich liebte. Thackereys „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ hat mal zu meinen geheimnisvollen Top Ten gehört, die man nie wirklich erklären kann. Eine Berührung ohne Grund. Den Film von Kubrick kenne ich noch nicht. Die Szene, die Sie zum Abspielen hineingestellt haben, ist a-tem-be-raubend. Ich werde mir nun ein Kino mieten, ein Glas Schampus einschenken und schauen! Monsieur, wie halten Sie all das aus!
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Britta: *Neglected masterpiece* wie „Marnie“, I seem to have a penchant for those. Mich verwirrt immer, wenn Kubricks Filme, zumal dieser, „kalt“ genannt werden. Weil jemand Leidenschaft, Herz und Seele in seiner Kunst nicht nach gängigen Klischee-Vorstellungen zeigt? Finde die zweite Hälfte von „Barry Lyndon“ in ihrer Intensität manchmal kaum auszuhalten. Ein guter Satz, den man bei imdb lesen kann:
„[…] so beautiful to look at that it almost becomes artistic pornography (in the sense of creating intense emotion).“ Auch: „The film’s greatest scene – the gambling table, where Barry and Lady Lyndon stare at each other in the candlelight like clockwork figures forced into humanity, is a masterpiece of cinema translating minimalist acting into genius …“
Ist es wichtig, daß der Erzähler mit ironischer Überlegenheit kommentiert, was wir sehen und hören? Schon. Bedeutender aber ist, wie die Intimität und Tiefe der Bilder, wie all die subtilen Gesten und Blicke die Selbstsicherheit des Erzählers unterminieren. Wie Ryan O’Neal Barry eine Komplexität gibt, die eine Beschreibung als irischer Halunke, Opportunist & upstart oberflächlich bleiben läßt. „Barry Lyndon“ betritt man wie eine Welt, und man gleitet durch sie wie durch einen Traum. Kubrick gibt einem die Zeit dazu. Und in there fühlt man, wie unendlich komplexer alles ist, als selbstgerechte Kommentare glauben machen wollen. So wie man hinter der makellosen Beherrschtheit und scheinbaren Unnahbarkeit bei Marisa Berenson a flood of emotions erkennt. Bis mit ihren Tränen die Geschichte absolutely heart-wrenching wird. Und man verläßt diese Welt mit derselben Melancholie, mit der man aus manchen Träumen erwacht.
Marisa Berenson bekam die Anweisung, schon Monate vor Drehbeginn jedes Sonnenlicht zu meiden. :)
Nach meinem Greenaway-Elaborat (pej.) auf SPON könnte ich auch forschen. Ray und ich hatten da mal diese Perückenphase. „Der Kontrakt des Zeichners“ und „Drowning By Numbers“, meine Favoriten von Greenaway.
Ich habe übrigens einen Brief von Murray Melvin (Reverend Runt), eine äußerst liebenswürdige Antwort, die er auf dem Briefpapier eines Theaters in Nordwales schrieb, wo er in einer Inszenierung von „The Devils“ gerade dieselbe Rolle spielte, die er auch in Ken Russells Film hatte (Father Mignon): „It’s a sort of rebirth and a very strange feeling.“
Annette: a-tem-be-raubend. Nichts weniger. Zu Zeiten kenne ich überhaupt keine atemberaubendere Szene der Filmgeschichte, hands down. Es wäre mir aber sehr lieb, wenn wir all das zusammen aushalten könnten, zumindest bis wir alle unseren Job an den Nagel hängen und auf dem Zauberberg der geheimnisvollen Top 10(0)(0) einchecken, empfangen von Händels Sarabande im Kubrick-Arrangement, ready for one spellbinding experience after another. Naja. Sorry it took me wild. Was ich eher NICHT mehr aushalte, ist dieser ganze Dödelkram, mit dem man zugeschüttet wird.
Matt Packer, thequietus.com, 29.07.2016:
For Barry Lyndon is not just a hidden gem in the Kubrick canon that struggles for attention among glitzier company. It is, by monolith-shattering light years, the director’s greatest achievement – certainly the Kubrick Fan’s Kubrick Film; the one that his most ardent devotees consider to be the optimal showcase for all of his finest flourishes: ravishing symmetry, plunging depth-of-field, immaculate script structure, clever casting – every supporting player as crucial to the overall mosaic as the leads – and outstanding performances, particularly from co-stars Ryan O’Neal and Marisa Berenson. Oh, yes… and matchless, faultless music timing – the kind that, if you really focus on it, sprains your mind with its agonising levels of concentration.
Ryan O’Neal’s lead performance is flat-out astonishing, and confoundingly under-acknowledged. This is, in every sense, his captain Willard or Michael Corleone: a whole, three-dimensional figure who feels more like a real person than a scripted character worn by an actor. O’Neal sells Redmond’s three-hour transition from sympathetic underdog to contemptible bum with exquisite subtlety.
Marisa Berenson doesn’t even make her first appearance in the film until the 99th of its 187 minutes, but more than earns her co-star billing, exuding ornate poise and bone-China fragility as a woman who doesn’t realise she has let a morally rabid dog into her home until it’s too late. Drawn at first to Redmond’s chivalric veneer – a mirage cultivated on the Chevalier’s watch – the Countess of Lyndon eventually crumples into the countenance of a bagged-up cat that has been hurled into a river in the company of a brick. Never much of a household name, despite her superb showing in the film, Berenson follows Lolita’s Sue Lyon and 2001’s Keir Dullea in the distinguished line of ace Kubrick finds that are almost wholly identified by their work with the director.
Marisa Berenson:
„I liked him [Kubrick] very much. He had a lot of dry humour. Contrary to what people think – they have this image of Stanley as this difficult ogre – he wasn’t at all. He was a perfectionist but every great director I’ve worked with has been a perfectionist. You have to be to make extraordinary films.“

Vielen Dank für das Feature! Mittlerweile gibt es also Filmkritiker, die in „Barry Lyndon“ nicht nur den schönsten Film aller Zeiten sehen, sondern ihn sogar als Kubricks besten Film bezeichnen. Jedenfalls finde ich es überaus erfeulich, daß Marisa Berenson und auch der vor zwei Jahren leider verstorbene Ryan O’Neal noch erleben können (konnten), wie ihre schauspielerischen Leistungen in dem Film endlich angemessen gewürdigt werden. Bilgi Ebiri zum Beispiel schreibt:
„I think O’Neal gives an excellent performance, and I would direct anyone who does not agree to the scene where he faces his dying son on the deathbed. O’Neal’s performance is perfect — at first, averting his eyes, avoiding eye-contact, and then facing his son, trying to lie to him, telling him that he’s not going to die. Listen to the way he whispers his lines, and to the way his voice breaks as he does so. This kind of emoting without affecting is SO difficult, even for the finest actors, that I still have a hard time believing that he was acting in that scene. When he finally breaks up — it’s shattering, every time I watch it, and I’ve watched this scene many times. Also, note how well his delivery of the story of his heroics matches his earlier delivery of the same story. His intonations are the same, but this time he’s got tears in his eyes, and he can’t keep it up — his voice breaks up and he falls apart. O’Neal portrays this deterioration so well that it’s terrifying.“
Barry verliert ja nach dem Duell mit Lord Bullingdon ein Bein, und Ryan O’Neal hat erzählt, Kubrick habe ihn gefragt, ob er sich das Bein amputieren lassen könne. Offenbar war er tatsächlich für einen Moment nicht sicher, ob Kubrick das ernst meine. „I wasn’t sure if he meant it or not.“ – In diesem Sinne, alles für die Kunst :), wünsche schöne Weihnachtszeit! Gruß, CE
[22.12.2025]