Briefe, die man aus dem Traumreich zu senden versucht, kommen nach Jahren als unzustellbar zurück hinter den Vorhang aus Wolken. Einbildungen werden Realitäten in Perle, aber vielleicht auch deshalb, weil Realitäten immer schon Einbildungen sind.
SPIEGEL ONLINE Forum
„Literatur – was lohnt es noch, zu lesen?“
Mai 2008
Muffin Man:
Es hat übrigens diverse Bildende Künstler gegeben, die irgendwann Schriftsteller wurden…
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Da empfehle ich „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, 1909 erschienen, sein erster und einziger Roman.
„Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedelung in sein Land zu überreichen.“ Dieses Traumreich befindet sich angeblich irgendwo in Mittelasien, die Hauptstadt heißt Perle. Patera, dessen Reichtum unermeßlich zu sein scheint, kauft Häuser in ganz Europa zusammen und läßt die Baulichkeiten in sein Reich transportieren. Agenten dieses Traumreichs leben nämlich in allen Teilen der Welt. Auch diverse Kulturgüter und bedeutende Kunstwerke seien dorthin verschwunden. Reiche künstlerische Ausbeute seines Abenteuers erwartend, willigt der Erzähler ein, in dieses Traumreich zu ziehen.
Nach langer Reise gelangt man an eine im Dunstschleier liegende, ungeheure, grenzenlose Mauer, die sich unerwartet öffnet für ein gewaltiges schwarzes Loch, das Tor des Traumreiches von kolossalen Dimensionen. Nach Eintritt in dieses Gewölbe überfällt den Erzähler „ein ganz unbekanntes, gräßliches Gefühl“, er dreht sich um zu seiner Frau, die leichenblaß mit zitternder Stimme sagt: „Nie mehr komme ich da heraus.“
Was dann folgt, hat sowohl Franz Kafka als auch Gustav Meyrink in Bann geschlagen.
Ende des offiziellen Teils.
Kubin hat einen Plan der Stadt Perle angefertigt, der für jeden hochinteressant ist, der das Gefühl kennt, es gebe tatsächlich ein Traumreich mit exakt festgelegter Architektur. Ich selbst kannte eine Traumstadt aus vielen Träumen, und versuchte immer aufs Neue, in ein Areal im Nordosten zu gelangen; beim ersten Aufenthalt in dieser Stadt war ich zuvor umgekehrt, so wurde es in der Traumseelenarchitektur das geheimnisvolle Andere, Ausgesparte.
Muffin Man:
Das klingt hochinteressant! Stofflich unbedingt – aber wie steht es um die Ausführung?
Christian Erdmann:
Glaubst Du, Kafka und Meyrink ließen sich von irgendeinem literarischen Nichtsnutz beeindrucken? :) Kubin agiert mit einer Spontaneität, die keine so ziselierte Sprache produziert wie Meyrink im „Golem“, wo immer eine kalkulierte Gleichzeitigkeit herrscht zwischen dem, was diese Sprache an Beunruhigung beschwört, und den eruptiven Ausbrüchen daraus. Bei Kubin gibt es aber auch eine seltsame Gleichzeitigkeit: eine gewisse Distanziertheit im Angesicht des immer Ungeheuerlicheren. So wie Meyrink eher dem „Caligari“-Film gleicht mit seinem expressionistischen Gestus, so wäre Kubin eher mit Carl Theodor Dreyers „Vampyr – Der Traum des Allan Gray“ zu vergleichen, wo jemand zugleich im Geschehen ist und es von außen beobachtet. In der Serie der grotesken, phantastischen Bilder dann oft eine überraschend schroffe Wendung, eine surreale, vor den Kopf schlagende Unmittelbarkeit wie bei Bunuel:
„‚Die Liebe des Fleisches ist nichts als der Wille des Dings an sich, in die Zeitlichkeit einzudringen. Wie könnt ihr so vermessen sein, das Ding an sich zu zwingen? Ihr unterscheidet nicht das Ding an sich von den anderen Dingen. Vom philosophischen Standpunkt aus muß ich eure Handlungen verdammen.‘ So sprach der Friseur angesichts der Saturnalien auf den Tomassevicfeldern. Da er mit seinen zur Feier des Tags durchaus nicht passenden Tiraden nicht aufhören wollte, warf man ihm eine Schlinge um den Hals und hing ihn an das Schild seines Barbierladens.“
Extrem reichhaltig, nicht nur philosophisch – Patera ist ja, auch, Nachfahr (des Robespierreschen Umschlagens von Menschheitsvision in Schreckensherrschaft) und Vorläufer -, aber die andere Seite bleibt Innen, und wo Meyrink näher am Horror ist, bleibt Kubin näher am Surrealismus, mit dessen Mischung des Makabren und Komischen. Und wo Horror immer zumindest zur Lösung der Rätsel drängt, das „Phantastische“ deren Unauflösbarkeit zumindest akzeptiert, sympathisiert der Surrealismus ja gerade mit dieser Unauflösbarkeit.
Geschrieben in zwölf Wochen, you get the idea.
Muffin Man:
Das mag ich an Deinen Beiträgen: Du schilderst Bücher und Filme aus der Perspektive eines „Besessenen“. Sorry, bei den von Dir genannten Filmen muß ich passen, vielleicht hab‘ ich einzelne mal in jungen Jahren gesehen, im 3. Programm des Norddeutschen Rundfunks, als das Fernsehen (jedenfalls im Wohnzimmer meiner Eltern) noch schwarz-weiß war.
Geschrieben in zwölf Wochen, you get the idea.
Zwölf Wochen hast Du für dieses Posting gebraucht?! *staun* ;-) Ich hatte natürlich „Kubin“ und „Perle“ sofort gegoogelt – und hab‘ da was von 8 Wochen gelesen.
Christian Erdmann:
Zwölf Wochen hast Du für dieses Posting gebraucht?!*staun* ;-)
Ja, während The Lost Weekend warfen die Uhren resigniert die Zeiger ab. „Perle“ in ewiges Grau getaucht, das war ein beherrschender Leseeindruck, dieses Grau, ähnlich wie die Omnipräsenz des Weiß in Melvilles „Moby Dick“.
8 Wochen gar nur, das Vorwort meiner Ausgabe sagt 12, aber ach.
Alison Goldfrapp. Kann sagenhaft singen, kann sagenhaft sexy sein, kann nicht von dieser Welt sein, kann enigmatische Texte machen, kann Filmmusiken für noch nicht existente Filme machen, kann Videos machen, die man hier nicht posten kann, weil Kinder zugucken.
Celestine:
Meine Youtube-Wiedergabe funktioniert nur fragmentarisch, was mich sehr irritiert, und auch von diesen Clips konnte ich nur eine Version hören – „Lovely Head“, aber es war genug: Die Musik, die sie macht, ist wirklich einzigartig; der Song sehr melancholisch, aber avantgarde und experimentell zugleich – eine seltene Mischung. Sie hat eine wunderschöne Stimme, sie sieht gut aus = sie hat alle Voraussetzungen. Wenn alles andere, was sie macht, ähnlich gut ist, kriegt sie 10 Punkte von mir. Nach meiner Einschätzung wird sie jedoch keine „Queen“ für ein Millionenpublikum sein, sondern eine ganz spezielle Nische im Musikgeschäft besetzen, für die, die das Besondere erkennen und lieben.
Christian Erdmann:
Das erste Album „Felt Mountain“ ist so, wie Ihnen „Lovely Head“ erschien: sehr melancholisch, avantgarde, experimentell. Der Nachfolger „Black Cherry“ hatte auch diese Qualitäten, aber mit „Train“ und „Twist“ ging es schon in die Richtung, die dann mit „Supernature“ weiter kultiviert wurde – ein immer leicht oder schwer lasziver, oft obsessiv wirkender Synth-Glam, der Marc Bolan durch Barbarella ersetzt, doch es bleibt stets diese mysteriöse Qualität an Goldfrapp-Songs, etwas, das oberflächlich kühl wirkt wie ein Kubrick-Film, tatsächlich aber hitzig, schwül, dramatisch und pervers ist. Goldfrapp-Songs führen, in oft makelloser Schönheit, zur Wahrnehmung einer Ebene hinter der offensichtlichen Ebene, sie haben dieses Je ne sais quoi, nicht nur in Alison Goldfrapps Stimme, von der es ehedem bei laut.de hieß: „Hinzu kommt Alisons schaurig schöne Vokalakrobatik. Man muss schon genau hinhören, um zu erkennen, dass da an mancher Stelle kein Sampler am Werk ist, sondern sich die Gute in unglaubliche Höhen hinaufschraubt.“ – Der Versuch, den Sound der Band zu beschreiben, hat an der Universität Bristol schon akademische Würden eingebracht. Und während Björk irgendwann nur noch nervt, weiß man, wenn man aus einem Goldfrapp-Album wieder auftaucht, partout nicht, wie man hierher gekommen ist und wieviel Zeit vergangen ist, seit dieser Fahrstuhl einen in den 13ten Stock eines 12stöckigen Hauses gebracht hat.
Göttin der einsamen Tränen, die nur der Spiegel sehen darf. Alison Goldfrapp eignet diese Marlene-Dietrich-Mischung aus geheimnisvoller Sphinx und Bodenständigkeit („Kochen mit Alison Goldfrapp“).
[SPIEGEL ONLINE Forum „Elvis – immer noch der King?“, 09/2007]
„Wie sich zeigt, kann man tatsächlich das Gefühl haben, die eigenen Augäpfel würden aus den Höhlen hervortreten.“ (David Foster Wallace)
Bronzene Nachbildung eines Amuletts, das im 9. Jahrhundert in einem Frauengrab im schwedischen Uppland gefunden wurde. Erworben in Ladby („Ort am Umladeplatz“) am Kerteminde-Fjord in Dänemark, wo man einen Grabhügel betreten kann, um die freigelegten Überreste eines Wikingerschiffs zu besichtigen. Das Schiff wurde um 925 an Land gezogen, aufgrund der wertvollen Grabbeigaben wird angenommen, daß das Ladby-Schiff die Grabstätte für einen Wikingerhäuptling war. Wenn man Odin am Hals hat, kann es sein, daß man irgendwann ein Gedicht namens „Zwei Raben“ geschrieben hat.
„I’ve discovered my Nietzsche“ – Echo & The Bunnymen
Diskussion im SPIEGEL ONLINE-Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, September 2007
KLMO:
Nietzsche: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“
kurzundknapp:
Vielleicht sollte man Nietzsche zunehmend unter poetischen Aspekten lesen…
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Auch das, aber ich lese Nietzsche mittlerweile vor allem als genialen Psychologen. Er ist eigentlich dort am interessantesten, wo es nicht um die großen umstrittenen Themen und philosophischen Entwürfe geht. Nietzsche ist eine Quelle, aus der die großen Entlarvungen, aber vor allem die kleinen, verblüffenden Entdeckungen nur so sprudeln, für mich immer dann am spannendsten, wenn unter der beißenden Sprache gleichsam widerwillig der am Zwischenmenschlichen leidende Humanist kenntlich wird.
Vielleicht könnte man auch einmal forschen, inwieweit auch das „Poetische“, wie Sie sagen, also seine Lust an der Sprache, dafür verantwortlich ist, daß er zuweilen so in die Irre geht. Wenn er selbst meinte, wir werden Gott nicht los, solange wir an die Grammatik glauben: vielleicht wurde er manches Fehlurteil nicht los, weil die Formulierung ihn verführte. Aber für das Füllhorn seiner Psycho-Poesie verzeihe ich ihm vieles. Man kann an Nietzsche verzweifeln: an seinen groben Irrtümern, aber auch an seinen unzähligen Wahrheiten.
kurzundknapp:
Psycho-Poesie, ja, das ist es! Die Klarheit seiner Wahrheiten und seiner grotesken Irrtümer kommt aus seiner Überempfindlichkeit für das „Draußen“, aber eben auch der Sprache. Und verzweifeln muß man geradezu an ihm.
KLMO:
Nietzsches Werke können nicht isoliert von seiner Krankheitsgeschichte betrachtet werden. Sein Dasein war überwiegend ein Leidensweg von unvorstellbarer Qual.
Christian Erdmann:
Frequenz, Fiebrigkeit und Furor seiner Schriften wurden gegen sein Ende hin immer rasanter – gewiß ein Symptom.
In „Schuld und Sühne“ hat Rodion Raskolnikow diesen Traum vom geschlagenen, erschlagenen Pferd, dessen blutüberströmten Kopf er zusammenbrechend umarmt; Nietzsches Kollaps in Turin, das Pferd umarmend, zusammenbrechend, ist es der Zusammenbruch von der fortgesetzten Anstrengung, im Grunde Mitleid mit jeder Kreatur zu haben… ist es die letzte Panik, in der sich der wahre Nietzsche offenbart, der die ganze Zeit nicht in Raskolnikows Theorie, sondern in Raskolnikows Traum gelebt hat… wer weiß.
Nietzsches Pferdeumarmung wirkt auf mich wie Nijinskys „Hochzeit mit Gott“, dieser letzte, erschreckende Auftritt des „Gott des Tanzes“ in einem Schweizer Hotel, vor vielleicht 200 Menschen, in dem er es laut Augenzeugen offenbar vermochte, den Wahnsinn des Weltkrieges einzufangen: „Er schien den Saal mit allen Schrecken der leidenden Menschheit zu erfüllen.“ – schreibt Romola, seine Frau, in ihrer Biographie. Und Nijinsky schrieb in sein Tagebuch: „Aber ich fühlte, ich, der sie alle liebte, daß ich von niemandem geliebt wurde.“ Und danach verabschiedete er sich in die jahrzehntelange Dunkelheit, einer, der vielleicht immer schon gefühlt hat, daß er von allen anderen weit entfernt war, zu weit entfernt.
Shaftesbury, der Philosoph, hat einmal gesagt: allein schon dadurch, daß Hobbes sich im „Leviathan“ so viel Mühe gibt, der Menschheit Gutes zu tun, widerlege er seine eigene These vom Menschen als des Menschen Wolf. Nun ist es für die extrovertiert am Zustand der Menschheit Leidenden vielleicht manchmal nur ein kleiner Schritt vom Rousseau zum Robespierre; für die Introvertierten aber, die Nietzsches, Nijinskys, Hölderlins, bleibt vielleicht nur diese letzte, verzweifelte Geste, und dann der Schutz der Umnachtung. Ich weiß, daß es bei Nietzsche eindeutige pathologische Befunde gibt, aber vielleicht ist trotzdem die Frage, wie lange er es auch ohne diese noch ausgehalten hätte in dieser Mischung aus universalem Mitleiden – und selbst das wie Paulus Beschimpfte muß man verstanden haben, um es so beschimpfen zu können – und der Art von Einsamkeit, die er atmete.
Vielleicht noch am Rande: ich halte Nietzsches Konzept apollinisch / dionysisch nach wie vor für eine sehr schöne Metaphorik, wenn man sie sozusagen der Kunst entwendet: ein guter Ansatz, um das Wechselspiel im individuellen Bewußtsein zu beschreiben, das, um es so allgemein wie möglich zu formulieren, stets zwischen Abgrenzung vom „Anderen“ und Lust am „Anderen“ oszilliert.
KLMO:
1889 in einem Brief an Jakob Burckhardt: „… zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott“, mehrfach unterzeichnete er mit „Der Gekreuzigte“. Oder: „Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!“ Einen völlig anderen Nietzsche erleben wir bei der Begegnung mit Lou Salomé. Nietzsche verehrte sie, konnte sich ihr jedoch nicht erklären. Wer ein Extrem beschwört, ist schon verdächtig. Die Dualität in uns kann nicht aufgehoben werden.
Nietzsche litt an den Folgen einer Syphilisinfektion. Thomas Mann vermutet, er habe sich diese Krankheit während des Besuches in dem Kölner Bordell zugezogen; er stellt diese Geschichte in den Mittelpunkt seines „Doktor Faustus“.
Schon mit 35 Jahren gibt er die Professur an der Universität in Basel aus Gesundheitsgründen ab. Overbeck im Frühjahr 1879 über den Zustand von Nietzsche: „Anfall über Anfall der heftigsten Kopf- und Augenschmerzen mit tagelangen Erbrechen – es war vorüber mit all seiner Geduld, mit all seinem Lebensmut!“ Und dieses ständige Auf und Ab ging 10 Jahre bis zu seinem Zusammenbruch weiter so… Erstaunlich seine Energie des Schaffens. In dieser Zeit ist er gejagt und gehetzt von dem unstillbaren Trieb nach Erkenntnis, ein rastloser „Abenteurer des Geistes“ und dies unter den ärmlichsten Verhältnissen. Krankheit und sein Schaffenstrieb sind nicht zu trennen.
Nietzsche war eher ein Kulturkritiker als ein Philosoph im geläufigen Sinn, vor allem ein Sprachgenie.
Anders die Krankheitsgeschichte bei Hölderlin, wo man zeitweise sogar vermutet, dass er eine Geisteskrankheit nur vortäuscht. Hölderlin: „Der Menschen Worte verstand ich nie. Im Arme der Götter wuchs ich groß.“ Man meint, hier eher eine schon heitere Gelassenheit zu spüren, entrückt in eine andere (bessere?) Welt.
Christian Erdmann:
„Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!“
Das Zitat ist eben der bekannte Nietzsche. Es gibt aber auch Äußerungen wie diese, aus „Morgenröte“: „Weiberfeinde. – Das Weib ist unser Feind – wer so als Mann zu Männern spricht, aus dem redet der ungebändigte Trieb, der nicht nur sich selber, sondern auch seine Mittel haßt.“
Oder: „Die Frauen sind es, welche bei der Vorstellung erbleichen, ihr Geliebter möchte ihrer nicht wert sein; die Männer sind es, welche bei der Vorstellung erbleichen, sie möchten ihrer Geliebten nicht wert sein. Solche Männer, als die Menschen der Zuversichtlichkeit und des Machtgefühls für gewöhnlich, haben im Zustande der Passion ihre Verschämtheit, ihren Zweifel an sich; solche Frauen aber fühlen sich sonst immer als die Schwachen, zur Hingebung Bereiten, aber in der hohen Ausnahme der Passion haben sie ihren Stolz und ihr Machtgefühl – als welches frägt: wer ist meiner würdig?“
Nietzsche glaubte an eine genuine Macht der Frau, die eben in ihrer Weiblichkeit begründet ist. Dazu gibt es z.B. eine Äußerung in „Jenseits von Gut und Böse“, in der er feststellt, daß es einen Widerspruch gebe zwischen der „Emanzipation des Weibes“ und dem Einfluß der Frau, der seit der Französischen Revolution in Europa de facto abgenommen habe: „Es ist Dummheit in dieser Bewegung, eine beinahe maskulinische Dummheit, deren sich ein wohlgeratenes Weib – das immer ein kluges Weib ist – von Grund aus zu schämen hätte“. Für seine Zeit hatte Nietzsche ja recht: das Zeitalter der Regentinnen, auch der großen Kurtisanen, deren Einfluß und Ansehen sie meilenweit von gewöhnlichen Prostituierten enthob, war vorbei.
Im Grunde spricht also schon aus Äußerungen Nietzsches, daß er ein Frauenideal hatte, das weibliche Souveränität und Überlegenheit anerkannte. Und es gibt ja auch dieses berühmte Foto, auf dem eben sie die Peitsche in der Hand hat (mit Nietzsche und Paul Rée vor dem Karren, auf dem sie kniet).
Ein schüchterner Mann, ein von Krankheit zerrütteter Mann. Gewiß. Und doch, so zweifellos Lebensumstände ein Werk prägen, muß man sich an einem bestimmten Punkt von diesem eigentlich trivialen Wissen auch wieder verabschieden.
KLMO:
Nietzsche propagiert das Gegenteil von Selbsterniedrigung und Kleinmacherei. Du bist nicht niedrig und klein, ausser, man redet dir das ein!
hans-werner degen:
Was für ein entsetzlicher Irrtum Nietzsches, der damit die sich freiwillig Kleinmachenden der Welt, Gandhi, M. L. King, Mutter Theresa und alle anderen, die sich für viele opferten, denunziert. Und kein Wunder, dass die sich Überhöhenden, die Herrschenwollenden in der Welt sich mit ihm verbunden wähnten.
Christian Erdmann:
Da fällt mir Rasumichin in „Schuld und Sühne“ ein: das ganze geheimnisvolle Problem des Lebens auf zwei Druckseiten abgetan.
Ja, so kann man die Komplexität und den Reichtum eines Lebenswerks mit zwei Federstrichen abtun. Daß Menschen aus völlig anderen Gründen Nietzsches Werk, bei aller kritischen Distanz in den gebotenen Punkten, schätzen können, kommt Ihnen nicht in den Sinn? Zum Beispiel, weil er ein Todfeind bornierter Selbstgewißheit war. Weil er selbst ein von Zweifeln zerrissener Suchender war, dem jede zu einfache Lösung suspekt war. Den gesamten Nietzsche auf Übermenschensehnsucht zu reduzieren, ist genauso unsinnig wie in Dostojewskij immer nur den suchenden Christen sehen zu wollen. Nietzsche schätzte Dostojewskij fast maßlos („einer der schönsten Glücksfälle meines Lebens“, „ein Psychologe, mit dem ich mich verstehe“) und sicher nicht, weil er in Dostojewskij nur das sah, was Sie sehen, den auf den Urgrund des Glaubens tauchenden orthodoxen Christen; vielmehr haben sowohl Nietzsches Philosophie der Perspektivität, in der sich ständig Gegensätze berühren, als auch seine „Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens“ in Dostojewskij ein literarisches Pendant, auch das ekstatische Existenzgefühl der Charaktere Dostojewskijs.
hans-werner degen:
ad 1) Für mich ist Nietzsche als Poet einer der Großen der Welt! Und er schreibt in einem wundervollen Deutsch. ad 2) Wer als Philosoph trompetet, tut das, weil er viel heiße Luft in seinen Gedanken hat, die er mit Trompetenklang überdecken will. ad 3) Wenn ein Diktator einen Philosophen schätzt… nun ja… vor falschen Anbetern wird man nie sicher sein… wenn er aber zur Lektüre vieler Herrscher wird, fange ich an nervös zu werden… dann stimmt was nicht.
Christian Erdmann:
Übrigens ist auch Jesus nicht sicher vor falschen Anbetern. Nietzsche wünschte sich, daß er sein Werk auf Französisch hätte schreiben können, Zitat: „damit es nicht als Befürwortung irgendwelcher reichsdeutscher Aspirationen erscheint“.
Thomas Mann, 1927: es gelte, bei Nietzsche „das Pathos großer europäischer Humanität, das seines Wesens Kern bildet, klar herauszubilden und gegen wüste Mißverständnisse zu verteidigen“.
Nietzsche wetterte gegen die Deutschen, weil er ein Europäer war: Hitler ist Zusammenfassung all dessen, was Nietzsche verachtete. Er hätte Nazideutschland verachtet: „Ein Deutscher ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, daß er sie tut: denn er gehorcht, wo er kann, wie dies einem an sich trägen Geiste wohltut.“
„Sich unterwerfen, folgen, öffentlich oder in der Verborgenheit, – das ist deutsche Tugend. – Lange vor Kant und seinem kategorischen Imperativ hatte Luther aus derselben Empfindung gesagt: es müsse ein Wesen geben, dem der Mensch unbedingt vertrauen könne, – es war sein Gottesbeweis, er wollte, gröber und volkstümlicher als Kant, daß man nicht einem Begriff, sondern einer Person unbedingt gehorche…“ (Morgenröte).
„Als die Deutschen den andern Völkern Europas anfingen interessant zu werden – es ist nicht zu lange her -, geschah es vermöge einer Bildung, die sie jetzt nicht mehr besitzen, ja die sie mit einem blinden Eifer abgeschüttelt haben, wie als ob sie eine Krankheit gewesen sei: und doch wußten sie nichts besseres dagegen einzutauschen als den politischen und nationalen Wahnsinn. Freilich haben sie mit ihm erreicht, daß sie den andern Völkern noch weit interesssanter geworden sind, als sie es damals durch ihre Bildung waren; und so mögen sie ihre Zufriedenheit haben!“ (Morgenröte)
Nietzsche spielt eingangs auf den Weimarer Geist an und meint mit den „großen Dingen“ eher Goethe, den er, trotz seiner Parodie in einem Gedicht, als Ausnahmeerscheinung unter den Deutschen verehrte und sich wünschte, er könne Goethe gegen „ganze Wagen voll frischer hochmoderner Lebensläufe einhandeln“. Und letztlich ist für Nietzsche Goethe „kein deutsches Ereignis, sondern ein europäisches“. Nietzsche bewunderte Goethe, weil hier einer – sich selbst schuf. Wer verkennt, daß Nietzsche in dieser Linie des Humanismus steht, in der von Pico della Mirandola über Shaftesbury zu Goethe die selbstschöpferische Kraft des Menschen betont wurde, der wird Nietzsche immer Unrecht tun.
Daß Nietzsche sich mit Begriffen und Wendungen angreifbar gemacht hat, darüber herrschen keine zwei Meinungen. Aber nie hat Nietzsche z.B. den „Willen zur Macht“ im Sinne eines Hitler als Macht über andere verstanden; im Gegenteil hätte dieser „Wille zur Macht“ als Macht des ewig-sich-selber-Schaffens einer solchen Vereinnahmung durch eine schreckliche Ideologie diametral entgegengestanden.
hans-werner degen:
Wenn er das nicht wollte: Warum schrieb er es so, dass es das Gegenteil bewirkte? Seine Lektüre hat mir den Weg zu Lenin geöffnet… Und viele andere erfuhren das gleiche… Das ganze Werk (und ich hab es gelesen) hat was Sado-Masochistisches an sich!
tzscheche:
… deshalb verstand er sich auch so gut mit Wagner!
Christian Erdmann:
Also, ich kann mit Wagner nicht viel anfangen, und mir ist auch nicht klar, mit welcher Notwendigkeit man von Nietzsche zu Lenin kommen muß, das scheint mir dann schon an Dingen zu liegen, die mit Nietzsche selbst nichts mehr zu tun haben, außer im Sinne des von Nietzsche selbst Diagnostizierten.
Wenn Sie den gesamten Nietzsche gelesen haben, dann müßten Sie doch in der Lage sein, auch die Binnenstruktur dieses Gesamtwerkes als repräsentativ dafür anzusehen, wie es bei Nietzsche vornehmlich darum geht, nicht auf falsche Tröten hereinzufallen, selbst wenn es die eigenen waren, wie „der Fall Wagner“ zeigt.
„Wie? wäre es wirklich die erste Tugend eines Vortrags, wie es die Vortragskünstler der Musik jetzt zu glauben scheinen, unter allen Umständen ein hautrelief zu erreichen, das nicht mehr zu überbieten ist? Ist dies zum Beispiel, auf Mozart angewendet, nicht die eigentliche Sünde wider den Geist Mozarts, den heiteren, schwärmerischen, zärtlichen, verliebten Geist Mozarts, der zum Glück kein Deutscher war, und dessen Ernst ein gütiger, ein goldener Ernst ist und nicht der Ernst eines deutschen Biedermanns … Geschweige denn der Ernst des „steinernen Gastes“ … Aber ihr meint, alle Musik sei Musik des „steinernen Gastes“, – alle Musik müsse aus der Wand hervorspringen und den Hörer bis in seine Gedärme hinein schütteln?… So erst wirke die Musik! – Auf wen wird da gewirkt? Auf etwas, worauf ein vornehmer Künstler niemals wirken soll, – auf die Masse! auf die Unreifen! auf die Blasierten! auf die Krankhaften! auf die Idioten! auf Wagnerianer!“ (Nietzsche kontra Wagner)
Jemand (Emerson) sagte mal, wenn man Montaignes Worte schneiden würde, wie müßten sie bluten wegen ihres Gefäßreichtums. Bei vielen Sätzen Nietzsches kann man Herzrasen feststellen, klar. Er hyperventiliert, und ich kann verstehen, daß der Punkt kommt, wo man genug hat. Ich kenne ihn selbst. Aber es gibt auch einen völlig anderen Nietzsche, einen merkwürdig sanftmütig dahingleitenden Tonfall, das Timbre eines Geistes, der einfach schon zu viel gesehen hat. „Leere“ kann ich da nicht finden – die muß schon gewaltsam dorthin projiziert werden. Ich sehe da eher Fülle, die nicht weiß, wohin mit sich.
Warum Nietzsche so schrieb, wie er schrieb, wie könnte sich jemand anmaßen, das zu beantworten. Und zwei Leser machen zwei verschiedene Bücher aus einem Buch – völlig normal.
tzscheche:
Hesse und Nietzsche:
In Hermann Hesses Figuren hat vieles von Nietzsches Streben nach Übermenschlichem aus schierer Verzweiflung an der Existenz Eingang gefunden. Jedoch ist bei Hesse der Wille zur Überwindung alles Irdisch-Profanen quasi rückgekoppelt und geerdet durch das Hadern der Protagonisten, ihre Skrupel vor der finalen Abkehr von Konvention und Moral.
Man nehme Harry Haller, den Steppenwolf, der die bürgerliche Bigotterie verachtet und gleichzeitig das Ambiente bürgerlicher Wohnstuben sakral verklärt, der unwiderstehlich angezogen wird von Transzendenz und Martyrium und gleichzeitig zittert aus Angst vor dem Schmerz.
Hesse weiß zwischen dem Glanz der Idee und dem Wahnsinn ihrer Realisierung fein zu unterscheiden. Diese Differenzierung zwischen Wunsch und Wirklichkeit würde man sich auch von so manchem Adepten Nietzsches erhoffen.
Christian Erdmann:
Die Abkehr von einer gewissen Moral ist nicht Abkehr von jeglicher Moral. Sie können das aus Nietzsches Eintreten für den Genius des Selbstschöpferischen nicht einfach wegdenken. Der Hinweis auf Shaftesbury, der sogar einen dem Menschen eigenen, nicht hintergehbaren „moral sense“ annahm, und dabei den „Virtuoso“ als Ideal anstrebte, der seine Passionen und Emotionen analog zum Künstler, der ein Kunstwerk schafft, in Harmonie bringt, oder der Verweis auf Nietzsches Bewunderung Goethes, der von Shaftesbury übrigens den Begriff der „inneren Form“ gestohlen hat, waren dann vielleicht weniger hilfreich, als ich hoffte. Bei allem Aufruhr im Duktus Nietzsches, zu dem auch gehört, die eigene „innere Form“ stets zu erneuern, sehe ich, daß er zugleich eine Art von Anstand einfordert, mit der er den Menschen sichtlich überschätzt, woraus wiederum ein Teil seiner Verzweiflung rührt.
Schon, daß Sie Nietzsche einen Wunsch zur Überwindung des „Irdisch-Profanen“ unterstellen, ist bei seiner Liebe zum Irdischen seltsam, aber nun gut: ich bin kein „Adept“ Nietzsches. Passagen, ob derer ich Nietzsche 10mal in die Ecke gefeuert habe: geschenkt; von „Nietzsche und der Faschismus“ habe ich sogar ein Exemplar mit Widmung, der Verfasser war mein Professor. Ich sage nur, es lohnt sich, Nietzsche trotz allem 10mal wieder aus der Ecke herauszuholen.
hans-werner degen:
Da werden wir nie d’accord und Tucho beschrieb das, was ich meine, wesentlich prägnanter als ich das kann!
Christian Erdmann:
Auch Tucholsky ist ja sichtlich zwiegespalten. Indes: „Und Flesch hat richtig empfunden, dass man ihn nun bald gegen seine Anhänger in Schutz nehmen muß – wohin ist dieses Werk gerutscht! Sähe er das, schaudernd wendete er sich ab.“ – !!
Schreibt Ihr „Tucho.“ Welchen Schlag erlitt dagegen Tucholskys Bewunderung für Hamsun? Ist diese offene Verirrung eines (großen) Schriftstellers wie Hamsun nicht viel schlimmer, als der Mißbrauch eines Schriftstellers, der sich gegen diesen Mißbrauch verwahrt hätte?
kurzundknapp:
Da haben Sie völlig recht, und das nicht nur für Tucholsky! Hamsuns Nazitum ist ekelerregend!!
KLMO:
In Ihren Ekel müssen sie aber Millionen Deutsche mit einbeziehen, incl. die Intelligenz. Außer, man war Kommunist oder Jude. Hier wird im Nachhinein unglaublich geheuchelt.
In der Spiegelausgabe 38/2004 liest man über Heidegger folgende bemerkenswerte Passage: Als Jaspers im Mai 1933 die Professorenfrage stellte, auf welche Weise wohl „ein so ungebildeter Mensch wie Hitler Deutschland regieren solle“, bekam er von Heidegger die Antwort: „Bildung ist ganz gleichgültig…. Sehen Sie nur seine Hände an.“ Dass Jaspers solch eine „provozierende“ Frage überhaupt stellte, erklärt sich daraus, dass er mit einer Jüdin verheiratet und entsprechend sensibilisiert war.
Christian Erdmann:
Bezeichnend und verräterisch im Hinblick auf „die Intelligenz“ schon die Stimmung in Davos 1929, bei der Disputation zwischen Heidegger und Cassirer, die als showdown empfunden wurde, bei dem die jungen Studenten auf der Seite des „radikalen“ Heideggers standen, der liberale Geist Cassirer dagegen mit einer Kabaretteinlage verhöhnt wurde.
hans-werner degen:
Was mir heute fehlt bei den Büchern, wurde mir auf dem Flohmarkt schmerzlich bewußt: Es gibt keine Prediger des Humanismus mehr! Da hab ich jetzt einen Band Essays von Friedrich Heer gefunden. Unorthodoxer Katholik und Streiter für den Humanismus nach 1945. Aufsätze, Gedanken die heute wichtiger sind denn je! Mit Ekel betrachtet er die heutigen Gruppen, die den Humanismus im Schild führen und gnadenlos zusehen können, wenn in Staaten nach ihrem Gusto die Menschen schikaniert und gemordet werden. Sein Credo (katholisch geprägt): Nie dürfen Menschen Menschen leiden lassen.
Christian Erdmann:
Gewiß. Dieses „katholisch geprägte“ Credo Heers enthält darum auch ein gerüttelt Maß an Kirchenkritik: „Der Klerus ging noch in jeder Geschichtsstunde mit jedem Machtherren ins Bett.“
Hitler zahlte ja bis zuletzt Kirchensteuer; Heer sagt: „Adolf Hitler sieht bis an sein Lebensende mit tiefem Respekt auf die römische Kirche, auf ihre tausendjährige Kunst der Herrschaft, Kunst der Propaganda, Kunst der Seelenführung.“ (aus: „Mit Gott und dem Führer“). Alles auf Nietzsche schieben, geht auch mit Heer nicht.
Der „Übermensch“ ist von Nietzsche zu keiner Zeit in irgendeiner Form „rassisch“, ja nicht einmal phänotypisch irgendwie klassifiziert. Bei der „Übermensch/Wille zur Macht“-Konstruktion geht es um eine Höherentwicklung, die Härte gegen sich selbst verlangt, nicht gegen andere! Der Übermensch ist kein Herrenmensch. Es gibt andere Äußerungen Nietzsches, die viel dubioser sind.
Und bittschön: Nietzsche wandte sich gegen den Antisemitismus, als ein Richard Wagner diesen noch zur vaterländischen Tugend erhob. Die Übermensch-Idee kreist um Formen von Unabhängigkeit; es gibt dann im Werk verstreut Spuren, die in besagte dubiose Richtungen führen. Die Crux ist aber einseitige Exegese, denn wie Sie sehen, kann man auch einen katholisch Geprägten als den vehementesten Kritiker der katholischen Kirche erleben; ebenso lassen sich all diese Belege für eine inhärente Verantwortung Nietzsches mit Nietzsche selbst widerlegen.
Wenn Sie zum Beispiel jene Reflektionen über das Mitleid lesen, wo Nietzsche gerade im zur Schau gestellten Unglück, im „Durst nach Mitleid“ einen „Selbstgenuss“ aufspürt, schreibt er: es (das Mitleiderregenwollen) „zeigt den Menschen in der ganzen Rücksichtslosigkeit seines eigensten lieben Selbst“. Das mag manchem als ein unbotmäßiger Ort erscheinen, diese Rücksichtslosigkeit aufzuspüren, jedoch: klingt das wie eine Passage, die generell, auch an anderen Orten, dieser „Rücksichtslosigkeit des eigensten lieben Selbst“ positiv gegenübersteht? Nein, man kommt nicht weit damit, den „Übermensch“ zum rücksichtslosen Egomanen zu stempeln. Nietzsche will „Mitfreude“, nicht „Mitleid“, weil er Lebensbejahung will, nicht Leidvermehrung.
Und hier redet Nietzsche direkt mit Hitler: „Das Böse hat immer den großen Effekt für sich gehabt! Und die Natur ist böse! Seien wir also natürlich! – so schließen im geheimen die großen Effekthascher der Menschheit, welche man gar zu oft unter die großen Menschen gerechnet hat.“
Lesenswert wäre der, der nicht einfängt, was an Nichtigem kursiert, sondern Schrifttum darauf konzentriert, wohin der Mensch sich idealerweise weiterentwickeln könnte. Pech für diesen „Auserwählten“, in den Augen seiner Mitwelt nur ein Narr zu sein…
ray05:
Es geht doch um das WIE [schreibe ich] und nicht um das WAS, das wissen Sie doch; ich verstehe nicht, warum Sie den NARREN negativ konnotieren…
Muffin Man:
Ein Narr darf zwar alles sagen, er wird jedoch nichts bewirken. Eben diese Wirkungslosigkeit ist seine Tragik.
easystreets:
Muffin Man, das stimmt so nicht. Der Narr ist eine Figur, der unentschieden in der Mitte von zu verteidigenden Burgen sich aufhält und in der Groteske sich entsprechend der Groteske verhält. Der Narr ist auch der Weise, der Wahrsager und Wahrlacher, wie Nietzsche es seinen Zarathustra sagen läßt. Eine Mittlergestalt. Bewirken? Aktiv wirken? Passiv bewirken? Durch Dasein sein. Der Schamane ist eben so eine Figur. Ein Substanzmischer und Sichäußerer. Ein Weltenwanderer, auch zwischen denen der Zeit. Ein Mahner, kein Moraliger, einer, der den Wahnsinn auf sich zieht und ihn personifiziert darstellt, so quasi ihn aus der Welt zieht, stellvertretend; ein Reinigender, ein Heilsbringer. Einer, der die Informationen aus der Vergangenheit gegenwärtig hält, indem er sie heraufholt, wieder und immer wieder. Eben keiner, der ein Ziel braucht zum Los- & Draufstürzen. Kein Totaler-Krieg-Woller. Ein Strukturaufweicher. Die Literatur ist voll davon. Nur personifiziert muß er sein, voll sein von den Substanzen, zwischen denen er nicht mehr unterscheiden kann, sie aber eint. Der Narr selbst ist nicht. Er hat keinen Körper, er ist voll und ganz in seiner Funktion. Er ist die Summe seiner Umgebung. Einer, der am 30. Januar 1933 laut lachend, Rad schlagend, weinend und schreiend Unter den Linden entlang läuft, bis er von der SA eingefangen wird – das ist ein Narr. Was soll er sein? Gott, der Allmächtige? Der mit dem Riesenschwert, der eingreifen kann und es tut? Der Zeus, der Blitze wirft? Die tiefste Anteilnahme dürfte sich im Narren personifizieren.
Christian Erdmann / Aljoscha der Idiot:
Als Revolutionär nach unten Jakob von Gunten. Dies war ein Literaturtip.
easystreets:
Ich fange mit Deinem Buch an, was die Hausaufgaben betrifft, machen wir es so. Wenn man drüber nachdenkt, über den Narren… es gibt keinen Gott, es gibt keinen Teufel und von beiden keine Menschwerdung. Nur im Narren, im duplex, personifiziert sich Beides, das Göttliche, Einende, wie das Teuflische, Teilende-Zweiende, und das zugleich und gleichermaßen. Die einzige Figur, die sich verläßt, um leer und geleert zu empfangen. „Der Offenbarung williges Gefäß“, sozusagen. Das ist die Reinform. Die Wirklichkeit ist teuflisch, göttlich und närrisch-neckend zugleich, klar, was sonst. „Was liebt, das neckt sich“ kommt ja daher.
Die Figur hat zumindest Einblicke hinter die Fassaden des Menschen… Das Besondere ist seine geistige Überlegenheit und seine Fähigkeit zur List. Seine Streiche lassen ihn den Zorn auf sich ziehen. Er hat viele Gesichter und trägt viele Namen, so wie auch Schelm oder Trickster. Er ist eine Wandlungsgestalt, auch ein Schöpferischer. Eine Doppelnatur mit notorischer Unintelligenz in seiner Kommunikation. Eine interessante Figur.
Christian Erdmann / Aljoscha der Idiot:
Sehr. Eine Ur-Trickster-Gestalt ist Hermes / Merkur, listenreicher Gott der Übergänge und der Transformation, und darum ist Hermeneutik ja auch so tricky, ständiges Springen im Dreieck, dem klassischen Dreieck der Zeichenwissenschaft. Nach Platon übernimmt Eros das hermeneuein, das Hin- und Herlaufen als universaler Mittler, als irgendwo Dazwischenseiender ist Eros ja auch Urbild des Philosophen. Sokrates mußte sterben, weil er alle am Kragen packte und rief: was meinst du eigentlich? Der Narr öffnet, was sich bereits verschlossen hat. Was der göttliche Narr u.a. spiegelt: daß Auslegung immer auch mit performance zu tun hat. Indem er das Umpolen der Wahrheitsreferenzen bis zur Karikatur treibt, macht er deutlich, wieviele vermeintliche Wahrheiten Riesen auf tönernen Füßen sind. Wie komme ich vom vorläufig Wahren ins wirklich Wahre?
Erstmal, indem ich auch die Kreativität des anderen verstehe, sein Genie, seine Irrtümer, sein Genie im Irrtum. Hermeneutik als Kreativität im Nachvollzug, und am wahrsten ist vielleicht die Interaktion selbst. Der Narr selbst tanzt ja, wie die Schöpfer des Tarot als Hommage auch an Dionysos abzubilden wußten, permanent am Abgrund. Aber er fällt nie, weil ihm der Abgrund nicht bekannt ist. Der Narr galt in fast allen Kulturen als möglicher Botschafter des Allerhöchsten.
Zu „Jakob von Gunten“: Walser schrieb so, wie er dann starb. Mit einem unverständlichen Lächeln rückwärts in den Schnee fallend. Unaufdringlich, eindringlich, rätselhaft anmutig, befremdlich und faszinierend. Jakob ist „gern unterdrückt“ und „kann nur in den untersten Regionen atmen“, aber er weiß, daß das Institut Benjamenta, wo Diener geformt werden sollen, ihn verdummt, und er läßt sich nicht verdummen. Er ist sokratischer Hineintäuscher ins Wahre: „In mir lebt eine sonderbare Energie, das Leben von Grund auf kennen zu lernen, und eine unbegreifliche Lust, Menschen und Dinge zu stacheln, daß sie sich mir offenbaren.“ Seine „Ungezogenheiten“ enthüllen ihn als Selbsterzieher, als Außensteher, dem eine Beziehung im klassischen Sinne nicht möglich ist, auch, weil er sich eigentlich ständig auf einer anderen Stufe der Realität befindet, wo u.a. kein zwanghaftes Auflösenmüssen vermeintlicher Paradoxien ihn noch interessiert. Fräulein Benjamenta führt ihn in die geheimnisvollen inneren Gemächer des Instituts, und der Gang führt auf eine winterliche Eisbahn. You can take it from there. Seine geistige Überlegenheit, seine List, seine notorische Unintelligenz in der Kommunikation, jedenfalls im Hinblick auf Verbindlichkeit: wir wissen nicht einmal, was ihm das alles wert ist, nützt, schadet. Am Ende geht er irgendwohin, Richtung Wüste. Scheint es. „Wir werden reisen. Schon gut. Mir paßt dieser Mensch, und ich frage mich nicht mehr, warum. Ich fühle, daß das Leben Wallungen verlangt, nicht Überlegungen.“ Vielleicht dachte Rimbaud das auch, als er Dichtung abbrach und scheinbar sinnlose Wanderschaft begann: „Gott geht mit den Gedankenlosen.“
Diener sind auch in Liebesdramen häufig die Trickster.
Das Tarot as we know it in Europa geht mindestens bis ins 14. Jahrhundert zurück, die Vorstellungsinhalte der Bilder sind natürlich weitaus älter, die erste Karte darin: The Fool, Le Mat, Der Narr.
Es geht um die „groteske Negation“, immer leicht teuflisch angehaucht, weil ordnungszersetzend. Die Narrenkappe wurde ja nicht von deutschen Karnevalsdeppen erfunden, es ist eine altehrwürdige groteske Gegenkrone bei Ritualen der Umkehrung.
Was all das mit Literatur zu tun hat? Wie könnte man überhaupt Shakespeare verstehen ohne Verständnis für den Narren? Die Spitzen des jester’s hat repräsentieren die Eselsohren, die man als guter jester früher noch trug. Wie gerade der größte Narr, zeitweise tatsächlich ein Eselsdasein fristend, prädestiniert ist, auserwählt ist, in das Kultgeheimnis der Isis eingeweiht zu werden, beschrieb Apuleius im 2. Jhdt. in „Der goldene Esel“ – ein phantastischer, anarchischer, wunderbar burlesker, am Ende doch erhabener Roman.
Die Präsenz des Narren in der Literatur, praktisch unüberschaubar. Aber der Narr stand immer essentiell für Redefreiheit und ist schon deshalb geradezu Schutzheiliger der Literatur. Zu seinen besten Künsten gehörte das Rätsel.
Falls das untergegangen sein sollte: es lohnt, „Jakob von Gunten“ zu lesen.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, Oktober 2008]
Hab mal nachgesehen, was die Geselln in meinem Bücherregal so treiben. Und siehe da: Jakob von Gunten schmiegt sich eng an Karl Roßmann, den Kafka nach Amerika schickte; seiner Kumpanei mit Tonio Kröger und M. L. Brigge wird das aber wohl keinen Abbruch tun. Obwohl Tonio für Jakobs Geschmack allzu gescheit daherredet. Jakob ist der Joker. Dienen ist natürlich eine Kunst, vielleicht die größte.
10.06.2016
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Jakob bei mir zwischen Trakl und dem armen Chatterton. :) Gotta Serve Somebody: gestern Polanskis „Venus im Pelz“ endlich gesehen, wird dem bedeutenden Buch von Sacher-Masoch ganz wunderbar gerecht. Kafka wie Sacher-Masoch exemplarisch für das – vermeintliche – Paradox: wie es möglich ist, daß sich im Setting einer restriktiven Konstellation größtmögliche Freiheit entfaltet, Denken und Bewußtsein zum wahrhaft Außerordentlichen vordringen.
Wie Kafka dieses Setting auch bewußt beibehält, hatten wir ja -> hier ein wenig beleuchtet, phänomenal an der „Venus im Pelz“ bei Sacher-Masoch nun freilich, wie Wanda Severins Setting immer wieder übersteigt.
Und doch, es gehört zum Höchsten der individuellen Freiheit überhaupt, das Hierarchische bestehen zu lassen, wo es bereichernd ist, nicht Zufügung, sondern Hinzufügung. Unendlich diffiziles Thema, but well, you know… „Beuge dich vor ihr, solange du ein Rückgrat hast.“ – meint dasselbe. Weil du frei bist. Die Macht zu erkennen, vor der es sich zu beugen lohnt. Some call it Sphinx. :)
Auch der Narr ist sein eigener Herr, aber anders. Zu seiner Rolle gehört es, selbst wenn es ihn den Hals kostet, auch tatsächliche Unterdrückung als bloßes Setting zu entlarven. Der Narr als Kasper persifliert ja Gewaltausübung nur noch, mit dieser seltsam gefalteten Klatsche (slapstick). Der Narr, der sich als Diener tarnt, hat eine dieser Persiflage nachgeformte Haltung, nur eben umgekehrt: ihr Mächtigen glaubt, mir aufs Haupt zu schlagen, ich aber weiß, euer Schlagwerkzeug ist nur aus Pappe, ihr erreicht mich nicht.
Und dann das Dienen als Hingabe an etwas. Das darf man ein Ritual äußerster Bewußtheit nennen, oder eine schöne Kunst, ja.
08.07.2016
Anonym:
Nie hatte ich die „Greta Garbo der Off-Literatur-Branche“ verstanden. Hier schon…
Psychotest: liebste Femme Fatale in einem Film Noir? Bei mir wäre das Jane Greer als Kathie Moffat in „Out Of The Past“ von Jacques Tourneur, mit Robert Mitchum.
Gwynplaine:
Ähh… ich hätte das jetzt auch geraten, bei Deinem Faible für Tourneurs Werk ;-) Den Film habe ich erst kürzlich bei arte wieder gesehen, und der ist natürlich klasse, obwohl ich mit Kirk Douglas immer ein bißchen meine Probleme habe. Aber Mitchum gleicht das wieder aus, auf der Männerseite.
Aber zum Thema: Ganz weit vorne bei mir: Barbara Stanwyck in „Double Indemnity“, denn eine Frau ohne Gewissen ist das Fatalste überhaupt, nicht wahr?
Oder Jean Simmons in „Angel Face“.
Und als Kind meiner Zeit: Faye Dunaway in „Chinatown“.
Auch Lauren Bacall sollst du lieben und ehren für alle Zeiten für „Key Largo“ und natürlich „The Big Sleep“ (obwohl da Dorothy Malone in einer kurzen Rolle als „bookworm bitch“ auch nicht von schlechten Eltern ist, und der Frauenpart, der die Männer ins „Fatale“ reitet, eigentlich bei Martha Vickers liegt).
Ganz weit oben auch „Gilda“; ich glaube Rita Hayworth litt ähnlich wie die Monroe unter ihrem Glamour-Image. Ihr Auftritt in „Gilda“ ist unschlagbar. Der Song „Put The Blame On Mame“ verdeutlicht doch das Dilemma der Männer, wenn sie den Frauen an die Angel gehen. Von wegen schwaches Geschlecht.
Also, alles Gute einstweilen! And „Keep watching the thighs!“
schnuppe:
Homme fatal ist natürlich Robert Mitchum, haha!
[SPIEGEL ONLINE Forum: Lieblingsfilme – Was ist „großes Kino“?, 08.03.2007]
09.09.2008
immerfreundlich:
… gefolgt von einem unglaublichen Peter Ustinov in „Quo Vadis“.
Christian Erdmann:
Schön, daß sich jemand zu „Quo Vadis“ bekennt, ich liebe den Film. Der stammt zwar noch aus einer Zeit, in der deutsche Synchronfassungen teilweise unantastbare, eigenständige Größe erlangten, aber durch Ihren Beitrag moralisch gestärkt erwäge ich die Anschaffung der DVD, um endlich einmal das Original zu sehen.
Lieblingssatz, trotz Phasen, in denen ich mir nur die Sequenzen mit Deborah Kerr anzusehen vornahm: „Poppäa, was murmelst du denn da!“
Vom Matinee Idol derer, deren Hirn aus Echo & The Bunnymen heraus levitierte, zum genial-wahnsinnigen Krautrock-Exegeten und -Weiterdenker, Pagan Eco Warrior und Experten für Megalithkultur, das ist ja in etwa der Weg von Julian Cope, und dessen Song „Robert Mitchum“ (erstmalig auf „Skellington“) enthält wunderbarerweise eine Referenz, die einem anderen großen Film gilt, der so gut wie nie auf der Liste der „großen Filme“ auftaucht:
Robert, Robert Mitchum I wrote a song for you Robert, Robert Mitchum I love you, yes I love you, yes I really do The part in „Ryan’s Daughter“ when you lose your wife I’ve never seen a more dignified man in my life
„Ryan’s Daughter“ also, David Lean 1970. Der Film wurde von der Kritik nicht gut aufgenommen, vor allem hieß es, Leans cinematography erschlage die Charaktere, aber wenn man sich Zeit für den Film nimmt, sieht man schnell, daß das nicht stimmt. Für mich ist der irische Schullehrer Charles Shaughnessy eine von Mitchums besten Rollen. Immerhin wird der Film langsam als overlooked masterpiece wahrgenommen.
„You’re such a dude, you’re such a guy, you know you’re so half asleep“ (Cope).
20.09.2008
Christian Erdmann:
„The Night of the Hunter“, der weiter oben erwähnte „Ryan’s Daughter“, das wären zwei meiner Lieblingsfilme mit Mitchum. Absolut phantastisch ist er aber auch, Jane Greer verfallen, in „Out Of The Past“ von Jacques Tourneur.
chevy57:
Mitchum gelingt es in der Rolle tatsächlich, auch mir Angst einzujagen. Und das schaffen nicht viele…
Christian Erdmann:
Genauso, wie ich immer nicht verstehe, daß das Fernsehen immer vehementer mit dem ganzen Mist aufwartet, den Monty Python’s Flying Circus schon in den Siebzigern ultimativ, final und tödlich verkaspert hat, verstehe ich nicht, daß sich nach Mitchum in diesem Film überhaupt noch schmierige Kleinstadt-Evangelisten irgendwo herumzutreiben wagen. Naja, was versteh ich schon.
Ich besitze dieses Buch von Elsa Lanchester, die mit Laughton verheiratet war (Frankensteins Braut), und sie schildert, wie Laughton Mitchum anrief:
„Hello, this is Charles Laughton.“ „Yes?“ „I have a book I’d like you to read. There’s a character in it that I’d like you to play in a movie I’m making. The man is a real shit. A dreadful and devout shit.“ „Present!“
Und als Mitchum erfuhr, daß Shelley Winters gecastet war: „My God, the only thing she’s going to do convincingly is float in the water with her throat cut.“
Neben all seinen anderen Vorzügen hatte Mitchum noch einen überaus bedeutenden Charakzerzug: er schätzte Deborah Kerr mehr als alle anderen Partnerinnen. Was kann man Besseres über Deborah Kerr sagen. Er meinte mal, sie könne ihre Szenen in der Schweiz spielen und er in Maryland, das Ergebnis wäre trotzdem perfekt. „Heaven Knows, Mr. Allison“ ist auch noch so ein schwacher Punkt von mir, Mitchum als Corporal Allison, der auf einer Insel strandet, auf der sich erstmal wenig befindet außer Schwester Angela, Deborah Kerr als Nonne. Und die konnte ja Nonnen wie keine andere, „Black Narcissus“ mit Deborah Kerr als Sister Clodagh ist auch ein klasse Film, von Powell / Pressburger, die wiederum auch „Peeping Tom“ gemacht haben. Und der steht neben „Night of the Hunter“ ganz da oben, Regalbrett „Filme, die man ins Jenseits mitnehmen muß“.
24.09.2008
marks&spencer:
Wenn ich das richtig gehört habe, wollte Laughton zunächst Gary Cooper verpflichten.
Christian Erdmann:
Das weiß ich nicht, Elsa Lanchester zitiert Paul Gregory, den Produzenten, der Laughton eine Notiz hinterläßt: „Charlie, this would make a motion picture.“ Und: „I’d seen Robert Mitchum as the heavy in this. Charlie called me the next day and just raved and said: ‚I’m coming down.'“ Laughton hätte gemischte Gefühle gegenüber Mitchum gehabt, aber von Cooper wird nichts erwähnt. Interessant ist, wie Mitchum mehrmals zu Vorbesprechungen ins Haus Laughton / Lanchester kommt: „I don’t know, maybe Bob Mitchum is very bright, but I never heard such a lot of words – big, long words, one after the other.“ (E. L.) Später gibt Mitchum dann den intellektuellen Zugang auf und entpuppt sich als noch größerer Rebell als Laughton, selbst durchaus einer, vermutet hatte, bis zu dem Punkt, an dem Laughton Mitchum väterlich zur Seite nimmt und erklärt: wir alle hätten Skelette im Schrank, die meisten von uns würden aber versuchen, die Skelette zu verbergen und die Tür zuzuhalten. Mitchum aber reiße nicht nur die Tür auf, er schwinge seine Skelette auch noch gleich in der Luft herum. „Bob, you simply must stop brandishing your skeletons.“
26.09.2008
schnuppe:
Film noir und Mitchum als der Böse, oh ja!
Welcher Film ist das, wo ein Girl zu ihm sagt: What I like about you is… you’re rock bottom. I wouldn’t expect you to understand this, but it’s a great comfort for a girl to know she could not possibly sink any lower.
20.02.2010
Christian Erdmann:
Juliet Forrest in „Dead Men Don’t Wear Plaid“: „If you need me, just call. You know how to dial, don’t you? You just put your finger in the hole and make tiny little circles.“ :)
Haio Forler:
War das nicht Rachel Ward?
BerSie:
In der Rolle der Juliet Forrest!
Christian Erdmann:
Hier meine Unterschrift zu:
„Out of the Past is one of the greatest of all film noirs“. (Roger Ebert)
Tourneur (Cat People, I Walked With A Zombie, Night of the Demon) ist sowieso ein Meister; Scorsese: „In a way, you could say that Tourneur’s touch is so refined and subtle that he haunts his films. It’s as though he cast a spell over each project … Tourneur was an artist of atmospheres.“
Scorsese spricht Tourneurs Filmen „a hypnotic quality“ zu, Jane Greer ist als Kathie Moffat wahrscheinlich die faszinierendste Femme fatale des klassischen Film noir, und Mitchum… ist Mitchum.
BerSie:
Bin absolut Deiner Meinung! Auch Kirk Douglas trägt seinen Teil bei!
Christian Erdmann:
Kirk Douglas kann einem ja schwer auf die Nerven gehen, sein zwischen hämischer Vergnügtheit und vibrierendem Rachedurst schillernder Charakter in „Out of the Past“ aber gelingt ihm blendend.
19.09.2010
Christian Erdmann:
1947 war ein phantastisches Jahr für Robert Mitchum, nicht nur drehte er mit Tourneur „Out of the Past“, er stand auch für Raoul Walsh in „Pursued“ vor der Kamera. Gerade gesehen, eine Art Psycho-Noir-Expressionismus-Western, sehr ungewöhnlich, faszinierend. Bei jedem Mitchum-Film, den ich konzentriert sehe, wird mir klar, egal, für wie groß man Robert Mitchum schon hält, man hat ihn grundsätzlich immer noch ein bißchen unterschätzt. Martin Scorsese hat „Pursued“ offenbar höchstpersönlich gerettet, die Restaurierung mit eigenem Kapital in die Wege geleitet.
„Simply by being there, Mitchum can make almost any other actor look like a hole in the screen.“ – David Lean
Das ist nicht irgendein empfehlenswertes, gutes Buch: Das ist ein Meer aus Sprache, Bildern, Musik, Gedanken, Atmosphäre und hintergründigem Gelächter! Man will meinen, Luis Bunuel und Dostojewski hätten David Bowie gehört und den Film Cat People gesehen, um sich ans Gesamtkunstwerk zu machen, daran zu scheitern und Christian Erdmann zu fragen, ob er die Sache übernehmen kann. Und der hat einfach „Ja“ gesagt und sich hineingestürzt in die Flut, die den Leser später süchtig macht!
Einfach ins Buch eintauchen und davontragen lassen, es gibt kein Entkommen, kein Ertrinken, nur den Rausch, der entrückt und verzückt! Wunderbar!
Die Rezension „Ein Rausch!“ wurde 2023 auf Amazon gelöscht.