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Eagles of Death Metal, Hamburg 2019

Schlägt langsam Dreizehn. Shaking hands with Jesse Hughes. Madame & ich befinden uns in der ersten Reihe, aber eher Außenposten rechts, zwar mit perfekter Sicht auf die Bühne, von der Bühne aus gesehen aber eigentlich eher im Funkloch. Trotzdem marschiert kurz danach

Jesse mit seiner weißen Gitarre um den Boxenturm herum, bleibt vor mir stehen, strahlend, like a long lost friend, wir schütteln uns die Hand, mit meiner Linken berühre ich den Oberarm von fatherbadass, kurz darauf habe ich sonnenhell schockiert vergessen, welches der erste Song war. „I Only Want You“. Natürlich. Surreal intimer Moment im Hexenkessel. Vor uns in the wings Legende Slim Jim Phantom von den Stray Cats, der mit Miss Jennie Vee liiert ist. Könnte Gott / Teufel bitte ein Sonett für Jennie Vee verfassen. Als sie mit Bass und Gesang für etwa 1,5 Minuten „Ace Of Spades“ angestimmt hat, kniet Jesse nieder, um ihre Hand zu küssen, Miss Vee nimmt den Handkuß äußerst huldvoll entgegen, 10 Sekunden lang sind die beiden ganz in ihrer eigenen Welt, zu Herzen gehend dabei Jesses Blick. Ja, der Mann gibt in Interviews auch mal Zinnober zum Besten, nicht alles posttraumatisch, manches nur töricht, selbst seinem guten Freund Mark Lanegan tat es weh, im März 2018, Hughes so „off the rails“ zu sehen, und er bat öffentlich: „Come back bro“. Aber wenn in einem Wanderzirkus eine Ballerina abends allein vor ihrem Zirkuswagen tanzt, dann ist es Herr Boots Electric, der sie ansieht voll Bewunderung und aufrichtiger Zärtlichkeit. „Jesse’s an eccentric, idiosyncratic, high-IQ nutball“ (Josh Homme), aber seine Empathie kennt keine Grenzen. Man darf nie vergessen, was diesem Mann aufgebürdet wurde, und daß es in seiner Lage überall Falltüren gibt. Ob ein Eagles of Death Metal-Konzert jemals wieder gänzlich unbekümmert sein kann, weiß der Himmel, a total blast ist jedenfalls immer auch a different kind of celebration jetzt. Wenn ich es richtig verstanden habe, war es ein Bataclan-Überlebender, der eine Tricolore mit der Aufschrift LOVE mitgebracht hatte, die dann von Jesse über die Bassdrum gelegt wurde. Ein neues Album ist gerade erschienen, „The Best Songs We Never Wrote“, unter den Covern das an diesem Abend auch gespielte „Moonage Daydream“ von David Bowie, Jesse wollte es klingen lassen, als käme es „from the times of Robert Johnson. Jack White has this recording machine at his studio in Nashville from the 30s which allows people to record a two minute, 50 second song directly to disc. I brought my whole band and we recorded it crowded round this bizarre single microphone. We sang the song and the cracks and pops are exactly the way it was recorded direct to a vinyl disc.“

Am bewegendsten aber „Trouble“.

„Cat Stevens is a hero to me and someone that I hold in high regard. ‚Trouble‘ itself is a powerful song about a very simple theme of personal trauma. I experienced an event in Paris that was very traumatic and this became my go-to song. It was the song I listened to every day that summed up the experience.“

Eagles of Death Metal, Hamburg 2019.

Statt Sonett.

Jennie Vee, Eagles of Death Metal.

Statt Hamburg: London, 2 Tage später

Eagles of Death Metal, 2019, Jennie Vee
Eagles of Death Metal, 2019, Jesse Hughes.
Eagles of Death Metal, Jennie Vee
Eagles of Death Metal, Jesse Hughes
Jennie Vee, Eagles of Death Metal

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Eagles of Death Metal

Jesse Hughes, Eagles of Death Metal.

Kurzer Dialog mit mir im SPIEGEL ONLINE FORUM am 29.08.2008:

T. K. Rauhut:

Sind die der Bukowski der Musik?

Die sind der Mozart des Sleaze, der Irving Klaw des Glamour, der Felix Krull des Rock’n’Roll, der Batman des Porn, der Backroom von Marlenes „Boys in the Backroom“ und der Mein Freund Harvey der Rolling Stones.

Eagles of Death Metal, Hamburg 2015, Ticket für das in die Markthalle verlegte Konzert.

„Hamburg!! You gobbled up all the tickets so quickly for our 06 June show, and we love you deeply for it. And that means we want to see even more of your sexy faces that night. We will now be performing at Markthalle. If you bought tickets for Gruenspan, your tickets will be honored at Markthalle.“ 

Badass-Wochen in Hamburg. Erst Marcelo Diaz, in Chile auch „Entengesicht“ genannt, mit seinem genial-schurkischen Freistoß past belief (90+1); dem Vernehmen nach beantwortete er Rafael van der Vaarts Vorschlag („Ich schieße“) mit angekautem Zigarillo im Mundwinkel und den Worten: „Tomorrow, my friend, tomorrow.“ Fünf Tage später, der Teufel ist nie weit hinter dir, Jesse „The Devil“ Hughes und die Eagles of Death Metal in der Markthalle. 

Minutenlang ohrenbetäubender Jubel, Rummel und Getöse, bevor auch nur der erste Ton von „Bad Dream Mama“ gespielt ist. Jesse Hughes ist überwältigt von so viel Licht und Liebe, freut sich wie ein Schneekönig über die entfesselte Tausendschaft und schüttelt zwischen den ersten Songs immer wieder ungläubig den Kopf. „Do you feel this shit goin‘ on right now? Do you feel this shit?“ fragt er uns und sich selbst. „Ach! Ach! Ach!“, wie Madame de Saint-Ange sagt. Konsequent monothematischer Groove durch die Philosophie im Boudoir. Die zuvor von Madame mit einem Tritt gegen den Türrahmen beklagte Absenz von Joey Castillo („The Sexy Mexy“) ist verschmerzt, Dave Catching, der mindestens zweitbeste Mann, der je aus Memphis kam, trägt jetzt einen weißen Bart von ZZ-Top-Länge und hat morgen Geburtstag. „It’s your fucking birthday tomorrow, right?“ Jesse kündigt ein Geburtstagsständchen für später an, aber das Vorhaben geht im allgemeinen Tumult unter. Für wen sonst tragen die Ladies so willig Teufelshörner, für wen sonst setzen Jungs sich Puschelohren auf, einfach, weil sie Puschelhase sein wollen für den Reverend. Ein Song namens „The Reverend“ feiert Weltpremiere, nach „I Want You So Hard (Boy’s Bad News)“ geht die Band von der Bühne, Jesse kommt allein zurück, spielt „Midnight Creeper“, und als er nach requests fragt, zündet noch der unkomplexeste Witz: Jemand ruft „Secret Plans“, Jesse: „Or did you say Secret Pants?“ „Brown Sugar“ von den Stones und „New Rose“ von The Damned, dann läßt Jesse seine three motherfuckers wieder auf die Bühne rufen, und es gibt „I Only Want You“ und „Speaking In Tongues“ für die Muschikatzen.  

„Two hours spent in heaven is cheap at any price.“ (JH). 

Auch Teil des Abends: You only wanted Snow White but you got the witch. It’s so easy without complexity.

Der hyperaktive Dave Grohl, wer sonst, zelebrierte Dave Catchings Geburtstag dann einen Tag später vor einem Trilliardenpublikum: 

-> Foo Fighters with Dave Catching, Rock am Ring 2015

Lektionen fürs Leben außer Death By Sexy: gern erzählt Hughes diese Geschichte über Benjamin Disraeli:

„The story is that he was walking along a very narrow sidewalk in a thunderstorm, and the gutters were full, and his political enemy was coming from the opposite direction. His enemy stopped short and glared at him, and said ‚I never step aside for a scoundrel.‘ And [Disraeli] tipped his hat, stepped into the gutter, and said ‚I always do.‘ Be the first one to step in the gutter, man. Just keep movin‘. I’m not gonna stop and bend ears for an asshole anytime, know what I mean?“