Das Leben, die Liebe, das Universum und noch ein paar Dinge
Von Sockensuchender
Die Sache ist die: Was soll ich sagen, was schreiben angesichts einer Geschichte, die so brillant verfasst ist, dass es mich einfach aus den Socken gepustet, schier umgehauen hat im schönsten Sinne aller Sinne? Zum Beispiel dieses hier: Doch in IHRER Nähe gäbe es kein Andernorts, kein Anderwärts und kaum ein Andernfalls. Oder das: …, verstand er, daß das Unnötige nötig ist, um das Nötige zu erkennen. Der barfüßige Zen-Meister Huang-Po hingegen bestünde darauf, Christian Erdmanns „Aljoscha der Idiot“ mindestens noch zwei Mal lesen zu müssen, bevor ihm dann endgültig die Worte fehlen würden. So eine Sache ist das mit großartiger Lebenspoesie in Romanform.
Alphonsine Plessis, die sich als Pariser Kurtisane Marie Duplessis nannte, wurde am 15. Januar 1824 geboren. Sie war das Vorbild für die Figur der Marguerite Gautier im Roman „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas fils, der einer ihrer Liebhaber war.
„Auf dem Schreibtisch liegt die gelblichbraun gewordene, vom Sarkophag der Alphonsine Plessis genommene Blüte aus Paris. Aljoscha hatte sie auf dem Montmartre-Friedhof von einem der Buketts gepflückt, die man der Kameliendame noch immer auf das Grabmal legte. Eine Blume, mit der irgendein schwärmerischer Bewohner der Stadt sich für eine stille Huldigung zu diesem abgelegenen Platz begeben hatte, wo die mit 23 Jahren an der Schwindsucht gestorbene Kurtisane bestattet war, eine solche Blume vom Grab zu nehmen und sie aufzubewahren, schien Aljoscha kaum weniger wert als das Bringen einer Blume.
Es war mehr als hundert Jahre her, daß Alphonsine, die Attraktion der Pariser Salons, Maskenbälle und Theater, kurz vor ihrem Tod gesagt hatte: ‚Niemand hat meine Liebe je erwidert. Das ist das eigentlich Grausige in meinem Leben.'“
Eine kurze klärende Aussage vorweg: anders als der nickname vermuten lässt, ist der Autor dieser Rezension in keiner Weise mit dem Autor des besprochenen Romanes verwandt oder verschwägert. (*)
So, jetzt aber zum Roman: Dieser ist auf vielerlei Weise phantastisch (mit „ph“). Eigentlich ist die Story ja eher gewöhnlich, mag im Alltag tausendmal vorkommen: Mann ist mit Frau zusammen, verliebt sich aber in eine andere Frau. Wird dadurch aus seinem Alltagsstrudel gerissen, fängt an, sich über sich und sein Leben Gedanken zu machen… Typische Midlife-Crisis, etwas verfrüht vielleicht, mag man sich denken. Phantastisch ist, was Christian Erdmann aus dieser Geschichte macht. Wir erleben den Protagonisten so hautnah, dass wir mit ihm fühlen. Wir verlieben uns ebenfalls in die „Katzenmenschenfürstin“, die sein Leben durcheinander bringt, wir zittern, ob sie sich für uns entscheiden mag oder nicht. An anderer Stelle dagegen rufen wir Aljoscha zu: „Bleib bei deiner langjährigen Liebe, sie ist doch viel eher für Dich geeignet“ und denken „Du Idiot“ – ganz im Sinne des Titels. Kurzum, dieser Roman lässt uns einfach nicht kalt.
Denn Christian Erdmann versteht es einfach auf fantastische Art und Weise (jetzt mit „f“) die Gefühle, die Aljoscha empfindet, in Worte zu fassen, etwa, wenn er Aljoscha in ein Selbstgespräch mit „Wehmut“ verwickelt. Oder wenn Aljoscha darüber sinniert, ob sich die Sonne wohl ausschließlich um die Katzenfrau drehen mag und Zusammenhänge herstellt, die so eigentlich nie bestehen könnten. Dank der Referenzen an diverse Popmusiker, Philosophen und Poeten wissen wir zudem: in jedem gewöhnlichen Drama eines gewöhnlichen jungen Mannes steckt ein Teil des großen Weltendramas. Und wie großartig erst der Schluss ist – wird hier nicht verraten.
Und wer diesen Roman nicht mag – nun ja, der war vermutlich noch nie richtig verliebt.
Aljoscha liebt Leda, weil er sie glücklich machen will. Da tritt Katharina auf den Plan, und Aljoschas Welt gerät aus den Fugen, weil er nun sich selber glücklich machen will. Soweit die äußere Handlung dieses Romans vom Typ „Junge trifft Mädchen“, der schwerwiegendsten aller Grundkonstellationen – und ja, tatsächlich, auch hier geht es wieder um alles oder nichts: die Welt gewinnen oder irgendwann als Tölpel sterben. Nun lässt Erdmann seinen Helden aber nicht Berge erklimmen und Ozeane durchschwimmen, auch die Heere des Maharadscha und General Custers Kavallerie haben nichts von Aljoscha zu befürchten, nein, ganz im Gegenteil: kein einziges Hindernis widerstrebt bockig dem Sinnen und Trachten des Helden; außer der bangen Frage: Warum ist SIE so unvorstellbar anders, warum ist überhaupt plötzlich alles so unvorstellbar anders?
Um diese Frage für Aljoscha zu beantworten, vollzieht Erdmann auf 320 Seiten fulminanter erlebter Rede eine fast beispiellose sprachlich-hermeneutische Tiefenbohrung in die Eingeweide der Bedeutungszusammenhänge und Wirkkräfte von Platon und Ovid über Dante bis Kant, Mahler und Nick Cave. Man liest recht fassungslos von Aljoschas und Ledas Reise nach Florenz, einem instruktiven Flashback in die Asservatenkammer der Renaissance – und nun wird uns klar, auf welche Bahn Aljoscha mit der geheimnisvollen Katharina geraten ist: Es geht um den Eros, das Streben nach dem Göttlichen. Streben und Lieben sind eins, nämlich erotisch, und Katharina ist die Inkarnation des vom gebeutelten Aljoscha schon immer Erstrebten. Ein Wiedererkennen: Wer um sein Schicksal weiss, der muss es erhaschen, sonst gerät die Welt aus den Fugen. Puuh, arme Leda.
Puuh, glücklicher Leser: Eine einzigartige literarische Meisterleistung in Sprachverdichtung gelingt Erdmann im atemlosen Schlussteil des Romans. Mit „Löse das Rätsel. Finde das Wort. Sei würdig“ [S. 259] beginnt die nervenzerfetzende Achterbahnfahrt Aljoschas, letzte Ausfahrt Happy Ending. Ich kann mich nicht erinnern, je etwas vergleichbar Brillantes in deutscher Sprache gelesen zu haben. Vielleicht das Kapitel „Schnee“ in Thomas Manns Zauberberg.
Inforadio rbb (Rundfunk Berlin-Brandenburg), „Quergelesen“, Mitschnitt der Sendung vom 27.05.2007
Vito von Eichborn im Gespräch mit Harald Asel
„Eichborn, Jahrgang 1943, war Lektor bei S. Fischer, gründete 1980 den Eichborn Verlag mit einem Programm von Spontisprüchen und Walter Moers bis hin zur Anderen Bibliothek. Er hat für Senator Entertainment den schwächelnden Europa Verlag aufgebaut und ist seit 2006 Herausgeber der Reihe Edition BoD im Verlag ‚Books on Demand‘. Den umtriebigen Buchmacher mit Lust auf Risiko traf ich auf der Leipziger Buchmesse.“
Vito von Eichborn über „Aljoscha der Idiot“ von Christian Erdmann auf der Leipziger Buchmesse 2007 (ab 14:30):
Transkript:
(ab 16:05)
„Etwas bleibt – wissen Sie das im Vorfeld schon?“
„Nein! Alle Zeitgenossen haben sich immer geirrt. Die Zeitgenossen hielten Gutzkow für bedeutender als Goethe. Ich maße mir nicht an, irgendwelche Ewigkeitswerte auch nur ansatzweise beurteilen zu können. Ich kann nichts anderes tun als ein gutes Handwerk zu liefern und zu hoffen, daß was Bleibendes dabei war. Das Meiste verschwindet; in dieser Zeit jetzt ohnehin, in der Beschleunigungszeit. Welches der Bücher oder der Autoren bleibt, für die ich verantwortlich war – es wäre vermessen, darüber auch nur nachzudenken. Aber alle Erfahrung sagt, irgendwas wird schon bleiben. Ich habe Spuren hinterlassen – welche es sind, weiß ich nicht. Das müssen die Späteren beurteilen.“
„Wie ist das jetzt mit Ihrer neuen Herausgeber-Tätigkeit hier bei Books on Demand, mit dieser Edition? Auch da ist es ja so, durch die neuen technologischen Entwicklungen ist es möglich, von der Auflage 1 bis zur Auflage 1.000.000 alles zu liefern, was der Markt braucht. Gleichzeitig ist das große Problem, wie kommen eigentlich die Themen wiederum an die Leser? Wie erfahren die davon? Und da gibt es ja nun bei vielen die Befürchtung, egal ob ich jetzt eine Auflage drucke, die feststeht, oder ob ich sage, ich setze das ins Internet und warte, bis irgend jemand auf die Idee kommt, das Buch möchte ich gerne haben, und drucke es dann – die Wahrnehmungsschwelle wird immer höher. Was machen Sie da? Was ist da Ihre Idee?“
„Naja, zunächst mal bleiben wir auf dem Teppich. Ich wähle aus den Büchern aus, die die Autoren selbst bei BoD veröffentlicht haben, und sage zu jedem dieser Bücher: dies ist ein Buch, das es verdient hat, in einer Buchhandlung geführt zu werden. Oder: dies ist ein Buch, das genausogut in einem herkömmlichen, traditionellen, etablierten Verlag hätte erscheinen können. Das behaupte ich von jedem dieser Bücher, und danach wähle ich aus. Das ist noch nicht die Frage nach Größe. Sondern zunächst mal ein gewisses Maß an Professionalität dieser Autoren, so daß ich es für handelsverträglich halte.
Und dann gibt es so einen Fall wie dieses neue Buch jetzt, ‚Aljoscha der Idiot‘ – das ist ganz große, ganz ganz große Literatur. Und es ist anspruchsvoll. Und es ist zu anspruchsvoll für den Markt. Je intelligenter ein Buch, um so weniger Leser gibt es dafür. Das ist so intelligent, daß die herkömmlichen Verlage es ablehnen, und sie lehnen ein Juwel ab.“
(ab 22:20)
„Dann gibt es jemanden, der philosophiert, wunderbar. Bis zu jetzt meinem neuen Liebling im Moment gerade, Aljoscha, ‚Aljoscha der Idiot‘ – bitte unbedingt lesen, allesamt! ‚Aljoscha der Idiot‘ ist ganz große, ganz ganz große Literatur. Sie ist nicht leicht, ich warne, man muß sich ein bißchen Mühe geben. Aber dann ist es ein traumhaft gutes Buch.“
Daß wir Realisten wären in der Sphäre des Phantastischen
„Was wird jetzt geschehen?“
„Ich weiß es nicht, Aljoscha.“
„Warum wird es geschehen?“
„Wer weiß, nach welchen Mustern sich Verbindungen knüpfen.“
Im Hintergrund ein Lied ohne Worte, Welten taten sich auf und zogen vorbei, und zwischen sieben Kerzen lag das Wissen, für jeden und für alles gibt es einen, der nicht nur murrt „Versteh’ ich nicht“ – das Wissen, daß manche nur mit einem goldenen Traum auf die Reise geschickt werden, eigentlich unzulänglich Ausgestattete, jedoch mit einem Herz voll Zubehör, das zum Hab und Gut für irgendeinen irgendwo geeignet wäre… auch wenn sie eine Liebe bringen, der tapfer standgehalten werden muß.
„Ich habe nicht gewußt, wie feinfühlig eine Frau ist, wenn sie liebt… noch nie hat mich eine Frau gefragt, was Elena mich fragt. Noch nie hat eine Frau so von mir wissen wollen. Ich kenne selbst noch kaum die Antworten. Aber zum ersten Mal traue ich meinen Träumen. Weil zum ersten Mal nicht ich es bin, der sie erregt.“
Das Lied ohne Worte hieß Memory Gongs.
Bruder für ein Jahr und einen Tag. Vielleicht wird es noch einmal so sein an einem silbernen Meer. Eine Narrenprozession am Horizont. Zwei Töne, die sich abwechseln, weil Wind durch eine Geisterharfe weht. Den Fuß auf heiliger Erde, zwischen den Rossen, die Lotus rupfen, noch einmal zwei Gefährten am Vorabend des Unfaßbaren, am Ende einer Zeit. Es stand geschrieben, daß wir Realisten wären in der Sphäre des Phantastischen. Vielleicht wird es wieder so sein, wenn alles war, was immer ist. Daß wir uns Mut und Willen leihen, damit Liebe die Rüstung der Athene tragen kann.
Unsinn, Bürschlein.
„Die Charaktere sind fiktiv“, bemerkte der Regisseur. „Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre rein zufällig.“
„Aber es besteht Ähnlichkeit mit lebenden Personen“, protestierte Aljoscha.
„Unsinn, Bürschlein.“
„Ach, Sie sind es wieder!“
„Nein, ich bin es selbst. Der alte Matthäus war nur so eine Maskerade von mir. Sieh hin! Das da, die im Film, das ist Irena Dubrovna!“
„Das weiß ich.“
„Den Film habe ich als Medium benutzt!“
„Das habe ich mir schon gedacht.“
„Wenn du alles schon weißt, was willst du dann eigentlich hier, Puschkin?“
„Tuschkin.“
„Der Film war das Mittel, mit dem ich deine Empfänglichkeit schärfen wollte. Ich mußte es tun, um das Wissen des Unwißbaren zu ermöglichen. Nicht schlecht, was?“
„Können Sie mir nicht meine Augen herausnehmen?“
„Was ist los?“
„Nichts.“
„Du solltest auf die Knie fallen vor der Einzigartigkeit eines jeden Menschengesichts, von dem dereinst die Tränen abgewischt werden in der jaspisumringten Stadt!“
„Das tue ich, Vater.“
„Zuerst habe ich dich glauben lassen, daß eine seltsame Ähnlichkeit besteht zwischen Irena Dubrovna und Katharina Rogowskaja. Da, sieh mal!“
Der Alte schnippte mit den Fingern, und statt Irena Dubrovna bewegte sich Katharina Rogowskaja durch den Film.
„Na?“
„Dieselbe Art von Eleganz, die etwas Regelwidriges verbirgt. In ihr ist Fluch und Pech für alle Diebe, die nicht an das glauben, was sie rauben. Sie meint, ihr junges Leben wäre alt, sie fürchtet, ihr fröstelndes Herz bleibt für immer kalt. Wer wird sie so sehen, wie sie ist? Wer durchschaut der falschen Augenblicke List?“
„Was ist denn das für ein gestelzter Mumpitz? Schreibst du Gedichte?“
„Ja.“
„Ach du Scheiße.“
„Und was weiter?“
„Dann habe ich die Ähnlichkeit zwischen den beiden immer weiter reduziert. Für deine Augen, meine ich.“
„Wissen Sie, es ging gar nicht um Einzelheiten der Physiognomie.“
„Ganz recht.“ Der Alte schnippte wieder mit den Fingern, und Irena Dubrovna war wieder da. Dann schnippte er wieder. Und wieder. Er schnippte und schnippte und ließ die beiden Frauen immer abwechselnd im Film erscheinen. „Hihi, sieh mal!“ Schnipp, schnipp, schnipp. Gott, was der alles konnte.
„Naja, brotlose Kunst“, sagte er endlich. „Jetzt hör mir mal zu, mein Sohn.“
„Ich höre ja, Vater.“
„Die beiden sind sehr wohl vergleichbar. Nämlich in ihrer absoluten Nichtvergleichbarkeit. Kapierst du das?“
„Vollkommen.“
„Na, na?“ Der Alte bewegte neckisch den erhobenen Zeigefinger.
„Sie wissen sehr gut, daß ich es verstehe. Sie können doch Gedanken lesen.“
„Ja“, sagte der Alte, „und ich kann dir sagen, das ist verdammt langweilig. Eure Zukunft ist viel lustiger. Soviel kann ich dir jetzt schon verraten: eines Tages wird man sich gegen die Sehnsucht versichern lassen können!“
„Was soll denn daran lustig sein?“
„Du findest das nicht lustig?“
„Nein.“
„Du bist ziemlich pampig. Zieh den Kopf ein, da kommt ein Ereignisreiter vorbei.“
„Was?“ – Aljoscha zog den Kopf ein, als irgend etwas vorbeikam mit dem Geräusch eines auf etwa drei Meter Länge verkleinerten Düsenjets.
„Was sich entwickelt“, sagte der Alte, „war vorher eingewickelt oder verwickelt, aber da. Ist das soweit klar?“
„Schon.“
„Du hast nur die bivariate Ordinale von Othello 1 zu berechnen.“
„Das verstehe ich nicht, Vater.“
„Entschuldige… ich habe dich gerade mit jemandem verwechselt. Sag mal, was gefällt euch denn nun besser, Quellnymphen oder Wasserhähne?“
„Ich kann nicht für alle sprechen“, sagte Aljoscha. „Außerdem habe ich noch nie eine Quellnymphe gesehen.“
„Pech für dich“, sagte der Alte. Er wandte sich um. „Was ist denn da los?“ – Eine Schar seltsamer Kinder trieb einen schwarzen Widder vor sich her. „He, holla!“ rief der Alte.
„Papa, ich gehe zur Revolution!“ rief der schwarze Widder.
„Zum Neolithikum bist du zurück, sonst mache ich dir die Hölle heiß!“ rief der Alte.
Er wandte sich wieder Aljoscha zu und schien ein wenig verlegen. „Tja, der Schwarze“, sagte er. „Sie geben ihm lauter Nichts zu essen, da will man wohl zappelig werden.“
„Ich verstehe kein einziges Wort, Vater.“
„Du mußt das nicht als Rückenmarkslosigkeit auffassen, Junge.“
„Sie sind so schrecklich zerstreut!“
„In konzentrierter Form wäre ich zu mächtig.“
„Was soll ich denn jetzt tun?“
„In die Zimmer gehen, die dich erwartet haben, was sonst? Oder wolltest du dir noch einen Film ansehen? Ich könnte dich ans siebte Sonnenrad binden, von da aus hat man einen prima Blick.“
„Welcher Film läuft denn?“
„Ähm… Teufel im Leib.“
Aljoscha dankte.
Ein Vorübergehender
Letzte Dinge trugen sich zu. Aljoscha trug die ersten Dinge in die Zimmer, die ihn erwartet hatten – ein paar Schallplatten, Geschirr und einen Band Gedichte von Majakowski. Er saß in seiner neuen Heimstätte und freute sich über die wilden Kräuter vor dem Fenster, über das Klavierspiel eines Hausbewohners und über die zwei Stufen zwischen der kleinen Küche und dem Zimmer, in das am Nachmittag ein paar Sonnenstrahlen schlichen und verlangten, daß die Tür- und Fensterrahmen verblassendblau gestrichen werden. Liebevoll untersuchte Aljoscha die Fußleisten, Qualitätsarbeit von Meister Verfall. Es gab viel zu tun hier. Viel. Es war eine Geheimstätte, und er würde ihre schlummernde Schönheit wecken. Und dann würde die geheime Stätte selbst entscheiden, ob Katzen hier verboten waren.
Früher oder später mußte es zur Begegnung kommen, damit hatte er gerechnet, nicht aber damit, daß es so früh sein würde. An einem der letzten Februartage kam SIE ihm auf einem grauen Weg entgegen. Aus den Rissen im Asphalt stiegen Seufzer auf, aus der harten Erde streckten Hände sich empor, die Verbannten und Verdammten reckten ihre Hälse, um nicht zu versäumen, wie SIE näher kam. SIE kam näher wie eine Schlange im Gras eines duftenden Gartens. SIE drang ein in sein Nichtsahnen wie eine Pfeilspitze in ihr überraschtes Ziel. Als käme SIE aus den Tiefen eines verfluchten Geschlechts, irrend durch die grauen Häuserschluchten, die Lider vor Einsamkeit schwer geworden, so ging SIE, ohne aufzusehen, auf IHRER eigenen Straße hin. Erst ganz zuletzt ein leises „Ach…“, zu spät, um das Bittere aus seinem Lächeln zu verscheuchen. SIE hatte ihm nicht erlaubt, etwas anderes zu sein als ein Vorübergehender. O meine Freundin! Welcher Gott sieht uns zu mit einem Blick durch den Smaragd?
FROZEN WARNINGS CLOSE TO MINE
CLOSE TO THE FROZEN BORDERLINE
Tödliche Vokabeln zogen durch Aljoschas Kopf an diesem Abend: berüchtigte Kopfjäger wie Illusion, Vergeblichkeit, Hoffnungslosigkeit und Wahn. Vokabeln mit sechs Patronen in der Trommel.
Noch ist Zeit. Noch ist Zeit.
Sie liebten sich wie betäubt. Der Wunsch, durchzudringen – er blieb so eingeschlossen wie bei Schlafwandlern oder Komatösen. Die Haut war Grenze, die Augen waren wie mit einem viskosen Häutchen überzogen. Sie liebten sich, und es war wie das Zusammenlegen zweier Gefängnisse, deren Insassen meuterten und revoltierten. Dann wurde alles von der Nacht verschluckt.
Aljoscha lag reglos da und fürchtete den Schlaf. Er fürchtete, daß dann das Seil ganz lautlos reißen würde. Wenn sie nur nicht schliefen jetzt… vielleicht gab es dann noch Rettung. Aber Aljoscha war schon viel zu müde, um zu sprechen. Ein Mann im Jesusgewand streckte seine Hände aus und sagte: Könnt ihr nicht einmal mit mir schlafen? Aber jemand verscheuchte den Verführer. Der alte Matthäus winkte. Nein, es war kein Winken. Der Alte beschrieb eine Kreisbewegung mit dem Arm. Ja, richtig. „Hier entlang, Kolumbus!“ rief er. Der Alte kam näher und wurde immer kleiner, während er näher kam. Als er vor Aljoscha stand, war er nur noch ein drolliger Gnom. Er fing an, Tonnen von Sand auf Aljoschas Augen zu schaufeln. Tonnen von Gnomsand. Matthäus als Gnom hatte etwas sehr Albernes in seine schlohweißen Haare eingedreht. Er krähte: „Der Verletzte macht das Licht aus!“ Schließlich war Aljoscha ganz mit Sand bedeckt. Nach einer Art von Kontraktion stellte er fest, daß er zum Fels geworden war. Das war nicht weiter störend, da auch Felsen Denkvermögen hatten. Er nahm sich vor, auf keinen Fall zu bröckeln.
Es war ganz angenehm so. Man sah alles, man überstand alles, hunderttausend Jahre lang. Die Zeitmaschine kam vorbei, Rod Taylor am Steuerknüppel. Auch egal. Aber dann war da der Klang, der sprengt.
Es waren die 11 Paukenschläge aus Le Sacre du Printemps. Und dann, langsameres Tempo, der Klang der hohen Absätze im Korridor. Aljoscha wußte, daß dieser Klang ein Handeln, das in ihm beschlossen lag, freisetzte. Er kannte von Anfang an das Ende, und wenn das sein Untergang war, dann konnte er ohne seinen Untergang nicht länger sein. Bröckeln. Gezwungensein zu Schritten. Aus der gesprengten Starre mit dem ersten Schritt über die Schwelle zwischen zwei Leben. Dem Klang nach. Das Ritual schreibt die Bewegung vor.
Inzwischen kam Gott angefahren in einer verrosteten Planierraupe und bedeutete Aljoscha, aufzusteigen. Mit grummelnder Autorität fuhr Gott durch Maschendrahtzäune und ließ Aljoscha großzügig ein paar Sachen verstehen. „Ihr nehmt als Gesetz“, sagte er, „daß Schuld mit Unschuld Schluß macht. Wir können auch anders, weißt du. Und dann macht die Unschuld Schluß mit der Schuld.“ Was konnte man da sagen? Aljoscha verließ das Baustellenfahrzeug Gottes und bewarb sich als Strumpfnahtgeraderücker im Pariser Lido, doch herbeiströmende Interessenvertreter bemerkten, daß dies kein Traumberuf mehr sei.
Wach bleiben, nur wach bleiben. Der Grund, aus dem er jetzt nicht schlafen durfte… der Grund… sank tief… sank auf Grund. Tief im Inneren der Erde… eine Kathedrale. Glühend. Erkaltend. Geschmiedet. Planmäßig. Aus einem Stück. Wo der Schmiedehammer ein göttlicher Gedanke ist. Dämonenfiguren am Portal erschrecken manche Pilger damit, daß sie plötzlich den Kopf wenden oder hin und wieder ruckartig das Gewicht verlagern, um dann wieder still und kalt durchpulst auf den Krallenfüßen zu sitzen. Der Schritt ins Innere muß rasch getan sein, sonst hat man zack! einen dämonischen Zufall am Hals.
Zufall. Wer wollte beschreiben, wie weit in die Vergangenheit hinein ein Zufall reichen muß. Schau nur die schönen Lichter. Ich bin so müde. Kann ich hier in der Kapelle liegen? Nein, diese Kapelle gehört den Stimmen der Vergessenen. Kann ich hier in der Kapelle liegen? Nein, diese Kapelle gehört der Musik, die deine Zellstruktur verändert. Kann ich hier in der Kapelle liegen? Nein, diese Kapelle gehört den zu großen Entfernungen. Kann ich hier in der Kapelle liegen? Nein, diese Kapelle gehört den zusammenhangslosen Bruchstücken der Erinnerung.
Endlich wußte er, wohin. Diese Kapelle gehörte dem Duft eines Parfums, schwer und süß. Er streckte sich auf dem Altar aus. „Ich versuche zu vergessen, doch ich kann nicht“, sagte eine Stimme. SIE stand im Schatten einer Säule. Grausamrote Lippen die einzige Lebensspur in IHREM bleichen Antlitz. Während IHRE Augenbrauen despotische Linien zogen, blickte SIE durch ihn hindurch, aber SIE griff nicht durch ihn hindurch. SIE ließ es rinnen aus der Wunde des Begehrens. Seine Muskeln spannten sich, und er hätte meterweit springen können. Auf den Nagelbetten seiner Finger lag enormer Druck. Er versuchte sich vergeblich am beruhigenden Vibrieren der Stimmbänder. Er lag da und fauchte.
Dann jagte er mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch den Busch. Er konnte jede Kreatur wittern, er registrierte die furchtsamen raschen Bewegungen in seiner Nähe. Er fühlte mörderisches Verlangen. Aber als er einer dieser Kreaturen in die Augen sah, war es vorbei. Wieder zweibeinig wandelte er durch einen Lustgarten, bis er auf ein sehr komisches Tier traf. Es konnte sprechen und verkündete, es sei ein Sündenbock. Weiter kam das Tier nicht, denn es wurde von einem anfliegenden Diskus gefällt. Aljoscha hob den Diskus auf. In die Scheibe war ein Pentagramm geritzt. Passivität in ihrer höchsten Erscheinungsform! „Inspektor Sowieso von der Bedeutungsprüfungskommission, guten Tag. Sagen Sie, seit wann gibt es diese ganz eigene Bedeutung?“ – „Das kann ich Ihnen sagen, Herr Inspektor. Die Frau legte eine Blume in den Schnee. Gehauchte-Versprechen-farbig. Und nur einer sollte diese Blume finden.“ – „Donnerwetter! Sind Sie ganz sicher?“ – „Gewiß. Die Blume hatte die Farbe von gehauchten Versprechen.“ – Aljoscha schlug die Augen auf. Nur die Hand ausstrecken. Nur den Arm bewegen. Du mußt sie wecken. Noch ist Zeit. Noch ist Zeit.
Einen Augenblick lang zögerte SIE
Einen Augenblick lang, und die Uhren warfen resigniert die Zeiger ab. Die Dinge der materiellen Welt tauschten ihre Kraftzentren aus: Bänke und Stühle verwelkten, Bücher rosteten, Tinte verwehte, Pflanzen schmolzen. Die Aussicht floß durch die Fenster nach innen wie auslaufender Camembert. IHRE Augen funkelten wie Tigeraugen im Dschungel. Geblendet von der Reflexion der Sonne auf der Klinge eines Schwertes zersprang Aljoscha in Splitter seiner selbst, und IHR Blick setzte ihn wieder zusammen, damit er in den heiligen Dienst zog, der Pfeifer und der Trommler gingen vor, und sie intonierten die Weise vom Tölpel, der sieben Tölpel übertölpelt.
Einen Augenblick lang zögerte SIE, und inzwischen überquerte Bodhidharma den Yangtsekiang auf einem Schilfrohr, ein paar Engel probierten es mit Sichtbarkeit, und die schwarzen Leoparden in den Zoos neigten ihre Häupter. Aljoscha hielt den Atem an. Wenn SIE jetzt die Lider senkte und sich abwandte, würden sie beide wissen, warum. Diese Wendung jetzt, und es wäre für immer vergessen, das Verlangen, das nur noch durch Ungeheuerlichkeiten gestillt werden konnte. Die Geschichte, in der nichts geschah, wodurch alles sich veränderte, sie wäre nie geschehen. Die Wahrheit des Schauerlichen bliebe unentzifferbar. Keine Dimension der eigenen Veranlagung wäre Anlaß zur Beunruhigung. SIE würde IHRE Schönheit einer ominösen numinosen Macht darbringen, und diese Macht würde ihn davor bewahren, um SIE zu klagen, bis die Welt zu Staub zerfiel und darüber hinaus; diese Macht würde seine Erinnerung auslöschen und sein Wissen, daß ihm alles genommen war. Denn er hatte alles besessen.
Wenn SIE aber jetzt den letzten Schritt noch machte, einen Schritt nur hin zu ihm, hätte keine Macht mehr Macht, die Stunde zu erschaffen, in der Aljoscha SIE verließ.
– Cocteau Twins, Harold Budd: Memory Gongs – Vaslav Nijinsky, Eye – Artwork CE – Igor Strawinsky: Le Sacre du Printemps (Exzerpt), Antal Dorati, Detroit SO – Lotte Reiniger, Das Ornament des verliebten Herzens, 1919
Den dritten Kopf nannte Pjotr Der Tod. Der Knochenmann fiedelt nicht, wie etwa Böcklin meinte. Er spielt Mundharmonika. Wie in „The Carny“ von Nick Cave. Die Mundharmonika gleicht verblüffend dem erstarrten Grinsen von Gevatter Schnitter. Jeder spielt das Lied vom Tod. Der Tod lebt mit, von Anfang an. Die Anstrengungen, ihm aus dem Weg zu gehen, sind so nutzlos wie beträchtlich. Jenseits? Auferstehung? Der Tod lacht viereckig. Jeder Sensenmann amüsiert sich mit seinem lebenden Pendant, immer im Hintergrund, ganz diskret. Wir sind seine menschliche Seite. Tod ist die Rückseite der Rückseite. Nicht zu erreichen, aber konstitutiv. Wer sich mit seinem dunklen Begleiter in Verbindung setzt, versinkt plötzlich im Ticken der Wanduhr, im Klang gegebener Zeit. Unter gewissen Voraussetzungen setzt Freund Hein die Zwiesprache fort. Rauschen aller Art. Verfremdete Stimmen bei gestörten Übertragungen aus dem Radio. Glöckchen. Summen eingeschlossener Insekten. Plötzliche Lücken in Geräusch und Klang. So schärft er das Empfinden für die tiefe Gegenwart des Augenblicks, für die Pflicht, mit jeder Minute entweder Frieden zu machen oder mit jeder Minute Krieg zu führen. Das Leben duldet keinen Aufschub. Vor allen ins Später verlegten Hoffnungen blitzt die Sense auf, allzeit mähend, wo Nichtsahnen trügt. Der Schwarze! Er macht die größte Angst. Er gibt den größten Mut. Er sagt: wir spielen um deine Träume, du und ich. Er sagt: geh es machen oder geh verloren. Haben wir ihn einmal standfest gegrüßt, ist das zweite Mal nur noch pro forma. Und dazwischen liegt der Effekt seiner Großzügigkeit, das Leben.
Genau nach Plan
Mit einem Schokoladencroissant aus Schokolade, Croissant und Pappe, das ihm als Frühstück diente, hastete Aljoscha am folgenden Dienstagmorgen, Sterben und Tod hinter sich, dem Hauptgebäude entgegen. Er hoffte, daß alles nach Plan lief. Er konnte sich nur nicht mehr daran erinnern, wie der Plan war. Sie hatten ihn letzte Nacht geschmiedet, diesen Plan, mit dem Pjotr in die Poussin-Vorlesung eingeschleust werden sollte. Sie hatten einfach zu lang an diesem Plan gefeilt.
Aljoscha erreichte den Korridor und sah Pjotr an einem der Fenster stehen. Die Katzenmenschenfrau war nicht zu sehen. Trotzdem ging Aljoscha weiter, als würde er Pjotr nicht kennen.
„Verzeihen Sie!“ rief Pjotr.
Aljoscha wandte sich um. „Ja?“
„Hätten Sie wohl freundlicherweise Feuer für mich?“
Genau nach Plan. Nur hatte Pjotr offensichtlich die Zigarette vergessen.
„Gewiß“, sagte Aljoscha, trat auf Pjotr zu und suchte in seinen Taschen nach Streichhölzern, einer Zigarette, einem Chinaböller, irgendwas. Sie konnten jetzt mit gedämpften Stimmen reden. Alles lief nach Plan. Welchem auch immer.
„Schön, wie gehen wir nun vor?“ begann Aljoscha.
„Ich weiß auch nicht… deine Catherine ist schon da“, sagte Pjotr.
„Wer? Was? Bist du sicher? Wieso denn? Ich meine, woher weißt du, wer sie ist?“
Aljoscha sprach so laut, daß selbst ein schwerhöriger Gegenspion sie jetzt entlarvt hätte. Natürlich hatte er Pjotr IHR Äußeres beschrieben, aber nicht mit steckbrieflicher Genauigkeit. Wenn es sich nicht so verhielt, daß SIE um den geheimen Plan wußte und dieses Wissen Pjotr im Vorübergehen durch einen kurzen telepathischen Stromstoß oder einen chemophysikalischen Impuls übermittelt hatte, wie verhielt es sich dann?
Und warum Catherine?
„Wo ist sie jetzt?“
„Na, drinnen.“
„Wo drinnen?“
„Hör mal, der Plan war – “
„Vergiß es.“
Aljoscha schlich zur Tür und spähte vorsichtig in den Saal. Unwandelbar wie das Göttliche saß SIE, wo SIE immer saß, einen Teil seiner Vergangenheit einnehmend.
„Sie sitzt gleich hier oben, auf der rechten Seite“, stellte Aljoscha fest. „Zweite Reihe, dritter Platz von links. Ich habe da einmal gesessen, und sie vervielfältigt das irgendwie.“
Pjotr nickte. „Du mußt ganz nach unten, richtig?“
„Ich weiß nicht, ob es richtig ist, aber ich muß.“
„Ich könnte ja versuchen, in ihrer Nähe zu bleiben“, sagte Pjotr. Dieser Einzigartige! Dieser Achilles! Wie sagt Majakowski in Tagesbefehl Nr. 2 an die Kunstarmee: „Macht Schluß! Vergeßt! Pfeift drauf!“ – Zu spät. Sie atmeten beide tief durch. „Die Götter mit dir, Bruder.“ Aljoscha zog in den Hörsaal ein.
Auf dem Treppenlauf tat er so, als prüfe er nur flüchtig, ob SIE da sei. Zu ebener Erde jedoch, als er einen Umweg durch die Frontreihe machte, sah Aljoscha IHR fest in die Augen, und SIE erwiderte seinen Blick ebenso bestimmt. IHRE Augen blitzten wie vor einem magischen Zweikampf. Und wirklich, als hätte SIE beschlossen, trotz durchschauter Verschwörung den Verschwörern eine Chance zu geben, war der Platz rechts neben IHR noch frei, wie durch einen Bann geschützt. SIE war so schön und kühl, daß kein Mensch es wagen durfte, in IHRE Sphäre einzudringen. Wer es doch tat, war entweder ein völlig unzurechnungsfähiger Gimpel oder von vornherein IHR Diener und Vertrauter. Oder ein Satanskerl von einem Kundschafter: als Aljoscha sich zum dritten Male nach der Saaluhr umdrehte, sah er, wie Pjotr im Begriffe stand, sich mit seinem Pappkoffer zu besagtem Platz durchzukämpfen. Donnerwetter, mögen wir alle errettet und in Sicherheit sein! Um Punkt 10 Uhr 15 saß Pjotr Semjonow neben der mysteriösen Katzenfrau.
Jemand löschte – aber nein, niemand löschte das Licht! Verdammte Falle! Jerdzny, der ausgekochte Unterhändler! Hinterlistig lächelnd verzichtete er auf die Vorführung von Bildmaterial und hielt statt dessen einen gnadenlos abstrakten Vortrag, der auf so spektakuläre Weise banal war, daß man es nur als raffinierten Schabernack auffassen konnte. Eine geständnisfordernde Stunde lang waren alle Scheinwerfer auf das Komplott gerichtet. Wenn alle Zeiten Farben hatten, war diese Stunde von glühendem Rot. Lava-Rot, Magma-Rot, Rot der schmelzenden Beschämung.
Katzen sind System
„Was muß ich tun?“
„Immer schön früh aufstehen… keine Nachtwachen mehr halten.“
„Ich sehe nachts einfach klarer.“
„Unsinn. Und wenn du etwas von mir willst, ich schlafe nachts, du kennst mich.“
„Das hört dann auch auf!“
„Und diese laute Trümmermusik! Diese Einstürzenden Musikhallen, oder wie die heißen.“
„Neubauten.“
„Da kann ein kleines Kind nicht gedeihen! Es muß auch mal Mozart hören!“
„Das Beste, was man im Leben finden kann, ist große Kunst. Das kann ein Kind gar nicht früh genug lernen.“
„Das Beste ist große Kunst? Na hör mal!“
Unten im Schnee fielen zwei Männer übereinander. Einer rief mit schwerer Zunge herauf: „Ist da oben die Boris-N-Nikutin-Party?“
„Nein, hier oben ist die Yuri-Bloch-Party!“ rief Aljoscha zurück.
„Aaaah!“ rief der Mann. „Aaaah!“ Als hätte er gerade einen neuen Planeten entdeckt, von da unten aus. „Aaaah, ahrg!“
„Was soll das überhaupt sein, Trümmermusik? Du hast da nicht den richtigen – “
Leda küßte ihn. „Ich bin glücklich mit dir“, sagte sie.
Seine Hand berührte ihre kalte Wange; sie neigte ihren Kopf ein wenig, wie um sich ganz in diese Hand zu geben. „Weißt du noch, wie ich mal bei Sonja war und diesen Satz geträumt hatte: Katzen sind System –?“
Aljoscha zog seine Hand zurück. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Ich weiß nicht. Es fiel mir gerade ein.“
Aljoscha betrachtete die Paare, die da unten durch den Schnee stampften. „Mir ist noch nicht aufgefallen, daß Katzen besonders systematisch wären“, sagte er.
„Doch, eigentlich schon“, meinte Leda. „Katzen haben so komische Rituale.“
„Was soll denn daran komisch sein?“ Aljoscha war selbst irritiert vom unnötig unwirschen Tonfall seiner Antwort. Leda zuckte nur die Schultern.
„Vielleicht müssen wir gar nicht zusammen wohnen“, sagte sie.
Anders, unvorstellbar anders
Plötzlich stand SIE in Aljoschas Zimmer, den Blick voller Besitznahme, in den Mundwinkeln saturnisches Wissen um Notwendigkeit.
IT’S BEEN SO LONG
SIE bestieg das Bett am Fußende und bewegte sich an seinem Leib empor, bis sich IHR Schoß an seinen Lenden rieb. Seine Hand berührte IHRE bleiche Wange; SIE neigte IHREN Kopf, wie um sich ganz in diese Hand zu geben. Unendlich langsam teilten sich IHRE Lippen – seinen Finger zwischen IHREN Zähnen warf SIE den Kopf hin und her, als sollten Tiersehnen reißen. Unter schneeweißer Haut floß das Blut, das er begehrte. Das Blut seiner schneeweißen Braut. Das Blut auf schneeweißer Haut. Er küßte SIE, als müßte SIE untergehen darin. Er umschlang den Leib der Katzenfrau. SIE wisperte Fetzen aus vergessenen Texten, IHRE Augen wichen zurück in uralte Zeit, flammten dann wieder auf mit Orientierung – SIE wand sich und schrie, wie gefoltert mit liebender Seele im fließenden Austausch von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, er drang in SIE, willens zu sterben an IHR, hielt still mit IHR
YOU WOULDN’T BELIEVE WHAT I’VE BEEN THROUGH
im gestillten Heimweh, fühlte, wie IHR femininer Strom ihn härtete und spannte, wie SIE ihn fester hielt, Striemen auf seinen Rücken zeichnete – dann setzten elektrostatische Veränderungen ein, IHRE Haut schien sich aufzuladen – SIE stieß undeutliche Laute hervor, durchströmt, aufgelöst in Glut und Aufruhr, wie von einer unbezwinglichen Macht geschüttelt, SIE keuchte bald „Nicht! … Nein! … Nicht!“, bald das Gegenteil, während in die Schwingungen IHRER Stimme Modulationen kamen, die nicht menschlich klangen – über IHRE Epidermis liefen jetzt hochfrequente Entladungen, Schocks versetzend, etwas schien sich zu wandeln in jeder einzelnen Körperzelle, und ein fremdartiges Lebensfeuer war dabei, IHRE Innenwärme exorbitant zu erhöhen – Atem so heiß, als wäre Feuerqual im Innern – das Augenlid, die temperaturempfindlichste Stelle, schien zu schmelzen, und aus den Tiefen der Augen wollte etwas zum Vorschein kommen – aus der Spannung IHRES ganzen Zustands wurde Gefügeveränderung, IHR Stöhnen war jetzt polyphon, Aljoscha tauchte durch Kaskaden psychischer Energie – es lag keine Bedeutung mehr in Begrenzungen wie dem knöchernen Gitter des Brustkorbs – Umwandlung als Anpassung an besondere Bedingungen – Verfeinerung der Materie – hypertrophe Erzeugung mechanischer Energie durch übermäßigen Gestaltwandel der kontraktiven Eiweißmoleküle in den Muskelzellen – Metamorphose. IHR Körper wurde unkörperlich im Augenblick höchster Verschmelzung, wurde Seele, bloßes Kraftfeld, machte aus Aljoscha einen Energietrabanten, und dann – war Fauchen, wo vorher Atem war. Einen Moment lang: erstaunte Stille. Dann eine Bewegung. Anders, unvorstellbar anders.
Wesen, die sich geheimhalten
Es gibt Kräuter, die im Mondlicht strahlen. Es gibt Wesen, die sich geheimhalten. Mädchen, die in der Wüste ertrinken können. Mädchen, die immer damit rechnen, daß man sie von hohen Türmen werfen wird, so wie es im Mittelalter die Meute manchmal mit Katzen tat. Mädchen, die es im Betriebsklima der Welt nicht aushalten und sich zurückziehen an die Peripherien. Wissend, daß man ihresgleichen entweder als zu heimlichtuerisch oder als zu exhibitionistisch verurteilt. Fürchtend, daß man ihnen Böses will, weil sie irritierenden Gesetzen folgen. Oder sich selbst Gesetz sind. Weil sie mit kaltem Blick und unbeirrbarer Präzision dort etwas beobachten, wo andere ums Verrecken nicht das Mindeste erkennen. Weil sich ihre einzelgängerische Eleganz so wenig um Bewunderer kümmert, daß man glaubt, sie halten sich für unsichtbar. Weil sie zu erröten wissen, während sie Verruchtheiten hüten, vor denen jede Schamlose erblassen müßte. Frauen, deren Blick die Nacht durchdringt und die Umrisse des Unsichtbaren kennt. Ich weiß jetzt, was diese Frauen tun.
Bei Tag erschrecken sie mit dem harten, despotischen Geräusch ihrer hohen Absätze, um zu verbergen, daß sie nachts mit unhörbaren Schritten geheime Muster auf den Boden zeichnen, Zauberkreise, Strahlenfelder; daß sie eine andere Gestalt annehmen, lautlos und geschmeidig durch die Gassen huschen und einem unergründlichen Instinkt folgen: dorthin, wo sie ein vertrautes Fluidum ahnen. Ich weiß jetzt, was der Spürsinn einer solchen Katze tut.
Der Spürsinn einer solchen Katze nimmt Quartier bei einem, dem sie sich verwandt weiß. Sie hat seine verborgensten Neigungen erkannt und macht sich selbst zu ihrem Anreiz. Ihre Nähe verändert seine fünf, sechs, sieben Sinne. Er durchquert vergessene Regionen, versunkene Domänen; immer deutlicher sieht er die Welt, in der sie nach ihm sucht. Bis er weiß: wenn er ihr endlich begegnet, ist er ihr schon einmal begegnet.
Das ist, was die Mädchen tun, die sich verstecken vor den Katzenhassern.
– Clovis Trouille, Dolmancé et ses fantômes de luxure (Detail) – Nicolas Poussin, Atalante und Hippomenes, Skizze – Foto CE – Artwork CE – Nine Inch Nails, Ghosts V: Letting Go While Holding On
SIE hatte sich in seine Träume geschlichen in einer der Nächte
SEVEN LONG NIGHTS TO THINK
zwischen Dienstag und Dienstag, lautlos und so, wie der Gott seiner Träume SIE erschaffen hatte, badend wie eine Tochter des Neptun, jedoch nicht unter freiem Himmel, sondern in einem Schwimmbecken. Ein Schwimmbecken, wie es in einer Sequenz des Filmes Katzenmenschen vorkommt. Aber niemand löschte wie im Film das Licht, kein Fauchen zerriß die Stille, Aljoscha schwamm einfach neben IHR im Wasser, ohne jede Anstrengung, zwischen ihnen hundert Andeutungen, und er dachte: Das Becken ist das Gefäß der Liebe.
Mancher hat ein Traumland, das er Nacht für Nacht durchwandert, im Wachen nie gesehene Gestaltungen, stets aufs neue reproduziert, wie Gedächtnisrelikte eines früheren Daseins. Jeder hat im Traumreich seine eigenen Archetypen. Und die unergründliche Regie der Nachtseele ergötzt sich an unbegreiflichen Konstanten und merkwürdigen Apotheosen. Iris, ein Mädchen aus Aljoschas Schule – sie hatte ihm einmal nach der letzten Stunde einen langen Kuß und unruhige Zärtlichkeiten erlaubt –, residierte unanfechtbar als Liebesgöttin in seinem Traumuniversum, obwohl er die wirkliche Iris schon längst nicht mehr sah und nicht einmal mehr an sie dachte. Wenn er von Iris geträumt hatte, wachte er gesegnet auf. Gefährtin, Führerin, Verführerin, Fingerzeig aufs Schicksal, Erlöserin, Fatale und Totale, Irre und Wirre, Weise, Naseweise, Fesselnde, Entfesselnde, Besänftigende, Rasendmachende, Märchenhafte und Mirakel, Gedankenvolle, Geneigte und Genaugenommene, Dominierende, Dolmetscherin und Dame, Zärtliche, Zähe, Zielbewußte und Zerzauste, Elegante, Ernste, Erregende, Erlaubende, Erhebende, Bestechende, Bewußte, Beflügelnde, Blatt-vom-Mund-Nehmende, Verbessernde, Vernünftige und Verrückte, verblüffend, verwundert und verträumt, hemmungslos, humanisierend, heilkräftig und herb, trotzig, tonangebend und tiefblickend, kräftigend, entkräftend, infernalisch, intensiv und ohne ihresgleichen, ruhend, revoltierend, radikalisierend, kurz das Weibliche in jeder Hinsicht war Iris, die sich’s nicht hätte träumen lassen, in Aljoschas Träumen.
So wie das Becken in jeder Hinsicht das Gefäß der Liebe war. Aljoscha war nicht mit der Liebesgöttin Iris in das Traumwasser des Schwimmbeckens getaucht; er verstand, er verstand. Das Schwimmbecken war 2000 Faden tief. Aljoscha sah den Grund. Leda beklagte sich manchmal: „Warum träumst du eigentlich nie von mir?“, und Aljoscha antwortete: „Aber ich träume ja von dir“, denn schließlich ist auch abstruse Archetypenwahl nur Archetypenwahl.
Es war fast 15 Uhr 45, und daß Aljoscha die letzte Vorlesung des Dienstags absaß wie im Mastkorb eines Schoners, lag eben daran, daß nicht Iris im Traum erschienen war. Die Katzenmenschenfrau hatte bewirkt, was Leda zu bewirken wünschte: SIE hatte seine Archetypen abgesetzt und seinen alten Traumkult vernichtet.
Es war der siebte Tag. Aljoscha beeilte sich. „Sie ist vor mir in Wolchonka gewesen letzten Dienstag“, dachte er einen Denkfehler, denn es war ebensogut möglich, daß SIE am letzten Dienstag mit derselben Metro von Damtorsk nach Wolchonka gefahren war wie er selbst, daß SIE nur schon in Damtorsk am anderen Ende des Zuges eingestiegen war (um dann in Wolchonka am anderen Ende des Bahnsteiges auf ihn zu warten) (und ihn zu sich zu rufen) (durch psychomagnetische Deklination) (und es war um die sechste Stunde und Jesus traf die Frau am Brunnen und sie sagte, Herr, du hast nichts, womit du schöpfest und der Brunnen ist tief).
Aljoscha beeilte sich. Er hielt einfach mit der Menge Schritt, die es fast immer eilig hat, bei Kälte ganz besonders. Seinetwegen hätte die Menge auch anfangen können, zur Damtorsk-Station zu traben oder zu hopsen, er hätte alles mitgemacht, was seine Hochspannung ein wenig gelöst hätte. Andererseits durfte er das Schicksal auch nicht zu sehr herausfordern. Er und mit ihm alles andere mußte den normalsten Gang gehen. Wenn nur keine Hexe hinter ihm war! Russische Hexen gehen nämlich hinter ihrem Opfer her und imitieren seinen Gang; wenn Hexengang und Opfergang in völliger Übereinstimmung sind, läßt sich die Hexe fallen…
Aljoscha wünschte sich 360°-Augen. Er wünschte sich genau dorthin, wohin seine Füße ihn jetzt trugen, und zugleich wünschte er sich weit, weit fort. Er hörte die Musik, die sich wie von selbst zusammengestellt hatte zu einer Art von Liturgie.
Als er den Bahnsteig erreichte, sah er die Metro nach Putjagora auf dem Gleis stehen. Noch waren die Türen geöffnet. Noch konnte er in den Zug springen.
SOMEONE FETCH A PRIEST
War SIE da drin, in diesem Zug? Oder war SIE noch auf dem Weg zum Bahnhof?
YOU CAN’T SAY NO TO THE BEAUTY AND THE BEAST
Wirbelndes Schicksalsrad! Wirbelndes Schicksalsrad! Laß mich zwischen deine Speichen für eine Sekunde der Wahl!
Nein. Nicht dieser Zug.
Das Zeichen zur Abfahrt! Die Türen schlossen sich, die Metro fuhr dahin. Aljoscha lehnte sich an den Betonwall, der vor dem Fall auf die Rolltreppe schützte. Im Bahnhof Damtorsk fuhr man mit der Rolltreppe zu den Bahnsteigen hinauf, und Aljoscha observierte den Menschenstrom, der da ankam, so gut man das vermag, wenn man zugleich den Eindruck panoramischen Desinteresses zu erwecken versucht.
Stundenlang vergingen einige Minuten, untermalt von Klängen und Gesängen aus Schwarzafrika, zu denen der Trommler Stewart Copeland seine eigenen Rhythmen beisteuerte. Plötzlich nahm auch die Realzeit einen Rhythmuswechsel vor.
Eine Aureole schien SIE zu umgeben, weil SIE die Langerwartete war. Noch konnte er IHR Gesicht nicht sehen. Er erkannte SIE an der hohen Gestalt und an der 40er-Jahre-Thriller-Frisur. SIE trug einen langen Wintermantel. Russischgrün. Sehr tiefes Grün. Als SIE von der Rolltreppe auf den Bahnsteig trat, war Aljoscha schon wieder eine Allegorie der Indifferenz.
Der Gang der Frau
Verhindert ewig, o ihr Weltenlenker, daß dem Auge eines Todgeweihten, dessen Blick schon bricht, als letzter Anblick eine Frau erscheint, die einfach nur vorbeigeht. Verhindert, wenn der Arme nicht verdammt sein soll, daß sein letzter Blick den Schritten einer Dame folgt, die zufällig des Weges kommt. Man sagt, des Todes Schrecken ist einzig und allein das Nichts, aber hol’s der Teufel, wenn dieses Nichts nicht fein gestaffelt ist! Wenn endgültig genug geschrammelt ist nach schönen Augenblicken und die Stunde dräut, da wir der Dinge kommen, die da harren; wenn man nicht mehr sieht, wie hoch man schon gestiegen war, sondern nur, wie tief der Fall sein wird; fängt dann nicht sogar der Hartgesottene an, die Nichtse zu sortieren? Und ist’s nicht eins der schlimmsten Nichtse, wenn nichts mehr auf die Netzhaut geht? Das kann man so und so sehen? Noch. Da liegt der Hase ja im Pfeffer. Aber wenn kein Hase und kein Pfeffer mehr zu sehen ist, kein neuer Morgenhimmel mehr, der sich rötet wie die Wangen einer Braut? Wenn man nicht mal mehr die Hand vor Augen sieht, kann man sich das vor Augen halten? Eben nicht. In dieses Nichts zu müssen, das ist arg; und darum, mächt’ge Richter, verschlimmert nicht den Abschied tausendfach – laßt ab vom Wack’ren, der seine Seele schon verröchelt; laßt nicht sein letztes Bild, bevor der Große Wandler kommt, das Wandeln eines Weibes sein.
Nur die Frau hat einen Gang. Der Mann geht, weil er gehen muß, er ist immer unterwegs von A nach B, sein Gehen ist rein funktional und ohne Lust, es hat nichts Metaphysisches und gleichsam Schwebendes, und es hat schon gar nichts, was das Erfinden solcher Worte wie Grazie oder Anmut zwingend nötig gemacht hätte. Aber gerade der Mann, der zu schlendern versucht, der also seinen Funktionalgang vorsätzlich zum Herumlatschen abbremst, produziert Fortbewegungsarten, die seit dem täppischen Abgang des Australopithecus von diesem Planeten als eliminiert galten. Wenn er beschwingt eine Treppe abwärts schlingert, wenn seine Füße dabei in alle Richtungen schnellen, als würden aufgescheuchte Frösche in den Socken sitzen; wenn frenetisches Flattern der Hose den debilen Step begleitet und das ganze unkoordinierte Chaos deutlich macht, warum der Physik gar nichts anderes übrig bleibt als die Auflösung des klassischen Materiebegriffes, dann wird evident, daß Treppen dazu da sind, die Frau herabsteigen zu lassen aus den objektiven Himmeln ihrer Weiblichkeit. Keine Treppe bringt die Frau aus ihrem Ur-Rhythmus, dem welttragenden, der aus dem Becken kommt, dem Klangkörper des All-Tons. Wenn die Frau einen Zank damit beendet, daß sie auf dem Absatz kehrt macht, ist ihr Gang Bestimmtheit selbst, autonom und zwingend, einen Stolz diktierend, der aus Königen Kretins, aus Prälaten Pöbel und aus Städten Sandgekrümel macht. Dem Mann fehlt diese Fähigkeit: sich mit jedem Schritt zu buchstabieren. Man weiß nicht, ob er gerade zum Martyrium unterwegs ist oder zur Bushaltestelle. Geht er die Welt retten oder ins Büro? Kein Unterschied.
Der Gang der Frau ist das ewige Weitertanzen Salomes, die niemals zu versklavende Geschmeidigkeit der Artemis, der kreisende Schoß der Astarte, der Trotz der Jeanne d’Arc vor ihren Richtern, der unbeirrbare Gang durch die Geschichte mit jenem Hauch von Überlegenheit, an den zehntausend Jahre Unterdrückung nicht reichen – das für immer Unberührbare. Die Frau geht voller Eleganz durch einen Hurrikan und mit Würde aufs Schafott, ihr Gehen ist die ewige Bewegung um einen Schöpfungspunkt herum, der Schreitzyklus ihrer Schenkel ist wie der elektromagnetische Atem des Universums, und wenn ihr Gang von jener Art ist, daß es einem Mann die Augäpfel zu sprengen droht, dann handelt es sich nicht um etwas Künstliches, sondern um Natürliches als Kunst. Alles andere bildet ihr Spalier: der Gang der Frau ist jederzeit ein Kommen, auch wenn es nur ein Gehen ist.
Es war der 24. November. Aljoscha überquerte die Kreuzung am Damtorsk-Bahnhof und bog in die Allee ein, die zum Universitäts-Hauptgebäude führte. Ein Schwarm nachdenklicher Vögel zog über ihn hinweg. Er näherte sich den Mysterienkulten, und das Mysterium näherte sich ihm.
SHE’S WALKING DOWN THE STREETS
SIE kam ihm entgegen unter den schwarzen Gerippen der Bäume. Er war wie vom Wetter gerührt. Es war doch erst Montag! Es war erst gottverdammter Montag! SIE,
BLIND TO EVERY EYE SHE MEETS
zunächst nur ein Schemen in der Ferne, eine Luftspiegelung in der Wüste, dann jedoch eindeutig offenbart durch IHREN Gang, SIE kam auf ihn zu wie des Henkers schöne Tochter, unbeirrbar, ohne Hast,
SHE HOLDS HER HEAD SO HIGH
IHRE Ledertasche mit beiden Armen an sich drückend wie eine Magd den Apfelkorb oder eine Hexenkönigin den Kater, die fünf Töchter der Gnade im schwarzen Handschuh. Weil der Schwung der Arme entfiel, wirkte SIE
LIKE A STATUE IN THE SKY
noch zurückhaltender, noch unerschütterlicher, noch mehr in sich gekehrt als sonst; IHR Gang wurde dadurch nur noch aufsehenerregender. SIE vollzog eine gelassene Tortur an jedem, der SIE beobachtete, und allein die Art, wie SIE sich bewegte, brachte klar zum Ausdruck, wie das Getriebe der Welt für SIE keinerlei Konkretheit annehmen konnte, wie extravagant die Vorstellungen sein mußten, die für diese Frau Bedeutung hatten. Oder war es ein Schmerz, zu tief, um Außenwelt zu dulden? SIE ging wie eine Frau, die abzuwarten wußte, den Blick gesenkt, vornehm wie eine Pfingstrose am Mittag, schlank wie eine der Lamien.
Ein reichlich abgekartetes Spiel
Aljoscha betrat den Fahrstuhl und schloß das Gitter. Der Fahrstuhlführer musterte ihn mit dem Nicken eines listigen Untersuchungsrichters. Es nahm kein Ende, dieses Nicken.
„Was soll das heißen?“ rief Aljoscha. „Sie verstehen sich am Ende gar als eine Art Mitwisser?“
„Hören Sie“, sprach der Fahrstuhlmann, „im dritten Stock wohnt eine, die Sie liebt!“
„Ich weiß“, antwortete Aljoscha müde.
„Und dann ist da eine, die sich im Souterrain verborgen hält, die liebt Sie auch!“
„Das sagen Sie. Können wir jetzt fahren?“
„Dritter Stock oder Souterrain?“
„Zur Empore. Ich möchte die Konstellationen betrachten.“
„Gibt harsche Tendenzen bei einer Triade, was?“
„Zerstörerische. Schweigen Sie endlich.“ Aljoscha hatte plötzlich den Eindruck, als trüge der Fahrstuhlführer eine Maske und hinter der Maske kein Gesicht.
„Mythen, gewiß. Aber sind sie fraglich, weil sie Mythen sind?“ gab der Fahrstuhlführer zu bedenken. Die Empore war erreicht. Aljoscha gab dem Fahrstuhlführer ein paar Münzen und sagte: „Hier, kaufen Sie sich davon einen Flugfrosch.“ Er bezog den Standpunkt der Observation und richtete sein Augenmerk auf eine Vielheit, die sich zur Einheit versammelte in einem reichlich abgekarteten Spiel.
(Allgemeines Gemurmel)
DER HERRSCHER. … doch, doch… manche beginnen zu verstehen, daß die Ewigkeit in einem einzigen Augenblick wohnt…
DER HOHEPRIESTER. Wollen’s hoffen, wollen’s hoffen!
DER RITTER DER SCHEIBEN. Mein Pferd tanzt auf zwei Hufen über 39 Stufen voller Pulverschnee!
DER RITTER DER STÄBE. Mein Pferd machte mich kürzlich darauf aufmerksam, daß sich die Sterne in der Sakeschale spiegeln!
DER RITTER DER SCHWERTER. Sag noch, dein Pferd furzt Maximen.
DER RITTER DER STÄBE. Auch, auch!
DER NARR. Pardon! Pardon! Wohlaufgemerkt! Das erste Wort!
TUGEND. Bitte, wäre es wohl zuviel verlangt, uns den Grund zu nennen, der uns hier zusammenführt?
DER TEUFEL. Gründe, wer braucht Gründe? Kleinkariert, ducknackig! Kannst du nicht einmal grundlos sein? Motivation, Klotivation! Nimm mal den dings, wie hieß er, Jesus! Hatte der einen Grund? Den würde er wohl immer noch suchen!
TUGEND. Mit dir spreche ich nicht, Versucher!
DER TEUFEL. Mit mir spricht jeder irgendwann. Darum sind wir ja hier, Puppe.
DER MAGIER. Wir sind hier, um in die Waagschale zu werfen und Widerhall zu finden. Wir werden ins Gewicht fallen, und wir haben Nachdruck zu verleihen.
DER TEUFEL. Sicher, wir waren nicht immer einer Meinung, aber er hatte doch Mumm, dieser Christus. Doch, doch. Ich ziehe meinen Hut.
DER NARR. Hut?
DER TEUFEL. Das sagt man so. Ich ziehe meinen Hut. Man muß keinen aufhaben, weißt du? Ich hab mich mal mit Grammatik beschäftigt.
DER MAGIER. Als der Vorsitzende dieses Nachtkonzils erinnere ich daran, daß wir nichts als Ganzheit sind, sobald ein freier Wille durch die enge Pforte dringt. Laßt daher alte Zwistigkeiten ruhen! Ich werde jeden Streit beenden, der nicht dazu taugt, die Dunkelheit, aus der man uns rief, zu erhellen. Wer weilt noch anderwärts?
MOND. Der Tod. Doch ich sehe ihn, er ist schon nah.
DER TEUFEL. Oh stille Mondgöttin, deine Weitsicht! Dein mädchenhaft ungetrübter Blick! Dein keusches, kaltes Licht! Aber mich kannst du nicht täuschen, Urheberin der Fieber! Schöpferin des Zweideutigen! Sind wir nicht wie Geschwister?
MOND. Mein Licht ist wie eine Oase für den Durstigen. Deine Liebe ist wie Gift in einem Brunnen.
DER TEUFEL. Was für eine gräßliche, groteske Unterstellung! Ich habe allenfalls interesseloses Wohlgefallen an –
DER TOD.(Hereinstürzend) Entschuldigt! Ich wurde aufgehalten.
TAPFERKEIT. Hat man Euch zu einer Partie Schach gefordert?
DER MAGIER. (zum Tod) Nimm Platz, wir wollen beginnen.
DER TOD. Ich stehe lieber. Man weiß nie.
DER MAGIER. Du bist jetzt nur Prinzip.
DER TOD. Ach ja. Verfluchtes Durcheinander.
DER MAGIER. Ich eröffne also diese Konferenz, die nach irdischer Zeit den zehnten Teil vom zehnten Teil einer Sekunde dauern wird. Wer will beginnen?
DER WEISE EREMIT. Ich bitte um Gehör.
DER TEUFEL. Was will er, ein Hörrohr?
DER MAGIER. Sprich, Eremit.
DER WEISE EREMIT. Ihr wißt, ich bin ein Pilger, der von Stadt zu Stadt gegangen ist, ohne einen Blick für Tand und Flitter; ich war auf hohen Bergen und in tiefen Tälern, um zu finden, was keiner von euch sucht. Und so mancher wird sich denken: was will er uns denn sagen, er kennt sich doch nicht aus! Aber ist einer unter euch, der mit einem Scheusal rang, größer als die Pyramiden? Stand einer von euch Auge in Auge mit dem Biest, das Versuchungen ausdünstet, betörend wie die wohlduftenden Essenzen der Libyer, lockend wie ein Hauch von Ambra oder Zibet auf der milchweißen Haut der Odaliske? Hat einer von euch je einen Zweikampf ausgetragen mit dem von schwarzen Pusteln übersäten Urbild des Verrats? Der soll mich unterbrechen!
DER TEUFEL.(Wiener Schmäh imitierend) Der Sigmund, des is a Freud.
DER WEISE EREMIT. Ich sehe mit Betrübnis in das Innere der Angelegenheit, die wir verhandeln sollen. Sie ist ernst.
DIE HERRSCHERIN. Und wißt Ihr auch, wie ernst sie ist, mein weiser Mann?
DER WEISE EREMIT. Ah, Ihr! Unwürdige! (mit dem Finger auf die Herrscherin zeigend) Ihr sitzt da wie ein Freudenmädchen!
DER TEUFEL. Ach Gottchen, haben wir noch nie einen Strumpfhalter gesehen?
DIE PRINZESSIN DER KELCHE.(Tuschelnd) Henri der Dritte fiel jedesmal in Ohnmacht, wenn er eine Katze sah!
DIE PRINZESSIN DER STÄBE.(Mit ihrem Fächer wedelnd) Das Obszöne entsteht im Auge des Betrachters, das ist meine Meinung! Ist sie die Liebesgöttin oder nicht?
DER MAGIER. (zur Herrscherin) Madame, hättet Ihr die Güte, Eure Kleidung ein wenig zu arrangieren.
DER TEUFEL. Köstlich! Was für eine Farce! Haben wir schon angefangen, oder wie?
DIE PRINZESSIN DER SCHWERTER. Aber wer ist es denn, der uns befragt?
DER MAGIER. Er zählt die Sterne an seinem Nachthimmel, verhundertfacht die Zahl und schwört, es sind die Jahre, die er eine Fremde liebt.
DIE PRINZESSIN DER SCHWERTER. Ach… das ist hübsch.
DER WEISE EREMIT. Sinnlose Verwirrung ist nicht hübsch! Dieses Herz, das in einer anderen Schuld steht, wird von einer Sirene becirct! Und ich sage, wer den Weg gefunden hat, warum sollte er den Weg verlassen? Wer den Stab hat, sich darauf zu stützen, warum sollte er nicht standhaft bleiben? Das höchste Gesetz, hat es keine Geltung mehr? Dieser törichten Anwandlung muß Einhalt geboten werden, oder die Steine in den Mauern werden schreien!
DER TEUFEL. (zum Narren neben ihm) Très joli, n’est-ce pas?
DIE HERRSCHERIN. Ihr seid im Irrtum, Eremit. Das höchste Gesetz, es gilt noch immer. Auf die Silbe.
DER TEUFEL. Großartig! Dann können wir ja alle wieder nach Hause gehen. Ich habe einen Braten in der Röhre.
DIE HERRSCHERIN. Einen Menschen lieben, das war und ist Gesetz.
DER WEISE EREMIT. Ihr betont es falsch. Einen Menschen lieben.
TUGEND. Muß man nicht alle Menschen lieben, damit man einen liebenkann?
DER KÖNIG DER SCHWERTER. Durchaus nicht. Aber man kann alle Menschen lieben, indem man einen liebt.
DIE PRINZESSIN DER SCHWERTER. Aber wer alle Menschen lieben will, muß ganz abstrakt werden! Sind nicht alle großen Komponisten Philanthropen?
DER RITTER DER SCHWERTER. Philanthrop oder Misanthrop. Was im übrigen dieselbe Abstraktion ist.
DIE KÖNIGIN DER SCHWERTER. Aber jeder Philanthrop hat etwas Misanthropisches, weil er von der Güte des Einzelnen absieht. Und jeder Misanthrop hat etwas Philanthropisches, weil er die Schlechtigkeit des Einzelnen verzeiht.
DER RITTER DER STÄBE. Ha! Genug Schwertgeschwätz, um der Hydra die neun Köpfe abzutrennen, aber leben eure Worte je durch Blut? Worum es geht, das ist doch wohl, beim Zeus: ist der Mensch denn noch bei Trost, der sich davon abhält, seinem Herz zu folgen?
DER KÖNIG DER SCHEIBEN. Worum es geht, das ist doch wohl, beim Jupiter: ist der Mensch denn noch bei Trost, der alles aufgibt wegen einer Laune?
DER TEUFEL. Worum es geht, das ist doch wohl, bei meiner Rübe: ist der Mensch denn noch bei Trost, der sich diesen Quack noch länger anhört?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Es gibt nur eine Wahrheit, und wer sich ihr in den Weg stellt, hat mit Sachschaden zu rechnen!
DER RITTER DER STÄBE. Aber welche ist es?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Weiß ich doch nicht.
DER RITTER DER STÄBE. Die Moderne geht mir auf den Sack. Früher war alles einfacher.
DER MAGIER. Konflikt entsteht aus der Verschiedenheit von Sein und Sollen. Was trifft aufeinander? Ein Herz, das sich ein Gesetz gab, und eine Fügung, die scheinbar Herz und Gesetz entzweit.
DER HÄNGENDE MANN.Man kann natürlich vieles Fügung nennen!
DER TEUFEL. Herrgott, warum schreist du bloß immer so?
DER HÄNGENDE MANN. Verzeihung. Meine Haltung verleiht mir die Impression, daß ich schlecht zu verstehen bin.
DER HOHEPRIESTER. Und wenn diese Fügung nur als Phantasie besteht?
DER MAGIER. Wäre sie dann weniger bedeutsam?
DER HOHEPRIESTER. Scheinbar greift sie an, was besteht. Oder greift sie an, was nur scheinbar besteht?
DIE HOHEPRIESTERIN. Hat diese Fügung Sein, das werden soll? Oder ist ihr Sein ein Widerspruch zum Sollen?
TUGEND. Ist ihr Sollen nicht nur Schein?
DAS SCHICKSAL. Oh nein, ihr Sein steht tief im Soll.
DER WEISE EREMIT. Was andere Fügung nennen, nenne ich Schuld!
DER TEUFEL. Zicke zacke zicke zacke, hoi hoi hoi!
DER RITTER DER KELCHE. Schuld ist ein hohles Wort. Ein extrem gewölbter Begriff. Bauchig geworden vor lauter hineingestopftem Sinn.
DER WEISE EREMIT. Schuld ist Schuld, im Norden wie im Süden, im Westen wie im Osten!
DER RITTER DER SCHEIBEN. Könnte es sich bei dem Stand, den wir betrachten, um eine vorübergehende Erscheinung handeln?
DER TEUFEL. Könnte es sich bei deinem Verstand um eine vorübergehende Erscheinung handeln?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Ich lasse mich nicht beleidigen, auch nicht vom Herrn Satan persönlich! Nennt mir Euren Sekundanten!
DER TEUFEL. Hm – Ozzy Osbourne?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Sehr witzig.
DER TEUFEL. Ach, hol dich der Teufel.
DER KÖNIG DER KELCHE. Hört mich an, bei der Asche Gogols! Kein Geschehen ist ohne Bedeutung, oder stimmt das etwa nicht? Hat schon alles seinen Sinn, ja, das kann man sagen! Das Geschehen, das ist wie ein – wie ein – Glas mit Wodka! Es wäre schlecht bestellt um die Bedeutungen, wenn sie nicht schon drin wären im Geschehen, wie Wodka im Glas! Ich meine, wo sollten sie sonst hin, die Bedeutungen?
DER TEUFEL. Ist ein Doktor anwesend? Rasch, wir haben einen Notfall hier!
DER KÖNIG DER KELCHE. Wie soll einer die Bedeutung des Geschehens erkennen, wenn es kein Geschehen gibt? Ich bin für weiteres Geschehen, bis man die Bedeutung trinken kann! Sehen kann, ’zeihung.
DIE LUST. Ja! Ja! Ich will, daß es geschieht! Das Geschehen soll geschehen! Immer!
DER WEISE EREMIT. Nur über meine Leiche!
DER TOD. (Aufwachend) Pardon?
DER NARR. (Klatscht Beifall) Das ist ein Wort! Ein gutes Wort! Das ist das beste Wort! Das erste Wort! (spricht leise vor sich hin, mit verschiedenen Betonungen) Pardon? Pardon! Pardon…
DIE PRINZESSIN DER STÄBE. Geschehen muß sein. Wovon sollte man sich als Eremit sonst abwenden?
DER WEISE EREMIT. Ein solcher Hang zum Fatalismus kann nur von Übel sein!
DIE HERRSCHERIN. Niemand sprach von Fatalismus hier.
DER WEISE EREMIT. Aber man kann den Dingen nicht einfach ihren Lauf lassen!
DAS SCHICKSAL. Ach! Seit wann denn nicht?
Woher kommen wir?
SIE kam. SIE ging nicht in die andere Richtung. SIE ging nicht an ihm vorbei. Man kann nur tun, was man will, wenn man auch das Gegenteil tun könnte, und nichts hätte SIE am Gegenteil gehindert. Aber SIE war ihm gefolgt und stand urplötzlich auf einem Punkt im All, der von seinem Standpunkt nur zwei Armlängen entfernt war. Unauffällig wie eine gotische Kathedrale. Als hätten die Himmelsmächte in Windeseile eine Statue errichtet neben ihm, eine Marmorschönheit, die Kunst des Phidias übertreffend. Ihre Position war so eindeutig auf ihn, Aljoscha den Idioten, abgestimmt und eingestellt, daß ihm das Herz in die Kniekehlen sank, und mit also beherzten Knien versuchte er, neben dieser Hohepriesterin des Unnennbaren zu bestehen. Zu stehen, fürs erste.
Majestätisch, erhaben, unbewegt, doch Gott weiß welche Schwingungen aussendend, tat SIE nichts, als einfach mit rätselhafter Unerbittlichkeit in sein Leben zu treten. Wer war SIE? Oder was war SIE? Die Diskrepanz zwischen IHRER diktatorischen Präsenz und IHRER demonstrierten Gleichgültigkeit war nervenzerfetzend.
Ein Mann kam auf Aljoscha zu. Und was war jetzt das? Ein weiterer Abgesandter, ein Unheilsbringer? Ein Kurier aus anderen Dimensionen? Wladimir Majakowski? Hauen Sie ab, ich warne Sie! Der Ziegenbock oben! Der Ziegenbock unten! Der Ziegenbock oben! Der Ziegenbock unten!
„Kennen Sie sich hier aus?“ fragte der Mann.
„Ja.“
„Fährt diese Bahn nach Wolchonka?“ fragte der Mann.
„Nein“, sagte Aljoscha.
Der Mann ging nicht weg. Aljoscha hatte Lust, in seinen Schal zu beißen und zu rufen: „Schmeckt sehr schal!“ – wenn es nur den Mann verjagte.
„Fährt denn gar keine Bahn nach Wolchonka?“ fragte der Mann. Die großen Anzeigetafeln überall kümmerten ihn wohl nicht sehr.
„Doch. Wahrscheinlich die nächste.“
Wieder vergingen kostbare Sekunden.
„Wann kommt die denn?“
Unbeirrbar ging der Mann am Rande einer Ohrfeige spazieren.
„Bald. In fünf Minuten. Keine Panik.“
Der Mann machte runde Augen: „Ich? Panik? Wieso?“
Aljoscha dachte: weil sich gleich ein Loch auftut und dich verschluckt. Aber der Mann zog endlich weiter.
Und damit hatte SIE seine Stimme aus der Nähe vernommen. Beruhigend, daß man Gesagtes nicht an sich bringen kann, um Fernzauber damit zu treiben. Oder kann man? Vielleicht hatte SIE Mittel, um den Klang seiner Worte substantiell zu machen und einzureiben mit einem Gemisch aus Geckospucke, Viperntränen, Belladonna und Pulver aus dem Gürtel der Persephone und… Jessas. Wie sagt Majakowski in Seht, so ward ich ein Hund: „Sicher – die Nerven, gehn mir an die Nieren…“
Als die Metro in den Bahnhof eingerollt war und Aljoscha einstieg, folgte SIE ihm so spurgetreu, als würde SIE hinter ihm durch eine Schneewehe gehen. Unfaßbar, dachte er. SIE will es so. SIE will es so.
Er lehnte sich an eine Trennwand. Ob IHR das Gedränge keinen Ausweg ließ, oder ob SIE sich dazu entschloß, jedenfalls blieb SIE ganz nah bei ihm, als hätte er ein Anrecht auf das berauschende Gefühl dieser Nähe, auf den Reiz, der darin lag, daß SIE vor aller Augen eine Art von Zugehörigkeit vorspielte, andererseits aber nur sie beide wußten, was hier vor sich ging. Für diesen exklusiv exhibitionistischen Akt drehte SIE ihm, natürlich, den Rücken zu, und trotzdem war es, als würde er durch ein Schlüsselloch schauen, und als würde SIE es wünschen, ihn auf diese Weise zum Voyeur zu machen. Für eine kostbare Minute exquisiter Martern lud SIE seinen Blick ein, in IHR Haar zu tauchen und sich von den Wellenlinien jeder Strähne mitreißen zu lassen; dann, wenn SIE den Kopf ein wenig drehte, die Länge IHRER Wimpern zu studieren, während IHR Parfum ihm die Sinne verwirrte, Dufthauch einer prächtigen Blüte, die sich für einen luxuriösen Exzeß zur Schau stellt. Dann, als sich an einer Trennwand vis-à-vis ein Platz zum Stehen bot, nahm SIE diesen mit einer raschen und geschmeidigen Bewegung ein; es war unmöglich, zumindest für Aljoscha, dabei nicht an den lautlosen, waagrechten Sprung eines todsicheren Panthers zu denken. SIE warf herrisch den Kopf in den Nacken, schien einen scharfen, seltsam befriedigt wirkenden Atemzug zu tun und sah ihn kurz und beunruhigend an. Zum ersten Mal standen sie von Angesicht zu Angesicht.
Auge in Auge.
Woher kommen wir? Woher kommen wir zurück? Welche Sprache, in jedem Gedächtnis längst erloschen, sprachen wir? Welche Dynastie statuierte ein Exempel? Welchen Glauben erklärte sie für rechtens? Welchen Kult verbot sie? Welcher Tyrann ließ uns verfolgen? In welchem Land, in welchem Reich kam ich zu spät? Begehrte diese Frau Erinnerung an jene Stunde, da SIE an einen Pfahl gekettet war, zu Tode gequält von den Schergen des Herrschers? Erinnerung an den letzten schwachen Glanz in IHREN Augen? Erinnerung an seine zorngeballte Faust und seinen Schwur, diesen Glanz wiederzufinden, bevor die Sterne aufhören zu wandern? Ein Zucken IHRER Lippen – es lag Getriebensein darin und Grausamkeit. Oft wie nie zuvor fand er IHREN Blick, den Blick, der zwischen ihm und der Vernunft jedes Band zerschnitt. IHRE Haltung war gebieterisch und streng, IHRE ganze Erscheinung erteilte die Lektion, nichts erhoffen zu dürfen, niemals; und gerade darum glich IHR Blick einer Verzweiflungstat: die sehnsüchtige Aufmerksamkeit IHRER Augen wirkte scheu und beinahe flehentlich, als wollte SIE dem Zeichenlehrer sagen: laß mich Rosen tuschen in das Album deiner Not… IHRE Stiefelspitzen zeigten in so grundverschiedene Richtungen, daß es nur zwei Möglichkeiten gab: SIE war Ballettänzerin oder vom Teufel besessen.
Anschwellendes Dämonenheulen
Könnte man unsichtbar werden wie Ariel, der Luftgeist, um zu spionieren! Einmal nur sich umschauen in den Gemächern, die SIE bewohnte! Zwei oder drei Geheimnisse IHRES Lebens, um wenigstens die Nervosität ein wenig zu lindern! Bevorzugte SIE Kirschen oder Erdbeeren? Rosen oder Lilien? Paris im Frühling oder London nach Mitternacht? Sacher-Masoch oder den Marquis de Sade? Opium oder Shalimar? Trank SIE den Tee mit Zucker oder nicht? Liebte SIE vielleicht nur Frauen? Welches war der Spiegel, vor dem SIE IHRE Strumpfnaht richtete? Was bedeuteten die Bilder, die an den Wänden hingen? Erschienen jede Nacht dieselben Silhouetten vor dem Fenster? War Zeit ein Schwindel hier, im Schein von 13 Kerzen? Träumte SIE zuweilen, daß eine dieser Türen in unterirdische Verliese führte?
Hier, wo SIE aus IHREM langen, schweren Wintermantel glitt, in den gehüllt SIE auf den Straßen die Blicke der Verstohlenen mit eisiger Mißachtung strafte. Hier, wo IHR in einem schwarzen Universum milchig weißes Licht huldigend entgegenströmte. Hier, wo IHRE geschlossenen Lider erzitterten, wenn die Wesen in den unterirdischen Verliesen brüllten.
SIE schlägt die Augen auf und sieht: nicht ihn. SIE beobachtet nicht ihn mit kühlem Interesse und präziser Neugier. Mit IHR erhebt sich eine ägyptische Königin, gewillt, IHRE Macht zu erproben mit ruhiger Selbstverständichkeit. SIE läßt nicht ihn den Kuß der züngelnden Natter fühlen, dann IHREN eigenen Kuß, und nicht ihm schmilzt das Rückgrat in der Glut. SIE schmiegt sich an die bronzene Katzengöttin, eingesperrt in ein fremdes Jahrhundert wie in einen Kerker voller Seufzer, deren Echos keinen Ausweg finden. Während SIE in unangreifbarer Reinheit thront, läßt SIE nicht ihn sein Verlangen büßen. Die Sterne werden rasend. Nebelschwaden kriechen durch den Korridor. Aljoscha kniet, die Hände auf dem eisigen Stein, den Blick zur schönen Peinigerin erhoben, die nicht ihm unter seidigen Bedingungen IHREN Willen aufzwingt. Nicht er streckt die Hände nach IHR aus wie eine verdammte Seele. SIE legt sich auf einen steinernen Altar wie auf einen Diwan, hingegossen, man hätte SIE für wollüstig halten können, eine Bewegung IHRER Beine verursacht anschwellendes Dämonenheulen – und der Hauptmann, der hervorwächst aus dem Nebel, brüllt martialisch – und Aljoscha heult sein eigenes Heulen, als er die blanke Klinge in den Hauptmann rammt und den Widersacher meuchelt und ein ganzer Lebensstrom die steilen Stufen in die Tiefe rinnt. In der Bredouille war Aljoscha an der Peripherie des Wirklichen – und im Zentrum des Phantastischen.
– Artwork CE – Foto CE – A. E. Waite Tarot Card – Artwork CE – Artwork CE
Aljoscha Tuschkin glaubte an eine Führerin durch alle neun kreisenden Sphären des Universums. Das war die unzeitgemäße, antiquierte, vielleicht auch futuristische Idee des Erstgeborenen, der jede Widerlegung dieser Idee in seinem Herzen widerlegte und in dieser Frage, auch wenn man ihm erklärt hätte, daß leben lernen ein Leben dauert, alles gute Zureden ignorierte. Er hatte immer glauben wollen, daß über diese Erde, diesen Asphalt, diese Brücken, unter diesem Mond, unter diesem Morgenstern, unter diesem Abendhimmel und unter diesen Satelliten, zwischen diesen Statuen und Parkbänken und Laternenpfählen, durch diese Gemäuer und durch diese Korridore jene Eine und Einzige wandelte, für die er geboren war, jene eine Tochter, der er versprochen war seit der Entstehung des Wasserstoffs. Er hielt das selbst für ziemlich dumm, aber „o Dummheit, wenn du doch ohne mich regieren wolltest“ stöhnte einer wie er völlig vergeblich. Es gab dieses Etwas, das als Engel am Bühnenrand entlang schritt und dem er verfallen sein würde, solange er lebte.
Ein Saufaus namens Aristophanes, wohnhaft in einer Zeit ohne Nachnamen, streute bei einem Symposion das Gerücht, die Menschheit habe ehedem aus Kugelwesen bestanden, was an sich eher geschuckt klingt und nicht dazu geeignet, die herrschende Meinung über Philosophen irgendwie zu ändern, aber mit einer homöopathischen Dosis gutem Willen wird man die Kugel als ideale Form wohl anerkennen können. Diese Kugelwesen also, behauptet Aristophanes, wurden sämtlich in zwei Hälften gespalten, was deutlich nach dem Schnickschnack aussieht, mit dem göttliche Mächte sich allenthalben zu beschäftigen scheinen: das Universum krümmen, eine Lichtgeschwindigkeits-Begrenzung festsetzen, 100 Sekunden nach dem Urknall die Temperatur auf 1 Milliarde Grad Celsius fallen lassen, warum also nicht Kugelwesen spalten. Jede Hälfte sucht nun auf Erden ihr Pendant, und so gaben die Götter den Menschen Sehnsucht, Liebe und Verlangen. Eine akzeptable Theorie, wäre nicht besagter Aristophanes Komödiendichter gewesen.
Manchmal, wenn Aljoscha aufs Meer hinaus sah
Manchmal, wenn Aljoscha aufs Meer hinaus sah, meinte er sich an sein Schiff erinnern zu können, an das Ächzen und Knarren der Planken und Spanten, an das verzerrte Gesicht des Steuermanns, an Admiral Nelson, der nachts bei rauher See bisweilen aufstand, um die Schiffskatze zu trösten. Das ließ seine erste Ehe scheitern.
Es war ihm selber ein Rätsel, aber wenn er wollte, konnte Aljoscha nahezu waschechtes Cockney-Englisch sprechen. Und in einem verschämten Winkel seines Herzens glaubte er, daß er in einem früheren Leben hinter einem der Fenster aufgewachsen war, unter denen die Huren von Whitechapel Wünsche weckten und nicht selten auch an Ort und Stelle erfüllten, daß er dann ausgerückt war zu den Docks von Bristol oder Plymouth, in Moloneys Bar seine Seele für ein paar Silbermünzen und eine Blasphemie verkauft hatte und dann an Bord gegangen war. Dafür sprach unbedingt, daß die alten Lieder aus England, Irland oder Schottland, die vom Leben der wehmütigen Seemänner und der tapferen Fabrikmädchen handelten, von blutigen Schurken wie Long Lankin, von der toten Braut, die als Geist zurückkehrt, oder von Thomas The Rhymer, den die Elfenkönigin ins Elfenland entführt, in Aljoscha stets den ungereimten Wunsch weckten, in der Zeit dieser Lieder gelebt zu haben – bis er sich eben sagte: das habe ich dann ja wohl, verflucht.
Oft war es Musik, bei der die Melodie sich über einem einzigen beständig durchgehaltenen Akkord erhob; schon das machte Aljoscha völlig widerstandslos. Wie ein fester Blick, in dem die Macht von tausend Worten liegt. Eine Weite tat sich auf zum Auf-die-Knie-Sinken, und jede Melodie darin klang wie das erste oder letzte Lied auf Erden. Und wenn dann auch noch D-Dur die Tonart war! A Sailor’s Life, ein ganzes Seemannsleben in D-Dur… Aljoscha konnte keine Noten lesen, aber sobald er Musik hörte, bei der er sich wünschte, daß sie niemals aufhört, konnte er 100 Guineas darauf setzen, daß D-Dur im Spiel war.
Wenn er also in einem früheren Leben Seemann gewesen und ertrunken war, wenn ihn die Undinen auf den Meeresgrund gezogen hatten, wenn in diesem Leben nun sein Ohr so überaus empfänglich für D-Dur war, und wenn das Meer uns ein Gedächtnis gibt für das letzte, was man hört nach einem Schiffbruch, dann konnte das zusammengefaßt nur eins bedeuten: die Undinen sangen in D-Dur.
Der Himmel wird brechen
Und da stand sie. Die unentzifferbare Wahrheit des Schauerlichen. SIE.
Aljoscha kannte IHREN Namen nicht, doch er kannte SIE, erkannte SIE, sie erkannten sich, buchstäblich und nicht im biblischen Sinne. Niemand hätte Zeuge sein können, niemand hätte vermutet, daß die kaum merkliche Regung auf dem Gesicht der jungen Frau in Verbindung stand mit dem flüchtigen Blick des jungen Mannes, der gute fünf Meter von IHR entfernt stehenblieb, weil eine Eingebung oder eine Erinnerung oder die Stimme der Isis ihm sagte, daß er nicht zu weit gehen durfte, buchstäblich und in jedem anderen Sinne.
Seine Sinne gerieten in kompletten Aufruhr, seine Nervenbahnen glichen den Straßen von Kalkutta, wildes unverständliches aufgeregtes Gestikulieren im Gangesdelta seines ZNS, Aljoscha vertiefte sich in sein Buch und verstand von dem, was er da las, kein Wort mehr. Er starrte auf die Zeilen, aber seine Augen gehorchten einer technischen Störung. Aljoscha stand auf dem Bahnsteig von Wolchonka mit einer Wahrnehmung, die auf einen Punkt im All fokussiert war, der fünf Meter links von ihm lag, nur noch auf das reagierend, was da zu empfangen war. Und es war da, um empfangen zu werden. Die Erregungsübertragung in seinen Synapsen randalierte, als wollte sie verhaftet werden. Er stand völlig still, und sein Inneres tanzte einen Veitstanz.
Mit überlegener Noblesse hatte SIE sich im Hintergrund gehalten, nahe bei den Schaukästen mit den Fahrplänen. Als eine Minute verstrichen war, maß der Abstand zwischen IHR und ihm jedoch nicht mehr die ursprünglichen fünf Meter. Die Distanz verringerte sich, ohne daß Aljoscha sich von der Stelle rührte. Teile, addiere, multipliziere und verstehe.
Immer mehr Menschen drängten auf den Bahnsteig und schoben sich, ohne es zu merken, in einen Strahl allerfeinster Teilchen, in den durch beschleunigten Herzschlag aufgeladenen Ionensturm zwischen zwei scheinbar unbeteiligten Menschen, aber nichts und niemand unterbrach Aljoscha beim Empfinden jener Macht zu seiner Linken. IHRE Nähe beschlich ihn panthergleich, und Aljoscha ahnte, welche Veränderung jetzt heraufbeschworen wurde. Diese Ahnung war es, die ihn beinahe niedersinken ließ. Er hätte jetzt nur noch den Arm ausstrecken müssen, um SIE zu berühren. Mit überlegener Noblesse hatte SIE sich im Hintergrund gehalten, um alle Fahrpläne außer Kraft zu setzen.
Er sah er SIE an, mit einer Frage in den Augen. SIE erwiderte den Blick, kurz und knapp, aber mit einer Antwort in den Augen. Es war, als hätte jemand Schach geboten.
Langsam rollte die Metro nach Putjagora ein. Aljoscha ließ sein Buch verschwinden, und SIE, bei Isis, ließ erkennen, daß SIE mit ihm einsteigen und nicht von seiner Seite weichen würde. SIE änderte die Spielregeln. Er steuerte wie in Trance auf eine der Metrotüren zu, vor denen sich Menschenmengen stauten. Das Einsteigen zog sich hin… Aljoscha spürte, mit welch mathematischer Präzision dieses Zeitlupentempo auf etwas zulief, das seine Kräfte überstieg – im allerletzten Augenblick floh Aljoscha aus IHREM Bann und bestieg den Metrowaggon durch eine andere Tür. Solch abrupter Richtungsänderung konnte SIE nicht folgen, würde SIE nicht folgen – und SIE folgte nicht.
Als die Metro sich in Bewegung setzte, fand Aljoscha seine Fassung wieder. Er dachte die Gedanken, die Deserteure eben denken. SIE mußte sich irgendwo in diesem langen Waggon befinden, in dem etwa ein Viertel der Weltbevölkerung enerviert aus der Wäsche schaute. Noch vor zwei Minuten hätte Aljoscha überhaupt darauf gesetzt, daß SIE die Metro nehmen würde, die durch die noblen Stadtteile in Richtung Belonosko fuhr. Die bourgeoise Metro. Die Putjagora-Metro war die Metro des Proletariats. Die Wege des Herrn, nur halb so unergründlich wie die der Herrin. Aber wenn man es genau betrachtete, hätte die bourgeoise Metro ebensowenig zu IHR gepaßt. Was hätte überhaupt zu IHR gepaßt? Vielleicht eine Petersburger Troika auf einem zugefrorenen See, weiße Pferde links und rechts und ein schwarzes in der Mitte.
Woroprod, die erste Station, und wer starrte so gebannt aus dem verschmutzten Fenster wie Aljoscha? SIE war nicht ausgestiegen. Eine Metro voll eschatologischer Erwartung rollte weiter durch den trüben Winterabend.
Dobropol, die nächste Station. „Nicht hier! Das geht nicht!“ dachte Aljoscha – SIE war ausgestiegen. Auf der anderen Seite der schmutzigen Glasscheibe sah er die Katzenmenschenfrau mit eiligen Schritten entschwinden, hier, schon, warum denn ausgerechnet hier? Dobropol? Unfaßbar. Unmöglich. Dobropol. Ha.
Ozeane von Bildern und Gedanken überfluteten Aljoscha in dieser Nacht, kein Damm hielt stand, das war der Untergang, wie süß! Seit Stunden ging das so, und anders ging es nicht. Der Himmel wird brechen, weiß eine orientalische Sage, es sei denn, der Dicke, der Unendlich Dicke, schluckt jeden Tag eine Murmel. Aljoscha betrachtete die Sterne und fragte sich, ob sie wohl günstig standen oder ungünstig, jedenfalls standen sie, blinkend wie Tigeraugen im Dschungel, und sie hatten etwas vor. Scheinbar lag der Kosmos immer noch an dem Ort, von dem man wußte, daß er da lag. Wenn in dieser Nacht kein Vollmond schien, war es ein Versehen.
Eine neue Zeitrechnung
Eine neue Zeitrechnung hielt Einzug in Aljoschas Leben. Eine Zeitrechnung von Dienstag zu Dienstag.
Als Aljoscha am Donnerstag mit der Metro zur Universität fuhr, sah er beim Halt in Dobropol mit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. Vor 48 Stunden war SIE hier ausgestiegen: Neubauten zur Rechten, Einfamilienhäuser links. Eine Atmosphäre von Verlassenheit und Öde über allem, mitten in der Großstadt. Ein Quartier, durch das drei Monate alte Zeitungen wehten. Vielleicht waren die fragwürdigen Tendenzen, die den fahlen Lichtschein scheuen, hier nicht fragwürdiger als anderswo, vielleicht war die finstere Tätigkeit, die Schuldlast mehrt, hier nicht finsterer als anderswo, vielleicht brach sich hier in kalter Nacht der Wind an der zum Umpusten ausgemergelten Gestalt eines einsamen Stromers, vor dem sich die Betonburg wie eine Gewitterwand auftürmte. Aber der Klang IHRER Absätze hier… was fängt die Einbildungskraft damit an? Hatte SIE hier IHRE Wohnung? Oder ein ganz anderes Ziel?
Freitag. Aljoscha sprach seit einer guten Stunde am Telephon mit Leda, als ihm, Schuß ins Auge, plötzlich aufging, daß das wahre Leben schon woanders war. Er selbst war längst woanders. Auf der anderen Seite des Spiegels. Es war möglich: er konnte der Welt das Spiegelbild jener Geschichte zeigen, die sich eben zutrug an der Oberfläche, doch diese Geschichte war für ihn wie Tarnung. In der Welt hinter dem Spiegel schaute er sich um mit angespannter Wachsamkeit, ein Spion durch Transition, im Hinter-Land der Wirklichkeit.
Am Sonnabend war Dienstag vier Tage her.
Am Sonntag fuhren Leda und Aljoscha aus der Stadt heraus, ließen den Wagen in der Nähe eines Schloßparks stehen und wanderten in den Nebel, den die Dämmerung brachte. Krähen stiegen auf, und in der Ferne bellte heiser und unermüdlich ein Hund. Aljoscha erwartete noch ein Rudel Wölfe und eine Pokerrunde Moorleichen.
„Ich weiß genau, wenn wir erst zusammen wohnen, wird alles einfacher“, sagte Leda und umschlang ihn fester. „Nicht wahr, das glaubst du doch auch? Aljoscha?“
„Manches“, sagte er. „Nicht alles. Manches ist entweder da, oder es ist nicht da. Und wenn es jetzt nicht da ist, wird es nie da sein.“ Er ging weiter, als würde Leda ihn nicht fester umschlingen. „Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich sagte: wenn du mich wirklich willst, dann bekommst du mich restlos, aber bedenke, daß ich dich genauso restlos will –?“
„Natürlich erinnere ich mich, warum?“
„Wir hatten uns nie restlos, oder?“
Leda ließ ihn los. „Ich empfinde nicht so, nicht im mindesten, und ich weiß auch nicht, warum du immer so grundsätzlich wirst!“
Sie überquerten eine Holzbrücke. Herabgefallenes Laub bedeckte den Wassergraben wie eine gemusterte Decke. Ein paar Untote schwebten grinsend vorbei.
„Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich sagte: ich verfluche jede Stunde, in der ich nicht weiß, was du fühlst, und wenn du das nicht mehr ertragen kannst, werde ich dich auf andere Weise lieben… und dich dabei verlieren –?“
„Jetzt aber genug davon! Wenn das dich quält – nun, dann sollten wir gleich morgen damit anfangen, eine Wohnung zu suchen! Ich erinnere mich nämlich auch daran, daß du einmal sagtest, du würdest erst zufrieden sein, wenn du Tag und Nacht mit mir zusammen bist!“
„Klang wie eine Drohung, was?“
„Nein, das klang sehr schön!“
Sie erreichten das Rondeau, auf dem einst Vierspänner zum Stehen gekommen waren, und Aljoscha betrachtete die wenigen erleuchteten Fenster des Herrenhauses wehmütig wie einer, der Wache halten muß die ganze Nacht und seine klammen Runden macht im Schmatzen nasser Erde.
Wenn man es pragmatisch sah, hatte Leda recht: lebten sie erst einmal zusammen, würden sich die Dinge leichter richten lassen. Aber das war eine A-Dur-Betrachtung der Dinge, und so wie die Dinge lagen, hieß das vor allem keine D-Dur-Betrachtung der Dinge, und da war schlechterdings kein Mittelding dingfest zu machen. A-Dur ist von kluger Diesseitigkeit, realistisch wie die Kornsieberinnen von Courbet. Mit zarter Sympathie für das Skurrile, aber niemals ungesund entrückt. A-Dur hat etwas Versicherndes. A ist für Akkommodation. Wenn D-Dur der Eingang in das Labyrinth ist, dann ist A-Dur der Ariadnefaden. A-Dur stellt sich zur Verfügung, räumt Steine aus dem Weg, reicht die Hand und stärkt den Rücken. Von A-Dur aus sind die Wege klar und deutlich. A ist für Apollon. Wenn D-Dur geschürte Spannung ist, dann ist A-Dur der beendete Schwebezustand, der Fuß auf dem Erdboden, das Erdende überhaupt, das Heimleuchten, das Klipp- und Klare, das durchaus Robuste, die kluge Entscheidung, die weisen Jungfrauen, der merkurische Verstand. A-Dur sorgt ganz unsentimental für Sachlichkeit. A-Dur, das sind die schnörkellos unterzeichneten Dekrete des Königs und die aus der Stadt gejagten Gaukler, Falschspieler und Hochstapler. A-Dur kennt nichts hinter den Dingen und steckt vier Pflöcke zum Quadrat.
Dagegen ist D-Dur die Frau auf einem Hügel, die Ausschau hält nach einem Reiter. Die Farbe, die im Regenbogen fehlt. Die Göttin, die nicht in ihrem Tempel bleibt. Eine Nacht aus unerklärlichem Licht. Der Schein hinter der Wahrheit hinter dem Schein. D-Dur ist der Blick zwischen Lancelot und Guinevere. Der nahe Atem einer nächtlichen Besucherin. Der schwarze Adler, der sich im All verliert. Ein Ruf in einer Schneelandschaft. Erinnerung an einen fernen Nachmittag, als ein Wispern war im Blätterrauschen. Vernichtung einer klaren Antwort. D-Dur behauptet: Mögliches kann niemals aufgehoben werden. Also ist Mögliches begründet durch unbedingt Notwendiges. D-Dur ist, was Felsen bröckeln läßt.
An den Fels, von dem es hieß, er würde niemals bröckeln, dachte Aljoscha, als der Kies der Einfahrt unter seinen Schuhen knirschte. Ein Tupfer fahlen Mondlichts erschien hinter den Wolken. Leda nahm Aljoschas Hand, doch etwas Schauerliches griff nach ihm.
Der Mann der Stunde war Nick Cave
In seinen vier Wänden angelangt benötigte Aljoscha dringend einen Energieschub: gut, daß er aus Musik Energie aufnehmen konnte, als wären Töne Kalorien; zur Not funktionierte das Kopfhörerkabel wie ein Infusionsschlauch. Der Mann der Stunde war Nick Cave, ehedem Sänger der Birthday Party, einer Combo, die so klang wie der eiskalte Samen des Teufels sich anfühlen mußte. Cave zog durch seine Texte wie ein Wanderprediger mit Dreck am Stecken zwischen Sumpfland, Strumpfband und Altem Testament. Sein Spießgeselle war jetzt nicht mehr der seltsame Rowland S. Howard, der mit seinen weinenwollenden großen Augen wirkte wie ein im Cabinet des Dr. Caligari Vergessener und von dessen Gitarre Georg Büchner sagte, daß sie wie ein offenes Rasiermesser durch die Gegend lief (man schnitt sich an ihr), sondern Blixa Bargeld, dessen luziferisches Gebrodel über Caves Lieder kroch wie eine Tarantel übers Bett. Kicking Against The Pricks und Your Funeral, My Trial von Nick Cave schärften den Sinn für die manische Unschuld der Obsession.
– Zeichnung von Heinrich Vogeler, Worpsweder Archiv – Fairport Convention, A Sailor’s Life – Artwork CE – Artwork CE – Nick Cave & The Bad Seeds, Kicking Against The Pricks, Albumcover
Was dann kam, war anders, unvorstellbar anders. Zunächst war nur Vibrieren, eine schaurige Präsenz, aus unendlichen Tiefen kommend, als Klang zunächst kaum hörbar; dann, so unerwartet, als würde eine Statue ihr steinernes Haupt bewegen, eine Stimme. Eine Frauenstimme. Eine Welt entfernt.
O MENSCH
singt sie und etwas regt sich, 2000 Faden tief, là-bas,
O MENSCH
auferweckt, beschworen,
GIB ACHT
unbeirrbar aufsteigend, höher und höher,
GIB ACHT
bis es an die Oberfläche kommt und auftaucht unter einem Purpurhimmel,
WAS SPRICHT DIE TIEFE MITTERNACHT?
schattenlos sich erhebend in unheimlicher Stille, unauslöschlich, unausweichlich – die Gestalt der Namenlosen, die namenlose Gestalt.
ICH SCHLIEF! ICH SCHLIEF!
Ihre Macht ist göttlich genug, um Blasphemie zu sein. Sie kennt ihre Opfer. Sie macht sich auf den Weg, um
AUS TIEFEM TRAUM
in tiefen Traum
BIN ICH ERWACHT
zu führen einen Erstgeborenen und ihn an vergessene Weisen zu erinnern, vergessene Seinsweisen, versunkene Kaskaden quälend süßer Töne, wie sie die Undinen singen.
DIE WELT IST TIEF
Die nunmehr Anwesende legt über ihn den Hauch des Abwesenden und spricht: „Du bist nur halb von dieser Welt.“
UND TIEFER ALS DER TAG GEDACHT
Sie schießt ihm eine Silberkugel durch den Kopf und spricht: „Unbedingte Liebe oder überhaupt nichts. Die Wurzeln sind abgeschnitten. Du wirst verdorren.“
TIEF IST IHR WEH
Sie schlingt die Arme um ihn, und ihre Augen sind Speere aus Licht, und sie spricht: „Aber eine Sehnsucht ist in dir, mächtig wie Tigersprünge, maßlos wie Prinzenwünsche, geduldig wie ein Reptil.“
LUST –
Sie peitscht ihn mit Ruten und spricht: „Sie rührt sich nicht. Doch sie ist hellwach. Und so viel älter als das Schlaflied, das die Welt ihr singt.“
TIEFER NOCH ALS HERZELEID
Sie zeigt sich in den Winkelspiegeln eines Kaleidoskops, in dem bunte Glassplitter zu Sternen werden, und sie spricht: „Schönbildschauer, meine Gunst ist ein Palast, mit hunderttausend Juwelen geschmückt. Lerne zu vergessen und tritt ein.“
WEH SPRICHT: VERGEH!
Sie steht in einem perfekten Kreis und spricht: „Glaubst du an die Möglichkeit des Ideals, das Seiende zu berühren?“
DOCH ALLE LUST WILL EWIGKEIT, WILL
Sie benetzt sein Auge mit einer Träne und spricht: „Du bist das Auge. Du bist der Schauplatz. Finde die eine Illusion, von der du vergessen kannst, daß sie eine ist.“
TIEFE, TIEFE EWIGKEIT
Morgenglocken lösten den Bann: der Traum verflüssigte, die Umgebung nahm ihren Platz wieder ein. Auch der Namenlose auf der Bühne rieb sich die Augen: er sah ein ätherisches weibliches Wesen – einen Engel. Jähe Lichtung. Kehre des Seins. Er näherte sich vorsichtig, und der Engel scheute nicht zurück, gab sich zum Pas de deux, zum Nichts als Zwei…
Oder war dies wieder nur ein Traum in einem Traum? Zur Schlußsequenz der Symphonie über schicksalsschweren Paukenschlägen schritt das engelhafte Wesen am Bühnenrand von rechts nach links, als müßte es die Parade der vom Schattenreich mit einem Gestellungsbefehl Versehenen abnehmen, schritt langsam von einem Ende zum anderen, von Kether zu Malkuth, vom Sein zum Woanderssein, von den Brettern, die die Welt bedeuten, zum Ausgang, von der Wirklichkeit zum Riß in der Wirklichkeit, von irgendeinem Hier zu irgendeinem Dort.
Und gerade so, als läge im Erscheinen dieses ätherischen Wesens nichts anderes als ein immerwährendes Urteil, das Unerreichbarkeit verhängt, sah der Namenlose aus der Ferne zu wie ein Gerufener, der doch nicht folgen kann, obgleich es sein Wille ist. Und mit einem letzten Blick in ihre unbewegten Augen fragte er sie – nichts. Er fragte sich, ob er sie wohl jemals wiedersehen würde. Und sagte stumm Adieu.
War dies das Ende? Oder schritt sie nur voraus auf einem Weg ins Folgenschwere, in eine wirkliche Geschichte, die vielleicht immer schon bestanden hat, als einzig mögliche? Es gab keine Antwort mehr auf diese Frage. Der Vorhang war gefallen.
Die Menge gönnte den Tänzern stürmische Ovationen, um sich dann doch recht eilig zu zerstreuen. Aljoscha sah sich um. Er hätte gerne noch auf irgendwas gewartet, doch er wußte nicht, worauf.
Herr Vecchio, sind Sie noch wach?
Oder auch nur Laute spielen und den Hals riskieren, wenn man in Gegenwart des dicken Fürsten Verse auf die Fürstin vortrug, nur irgendwo sein, wo noch eine Idee war und nicht nur Hühnerschiß. Was konnte in diesem Jahrhundert einer werden, der sich Lieben und Lernen auf die Fahne geschrieben hätte? Was galt einer, der darin Aufgabe genug sah? Wohin mit einem, der grimmig einen Fuß vor den anderen setzte zwischen Wohnblocks und Kaufhäusern und dabei dachte: Besser, Pferdeknecht zu sein an einem Mädchenpensionat, im Jahre 1900!
Freilich, es hatte diesen einleuchtenden Augenblick gegeben letztes Jahr, als er in Paris war und beim Sonnenuntergang im Jardin du Luxembourg von seinem Buch aufsah, weil es ihm plötzlich so erschien, als sei er eben an sich selbst vorbeigegangen mit den Worten: „Der da sitzt, das ist Aljoscha Tuschkin, der die Philosophie studiert und Leda Geltzer liebt“, und ein Glücksgefühl durchströmte ihn, weil alles auf so unfaßbare Weise richtig schien, diese Stadt, der Sonnenuntergang, der Park; das, was alle taten in diesem Park, und das, was er, Aljoscha Tuschkin, in diesem Leben tat.
Während er noch an diesen Glücksmoment dachte, spürte Aljoscha, daß da etwas näher kam aus einem Korridor. Sehr bestimmt und würdevoll, indes sehr langsam. Es war die leere Fülle einer Entität, und sie schien ein Zipperlein zu haben.
„Ähem“, machte die Entität. „Hörte ich Lieben und Lernen?“
„Jawohl! Zu lieben lernen und das Lernen lieben! Wissenwollen, Liebenwollen! Nicht wahr, das ist doch Philosophieren?“ rief Aljoscha.
„Liebenwollen? Hier in meiner Bibliothek?“
„Sind Sie nicht Herr Cosimo, der große Förderer der Künste? Der es Marsilio Ficino ermöglichte, hier in Florenz eine platonische Akademie zu gründen?“
„Nun ja. Kann sein. Ficino, sagst du?“
„Man hat etwas überaus Bedeutendes herausgefunden, Signore de Medici! Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen davon Mitteilung mache. Philosophie, das heißt doch Liebe zur Weisheit. Und die Götter, Herr von Medici, die Götter philosophieren nicht. Denn sie sind ja weise. Nicht wahr, was soll man da philosophieren? Und die Liebe, was ist das? Besitzenwollen und zugleich das Gegenteil von Besitz. Sie stimmen zu?“
„Si, si“, gähnte Cosimo der Alte.
„Die Weisheit ist also bei den Göttern. Das Streben nach Weisheit ist Sache der Menschen. Und die logische Folge daraus ist: alles Philosophieren ist erotisch. Ich weiß, Sie wollen sagen, das ist keineswegs die logische Folge. Gut. Schön. Warten Sie… hier, Platons Symposion! Schlagen Sie es auf, Herr Cosimo, und berauschen Sie sich daran, wie Sokrates der Vorstellung, Eros sei ein Gott, den Wert einer zermatschten Weintraube beimißt. Eros ist kein Gott! Eros ist ein Daimon. Ein Zwischenwesen ganz einfach. Nicht irdisch, nicht göttlich, sondern dazwischenseiend, wissen Sie? Und zwar für immer. Und Eros ist so dazwischen, eben weil er das Göttliche begehrt. Das heißt, wo Eros wirkt, da ist das Irdische unterwegs zum Göttlichen. Das ist brillant, nicht wahr? Wie kann man da widersprechen? Eros strebt, weil er verlangt. Also ist das Streben erotisch! Das ist doch wohl die logische Folge! Wenn Eros uns antreibt, begehren wir Göttliches. Sie wissen das alles, Herr Cosimo, und Sie wissen, welche Macht es ist, die diesen Daimon anzieht. Die Schönheit! Schon in der Sphäre der Ideen, das sagt doch Platon, ist Schönheit die Idee, die glänzt wie keine andere. Ja, daß sie überhaupt glänzt! Wie kann eine Idee glänzen? Sie kann, sie muß! Damit wir uns an sie erinnern, wenn wir die Schönheit treffen, hier im Irdischen! Denn die Schönheit will, daß wir das Göttliche in ihr verlangen. Und nun, wenn wir begriffen haben, mein lieber Vecchio, daß die Schönheit so göttlich wie die Weisheit ist, was dann? Dann ist der ein Philosoph, den das Schöne – ich darf so sagen – erotisiert. Er strebt zum Göttlichen, ganz wie einer, der nach Weisheit strebt. Das hat man herausgefunden! Ist das nicht großartig? Philosophie ist erotisch, und Erotik, Herr Cosimo, ist Philosophie. Und nun erklären Sie mir, warum der große Sokrates behauptet, sein ganzes Wissen über Eros einer Priesterin mit Namen Diotima zu verdanken. Gar nichts soll das nicht sagen! Was für ein Zufall soll das sein, daß die Weisheit weiblich ist? Ist es vielleicht Zufall, daß Eva anfing, mit der Schlange zu verhandeln? Was, frage ich Sie, nimmt Eva aus dem Paradies mit? Einen nicht mehr einholbaren Vorsprung an Autonomie gegenüber diesem Obrigkeitshörigen, diesem Gesetzesfanatiker Adam. Ist es vielleicht auch Zufall, daß die schöne Hypatia, diese glänzende Philosophin aus Alexandria, gesteinigt wurde von einem christlichen Mob? Wie? Und daß Dante von Vergil durch die Hölle geführt wird, von Beatrice aber durch alle neun Sphären des Paradieses, vom Mondhimmel bis zum Kristallhimmel und zur Anschauung des Göttlichen, ist das auch Zufall? Die Frau ist das überlegene Geschlecht, Herr Cosimo, nur glauben das die meisten Frauen nicht. Dabei könnten sie dem albernen Treiben zusehen, als wären sie die Sterne, die alles schon längst wissen… Herr Vecchio, sind Sie noch wach? Hören Sie? Diese Hypatia, das war auch eine glänzende Mathematikerin, und die Schulpreise für Mathematik gingen nur deshalb lange nicht mehr an die Mädchen, weil die keine Lust hatten, gesteinigt zu werden! Aber das versteht sich doch von selbst, daß der stille Waliser den Heiligen Gral gefunden hat und nicht eine stille Waliserin! Oder glauben Sie an die Notwendigkeit, der Vollkommenheit Beine machen zu müssen? Oder eine Taille? Haben Sie gehört, wie Marlene Dietrich sagte: Hello, boys…?“
„Seltsamer Junge“, sagte Cosimo der Alte.
Aljoscha stand noch immer auf der Treppe der Laurenziana-Bibliothek. Etwas in ihm lag brach wie sibirisches Land, trotz des Sonnenuntergangs im Jardin du Luxembourg. „Aber wo fehlt’s denn bei Ihnen?“ schnarrte eine Sachbearbeiterstimme vom Schreibpult der Daseins-Verwaltungs-Angelegenheiten her, eine kleinlaut machende Stimme, der man nur antworten konnte: „Ja, wenn ich das wüßte“ und „Bitte die Störung zu entschuldigen“.
„Woran denkst du?“ fragte Leda.
Unterweltsgöttinnenhülle!
In der Galleria del Costume kam der Geist über Leda. Sie bewunderte die alten Stoffe, den Schnitt früherer Moden, sie studierte die Qualität der Verarbeitung und ignorierte, Zeichen der Ekstase, zwei oder drei Berühren verboten. Ihr Entzücken war ein sachverständiges, und ein schwarzes Charleston-Kleid wurde nicht von einem lasziven Vamp mit Perlenkette und Zigarettenspitze vorgeführt, sondern von der weißen Puppe Nr. 40. Aljoscha aber beschäftigten solche Fragen: welche Contessa hatte einst diese unfaßbar zierlichen Handschuhe von ihren unfaßbar grazilen Händen gestreift? Auf welches Bein hatten diese Spitzenstrümpfe ein Ornament im spätgotischen Flamboyantstil gezeichnet? Erweiterte die eingeengte Taille das Bewußtsein?
„Ein schwarzer Seidenstrumpf ist wie eine Glasur“, erklärte Aljoscha ungefragt. „Eine Glasur aus Dunkelheit. Geschmolzene Dunkelheit. Die Dunkelheit geschmolzener Träume. Auf dem Bein wie Blattgold auf einer Ikone. Sakraler Glanz eigentlich. Die Haut unter dem Glanz wird unberührbar. Durch den Schutz betont, durch die Betonung geschützt. Stiefel aus göttlichem Lack. Schwarze Rüstung als bloße Idee.“
„Ein Seidenstrumpf ist ein Kleidungsstück, Aljoscha.“
„Festgezurrt wie das Jagdkleid der Artemis! Schwarzes Licht, das sich über einen Schenkel ergießt! Unterweltsgöttinnenhülle!“
Der Blick ist es, dein eigener
Pjotr, der sonst zur Not mit dem Teufel nach Rom gefahren wäre, war wirklich mit den Nerven zu Fuß und beschloß, in der Spelunke gegenüber den Schrecken mit ein paar Gläschen einzulullen; später am Abend rief er nochmals an, ein paar Wattebäuschchen im Mund, aber wieder halbwegs versammelt, und als er Aljoscha den Fortgang seiner Arbeit schilderte, sah er wieder klar:
„Ich werde in den Kopf der Sphinx ein blaues und ein rotes Auge setzen! Blau für die Unendlichkeit… die Ewigkeit… das Absolute. Rot, die Liebe. Aber in dem Dings, in der Zone, in dem Spannungsfeld der Projektionen können sich Blau und Rot für den Betrachter zu Violett vermischen, der Farbe des Todes…“
„Je nachdem, wie man sie ansieht“, meinte Aljoscha, „führt die Sphinx also in Verzückung oder ins Verderben.“
„Genau!“ schrie Pjotr. „Es kommt darauf an, wie man vor sie tritt! Der Blick ist es, dein eigener!“
Der Blick ist es, dein eigener.
Was ganz nah vor Augen ist, verschwimmt – man kann es nicht mehr deutlich sehen. Der Blick, der die Welt erfaßt, trennt den Sehenden von ihr: Sehen heißt, Distanz zu schaffen und Entfernung. Der Blick bringt zur Strecke. Er gleitet über Außenseiten. Er weiß nichts von der alten Rastafari-Parole Distanziere kein Objekt. Er sieht eine spanische Wand neben der anderen. Jedes Ding hat mehr als eine Seite, mehr als zwei, mehr als die Seiten, die es Phänomen sein lassen, und selbst wenn man unentwegt die Stellung ändert, kann man nicht das ganze Ding, das Ding an sich sehen. Könnte man es, wäre das Ding nicht mehr das Ding, und man selbst wäre nicht mehr man selbst. Man kann es aber nicht, und darum ist Sehen ständiges Nachsehen. Nichts paßt in einen Augenblick, nur eins: ein anderer Augenblick.
Denn Blicke, die sich treffen, setzen Zeit und Dauer und Entfernung außer Kraft: ein exklusiver Stromkreis wird geschlossen, der in der Realität einen Kurzschluß auslöst. Während das Auge die Welt vergeblich zu penetrieren versucht, dringt durch das Ohr die Außenwelt ins Innere, behauptet man; darum sei Hören ein Verschmelzen mit der Welt. Aber, dachte Aljoscha, durch den Lichtstrahl des Augenzaubers gelangt doch auch das Innerste nach außen; also ist der Blick auch Hingabe. Die Pupille, die von Verengerer und Erweiterer verstellte, von der Iris umkränzte Blende, ist auch eine Austrittsstelle, durch die ein Universum hinaus stößt, eine Innenwelt, die sich wie nach einem Urknall ausdehnen will. Im Blau des Auges – wenn die Iris kurzwellige Strahlen besser reflektiert als langwellige – oder im Grün oder im Mandelbraun erscheint ein Lebenslauf, als würde Seele schimmern auf der Netzhaut. Träume, Hoffnungen, Enttäuschungen, Erinnerung, Verlangen, Warnung, Hilferufe: jedes Auge leugnet, von tief innen her, das unsäglich banale Urteil. Die Augen sind die Wunden auf der Haut der Welt. Das Auge ist der ganze Mensch, nur darum funktioniert der böse Blick – vorgestellte Inbesitznahme.
Der Blick ist nicht nur Wahrnehmung, er ist auch Wahrgebung, nicht nur Aufnahme, sondern auch Abgabe von Realität. Zwei Menschen, die sich ansehen, wirklich ansehen, dringen ineinander ein, schließen die Umgebung aus wie bei einem Liebesakt und liefern sich einander völlig aus. Wer blickt, ist nicht nur Voyeur, er ist auch Exhibitionist. Erblickt zu werden mag Scham verursachen, zugleich aber ist man sehend schamlos. Nicht etwa, weil der Blick entkleidet, Rundungen umrundet oder sich an einen Rocksaum heftet. Sondern, weil es sich beim Sehen überhaupt um etwas handelt, das plötzlichem Mantelaufreißen durchaus gleicht: ich blicke, also offenbare ich mich.
Sehr recht hatte Pjotr. Es kommt darauf an, wie man vor die Sphinx tritt.
Einen Augenblick, Herr Tuschkin
Es war der 3. Oktober. Aljoscha begehrte zu erfahren, was aus der Bestellung jener Schachtel geworden war, die er Leda zum Geburtstag hatte schenken wollen, und begab sich um die Mittagsstunde zum Geschäft Schachtjor & Wostvich, wo sich eine Dame des Problems annahm.
„Wie ist Ihr Name, bitte?“
„Tuschkin.“
„Einen Augenblick, Herr Tuschkin. Ich werde nachsehen.“
Aljoscha wartete und
I REMEMBER HOW THEY USED TO STARE AT THE GROUND
schaute auf seine Schuhe. Steckte die Hände in die Hosentaschen und kratzte mit der Schuhspitze auf dem Parkett herum. Und dann stand plötzlich das Wasser bis zum Hals.
Der Klang von hohen Absätzen. Schritte einer Frau, die sich niemals umdreht. Aljoscha erkannte sie. Für diesen Takt hatte er das absolute Gehör. Durch den Laden schritt die Katzenmenschenfrau, die Sphinx, die mysteriöse Schöne, die an den Rembrandt-Tagen im Saal C seine ewige Wiederkehr beobachtet hatte. Das heißt, hatte SIE? Oh Jesus. SIE ging, als hätte SIE nicht viel dagegen, wenn am Karfreitag eine Kirche brennt. SIE kam auf ihn zu. Er schaute wieder zu Boden. Und dann ließ er seinen Blick nicht langsam aufwärtsgleiten, sondern feuerte ihn ab
AND WE’D SING DA-DA DA-DA-DA-DA DUM DUM DAY
wie ein Geschoß. Fast unmerklich hob SIE die Augenbrauen und gab Erkennen zu erkennen. Trotz IHRES entschlossenen Schrittes war in IHREM Blick ein Anflug von Verwirrung, wenn nicht Erschrecken – mit eigenen Augen bat Aljoscha um Verzeihung, falls sein Blickgeschoß IHR einen Schock versetzt hatte, mit eigenen Augen sah er, daß SIE die Entschuldigung annahm. Sogleich wich das Erschrecken – das gewiß nur fürchtete, daß man es bemerkte – wieder vollkommener Beherrschtheit. Nichts anderes würde jetzt passieren, als daß La Belle Dame ihn kühl und streng passierte, sans merci, ohne IHREN Gang zu verlangsamen, ohne ein Zögern, das ihm gegolten hätte. Und es passierte, als könne nichts und niemand sich in IHRE inneren Angelegenheiten mischen, als verließe SIE gelangweilt den Zirkus der gequälten Seelen, unterwegs, den Untergang des Hauses Luzifer herbeizuführen.
Er sah IHR nach, gebannt noch von den Lichtblitzen in IHREN Augen, von IHREM Blick, in dem These und Antithese lagen, Interesse und Gleichgültigkeit, Neigung und Unerbittlichkeit, Gunst und Grausamkeit. Auf welch Synthese war dies aus? Was schenkte dieser Blick? Hundert Rätsel und eine Gewißheit: er hatte existiert darin.
Er blickte erneut zu Boden, wohl eine halbe Minute, um IHR, falls SIE ihn über das Gestell mit den Aquarell- und Zeichenblöcken hinweg musterte, zu bedeuten, daß durch IHR Erscheinen Schachtjor & Wostvich und überhaupt der ganze bewohnte Teil der Galaxis für ihn zur Banalität geworden war, Nippelkram, des Hinsehens nicht wert.
Herr! Laß Nachsicht walten!
Er zählte bis Sieben, dann mußte er seine Augen wieder mit IHREM Anblick füllen – und fast zeitgleich schenkte SIE ihm einen Augenaufschlag, in dem die Rosen sich für ihre Dornen schämten. Daß er nie mehr fürchten mußte, von IHR nicht gekannt zu werden, war es das, was SIE ihm nachsichtig bestätigte? Zurück auf Gottes Meisterplan rief die Verkäuferin mit weithin schallender Stimme:
„Herr Tuschkin?“
„Hier!“
„Ich habe nachgesehen!“
Ich habe nachgesehen, dachte Aljoscha, als er Schachtjor & Wostvich verließ mit der Gewißheit, daß die Katzenmenschenfrau jetzt seinen Nachnamen kannte.
– Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 3, Misterioso – Sandro Botticelli, Porträt einer jungen Frau (Simonetta Vespucci), Detail – Foto CE – Artwork CE – Artwork CE