Aber Caves Herzeleid galt einer Mary, und damit hatte es dem Weh Aljoschas eins voraus: es konnte auf einen Namen bluten. Aljoscha sah aus dem Fenster und hatte keinen Namen. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, Angst, SIE nie mehr wiederzusehen. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, ein Ich, das nur noch aus Höllenschmerz bestand, weil das, was SIE ihm hinterließ, mit Eisenzangen sein Geständnis forderte. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, leere Augenhöhlen, die sich erst nach und nach wieder mit Augapfel und Sehkraft füllten.
[Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“]
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Juni 2009
*42*:
Sag mal, darf ich mal in Deinem Plattenschrank wühlen? :)
Christian Erdmann:
Gern! Gemäß der Chaostheorie könnte das etwas Ordnung hineinbringen. Gemäß meiner eigenen Chaostheorie jedenfalls. Gute Nacht, Nacht:
ray05:
Neuen Ordner anlegen, Nick draufschreiben, Nick reintun. :) Füllt sich wie von alleine, der Nickordner, OK, ab und zu mal Schnee aus der Mappe schippen.
Christian Erdmann:
Dieser Tracy Pew ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet. Aber gut, en route und von vorn, Aufräumaktion auf dem Junkyard.
ray05:
Der Geburtstagspartypunk ging damals komplett an mir vorbei; aufmerksam wurde ich erst, als mir ein Mädchen – jaaa! es gab so Perlen :) – eine MC aufnahm und schenkte. Seite 1: Pricks, Eternity, Tupelo, das ganz frühe BadSeedsZeug; Seite 2: Neubauten, Patient O.T. glaub ich.
Die zwei verschiedenen MC-Seiten sprachen damals für mich schon ahnungsvoll miteinander, bildeten aber leider mit dem unglaublichen „Swordfishtrombones“ den Regierungssitz von Kannitverstan. Recht froh wurde ich also nicht damit, vielleicht weil mir die Erfahrung der Lektüre von „Moby Dick“ und „Billy Budd“ noch fehlte. Dostojewski und Fontane allein scheint als Vorbereitung nicht ausreichend gewesen zu sein … Madness und Miles Davis auch nicht … :)
Christian Erdmann:
Aljoscha T entdeckte Nick Cave genau auf der Rückfahrt von Seite 83, eine auf dem Bahnhof erworbene Zeitschrift mit einem Artikel über ihn, der Titel eines Abschnitts hieß: „Der Einzelgänger agiert immer.“ Katherine Mansfield, Tagebücher. Schon diese Titelzeile wurde für den Protagonisten bedeutend.
Die Birthday Party habe ich zwar auch nur im Retroverfahren kennengelernt, und es bleiben mir abgesehen vom Bewundern des höllischen Strukturenschindens (aber dafür muß man Virtuose sein!) vornehmlich zwei Stücke, „Mr Clarinet“ und „Mutiny In Heaven“. Nick Cave aber war Literatur plus phantastische, dramatische Musik plus der Bad Seeds als Vertreter eines mir bis dahin unvertrauten Stils: der Outlaw als bestgekleidetster Mann der Welt. „Kicking Against The Pricks“ und „Your Funeral, My Trial“ werden im Buch ja auch erwähnt, schlugen genau dort ein, als Zeichengeber der „unwahrscheinlichen Mitwirkung“ (Breton).
Der besagte Artikel stammte von der großartigen Jutta Koether, aus einer Zeit und dem Hirn einer Frau also, die über Musik mit einer Mischung aus künstlerischer Kompetenz und unbedingtem persönlichem Einsatz schrieb, an der Oscar Wilde (Kunstkritik hat gefälligst selbst kreativ zu sein, sonst ist sie überflüssig) seine pure Freude gehabt hätte. Cave hatte zu der Zeit „seit eineinhalb Jahren“ an seinem Buch geschrieben: der Sänger, der sich als Künstler versteht, „der viel in seine Songtexte hineingesteckt hat“ und wußte, wie alles, was man als „Sänger“ tut, zu leicht trivialisiert wird. Und er erwähnte Dostojewski, ja. Genau da.
Die Bad Seeds, anmutig bis brachial in der überall spürbaren Verarbeitung von Einflüssen, aber mit einem neuen Gefühl für das alles, konzentriert und seltsam isoliert, vom Standpunkt der Nicht-Zugehörigkeit aus, im Grunde schon immer bereit, „one more town around the bend“ aufzusuchen, aufsuchen zu müssen, weil alles so schiefgeht wie bei William Blake dem Zweiten. Fünfmal live gesehen (mit „And The Ass Saw The Angel“-Lesung sechsmal), von der berüchtigten „Kings ov Independence“-Nacht, in der erstmal halb St. Pauli klirrte, bevor um 5 Uhr morgens tatsächlich noch Nick Cave und seine Kumpane erschienen, bis zum Gegenbeweis zur kolportierten Humorlosigkeit, als er im sonnigen Stadtpark bei „The Singer“ nicht „I pass a million houses“, sondern „I pass a million trousers“ sang. Blixa Bargeld kriegte sich nicht mehr ein. Zuletzt bei der „Abattoir Blues / Lyre of Orpheus“-Tour. Ich persönlich liebe ja Mädchenchöre am Rande der Hysterie, und Nick hat den Damen bestimmt vorher Dylans „Street Legal“ und „Shot Of Love“ nochmal vorgelegt.
ray05:
Aber ja. Nick ist aber auch einer von diesen Bußpredigern, die im Planwagen die öden Kaffs im Herrgottswinkel abklapperten. Zwar staubig aber bestens gekleidet. An den Crossroads verkauften sie dann Schnaps und verführten die jungen Dinger … :)
Christian Erdmann:
„Abattoir Blues / Lyre of Orpheus“, Tabelle nach dem 33. Spieltag: „Spell“ – „Nature Boy“ – „There She Goes, My Beautiful World“ – „Supernaturally“. Aber auch „Hiding All Away“, großartig, wie das Tretmühlengeschmurgel am Anfang erst Nicks Lachen und dann einen sardonisch polternden Rhythmus provoziert, und die Chormädchen genauso aufs Geratewohl einsetzen müssen wie seinerzeit die Damen bei Dylans „The Groom’s Still Waiting At The Altar“ und einmal dann ja auch ins Kichern kommen ob leicht versemmeltem Einsatz. Sehr schön.
Schon die weißen Hemden auf der Rückseite von „It’s Still Living“, Birthday Party. Alles hinter sich, Heuschrecken, Finsternis und Flut, Seitenstraßen voller Blut, geht der Mann seiner Extra-Plage entgegen, begleitet von einer Gruppe Typen, die aussehen wie unkommunikative Bestatter mit Extra-As im Ärmel. Und die Plage wird ein Strumpfband tragen, und hinter ihrem übernatürlich blassen Gesicht lauert irgendeine schöne Perversion. Was tut man, wenn man jedes Höllenfeuer exploriert hat? Man schaut, ob nicht doch noch eines übrig ist. Unsterbliche Obsession, irgendein Zustand der Verdammnis, der aussieht wie Erlösung, oder umgekehrt. Nicht mehr schlafen können, aber im Traum. Und noch im Traum die Frage – wird ein Herz mich überstehen?
(Aus einem Brief):
Sie hatten ungefähr 2500 Tickets verkauft, für einen Veranstaltungsort von 1200. Der Eintritt begann mit einer Verzögerung von zwei Stunden, die Leute mussten buchstäblich unter dem Gitter hindurch ins Knopfs hineinkriechen, Türsteher begannen, Leute zu schlagen, ein paar Flaschen wurden geworfen, ein paar Fenster eingeschlagen und die Polizeiautos kommen. Drinnen ist es höllisch heiß, viele Menschen versuchen wieder rauszukommen und fürchten den Tod durch Ersticken. Draußen sind all diese Leute, Tickets in der Hand, umgeben von der Polizei. Barrikaden brennen jetzt, überall Feuer. Reeperbahn für einige Stunden autofrei. Ich kann mich nicht erinnern, wie oder wann ich reingekommen bin. Eine meiner surrealeren Nächte. Es ist fünf Uhr morgens, als Nick Cave auftritt. Im Grunde steht man also da und sieht Nick Cave und erwartet, daß jeden Moment das Haus niederbrennt. Und es ist dir egal. So gut ist er.
SIE und ich waren nun ein Liebespaar, seit kurzem, sie hatte ein Ticket, ich nicht. Für business down the road fahre ich am Knopf’s vorbei, finde sie in der Menge, die vor verschlossenen Türen steht. Die Lage ist unübersichtlich, äußerst angespannt und IHR nicht geheuer. Um 21 Uhr 45 steckt sie mir das Ticket in die Jackentasche: „Es hat mir die ganze Zeit einen Stich versetzt, daß du ihn nicht sehen sollst!“ Ihn, Nick Cave.
Als ich zurückkomme zum Knopf’s, ist die Polizei schon da. Nach einer Weile wage ich mich unter dem Gitter hindurch in den Hexenkessel, niemand fragt nach meinem Ticket. Ein Mädchen sagt, drei Bands haben schon gespielt – Die Haut, Holy Toy, und leider auch Crime & The City Solution. Die Butthole Surfers sind auf der Bühne, projiziertes Bunt, eine tanzende Go-Go-Danseuse und Filmchen, ein brennendes Becken, oh well. Danach erklingt Klassik. Keine Chance, an die frische Luft zu gelangen. Ich sehe beim Aufbau der Swans zu, schaffe es dann, nach zwei Liedern der Swans, nach draußen. Alles ist abgesperrt, die Polizei bildet eine Kette. Weird scenes, unbehaglich, gefährlich. Ständig zerklirren Flaschen. An der legendären Tankstelle lassen sie nur noch drei Personen gleichzeitig hinein. Ein Polizist knurrt mich an: „Würden Sie hinter die Absperrung gehen, verdammt!“ – „Warum? Ich will ein Konzert hören!“ – Ein betrunkenes Paar tanzt am Knopf’s vorbei, Polizisten begleiten es mit Hohngelächter. Die Aggression eskaliert, einer der Polizisten stößt die Frau sogar zu Boden. Leute werden verfolgt und tatsächlich an die Wand gestellt. In einer Wohnung scheint eine Rauchbombe explodiert zu sein, auf der Straße gehen Feuerwerkskörper hoch. Die Polizisten heben ihre Schilder, ein Gegenstand fliegt, „Draufhauen!“ rufen die Cops. Das Geräusch der Stiefel, als sie auf uns zustürmen. Panik, kreischende Mädchen, Menschen versuchen in die Halle zu fliehen, das Gedränge ist entsetzlich, die Augen mancher Cops absolut hasserfüllt, irgendwie gelange ich zurück ins Knopf’s, ohne zertrampelt und zerquetscht zu werden. Inside, alles bleibt vollkommen surreal, erklingt Tschaikowskys opus 23. Dann The Fall mit Brix, und irgendwann im Herz der Finsternis tatsächlich der Bühnenumbau für Nick Cave.
Voyeuristische Anbetung, Paroxysmus des Verlangens, Paroxysmus der Lust, mädchenmörderischer Wahnsinn, „der dunkellichtige Schimmer von romantischer Anwandlung“ (spex 1990), bedingungslose romantische Liebe, tiefster Humanismus, spirituelle Sehnsucht, all diese Songs, die von allen Arten der Liebe handeln, von allen Arten des Himmels und von allen Arten der Hölle, „Sein ganzes Leben lang hat Cave über Tod und Mord und Schmerz geschrieben, über das Böse, über das unsägliche Dunkel im Zentrum des menschlichen Daseins. Es verwundert deshalb nicht, daß er sich jetzt auf einer spirituellen Suche nach dem Licht befindet.“ (Sylvia Patterson, Rolling Stone 04/1996). Und genau hier sehe ich ihn also zum ersten Mal leibhaftig, weißes Hemd, schwarze Weste, es ist 4 Uhr 30 und auf seltsame Weise der perfekte Ort und die perfekte Zeit für den Straßenräuber-Klassizismus der frühen Bad Seeds.
Hey Joe Saint Huck Jack’s Shadow Your Funeral, My Trial Stranger Than Kindness Sad Waters I’m Gonna Kill That Woman From Her To Eternity Long Time Man The Singer
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Januar 2008
Christian Erdmann:
„I don’t know what it is but there’s definitely something going on upstairs!“
Was macht eigentlich Lazarus, nachdem er von den Toten erweckt ist? Er hollert „increasingly neurotic and obscene“ durch die Mean Streets der 70er.
Zum Schießen. Wie Grinderman mit Discosoul-Stringenz und dem Wundermittel Sleaze. Seit „Babe I’m On Fire“, dem endlosen Ende von „Nocturama“, hat der als Düstermann Verschrieene offenbar gesteigerte Lust daran, den Leuten den absurden Humor seines epischen Ansatzes so richtig vor den Latz zu hauen. Erst weicht man ein wenig zurück, weil man meint, dieser Pornofilmdarsteller fummelt einem gleich im Gesicht herum, und dann hört man’s rauf und wieder runter, und leichtes Befremden am Anfang ist immer ein gutes Zeichen.
kleintal:
Unglaublich! :-)) Allein mit diesem Song raucht der gute Nick sämtliche „wichtigsten CDs“ des letzten Jahres in der Pfeife.
ralfons:
Ja, da soll noch einmal einer sagen, Metal wäre langweilig, vorhersehbar und würde sich ständig selbst kopieren! Aber Nick Cave darf einen kompletten Song lang ein Riff runternudeln, das schon in Jugendzeiten meiner Oma maximal Gähnen ausgelöst hätte, und dazu ’nen 08/15-ich-wär‘-jetzt-gerne-lasziv-aber-es-klappt-gerade-nicht-Sprechgesang dahernölen? Ich war mal großer Nick-Cave-Fan, aber irgendwie löst er mittlerweile bei mir nichts mehr aus.
Christian Erdmann:
Leck‘ Deine Wunden bitte nicht auf dem Rücken eines Nick Cave-Songs. Zeig mir die, die in ihrem Oeuvre derartige Kontraste vorweisen können wie Cave zwischen Tosen und Toben der Hölle, heiliger Melancholie und unfaßbarer Zärtlichkeit.
Eine der Platten, die mit der Zeit immer besser werden. Wie auch Dylans SLOW TRAIN COMING. Sagte ich das schonmal? :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Möglich, kann man aber nicht oft genug sagen. :)
Er machte auch im Hause des Allerheiligsten zwei Cherubim nach der Bildner Kunst und überzog sie mit Gold. Er machte auch einen Vorhang von blauem und rotem Purpur, von Scharlach und köstlichem weißen Leinwerk und machte Cherubim darauf. Und er machte vor dem Hause zwei Säulen, fünfunddreißig Ellen lang und der Knauf obendrauf fünf Ellen. Und machte Ketten zum Gitterwerk und tat sie oben an die Säulen und machte hundert Granatäpfel und tat sie an die Ketten. Und richtete die Säulen auf vor dem Tempel. Und im Tempel verehrte er „Night Of The Lotus Eaters“, „We Call Upon The Author“ und „Hold On To Yourself“. 2. AljoschaChronik 3.
Im Josef Holzermayr Zuckerwaren-Fachgeschäft am Alten Markt in Salzburg begann ein älterer Herr die eben eingetroffenen Weihnachtswaren zu betrachten, als die Verkäuferin fragte, ob man ihm behilflich sein könnte, und er antwortete in höflichster Manier: Ach danke nein, die Augen funktionieren noch gut! Ich habe wohl etwas laut gelacht über die feine Ironie in seiner Stimme und er sah mich an, erkannte mein Verstehen und geriet ins Reden, wie es nur ein Österreicher kann: charmant, klug und kaum verständlich. Unter anderem zeigte er auf einen Adventskalender, der eine klassische Weihnachtsszene zeigt und sagte: Mei, ist der liab. Genau wie früher, vor 100 Jahren. Er kenne so alten Weihnachtsschmuck, den man bei seiner Mutter nach ihrem Ableben fand und dann geriet er ins Fluchen über die Moderne, wie hässlich sie sei. Er fragte: Wie lange muß man studiert haben, um so hässliche Häuser bauen zu können, wie man es heut tut? Er habe einen Freund, der zur Eröffnung einer architektonischen Glas-und-Stahl-Schrecklichkeit geladen wurde und dort angekommen sich umsah und schließlich fragte: Wann soll dies alles fertig werden? Der Architekt antwortete beißend: Es IST bereits fertig und ES IST SCHÖN! Der Freund seelenruhig: Ach so, das wusste ich nicht. Der fremde Herr im Zuckerwarengeschäft amüsierte sich über diese so unterschwellig hervorgebrachte feine Kritik und sei sicher, dass der Mensch ein angeborenes Schönheits- und Wohlgefallensempfinden habe und wir sollten es doch auch benutzen. Eine der Begegnungen in Salzburg, von denen man nie weiß, ob sie nicht jemand geplant hat.
Ich war also auch beim Trakl, es war sehr beeindruckend. Ich mag ihn mehr als Baudelaire, von dem er beeinflußt war. In der ganzen Stadt gibt es Tafeln mit seinen Gedichten, die jeweils mit dem Ort zu tun haben. Es wirkt fast verschämt und trotzig, wie sie dort hängen. Verschämt, weil sich doch all die Japaner und Franzosen, die wegen der Mozartkugeln gekommen sind, nicht einen Deut um die Lyrik eines Salzburger Jünglings scheren, Lyrik, über die Wittgenstein sagte: Ich verstehe sie nicht, aber ihr Klang lässt mich träumen. Trotzig, weil es eben doch eine so besondere Stadt ist, dass solche Tafeln nur folgerichtig ihrer allerliebst verfallenen Schönheit Worte geben und bei näherem Betrachten auch Trakl folgerichtig hier gelebt und gelitten hat und hin und wieder doch ein paar Krähen kommen, um in seinen Spuren herumzuwandeln.
Wir waren die einzigen, die in der Gedenkstätte klingelten und es öffneten die zwei Menschen, die sich seit Jahrzehnten für den Trakl einsetzen. In der ersten Salzburger Wohnung der Familie, in der Georg Trakl geboren wurde, umrahmt von Möbeln und Gegenständen der Familie und Briefen, Fotos und des grünrotschwarzen Selbstporträts Trakls zeigte man einen 40minütigen Film, der äußerst feinfühlig Trakls Leben, Schaffen, Gedanken, Träume und Abgründe zeigte. Seine Briefe, die auch im Film zitiert werden, erklären naturgemäß viel, was ohne sie nie ans Licht gekommen wäre. Zeitgleich lese ich Simone de Beauvoirs Briefe an Nelson Algren und sie sind auch so beeindruckend, weil sie so ehrlich sind im Gegensatz zu ihren Memoiren, in denen sie so vieles nicht sagt oder den Briefen an Sartre, in denen endlos taktiert und politisiert wird. In solchen äußerst privaten Briefen sind die Menschen mehr sie selbst, wahrer noch, wahrhaftiger als in jeder anderen Begegnungsform.
Was war noch? Ach ja, im berühmten Tomaselli Café irritierten wir die sehr hübsche, ältere Frau Lydia mit der Frage, ob sie Peter Alexander auch schon dort bedient habe und sie war verwirrt und glaubte nicht, aber sicher sei sie auch nicht. Ihre Verwirrung mutete äußerst komisch an im Rahmen dieser feierlich-ernsten Kaffeehauskulisse. Kopfschüttelnd nahm sie ihr Tortentablett und zog von dannen. Am Mondsee war eine Stimmung wie in einer Traumdarstellung. Nebel hing in den Bergen, der See war düster und grau und von tiefer, unwirklicher Schönheit, Touristen gab es dort keine mehr außer uns und diese Einsamkeit war besonders erholsam. Am Chiemsee dagegen Kaiserwetter am Königsschloss und Schnee auf den Gipfeln. Es war schwer, zurückzukommen, aber hier sind wir.
Aus dem Tomaselli stand Trakl einmal auf, um den Huren in der Judengasse Faschingskrapfen zu bringen. As you surely know, wenn zB der Herr Otto Basil Sie begleitete. Es war wohl die perfekte Zeit für einen Weg auf Trakls Spuren, wie ja auch Ihre wundervollen Photos belegen, nahe an der Trakl-Jahreszeit, die es nicht gibt, die immer zwischen allen anderen Jahreszeiten liegt, schwarzer Schnee rinnt von den Dächern, Ahorn rauscht im alten Park, schwarzes Gondelschiffchen schaukelt durch verfallene Stadt. Der phantastische fremde Herr im Zuckerwaren-Fachgeschäft wiederum, der den alten Weihnachtsschmuck vor dem Vergessen rettet, ist wie Joseph Roth. Ihr schöner, atmosphärischer Bericht bestätigt mir, der ich zeitweise am liebsten in „Der dritte Mann“, also dem Film, wohnen würde, daß man einfach in den Kaffeehäusern der k.u.k. Monarchie hätte hängenbleiben sollen.
Man fragt sich ja oft, wie man eigentlich hierhergekommen ist, wo niemand mehr „Habe die Ehre“ sagt. Daß es einen angeborenen Schönheitssinn gibt, behauptete ja auch Shaftesbury, über den ich mein Magisterpamphlet schrieb. Und auch daromm, wie es sey, daß alle, Goethe und Schiller, Kant und Winckelmann und Lessing, von Shaftesbury geklaut haben. Goethe zB stahl vom Third Earl den Begriff der „inward form“ – die innere Form. Die verlor ich restlos beim Konzert von Peter Murphy. Das ist aber auch nicht verwunderlich, wenn diese Legende, dieser Mythos, dieser Singuläre, der zu Beginn des Konzerts aufgrund einer Erkältung etwas gereizt schien, nach circa 13 Songs vor uns stehenbleibt, seine Hand ausstreckt und „Hello!“ zu IHR sagt. Er nimmt also ihre Hand und sagt: „You’re very attentive, thank you, it encourages us, me especially, when somebody’s looking so… so inspired“, und sagt ihr letztlich, in dieser halben Minute, von der verdammten Bühne aus, was ich ihr seit Äonen zu sagen versuche. Warum ist das Leben nicht einfach langweilig? Irgend jemand hat seine Hand fest im zerzausten Haar der Wahrheit – and twists her around. Würden Sie in unserer Kartei nachschauen, Watson?
Zwei Folgen sah ich bisher, Scandal in Bohemia und The Dancing Men. Bezeichnend, daß die Kokain-Szene für die Deutschen herausgeschnitten wurde. Wir könnten ja alle sofort zum nächsten Kokaindealer laufen und enthemmt brüllen: „DIE FLAGGEN SIND DAS WORTENDE, WATSON!“ oder „GEBT MIR DAS ABSTRUSESTE KRYPTOGRAMM!“ Jeremy Brett mit seinen Morphinistenmundwinkeln ist so beunruhigend definitiv und so definitiv beunruhigend, daß man ihn eigentlich nur mit exakt diesem Watson begleiten kann. Sie hatten Recht und ich werde Ihnen ewig dankbar sein, case closed.
Marisha Pessls Vater ist auch Österreicher. Bin auf Seite 200 etwa. Erstmal bin ich abgeglitten an dem Buch, das mir zu perfekt schien und dabei zu leerlaufend. Zu auf amerikanische Art mit leicht verschrobener Smartheit prunkend. Zu clever kalkuliert und zu von sich überzeugt darin, daß auch der siebzehnte Zusatz zum mehr oder weniger aufregenden Detail noch unwahrscheinlich geistreich wirkt. Ungefähr an dem Punkt, wo Hannah Schneider dezidiert ins Spiel kommt, hatte ich mich wohl daran gewöhnt, jedenfalls seitdem offen für Bewunderung und Genuß an der virtuosen Sprache, den Vergleichen, den Metaphern, den Kleinigkeiten, vor allem vielleicht den Kleinigkeiten. Schließlich gibt es auch noch andere mir bekannte Bücher, deren erste 50 Seiten man erstmal überleben muß. (Insert Ha Bloody Ha here).
Anbei der Mann mit dem goldenen Licht in der Stimme.
50 Peter Murphy-Songs, zu denen es 50 geöffnete Türen gibt, in meinem Leben. Aber wo soll man anfangen. Die tiefe Mitternacht, als ich zum ersten Mal „Bela Lugosi’s Dead“ im Radio hörte? Die Wahrheit, daß die bedeutendste aller Wirklichkeiten ein geheimer Garten ist („Our Secret Garden“)? „Hit Song“, von hinten in den Himmel gestoßen vor unserer Nacht in Hagenbecks Tierpark? „Final Solution“ im Roman? Das einzige Ticket, das ich jemals auf dem Schwarzmarkt erwarb, Minuten vor Konzertbeginn, um die Bauhaus-Reunion zu sehen, 1998? Sein Auftritt am Anfang von „The Hunger“? Diese ihn für alle Ewigkeit zum dear man machende Geste, „Marlene Dietrich’s Favourite Poem“ zu schreiben, diese Zeilen, mit denen er die Momente würdigt, in denen Marlene in Maximilian Schells Film Tränen vergießt zum Gedicht von Freiligrath, „My mother loved it so…“ – ? Der Artikel über Murphys Leben in Istanbul, Beginn einer Entdeckungsfahrt durch orientalische Musik? Die Tatsache, daß ich die Begegnung mit Antonin Artaud eigentlich ihm verdanke? Das Video zu „She’s In Parties“? Das Video zu „Spirit“? Überhaupt alle Videos? Daß „Roll Call“ vermutlich der Song ist, den ich am längsten im Walkman hatte, ever? Diese Stimme, deren Tiefen dich „on a long and winding grey paved street, your breath the only friend, chattering others surrounding you“ erheben? Den Tränen nah bei „Huuvola“? Ich wüßte nicht wo anfangen.
Murphy ist ein Bruder. Always there.
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11.06.2008
Christian Erdmann:
„Cascade“ hat mit „Huuvola“ vielleicht den mysteriös-schönsten aller Murphy-Songs, aber „Dust“ empfehle ich unbedingt! Daß Murphy auch ein Domizil in Istanbul hat, wußte ich zwar schon eine Weile, aber irgendwann erwischte ich auf TRT mal ein Konzert mit einem orientalisch-klassischen Ensemble, diversen anderen Musikern, kreiselnden Derwischtänzern; wunderbare, hypnotische Musik. Endgültig vom Stuhl fiel ich, als ich begriff, daß der Sänger, der sich in meinen ersten Minuten da gerade im Hintergrund hielt, Peter Murphy war. „Dust“ ist ähnlich, die Musik wandert über Wüstensand, es dürfte sich um viele 7-Minuten-Stücke handeln, aber man verliert hier das Gefühl für Zeit.
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Oktober 2009
Christian Erdmann:
Danke, mir ist gerade alles egal. Wenn der Peter Murphy nach 15 Songs plötzlich „Hello!“ zu deiner Begleiterin sagt und ihre Hand hält, und anfängt mit „You’re very attentive, thank you, it encourages us“, und im Grunde das zu ihr sagt, was du ihr ein Leben lang zu sagen versucht hast, und das von der Bühne aus, ist dir nach Gang in die Nacht der Lotusesser. Sollte die Welt noch versäumen, auseinanderzufallen, verdurste ich in einer Wüste aus Goldstaub. Von den Mächten Die Da Sind als Konzert getarntes Satori – Kick In The Eye.
Landegaard:
Ohne Scheiß? :)
Christian Erdmann:
Ja. Murphy ist ja mit einer Türkin verheiratet und lebt (auch) in Istanbul. „Dust“ ist für jene, die was damit anfangen können, daß in der Sprache der Sufis das Wort für „Sünde“ dasselbe bedeutet wie „Distanz“. Distanz von truth & essence. Alle, die von „small intelligence“ (Murphy) den Kanal voll haben und „thirsty for the water of life“ (Murphy) lebende Reflexbrecher sein müssen. Oder einfach für jene, die immer wissen wollten, wie ein Mann mit goldenem Licht in der Stimme sich anhört.
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April 2011
Christian Erdmann:
Im Juni erscheint nun endlich das neue Album von Peter Murphy. Schon da: Rosenspucken mit PM.
Im September auf Tour in Deutschland, wenn nichts dazwischenkommt.
oasis:
Vornehm hin oder her, aber man kann’s auch übertreiben *schelt*. :) Murphy, welch phantastische Neuigkeiten!! Und dann so bescheiden mal nebenbei bemerkt vom Licht-unter-den-Scheffel-Steller himself.
Aber immerhin. Jetzt haben sie hier schon einen extra Thread für Dich eröffnet. :) “ … wenn Jesus wiederkommt, so wird das vermutlich nicht in Gestalt eines Bundesministers oder eines Strommanagers sein. Er wird ganz schlicht und einfach daherkommen. Nicht in einer Luxuslimousine, sondern auf einem klapprigen Fahrrad.“
Christian Erdmann:
Seit die rosenspuckende dunkle Lichtgestalt von der Bühne herab die Hand meiner, ähm, Begleiterin festhielt und ihre, ähm, inspirierende Ausstrahlung würdigte, ich meine so mitten im Konzert, – ich habe zwar einen Tonmitschnitt davon ergattert, aber das glaubt einem ja trotzdem kein Mensch – habe ich mein Jesustum an den Nagel gehängt. Irgendwann zwischen zwei Songs beklagte er die Schwierigkeiten, die Platte rauszubringen, die also im Oktober 09 offenbar schon fertig war, „very frustrated“, und „There’ll be a pot on the way out“, für die Kollekte. So sieht’s leider aus, daß eine Legende wie Peter Murphy von der Industrie praktisch ignoriert wird. Und darum ist das natürlich eine phantastische Neuigkeit, daß es jetzt endlich soweit ist. Er hat damals schon ein halbes Dutzend der Songs gespielt, die auf „Ninth“ erscheinen werden, „Velocity Bird“, „Peace To Each“, „Memory Go“, „Secret Silk Society“, „Uneven & Brittle“, „The Prince & Old Lady Shade“.
Peter Murphy, 15.10.2009, nimmt also vor „Deep Ocean Vast Sea“ Birgits Hand & this is exactly what he said to her:
„Hello, how do you do? You’re very attentive, thank you, it encourages us, me especially, when somebody’s looking so… so inspired.“
„But I mean, I can’t exist without you, darling.“
Excerpts from „The Fairy Godfather of Goth“, Magazine Article on Peter Murphy, 1992
Text: Adrian Deevoy
Photos: Ken Sharp
„The method I use to create lyrics hasn’t changed. If I haven’t written any, I just turn the microphone on and sing and words will just come out. There’s no interference from anything cerebral. You see, instinct is distinct from rationale. The pure intellect is in the realm of the imagination which is a finer sensibility. So things can come through and you don’t know where they come from and your conscious mind would have no way of reproducing those images in the conscious state. So, in a sense, you become as much of a listener as the, um, listener.“
Today, Peter Murphy is in Istanbul. He met his Turkish wife, Beyhan, back in the Bauhaus days and now spends a couple of months each year resting on a small island north of the city.
„My only impression when I first came to Turkey,“ he says sipping water in the marbled bar of the hotel where the Orient Express used to stop, „was that Midnight Express cliché. Of course, that was immediately dispelled, although it can still be pretty scary.“
„I think what people, the press in particular, didn’t like was that there was an arrogance about [Bauhaus] which said, We don’t need you. It was a very self-made band. And we attracted some very negative writing. Really seriously bad things were written about us.“
Before visiting Istanbul’s sense-scrambling bazaar, Murphy bumps into a Turkish friend. „Oh, Peter!“ she gasps, motioning towards his stick-insect-on-steroids physique. „You’ve lost so much weight!“ „No, I haven’t,“ retorts Murphy indignantly, „I’ve always been skinny.“ This is true. In fact, it would come as no great shock if Murphy’s passport described his full-time occupation not as „Songwriter“ or „Musician“ but as „Professionally thin person“.
Although he still lives in North London, Murphy believes that the UK is a market that no longer requires his services. Following Bauhaus‘ disintegration in ’83 (the orphaned members of the band went to America to gather modest underground garlands as Love And Rockets) Murphy (…) went to work as a solo singer on the USA club circuit in ’86.
„The Bauhaus effect is odd in the States,“ Murphy muses, „because as a solo artist I sell a hell of a lot more records than Bauhaus ever did. But you still get people going out and buying Bela Lugosi’s Dead and enjoying this wonderful cultish experience for the first time.“
„If you were to stop the average music fan and ask them about Peter Murphy, they’d say, What’s happened to him? What’s he been up to since 1983? People still come up to me in the street and say, Wow, Peter Murphy, what have you been doing with yourself? And I say, I’ve actually had four albums out. I’ve been working solidly for five years, thank you very much. I just got bored of dealing with this negative attitude. In the end you just go where you’re wanted.“
Do people expect him to be weird when they meet him?
„There was a gentleman in LA last month who came along with the full baggage of misconceptions,“ he recalls fondly. „He was asking me, What is it that you know that we don’t? Tell us about the secret message in these lyrics. What is the right religion to follow? Why do you wear black all the time? […] I try to avoid the transference of their interpretation of my personality on to me, this preconceived montage of who you are.“
Has Murphy ever experienced these feelings himself?
„I did when I met Bowie,“ he admits. „I played a part in the film The Hunger. Catherine Deneuve was there too, so it was doubly strange for me. But I sat there with Bowie and I thought, Well, there he is. And that was it. He was there as a human being and the whole thing was exorcised. I immediately felt OK about it. That first moment to me was very important.“
„Why don’t we just have a chat, a cigarette and a coffee?“ Murphy sighs. „Let’s be… Turkish.“
I put a spell on you Because you’re mine Stop the things you do Watch out I ain’t lyin‘ Yeah, I can’t stand No runnin‘ around I can’t stand No put me down I put a spell on you Because you’re mine Stop the things you do Watch out I ain’t lyin‘ I love you I love you I love you, anyhow I don’t care if you don’t want me I’m yours right now I put a spell on you Because you’re mine
Autor dieses Kultsongs, gecovert von Nick Cave, Marilyn Manson und vielen anderen, ist der Mann, den Knut Benzner im Frühjahr 1998 in Paris trifft: Screamin‘ Jay Hawkins. Aus dem Interview, das Benzner mit dem legendären Sänger führt, entsteht eine Radiosendung in fünf Teilen, die zum Besten gehören dürfte, das jemals mit / über Screamin‘ Jay Hawkins gemacht wurde. Keine zwei Jahre später weilt Jalacy Hawkins nicht mehr unter den Lebenden. Er hinterläßt mindestens 55 Kinder.
Zu meiner großen Freude ist Knut Benzner in die Archive des NDR gestiegen, um eine Aufzeichnung seiner Sendung ausfindig zu machen. Zu meiner noch größeren Freude erlaubt er mir, sein Special hier zu präsentieren.
Hamburg radio DJ Knut Benzner met singer / songwriter / actor / legend Screamin‘ Jay Hawkins in the spring of 1998 in Paris. Benzner produced a five part radio show based on that interview. To my great delight Knut Benzner undertook the mission to find a recording of his show in the NDR Radio archive, allowing me to present it here.
„Der kreischende Buffo“ – Radio Special über und Interview mit Screamin‘ Jay Hawkins von Knut Benzner. Sendetermin: 22.06. – 26.06.1998 auf NDR 4 Beats’n’Sounds. Redaktion: Klaus Wellershaus.
Herrlich! Und wieder ein Puzzlestück, von dem ich völlig vergessen hatte, dass es fehlt. Man puzzelt sich sein Leben ja mehr schlecht als recht zusammen, jeden Tag kommen neue Teile hinzu; man guckt, man prüft, wo könnte es passen, dann clipt man es in die Fehlstelle, lehnt sich zurück… Manchmal muss eine Stelle freibleiben, weil die Welt andere Prioritäten hat als man selbst, und die Lücke gerät erst ausser Sicht, dann in Vergessenheit. Wie gut, wenn es dann einen Blog wie diesen hier gibt!
Vor etwa 20 Jahren sah ich im Kino den Film „Mystery Train“ eines meiner liebsten Regisseure, Jim Jarmusch. In diesem Film gab es ein heruntergekommenes Hotel, hinter dessen Rezeptionstresen saßen zwei Angestellte. Ein älterer Herr und ein jüngerer Page. Ich liebte diese beiden Zerberusse, ihren trockenen Humor, ihre lässige Art; zwei Felsen, auf denen das Hotel so hoch und sicher ruhte, dass man alle Tage dort einchecken wollte. Mir war sofort klar, dass der ältere der beiden keine gewöhnliche Nebenrollenbesetzung war, dass da etwas in ihm glimmte, das größer war als der Raum zwischen den Buchdeckeln eines Drehbuchs. Aber es gab damals weder Smartphones noch Internet, und bald war diese Fehlstelle meines Puzzles ausser Sicht und vergessen.
Doch was sehe ich nun, 20 Jahre später, wenn ich diesen Blog anklicke? Das Hotel, den Tresen und meinen Zerberus aus tiefster Vergangenheit inklusive ausführlicher Würdigung durch Bild und Ton. Ich kenne jetzt seinen Namen, seine Originalstimme, sein Leben.
Ein schönes Puzzleteil, es seufzt zufrieden, als ich es in die Leerstelle clippe. Vielen Dank!
Und die Pflaume sah soooo lecker aus ;-)
02.07.2012
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
„I don’t think you should eat that thing.“ Hilarious. Schrieb mal auf SPON: „Elvis‘ Stimme hallt durch die amerikanische Nacht, eine Nacht, die es nie gegeben hat.“ – „Mystery Train“ im Sinn. Hawkins sitzt in diesem phantastisch heruntergekommenen Memphis Hotel größer als das Leben, saß schon immer da und wird immer da sitzen, das Buch, in das er schreibt, ist in etwa so dick wie das, in das Gott selbst schreibt, und durch die Nacht hallt „Blue Moon“. Ja, Sie beschreiben es sehr schön, warum man jederzeit dort einchecken möchte, in diesem Hotel und in dieser endlosen Nacht. Die Plum Scene, zum Niederknien. Hawkins, nachdem der Bellboy sich über seine Uniform beklagt hat: „Well, you should do like I do, shit, go over and buy your own damn clothes over at Lansky’s, somewhere like that; I mean, you know it’s like they say: the clothes make the man. I mean look at that damn hat on your head, you look like a damn mosquito-legged chimpanzee, I mean – “ – und dann dieses unfaßbare Hawkins-Lachen. Und dann – nichts. Auf künstliche Fliegen mit der Fliegenklappe einschlagen, deadpan. Im Grunde wartet alles nur darauf, daß „Blue Moon“ nochmal für 3 Minuten die Atmosphäre der Nacht auflädt. „Jiffy Squid?! Turn that damn thing off.“ Freut mich außerordentlich, daß Knut Benzners vortreffliche Würdigung ein Stück ins Lebenspuzzle setzen konnte! Wunderbar! :)
Upon a wall I painted a fleur-de-lis Near the canal Where the rotting barges sleep Wandered the banks while a hydra hissed and weeped I heard two bells ringing at once
Als wir uns im August 2012 auf den Weg nach Čachtice machten, fanden wir die Burgruine geschlossen für reconstruction works. Beschlossene Sache, daß wir wiederkommen würden, eines Tages. Wir versprachen es uns und ihr.
Elisabeth (ungarisch Erzsébet) Báthory war eine Edelfrau, die aus einer der mächtigsten ungarischen Familien stammte; sie war die Nichte des Stephan Báthory, Fürst von Siebenbürgen und König von Polen.
Elisabeth wird am 7. August 1560 geboren. Sie wächst in Ecsed auf und lernt Latein, Deutsch und Griechisch. Es ist die Zeit der Türkenkriege, eine heillose Zeit. Mit 12 wird Elisabeth verlobt, mit 14 verheiratet – mit Graf Ferenc Nádasdy, Oberbefehlshaber der ungarischen Truppen, ein Kriegsmann, der bei den Türken gefürchtet ist und dessen hartes Vorgehen ihm den Namen „Schwarzer Ritter“ einbringt. Bei der Hochzeit am 9. Mai 1575 sind 4500 Gäste anwesend. Elisabeth ändert ihren Nachnamen in Báthory-Nádasdy. Die Eheschließung soll Anlaß für Elisabeths Übertritt zum protestantischen Glauben gewesen sein. Das Paar residiert auf Burg Čachtice (ungarisch Csejte), aber Ferenc ist selten bei seiner Frau. Elisabeth führt die Geschäfte der Burg. Das Königreich Ungarn unter Herrschaft der katholischen Habsburger verschuldet sich zur Finanzierung der Kriege hoch bei den Nádasdy. Mit 25 bringt Elisabeth die Tochter Anna zur Welt. Ein Portrait von Elisabeth – das einzige – wird ebenfalls 1585 gemalt. Es ist verschollen.
Noch eine zweite Tochter, Katharina, kommt zur Welt, und 1598 – Elisabeth ist 38 Jahre alt – wird der Sohn Pal geboren, Haupterbe des Paares.
Am 4. Januar 1604 stirbt Ferenc Nádasdy. Die Leichenrede hält Istvan Magyari, ein bedeutender protestantischer Kirchenmann aus Sárvár. Elisabeth erbt Nádasdys ganzes Vermögen, wie auch das ihres Bruders Istvan (Stephan). Sie ist eine reiche und mächtige Frau mit Besitzungen hauptsächlich in der heutigen Slowakei. Ihr gehören u.a. Burg und Dorf Čachtice, Burg Beckov, Burg und Stadt Sárvár, Ecsed, aus dem Erbe ihres Bruders Stephan auch Burg Devin, dazu Stadthäuser u.a. in Wien.
Der Bathory-Biograph Michael Farin nennt sein Buch über sie: Heroine des Grauens.
Auf Befehl des Königs Matthias II. von Ungarn (= Kaiser Matthias HRR) stürmt und durchsucht Palatin Graf György (Georg III.) Thurzo, ein Vetter von Elisabeth, in einer kalten und schneereichen Nacht am 29. Dezember 1610 mit einem Trupp Soldaten die Burg Čachtice. Elisabeth Bathory wird wegen vielfachen Mordes an jungen Mädchen auf ihrer Burg festgesetzt. In Bitcse (Bytca) werden zwei Prozesse abgehalten, auf Ungarisch und Latein, bei denen Elisabeth keine Anwesenheit erlaubt ist. Der Prozeß besteht aus der Vernehmung von Mitangeklagten und einer Unmenge von Zeugen.
Die Aussagen der Mitangeklagten, drei Dienerinnen und ein Diener der Gräfin, werden laut Prozeßunterlagen einmal freiwillig, ein weiteres Mal unter der Folter erbracht. Als Resultat des Prozesses werden zwei der Dienerinnen, Ilona Jó und Dorottya Szentes, die Finger abgerissen, beide dann lebendig verbrannt. Elisabeths Gehilfe Johannes („Ficzko“, Bürschchen) wird geköpft, seine Leiche auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Matthias verlangt „die Einhaltung göttlichen Rechts“, also das Todesurteil gegen Elisabeth, Thurzo läßt sie jedoch in einem kleinen Turmzimmer auf Burg Čachtice einmauern. Sie wird nur mit dem Nötigsten versorgt, bis an ihr Lebensende gibt es Kontakt zur Außenwelt für sie nur durch eine kleine Öffnung in der Mauer.
Am 31. Juli 1614 macht sie ihr Testament. Am 21. August 1614 stirbt Elisabeth Báthory.
Das Grab der „Blutgräfin“ ist unbekannt. Einem Bericht zufolge wird sie am 25. November 1614 – nach drei Monaten also – in der Kirche von Čachtice beigesetzt. Ein Sarg wird dort aber auch nach mehreren Untersuchungen nicht gefunden.
„Sich der eigentümlichen Faszination, die von der comtesse sanglante Elisabeth Báthory ausgeht, zu entziehen, das Strahlennetz dieses höllischen Sterns zu durchdringen, fällt schwer. Alle Versuche nämlich, ihrem traurigen Ruhm etwas Vergleichbares an die Seite zu stellen, ihre Taten durch das Vergleichen mit denen anderer zu verstehen, scheitern. Es scheint undenkbar, sich ihrer beinernen Härte und den Delirien ihres Außersichseins auch nur zu nähern. Dem Verstehen hat sie sich entzogen, weil sie sich wie kaum ein anderer Mensch aller Hemmungen entledigte und ihre entsetzliche Leidenschaft rückhaltlos lebte.“ (Michael Farin, Elisabeth Báthory – Heroine des Grauens, 1990, 11)
„Den Ort eines Verbrechens erfüllt eine Aura. Ort wie jeder andere liegt seine Besonderheit in der Zeit, die durch nichts fühlbarer wird als durch vergangenes Geschehen, durch ungeheuerliche Begebenheiten, die das Signum des Geheimnisses tragen. Ihn aus der Zeit hebend, versetzen diese den Betrachter nur um so mehr wieder in sie hinein. Elisabeth Báthory besaß viele Burgen, Schlösser und Dörfer. Sie quälte, folterte und mordete überall. Die Legende aber hat sich um einen einzigen Ort kristallisiert, wie kein anderer hat sich sein Name mit dem ihren verknüpfr: Csejte. Es läßt sich kein besserer denken: das Kastell mit den weithin bekannten labyrinthischen Gängen und Gewölben, die Burg, in der sie bis zu ihrem Tode lebte, in ihrer kargen Schroffheit.“ (Farin, 19)
Erst über 100 Jahre nach ihrem Tod wird Elisabeth Báthory von Geschichtsschreibern wieder aus dem Dunkel geholt. Mit der „Tragica historia“, die der Jesuitenpater László Turóczi 1729 erzählt, und einem Text der Annalen von Matthias Bel aus dem Jahre 1742 wird für die Nachwelt die Zahl der von Elisabeth getöteten jungen Mädchen, ihren Dienerinnen, auf ungefähr 600 festgesetzt. Die mörderischste Karriere einer Frau, die in der Geschichte verzeichnet ist – Wahrheit oder Fiktion? Ficzkó gab als Zahl der Opfer 31 an.
„Übrigens ist die Zahl der Opfer von keinerlei Bedeutung. Bezeichnend ist jedoch die Art und Weise, wie diese Morde ausgeführt wurden. Hauptsache und der Quell des Lustempfindens für Elisabeth Báthory war nicht etwa das Töten, sondern vielmehr das raffinierte Quälen der Opfer. Sie besaß in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Erfindungsgabe. (…) Sie ist keine Messalina, wie die Chroniken sie schilderten und die Dichter sie nach diesen besangen; sie war, schlicht gesagt, eine Frau mit zerrüttetem Nervensystem.“ (Junius, 1891; Farin, 189).
„Eine andere wichtige Frage ist, ob sie sich in einem zurechnungsfähigen Zustand befand. Mehrere Angaben weisen darauf hin, daß sie es war und sich bemühte, ihre Neigungen zu verhehlen.“ (Antall / Kapronczay; Farin, 209).
Farin nennt den ersten Teil seiner Sammlung zur Wirkungsgeschichte „Im Blutrausch der Schönheit“, den zweiten Teil „Das teuflische Vergnügen an fremden Schmerzen“, um den Paradigmenwechsel deutlich zu machen, der erst spät zur Annahme einer sexuellen Perversion, „und zwar eines komplizierten Falles derselben“ (CF von Schlichtegroll; Farin 166) durchdringt. Frühe Berichte verbreiten die Legende, für die Elisabeth Báthory berühmt bleibt: daß sie, um sich ihre Schönheit zu bewahren, im Blut junger Mädchen badete. Bei Turóczi liest man die vermeintliche Initialszene; eine der jungen Zofen Elisabeths zieht
„unabsichtlich, unglücklicherweise, ein wenig stärker an irgendeiner Haarsträhne und erregt den Ärger Elisabeths, welche auch sofort ohne Zögern dem Mädchen heftigst mit der Faust ins Gesicht schlägt. Und sieh da, das Blut strömt hervor und bespritzt das Gesicht der Herrin. Die Stelle, wo sie sich mit einem Tuch abgewischt hat, o Wunder, schien schöner als zuvor und so strahlend weiß, daß es nahezu wunderbar anmutete. Sei es, daß dies an der Wirkung des menschlichen Blutes lag, sei es, daß, was wahrscheinlicher ist, die weiblichen Augen durch die schlauen Künste eines bösen Geistes getäuscht wurden; was es auch gewesen sein mag, diese Benetzung mit Blut, und war sie auch noch so geringfügig, weh mir!, wie viel Blutvergießen verursachte sie in der Folge. Elisabeth, die bis zum Wahnsinn auf ihr Äußeres bedacht war, kam angesichts dieses Anblicks der Gedanke: Was? wenn so eine kleine Menge Blut die Schönheit so sehr zu steigern vermag, welche Wirkung wird erst eintreten, wenn ich mich ganz darin bade?“ (Farin, 24).
So nahm, nach Turóczi, das „gottlose Blutbad“ seinen Lauf.
Die Burg Čachtice ist unterkellert mit Gängen und Gewölben, die bis hinunter in den Ort führen. Angeblich brachten durch diese Gänge Elisabeths Helfershelfer die entführten Mädchen zur Burg. Daß sich in dem Berg Weinkeller befinden, berichtet schon Turóczi, „so sorgfältig aus dem Erdboden herausgehauen (…), als wären sie aus Stein. Sie werden weder durch Säulen noch Balken gehalten, sondern allein durch die tragfähige Erde und die gleichermaßen festen Mauern. Und was noch mehr zu bewundern ist, mehrere bilden gleichsam Stockwerke in der Erde.“ Das ganze Kellersystem wirke, so Turóczi, als habe man ein Labyrinth schaffen wollen: „Diese Höhlen sind die berüchtigten Schauplätze eines grausamen Trauerspiels, trauriger als alles, was sich jemals seit der Erschaffung des Menschen unter der Sonne abgespielt hat.“ (Farin, 23).
Daß Elisabeth Báthory ihre Morde nicht in den Kellergewölben begangen hat, „daß sie ihre Opfer überall folterte, in der Waschküche, im Schloßhof, in der Kutsche und in Flüssen, erhellt sich erst aus den Dokumenten. Diese jedoch einzusehen, war den meisten Autoren nicht möglich. Also adaptierten sie die tragica historia des László Turóczi (…) und übernahmen dabei unbesehen dessen Deutung. Turóczi aber sah das Motiv für ihre Taten ausschließlich in fehlgeleiteter weiblicher Eitelkeit. (…) Es dauerte nicht lange, bis aus dieser Behauptung eine Tatsache geworden war, die unwidersprochen auch in wissenschaftlichen Werken Eingang fand.“ (Farin, 29).
Wie Elisabeth für ihre Bäder den Opfern das Blut entzog, wird im Zuge der Legendenbildung immer ausführlicher und exzessiver beschrieben: „Alle diese Theorien gipfeln schließlich in der Phantasie von der eigens für diese Bäder konstruierten Eisernen Jungfrau als Blutpresse.“ [Die überlieferten Bäder sind unmöglich, da Blut viel zu schnell gerinnt]. Im 18. Jahrhundert wird Elisabeths Vorgehen auf ein Motiv reduziert: Gemetzel für ewige Schönheit. Ohne Zweifel aber „war das Seelenleben dieser Mörderin komplexer“ (Farin, 30). Erst im 19. Jahrhundert tritt das Motiv der sado-erotischen Perversion in den Vordergrund.
„Oede und verlassen stehen die Ruinen des einst herrlichen Csejter Schlosses; Raben umkreisen sein mit jedem Tage mehr zerfallendes Gestein mit ihrem Gekrächze, aber ein Teil des Thurmes, in welchem die Verbrecherin ihre Schandthaten sühnte und ihre mit Angst und Kummer gepreßte Seele aushauchte, steht noch fest, scheint dem Zahne der Zeit für immer trotzen und zur Warnung vor Mißhandlungen der Unschuld für immer dienen zu wollen.“ (Michael Dionys Doleschall, 1838; Farin, 95).
Mit seinem opulenten Filmdrama „Bathory“ versucht sich der slowakische Regisseur Juraj Jakubisko 2008 an einer anderen Version der Geschichte. Mit Anna Friel in der Titelrolle imaginiert er Elisabeth Báthory als Opfer von persönlichen und politischen Intrigen.
Seit den 1980er Jahren wird die Theorie von Elisabeth Báthorys Unschuld verstärkt untersucht. Als möglicher Hintergrund wird angeführt, daß die Habsburger mit den Báthory verfeindet waren, seit Stephan Báthory sich zunächst 1571 gegen den habsburgischen Kandidaten als Woiwode von Transsylvanien durchsetzte, 1575 dann auch gegen Kaiser Maximilian II. als König von Polen. Die katholischen Habsburger führten 1580 die Gegenreformation ein; in Transsylvanien dagegen ließ der protestantische Woiwode Sigismund Báthory, Nachfolger Stephans, die Jesuiten ausweisen. Zwischen 1597 und 1602 kam es zur Auseinandersetzung zwischen Sigismund Báthory und Rudolf II. von Habsburg um die Herrschaft über Transsylvanien. Rudolf setzte sich durch, ließ den Besitz vieler ungarischer Adliger beschlagnahmen und ging gegen die Protestanten vor. Der Aufstand unter István (Stephan) Bocskai ließ Transsylvanien wieder unabhängig von den Habsburgern werden, 1608 wurde Gabriel Báthory Woiwode von Transsylvanien.
Die Theorie nun: bei einem möglichen Feldzug von Gabriel Báthory gegen die mit König Matthias von Habsburg verbündete Walachei hätte die protestantische Elisabeth Báthory ihrem Verwandten Bewaffnete aus ihren überall im Land verstreuten Burgen schicken können. Mit ihrer Festsetzung 1610 wurde das verhindert. Die Organisation eines Prozesses gegen sie, mit zahlreichen gekauften Zeugen, sei einfacher gewesen als die Kriegsaktivitäten gegen die Báthory-Dynastie.
Tony Thorne argumentiert in seinem 1997 erschienenen Buch über Elisabeth, daß Thurzo schon vorher hochadelige Witwen kaltgestellt habe, um sich deren Besitz anzueignen, was Elisabeth Báthory in einem Brief an Thurzo erwähnt; sie schreibt, sie werde nicht gleichermaßen ein leichtes Opfer sein.
Fraglich indes, ob es für einen Plan, sie aus dem Weg zu räumen, die Art der ungeheuerlichen Vorwürfe gegen Elisabeth sowie die Detailfülle der Zeugenaussagen benötigt hätte. (Istvan Magyari, der die Leichenrede für Ferenc Nádasdy gehalten hatte, soll Elisabeth Báthory frühzeitig für ihre tyrannische Grausamkeit zur Rechenschaft gezogen haben.)
Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Man muß sich vergegenwärtigen, daß die Behandlung von Bediensteten niedrigen Standes durch Hochadelige in jener Zeit in der Regel rücksichtlos war und Todesfälle durchaus in Kauf nahm. „Die Leute zu behandeln nach Laune und Gutdünken, war ein unbestrittenes Recht der Magnaten. Körperstrafen waren so alltäglich, so selbstverständlich, daß es niemandem einfiel, darüber Beschwerde zu führen.“ (von Ravelsberg; Farin 198). Als die Truppen Bocskais 1605 die Herrschaft Thurzos in Bytca eroberten und plünderten, Teile des Raubgutes dann in dem Dorf Bodiná gefunden wurden, ließ Thurzo, ein „Bewunderer des Humanismus“, ohne mit der Wimper zu zucken mit Gott an seiner katholischen Seite mehrere Dorfbewohner ohne Richterspruch hängen, mehr noch: er ließ das ganze Dorf anzünden. Später fand man heraus, daß die Dorfbewohner unschuldig waren und Bocskais Söldner das Diebesgut in Bodiná versteckt hatten.
Thurzo war also gewiß kein Heiliger. Er war überdies mit Elisabeth Báthory verwandt und hatte mit Ferenc Nádasdy auf freundschaftlichem Fuße gestanden. Es scheint, als hätte Matthias von Habsburg auf einem Todesurteil für Elisabeth Bathory bestanden und Thurzo dies in lebenslange Einkerkerung abwenden können – um zu verhindern, daß die Habsburger in den Báthory-Besitz kommen (die Krone war bei ihr enorm verschuldet)? Zusammenhalt der feudalen Elite? Persönliche Gründe? Jakubiskos Film inszeniert eine düstere Faszination Thurzos für Elisabeth, die seine Avancen zurückweist.
(Karel Roden als Thurzo)
Vieles spricht dafür, daß Elisabeth einen skandalösen Anlaß für das „Kaltstellen“ lieferte. Vielleicht war das, was sie tat, so exzessiv, daß es die damals herrschende Rechtsauffassung, die Gewalt gegenüber Bediensteten als legitim ansah, noch auf entsetzliche Weise sprengte. Vielleicht waren es wirklich „Privatmassaker“ (Farin), die der Befriedigung einer perversen Lust dienten. Daß eine reiche, mächtige, schöne Frau diese Taten verübte, wäre dann das Ungeheuerlichste, das in keinen bekannten Bezugsrahmen mehr zu bringen war. Aber es spricht auch vieles dafür, daß irgendein Anlaß gewissen Mächten höchst willkommen war, um Elisabeth aus dem Verkehr zu ziehen, und zwischen Wahrheit und Legende könnte ein Abgrund liegen.
Bei der Urteilsverkündigung soll Thurzo gesagt haben: „Sie, Elisabeth, sind wie ein wildes Tier. Sie sind in den letzten Monaten Ihres Lebens. Sie verdienen nicht, die Luft der Freiheit zu atmen, noch das Licht des Herrn zu sehen. Sie verschwinden von dieser Welt und erscheinen nie wieder in ihr. Die Schatten werden Sie einhüllen und Sie finden Zeit, Ihr bestialisches Leben zu überdenken. Ich verurteile Sie, Dame von Cachtice, zur lebenslänglichen Gefangenschaft in Ihrem eigenen Schloß.“
In ihrem ersten Testament vom 3. September 1610, kurz vor ihrer Gefangensetzung also, äußert Elisabeth, ihr Brautgewand bis zu ihrem Tode tragen zu wollen. Sofern das keine Metapher ist – Elisabeth war außergewöhnlich intelligent, soll ein photographisches Gedächtnis besessen haben – läßt sich daraus ableiten, daß sie auch mit 50 noch das Kleid einer 15jährigen tragen konnte.
Elisabeths Grab wurde bislang nicht gefunden. Die erste, am wenigsten wahrscheinliche Version lautet, daß sie den Turm der Burg Čachtice nie verlassen hat. Für die Version, daß sie am 25. November 1614 in der Krypta der Kirche von Čachtice bestattet wurde, gibt es eine schriftliche Aufzeichnung. Nach einer davon abweichenden Version aber habe man sie auf dem Friedhof von Čachtice beerdigt. Dann heißt es, daß die Einwohner von Čachtice sich weigerten, Elisabeth in heiliger Erde liegen zu lassen, so daß sie 1617 von Čachtice nach Nyirbátor in Ungarn gebracht wurde, wo es eine Familiengruft der Bathory gibt. 1995 wurde diese Krypta in Nyirbátor untersucht; von Elisabeth keine Spur.
[Reproduktion eines Gemäldes der Elisabeth Báthory im Schloß Draškovic, dem Museum von Čachtice. Foto CE.]
In der Filmgeschichte erscheint Elisabeth Báthory unter anderem in Gestalt der Paloma Picasso in „Immoral Tales“ von Walerian Borowczyk (1974), oder der phänomenalen Ingrid Pitt in „Comtesse des Grauens“ (Originaltitel „Countess Dracula“) von Peter Sasdy, einem Hammer Horror-Film von 1970/71:
In „Blut an den Lippen“ („Daughters of Darkness“, „Les lèvres rouges“, 1971, Regie Harry Kümel) reist Delphine Seyrig als Gräfin Bathory mit einer Geliebten (Andreau Rau als Ilona) durch die Zeit. In den verfallenden Luxus eines riesigen, menschenleeren Hotels in Ostende tritt „die halluzinatorische Gestalt der Gräfin Bathory in enganliegendem Silberlamé, maskenhaft weiß geschminkt und mit tadelloser Dauerwelle – das genaue Abbild eines Vamps der dreißiger Jahre“ – so David Pirie in „Vampir Filmkult“, der auch Delphines „disziplinierte erotische Gier“ und den „entsetzlichen Stil ihrer Grausamkeit“ zu würdigen weiß. „In der Rolle der Bathory vermittelt Delphine Seyrig nicht die vage, unbekannte Schrecklichkeit der karpathischen Gräfin, sondern sie bringt halbvergessene erotische Erinnerungen aus den zwanziger und dreißiger Jahren zurück.“ (Pirie).
Hans Schifferle: „Ein roter Sportwagen fährt vor, eine Lady entsteigt, ganz in Schwarz, die blonden Haare im Stil der 30er Jahre. Später wird sie Kleider tragen, die an die Dietrich erinnern in Sternberg-Filmen, mit einem Schuß Pop-Art (…) Bathory heißt sie, und ihr Name verweist auf die notorische ungarische Adlige, die im Blut von Jungfrauen gebadet hat, um ewig jung zu bleiben. Das Hotel, in dem sie absteigt, befindet sich gerade ‚außerhalb der Saison‘, was trefflich auch die Stimmung von Kümels Film beschreibt.“
Die Burg Čachtice in den opening shots von Juraj Jakubiskos „Bathory“:
Wir nehmen den Zug von Bratislava nach Nové Mesto nad Váhom (Neustadt an der Waag); als wir dort zum Anschlußzug eilen wollen, fragt ein Kondukteur nach unserem Reiseziel und deutet dann auf einen bereitstehenden Bus. Wir haben zwar ein Zugticket, aber da der Busfahrer auf die slowakische Version von „Nimmst du die Gestalten hier mit nach Čachtice?“ keine Einwände hat, steigen wir ein. Der Busfahrer setzt uns am kleinen Bahnhofsgebäude von Čachtice ab, das noch verödeter wirkt als 2012. Wir wandeln auf vertrautem Weg, inspizieren kurz die hölzerne, nicht besonders subtile Statue der Elisabeth Báthory, die man auf dem main square des Ortes errichtet hat, dann der Aufstieg zur Burg.
Strange to behold is the stone of this wall, broken by fate. Dieser Weg und dieses Tor führen in das berüchtigte Domizil der Blutgräfin, der Tigerin von Čachtice, einfach so, an einem Tag, an dem es 12 Uhr 30 ist.
Als wir die Billets erwerben, fragt ein junger Mann aus dem Hintergrund des Holzhüttchens: „Are you from Germany?“
Wir befinden uns hier,
als der junge Mann aus dem Holzhüttchen beschlossen hat, daß wir ihm keine Ruhe lassen. Er folgt uns und begehrt zu wissen: „Are you actors?“ „No, why?“ „Because you look so beautiful.“ „She is beautiful. I’m not.“ Er heißt David, nach fünf Minuten sind wir mit seinem Liebesleid vertraut, nach zehn Minuten die besten Freunde, nach einer Viertelstunde in höchstem Grade bei der Sache: er vertritt ganz unbedingt die Auffassung, daß Elisabeth Báthory, eine mächtige und unabhängige Frau, durch eine politische Intrige zu Fall gebracht werden sollte. Er ist erstaunt und entzückt darüber, daß wir Jakubiskos Bathory-Film nicht nur kennen, sondern so sehr schätzen. Er hat einmal Deutschland besucht, Neuschwanstein, weil er eine Faszination für Ludwig II. von Bayern kultiviert, und mit „Was it suicide or murder?“ entspinnt sich ein längerer Meinungsaustausch über des Märchenkönigs Ende im Starnberger See. Er kennt Viscontis Film, vom Käutner-Film mit O.W. Fischer und Klaus Kinski hat er – freilich – nie gehört. David führt uns durch die Burgruine, zeigt und erklärt uns jeden Winkel.
Die Burg Čachtice wurde um 1260 unter Kasimir aus dem ungarischen Clan der Hont-Pázmány als eine der ersten Sicherungsanlagen an der ungarischen Nordwestgrenze errichtet. Bis 1299 blieb die Burg Eigentum der Söhne Kasimirs; 1273 wird Čachtice als eine der wenigen Burgen erwähnt, die dem Ansturm des Przemyslidenkönigs Ottokar II. widerstanden.
Am Ende des 13. Jahrhunderts erobert Matúš Čák (Máté Csák) von Trenčin die Burg; nach dessen Tod 1321 steht sie wieder unter königlicher Verwaltung. 1392 erhält Stibor I. von Stiborice Burg und Herrschaft. Zwischen 1436 und 1567 gehört die Burg der Familie Orszag, 1569 geht die Burg an das Geschlecht der Nádasdy, in dessen Besitz sie bis 1670 bleibt, seit 1614 jedoch ist die Burg unbewohnt und dient nur noch als Festung. Nach der Eroberung durch antihabsburgische Rebellen unter Führung von Ferenc II. Rákóczi 1708 verfällt die Anlage.
Elisabeth Báthory erhält die Burg Čachtice sowie die umgebenden Dörfer und Ländereien als Hochzeitsgeschenk der Familie Nádasdy, als sie 1575 Ferenc Nádasdy heiratet, und sie erbt die Burg 1604, als Ferenc stirbt. Von etwa 1585 bis 1610 ist Elisabeth tatsächlich Herrin der Burg.
Außenansicht Todesturm:
David erzählt, daß während der Restaurierung einige der Arbeiter steif und fest behaupteten, sie würden hier von Visionen und Geistererscheinungen heimgesucht.
Ich neige nicht zu Visionen, aber als wir zwischenzeitlich allein sind und auf einer Bank sitzen, I turn my head and see
ein Stück der Mauer blutrot, wie ein Blutfleck, a trick of the light. Wie Bob Dylan sagte: niemals in die Sonne sehen. Wie Ilona Jó sagte: „Auch die Steinmauern waren durch Blut gewaschen.“
(Vincent Regan als Ferenc Nádasdy)
Dies, versichert David, seien die Überreste jenes Raumes, in dem Elisabeth Báthory seit dem 30. Dezember 1610 gefangengehalten wurde und am 21. August 1614 starb. Er befindet sich in einem der beiden noch verbliebenen Türme, dem nach Süden gelegenen residential tower.
Die gegenüberliegende Südmauer:
Im Mauerwerk ist noch zu erkennen, wo die Zimmerdecke verlief:
Das Zimmer, in dem Elisabeth Báthory die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte, so wie Jakubisko es imaginiert:
West Side Stones
Blick ins Innere des hufeisenförmigen Turms, in dem sich einst eine Kapelle befand:
David hat sich nach einer Stunde verabschiedet, kommt aber später noch einmal zurück, mit einem Freund, der kein Wort Englisch spricht, aber offensichtlich mit eigenen Augen sehen muß, daß wir tatsächlich existieren. Ich verspreche David, ihm die DVD von Käutners „Ludwig II.“ zu schicken.
(Franco Nero als Matthias von Habsburg)
Über „Erzsébet Báthory – La Comtesse sanglante“ von Valentine Penrose, Paris 1962, heißt es bei Farin: „Auf dem Erkenntnisstand der Bücher von Ravelsberg und Rexa schuf Valentine Penrose mit dieser atmosphärischen Nacherzählung eines kaum bekannten Lebens das Portait einer Frau in einer geheimnisvollen Welt:
‚Dies alles hat sich zu einer Zeit abgespielt, in der das Fingerkraut noch seine ganze Macht besaß; eine Zeit, in der man in den Läden der Städte Alraunenwurzeln verkaufte, die zur nächtlichen Stunde am Fuße eines Galgens gepflückt wurden. Es war eine Zeit, in der Kinder und Jungfrauen verschwanden, ohne daß man allzu eifrig nach ihnen suchte: man hielt es für besser, sich nicht allzusehr mit ihrem schlimmen Schicksal zu befassen. Was aber hatte man aus ihrem Herz, aus ihrem Blut gemacht? Einen Liebestrank oder vielleicht Gold.‘
Das Buch liest sich wie ein Roman: ‚In Wirklichkeit war Elisabeth Báthory, als sie auf die Welt kam, kein vollkommen menschliches Wesen. Sie war noch mit dem Baumstamm, mit dem Stein und mit dem Wolf verwandt. War das Schicksal ihres Geschlechts in dem Augenblick, in dem sich das Aufblühen dieser Blume vollzog, bereits vorherbestimmt? War es die Wirkung einer Zeit, in der sich der Geist in den Nebeln primitiver Wildheit bewegte? Gewiß ist, daß es zwischen Elisabeth und den Dingen so etwas wie einen leeren Raum gab (…)'“ (Farin, 215 ff.)
„Es soll einmal ein Schäfer in der Nähe der Burg Csejte eingeschlafen sein. Da sei eine in Weiß gekleidete Frau zu ihm gekommen. Sie habe ihm geheißen, in die Burg zu gehen, denn dort fände er eine Schlange mit goldenen Schlüsseln. Hebe er diese mit den Lippen auf, würde ihn die Schlange zu einem Schatz führen. Der Schäfer erwachte, aber glaubte den Traum nicht. Auch als er sich wiederholte, tat er nicht, wie ihm die Frau in Weiß gesagt. In der dritten Nacht aber trug sie schwarz und warf ihm vor, nicht auf sie gehört zu haben. Von nun an sei der Schatz nur demjenigen erreichbar, welcher einst in einer Wiege aus dem Holz eines Kirschbaums geschaukelt werde, gewachsen auf dem Gemäuer der Ruine Csejte.
Elisabeth Báthory habe keine Ruhe gefunden, nicht einmal der Tod habe sie von den Schreckgesichtern ihrer Erinnerung befreit. So jedenfalls wollen es die Dichter. Das aber setzt Reue voraus, Einsicht in verbotenes, verfehltes Tun. Davon jedoch ist ihrerseits nichts bekannt. Es sei denn, man schenkt Stanislas Thurzo, Bruder des Palatins Georg Thurzo Glauben, der anläßlich ihres Todes in einem Brief an seinen Bruder schrieb: ‚Man sagt aber, sie betete inständig und pries Gott mit schönen Lobgesängen.'“ (Farin, 175)
Hochzeitszeitung, 1575. Gedruckt in Wien bei Stephan Creuzer.
Na, es gibt jedenfalls EIN Debut, das Vito von Eichborn, den Verleger, vom Hocker gerissen haben soll, und der Autor, soweit ich ihn persönlich kennengelernt habe, ist sehr belesen. (Wenn auch auf anderen Gebieten als ich).
Also WENN ein Titel unter den jüngeren auf dem deutschen Buchmarkt subversiv und anspruchsvoll ist, dann diese bizarre Geschichte eines Philosophiestudenten mit allerlei Schwierigkeit sowohl an der Universität als auch in seinem Alltag…
Und weil ja unser Forumsbetreiber diese Seite u.a finanziert, indem wir von dieser Seite aus Kunden Amazon zuführen, hier
Mark Lanegan im Uebel & Gefährlich. Diese Hinterzimmer-Lounge mit den verrußt-goldenen Tapeten im oberen Bunkerstockwerk, so oldschool-stylish. Das Konzert so unfaßbar brillant. „The Faye Dunaways“ (Fred Lyenn Jacques & Aldo Struyf), Duke Garwood, die ganze Zeit hört man Gläserklirren und audience chat von hinten, dann kommt Lanegan auf die Bühne, singt ein paar Töne, and there is absolute, stunned silence. „When Your Number Isn’t Up“ verursacht mir the chills, completely.
Und wie er auf die Bühne kam. Tosender Applaus, und er schaut in Richtung Schlagzeug, auf dem kurzen Weg, der ihm angeblich so unangenehm ist. Er ist zunächst kaum zu sehen, spotlight control freak. Wir sind in der zweiten Reihe, gegen Ende des Sets dann ganz vorn. Letzter Song eine Killerversion von „The Killing Season“. „Quiver Syndrome“ ist live einer meiner Favoriten. Und es gab diesen einen Moment, als der Applaus so anstieg, daß er tatsächlich kurz innehielt, zur Seite schaute, nickte und – lächelte. Kaum merklich, but he did. Das erste Mal, daß ich ihn lächeln sah auf einer Bühne.
Nach dem Konzert schnappe ich mir eine Setlist.
Jeff Fielder (Gitarre) sagt noch auf der Bühne: „Hamburg, that was wicked!“, macht ein Foto von uns, und erinnert daran, daß Mark in 15 Minuten am Merchstand sein wird, to sign things and shake a few hands. Do we go? Als ich ihn da sitzen sehe, kann ich nicht anders. Ich erwerbe ein Phantom Radio-Notebook. Er sieht mich, sagt „Hey man.“ Und gibt mir die Hand. Er unterschreibt Setlist und Notebook mit Silberstift. Ich sage „Thank you for being you.“ Er schaut slightly baffled. Ich schaue slightly baffled zurück.
„‚Donnerkacke!‘ brüllte Stan im Rücksitz.“ (Kerouac, On The Road). Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Doofköppe wie ich denken ja dann immer, das sind Botschaften der Situationistischen Internationale. Peter Alexander hat mal eine Version von „Muleskinner Blues“ gemacht, wußten Sie das? Nein, wußten Sie nicht, und darum ist es notwendig, im nächsten der neun Leben als Diabolik des Schlagerdada wiedergeboren zu werden. Bis dahin: von Marisa Mell nach Mathar.
Genauigkeit ist funky: Grüngespenstich grenzt ein Erich. Man sieht genau, wann bei Bert die Drogen zu wirken beginnen.
Ricky Shayne versteht nicht die Bohne von dem, was er da singt, und während des Instrumentalteils denkt er wahrscheinlich „Nipssachen fängt allmählich einzuschlagen an, Tiereknocken und Fischebeine“. Aber das geht ja jedem mal so.
Meine Eltern hatten Rickys Single. Das Label war schwarz, und immer wenn ich diese Mandoline über diesem klasse Beat höre, sehe ich, wie sich das Ding dreht und diffus behauptet: das, was da auf zwei langen Beinen vorbeistolziert, läßt dich irgendwann mit der bloßen Hand eine Wespe in das Ohr deines Feindes hauen.
Mein Liebling aber bleibt diese Meditation über Bergson’sche durée. Die Zeit ist das, was bald geschieht. Die Zeit läuft vor sich selber fort. Heute ist schon beinahe morgen. Bis man das alles so richtig verstanden hat, sitzt man wieder sieben Jahre unterm Kirschbaum.
Äh, Kitschbaum? Ich kann äußerst kitschunempfindlich sein. Grüngekleidete Königinnen haben für gewöhnlich eine Seele, sonst wäre Barrys „But“ ja sinnlos. Wahrheit wird immer nur fragmentarisch ergriffen.
Platz 4: Costa Cordalis mit „Komm mit mir durch den Steckermännchenkorridor“.
Ich knall‘ die Türen vor stolzesten Frau’n Weil ich so tüddlich und so eigenschaftlich bin Mir braucht nur eine vor die Drehtür zu hau’n Und schon isse hin
Oft steckt bei Frauen der Absatz im Dreck Das ist kein Wunder, denn das Sternbild zeigt halb Vier Der Hut von Prada, und schon ist er weg Das liegt wohl an mir
Ich lach sie an und sage blau: Solln wer hier nächtigen, gnädige Frau etc etc
Unter deutschen Duschen
2007 / 2008
[Der Thread „Unter deutschen Duschen – was singen Sie denn?“ besetzte für lange Zeit im SPIEGEL ONLINE Forum (als das Forum noch Forum war) unter „Meistdiskutierte Themen“ Rang 1. Gekapert zu Beginn des Jahres 2007 vom Kommando „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ und für ein paar Jahre das SPON-Hauptquartier von Tonkunst, Tiefsinn, Unsinn und Psychodrama.]