Meine Freundin saß mal im Café mit ihrem Buch, und ein Typ sprach sie an mit: „Warum lesen SIE Stefan Zweig?“
eigentlicher_Schwan:
So geht’s mir immer mit Deinem Buch. Deshalb bin ich auch noch nicht ganz durch. * betreten schau *
Poppins, Mary:
Hat Aljoscha ein Buch geschrieben? Welches denn? Ich wills kaufen.
AndersSehend:
Meine Frau und ich genießen Aljoschas Roman auch im Schneckentempo. Schmälert das Vergnügen allerdings nicht, macht es eher noch größer, auch und gerade vor dem Hintergrund unterschiedlicher Sichten auf die Realitäten… :)
eigentlicher_Schwan:
Das finde ich auch. Das Problem dabei ist allerdings auch, dass man nach jedem Kapitel die Arme hochreissen will und rufen: Das Leben ist groß!
Aber im Café lesen geht nicht. Man wird ständig angesprochen. Muss an der Haltung liegen.
AndersSehend:
Angesichts dieses durch Lebenspoesie in Romanform ausgelösten Problems werfe ich meine Arme gerne in die Luft und rufe bereitwillig in die Gegend… außerdem muss ich gestehen, dass mir das auch angesichts einzelner Formulierungen passiert, eigentlich ständig.
BerSie:
Klassebuch! Aljoscha könnte langsam mal was Neues rüberwachsen lassen!
Ty Coon:
Der Mann traut sich wenigstens was. Vito von Eichborn nannte ihn einen „Rohdiamanten“, und das ist auch meine Meinung. Irgendein Lektor schrieb ihm mal, „Sie präsentieren zu viele Früchte Ihres Philosophiestudiums“, und diese Analyse trifft es meines Erachtens ganz gut. Er haut einem einfach zuviel Bildung um die Ohren. Anfängerfehler.
BerSie:
Aljoscha hat eben immer das große Ganze im Blick! Genauer vielleicht noch, das ganz große Ganze! :)
I’m a Substitute:
Die Früchte des Philosophiestudiums stehen in Aljoschas Roman ja im unmittelbaren Zusammenhang mit den Pannen im Leben des Romanhelden und sind daher kompositorisch GEWOLLT und NOTWENDIG. Im übrigen muß man nicht zwingend auf geistige Schonkost setzen.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
„Rohdiamant“ – Bonjour Ty, wenn ich da kurz korrigieren darf, Du kannst wählen zwischen „Ein literarischer Diamant“ und „Juwel“, wenn Du Eichbornsche Wertungen zu dem Buch aus dem Metaphernfeld „geschliffene Schmucksteine“ anführen willst, oder „literarische Perle“, wenn es um Schmuck überhaupt geht. :)
Es ist auch nicht richtig, daß nur Philosophie um die Ohren gehauen wird. Es gibt noch eine Menge mehr Zeugs, das um die Ohren gehauen wird. In vollem Bewußtsein der Konsequenzen. Du kannst davon ausgehen, daß alles, was Du „Anfängerfehler“ nennst, auf exzessiver, perfider Wohlüberlegtheit beruht. :)
chevy57:
Aljoscha, you just made my day. :))
Ty Coon:
Ich gönne Aljoscha den Erfolg, ich hoffe, aus ihm wird mal irgendwann ein Großer! Aber man soll ja nicht zuviel loben, das ist denn auch wieder nicht gut! Christian Erdmann? Rock ’n‘ Roll!
AndersSehend:
Nee, der Christian ist schon groß, es wissen nur zu wenige davon.
BerSie:
Vielleicht sollte man aus dem Rohbrillanten noch ein prima Drehbuch machen…? :)
Lieben Dank für Ihre Antwort. BoD ist im WirrWarr des übervollen Büchermarktes eine elegante und sinnvolle Lösung. Wir hier kennen ja Aljoschas Beiträge; deshalb kauf‘ ich blind und sehr gerne :)
Der aus sich heraus schöpfende Genius, „a second Maker, a Prometheus under Jove“, wie Shaftesbury sagte, war ein Kind seiner Zeit. Selbstermächtigung des Subjekts, die unhintergehbare Vernunft und die daraus sich ableitende Verabschiedung mimetischer Kunstkonzepte haben den genialischen Künstler hervorgebracht. Der Geniekult ist also Ausfluss eines Paradigmenwechsels in der europäischen Geistesgeschichte. Und wie sieht es heute aus?
Das stolze Subjekt Goethescher Prägung hat seitdem, salopp gesagt, permanent die Ohren langgezogen bekommen. Darwins Evolutionstheorie, dann Freud, der frech behauptete, der Mensch sei nicht der Herr im eigenen Haus. Und seit dem 2. Weltkrieg ist die unbedingte Vernunftbegründetheit menschlichen Handelns endgültig kassiert. Damit hat auch eine Genieästhetik ausgespielt.
Beckett und Jarry haben das in ihren Werken beispiellos deutlich gemacht: Diese Welt ist eine verdammte Kloake, das Leben eine Krankheit zum Tode, sinnlos und leer, kurz: alles im Arsch!
Die Frage ist nun, wie man die Aporien unserer Zeit aushalten kann. Ausklinken via Regression? Das ist eine relativ mutlose Strategie, die zwar unangreifbar macht, aber auch jeden Zugriff auf das, was ist, und das, was kommen wird, unmöglich macht. Es steht zu viel auf dem Spiel (die Zukunft? das Leben an und für sich?), als dass man sich es in der Nostalgia eines untergegangenen Zeitalters gemütlich machen könnte.
Ich maße mir nicht an, ein Patentrezept für dieses Dilemma parat zu haben. Allerdings bin ich bis jetzt gut damit gefahren, die zeitgenössische Literatur nicht als Schwundstufe eines vergangenen goldenen Zeitalters zu betrachten, sondern sie ernst zu nehmen. Denn sie leistet, was sie leisten kann. Und das ist um so bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass sie natürlich auch gewissermaßen „Opfer“ der (relativ) neuen Unübersichtlichkeit sowie der digitalen Revolution ist. Auf diese Weise an den Rand gedrängt, vermag sie jedoch endlich wieder subversiv tätig zu werden und ist so im Stande, neue Blickwinkel aufzuzeigen und damit etwas freizulegen, das uns in einer Welt, in der es scheinbar nichts Neues mehr geben kann, unvermittelt anblickt und vor Verwunderung erstarren lässt.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Entzückt, besonders über die Schlußwendung Deines Beitrags.
Indes: daß der Mensch im Freudschen Sinne nicht Herr im eigenen Haus ist, schockiert ja gerade den Künstler nicht, der sich von den Rändern des Auf- und Abgeklärten fallen läßt. Vor einigen Monaten gab es hier eine Diskussion über den Begriff der „inneren Form“ des Kunstwerks, den Goethe von Shaftesbury gestohlen hat. Er besteht ja weiter, nur ist in ihm der Goethe’sche Gestus des klassisch beruhigten Überschauens und Anordnens, des apollinisch Gemilderten entbehrlich geworden. Daher glaube ich, daß die Entthronung des „Prometheus under Jove“ nur von einem bestimmten Gestus handelt; auch gibt es natürlich einen Wandel im Verständnis der „inneren Form“, aber der Begriff trägt noch immer. Der Tumult, den „Le Sacre du Printemps“ am Abend des 29. Mai 1913 in Paris auslöste, hatte damit zu tun, daß ein ganzer Zuschauerraum in der Komposition Strawinskys, in der Choreographie Nijinskys keine „innere Form“ mehr wahrnahm; die Wucht des Ganzen führte zum Zusammenbruch der ästhetischen Distanz. Das war einer der besten Skandale der Kulturgeschichte, zeigte er doch, wieviel Dissonantes und scheinbar Formsprengendes die innere Form verträgt.
Ich muß gestehen, daß mir die Unterscheidung zwischen „Klassikern“ und zeitgenössischer Literatur schwerfällt; wenn ich „Der Meister und Margarita“ lese, ist Bulgakow für mich mehr Zeitgenosse als manche Zeitgenossen. Aber das ist my own personal Idiosynkrasie. Die Musen sind abgeschafft, der Musenkuss ist es nicht.
Literatur hat wohl immer schon aus Material geschöpft, das, gnadenlos subjektiv, der Goethe’schen Suche nach wohlgeordneter Gesetzmäßigkeit „die Ohren langgezogen hat“. Kein Zufall übrigens, daß Goethe zeitlebens so an Gartenkunst interessiert war.
Das Unbewußte, Träume, Visionen, auch künstlich erzeugte, die autonom sich zusammenfügenden Sätze und Satzfetzen, die kurz vor dem Einschlafen durchs Hirn jagen können, das Zusammenkommen von Dingen, die eigentlich nicht zusammenkommen können (eine Art psychisch-kreative Synchronizität) – all dies, was uns zeigt, daß wir nicht Herr im eigenen Haus sind, hinüberzuretten und, wieder Herr im Karton, einzufügen in die „innere Form“, auch das ist Musenkuss. Der kognitive Ablauf ist in der Dschungelhälfte, nicht in der Gartenhälfte, und irrt wollüstig erschrocken ins Phantastische. Metaphern wuchern aus gurgelnder Feuchtigkeit, jeden Schritt begleiten die absonderlichen Laute kopulierender Ideen. All das legt frei, was „vor Verwunderung erstarren läßt“, neue Blickwinkel aufzeigt. Nochmal zu Shaftesbury: dieser selbst hat eigentlich betont, das obskure Objekt wissenschaftlicher Begierde, der Kosmos, wird letztendlich obskur bleiben. Unwiderlegbar: nur ein unendliches Wesen könnte unendliche Zusammenhänge erkennen. Wissend aber, daß die Zusammenhänge unendlich sind, ist es an uns, zu zeigen, daß es immer Neues gibt, geben muß. Es gibt nicht die Welt, nur ihre Beschreibungen.
Es gibt nur ein paar Geschichten, aber jeder erzählt sie anders. Und es gibt, wie Lessing sagt, die „Begierde, gerühret zu werden“. Es gibt 97 Arten dieser Begierde und 97 Arten des Gerührtwerdens, aber ich fand, das war immer ein ganz guter Maßstab: sind wir völlig umgerührt, war es große Kunst.
Mixolydian:
Wow! Punktlandung, Aljoscha! Das war ein sehr einleuchtender Exkurs, dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Ach ja: hier kann einer ernsthaft schreiben…
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“]
Ohlsdorf Cemetery is a huge park actually, you have to search a little to find these angels and many of them look like they just crash landed. It’s a space of bruised angels really.
Gestern hätte Brian Connolly Geburtstag gehabt, der 1997 verstorbene Sänger von The Sweet, die eine ziemlich versierte Band waren, und auch von den richtigen Leuten geschätzt: in „The Shadow of Love“ (zumal im „Ten Inches of Hell Mix“) übernehmen The Damned den berühmten Drumbeat von „Ballroom Blitz“ 1:1. Connolly war eine der tragischsten Figuren des Pop überhaupt: mit 18 erfuhr „Snowball“ (sein Spitzname als Junge), daß er er ein uneheliches Adoptivkind war, daß die Menschen, die er für seine Eltern gehalten hatte, Pflegeeltern waren. 1974, als The Sweet ziemlich auf dem Höhepunkt waren, wurde Connolly von ein paar Typen zusammengeschlagen, die dabei nicht nur seinen Hals schwer verletzten; Steve Priest: „Brian was becoming ill and it was not just the booze. He never recovered from the kicking he had to his throat … He had lost his self esteem and confidence.“ Wegen seiner Alkoholprobleme von Andy Scott dann mehr oder weniger aus der Band geworfen; 1981 14 (!) Herzstillstände, bleibende Schäden, ein Jahr vor seinem Tod eine „Doku“ auf Channel 4, die ihm nicht gerecht wurde, und die ihm wohl schwer zusetzte, Ende in einer schäbigen Sozialwohnung. Einer, der nur selten lächeln konnte und dem zigmal das Herz gebrochen wurde.
Bis „Little Willy“ waren auf den Sweet-Singles die von Chinn/Chapman engagierten Studiomusiker zu hören, alle Vocalparts aber stammten von Anfang an von Connolly, Scott, Priest und Tucker selbst, allesamt sehr gute Sänger in allen möglichen Tonlagen.
R.I.P. Connolly, danke für die coole Teenagerzeit.
[SPIEGEL ONLINE Forum]
The Lone Ranger, auf sich allein gestellt, an dem Nachmittag, als ich zu diesem gigantischen Supermarkt called Hanse SB ging und „Desolation Boulevard“ nach Hause trug, quasi in das Innenfutter meiner Jacke eingenäht: The Sweet zu mögen war nicht cool in meiner Klasse. Dabei fand ich sie schon seit „Co-Co“ faszinierend. Brian Connollys feather cut hätte ich auch bei einem Mädchen zuckersüß gefunden, und er hatte eine, mir fällt gerade kein anderes Wort ein, schöne Stimme. Connolly, Priest und Tucker noch ohne Andy Scott, 1968:
1969:
Die Evolution von The Sweet (irgendwann strichen sie das „The“) und den ewigen Kampf der Band um Anerkennung innigst zu verfolgen, war Ehren-, aber Geheimsache. „Desolation Boulevard“ auf meinem Plattenspieler war ein Statement, das niemand sah oder hörte, aber es gibt Statements, die niemand sehen oder hören muß. The Sweet wurden belächelt von, blimey, „ernsthaften“ Musikern und bespöttelt vom Blödmannsgehilfen next door, bis Pete Townshend kam und ihre B-Seiten rühmte. „Blockbuster“ hatte praktisch dasselbe opening riff wie Bowies „The Jean Genie“, alle Beteiligten erklären aber, das sei bloßer Zufall gewesen. „The Ballroom Blitz“ wurde später von The Damned gecovert, mit Lemmy am Bass, „Set Me Free“ von „Sweet Fanny Adams“ klingt wie eine Blaupause für Motörhead-Songs.
Auf „Sweet Fanny Adams“ und „Desolation Boulevard“, beide von 1974, schimmern Einflüsse wie Deep Purple, Led Zeppelin oder The Who gern sehr deutlich durch, manchmal hört man die Vier trying too hard im Beweisen-was-sie-können (Schlagzeugsolo auf „Man With The Golden Arm“, dabei ist Mick Tucker einfach auf jedem Song schlicht brillant), wessen Gitarrenspiel eigentlich wen beeinflußte (Andy Scott – Brian May), ist ohnehin nur mit Würfeln zu entscheiden, der extrem hohe, vielstimmige Backgroundgesang war jedenfalls Markenzeichen von The Sweet, bevor Queen zum Höhenflug ansetzten. Was die Band auf den Alben veranstaltete, bewies nur auf andere Weise, was man auf ihrer wahnwitzigen Reihe von Hitsingles schon hören konnte: außergewöhnliche Energie, jederzeit in der Lage, Songs wie rasende Züge klingen zu lassen, die niemand mehr anhalten kann oder will, und dabei tight as hell.
Eine halbe Stunde auf dem „Official Sweet Channel“, mit den TV-Auftritten für „Blockbuster“, „Hell Raiser“, „The Ballroom Blitz“ oder „Teenage Rampage“, meinetwegen auch „Wig-Wam Bam“, und man könnte auf dumme Gedanken kommen: daß Gesellschaften, die sich noch nicht Spaßgesellschaften nannten, mehr Spaß hatten, oder warum heuer soviel Konformismus ist im Anything Goes. Belebendes Elixier jedenfalls, it never gets old, mitanzusehen, wie The Sweet aber auch jedem Faß den Boden ausschlagen.
„Action“ wurde von den Scorpions, damals hießen sie noch The Hunters, zu „Wenn es richtig losgeht“ eingedeutscht. Man kann diese Version auf YouTube hören und wünscht sich danach, daß das Internet zumacht.
The Ballroom Blitz: „This song was inspired by an incident on 27 January 1973 when the band was performing at the Grand Hall in Kilmarnock, Scotland and were driven offstage by a barrage of bottles.“
„At one show in Kilmarnock in early 1973, with Block Buster at No 1 in the charts, Sweet received trouble from both sexes. The men spat at them from balconies above the stage, and the women screamed so loudly they drowned out the music.“
Und dann mußten The Sweet das wichtigste Konzert ihrer Karriere absagen, weil es zu jenem folgenschweren Vorfall kam, bei dem Brian Connolly mehr verlor als nur seine Stimme. The Sweet hatten The Who immer verehrt, live spielten sie Songs von The Who seit Jahren, „My Generation“ landete schließlich auf „Desolation Boulevard“. Und nun hatte Pete Townshend sie eingeladen als Support für The Who im Juni 1974 im Stadion von Charlton Athletic.
„But in early 1974, in the midst of session for a new album that was to showcase a harder rock direction, came the incident that changed everything. Connolly was beaten up outside a pub in Staines, Surrey. Scott says Connolly was trying to protect his Mercedes from a couple of local vandals. Priest’s version is much more sinister. Connolly’s car was tailed by persons unknown who waited until he stopped at the pub to buy cigarettes. „It was a set-up job,“ Priest says. „He’d annoyed someone. There were three guys attacking him and one of them kicked him in the throat. Brian heard him say, ‚That should do the job.‘ The only one who knows the truth is an ex-roadie of ours, and he won’t tell.“
The assault on Connolly changed the destiny of Sweet. As well as damaging his vocal cords, it shattered his confidence and he began drinking heavily.“
Die Band hält den Vorfall damals geheim, Connollys Auszeit wird mit schwerer Halsentzündung erklärt. Für einige Songs auf „Sweet Fanny Adams“ übernehmen Andy Scott bzw. Steve Priest die Lead Vocals, erst nach sechs Monaten ist Connolly wieder zu Live-Auftritten in der Lage, „with band and critics noting a rougher edge to his voice and a reduced range.“
Von Anfang an schien da eine seltsame Traurigkeit in Brian Connollys Gesicht, und nun bricht sie sich Bahn. Gott weiß, was er erlitt bis zu seinem Tod 1997 – ein geringerer Mann hätte früher aufgegeben. Er starb, bevor das Internet ihm zeigen konnte, wie sehr er geliebt wurde.
Ceterum censeo – brillante Band, unterschätzt.
Auf „Sweet Fanny Adams“ gibt es den Song „Sweet F.A.“ – was soviel bedeutet wie „nothing at all“ oder „fuck all“. [Die gruselige Geschichte der bedauernswerten Fanny Adams nebst Entstehung der Redewendung: -> hier].
Mein liebster Song auf „Desolation Boulevard“ war und ist „Medus[s]a“, eine Andy Scott-Komposition, weird und bizarr. Connollys Gesang halb aus einer anderen Welt, halb besessen vom Geist der Songs von The Who circa 1967. Was mich killt, ist dieses „Yes“ in „Yes. Are you coming to see me?“. Mysteriösestes yes ever. Wie Antwort vor Frage. Und am Ende von Scotts Gitarrensolo gleich zweimal: „Yes / Yes / Are you coming to see me?“ Scheinbar random, dieses Yes, aber so artikuliert sich die Medusa eben.
Glaube, daß Connolly mir von Anfang an als tortured soul erschien, selbst in meiner School Days-Wahrnehmung. Ein blonder Unglücksrabe. – Auch die Times konnte irgendwann nicht anders: „Behind the flamboyant gimmickry was a band playing punchy, well-crafted and annoyingly memorable songs.“
Sehr „dicht“ geschrieben und geradezu überwältigend voll von Wortspielen und Referenzen auf Literatur, Philosophie, Musik und Film. Gerade dadurch ausgesprochen spannend und lesenswert.
„L’uccello dalle piume di cristallo“ / „The Bird with the Crystal Plumage“ (deutscher Titel „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“) aus dem Jahre 1970 war die erste Solo-Regiearbeit von Dario Argento. Als einer der ersten kommerziell erfolgreichen Giallo-Filme steht er am Beginn der Blütezeit des Genres zwischen 1970 und 1975. Phänomenal war die Popularität des Films in Italien: in einem Mailänder Kino lief er dreieinhalb Jahre lang. Eva Renzi betrachtete ihre Mitwirkung in diesem Film als Karriereselbstmord (natürlich war sie nie beeindruckender, vorher oder nachher), Argento wurde für sein sensationelles Debut als „italienischer Hitchcock“ gefeiert.
Sam (Tony Musante) ist ein amerikanischer Schriftsteller, der auf der Suche nach Inspiration seinen Wohnsitz nach Rom verlegt hat. Mit seiner Model-Freundin Julia (Suzy Kendall) wohnt er in einem Haus, das schon dem Abbruch geweiht ist, andere Mieter gibt es nicht mehr. Eines Nachts wird Sam Zeuge einer blutigen Attacke: in den hell erleuchteten Räumen einer Kunstgalerie sieht er durch die Glastür eine rothaarige Frau im Kampf mit einer Person, die schwarze Handschuhe und einen schwarzen Mantel trägt. Eine Klinge blitzt, Sam versucht, der Frau zu Hilfe zu eilen, doch die Glastür läßt sich nicht öffnen. Die Gestalt im schwarzen Mantel flieht, löst aber noch einen Alarm aus, durch den sich eine weitere gläserne Trennwand schließt, und Sam findet sich plötzlich eingeschlossen zwischen zwei großen Sicherheitsglastüren: so muß er machtlos mitansehen, wie die verwundete Frau blutend über den Boden kriecht, die Hand flehend nach ihm ausgestreckt. Im Glasgefängnis ist Sam unhörbar, nur mit Mühe kann er einem Passanten bedeuten, die Polizei zu rufen. Die Frau wird gerettet. Es ist Monica Ranieri (Eva Renzi), die Frau des Galeriebesitzers Alberto Ranieri, der kurz nach der Polizei am Schauplatz erscheint. Die Eingangssequenzen des Films haben uns wissen lassen, daß im letzten Monat drei junge Frauen ermordet wurden, wir sahen Hände in schwarzen Handschuhen mit einer Kollektion von Stichwaffen, und so vermuten wir auch Monica als Opfer eines Serienkillers. Sam erklärt Inspector Morosini, „There was something wrong with that scene, something odd.“ Zunächst behandelt die Polizei Sam jedoch auch als Verdächtigen, und Morosini konfisziert Sams Passport.
Die für den nächsten Tag geplante Rückkehr in die USA zerschlägt sich also mit dem klassischen Hitchcock-Szenario: ein Mann, der sich in einem fremden Land aufhält, gerät in Verdacht. Tatsächlich hofft der Inspektor jedoch auf Sam, der das Gefühl hat, daß ihm bei der Erinnerung an die Gewalttat ein entscheidendes Stück fehlt; Morosini glaubt, daß Sam tatsächlich das Gesicht des Killers gesehen hat und somit der einzige Zeuge ist. Bei den Morden gab es kein offensichtliches Motiv, und Morosini geht von einem maniac aus.
Sam darf das Revier verlassen und entgeht schon auf dem Heimweg im Morgengrauen nur knapp einem Mordversuch. Der Inspektor teilt mit Sam von nun an seine Informationen, beteiligt ihn an der Investigation, und Sam, immer mehr in Bann gezogen, wird selbst zum Detektiv: die Szene, die er sah, wird zur Obsession, dieses entscheidende something odd, das zum Geheimnis führt; er ist besessen davon, den Killer zu finden. Noch mehr junge Frauen werden sadistisch ermordet, doch der mysteriöse Killer hat es nun vor allem auf Sam und Julia abgesehen.
Wer unbedingt muß, findet in „The Bird with the Crystal Plumage“ möglicherweise peinigende Plotlöcher, was aber für die Qualität des Films ganz irrelevant ist. Italian horror war nie berühmt für banale Kohärenz. Die Rätselhaftigkeit, die aus der Verachtung konsequenter Nachvollziehbarkeit entsteht, gehört quasi per se zum Giallo. Im Labyrinth der plausiblen Implausibilitäten, in dem wir uns mit Entzücken und so williger wie totaler suspension of disbelief verlieren, in dem wir einer eigenen, bizarren Logik folgen und uns nie enttäuscht fühlen, begegnen wir unter anderem: zunächst Tony Musante und der recht berauschenden Suzy Kendall, ein überaus einnehmendes Paar, sehr funkensprühend, tatsächlich haben sie in einer Szene beinahe Sex im Beisein eines Freundes (ob der Freund ein Freund ist, bleibt lange undurchsichtig).
Werner Peters erscheint als homosexueller Antikhändler, Mario Adorf als exzentrisch-wirrer, katzenessender Maler. Von ihm stammt das Gemälde, das einen Schlüssel zu den Morden darstellt, das Gemälde wiederum ist inspiriert von einer wahren Begebenheit. Es gibt eine unvergeßliche nächtliche Verfolgungsszene mit dem ohnehin stets unvergeßlichen Reggie Nalder (-> Alfred Reginald Natzler), wir begegnen dem stotternden Zuhälter einer ermordeten Prostituierten und einem zwie-lichtigen Mann namens Faiena, der hartnäckig jede Aussage umgehend durch eine zweite relativiert. Als der Inspektor für Sam mit „Bring in the perverts!“ eine Gegenüberstellung veranlaßt, erscheint unter den vorgeführten Verdächtigen ein Mann in Frauenkleidern, und der Inspektor schimpft: „How many times do I have to tell you, Ursula Andress belongs with the transvestites, not the perverts!“ Es gibt Anrufe des Killers, bei denen einmal im Hintergrund ein seltsames Geräusch zu hören ist – „What makes a sound like that?“, ein Audiolabor isoliert das Geräusch, beißt sich an dieser Frage aber die Zähne aus, jemand anders findet mehr heraus.
Es gibt die atemberaubende cinematography von Vittorio Storaro, der später drei Oscars gewinnen wird für seine Kamera-Arbeit (u.a. für „Apocalypse Now“); dies ist sein erster Farbfilm. Es gibt dunkle phantastische Treppenhäuser und verlassene Pin-Up Girls an einer schäbigen Wand, es gibt ein Messer, das in eine Holztür eindringt, hinter der Julia sich verbarrikadiert. So wie im Film ein Gemälde, Kunst also, die Gewalt inspiriert, so wie es am Ende eine sadistische Szene gibt, in der ein Kunstwerk (fast) zum Mordinstrument wird, so steht Argento hier am Anfang seines sehr eigenen Weges, Gewalt und Sadismus zu Kunst zu machen. Es gibt am Ende die Erklärung eines Psychologen, wie in „Psycho“, und es gibt für Argento-Verhältnisse noch recht wenig Blut: erst nach „The Bird with the Crystal Plumage“ werden die Giallo-Thriller zusehends blutiger und sleazy.
Intelligent, fesselnd, vielschichtig, erfindungsreich und überraschend vom Beginn bis zum fuck-me-Jesus-Ende, für das es clues gibt, die aber nicht zwingend beim ersten Sehen auffallen. Und dann ist da der exzellente Score von Ennio Morricone, nervenzerfetzend und wunderschön, sweet and demented, dunkel, dissonant, erotisch, Edda Dell’Orso breathing heavily, erregend, haunting. Einer der nicht wenigen sehr seltsamen Soundtracks in Morricones unüberschaubarem Oeuvre. Angeblich schätzte Morricone diesen Score besonders. Argento hat erzählt, daß Morricone die Stücke nicht schon vorher geschrieben hatte, daß sie auch nicht entstanden, nachdem Morricone den Film gesehen hatte, sondern daß Morricone und eine Gruppe ausgesuchter Musiker diese Stücke größtenteils improvisierten, während der Film lief.
„Evil-Honky Stomp“. „The sample is taken from an old 78 rpm on Sun Records called ‚Jukebox Boogie‘.“ Fängt den absurden Wahn von Rassenhass („Up in the big house they’re branding niggers“) auf unheimliche Weise ein.
Danielle Dax, die sich mit Fingerschnipp in einen glamourösen Barbarella-Typus verwandeln konnte, sammelte Autopsie-Tapes. Passend dazu ein beherztes „Silence all your lies with a knife“ aus „Fortune Cheats“, vom schön schrägen „Jesus Egg That Wept“.
01 Evil-Honky Stomp 02 Pariah 03 Fortune Cheats 04 Hammerheads 05 Here Come The Harvest Buns 06 Ostritch 07 The Spoil Factor
Sehr schade, daß sie sich zurückgezogen hat, mit ihrer Stimme konnte sie sehr weit unten und sehr weit oben Erstaunliches anstellen. Falls jemand den Film „Company of Wolves“ erinnert („Zeit der Wölfe“), das wolf-girl am Ende, das ist Danielle Dax.
Von der Bühne hat mir DIE mal zugelächelt, wahrscheinlich aber nur, weil ich ein Betty Page-Shirt anhatte.
[moi @SPIEGEL ONLINE Forum 2008 – 2011]
Chris Roberts, Blast The Human Flower (Melody Maker, 1990):
„A world without Danielle Dax being thoroughly wonderful and glamorous and really rather wry would be unthinkable. Fear not, Dax remains Dax as marble remains marble. Everything this ridiculously entertaining and economically vivid album reminds me of is among my favourite things. Official supreme monarchy of the whole cosmos and all its gardens can be only months away for Danielle.“
„Dax’s music was … dark, bright, disturbing, sexy, arty, wordy, weird, sparkly, excessive, obsessive and rock’n’roll … But she spent most of her career as a fringe presence, doing things that were perhaps too radical and visually/aurally unusual for the general public. She should have been absolutely huge, but was probably 20 years before her time.“ (Dave Simpson, The Guardian, 05/2009).
Der letzte Song auf ihrem letzten full-length album: tausendmal in Himmelsozeannächten und in der gespenstischen Welt der Dämmerung.
Huch!? Im „Musikladen“ (von Radio Bremen produzierte Musiksendung im deutschen Fernsehen, * 12/1972, † 11/1984) taucht als Deko ein Gemälde von Clovis Trouille auf, „Dolmancé et ses Fantômes de Luxure“ (1958 – 1965). Rechts im Bild nach etwa anderthalb Minuten.
Später schnappte sich Lemmy die Stripperin von Frankie Goes To Hollywood und ging mit ihr stiften,
und zu den Go-Go-Girls ist ja schon alles gesagt, sonst sag ich’s nochmal.
Das hier ist gar nicht aus dem „Musikladen“, sondern aus der „Plattenküche“, aber eine an den Mast genagelte Dublone für den, der endlich diese 4 Minuten für mich restauriert. Trash-Humor, der „einheimische Klangkörper“ und die komplett vom Stern gefallenen und doch komplett phantastischen Tänzerinnen, hinreißend, wie sie sich Karoli und Liebezeit mit hex hex-Gesten nähern, Irmin Schmidts Hände sehen aus wie die von Ernie, Michael Karoli wischt sich ein Toupet ab, dazu der Videotape-Aussetzer, Can-typisch, die Band produzierte immer irgendwelche Störungen in den angeschlossenen Geräten, unbegreiflich alles, trotzdem Sternstunde.
Hach, der Musikladen. David Bowie am 30. Mai 1978, Bremen TV Studio 3, Isolar II World Tour.