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The Everlasting Gaze

27 – Galleria del Costume

Christian Erdmann, Galleria del Costume, Florenz.

In der Galleria del Costume kam der Geist über Leda. Sie bewunderte die alten Stoffe, den Schnitt früherer Moden, sie studierte die Qualität der Verarbeitung und ignorierte, Zeichen der Ekstase, zwei oder drei Berühren verboten. Ihr Entzücken war ein sachverständiges, und ein schwarzes Charleston-Kleid wurde nicht von einem lasziven Vamp mit Perlenkette und Zigarettenspitze vorgeführt, sondern von der weißen Puppe Nr. 40. Aljoscha aber beschäftigten solche Fragen: welche Contessa hatte einst diese unfaßbar zierlichen Handschuhe von ihren unfaßbar grazilen Händen gestreift? Auf welches Bein hatten diese Spitzenstrümpfe ein Ornament im spätgotischen Flamboyantstil gezeichnet? Erweiterte die eingeengte Taille das Bewußtsein?

„Ein schwarzer Seidenstrumpf ist wie eine Glasur“, erklärte Aljoscha ungefragt. „Eine Glasur aus Dunkelheit. Geschmolzene Dunkelheit. Die Dunkelheit geschmolzener Träume. Auf dem Bein wie Blattgold auf einer Ikone. Sakraler Glanz eigentlich. Die Haut unter dem Glanz wird unberührbar. Durch den Schutz betont, durch die Betonung geschützt. Stiefel aus göttlichem Lack. Schwarze Rüstung als bloße Idee.“

„Ein Seidenstrumpf ist ein Kleidungsstück, Aljoscha.“

„Festgezurrt wie das Jagdkleid der Artemis! Schwarzes Licht, das sich über einen Schenkel ergießt! Unterweltsgöttinnenhülle!“


Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot

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Poèmes

Road Dust On Her Ankle Boots


Der Zug rast in den Sandsturm
Im Schatten einer Klapperschlange
Spielt sich nicht viel ab
Schwarzes Kleid auf heller Haut
Woher kommt das Mädchen?
Woher kommt das Mädchen?

Der Horizont verbiegt sich in der Hitze
Skelette klopfen an die Hintertür
Pferdeschrecken frißt den Klang
Von Bottleneck auf E
Wohin geht das Mädchen?
Wohin geht das Mädchen?

Reptilien kriechen durch den Korridor
Wolken brennen an den Rändern
Jemand sein im Niemandsland
Gefährte dieser Steppenhexen
Das Mädchen kommt zu mir
Das Mädchen kommt zu mir

Chiffon zitterte vom Herzschlag
In einem nie gedrehten Louise Brooks-Film
Der Mond hat einen Doppelgänger
Kein Organ ist kälter als Gehirn
Wohin führt das Mädchen?
Wohin führt das Mädchen?

Was ist es, das sie tun in Zimmer 16
Todesvogel landet hier auf ihrem Arm
Und flattert wieder fort
Das ist es, was sie tun in Zimmer 16
Das Mädchen macht
Das Mädchen macht
ihn ab, den Himmellack

Christian Erdmann: "Road Dust On Her Ankle Boots". Ein Gedicht. Bild CE.
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Poèmes

Untrunkener Seemann


Sehr weit unten warten wohl die Kraken
Auf die Proportionen eines Abgerutschten
Wo sind sie hin, die blinden weißen Fische
Die an meiner letzten Planke lutschten?

Sternvertäut, wie auf dem Deckel meines Sargs
Und nicht geneigt, in diesen Schlund zu sinken
Auf dessen Grund noch nie ein Auge sah
Wo die matten Arme der Ertrunkenen winken

Der bleiche Mond, erbarmt er sich?
Er malt mir eine Silberstraße auf die Wogen
War nicht schon einer, der auf Wasser ging?
War nicht einer, schlimmer noch als ich betrogen?

Als wär’s der süße Leib Kalypsos
Umschling‘ ich dieses Holz auf sieben Meeren
Und wenn kein Strand mehr mich als Treibgut will
Werd‘ ich noch lang den Nymphenleib beschweren

Ach! Zu kalt das Herz für alle Träume
Zu hart das Holz für einen Nymphenschoß
Zu mitleidlos der Plan der Fluten
Zu nah das Grab für einen Leichtmatros‘.

Christian Erdmann: "Untrunkener Seemann". Ein Gedicht.
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Aljoscha der Idiot

Polyphonie von Wirklichkeitsebenen

Rezension #6

Marlies Eifert über „Aljoscha der Idiot“ von Christian Erdmann

erschienen in: Literatur-Feder Magazin, Ausgabe 5, Juni 2007


Neueste Studien enthüllen, wie Frauen auf Liebeskonkurrenz reagieren: mit Rache und Vergeltung. Für Leda, die Freundin des Protagonisten Aljoscha Tuschkin, gilt dies keineswegs. Sie erklärt ihrem Geliebten ihre unverminderte Liebe, auch als der von einer Begegnung im Vorlesungsraum erzählt, die ihn stark beeindruckt habe. Diese Begegnung, das ist für den Leser und auch für Leda zu spüren, wird sein Leben von Grund auf verändern.

Ebenso wie Fürst Myschkin (1) wird „Aljoscha der Idiot“ einerseits als Lichtgestalt, andererseits als Unheilsträger bezeichnet, und es ist bis zu den letzten Seiten des Romans nicht sicher, ob er nicht ebenso die andere, ob er nicht auch „SIE“, wie sie im Roman genannt wird, ins Unglück stürzen wird…

Aljoscha Tuschkin ist Student. Und als solcher sammelt er Wissen ein. Über Kant z.B. oder Wittgenstein, Kierkegaard. (2) In der Metro liest er Hegel. Vorlesungen über Rembrandt, Poussin, Dürer werden erwähnt, Theologie-Vorlesungen. Der Student verschafft sich Kenntnisse über Legenden, über antike Mythen, Belletristik. – Die russische Literatur spielt eine Rolle, aber auch Sartre, Simone de Beauvoir. Nicht zu vergessen die Musik: Sacre du Printemps, aber auch Nick Cave. Eine vollständige Aufzählung ist hier nicht angestrebt.

Nun muss man sich nicht vorstellen, dass dieses Wissen schulmäßig an den Leser weitergegeben wird – etwa so, wie das ein Professor tut, der das Rednerpult verlässt, im Vorlesungsraum spazieren geht und „ex cathedra“ über Dinge berichtet, die eigentlich mit dem Thema, der Handlung, wenig zu tun haben.

Vielmehr: Das Wissen dient dem, worum es in der „Handlung“ geht, als Deutung, als Interpretation, als Metapher.

Aljoscha – wie gesagt – hört eine Vorlesung über Poussin. Dies ist keineswegs zufällig. Bei Poussin spielt die Mythologie eine besondere Rolle. Echo und Narziss bilden im Roman eine Metapher für die Beziehung zwischen Aljoscha und der Frau, der er in der Vorlesung immer wieder begegnet. Für sie gibt es viele Namen: Maria Magdalena, Katharina oder wie sie am häufigsten genannt wird: Katzenmenschenfrau.

Auch die Metamorphosen des Apuleius werden in der Vorlesung genannt. Aljoscha identifiziert sich mit dem „eseligen“ Lucius (3), dem die Göttin Isis erscheint.

Die Mythologie dient ganz offensichtlich zur Umschreibung der Faszination, die von der Frau ausgeht.

Alles in allem hat man den Eindruck, das Wissen wird in einen Becher gegeben, durcheinander gewürfelt und neu figuriert. Vieles hat eine Bedeutung innerhalb der Handlung, die sich für den Leser erst erschließen lassen muss. So erinnert der Titel des Romans an Dostojewskis Roman „Der Idiot“ oder der Name Aljoscha an eine Figur aus „Die Brüder Karamasow“.

Was ist Wirklichkeit, was die „eigentliche“ Wirklichkeit?

Da ist ein Student, der seit 10 Jahren „liiert“ ist mit Leda, einer Textilrestauratorin. Es ist mehr als eine Liaison: Aljoscha und Leda glauben an das Unbedingte der Liebe. Es gibt nur eine Welt, in der beide zu Hause sind. Dann trifft Aljoscha auf Katharina. Es geschieht wenig, denn erst nach 152 Seiten kommt es zum Blickkontakt, nach 262 Seiten lässt sich so etwas wie ein Gespräch erkennen. Obwohl „eigentlich“ nichts geschieht, entfernt sich Aljoscha von Leda, lässt in Gedanken und Gefühlen immer mehr von Katharina zu. Leda bezieht eine Wohnung, die Aljoscha restauriert, Aljoscha findet eine Wohnung ganz in der Nähe von Katharina.

So könnte man die Tatsachen umschreiben.

Aber wie sagt der Autor: „Erkenntnis ist kein Abbild von Tatsachen“. „Dieselbe Menge von Sinnesdaten kann auf verschiedenste Weise wahrgenommen werden.“

So würde die Beziehung, die sich zwischen Aljoscha und Katharina innerhalb von neun Monaten aufbaut, von außen kaum wahrgenommen werden können.

Nichts anderes geschieht, als dass Aljoscha und Katharina in verschiedenen Vorlesungen eine bestimmte Sitzordnung einnehmen. Für sich genommen bedeutet diese Tatsache wenig. Jedoch für Aljoscha und auch für Katharina – wie sich später herausstellen sollte – viel. So viel, dass darüber eine Beziehung mit Anspruch auf „Ewigkeit“ aufgegeben wurde. Der Ritus dieser Sitzordnung stellt einen Code dar, der außerhalb der Kommunikationsform „Sprache“ zu finden ist.

Das Sitzordnungsmotiv und das Katzen-Ritus-Motiv, beides durchzieht den ganzen Roman. Angefangen von „Cat People“ von Bowie bis zu Bastet, der ägyptischen Katzengöttin.

Katzen leben und lieben Riten, gleich ob es sich dabei um einen Panther handelt, um die Sphinx oder um die schwarz gekleidete Katharina mit spitzen Eckzähnen.

Man muss den Roman zweimal lesen – zum mindesten, um zu erkennen, wie viel Anfang im Verlauf der Handlung und im Ende enthalten ist. Motive aus dem Film „Katzenmenschen“, in dem Aljoscha IHR oder einer Vorstufe von IHR – wenn man so will – zum ersten Mal begegnet, durchziehen den Roman: Raubtier, Einsamkeit, hohe Absätze, das schwere und süße Parfum.

„Wehe dem, der Symbole sieht“ sagt der Erzähler. Aber: Nur Leser, die Symbole „sehen“ können, werden sich in die Handlung hineindenken können. Nur wenn sie Freude an Andeutungen, Umdeutungen, Beziehungsgeflechten, Metaphern, kurz an einer Polyphonie von Wirklichkeitsebenen haben und sich außerdem durch lange Sätze, die sich gelegentlich über mehrere Seiten hin erstrecken, nicht irritieren lassen, werden einen Zugang zur Welt Aljoschas haben.

Puschkin, Tuschkin, Myschkin – natürlich handelt es sich nicht um einen zufälligen Gleichklang! Zwischen Dostojewskis „Der Idiot“ und Christian Erdmanns „Aljoscha der Idiot“ bestehen, wie gesagt, Zusammenhänge.

Während Dostojewski eine Rede halten konnte im Gedenken an Puschkin, kann die Rezensentin lediglich hoffen, dass viele Leser ein Wahrnehmungsorgan, ein Auge haben werden für den Roman über Aljoscha den Idioten, oder wie man gewiss auch sagen kann: für diesen neuen Stern am Himmel der Literatur der Gegenwart.

_____

(1) aus Dostojewski: Der Idiot 

(2) Speziell die Kierkegaard-Lektüre war für den Verfasser offensichtlich bedeutsam. Zwar wird das „Tagebuch eines Verführers“ nicht genannt, aber Kierkegaard-Kenner dürften in Handlungsteilen das ein – oder andere in verwandelter Form wiedererkennen.

(3) Eine Gestalt aus Apuleius: Metamorphosen 

(c) 2007 by Marlies Eifert

Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot, Rezension "Polyphonie von Wirklichkeitsebenen" von Marlies Eifert.
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Poèmes

Die Zitadelle


100 Menschen in der Zitadelle, als der Spuk begann
Wie ein Mysterienspiel, ein Traum in Acht und Bann

90 Menschen in der Zitadelle, „Wir sind alle nur Statisten“
Sagt ein Abbild der Maria, keiner weiß um den Protagonisten

80 Menschen in der Zitadelle, wie doch die Zeit schlafwandelt
Und die erste Schöne findet ihr Portrait verschandelt

70 Menschen in der Zitadelle, zu viele Zeitgenossen in der Menge
Schwanken wie gebrochene Versprechen durch die Gänge

60 Menschen in der Zitadelle, Schaufensterpuppen nähren Parasiten
Ein Zimmer wird verdunkelt für sonderbare Riten

50 Menschen in der Zitadelle, Worte aufs Geratewohl, Schüsse in den Mond
Masken fallen unerwartet, Augen plötzlich unbewohnt

40 Menschen in der Zitadelle, gezinkte Karten und ein Trick
Am Tisch von Tod und Teufel, aus dem Halbdunkel ein Blick

30 Menschen in der Zitadelle, Wahrheiten sind frei zum Umtausch
Die Göttin mit dem Phlegma schaukelt hin und her im Rumrausch

20 Menschen in der Zitadelle, für die Gesetze dieser Stätte blind
Die Angst, sie weht in mir wie eisig kalter Wind

15 Menschen in der Zitadelle, Augenlider schwarzgemalt geschlossen
Stirbt die Unschuld, Giftkuß unter ihre Haut geschossen

14 Menschen in der Zitadelle, Wirklichkeitsdarsteller suchen Sinn
Und jeder mit „Ich weiß es!“ auf den Lippen fährt dahin

13 Menschen in der Zitadelle, unter den sinistren Zinnen kein Warum
Die Gelassenen und die Ausgelassenen stehen still, für immer stumm

12 Menschen in der Zitadelle, ein dunkler Keller, wo es dumpf rumort
Während die Spirale der Gefühle unaufhaltsam abwärts bohrt

11 Menschen in der Zitadelle, dem Geisterseher wird der Kopf verdreht
Er schreit um Hilfe in der Sprache, die nur er versteht

10 Menschen in der Zitadelle, der Mann mit den distanzgewohnten Augen
Zu schwach, um Liebe aus Verheißungen zu saugen

9 Menschen in der Zitadelle, all die süßen Stimmen täuschen hier
Ihr Blick folgt mir seit Babylon, und schweigend folgt sie mir

8 Menschen in der Zitadelle, vergessener Nomade, Schuld im Herzen
Niemand wacht mit dir im Ring aus hundert Kerzen

7 Menschen in der Zitadelle, der Hieroglyphenleser sucht den Säulengang
Dunkle Kolonnaden, dreizehntausend Nächte lang

6 Menschen in der Zitadelle, der Schwadroneur, der nur sich selbst erregt
Eine trockene Knochenhand auf seine Brust gelegt

5 Menschen in der Zitadelle, der Mond ist blutig heute nacht
Stundenloses Zimmer, ihre Beine zittern, was hat uns hierher gebracht

4 Menschen in der Zitadelle, der letzte Zweifler steht auf einer Brücke
Sein gläsernes Gewissen zerspringt in tausend Stücke

3 Menschen in der Zitadelle, am Rand der Zukunft jagen Schattenwächter
Heimwehkranker Blick, zuletzt verglüht der Spiegelfechter

2 Menschen in der Zitadelle, Geisterritt auf brennendem Begehr
Im Morgengrauen steht die Zitadelle nicht mehr leer

"Die Zitadelle", Gedicht von Christian Erdmann.
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Poèmes

Jacqueline vielleicht


Durch Flavy-le-Martel
donnert der Fünfuhrzug
Vom Bäcker kommt
Jacqueline vielleicht

Jacqueline ist 11 und kann den Regen sehen, bevor er fällt
Du weißt jetzt, daß dir niemand glaubt, wenn du die Wahrheit sagst
Dein Vater unterm Citroën, seine Werkstatt, seine Welt
Deine Mutter blättert in Journalen aus Paris, wenn du sie fragst

Und der Nagellack läuft aus
Geh schön spielen, Kind
Mama, weißt du was?
Tu, was man dir sagt, Jacqueline

Jacqueline ist 11 und Gott hat sich die Augen ausgerissen
Madame Laclos die Lehrerin nennt es eine Phase, die vergeht
Am Kirschbaum hängt ein Seil, die Krähen wissen
Es ist Onkel Paul, der sanft im Wind der Picardie sich dreht

Jacqueline steht auf dem Feld
Sie hat aufgehört zu spielen
Bunte Reihen von Quadraten
tropfen aus den Linien

Septembervögel sind der Menschen müde, alles ist ein anderes jetzt
Die Geister kommen aus dem Abgrund bei der Mauer
Ein Eichhörnchen verblutet, eine Puppe ist zerfetzt
Scharlachrote Schatten liegen auf der Lauer

Jacqueline ist 11 und glaubt
sie ist den Streit nicht wert
Der Bruder, der nie kommen wollte
hält stumm den schwarzen Luftballon

Jacqueline mit Blumen aus dem Garten einer Anstalt
steht auf dem Feld, vergißt den Weg zurück
Paul ist tot seit dreißig Jahren, grau und kalt
erwidert er des Mädchens blauen Blick

Jacqueline verblaßt
im Wind der Picardie
Ich sah ihr weißes Kleid
vom Zug aus um fünf Uhr.

Christian Erdmann, Gedicht "Jacqueline vielleicht".
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Aljoscha der Idiot

Cover 2

Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot, Cover der BoD-Edition, herausgegeben von Vito von Eichborn.

Cover der Neuausgabe von „Aljoscha der Idiot“ in der Edition BoD

Herausgeber: Vito von Eichborn

Februar 2007

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Aljoscha der Idiot

Königliches Metaphernfeuerwerk

Rezension #5

04. Oktober 2006 

Königliches Metaphernfeuerwerk 

Von Autor

Der plot ist nichts, was ein Autor daraus macht, ist alles. Wenn dieser Allgemeinplatz eines Belegs mehr bedürfte, Christian Erdmann lieferte ihn. 

Aljoscha, hypersensibler Student an einer Universität, ist mit Leda mehr oder weniger verbandelt, als ihm im UniMax ein rätselhaftes weibliches Wesen auffällt, das zum Objekt seiner, nein, nicht Begierde, sondern seiner Sehnsucht wird.

Pjotr, sein der Bildenden Kunst verpflichteter Freund, arbeitet an Skulpturen von sieben Köpfen, die am Ende des Romans im Brennofen gehärtet werden. So weit, so vertraut. Eine Liebesgeschichte im Studentenmilieu, doch was der Autor daraus macht, nötigt Respekt ab.

Von der ersten Seite an leistet der Roman dem Leser Widerstand, verwirrt ihn mit seiner zuerst tradiert und maniriert erscheinenden Sprache, bis er in deren Sog gerät, dem er sich kaum noch zu entziehen vermag.

Bilder bestechender Schönheit. Einfühlsame Blicke in das Seelenleben eines hypersensiblen jungen Mannes, der denkt und agiert als hätte ihn ein böser Geist aus dem Paris der Belle Epoque herausgerissen und im russisch eingefärbten Hamburg abgesetzt, wo es sogar einen Damtorskbahnhof gibt.

Als wäre das noch nicht genug für einen hochintelligenten, teils naturalistischen, teils surrealistischen und phantastisch-realistischen pikaresken Roman, erzählt Erdmann mit einer Fülle von Metonymien und Metalepsen, bricht vertraute Metaphern auf und steigert sie oft ins Absurde, nimmt die Aussage des ersten Halbsatzes im zweiten zurück. Das gelingt zwar durchaus nicht immer (hier wünscht man sich einen sensiblen Lektor), doch einem solchen Kunstwerk verziehe der Leser noch mehr kleine Ungeschicklichkeiten. Die Fülle von Hinweisen, Verweisen und Zitaten entschädigt mehr als genug. Von Majakowskij bis Puschkin, von Adorno bis Wittgenstein sowie Lyrics von David Bowie bis Julian Cope nutzt Erdmann für seinen Palimpsest, was ihm gerade in den Zusammenhang paßt, und erzielt damit weitere Irritationen, die sich wohl nur Lesern mit erheblicher kultureller Vorerfahrung erschließen werden.

Dieser Autor verweigert sich dem Zeitgeschmack konsequent. Gerade das läßt diesen Roman höchst singulär erscheinen. Für mich seit Monaten der interessanteste Roman: so hätte Salvador Dali vielleicht geschrieben, wenn er nicht lieber gemalt hätte.

Christian Erdmann, Amazon-Rezension für den Roman "Aljoscha der Idiot", betitelt "Königliches Metaphernfeuerwerk".

Königliches Metaphernfeuerwerk @amazon

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Aljoscha der Idiot

Faust schlagen

SPIEGEL ONLINE Forum

„Liebe – nicht nur ein Wort“

08.09.2006 



Stefan Möhler:

C.E. steht für Christian Erdmann, den ich gerade lese und der voll ist mit sinnreichen Zitaten. O.K., den Faust I wird er nicht schlagen, aber er ist nah dran. Allerdings muß ich warnend anmerken, dass ich ein ausgesprochenes Faible für Dada, Ex- und Impressionismus habe. 




Kritischer Leser:

Klar, das „Label“ „CE“ kann zwar auch für Produkte stehen, die der EU-Norm entsprechen (was auch immer das sei), aber eben auch für den Autoren von „Aljoscha der Idiot“. Tolles Buch! Entspricht’s der EU-Norm? Ich fürchte nicht. Dafür ist’s einfach zu gut.






09.09.2006

Stefan Möhler:

Ich für meinen Teil lese das Buch mit Hochgenuß. Endlich einmal ein Werk, das das eigene Denken nicht ausschaltet, sondern geradezu antreibt!

Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot, Besprechung im SPIEGEL Online-Forum.
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Aljoscha der Idiot

Unbedingt lesenswert

Rezension #4

23. August 2006  

Unbedingt lesenswert 

Von Katshke

Ich hab erst angefangen und ungefähr ein Viertel des Buches gelesen, aber dessen Sprache ist so unglaublich, als hätte einer wiederentdeckt, dass alles, wirklich alles gesagt werden kann, jede kleine Einzelheit, Gedankensplitter.

Ganz kostbare Worte, Ideen, die wir uns in der Regel verbieten, wenn sie uns nicht zwischen Schlaf und Erwachen überfallen, Stimmungen, die nur leise anklingen, alles. 

Und das auch noch behutsam, so dass ich den Sog erst gar nicht spürte, der mich nun in diese Geschichte hineinzieht, dass es fast schmerzt.

Selbst wenn das Buch schlechter wird auf den anderen Seiten, was ich aber nicht glaube, lohnt es sich für mich wegen der ersten Seiten. 

Unglaublich, dass es so etwas noch gibt. Fast jeder Satz ist schon für sich genommen ein Kunstwerk.

Unbedingt lesenswert @amazon