Wie lange können Teile der liberalen Linken noch behaupten, dass Cancel Culture nur ein Hirngespinst der Rechten ist, während sie herumlaufen und Konzerte, Comedy-Shows, Filmvorführungen, Vorträge und Gespräche absagen? Was die „Cancel Culture“ durchdringt, ist eine „Nicht-Debatten-Haltung“: Nicht nur wird eine Person oder Position ausgeschlossen, sondern was ausgeschlossen wird, ist die Debatte selbst, die Gegenüberstellung von Argumenten (…)
Auf diese Weise entsteht im Kampf für Inklusion und Vielfalt eine Atmosphäre des stasiähnlichen Misstrauens und der Denunziation, in der man nie weiß, wann eine private Bemerkung dazu führt, dass man aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen wird. Ist das nicht die extreme Version des Witzes über den Verzehr des letzten Kannibalen? „In unserer Gruppe gibt es keine Gegner von Vielfalt und Integration; wir haben den letzten soeben ausgeschlossen.“ (…) Cancel Culture spricht zwar von Vielfalt und Inklusion, zeigt aber eine Haltung der extremen Ausgrenzung.
Clara Drechsler schrieb in der spex 9/91, Titel „Der Nabel der Elfe“:
Obacht! Jetzt kommt der Hurdy-Gurdy-Mann! Ethan James, Produzent von Minutemen-, Black Flag-, Henry Rollins- und circa 487 weiterer kalifornischer Hardcore-Platten, bevorzugt für den Eigenbedarf Instrumente, die zwar ohne Strom funktionieren, dafür aber nach körperlicher Auseinandersetzung mit ihnen verlangen. Brutalmenschliche Frequenzen schwingen sich ein!
(…)
Wer außer Detlef Diederichsen weiß eigentlich, wie die erste LP von Erin Kenney und Ethan James war? Gleich drei Labels gelang es nicht, mehr als ein Exemplar der Platte nach Deutschland zu schaffen; Diederichsen besitzt es. In wessen Laden, außer in dem von Michael Ruff, verkauft sich eigentlich die zweite Erin-Kenney- und Ethan-James-LP, „Tapestries Of Smoke“, die dieser Tage bei EfA erschienen ist? Und wer, außer Sebastian Zabel und ähnlichen Abenteurern, weiß eigentlich, was ein Sufi ist?
Die letzte Frage kann geklärt werden: Die Sufis sind eine islamische Mystiker-Sekte des Mittleren Ostens, die ihre Weisheiten gerne in kleine Geschichten kleiden, um sie zu verbreiten. Hier ist eine: „Der Tod kommt in die Kasbah.“ „Der Schüler eines großen Sufi-Lehrers ging einst in die Kasbah, auf den Markt, um Datteln oder sowas zu kaufen. Während er da herumlatschte, erblickte er plötzlich den Tod, der leibhaftig neben ihm stand, Kapuze, Mantel, Knochenschädel und alles. Da packte ihn das Entsetzen, und er dachte, oh Schreck, er kommt mich holen, nichts wie weg hier. Und rennt quer durch die Kasbah, springt auf sein Kamel und flieht in die nächste Stadt. Der Tod war natürlich genauso verblüfft – er dreht sich rum, sieht den Mann, und der rennt weg. Später trifft er den Sufi-Lehrer, sie sind alte Freunde, und erzählt ihm: Da ist mir ein Ding mit deinem Schüler passiert. Ich traf ihn in der Kasbah. Und dabei sind wir erst morgen in der nächsten Stadt verabredet.“ Waha. Schadenfreude ist die schönste Freude. Allerdings sitzen wir hier nicht in der Kasbah bei Datteln, sondern frühstücken im einladenden McDonald’s am Barbarossaplatz. Aber ich nenne sowas ja auch weniger Weisheit des Nahen Ostens als eine Twilight-Zone-Story. Auf der ersten LP von Erin Kenney und Ethan James wurde daraus „Death Comes To Club Med“: die reich ausgeschmückte Twilight-Zone-Folge mit Folk-Soundtrack.
Ethan James ist Besitzer der Radio Tokyo Studios in Venice, verdienstvoller Compiler der Radio Tokyo Tapes, Entdecker der Bangles und Produzent tausender hochwichtiger Bands wie Minutemen oder Black Flag. Eines Tages dann dringt durch die gutgepolsterten Studiowände das Geräusch zierlicher Schritte an sein Ohr… und eine blondgelockte Elfe erscheint, leicht angeschickert… Erin Kenney, die gerade beschlossen hat, wieder zu singen, und die sich zwei Ecken weiter einen auf die Nase gegossen hat, um sich Mut zu machen, ehe sie einem so entfernten Bekannten diesen Entschluß mitteilt. Ein Geschenk des Himmels… ein zierlicher Flaschengeist… eine bildhübsche mittelalterliche Spieluhr, die zauberhafte Töne spielt, wenn man ihr auf den Bauch drückt. Wirklich konzentrierten Sängern beim Singen zuzusehen, ist sicher nach wirklich gründlichem Zähneputzen die langweiligste Beschäftigung, aber zuzusehen, wie ein zartes Zwerchfell sich unter brokatbestickter Bluse hebt und senkt, ein Bauchnabel leise hüpft: reizend.
(…)
Zu den wunderlichen alten Instrumenten. die Ethan James zur Verwirklichung seiner Vorstellungen braucht, gehört auch das mysteriöse Hurdy-Gurdy, das nicht, wie vermutet wurde, ein „Leierkasten“ Berliner Hinterhofprägung ist. Wir identifizieren das etwas unbeholfen als „Drehleier“, eine unförmige, fettbäuchige – hm – Gitarre, die an einer Seite ein Rad mit Kurbel hat, darüber läuft eine Saite, die man mittels Drehen der Kurbel zum Heulen bringt; im weiteren Verlauf der Saite kann man dann durch Spielen einer Akkordeontastatur diesem Heulen Melodie verleihen.
(…)
Schenkt Euren Ohren diese stahl-, holz-, haut- und tonerweichenden brutalmenschlichen Frequenzen und gebt Euch dabei bloß nicht der Empfindung hin, das sei (Achtung:) „SCHÖN“.
Also tat ich ehedem. Und ob das schön ist, unwiderstehlich und mysteriös. Mittelalter als moderner Film Noir, so meditativ wie komplex, Texte, die mittelschwer skandalöse Geheimnisse andeuten, zwischen Weisheitsversprechen und mystischem Wahnsinn, Ernten verbotener Früchte, Wüsteneien der Träume, Tanz mit dem Rätsel der Sphinx, Texte, die an abgelegene, seltsame Orte versetzen, ein Bildteppich, auf dem sich plötzlich Tempelhuren zu räkeln beginnen. Erin Kenney macht sich, angeschickert oder nicht, mit strahlendem Wagemut auf die komplizierte und konzentrierte Reise durch die Lyrics, die, obskur und voller Anspielungen, in bester „Highway 61“-Manier mythisches Personal aufmarschieren lassen und doch das Hochnotpersönliche unter alldem ahnen lassen.
In the ancient desert territories Countless centuries past There were fifty days of heat each year That just would last and last Till men would loose their sanity So endless was the pain That if one killed a wife or two He was not held to blame The head priest and the temple whore Feed fuel into the blaze Just making sure the idol glows For at least these fifty days Tristan and Isolde Dressed up as biker boys Play strip poker with the parlor maid Amidst the wind and noise As the sand dunes claim the bridge across Where once there was the bay Scavengers fight for poisoned bones Enough for fifty days The ceremony now begins As the judge peels off his face And hands out tickets to the orphan’s ball Set to last for fifty days Count these fifty days Count these fifty days What are these tales of darkness That spread across the land Sung by troubadours who are Half dragster and half man While companies of fashion models Rub themselves in pairs With desperate hands and lips that bite Through Mormon underwear Sex without the wetness With surgical foreplay Come dressed to kill and plan to stay For at least these fifty days Count these fifty days Count these fifty days
Die seidenweiche Brust entblößt, in sinnlich-schwülen Duft gehüllt, faltet eine Frau ihren 1000sten Kranich aus Papier. Nietzsche tanzt auf einem Stecknadelkopf. Stimmen aus entfernten Zeitaltern schließen den Abgrund der Zeit. Der letzte Kastrat sinniert über die Gebeine von Caligula und Justine, ahaunting memory lingers near, ein Schleier der Tränen, geboren aus Träumen, die smaragdfarbene Göttin des Absinthtrinkers erwacht und füllt die Luft mit Sex, ein Hochzeitsbett aus Eis, den Königinnen des Tarot weht der Wind in die Kleider, der Wind ist Mönchschor, unser Leben in the presence of These Silent Ones, ungewisse Erinnerung an eine Serie von Augenblicken, Verschwörungen der stillen Dinge, path twisted and obscure, Tristan und Isolde beim Strip-Poker mit dem Dienstmädchen, Plünderer kämpfen um vergiftete Knochen, companies of fashion models, zähl die 50 Tage, come dressed to kill and plan to stay. An den Toren des Elysium, im Garten meiner Geheimnisse gehe ich eine einsame Meile, zum Brunnen der Erinnerung, wo ich eine Weile ruhe. Verbotener Garten, tief in meinem Herzen, a lover waits for me who understands my hidden need. Man sitzt im Boot neben dem Ancient Mariner, beständig sieht man zu, wie Mythen sich entfalten, unberührt von vergehenden Jahrhunderten. Man steht immer an der Linie aller Möglichkeiten. Das verborgene Gesicht des alten Mannes vom Berge. Godot wartet. Kann warten. Man ist ewig Reisender, Wandernder, Fremder in einem fremden Land, Feuer unter den Füßen, das den Weg zeigt. Die Halle der Bilder, weaving webs of fascination. Die fragile Hand des Schicksals, while the pleasure of my lover speaks secret truths.
Set a bad example for a couple of laughs The devil blows dust out of the back of his pants Whistling past the graveyard, dancing as he sings „Of all the things I haven’t got, you’re my favorite thing!“
I dream that I rise to the mountain I dream that I walk on the sea I dream that the snakes in the deserts Are laughing and dancing with me I dream that the words of the liars Are touching the robes of the saints I feel the breath of the psychopath Helpless he breathes in my face As I walk in this desert Alone with the wind at my back The road rises to meet me There is no turning back Down through the tunnel of angels Across from the valley of death I go where my journey will take me Till there is nothing else left The sand is alive and is buzzing The wind is a choir of monks As my life passes before me In the presence of these silent ones I dream of a series of moments Chained by uncertain memory Do I dream that I am the butterfly Or does he sleep and dream he is me
One day, in the upper floor halls of corporate headquarters, Brooks waited for an elevator. He felt good this morning. Besides being the Chief Executive Officer’s main yes man, today he was looking forward to his favorite abuse of power. For today, he was on his way to fire a man. Brooks had a special affinity for this task. In this case, his intended victim was a 20 year veteran on the brink of retirement. Well, kiss that pension goodbye.
Finally the elevator door opened and Brooks found himself staring face to face with the full, life sized specter of Death. Not some vague sense of foreboding or ominous feeling. No, it was the Grim Reaper himself. Granted, he was dressed in a three piece suit less his sickle, but there was no mistaking those hollow eyes, the clammy pallor or the smell of sulphur. They were both startled by this unexpected encounter and were speechless. Brooks, however, recovered first. He turned and ran down 60 flights of stairs and exited in the street, caught a cab, went straight to his travel agent, pulled out his gold card and caught the next plane to Club Med in Acapulco.
Death, meanwhile, headed straight to the C.E.O.’s office, walked right past the secretary and paid a visit to the old man. The old man was very pleased to see his good friend Death. They had, after all, come to know each other quite well through the years. The old man buzzed his secretary, had her hold all his calls, and he poured two drinks, one for himself and one for his friend, Death.
The conversation was amicable, and Death remarked, „I just ran into that lackey of yours – you know, Brooks? Well, you can imagine how surprised I was to see him here. You see, I have an appointment with him at the Club Med in Acapulco… tomorrow.“
Ondas do mar de Vigo Se vistes meu amigo? E ay deus! se verra cedo Ondas do mar levado Se vistes meu amado? E ay deus! se verra cedo Se vistes meu amigo O por que eu sospiro E ay deus! se verra cedo Se vistes meu amado O por que ei gran coidado E ay deus! se verra cedo
Waves of the sea of Vigo Do you see my friend? And ah God! to see him soon Waves of the rising sea Do you see my beloved? And ah God! to see him soon Do you see my friend The one for whom I sigh And ah God! to see him soon Do you see my beloved For whom I care so much And ah God! to see him soon
Mandad’ei comigo Ca ven meu amigo E irei, mad’r, a Vigo Comigo’ei mandado Ca ven meu amado E irei, mad’r, a Vigo Ca ven meu amigo E ven san’e vivo E irei, mad’r, a Vigo Ca ven meu amado E ven viv’e sano E irei, mad’r, a Vigo Ca ven san’e vivo E d’el rei amigo E irei, mad’r, a Vigo Ca ven viv’e sano E d’el rei privado E irei, mad’r, a Vigo
Word came today My friend’s on his way And I’m going, mother, to Vigo Today came the tidings My lover is arriving And I’m going, mother, to Vigo My friend’s on his way And is alive and well And I’m going, mother, to Vigo My lover is arriving And is well and alive And I’m going, mother, to Vigo He is alive and well And is the King’s friend And I’m going, mother, to Vigo He’s well and alive And is the King’s ally And I’m going, mother, to Vigo
Martin Codax, Galicia, 13th Century. Discovered in 1913 by antiquarian bookseller and bibliophile Pedro Vindel, Madrid.
Unvorhersehbar ausgewählt ist doch immer noch besser als vorhersehbar unausgewählt. Jeder nur ein Kreuz. Die Welt geht zu Phillip Boa, stattdessen bestellte ich grad ein Ticket für Combichrist und hab nicht die leiseste Ahnung, warum. Na, vielleicht doch, aber wer will schon die Wege der Katzen wirklich verstehen. Vielleicht nicht mal sie selbst.
Wenn Combichrist live so klingen wie auf MySpace, wird das genau das Richtige zum Wegblasen dessen, was unbotmäßig in den kommunizierenden Röhren sitzt. Habe mir gerade in der Küche, dort, wo ein alter Sessel steht und i-net-Anschluß nicht hinkommt, einen Schreibtisch gebastelt, ach was, eine Secret Window-Hütte ohne Hütte. Zuviele, die glauben, mit einem Streichholz in der Hand Licht im ganzen Haus machen zu können, das macht auch sehr müde. Stattdessen Rilke:
„Nein, nein, vorstellen kann man sich nichts auf der Welt, nicht das Geringste. Es ist alles aus so viel einzigen Einzelheiten zusammengesetzt, die sich nicht absehen lassen. Im Einbilden geht man über sie weg und merkt nicht, daß sie fehlen, schnell wie man ist. Die Wirklichkeiten aber sind langsam und unbeschreiblich ausführlich.“
Heute hat David Sylvian Geburtstag.
Combichrist klingen im Tanzpalast eigentlich noch viel rotziger, live hoffentlich auch. Zwingen mich auf die Tanzfläche, manche nennen es aber auch Weiberelectro.
Wegblasen ist wohl der Sinn der Übung, denke ich. So ein Secret Window brauche ich auch, schöne Idee. Leider reicht mein Kabel locker in die Küche und für die Terrasse ist es nun wirklich noch zu kalt. Ich musste heute stundenlanger Kolloquiumslaberei beiwohnen, um Himmels willen, was für überflüssiges Gesülze. Seine eigene Unwichtigkeit so dermaßen abzufeiern ist ja schon fast wieder brillant. Ich dachte schon nach 10 Minuten daran, doch lieber wieder im Krankenhaus zu schichten, als meine Zeit so sinnlos zu verjubeln, aber ich werde es natürlich doch tun, es gibt keinen Weg zurück. Mit einem Streichholz Licht im ganzen Haus? Ein treffendes Bild für viele Situationen. Ein Rilkezitat steht auch am Anfang der Arbeit, die Grundlage der meinigen ist: „Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt?“
Wie haben sich Oasis geschlagen? Ich konnte es leider nicht miterleben.
Weiberelectro? Klingt gut für mich, aber ich sehe das wohl aus der falschen Perspektive. Würde ich musikalisch eher mit Ladytron oder Client verbinden. Die faszinierende Kombination zarter Handgelenke und kalter Maschinen. Stundenlange Kolloquiumslaberei, boy I remember well. Und immer sind es die Vollhonks, die sich am liebsten reden hören, bis man garstige Visionen von Mundzunähen im Schädel hat, schließlich hat man mal „Murders In The Zoo“ mit Lionel Atwill gesehen, aber diesen essentiellen Bestandteil im Kulturgut der Menschheit, mit der mysteriösen Kathleen Burke, kennt dann eh keiner. Rilke ist ja auch der Weltinnenraum-Mann. Hab gerade U2 auf SPON verteidigt mit: Weltinnenraum ist Matrix. Weltinnenraum ist da, wo Außenwelt und Innenwelt die Subjekt-Objekt-Trennung aufheben. Der Raum, wo du dir selbst zum Mysterium wirst, und das Mysterium der Realität dich treffen kann. Oasis haben sich gut geschlagen, HariboMan meinte zu Liam, „Jennifer (Aniston) was desperate to see you“, und Liam meinte, „Desperate? Sind wir doch alle irgendwie.“
Weltinnenraum, da tut sich viel grad. Weltaußenraum – keine Auffälligkeiten, Chief Commander. Genaueres vielleicht, wenn ich Sie anlässlich Ihres Jubeltages aufsuchen werde, am Brunnen. Nein, Sie sehen es aus der richtigen Perspektive. Es gibt aber andere. Ich weiß, dass diese Interpretation Ihnen in jenem Zusammenhang eher unbekannt ist, aber Weiber wäre in Weiberelectro eher abwertend und bezöge sich auf die Zuhörer.
Hah! Das war aber ein Touchdown von Liam. Sehr schön! TV sucks mal wieder. Als ich kürzlich Götz Alsmann bei seinen ewig gleichen Scherzchen zusah, erinnerte er mich an Sartre, so als wäre er die heutige Version. Und wenn ich das so empfinde, bin ich offensichtlich bereit, ein gewisses Niveau zu billigen!? Seitdem lese ich wieder mehr.
:) Sie haben U2 verteidigt? Warum und warum war das notwendig? Ein geschmackloser Fall von: Bands, die länger als zwei Monate im Geschäft sind, doof/überholt/zu alt/zu kommerziell finden?
Suchen Sie mich um Gottes Willen nicht an meinem Geburtstag am Brunnen auf, das ist ein Sonntag!
Kennen Sie übrigens Flann O’Brien? „At Swim-Two-Birds“? In „The Third Policeman“ entwickelt er die Mollycule-Theorie, nach der die Persönlichkeit eines Mannes sich mit der Persönlichkeit seines Fahrrads vermischen kann, an interchanging of mollycules, was nicht zuletzt an den huckeligen irischen Landwegen liegt.
Das weiß ich auch, dass es (ein) Sonntag ist. :) Ich sagte ja auch > anlässlich. Nicht > an. Siiigh, finally sind die Ferien rum, Cathy allein zuhaus mit einer Tüte Chips und den zwei Babyratten, die seit Montag in ihrem Käfig die Nacht zum Tag machen, raven, futtern, raven, schlafen, wieder raven. Sehr lustige Fellknäuelchen named Paula und Louise. Habe heute entdeckt, dass sie Schokoladenpudding mögen und sich auf Kämpfe um Stroh einlassen. Von Ratten und Menschen oder wie das heißt.
Ich betrat heute Nachmittag das Museum für Kunst und Gewerbe und fand ein paar samtene Treppenstufen höher, das knarrende Parkett durch Zeitkorridore führend – far away and long before –, einen warmen Frühlingstag 1973 in Paris. Romy Schneider auf einer Bank sitzend, ladylike in weißer Leinenbluse, ein brauner Gürtel mit goldener Schnalle um die schmale Taille, neben ihr zwei alte Frauen in einfacher Kleidung und mit gebührendem Abstand. Sie sah aus wie eine Königin, nur schöner. Freier. Auf anderen Bildern dann ihre Einsamkeit, ihre Traurigkeit. Es gab ein Foto, ein viel früheres, Anfang der 60er, da sieht man schon, wie zerbrochen sie war. Ihre Augen erzählten von Verletzung, die nie mehr heilen, nur noch betäubt werden konnte. Und ich habe mich gefragt, was wohl Ihr favourite film mit Romy ist? Es gibt ein Video mit einer Hommage von Alain Delon, wie Sie sagten, sie fehlt ihm immer noch und am Ende sagt er: Für Disch, mein Puppele. Pour toi, mon amour.
Elevation in Chicago – grand! U2 haben Intensität, ja. Magie für mich in Zooropa, aber das liegt am damaligen Zeitgeist, meinem persönlichen. Wie es immer so ist. Die Iren mögen wohl Zooropa im Allgemeinen nicht, betrachten Bono aber als Volkshelden, soweit ich weiß. Flann O’Brien schon mal gehört.
Wie war Marc? Gab er Brilliant Creatures? Mein favourite von ihm.
Mein favourite film mit Romy? Am schönsten, für mich, ist sie wohl in „Das Mädchen und der Kommissar“. Sehr beeindruckend: „Death Watch“, mit Harvey Keitel. Wenn ich einen Film von ihr für die Insel auswählen müßte, dann vielleicht Viscontis „Ludwig II.“ Und dann ist da natürlich noch „Nachtblende“. Und für Sie, was ist Ihr favourite? – Das Museum für Kunst und Gewerbe ist überhaupt ein seltsamer, wunderbarer Ort. Manchmal meint man, ein Zug fährt direkt durch, und dann plötzlich, völlig zeitenthoben, strange silences falling down there. Ravende Babyratten, that’s beautiful. Manchmal denke ich auch an sowas, aber ich hab schon tagelang geheult, als mein Meerschweinchen starb. Und das war nach meinem Examen, Grundgütiger.
Marc Almond – sigh mit drei iii, wenn ich Sie zitieren darf. Der Tod hatte ihn zu 99% auf der Schippe nach seinem Motorradunfall, sein Kopf war Matsch, seine Stimme weg, Gedächtnisstörungen, hat unter Panikattacken im Internet nach der besten Suizidmethode gesucht. Und dann dies. Wiederauferstehungsfeier also sowieso.
Das Phantastische ist aber, daß er besser ist als jemals, und er war schon immer groß. Es ist so schön, daß auch die Engländer das jetzt so sagen, endlich: der beste torch singer der Gegenwart. Und so traurig, wenn es heißt, „ach, der mit Tainted Love?“ 30 Platten Herzblut, „ach, der mit Tainted Love?“ Glorious, I Have Lived, A Lover Spurned, Tragedy, The Idol, Variety, Child Star, Hand Over My Heart, The Days Of Pearly Spencer, Something’s Gotten Hold Of My Heart, The Devil (Okay), Brilliant Creatures, My Love, Jacky, Amsterdam, Sandboy, If You Go Away, Bitter Sweet, Bluegate Fields, Tears Run Rings, Ruby Red, Torch, Bedsitter, I Close My Eyes And Count To Ten, Friendship, Mother Fist, Tainted Love, Say Hello Wave Goodbye. So ungefähr. Fast 30 Songs, ungefähr zweieinhalb Stunden, als ob er gar nicht aufhören konnte. Einmal vermuddelte er den Text, und als ob das irgendjemanden irgendwie gestört hätte, entschuldigte er sich dafür mit: normalerweise sei er um diese Zeit schon im Bett. Ho ho, ho. „Amsterdam“ hat er aus dem Ärmel gezogen, extra für das Docks. What a performer. Genaugenommen hatte ich eine tonnenschwere Träne im Auge. Als er Brels „If You Go Away“ sang.
Und noch ein zweites Evangelium nach St Markus, derzeit.
Und meine Augen sind weit aufgerissen in der falschen Welt Dunkeltage, langsames Verglühen, zwei Götter, einer fällt Die meisten Menschen hier verstehen nicht, was man für sie fühlt Ich auch nicht und wer weiß, wann die Erinnerung abkühlt
Meine Straße weiß nicht weiter und endet hier im Dort Durch die Risse in den Schatten höre ich den Schlußakkord Ich nehme nichts zurück, das Nichts nimmt mich zurück Alles, was noch vor mir liegt, ist Feuerreiterglück
Wenn es keine Übung ist, dann ist der Ernstfall Wirklichkeit Die lebendigsten der Toten stehlen uns die Zeit Ist für alle schlecht, was für nichts gut ist? Ich frag den Polizisten Er zieht den Colt und sagt, er setzt mich auf die Liste der Vermissten
Doktor, können Sie mir sagen, wo ich unterwegs bin jede Nacht Meine Träume sind aus Tränen der Verlorenen gemacht Die Braut trug Schwarz und gab ihr Jawort im verhexten Licht Die Frau in meiner Hochzeitsnacht erkennt mich nicht
Das Go-Go-Girl im Lazarett behauptet, dass ich an der Front bin Sie kennt den Rand am Abgrund und sie fällt gekonnt hin Der Schatten einer Krähe, die den Himmel zu vernichten droht Fällt auf die Schwester der Barmherzigkeit, sie schreit zerrissenrot
Die Pforten des Entsetzens mit singenden Segeln berührt Im Boudoir der Opfergänge zu teuflischen Lüsten verführt Ich schritt um die Königsgräber, der Tod hat sich vertan Nächtliches Gelächter ohne Ort ist Hymne dir, mein Wahn
Der Wundertäter hebt den Stab, ein Engel liegt in Ketten Die Engel sprechen rückwärts, um sich vor dem Ritual zu retten Ein Abschied, der Äonen dauert, ein guter Grund zur falschen Zeit Das Leid, das ich aus Zuneigung verteile, macht die Hölle himmelweit
Ihr Seidenschoß, ihr weißer Hals für einen Graf aus den Karpaten Ich schwor ihr auf der Zeitenflucht, ihre Schönheit niemals zu verraten Für eine Ewigkeit war nichts vor Alles-möglich-sein Meine Liebe, sagte sie, ist Sternmesskunst für dich allein
Es weht ein Wind, der unser Fieber fieberhaft besingt Es weht ein Wind, der alle Warnglocken zum Klingen bringt Kalter Wind weht durch die Stadt, in der das Lachen starb Wind heulte durch ihr Zimmer, als ich um sie warb
Eine tiefgründige Erzählung, klassisch und modern zugleich. Genialer Schreibstil, den ich aus der deutschsprachigen Literatur sonst so nicht kenne. Das beste Buch, das ich seit langem das Glück hatte zu lesen. Ein „Must“ für jeden Literaturliebhaber.
Volker Paul:
Zwei meiner diesjährigen Weihnachtspakete beinhalten dieses Buch.
Kryoniker:
Steht auch bei mir im Regal. Leider immer noch nicht zuendegelesen, da doch zuweilen sperrig. Aber der Erzählstil gefällt mir, er ist wirklich mal was Neues!
Also diese charmante Mixtur aus Zerbrechlichkeit und Psychopathentum.
Christian Erdmann:
Tja, was könnte faszinierender sein? Indes, Portishead bzw. Beth Gibbons bewundere ich, aber ich liebe sie nicht, irgendeine Komponente fehlt, damit es mir wirklich unter die Haut geht. My fault, vielleicht weil ich denke, Mr Borcholte hat unrecht mit der „einsamsten Stimme der Welt“. Das ist immer noch Lisa Germano auf den beiden Mitt-90er-Alben „Happiness“ und „Geek The Girl“.
„The Darkest Night Of All“ von „Happiness“ kann ich fast nicht hören; das traurigste Stück, das ich kenne.
Goodnight How can you sleep? How can you sleep through this? What are your thoughts As you turn to dream? I wouldn’t know I never look These things are hard These things can hurt All of the secrets Nobody needs to know How does it feel Falling asleep so hard How could I ask How could I say The things I need to You’d go away Goodnight Memory must Fill you with love Positive days Positive years Older than lonely Older than old There’s only minutes Minutes to go You have to feel this You have to cry I can go on I can deny This stuff it hurts Always it will Now I can ask Now I can say The things I need to You’ve gone away
Goodnight
↑ Geschrieben im SPIEGEL ONLINE Forum „CDs der Woche – und Ihre Favoriten?“ am 01.05.2008.
Für sehr starke Nerven (der Notruf ist echt):
Brian Eno soll ihr „Geek The Girl“ zum besten Rock-Song aller Zeiten erklärt haben. Iggy Pop lud Lisa Germano 1993 zum Duett für „Beside You“ von „American Caesar“.
Auf David Bowies Neufassung von „Baby Loves That Way“ für sein „Toy“-Album spielt Lisa Germano Violine.
1997 ist sie mit Howe Gelb und weiteren Giant Sand-Mitgliedern als OP8 zu hören:
„Intensely intimate music that a lucky few stumble upon – music that finds hope in the darkness, and the darkness in hope“, heißt es auf der Website von Young God Records, dem Label von Swans-Chef Michael Gira, der Lisa Germano die Möglichkeit zur Veröffentlichung von „In The Maybe World“ (2006) und „Magic Neighbor“ (2009) gab.
2006 schreibt Michael Gira ebendort:
I am incredibly proud and pleased to release the music of Lisa Germano on Young God Records. I have been a fan of Lisa’s music for years. Her songs are impossibly poignant and often heartbreakingly beautiful. She’s a great lyricist and singer but also an extremely talented multi-instrumentalist. She plays violin, piano/keyboards and guitar with equal authority, as well as producing her own records with great imaginative effect – the result is seductive and truly magical. No one sounds like her. You get the feeling you’re walking through her dreams as you listen. The intensity of feeling in her singing is a little frightening sometimes – it’s like she’s singing very close to your ear, leading you through her ultra emotional world. It’s a place I very much enjoy visiting, and I hope you will too. […] Typically, her (self) production and arrangements are inventive and completely unique, the words cut right to the core and her voice carries you gently off into a world where the distinctions between beauty, loss, love and pain tend to blur.
Gira zitiert George Parsons [Dream Magazine]:
The exquisite singer songwriter Lisa Germano often walks that miraculously fine line between breathtaking terror and intoxicating beauty. Chilling seductive and sorrowful but dressed up like a lovely lullaby to mask the tragic core. Lost and found and lost again along the way to oblivion. Magically there are these glimmers of hope that shine though, and the melodies are so instantly beguiling that you’re swept off your feet, but no matter how scary it gets she’s holding your hand.
Lisa Germano ist wie ein Geist, der durch die Hallen des Hochadels spukt. Aber ihre Musik ist die Antithese von kommerziell, und nachdem 4AD sie 1998 aus ihrem Plattenvertrag entlassen hat, arbeitet sie für einige Jahre in einem Buchladen in Los Angeles, um sich über Wasser zu halten.
Songs von ihr können sprachlos machen, betäuben, Sturzbäche auslösen; für mich sind es nicht unbedingt viele, aber sie sind handverlesen. Lisa Germano ist auch nicht immer ratsam. Aber wenn deine Seele wie die Fledermaus im Turm hängt, kann sie genau richtig sein. Singing very close to my ear, als ich verlassen war.
It was a clear moonlit night a little after the tenth of the Eighth month. Her Majesty, who was residing in the Empress’s Office, sat by the edge of the veranda while Ukon no Naishi played the flute for her. The other ladies in attendance sat together, talking and laughing; but I stayed by myself, leaning against one of the pillars between the main hall and the veranda.
„Why so silent?“ said Her Majesty. „Say something. It is sad when you do not speak.“
„I am gazing into the autumn moon“, I replied.
„Ah yes,“ she remarked. „That is just what you should have said.“