Gudrun Gut & Blixa Bargeld – Die Sonne. Gudrun Gut & Anita Lane – Firething. Zu oft schau ich mir das nicht an, ich will ja nachts noch ein Auge zutun manchmal. Smashing Pumpkins – Rhinoceros. Na? Eben. Alles Videos von Angela Conway. Das legendäre „The Weeping Song“-Video, Nick Cave und Blixa Bargeld bechern und schwanken im Ruderboot auf windgeblähter Augsburger-Puppenkiste-Plastikfolie: Angela Conway. Frank Tovey (Fad Gadget) in „Sam Hall“: Angela Conway. Barry Adamson, „The Man With The Golden Arm“: Angela Conway.
Ende der 1980er hatte Angela Conway ein eigenes musikalisches Projekt namens A.C. Marias. Mitstreiter war, vor allem, Bruce Gilbert von Wire. Barry Adamson und Rowland S. Howard schauten auch vorbei. „One Of Our Girls Has Gone Missing“ ist die Platte als dunkler Kontinent, rezeptionsgeschichtlich.
„Just Talk“ klang wie Zaubersprüche aus der Feenwelt. Zwischen Rembrandtsommer und Poussinwinter gehörte Who shall spell it out? / You’ve just run out of time zum plötzlich endlosen Strom von Verkündigungen. Ich hatte das Stück in irgendeiner tiefen Nacht aufgenommen von einer Radiostation, die von einem anderen Planeten gesendet haben muß. Der Titel „Just Talk“, und daß jemand von Wire beteiligt war, das war alles, was ich mitbekam. Die Gitarre schien tatsächlich vertraut, und ich behielt Wire im Sinn, aber ich wollte das Mysterium dieses from another world-Moments bewahren, und ich wußte äonenlang nicht, wer hier singt. Der Song hatte etwas Heiliges für mich, Portal zum Latenten, überirdische Schönheit, die Stimme so haunting. Eines Tages begab ich mich doch auf die Suche und fand, siehe oben, daß Angela Conway andauernd durch mein Leben gespukt war. The way life works, all the time.
Bonsoir Monsieur, alors, ich gebe zu, auch ich driftete into other worlds these days. Far away from Jeremy, aber es ist nur eine Frage der Bewußtseinserweiterung. Unerwartet geriet ich in den Sog der kalten Wesen, der Wölfe und der zarten Rothaarigen, da oben im Norden der USA, in Forks. Zunächst noch skeptisch erlag ich doch schneller und gründlicher als befürchtet den Romanen, schließlich auch der präzisesten filmischen Umsetzung ever (nun gut, der Name der Regisseurin ist Catherine, was will man da sagen?), der Musik, der Stimmung, der Schönheit der gesamten Szenerie und schloß mich Team Edward an. Es besteht leider kaum Hoffnung. Sie haben den Schnee sicher nicht minder satt als alle? Ach, verzeihen Sie die Frage. Ich halte es im Übrigen für gewagt, das Vehikel nicht zu sichern, bevor eine Bäckerei aufgesucht wird, andererseits legt sich jeder von Zeit zu Zeit gern mit den höheren Mächten an, nicht wahr. Haben Sie schon mal einen modernen französischen Roman gelesen, der Sie nicht wünschen ließ, Franzose zu sein, Paris in einem geliehenen Citroen zu verlassen, um ein altes Bauernhaus in der Provence aufzusuchen, Helena Bonham Carter mit wirrer Frisur, geblümtem Kleid und Gummistiefeln und einer Kinder- und Tiereschar darin?
Mais oui. Mit 20 war mein Lebensziel, Franzose zu werden, und da wußte ich noch nicht mal, daß irgendein Vorfahr meines Vaters aus Burgund desertiert war. Fühlte mich auch immer schrecklich wohl dort, Paris ist ja nur die Glasur auf dem Eclair. Siouxsie zog mit Budgie irgendwann auch nach Südfrankreich, lebt wohl heute noch dort, Dirk Bogarde schlug sein Domizil bei Grasse auf. Pjotr und Aljoscha dagegen schlugen nicht umsonst in Marseille auf. Marseille, diese Muchacha, die nur zum Schein dem Kreuz zu Füßen liegt, das auf dem Kathedralenberg in schwindelnde Höhen erigiert und herabspäht auf die lüstern Erhitzte. Später zog ich von den Lippenstiftspuren auf Rimbauds Grabstein in Charleville bis zum Steinthron eines Sommerabends auf den alten Mauern Carcassonnes. All die Gedanken, die da liegen und nicht in Frieden ruhen. Du sendest deine Sehnsucht über das Meer und folgst deiner eigenen Spur.
Welcher franz. Roman riß Sie denn maintenant hin? Jeremy unaufgebbar, goes without saying. Das ungesicherte Vehikel habe ich from inside the Boulangerie im Augenwinkel, Watson, wie schade, daß Sie mir entgingen. Ich glaube einfach daran, daß derzeit ohnehin alles eine so geradezu lachhafte Verknotung von Mißständen ist, daß Fahrraddiebe da gar keinen Platz mehr haben.
Wie weit weg ist Forks von Twin Peaks? Dorthin will ich, wenn ich solche Szenen im Original sehe.
Die Ergebnisse, Watson? Die Ergebnisse?
Ah non, Sie hatten den Kuchen im Auge, mon cher, aber wie gesagt, auch ich stelle ein Weinglas vor das neue Notebook und denke, mir passiert DAS nicht. Und vielleicht haben Sie recht, eine lachhafte Verknotung, die zu entwirren keinem Tölpel in Trance gelingen mag. Wir entgingen Ihnen, weil wir in Vampirgeschwindigkeit zum Bücher- und Stundenhehler flogen. Mais non!? Mit 20 war MEIN Lebensziel, Britin zu werden. Doch, wirklich. Ich war drauf und dran, mich, das Abitur in der Tasche, als Nanny bei einer Familie in Kensington zu verdingen. Der Sohn einer Buchhändlerin hielt mich davon ab, aber wir machen alle Fehler und denken uns nicht viel dabei, wenn wir 20 sind, n’est-ce pas? In aller Geringfügigkeit besuchten wir gemeinsam London einen Sommer später, immerhin. Ja, die Ergebnisse, Holmes, um ein Haar wäre es ein Gut geworden, aber ich habe Vier gewinnt gespielt und Drei gewonnen als Zweite Note und so soll es eben sein. So wichtig ist das nicht mehr. Ich verbrachte mal einen Sommer in Südfrankreich und da war auch ein Kreuz auf einem Berg. Ich war erst 8 Jahre alt, nichtsahnend. Und doch, die Lebensart, die Wärme, die Sanftheit der funkelnden Dunkelheit über dem Mittelmeer in der Nacht.
Der neue Roman von Anna Gavalda. Wird von der deutschen Arschlochliteraturszene zerrissen, zu kitschig, zu lang, zu wasweißich, zu viele Noten. Sie reißt einen hin, wenn man mal geliebt hat, weil nichts so unbeschreiblich ist wie Lieben und wenn es jemandem gut gelingt, es einigermaßen zu beschreiben, reißt es hin. Forks und Twin Peaks, nein, dazwischen liegen ein paar Welten und mit Verlaub, ich glaube, Forks besuchen hauptsächlich Frauen mit rötlichen Haaren. Twin Peaks ist ja eine äußerst strange Show.
Well, well, well, tonight we’re dancing in the street, the mad hatter wishes you a very happy unbirthday (WATCH THIS FILM! DID YOU? DON’T HESITATE!)
Very Happy Birthday, my dear friend and colleague! Love, Cat
Danke für diese wunderbare Invasion des Bedeutenden. Keine Sternstunde verhindert, daß man immerzu in diese Gegenwelten rutschen möchte, das veranstalteten Filme und Musik mit mir schon immer, letztlich kann nur ein Buch daraus werden, mit vielen Hinweisen darauf, aber dann wiederum, als einer, der sich von Whitechapel aus zu den Docks von Bristol oder Plymouth aufmachte, Sie wissen schon, hätte ich Sie als Nanny in London ja verpaßt. Sweeney Todd sagt zwar nicht „Someone has invaded my space, you pick up the nearest rock“, aber: These are my friends, see how they glisten. Dies sind verzweifelte Zeiten, Mrs Lovett. Die nach verzweifelten Maßnahmen verlangen. Wir servieren jedermann. Anwalt ist ganz lecker. Der Klerus ist zu fasrig und zu mehlig. Smoke! Smoke! Sign of the devil! City on fire!
Genau gestern im Wunderland. Auf Deutsch, aber mit Buddy Holly-Brille. Miss B nach zwei Minuten 3D: „Mir wird schlecht!“ Natürlich hartgesottene Ironie. Verlangt zwingend Zweitansicht im Original. Ein ziemlich verdüsterter Carroll, Unterland ziemlich apokalyptisch. So wie Alice mit Rüstung habe ich mir immer Jeanne d’Arc vorgestellt. Tsk, was Johnny Depp aus Figuren wie dem quecksilbervergifteten Mad Hatter macht. Schwer zu sagen, wie oft er und Helena Bonham Carter sich eigentlich die Schau stehlen. Wunderbar bescheuert Tweedledee und Tweedledum, wunderbar stunning und weggetreten die Weiße Königin. I love those small things. Wie das Geräusch des Deckels aus dem Inneren der Teekanne. Drei gewonnen IST doch Gut, gar Sehr Gut! Frühling kommt, der Sperling piept, Zeit, der Queen of fair Elf Land zu begegnen.
Wunderland im Original und Making of und deleted scenes und und… hope for these irgendwann dieses Jahr. Those small things, yep. Beleuchtete Pilze. Der Hutmacher lispelnd for Aufregung, beim Wiedersehen mit Alice „er“ sagt statt „sie“, ein Kleidchen nähend im Handumdrehen. Die weiße Königin, ein Würgen unterdrückend über dem Kopf des Jabberwocky. Tweedledee/dum, der Typ aus Little Britain. Die Raupe Absolem mit der Stimme von „Snape“ aus Harry Potter (Alan Rickman im Original). Der beste Film dieses Jahr, Akte geschlossen. War es Ironie der Schönen neben Ihnen? Mir wurde etwas komisch in der Tat, man muß sich dran gewöhnen, nicht?
Der Frühling, ja, fein. Ich sehe, Sie beginnen die Konzert-Saison im Mai. Dazu fehlt es derzeit im Hiersein am Möglichsein. Ein heilsames Hauptstadtwochenende zunächst, wie es sich für den April gehört. Der Geburtstag des Meisters will Celebration.
Lese gerade „The Annotated Alice“. Daß Hutmacher tatsächlich Gefahr liefen, eben wegen Quecksilbervergiftung *mad* zu werden, wußten wir also schon, die beiden main theories für die Herkunft der Phrase „Grin like a Cheshire cat“ waren mir jedoch unbekannt: laut der ersten Theorie geht sie zurück auf einen Schildermaler in Cheshire, der grinsende Löwen auf die Dorf-Inn-Schilder malte; oder sie stammt aus der Zeit, in der die Form von Cheshire-Käse an grinsende Katzen erinnert haben soll. Marilyn Mansons „Phantasmagoria“ über Lewis Carroll würde ich gespannt erwarten, hätte der Maestro Zeit und Fasson. Als Maxime gab er vor, den Horrorfilm auf die Ebene von Polanski und Hitchcock zurückbringen zu wollen. Vielversprechend, aber wie Sie sich erinnern, war „Manson sollte wirklich mal“ Topos der BS-Zeit. „I so often obsess so much about things that I can’t get done that I ruin other things.“ (MM). Ein Lieblingssatz aus „Alice“: „The great question certainly was, ‚What?'“
Love your new avatar. Kennen Sie „Golden Avatar“ von Kula Shaker? Zweitbester Hindu Times-Song nach „The Hindu Times“.
Bald Chanel & Stravinsky. „Wenn Chanel und Stravinsky sich ihr gegenseitiges Verlangen nicht in süßlichen Worten, sondern mit kühlen Blicken beichten, lädt sich die sexuelle Spannung auf wie in einem Suspense-Thriller“. Als Coco Chanel ist Anna Mouglalis zu sehen, Sie wissen schon: Simone in „Der Liebespakt“. Habe „Marnie“ und „The Birds“ als meine Lieblings-Hitchcock-Filme entdeckt, weil mir plötzlich klar wurde, wer Tippi Hedren ist. Am Ende von „The Birds“ öffnet Rod Taylor eine Tür, die gar nicht da ist. Das ist die Magie des Films, aber für einen in The Chamber of 32 Doors ist das auch ein Satori, ein Schuß ins Auge. Bob Dylan in „Series Of Dreams“: „And there’s no exit in any direction / ‚Cept the one that you can’t see with your eyes.“ Gotta find that one then, I guess.
Und übrigens: eine ähnlich verstörende Atmosphäre wie McCarthys Anti-Western versprüht Nick Caves notorisch unterschätztes Swamp-Delirium „Und die Eselin sah den Engel“. Cave schreibt wie im Rausch, rüstet seine Prosa immer wieder zu Feuerreden auf, die wie aus dem Mund eines wahnsinnig gewordenen Predigers gefallen wirken. Das literarische Äquivalent zu seinen frühen, völlig zerballerten Blues-Vergewaltigungen.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Diese Empfehlung kann ich nur unterschreiben, aber wenn’s geht, das Original lesen, „And the Ass saw the Angel“… „Sucked by the gums of this toothless grave, ah go“ rollt besser als „Der Gaumen dieses zahnlosen Grabs saugt mich hinab“, Swamp-Idiom, wo jedes „I“ zu „ah“, jedes „my“ zu „mah“ wird. Zerballerte Dramatik schon, aber ein erstaunlich strukturierter Roman, konzipiert mit einer Disziplin, die man Cave zur damaligen Zeit wohl nicht zugetraut hätte. Lohnt sich eben doch, wenn der Papa (Englischlehrer) dem kleinen Nick Dostojewski und Nabokov vorliest. Cave ist nicht nur musikalisch ein Meister im Heraufbeschwören einer unheilschwangeren Atmosphäre („The Carny“!) und wartet mit so alttestamentarischer Sprachgewalt auf, als hätten sie damals sein Kapitel aus der Bibel rausgeworfen. Ukulore Valley ist ein böser, böser Ort, wo bei der Geburt gestorbene Zwillingsbrüder (klar: God help Tupelo) in Pappkartons begraben werden, Junkyard-Göttinnen Cosey Mo heißen und vergöttlichte Mädchenheilige Beth, und wo die Krähen nicht einfach nur so kreisen.
Mixolydian:
Das „zerballert“ war auch eher auf den Inhalt bezogen: kaum eine Figur, die nicht wahnsinnig, vom Alkohol zerfressen, gewalttätig oder zutiefst bigott und böse ist. Caves Beschreibung des schrecklichen Todes der Mutter Euchrids („a scum-cunted, likkered-up, brain-sick swine“) hat mich damals um den Schlaf gebracht, so aufwühlend ist die Passage. Und das Zwiegespräch mit dem totgeborenen Bruder fand sein Echo kürzlich auf Scott Walkers „The Drift“ (im Song „Jesse“, in dem Elvis den Geist seines „stillborn brother“ anruft). Weitere Szenen von ähnlicher Intensität sollten folgen…
Cave hat einmal in einem Interview gesagt, dass das Schreiben ihm leicht von der Hand ging, aber dass es die Hölle war, Struktur in die Aufzeichnungen zu bringen. Deshalb lasse auch ein weiterer Roman immer noch auf sich warten: er, Cave, wolle sich diesen Wahnsinn nicht noch einmal antun. Das Interview hat er vor ca. 8 Jahren gegeben, mittlerweile arbeitet er mit Beamtenmentalität an seinen Alben, von Rock ’n‘ Roll-Exzessen keine Spur mehr. Das hat er alles durch. Eigentlich eine perfekte Ausgangsposition für kommendes Großschriftstellertum. So wie bei Cohen, nur anders herum.
Von einem neuen Buchprojekt habe ich aber leider noch nix gehört. Vieleicht nagt ja das Euchrow-Trauma immer noch allzu arg am Gemüt des Meisters…
Christian Erdmann:
Ich hatte das Vergnügen, einer Lesung von Cave beizuwohnen, als der Roman noch nicht erschienen war (unter anderem las er das „Atra Virago“-Kapitel), er las im Stehen, und klang wirklich wie der Wanderprediger zwischen Sumpfland und Strumpfband. Außerdem ist meine englische Ausgabe von Nick signiert – eines meiner kostbarsten Bücher fürwahr.
Mixolydian:
DAS lässt mich jetzt aber wirklich vor Neid erblassen! Gerade weil ich immer noch Trauer trage, da der Meister kürzlich auf Solotour auch meine Stadt beehrte, während ich mir grippekrank die Seele aus dem Leib kotzen durfte :-(.
Aber wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, geht er demnächst mit „Grinderman“ auf Tour.
Christian Erdmann:
Neues Buchprojekt wohl noch nicht, aber er hat ja jüngst das Drehbuch für „The Proposition“ geschrieben, ein Film, der im australischen Outback am Ende des 19.Jahrhunderts spielt. Nach eigener Aussage mit Skrupeln, da er das Narrative als seine Stärke ansieht und nicht wußte, ob er überzeugende Dialoge schreiben könne. Scheint aber gut gelungen, betrachten wir es als Fingerübung für sein Großschriftstellertum.
Bevor er dazu ansetzt, hat er sich selbst und drei der Bad Seeds aber ja nun erst einmal genötigt, für Grinderman wie Nebenfiguren aus einem Italo-Western auszusehen (früher oder später landen ja alle bei Morricone), und der hier besser nicht zitierte Text der ersten Single legt nah, daß Nick erst noch ein paar Dinge dringend ventilieren muß, die ihm in der Einsamkeit seines berühmten „Büros“ offenbar schwer zu schaffen machen.
Wünsche Dir jedenfalls, daß es klappt mit einem Konzertbesuch; ich habe ihn zuletzt auf der „Abattoir Blues / The Lyre of Orpheus“-Tour gesehen, mitsamt Frauengospelchor; wenn deren „Get Ready! Get Ready! Get Ready!“ durch den Rabatz von ca. 20 (gefühlten) Bad Seeds schnitt, während Cave „Praise Him till you’ve forgotten what you’re praising Him for!“ stöhnte, war klar: in den Zug zu Jesus steigst du niemals ein… aber du hängst hinten am Seil am ratternden Zug, polterst über die Gleise… und du genießt es. :)
Cave hat auch mal einen Essay zum Markus-Evangelium geschrieben, als Einleitung für eine Ausgabe der King-James-Bible, und es ist interessant, daß seine Lyrics von englischsprachigen Theologiestudenten mittlerweile zu seriöser Arbeit herangezogen werden.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“ März 2007]
Auf weissen Laken aus Eis bin ich erlöst von meinen Irrwegen befreit von meinem Trotz geheilt von allem Übel Beschworen die Silben meines Namens wie im Schlummer einer Liebenden Vor reine Gegenwart versammelt die Zerstreutheit meiner Sinne In eins gefügt die zerrissenen Zustände des Herzens In eins verbunden die versprengten Kräfte Nichts mehr trübt die Reinheit meiner Anbetung Possen, die ich spielte Verrat, den ich beging Anfang der Welt und Endzeit und jede Wunde, die ich riss Alle Stationen der Isispassion Ri, dschi, Eisenkönig, stirb Endlich das Unsuchbare suchen Todgeweihtes Leiden Hochzeit im Kristallpalast Die wahre und die falsche Zeit Eine Nacht, die sieben Nächte dauert Schwester der Träume und schlafender Gott Bring dich mir zum Opfer Bis goldene Flammenreihen sich In deinem Schädel spalten So werde ich die Tore für dich öffnen Du willst die Wahrheit und du starrst direkt durch sie hindurch Totengräber klagen über Grabesstimmung Köpfe werden rollen in der Commedia
Haben Sie zufällig mal Tourneurs „I Walked with a Zombie“ gesehen?
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
„Mal gesehen“? :) Der Gang der beiden Frauen durch das Zuckerrohrfeld bei Nacht ist eine der besten Szenen der Filmgeschichte. Schön, hier einen Tourneur-Liebhaber anzutreffen.
Beide Tourneur / Lewton-Kollaborationen, „Cat People“ und „I Walked with a Zombie“, sind Wunderwerke an Poesie und Atmosphäre. Der beste Horror ist der, bei dem es nicht die Haut von Protagonisten, sondern einem selbst das Herz zerreißt.
Gwynplaine:
Ich ergatterte vor kurzem Jacques Tourneurs „I Walked with a Zombie“ von 1943 – endlich! Zwar nur auf Deutsch, aber es ist einer der faszinierendsten Filme, die ich kenne. Atmosphärisch dicht, geisterhaft schwebend, ohne plumpe Schocks, und mit dem aus „Cat People“ bekannten Spiel mit Licht und Schatten, das gespenstische Bilder generiert.
Der deutsche Titel („Ich folgte einem Zombie“) führt etwas in die Irre, nicht die Hauptfigur folgt dem Zombie, sondern umgekehrt, dieser wird von Frances Dee zum Voodoopriester gebracht. Und das ist eine sehr schöne Szene, dieser unheimliche Gang durch das Zuckerrohrfeld – auf meiner Film-Schönheitsskala auf einer Stufe mit der Flußszene der Kinder in Laughtons „The Night of the Hunter“; ebenso faszinierend das anschliessende Voodoo-Ritual, das gar nichts von abergläubischem Hokuspokus hat, sondern ernsthaft und glaubwürdig wirkt. Ahead of its time!
Solche Filme gibt es einfach nicht mehr. Daher: höchste Zeit für eine Tourneur-DVD-Werksausgabe.
Christian Erdmann:
Ich muß dazu ja nix mehr sagen. :)
Gwynplaine:
Mir fällt noch was ein:
In Tourneurs Film taucht ein schwarzer Troubadour mit seiner Gitarre auf, der für die Lokalgäste aufspielt und dessen Texte jeden „gossip“ musikalisch weitertragen, was unter den Protagonisten für Irritationen sorgt. Leider wurde auch das Lied synchronisiert, doch an der Melodie allein vermeinte ich schon dieses Stück klassischer karibischer Folklore zu erkennen, derer sich auch ein früher Peter Tosh schon mal angenommen hatte. In der Übersetzung heißt es: „Oh weh! Oh weh! Schande traf die Famili-ee!“.
Christian Erdmann:
Sir Lancelot, der den von Dir erwähnten Straßensänger spielt, war ein ganz bekannter Calypso-Interpret. Im Original:
There was a family that lived on the isle of St Sebastian a long, long while The head of the family was a Holland man and the younger brother, his name was Rand Ah woe! Ah me! Shame and sorrow for the family The Holland man he kept in a tower a wife as pretty as a big white flower She saw the brother and she stole his heart and that’s how the badness and the trouble start
Und als er bei Nacht wiederkommt:
The wife and the brother they want to go but the Holland man he tell them no The wife fall down and the evil came and it burned her mind in the fever flame Ah woe! Ah me! Shame and sorrow for the family
Her eyes are empty and she cannot talk and the nurse has come to make her walk The brothers are lonely and the nurse is young and now you must see that my song is sung Ah woe! Ah me! Shame and sorrow for the family
Fast so unheimlich wie der nächtliche walk durch das Feld zu Carrefours leeren Augen. Edmund Bansak:
„It’s a special Lewton moment, and its brilliance lies in the way it’s underplayed; Lancelot does nothing particularly menacing, but his insistent approach is so terrifying that even his song scares us.“
Deiner schönen Beschreibung füge ich noch eine treffende von Robin Wood hinzu: „Perhaps the most delicate poetic fantasy in the American cinema… nearly every scene contains something memorable and special and some of the sequences are truly magical.“
Und weißt Du, welchen Moment ich neben all diesen magischen Szenen von absolut hypnotischer Qualität auch noch liebe? Die, in der Alma Betsy weckt, indem sie deren große Zehe berührt: „I didn’t want to frighten you from your sleep, that’s why I touched you farthest from your heart.“ Hat Lewton vermutlich genauso in West Indian Folklore gefunden.
Den Titel „I Walked with a Zombie“ hatte er übrigens aus einem Artikel von einer gewissen Inez Wallace in American Weekly übernommen.
Gwynplaine:
Sir Lancelot also. Jetzt wo Du’s sagst, ich habe doch eine CD, wo er drauf ist. Hätte ich selber drauf kommen können… grmbl
Und weißt Du was ich noch toll finde? Dass Du Dir für mich die Mühe machst, das rauszuhören und zu rezitieren :)
Christian Erdmann:
Für Liebhaber der Tourneur-Poesie tu‘ ich fast alles. :)
[SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – was ist ‚großes Kino‘?“, 2006, 2009]
Producer Val Lewton and director Jacques Tourneur elevated the horror film to new heights of poetic abstraction with this entrancing journey into the realm between life and death. When she takes a job caring for a comatose woman on a Caribbean island, a young nurse (Frances Dee) finds herself plunged into a mysterious world where the ghosts of slavery haunt the present and Vodou priests have the power to summon the living dead. Sugarcane swaying in a moonlit field, the hypnotic beat of ceremonial drums, the relentless pull toward death—the otherworldly atmosphere of this bold reimagining of Jane Eyre is as close as studio-era Hollywood ever came to pure dream-state surrealism.
Meine Freundin saß mal im Café mit ihrem Buch, und ein Typ sprach sie an mit: „Warum lesen SIE Stefan Zweig?“
eigentlicher_Schwan:
So geht’s mir immer mit Deinem Buch. Deshalb bin ich auch noch nicht ganz durch. * betreten schau *
Poppins, Mary:
Hat Aljoscha ein Buch geschrieben? Welches denn? Ich wills kaufen.
AndersSehend:
Meine Frau und ich genießen Aljoschas Roman auch im Schneckentempo. Schmälert das Vergnügen allerdings nicht, macht es eher noch größer, auch und gerade vor dem Hintergrund unterschiedlicher Sichten auf die Realitäten… :)
eigentlicher_Schwan:
Das finde ich auch. Das Problem dabei ist allerdings auch, dass man nach jedem Kapitel die Arme hochreissen will und rufen: Das Leben ist groß!
Aber im Café lesen geht nicht. Man wird ständig angesprochen. Muss an der Haltung liegen.
AndersSehend:
Angesichts dieses durch Lebenspoesie in Romanform ausgelösten Problems werfe ich meine Arme gerne in die Luft und rufe bereitwillig in die Gegend… außerdem muss ich gestehen, dass mir das auch angesichts einzelner Formulierungen passiert, eigentlich ständig.
BerSie:
Klassebuch! Aljoscha könnte langsam mal was Neues rüberwachsen lassen!
Ty Coon:
Der Mann traut sich wenigstens was. Vito von Eichborn nannte ihn einen „Rohdiamanten“, und das ist auch meine Meinung. Irgendein Lektor schrieb ihm mal, „Sie präsentieren zu viele Früchte Ihres Philosophiestudiums“, und diese Analyse trifft es meines Erachtens ganz gut. Er haut einem einfach zuviel Bildung um die Ohren. Anfängerfehler.
BerSie:
Aljoscha hat eben immer das große Ganze im Blick! Genauer vielleicht noch, das ganz große Ganze! :)
I’m a Substitute:
Die Früchte des Philosophiestudiums stehen in Aljoschas Roman ja im unmittelbaren Zusammenhang mit den Pannen im Leben des Romanhelden und sind daher kompositorisch GEWOLLT und NOTWENDIG. Im übrigen muß man nicht zwingend auf geistige Schonkost setzen.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
„Rohdiamant“ – Bonjour Ty, wenn ich da kurz korrigieren darf, Du kannst wählen zwischen „Ein literarischer Diamant“ und „Juwel“, wenn Du Eichbornsche Wertungen zu dem Buch aus dem Metaphernfeld „geschliffene Schmucksteine“ anführen willst, oder „literarische Perle“, wenn es um Schmuck überhaupt geht. :)
Es ist auch nicht richtig, daß nur Philosophie um die Ohren gehauen wird. Es gibt noch eine Menge mehr Zeugs, das um die Ohren gehauen wird. In vollem Bewußtsein der Konsequenzen. Du kannst davon ausgehen, daß alles, was Du „Anfängerfehler“ nennst, auf exzessiver, perfider Wohlüberlegtheit beruht. :)
chevy57:
Aljoscha, you just made my day. :))
Ty Coon:
Ich gönne Aljoscha den Erfolg, ich hoffe, aus ihm wird mal irgendwann ein Großer! Aber man soll ja nicht zuviel loben, das ist denn auch wieder nicht gut! Christian Erdmann? Rock ’n‘ Roll!
AndersSehend:
Nee, der Christian ist schon groß, es wissen nur zu wenige davon.
BerSie:
Vielleicht sollte man aus dem Rohbrillanten noch ein prima Drehbuch machen…? :)
Lieben Dank für Ihre Antwort. BoD ist im WirrWarr des übervollen Büchermarktes eine elegante und sinnvolle Lösung. Wir hier kennen ja Aljoschas Beiträge; deshalb kauf‘ ich blind und sehr gerne :)
Der aus sich heraus schöpfende Genius, „a second Maker, a Prometheus under Jove“, wie Shaftesbury sagte, war ein Kind seiner Zeit. Selbstermächtigung des Subjekts, die unhintergehbare Vernunft und die daraus sich ableitende Verabschiedung mimetischer Kunstkonzepte haben den genialischen Künstler hervorgebracht. Der Geniekult ist also Ausfluss eines Paradigmenwechsels in der europäischen Geistesgeschichte. Und wie sieht es heute aus?
Das stolze Subjekt Goethescher Prägung hat seitdem, salopp gesagt, permanent die Ohren langgezogen bekommen. Darwins Evolutionstheorie, dann Freud, der frech behauptete, der Mensch sei nicht der Herr im eigenen Haus. Und seit dem 2. Weltkrieg ist die unbedingte Vernunftbegründetheit menschlichen Handelns endgültig kassiert. Damit hat auch eine Genieästhetik ausgespielt.
Beckett und Jarry haben das in ihren Werken beispiellos deutlich gemacht: Diese Welt ist eine verdammte Kloake, das Leben eine Krankheit zum Tode, sinnlos und leer, kurz: alles im Arsch!
Die Frage ist nun, wie man die Aporien unserer Zeit aushalten kann. Ausklinken via Regression? Das ist eine relativ mutlose Strategie, die zwar unangreifbar macht, aber auch jeden Zugriff auf das, was ist, und das, was kommen wird, unmöglich macht. Es steht zu viel auf dem Spiel (die Zukunft? das Leben an und für sich?), als dass man sich es in der Nostalgia eines untergegangenen Zeitalters gemütlich machen könnte.
Ich maße mir nicht an, ein Patentrezept für dieses Dilemma parat zu haben. Allerdings bin ich bis jetzt gut damit gefahren, die zeitgenössische Literatur nicht als Schwundstufe eines vergangenen goldenen Zeitalters zu betrachten, sondern sie ernst zu nehmen. Denn sie leistet, was sie leisten kann. Und das ist um so bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass sie natürlich auch gewissermaßen „Opfer“ der (relativ) neuen Unübersichtlichkeit sowie der digitalen Revolution ist. Auf diese Weise an den Rand gedrängt, vermag sie jedoch endlich wieder subversiv tätig zu werden und ist so im Stande, neue Blickwinkel aufzuzeigen und damit etwas freizulegen, das uns in einer Welt, in der es scheinbar nichts Neues mehr geben kann, unvermittelt anblickt und vor Verwunderung erstarren lässt.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Entzückt, besonders über die Schlußwendung Deines Beitrags.
Indes: daß der Mensch im Freudschen Sinne nicht Herr im eigenen Haus ist, schockiert ja gerade den Künstler nicht, der sich von den Rändern des Auf- und Abgeklärten fallen läßt. Vor einigen Monaten gab es hier eine Diskussion über den Begriff der „inneren Form“ des Kunstwerks, den Goethe von Shaftesbury gestohlen hat. Er besteht ja weiter, nur ist in ihm der Goethe’sche Gestus des klassisch beruhigten Überschauens und Anordnens, des apollinisch Gemilderten entbehrlich geworden. Daher glaube ich, daß die Entthronung des „Prometheus under Jove“ nur von einem bestimmten Gestus handelt; auch gibt es natürlich einen Wandel im Verständnis der „inneren Form“, aber der Begriff trägt noch immer. Der Tumult, den „Le Sacre du Printemps“ am Abend des 29. Mai 1913 in Paris auslöste, hatte damit zu tun, daß ein ganzer Zuschauerraum in der Komposition Strawinskys, in der Choreographie Nijinskys keine „innere Form“ mehr wahrnahm; die Wucht des Ganzen führte zum Zusammenbruch der ästhetischen Distanz. Das war einer der besten Skandale der Kulturgeschichte, zeigte er doch, wieviel Dissonantes und scheinbar Formsprengendes die innere Form verträgt.
Ich muß gestehen, daß mir die Unterscheidung zwischen „Klassikern“ und zeitgenössischer Literatur schwerfällt; wenn ich „Der Meister und Margarita“ lese, ist Bulgakow für mich mehr Zeitgenosse als manche Zeitgenossen. Aber das ist my own personal Idiosynkrasie. Die Musen sind abgeschafft, der Musenkuss ist es nicht.
Literatur hat wohl immer schon aus Material geschöpft, das, gnadenlos subjektiv, der Goethe’schen Suche nach wohlgeordneter Gesetzmäßigkeit „die Ohren langgezogen hat“. Kein Zufall übrigens, daß Goethe zeitlebens so an Gartenkunst interessiert war.
Das Unbewußte, Träume, Visionen, auch künstlich erzeugte, die autonom sich zusammenfügenden Sätze und Satzfetzen, die kurz vor dem Einschlafen durchs Hirn jagen können, das Zusammenkommen von Dingen, die eigentlich nicht zusammenkommen können (eine Art psychisch-kreative Synchronizität) – all dies, was uns zeigt, daß wir nicht Herr im eigenen Haus sind, hinüberzuretten und, wieder Herr im Karton, einzufügen in die „innere Form“, auch das ist Musenkuss. Der kognitive Ablauf ist in der Dschungelhälfte, nicht in der Gartenhälfte, und irrt wollüstig erschrocken ins Phantastische. Metaphern wuchern aus gurgelnder Feuchtigkeit, jeden Schritt begleiten die absonderlichen Laute kopulierender Ideen. All das legt frei, was „vor Verwunderung erstarren läßt“, neue Blickwinkel aufzeigt. Nochmal zu Shaftesbury: dieser selbst hat eigentlich betont, das obskure Objekt wissenschaftlicher Begierde, der Kosmos, wird letztendlich obskur bleiben. Unwiderlegbar: nur ein unendliches Wesen könnte unendliche Zusammenhänge erkennen. Wissend aber, daß die Zusammenhänge unendlich sind, ist es an uns, zu zeigen, daß es immer Neues gibt, geben muß. Es gibt nicht die Welt, nur ihre Beschreibungen.
Es gibt nur ein paar Geschichten, aber jeder erzählt sie anders. Und es gibt, wie Lessing sagt, die „Begierde, gerühret zu werden“. Es gibt 97 Arten dieser Begierde und 97 Arten des Gerührtwerdens, aber ich fand, das war immer ein ganz guter Maßstab: sind wir völlig umgerührt, war es große Kunst.
Mixolydian:
Wow! Punktlandung, Aljoscha! Das war ein sehr einleuchtender Exkurs, dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Ach ja: hier kann einer ernsthaft schreiben…
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“]
Ohlsdorf Cemetery is a huge park actually, you have to search a little to find these angels and many of them look like they just crash landed. It’s a space of bruised angels really.