Vor Benedict Cumberbatch gab es Jeremy Brett: zwei beste Sherlock Holmes-Darsteller ever. Verbeugung vor Jeremy Brett durch Teilnehmer des SPIEGEL ONLINE-Forums „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“.
The Resident Patient
11/2009
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Ist zwar eigentlich TV, aber jemand war so charmant, mir die komplette erste Staffel der ITV-Granada-Serie mit Jeremy Brett als Sherlock Holmes zu leihen. Ist das ein Schatzkästchen. Ich wußte zwar, daß es diese Serie gab, habe aber nie eine Folge davon gesehen. Jeremy Brett ist der ultimative Holmes, wie ich jetzt weiß; ich kann die Serie nur jedem heiß empfehlen. In der Folge „The Resident Patient“ gibt es nicht nur die eleganteste Spurensuche, die jemals in einem englischen Zimmer stattgefunden hat – Bretts Körpersprache ist einzigartig, geradezu eine Choreographie -, sie findet auch, ich glaube drei Minuten lang, in völliger Stille statt. Und ich habe in diesen drei Minuten nicht einmal zu blinzeln gewagt.
The Dancing Men
Thr Priory School
The Solitary Cyclist
01/2010
Christian Erdmann:
Dann empfehle ich nochmal den ultimativen Holmes: Jeremy Brett. Der Kult um diesen Mann intensiviert sich scheinbar täglich, obwohl die Serie aus den 80ern stammt. Aber nachdem ich jetzt die ersten 25 Folgen der Serie gesehen habe, schließe ich mich dem Kult vorbehaltlos an. In Deutschland ist die Serie bislang kaum bekannt, die Synchronisation, soweit geschehen, stammte damals von der DEFA und ist erstklassig. Im Westen liefen nur einige Folgen versteckt im Dritten Programm. Die großartig ausgestatteten DVD-Sammlungen stammen von Koch Media. Die haben für die dritte Box, die gerade erschienen ist, tatsächlich neue Synchronfassungen erstellt für Folgen, die nie im deutschen Fernsehen liefen – ziemlich einmalig, glaube ich. Die Rezensionen bei Amazon für die erste Box lassen aber erkennen, daß nahezu jeder, der mal Jeremy Brett als Holmes gesehen hat, sich das Ticket für den Guy Ritchie-Holmes schon aus Loyalitätsgründen sparen wird.
The Greek Interpreter
christian simons:
Ich kenne diese Serie zwar leider nicht, aber ich habe Jeremy Brett einmal auf der Bühne erlebt, und zwar als… Überraschung… Dr. Watson.
Das war im Jahre 1980 im Los Angeles Music Center. Das Stück hieß „Sherlock Holmes and the Crucifer of Blood“, und meine Touristengruppe und ich waren deshalb scharf auf diese Veranstaltung, weil Charlton Heston den Holmes gab.
Jeremy Brett kannten wir damals noch nicht, aber ich kann mich erinnern, dass sein Understatement und seine trockene Art einen angenehmen Kontrast zu Charltons Theaterdonner lieferte.
Christian Erdmann:
Das ist ja interessant, ich wußte nicht, daß Jeremy Brett auch mal Watson gespielt hat! Er hatte Skrupel, die Holmes-Rolle zu übernehmen, weil er ahnte, daß dieser exzentrische Charakter seinem eigenen Leiden – manic depression – nicht guttun würde. Und als Holmes ist er dann beunruhigend definitiv und definitiv beunruhigend. Rathbone schön und gut, aber blaß gegen diesen phänomenalen Mann, der sein Leben Sherlock widmete, nachdem seine Frau viel zu früh starb.
Seine Wechsel von holmesesquer Trance zu nervöser motorischer Energie & the other way round, einzigartig. Brett sagte, wichtig sei ihm auch gewesen, bei diesem brillanten, komplexen, exzentrischen und letztlich isolierten Mann, der in seinem Gehirn lebt und den nur Watson und die Fälle, die er zu lösen hat, mit der Welt verbinden, das Aufblitzen von Menschlichkeit zu zeigen. Und das sind in der Tat atemberaubende Momente dann.
The Crooked Man
oliver twist aka maga:
… aber das „Koksen“ trifft es schon fast gut. Auch wenn es bei Holmes altmodisches Opium war. :-)
Christian Erdmann:
„Was ist es heute, Kokain oder Morphium?“ Die klassische Frage von Watson an Holmes. In der Serie mit Jeremy Brett ist die Spritze in diversen Szenen prominent. Opiumgenuß kommt nur in der Folge „The Man with the Twisted Lip“ vor, wo Holmes sich verkleidet in eine Opiumhöhle einschleicht. Möglicherweise wurde Morphium teilweise als Mittel eingesetzt, um Opiumsucht zu bekämpfen, weiß ich nicht, paßt aber nicht zu Holmes, der konsumiert o.g. Drogen nur, wenn sein brillanter Intellekt brachliegen muß.
The Naval Treaty
Kryoniker:
Für mich gehören zu Sherlock Holmes Nebel in London, eine schicke Mordserie, Tweed-Anzüge, Kaffee (oder Opium) am Kaminfeuer, ein stets schusseliger Watson und ein kühl kalkulierender Holmes, der so brillant ist, daß er sogar als Externer von Scotland Yard (denn Scotland Yard haßt eigentlich Privatdetektive) angerufen wird, um Licht ins Dunkel zu bringen. :)
Christian Erdmann:
Die Ausstattung und die cinematogrophy der Granada ITV-Serie (also Jeremy Brett als Holmes) würden Dich entzücken. Das Ganze hat eine stille Intensität, die dann immer in atemberaubende kleine Eruptionen umschlägt. All diese grandios bizarren, liebenswerten Charaktere in den verschiedenen Folgen von erstklassigen Schauspielern zu Leben erweckt. Und ja, auch sehr viel Nebel und Dunkelheit. Außenaufnahmen vom feinsten, nie in strahlenden Sonnenschein geschönt oder mit Filtern realistischer Atmosphäre beraubt. Interieurs mit soviel Sorgfalt und Liebe zum Detail gestaltet… oder vorgefunden.
Eine Reihe von andernorts liebgewonnenen Schauspielern taucht auch noch auf, etwa Natasha Richardson in ihrer – glaube ich – ersten Rolle, kurz vor ihrem Auftritt in Ken Russells „Gothic“. Eine Reihe von Hammer-Horror-Ikonen, so Eric Porter (aus „Hands of the Ripper“) als Professor Moriarty, der „Napoleon des Verbrechens“ – großartig -, oder Damien Thomas (aus „Twins of Evil“); in der „Abbey Grange“-Folge dann die wunderbare Anne Louise Lambert in der dritten mir überhaupt bekannten Rolle, nach Miranda in „Picknick am Valentinstag“ und Mrs. Talmann in Greenaways „Kontrakt des Zeichners“.
Mit Watsons Schusseligkeit ist das so eine Sache, die stammt aus der Rathbone-Zeit, aber man hat zurecht gefragt, ob Holmes sich mit so einem Trottel abgegeben hätte? In der Serie gibt es zwei Watsons, zunächst David Burke, der es ganz wunderbar vermag, auf seinem Gesicht Unverständnis sich abzeichnen zu lassen, wenn er Holmes‘ Manövern in Anwesenheit Dritter für einen Moment nicht folgen kann, und das dann, wenn er versteht, übergeht in die Zufriedenheit darüber, daß er seine Bewunderung für Holmes wieder genießen kann. Ab Folge 14, The Empty House, erscheint Edward Hardwicke als Watson, vergleichsweise gloomy. Beide aber keine Trottel, sondern ernsthafte, gewissenhafte Männer, nur eben weit diesseits Holmes’scher Brillanz.
The Abbey Grange
02/2010
Haio Forler:
Aljoscha, wie hieß nochmal die von Dir bevorzugte Serie über Sherlock Holmes?
Kryoniker:
Ich bin zwar nicht Aljoscha, aber er meint die Reihe mit Jeremy Brett.
Haio Forler:
Ja, der war’s, danke. Jetzt schau ich da doch mal rein.
bicyclerepairmen:
Klasse Schauspieler, leider zu früh verstorben.
Christian Erdmann:
Der junge Jeremy Brett führt als Nikolai in „War and Peace“ Audrey Hepburn die Treppe hoch zu ihrem ersten Ball. Wo sie ja wirklich umwerfend bezaubernd ist.
The Second Stain
Siebziger:
Großen Dank an Aljoscha und Ray für den Hinweis auf die „Sherlock Holmes“-Reihe mit Jeremy Brett! Das ist doch endlich mal wieder Fernsehen, wie es sein sollte — eben großes Kino im TV-Format. Die erste Staffel habe ich jetzt durch, die restlichen DVDs sind bestellt.
BerSie:
Vor 10 min. habe ich mir die erste Holmes-Staffel geholt! Ich will Holmesianer werden und bitte während meiner Lehrzeit um Nachsicht. ;) 664 min. für 19.99 €! Kann man ja nicht so viel falsch gemacht haben! ;)
Seltsamerweise sind die vier DVDs nicht nummeriert!? Im Begleitmaterial erscheint „Die einsame Radfahrerin“ als erste Episode; die ist auf der DVD aber erst an vierter Stelle!? Und die zweite im Begleittext „Das gefleckte Band“ ist auf einer anderen DVD?? Reihenfolge des Schauens egal?
Christian Erdmann:
An sich schon, solange Du mit der Liga der Rothaarigen und „Sein letzter Fall“ aufhörst.
Haio Forler:
Ich will den eigentlich auch haben, *ggrrr* ;)
AndersSehend:
Ja, so langsam und sehr sicher wächst auch mein Appetit auf diese Sherlock-Holmes-Instanz.
Aljoscha, kannst Du mal ein Auge darauf werfen, ob das wirklich alle Staffeln sind?
ekdotin:
Das ist ja wirklich ziemlich unübersichtlich, was Koch Media da auf den deutschen Markt geworfen hat. Ich glaube, AndersSehend liegt da schon ganz richtig, nur hat man mit der UK-Version nicht die sehr hörenswerte Deutschspur. Ich weiß nicht, wer Jeremy Brett synchronisiert hat, aber er hat das Original noch übertroffen! Glückwunsch!
Christian Erdmann:
Originalfassung ist natürlich unerläßlich und unersetzlich, tatsächlich ist aber die deutsche Synchronfassung wirklich großartig – abgesehen davon, daß einige Szenen, die mit Holmes‘ Morphium-/Kokainkonsum zu tun haben, damals rausgeschnitten wurden (nur kurze Sequenzen aber, die jetzt in der deutschen Fassung als englische Originalszenen mit Untertiteln erscheinen); ein paar Szenen, bei denen die Synchronfassung doch die eine oder andere semantische Verschiebung vornimmt, habe ich auch schon gefunden, aber das ist alles eher marginal. Entscheidend ist, daß das Timbre der Synchronsprecher die Darsteller wirklich trifft, auch hinsichtlich der Nebenrollen von ausgesuchter Sorgfalt. Die ursprüngliche Synchronfassung geht allerdings nur bis „The Six Napoleons“ auf der DVD-Box 2 von Koch Media; von „The Devil’s Foot“ bis „The Bruce Partington Plans“ auf DVD-Box 2 existieren nur die Originalfassungen, also für 4 Folgen der Serie.
Ich erwähnte ja schon, daß die Synchronfassung durch die DEFA vorgenommen wurde. Auf den ersten beiden DVD-Sammlungen gibt es insgesamt drei Synchronsprecher für Holmes. Sie sind alle gut, mein Favorit ist aber Arno Wyzniewski.
Er spricht Holmes in der ersten Staffel (nach Koch Media-Zählung) von Folge 8-13 und taucht auch in der zweiten Staffel wieder auf. Wen’s interessiert, das ist in diesem Trailer hier der junge Mann im Hintergrund zwischen 0:25 und 0:38.
Die anderen Holmes-Sprecher wurden 2006 im Synchron-Forum als Franz Viehmann und Peter Hladik identifiziert.
ekdotin:
Aljoscha: informativ wie häufig. Bitte mehr von solchen erstklassigen Beiträgen! Dann macht es auch wirklich Spaß, hier zu sein.
Haio Forler:
Danke. Ähem, wie heißt Watson eigentlich mit Vornamen?
ekdotin:
Nun ja, man lernt ja immerhin, daß es auch im viktorianischen London schon Männer-WGs gab. Die Beziehung zwischen Holmes und Watson ist natürlich asexuell und rein platonischer Natur, aber Watson, ein Armeedoktor, wird immer nur mit „Dr. Watson, mein bester Freund und Gefährte“ angesprochen. Den Vornamen verschweigt des Autors Höflichkeit.
Christian Erdmann:
John. Ein einziges Mal kommt Watsons Vorname aus Holmes‘ Mund, in einer Szene in „The Devil’s Foot“, und ich denke, wer sich bis dahin vorarbeitet, wird mir zustimmen, daß dies einer der aufwühlendsten Momente der Serie überhaupt ist. „The Devil’s Foot“ ist die erste Folge, die nach Jeremy Bretts erstem schweren Zusammenbruch entstand, und es ist geradezu erschütternd, wie das in der Serie eine Parallele findet. Seine physische Veränderung, die Augenringe, die Wirkungen des Lithiums vielleicht schon, der seltsame Haarschnitt, mit dem er zurückkam: man sieht ihn an diesem Punkt bereits, wie man sich um einen nahen Verwandten sorgt. Ich sage mal, ohne zu spoilern, daß Holmes‘ einmaliges „John!“ einem wirklich Schauer über den Rücken jagt.
ekdotin:
Das ist für mich eh das Phantastische, das Unglaubliche: Wie sehr Jeremy sich mit dieser Rolle identifiziert hat. Vielleicht war sie fast schon zu viel für ihn. Wie Michael Cox, der Produzent, geschrieben hat, hat er in Hollywood direkt unter dem großen W gelebt, und er kam zurück nach London, um sich an Holmes abzuarbeiten. Die Nachwelt dankt es ihm!
Christian Erdmann:
Eggsackt. Dieses intensive und vollkommene Verschmelzen von Bretts Persönlichkeit mit dem Charakter Sherlock Holmes gehört zu dem, was die Serie so einzigartig macht. Brett hatte es sich nach eigener Aussage zur Aufgabe gemacht, die „Risse im Marmor“ zu zeigen, das Innenleben dieses Charakters unter der überlegenen Arroganz, der Brillanz, der aus messerscharfer Analytik geborenen Intoleranz zu zeigen. Die Natur der psychischen Probleme, mit denen Jeremy selbst kämpfte, war derart, daß nichts Vergleichbares mehr an Mimik, Gestik, Bewegungen denkbar ist, um Holmes‘ mood swings darzustellen; aber der Preis für diese Identifikation war hoch.
Tatsächlich sind es diese „Risse im Marmor“-Momente, die einem besonders unter die Haut gehen, und im Grunde schafft es Brett, zu zeigen, daß Holmes kein Fall für den Club der clubunfähigsten Männer Londons wäre, der konsequente Misanthropie zur Bedingung für die Mitgliedschaft macht – nein, er ist eine Art von Menschenfreund, nur eben der versteckteste von allen. Er ist unter seinem Outsiderstolz empfänglich für Anerkennung, ja er braucht sie, nur eben nicht die von Narren. Die Parameter für seinen „Erfolg“ steckt er selbst. Aber wie z.B. auf Bretts Gesicht Ungeduld umschlägt in die spontane Bereitschaft zu helfen, das sind immer sehr faszinierende Momente.
The Final Problem
Haio Forler:
Aljoscha, da hast Du uns was angetan. Ich hab nun die komplette Sherlock-Holmes-Reihe hier stehen für schlappe 37 Euro. Alle 5 Staffeln. Jetzt muß man nur noch Zeit haben.
Christian Erdmann:
Wohlgetan, wohlgetan! Sagtest Du nicht mal, Beethoven wird überschätzt? :) Sehr schön in „The Resident Patient“, wie Bretts Tonfall geradezu „weiblich“ wirkt bei „My eyes were closed because I was trying to recall as vividly as I could the concert that we attended last night“ (Beethoven, Violinkonzert) und dann, zack, das Analyse-Fallbeil, der Selbsttadel des Unbestechlichen: „That was because I made a slight error in my recollection“.
Watson bei Doyle: „Von Liebe und Leidenschaft sprach er immer nur in abschätzigem, verächtlichem Ton. Sie waren ausgesprochen nützlich für den Beobachter – hervorragend geeignet, um Motive und Taten der Menschen ans Tageslicht zu bringen. Aber für einen geschulten Denker wie Holmes bedeutet das Eindringen von Gefühlen in sein eigenes kompliziertes, letztendlich hochempfindliches Wesen einen Störfaktor, der möglicherweise Zweifel an seinen logischen Schlüssen aufkommen lassen könnte. Für ihn wäre ein starkes Gefühl genauso irritierend wie Sand in einem empfindlichen Instrument …“
Aber all das ist nicht so eindeutig. Mycroft irgendwann zu seinem Bruder: Du hältst nach wie vor nicht viel von der Seele der Frauen, was. Aber da ist Irene Adler, die Holmes wahrscheinlich mehr als nur bewundert, da sind einige andere Szenen, in denen sich auf Jeremy Bretts Gesicht offensichtlich ganz bestimmte, dennoch undurchschaubare Empathie- und Sympathie-Sturzbäche abzeichnen, natürlich nur in minimalsten Regungen… und da ist diese Fähigkeit zur Hingabe an die Musik. „Kompliziertes, hochempfindliches Wesen“ – irgendwo beklagt er sich: The motives of women – so inscrutable. How can you build on such quicksand? Their most trivial actions may mean volumes, und das extraordinärste Verhalten kann mit einer Haarnadel zu tun haben. Aber in der Beziehung zu Watson ist er irgendwie auch selbst der unberechenbare, „weibliche“ Part. Die Art, auf der Suche nach einem Dokument in Sekundenschnelle ein ganzes Zimmer mit Papieren zuzuschütten, das wäre als komplett irrationaler Bewegungssturm zu Freuds Zeiten als weibliche Hysterie gedeutet worden. :)
Doyle schuf zwar diesen Hyperanalytiker, hatte aber selbst einen Hang zum „Übernatürlichen“, was sich ja u.a. darin ausdrückte, daß er für den „Spirit Photographer“ William Hope in die Bresche sprang. Wir alle sind komplizierte, hochempfindliche, undurchschaubare Wesen. :)
The Six Napoleons
BerSie:
In vielen Folgen hat Holmes nie Hunger und Watson ständig, was natürlich auf gewohnheitsmäßigen Kokainkonsum hindeuten kann. ;)
„Der blaue Karfunkel“ ist eine wirklich wunderbare Weihnachtsgeschichte und damit sie eine wird, hat man die Filmhandlung – vom Original – ein paar Tage vorverlegt… wie man in den Produktionsnotizen von Cox schön nachlesen kann!
Völlig unblutig und mit Weihnachtsamnestie – und die Frage, wie Holmes das Auffinden des Edelsteins erklären will, bleibt sein Geheimnis und wäre eine weitere Geschichte wert gewesen. ;)
Aber ich will nicht zu viel verraten und bin froh, dass ich die Geschichten, die ich vor vielleicht 30 Jahren las, nicht mehr detailliert in Erinnerung habe.
Der beste Schurke (bin jetzt bei Season 2 Folge 1) ist wohl der beängstigend intensive Jeremy Kemp als Dr. Grimesby Roylott in „Das gefleckte Band“; und die ergreifendste Geschichte ist vielleicht „Der verkrüppelte Mann“. „Ein Skandal in Böhmen“ ist die bisher schwächste, was aber meiner mangelhaften Empathie für den europäischen Hochadel geschuldet sein kann…
Christian Erdmann:
In vielen Folgen hat Holmes nie Hunger und Watson ständig, was natürlich auf gewohnheitsmäßigen Kokainkonsum hindeuten kann. :)
Holmes kann zwar „Erstmal frühstücken, mein guter Watson, bedenken Sie bitte, ich habe 30 Meilen Landluft durchwandert!“ postulieren, aber im Grunde nimmt er so gut wie nie etwas zu sich. Sie lassen sogar das gute Bier stehen in „The Blue Carbuncle“, auf das sich Watson so pragmatisch freut (David Burke ist immer ganz groß in diesen kleinen Dingen, eigentlich macht er sehr viel mehr aus seiner Rolle als Edward Hardwicke später), weil Holmes ihn mit „Vorwärts, Watson, los, Marsch!“ wegreißt. :)
Meine Suchtphase habe ich gerade hinter mir, und es wurde klar, je öfter man die Folgen sieht, um so mehr erübrigt sich die Rede von „Lieblingsfolgen“ – „The Blue Carbuncle“ war aber tatsächlich der Punkt, wo ich mir eingestand, daß die Serie süchtig macht. Nächste Weihnachten hole ich mir auch eine Weihnachtsgans aus dem Alpha Inn, neben dem nachts diese rothaarige Schönheit steht, und lasse mich in eine haarsträubend bizarre Geschichte verwickeln. – Sehr schön in „Der blaue Karfunkel“ auch die Deutung des Huts – und das Ende, ja. Zuerst scheint Brett / Holmes so unduldsam gegen die Kläglichkeit, aber dann sein „Gehen Sie!“, seelenrettend.
(Lieblingsfolgen, trotzdem: „The Speckled Band“, „The Blue Carbuncle“, „The Abbey Grange“ (Anne Louise Lambert!), „The Dancing Men“, „The Resident Patient“.)
Der beste Schurke … ist wohl der beängstigend intensive Jeremy Kemp als Dr. Grimesby Roylott in „Das gefleckte Band“; und die ergreifendste Geschichte ist vielleicht „Der verkrüppelte Mann“. „Ein Skandal in Böhmen“ ist die bisher schwächste, was aber meiner mangelhaften Empathie für den europäischen Hochadel geschuldet sein kann…
„A Scandal in Bohemia“ wurde beim zweiten Sehen gleich viel grandioser, muß aber auch sagen, als erste Folge der DVDs ist sie etwas unglücklich.
Joss Ackland als Mr. Rucastle in „The Copper Beeches“ („Ein verflucht extremer Charakter, der Küster“) müßtest Du dann ja auch schon gesehen haben, ebenfalls ein Ereignis. Die Exzentrik dieser Schurken ist fabelhaft dargestellt, ziemlich gaga wird es in „The Greek Interpreter“. Dort taucht ja auch Mycroft auf, Sherlocks Bruder, der Darsteller Charles Gray ebenfalls ein alter Haudegen, hat wahrscheinlich in allen Verfilmungen von Shakespeare-Stücken mal mitgewirkt, gleichzeitig aber auch, was bei den Engländern ja nie ein Widerspruch ist, in dem Hammer Horror-Film „The Devil Rides Out“, der mich mal sehr beeindruckt hat – außerdem war er „The Criminologist“ in der „Rocky Horror Picture Show“. :)
Eins der Highlights, finde ich, in der unfaßbaren, besessenen Präzision von Bretts Gestik und Mimik sind seine ersten Minuten bei Major Murphy in „The Crooked Man“. Was er da sagt und offenbart ohne ein Wort über seine Einstellung zum Militär, grandios.
The Blue Carbuncle
AndersSehend:
„… and sought refuge in the sanity [ausgerechnet! :-)] of the barber shop“, „Nevertheless, there is an element of truth in what you say — huhuheheuum…“ Herrlich, diese Risse in der Murmel und die Sprünge in der Schüssel, als die solcherlei Äußerungen in der Art und Weise, wie sie vorgebracht werden, häufig primär gedeutet werden. Und Holmes „verwüstet“ tatsächlich ein ganzes Zimmer auf der Suche nach einem Beweis für… , nachdem Mrs. Hudson ihren Frühjahrsputz mehr oder weniger bereits abgeschlossen hatte? Sehr schön :-)
Christian Erdmann:
Schwer zu sagen, was ergetzlicher ist in der Barbershop-Szene, Holmes‘ huhuheheuum oder sein what the fuck-Blick danach. :)
AndersSehend:
Der ganze vorherige Austausch inkl. der Lacherei, vor allem Watsons, deutet darauf hin, dass Watson trotz Holmes‘ wunderbaren Nebelkerzen mit seiner Analyse den Nagel auf den Kopf getroffen hat, ohne freilich, dass Holmes das komplett realisiert oder realisieren möchte. :)
ekdotin:
Ja, je mehr man über diese Serie nachdenkt, desto besser wird sie. Gerade „A Scandal in Bohemia“ gefiel mir, weil die Holmes-Visagisten es wirklich geschafft haben, ihn, Holmes, bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen, als er sich als Pferdekutscher ausgab … Ich habe Brett selbst nicht auf den ersten Blick erkannt.
Christian Erdmann:
Sagte ich schon, daß in der Holmes-Folge „Wisteria Lodge“ Freddie Jones als Inspector Baynes ganz enorm den Freddie Jones gibt? Jones war der skrupellose, schmierige Bytes, auf der „Monstrositätenschau“ der „Besitzer“ von John Merrick, in Lynchs „The Elephant Man“. Ja, ich glaube, ich sagte es schon. :)
The Norwood Builder
03/2010
BerSie:
Den Oscar für die beste Nebenrolle in den ersten beiden Sherlock-Holmes-Staffeln kriegt von mir Freddie Jones als kauzig-raffinierter Inspector Baynes in Wisteria Lodge!
Christian Erdmann:
Dürfte ja schon deutlich gemacht haben, daß ich mit dieser Wahl der Academy sehr gut leben kann. :) Wunderbar in seiner blauäugigen Beflissenheit auch Roger Hammond als Jabez Wilson in „The Red-Headed League“. Wo der auch überall auftaucht: – zum Beispiel als Jonathan Swift in Sally Potters phantastischem „Orlando“ mit der göttlichen Tilda Swinton.
The Copper Beeches
05/2010
Haio Forler:
Die Sherlock-Holmes-Folgen machen süchtig.
Kryoniker:
Nicht wahr? :) Ich hab sie aber zu schnell hintereinander weggeguckt — am Ende hab ich die Fälle alle innerlich durcheinandergebracht. :)
wildbrando:
Die mit Jeremy Brett??
BerSie:
Na klar, der einzig wahre! Aljoscha hat die „Droge“ hier verteilt! :-)
wildbrando:
Versteh ich völlig. Einmal damit angefangen, konnte ich auch nicht mehr aufhören, die zu gucken. Wenn Holmes, dann bitte so…
Kryoniker:
Da hat er wirklich ’ne Lawine losgetreten, der Aljoscha.
valasthor:
Wahrscheinlich habt Ihr Recht und Jeremy Brett ist der beste Darsteller.
Das heisst natürlich nicht, dass die anderen schlecht sind. Sie sind nur nicht so britisch wie Brett und kommen nicht ganz an seine Spielweise heran.
The Speckled Band
06/2010
Haio Forler:
Ich finde, daß Brett das Flair der Erzählungen phantastisch rüberbringt.
Schon in den Büchern merkt der Leser, daß Sherlock doch immer ein wenig belehrend, überheblich, snobistisch herüberkommt, aber alles gerade so an der Grenze.
Und das vermisse ich halt ein wenig bei dem zu „amerikanischen“ Holmes. Der echte Holmes ist halt kein Kumpel, sondern ein Einzelgänger; er ist keiner, der primär den Verbrecher fangen will, sondern er will primär ein Rätsel lösen, weil er – auf eine gewisse Art und Weise – in Verachtung seiner Mitmenschen ein Ästhet ist, dem es um die Logik als solche geht.
Sein Manko, wenn es denn eines ist, daß er kaum bis keine Beziehung zu seiner Umwelt, zu seinen Mitmenschen aufbaut, ist zugleich einer seiner größten Vorteile: er kann Problemstellungen losgelöst von Emotionalität und Befangenheit betrachten; dadurch sieht er das Problem in kristalliner Form vor sich. Sicherlich bezieht er auch psychologische Aspekte der Handelnden mit ein, aber er wird nicht Opfer von Fehlschlüssen aufgrund von Gefühlen.
Es gibt einen bestimmten Gesichtsausdruck bei Brett, der dies phantastisch darstellt ;))
Aljoscha würde mir in diesem Punkt eventuell zustimmen.
Christian Erdmann:
Der Moment, in dem er das Problem in kristalliner Form vor sich sieht? :)
Ästhet, arrogant, nicht im mindesten vom Gedanken an Bestrafung inspiriert, eine Maschine, die sich im Leerlauf selbst in Stücke reißt (wie er in „The Devil’s Foot“ sagt), die überlegene Denkmaschine, alles richtig, aber auch die Art, wie sich Emotionen unter der scharfintellektuellen Oberfläche auf Jeremy Bretts Gesicht abzeichnen, fasziniert mich über die Maßen: etwa, wenn am Ende von „The Six Napoleons“ Lestrade sagt, jeder bei Scotland Yard wird stolz sein, ihm die Hand zu geben – oder als Lady Brackenstall ihn am Ende von „Abbey Grange“ umarmt, things like that.
Die auf diesem Gesicht stets präsente dunkle Seite dieses Charakters, aber auch das Durchglühen von Wärme. Schon richtig, die Lebensgeister kehren nur so zurück: „Deduce, Watson, come… deduce!“ (auch „The Devil’s Foot“) – wie sich das doch auf seduce reimt.
Bretts Verlangen und seine Intelligenz darin, diesen Charakter so präzise wie nur möglich darzustellen, scheint tatsächlich manchmal so weit zu gehen, daß er Herr über ein Funkeln im Auge ist, das genau den Moment markiert, an dem er die „wissenschaftliche“ Herausforderung eines Falles erkennt.
Als „Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft“ gehört Jeremy Bretts Darstellung des Sherlock Holmes eigentlich ins UNESCO-Welterbe. :)
Haio Forler:
Es gibt einen Gesichtsausdruck bei Brett, der all dies am besten zeigt: wenn er den Mund verzieht und die Luft durch die Nase nimmt. Das ist, als rieche er nun die Lösung, die nur einem Genie vorbehalten ist. :)
Ja zu allem, natürlich! Ein Schatz, immer, diese Serie. ♥ Ein Schatz auch diese Konversation auf SpOn. Schön, sie wieder zu lesen, Dear, at the end of 2014.
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Auch wenn es mittlerweile zwei ultimative Sherlocks gibt. :) – „Jemand war so charmant“ bedeutet natürlich: Catherine auf ewig sicher vor der Karmapolizei. :)
Monika Cate:
Ohja! Zu beidem without any reservation!
Catherine:
Das Auffinden und Aufdrängen von Sherlock gilt als Sicherung vor der Karmapolizei? :) Freue mich auch sehr über die obige Konversation und die generierten Sherlockjunkies. :)
Das Portal von Mørkeport wurde seit 1576 kaum verändert. Der kleine Hofplatz zwischen Mørkeport und dem Schloßtor wurde „Die vier Tore“ genannt, da König Frederik II. dort Mauern mit zwei weiteren Toren errichten ließ.
„Dieser ‚gesunde Menschenverstand‘ macht mich rasend.“ (Nagisa Oshima, Die Ahnung der Freiheit)
Sequenzen aus dem Forum „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“ auf SPIEGEL ONLINE. (Keine Lieblingsfilme, aber bedingungslos großes Kino).
Babel / Sanjuro
Juli 2010
ray05:
In Babel [2006] von Alejandro González Iñárritu, den ich mir gestern abend im WDR-TV ansah, wird die These durchdekliniert, dass es kein „globales Dorf“ geben kann, das auf „Kommunikation“ aufgebaut ist, weder Face-to-Face noch hochtechnisiert vermittelt, sondern nur eins, das die monadischen Individuen in einer Art „Umarmung im Schmerz“ existenziell verbindet. Nicht mal der Vorteil einer gemeinsamen Sprache und schon gar nicht die Tatsache, dass wir heute in Quasi-Echtzeit zwischen Hamburg und München oder zwischen Tokio und LA kommunizieren täuscht darüber hinweg, sagt der Film, dass wir im Grunde immer noch die gleichen armen Teufel sind wie zu Kain & Abels und Hiobs Zeiten. Auf uns selbst zurückgeworfen und existenziell verlassen. :) Ein Verstehen des Anderen gibt es nur in der gemeinsamen Erfahrung der Not und des damit verbundenen Schmerzes, sagt der Film, der Rest ist Illusion.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Ja, so sagt der Film vielleicht. Vielleicht sagt er aber auch nur, daß alles, was uns auseinanderbringt, die Vorstellungen sind, die wir voneinander haben und übereinander hegen, Images, die so gut wie immer falsch sind und eine endlose Kette von Mißverständnissen produzieren.
Andererseits sagt der Film aber auch ganz nach Zizek und Erdmann *g* : alles mit allem verbinden, weil alles mit allem verbunden ist.
Wer nach diesem Film Brad Pitt als „primär Schönling, als Schauspieler nicht der Rede wert“ qualifiziert, redet einfach Brölk. Kein Film, der mein „Lieblingsfilm“ werden könnte. Aber einer, der einem elend unter die Haut geht, Szene für Szene. Weil er im Zeigen der Distanz zwischen den Menschen eine Nähe zu ihnen herstellt, die ihresgleichen sucht. Fühlst Du Dich nicht, als hättest Du Cate Blanchetts blut- und dreckverklebtes Haar berührt?
Poppins, Mary:
Die Szene, wo Brad Pitt am Ende, als sie gerettet werden, seinen Gastgebern und Helfern dankend Geld zustecken will und der Mann abwinkt, es nicht annimmt, hat mich sehr gerührt: denn wenn wir alle auf das Allzumenschliche zurückgeworfen werden, dann zeigt sich wahre menschliche Größe, ich glaube Schiller würde sagen: In der Not allein bewährt sich der Adel großer Seelen.
Sonst kann ich nur Aljoscha zustimmen (schön, „Sie“ wieder zu lesen). Liebe Grüße
chevy57:
„Alles mit allem verbinden, weil alles mit allem verbunden ist“ – Hat die Kanzlerin nicht neulich etwas ganz Ähnliches verlauten lassen? Euer Einfluss auf die Realpolitik scheint doch intensiver zu sein, als ich vermutet hätte. ;)
Christian Erdmann:
Keine Ahnung, ich höre grundsätzlich nie auf irgendwas, das die Kanzlerin verlauten läßt. Zeitverschwendung, man lebt schließlich nicht ewig. Kürzlich „Sanjuro“ von Kurosawa gesehen. Aus der Serie
Ebenso epochal betont der Film auch Nylonstrümpfe als unverzichtbar. In einer ähnlich berühmten Szene dieser phantastisch photographierten Schwarzweißperle galt es, eine einzelne Blüte in einem strömenden Flüßchen zu filmen. Um die zu dirigieren, überlegte man, sie an Klavierdraht zu befestigen, aber die Gefahr bestand, daß das Licht auf dem Draht reflektiert. Eine Kostümdesignerin am Set kam dann auf die Idee, einen Nylonstrumpf zu opfern, um die Blüte am festen, im Film aber nicht sichtbaren Nylonfaden zu befestigen. Es funktionierte, und Kurosawa fühlte ein unbeschreibliches Glück darob. Zen.
Sonst kann ich nur Aljoscha zustimmen (schön, „Sie“ wieder zu lesen). Liebe Grüße
Eh, arigato :)
Streng geheimer Geheimdienst-Scheiss
Oktober 2008
BerSie:
Es gibt einen Faden, der viele Coen-Filme verbindet. Ein „Durchschnittsbürger“ wird durch eine moralisch fragwürdige, aber günstige Gelegenheit zu Geld zu kommen dazu verleitet, diese Chance zu ergreifen. Diese Entscheidung führt ins Verderben.
Hat jemand schon „Burn After Reading“ gesehen?
Christian Erdmann:
Ja, und ich würde sagen, ein anderer „Faden“ ist, daß Beknacktheit einfach nicht stillhalten kann.
Klasse Film darüber, wie ständig Bedeutungen produziert werden, die dann, wegen gleichzeitiger randomness der Dusseligkeit, zielsicher aneinander vorbei jagen.
Sehr schön auch, wie vier Ikonen selbstironisch bestimmte *images* bis zur Farce überhöhen, George Clooney den konfusen womanizer, Brad Pitt den Body mit Hohlkopf, John Malkovich den verbissenen Choleriker, Tilda Swinton the icy bitch. Krönung allerdings das Gesicht des CIA-Abteilungsleiters – „Repeat back to me when… it makes sense.“ Irgendwann dachte ich an den Satz, den mal jemand über Computer sagte: strohdumm, das aber mit rasender Geschwindigkeit. Ein etwas distanzierterer Blick auf die Comédie humaine als sonst, ähnlich wie eins der Mädchen, die in Peter Weirs „Picnic at Hanging Rock“ den Felsen hochklettern: „Was treiben die Leute da unten eigentlich? Wie ein Haufen Ameisen.“ Nur, daß die Ameisen nicht immer das Problem haben, an ihren eigenen Mißinterpretationskünsten zu scheitern, fragt sich noch, wessen Gewimmel letztlich strukturierter ist.
Fellini / Capucine
Februar 2007
schnuppe:
Ich glaube, das ist das Ursprungsmilieu von Fellinis Filmen. Der Vaudeville. Obwohl La Strada vielleicht noch anders ist als die späteren Fellini-Filme. Irgendwie mehr noch italienischer, wie hieß das noch gleich? Neorealismus? Ich glaube ja. Eine richtige Erzählung von Anfang bis Ende.
Ich glaube, dass Fellini sich von den Clowns, dem Zirkus ableitet. So ein kreativer, verrückter Reigen, aus dem spontane Situationen entstehen, die visuell einfach hyperbeeindruckend sind. Hauptsache bunt, verrückt, schräg. Das Spiel und die Illusion sind ganz oft Thema, der Traum vs. Realität (die aber auch nur Schaum). Und sein Witz ist unglaublich anarchisch.
Wenn ich überlege, habe ich eigentlich eine ganze Menge gesehen, obwohl ich zugegebenermaßen nicht alle Filme in Gänze sehen konnte, da eben oft ein roter Faden verloren geht. Ich glaube nicht, dass Fellini den unbedingt selber hat. Er hat Ideen und aus einer Idee wird die nächste geboren – er hat ein Thema, aber er legt keinen Wert auf stringente Erzählung. Fellini gucken ist wie sich in ein Karussell setzen und man wird darin herumgedreht, man weiss natürlich nicht wo es lang geht, aber dass man nirgendwo ankommt ahnt man schon. Es wird einem schwindelig und durchaus auch mal schlecht, aber das Karussell dreht sich weiter…
Ich kenne außer La Strada noch Ginger und Fred, Amarcord, Casanova (nur eine Stunde lang geguckt), La Dolce Vita, Stadt der Frauen (die ersten 5 Minuten sind die allerbesten, vor allem die Frau hat auf Deutsch auch eine ultracoole Synchronstimme…)
Egal wie irre Fellini auch sein mag, er hat Bilder geschaffen, die einen nicht mehr loslassen, einfach, weil sie geheimnisvoll sind. Was besseres kann doch über einen Filmregisseur gar nicht gesagt werden…
Christian Erdmann:
…obwohl ich zugegebenermaßen nicht alle Filme in Gänze sehen konnte…
Man verliert jegliches Zeitgefühl bei Fellini, jeder Film scheint endlos, „Casanova“ muß 8 Stunden lang gewesen sein, zeitweise kollabiert man einfach zwischen den wildesten Träumen. Ich nehme an, Sie haben „Casanova“ bis zum Schluß gesehen, Sie wissen es nur nicht. :) Jagen Sie unbedingt auch nach „Satyricon“. Auch da fallen Sie einem hypnotischen Sog zum Opfer, und dieses unglaubliche Gesicht wird Sie nicht mehr loslassen, Capucine als Tryphaena.
Nachtrag: Fundstück auf Facebook
Night of the Eagle
Oktober 2006
Christian Erdmann:
„Night of the Eagle“, 1962, Regie Sidney Hayers. Erinnert von der Ästhetik und von der Atmosphäre her ein wenig an Tourneurs „Night of the Demon“. Peter Wyngarde ist ein ultra-rationalistischer, erfolgreicher Akademiker, der feststellen muß, daß seine Frau sich mit Voodoo und Magie auskennt. Er verbittet sich den seinweltbilderschütternden Kram – und der Kram verbittet sich dann, wir sind im Horrorfilm, solch schnöden Skeptizismus. Es geht um die von den rationalen Strategien („your Aristotelian mind“) ausgeblendeten Bereiche, sehr spannend, sehr schön photographiert.
März 2009
Christian Erdmann:
„Night of the Eagle“ müßte Dir dann auch sehr gefallen. Jemand bei imdb schreibt: „Like the great Lewton/Tourneur film-noir horror movies of the 1940’s it lets your mind, not the special effects, do the thinking and thus literally scares the hell out of you.“ Phantastische Hauptdarsteller (Peter Wyngarde, Janet Blair), sehr glaubwürdig und unspektakulär intensiv – bis zum spektakulär intensiven Ende.
Gwynplaine:
Genial! Ein echter Geheimtip! Bezüglich der Hauptdarsteller stimme ich Dir voll zu. Auch Margaret Johnston sei hier lobend erwähnt. Das Ende ist tatsächlich spektakulär – und vor allen Dingen uneindeutig, wie der ganze Film eigentlich. Was den Film auch so intensiv macht, ist das Verhältnis der zwei Hauptfiguren, der Eheleute (er, der Rationalist – sie diejenige, die an Übernatürliches glaubt und Magie praktiziert), das von echter Liebe und Fürsorge geprägt ist, – was zum Drama beiträgt.
Und der Vergleich zu Tourneur bietet sich auch deswegen an, weil auch hier das Übernatürliche zumindest als Möglichkeit letzendlich akzeptiert werden muß.
Christian Erdmann:
Der Sieg über die angreifenden mythischen Mächte läßt sich jedenfalls nicht durch den ignoranten wissenschaftlichen Standpunkt erringen. Van Helsing bei Stoker: „Do not fear to think even the most non-probable.“ Thomas Kuhn hat Wissenschaftsgeschichte auch nicht sehr anders betrachtet: das konstitutive Paradigma legt fest, welche Fragestellungen als zulässig (als „wissenschaftlich“) zu gelten haben, aber Denken des Non-Probablen ist geradezu Bedingung der Möglichkeit für wissenschaftliche Revolution im Sinne eines Paradigmenwechsels.
Und Van Helsing weiß, daß er die Strukturen des Mythos anerkennen und übernehmen muß, um die Präsenz des Mythischen zu bannen. Du kannst den Pflock nur in das reinrammen, was du als Gegebenheit akzeptierst. :)
Der Film bleibt, wie Du sagst, uneindeutig; ob es Zufall ist oder Notwendigkeit, daß Wyngarde am Ende in seiner Panik, mit dem Rücken an der Tafel, das „not“ aus „I do not believe“ verwischt – you decide.
Es geht nicht um Rücksturz ins Mythische, sondern um den Glauben, wir wüßten schon besonders viel über „die Realität“. Van Helsing ist auch Zen-Lehrer: es gibt diesen langen Monolog in Stokers „Dracula“, wo er mögliche Unmöglichkeiten aneinanderreiht – einfach mit dem Ziel, festgefügte Denkstrukturen zu erschüttern, Empfänglichkeit zu schärfen. Und er kritisiert es als wissenschaftssymptomatisch, eine „small truth“ für „all the truth in the universe“ auszugeben.
Und das ist ja nicht nur in der Wissenschaft so. :)
(Die gekürzte 1:23:30-Version „Burn, Witch, Burn!“ kann man hier sehen)
„There’s only one moment in which you can arrive in time. If you’re not there, you’re either too early or too late.“ – Johan Cruyff
Mai 2007
Christian Erdmann:
„Man erkennt eine verwandte Seele nicht, wenn man sie zu früh trifft … oder zu spät.“ Diese drei Punkte, diese Lücke, diese Welt, wo wir sind, und wo wir sind, ist dieser lost highway of melancholy, auf dem wir die Vergangenheit nie hinter uns lassen, weil sie immer vor uns ist, 2046 macht … aus uns allen, es sei denn … es sei denn. Ich glaube immer mehr, daß Leute wie David Lynch und Wong Kar-Wei die wahren Realisten sind. An diesem Film stimmt alles, aber ich muß ihn noch 10x sehen, um zu verstehen, warum. Die Szenen zwischen Chow und Bai Ling schier herzbrechend, das Unsagbare gesagt in verspäteten Androidentränen.
Januar 2010
erastel:
Guten Abend,
mein persönliches Wunder 2010 ist geschehen! Nach einem wundervollen Film sehe ich mich geradezu gezwungen, mich hier anzumelden.
Aber zuerst einmal möchte ich allen Postern hier danken! Auch wenn es niemandem bewusst war (wie auch), gelang es Euch hervorragend, mich zu neuen, unbekannten Filmen zu interessieren und inspirieren.
Ich verfolge diesen Thread schon seit Jahren, habe seitdem viel Wissen von „Cineasten“ übernommen, mein Blickwinkel manchen Filmen gegenüber hat sich verändert, ich habe neue Regisseure und Filme kennengelernt… Kurz, Danke an alle!
Speziell geht mein Dank an zwei Personen:
Aljoscha, Sie begeistern mich immer wieder auf ein Neues mit Ihrem Stil! „Ein Satz von Ihnen zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht“ – um ein Zitat zu Ihrem, wohlbemerkt, wunderschönen, faszinierenden, aufregenden (ich könnte hier nun noch tausend weitere Attribute aufzählen) Werk abzuwandeln.
Und an Haio Forler: Sie hatten „2046“ immer und immer wieder erwähnt, seine Besonderheiten hervorgehoben…
Nachdem ich gerade eben endlich dieses Werk gesehen habe… Mir bleiben die Worte weg.
Christian Erdmann:
Oh hell, sehe ich jetzt erst, dankeschön. Aber seien Sie versichert, mein Werk zaubert auch Finsterdreinblicken auf Gesichter. :)
Der Satz „Man erkennt eine verwandte Seele nicht, wenn man sie zu früh trifft … oder zu spät“ – vielleicht geht es in „2046“ um die Schwierigkeit, in den Raum dieser drei Punkte zu kommen. Eine Schwierigkeit, die sich eben auch daraus ergibt, daß man im Grunde permanent auch in der Vergangenheit verweilt und eine imaginierte Zukunft bewohnt, daß die Gegenwart ständig überlagert wird. Zugleich zeigt „2046“ virtuos, wie Liebe – in welcher Couleur auch immer, außer blau – wie Liebe selbst Zeit und Raum dehnt, aushöhlt, untergräbt, verändert. Folgerichtig ist es nicht so leicht, einfach zu sagen: laß Vergangenheit Vergangenheit sein, wenn die Vergangenheit auch in der Zukunft ist.
Ich habe den Verdacht, als Breton sagte, man müsse, um zu IHR zu gelangen, erst einen ganzen Berg Wäsche aus dem Weg räumen, meinte er gewissermaßen dasselbe wie Wong Kar-Wai, nur ein bißchen… sloppy. Aber es gibt diese Chance, und dann heißt es hellhörig sein für das, was Breton wiederum „die unwahrscheinliche Mitwirkung“ nannte. Und die läuft in „2046“ auch ständig mit, denn auch sie erschüttert unser Konzept von Linearität.
Oscar an alle Damen des Films, Lebenswerk-Oscar für die Cinematography.
„The one thing he can never lend is his heart. Because it belonged to a woman from his past. He will never be over her.“
Die Büchse der Pandora
Louise Brooks las während der Dreharbeiten zu „Pandora’s Box“ Schopenhauer.
„Die Vorbereitungen für Die Büchse der Pandora waren schon eine ziemlich sagenhafte Geschichte, denn Pabst konnte keine Lulu finden. Mit keiner Schauspielerin, die zur Verfügung stand, war er zufrieden, und monatelang liefen alle, die an der Produktion beteiligt waren, auf der Suche nach Lulu herum. Ich sprach Mädchen auf der Straße an, in der U-Bahn, in Bahnhöfen – ‚Könnten Sie vielleicht einmal in unser Büro kommen? Ich möchte Sie gern Herrn Pabst vorstellen.‘ Pflichtgemäß schaute er sie alle an und lehnte sie alle ab. Und schließlich nahm er Louise Brooks.“ (Paul Falkenberg, einer von Pabsts Assistenten, 1955).
Wie Pabst bestimmte, daß ich seine nicht gezierte Lulu mit der Kindereinfalt des Lasters sei, war Teil einer mysteriösen Verbindung, die zwischen uns schon zu bestehen schien, sogar ehe wir uns noch kennenlernten.
… als wir Die Büchse der Pandora drehten und Sex das Geschäft der Stadt war. Im Eden Hotel, wo ich in Berlin wohnte, bevölkerten die Luxusflittchen die Café-Bar. Draußen vor der Tür gingen die Mädchen der preiswerteren Kategorie auf den Strich. An der Ecke standen die Mädchen in Stiefeln und annoncierten ihre flagellantischen Dienste. Agenten der Schauspieler verkuppelten die Damen in den Luxusappartements des Bayrischen Viertels. Tipgeber vom Pferderennen in Hoppegarten arrangierten Orgien für ganze Sportlergruppen. Der Nachtclub Eldorado präsentierte eine ganze Reihe verlockender Homosexueller in Frauenkleidern. Im Maly standen Lesbierinnen – feminine und in Schlips und Kragen – zur Auswahl.
Als ich nach Berlin kam, um Die Büchse der Pandora zu drehen – wie herrlich befreiend wirkte da die Pabst-Atmosphäre auf mich, und was für eine Offenbarung der Regiekunst zeigte sie mir!
Das Verhalten Fritz Kortners war ein vollkommenes Beispiel dafür, wie Pabst die wahren Gefühle eines Schauspielers nutzte, um seiner Darstellung mehr Tiefe, Größe und Intensität zu verleihen. Kortner haßte mich. Nach jeder Szene mit mir stapfte er aus den Kulissen und zog sich in seine Garderobe zurück. Mit seinem geheimnisvollsten Lächeln ging Pabst dann persönlich zu ihm, um ihn durch Schmeichelei zur Rückkehr für die nächste Szene zu bewegen, In der Rolle des Dr. Schön empfand Kortner für mich (oder für die Figur der Lulu) Gefühle, in denen sich sexuelle Leidenschaft mit dem gleichermaßen leidenschaftlichen Wunsch verband, mich zu zerstören. Eine Sequenz gab ihm die Gelegenheit, mich mit einer solchen Gewalttätigkeit zu schütteln, daß auf meinen Armen zehn grüne und blaue Fingerabdrücke zurückblieben.
Mit gewitzter Perversität wählte Pabst Gustav Diessl für die Rolle des Jack the Ripper in Die Büchse der Pandora und Fritz Rasp für die Rolle des lüsternen Apothekergehilfen in Tagebuch einer Verlorenen. Sie waren die einzigen Schauspieler in jenen Filmen, die ich gutaussehend und sexuell anziehend fand.
Für Pabst war die Übertragung der Schauspieltechnik des Theaters, die jedes Wort, jede Geste, jedes Gefühl im voraus festlegte, der Tod des Realismus im Film. Er wollte die Schocks des Lebens, die unvorhersehbare Gefühle freisetzten. Proust schrieb: „Unser Leben steht in jedem Augenblick vor uns wie ein Fremder in der Nacht, und wer von uns weiß, welchen Punkt er am Morgen erreichen wird?“
Um die Dinge vom Standpunkt des Regisseurs zu sehen, braucht man nur einmal daran zu denken, wie schwierig es ist, in einem einzigen Schnappschuß das wahre Lächeln eines Menschen, den wir kennen, einzufangen.
Daß ich Tänzerin war und Pabst als Regisseur im wesentlichen Choreograph, war für uns beide am ersten Tag der Dreharbeiten zur Büchse der Pandora eine wunderbare Überraschung.
Am Nachmittag des ersten Drehtages sagte Pabst zu mir: „In dieser Szene probt Schigolch mit Ihnen eine Tanznummer.“ Nachdem er eine kleine Fläche markiert und mir ein schnelles Tempo vorgegeben hatte, sah er mich neugierig an: „Sie können sich hier doch ein paar kleine Schritte ausdenken, nicht wahr?“ Ich nickte, und er ging ab.
(…) doch wie sehr ihm die Gestaltung am Herzen lag, zeigte seine Freude, nachdem die Szene abgedreht war. Als ich aus der Kulisse kam, fing er mich in seinen Armen auf, schüttelte mich und lachte, als ob ich ihm einen Streich gespielt hätte: „Aber Sie sind ja eine ausgebildete Tänzerin!“ Das war der Augenblick, als ihm klar wurde, daß er mit mir instinktiv die richtige Lulu erwählt hatte.
Pabst suchte alle meine Kostüme mit Sorgfalt aus; aber in Szenen, die durch sexuellen Haß motiviert waren, suchte er sie gleichermaßen nach ihrer verführerischen Wirkung auf Augen und Hände aus. (…) An dem Morgen, als wir die Sequenz drehen wollten, in der ich, aus dem Bad kommend, eine Liebesszene mit Franz Lederer zu spielen hatte, erschien ich eingehüllt in ein grandioses Négligé aus bemalter gelber Seide. Mit dem Morgenrock, den zu tragen ich mich weigerte, ging Josifine zu Pabst, um seinen Zorn auf sich zu nehmen. Sie trug die Verantwortung dafür, daß ich seinen Anordnungen gehorchte, und er antwortete auf ihre Ausflüchte mit einem strengen Tadel. Dann wandte er sich mir zu, „Louiiiss, Sie müssen diesen Morgenrock tragen und darunter nackt sein.“ „Warum? Ich hasse diesen Bademantel“, sagte ich. „Und wer wird schon wissen, daß ich unter diesem bauschigen, flauschigen weißen Mantel nackt bin?“ „Lederer“, sagte er. Überrumpelt von dem vernünftigen Argument kehrte ich ohne ein weiteres Wort mit Josifine in die Badezimmerkulisse zurück, kleidete mich aus und zog den Bademantel an.
Meine endgültige Niederlage, die mir echte Tränen in die Augen trieb, kam gegen Ende des Films, als er meine Garderobe durchwühlte und ein „abgetragenes“ Kleid suchte für die Szene, in der Lulu als Straßenmädchen in den Armen Jack the Rippers ermordet wird. Mit seiner instinktiven Kenntnis meines Geschmacks entschied er sich für Rock und Bluse meines Lieblingskostüms. Ich litt Qualen. „Warum können Sie nicht irgendein billiges Fähnchen kaufen, um es ruinieren zu lassen? Warum muß es ausgerechnet mein Kleid sein?“ Auf diese Fragen bekam ich keine Antwort, bis ich am nächsten Morgen meine einst so hübschen Kleidungsstücke in der Studiogarderobe zurückerhielt. Sie waren zerrissen und vollgeschmiert mit lauter Fettflecken. Nicht irgendwelche unscheinbaren Fetzen aus dem Studiofundus, sondern mein eigenes Kostüm, das ich noch am letzten Sonntag zum Lunch im Hotel Adlon getragen hatte! Josifine hakte mir den Rock zu, ich zog mir die Bluse über den Kopf und trat vor die Kamera mit dem Gefühl, ebenso hoffnungslos besudelt zu sein wie meine Kleider. In dieser Aufmachung war es mir völlig egal, was mit mir geschah.
Die zwei Jahre in der Tanztruppe von Ruth St. Denis und Ted Shawn hatten mich eine Menge über die magische Wirkung gelehrt, die von authentischen Kostümen ausgeht.
… auf welch wunderbare Weise Pabsts vollkommenes Gefühl für Kostüme Lulus Charakter und Zerstörung symbolisierte. Kein einziger Blutfleck ist auf dem reinen, bräutlich-weißen Satin, in dem sie ihren Mann tötet. In ihrer Liebesszene mit Alwa, in der sie den weißen Bademantel trägt, fragt Alwa sie: „Liebst du mich … Mignon?“ – „Ich? – Keine Seele!“ Es sind die zerrissenen und schmutzigen Kleider des Straßenmädchens, in denen sie zum ersten Mal Leidenschaft verspürt – zum Leben erwacht, um zu sterben. Als sie auf der nebligen Londoner Straße Jack the Ripper aufgabelt und er ihr sagt, daß er kein Geld habe, um sie zu bezahlen, antwortet sie: „Komm nur – du gefällst mir.“ Es ist Heiligabend, und auf sie wartet das Geschenk, von dem sie seit ihrer Kindheit geträumt hat: Tod aus den Händen eines Lustmörders.
In Berlin betrat ich den Bahnsteig, lernte Pabst kennen und wurde eine Schauspielerin. Ich wurde von ihm mit jenem Anstand und jener Achtung behandelt, wie sie mir aus Hollywood unbekannt waren. Es war geradezu so, als ob Pabst mein ganzes Leben und meine Karriere miterlebt hätte und deshalb genau wußte, wo ich Sicherheit und Schutz brauchte.
Louise Brooks, Lulu in Berlin und Hollywood, Frankfurt am Main 1986
Für mich ist großes Kino ein Film, der auch große Themen des Menschseins anspricht.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Ja, aber welcher tut das nicht? Gerade genoß ich „Circus of Horrors“, deutsch „Der rote Schatten“, Regie Sidney Hayers, der zwischen 1965 und 1967 dann 8 der Emma Peel-Folgen von „The Avengers“ („Mit Schirm, Charme und Melone“) gemacht hat. Ein englischer „Horror“-Film von 1960 im Pulp-Stil, halb verwandt mit „Peeping Tom“, halb mit „Les yeux sans visage“. Ein großes Thema des Menschseins, die Kombination aus genialer Skalpellhand und perverser Disposition: heraus kommt Anton Diffring als Vorreiter der plastischen Chirurgie namens Rossiter, dem ein weibliches Gesicht derart mißlingt, daß er nach Frankreich fliehen muß, wo er sich einen heruntergekommenen Zirkus unter den Nagel reißt (wobei Donald Pleasence in einer gloriosen Nebenrolle ein böses Ende nimmt), für den er, jetzt als Dr. Schüler, in der Folge vorzugsweise weibliche ähm, Ex-Schönheiten rekrutiert, die sich bei der Ausübung ihres gefahrvollen Berufes garstige Entstellungen eingehandelt haben. Mit dem Skalpell macht Rossiter/Schüler aus ihnen Glamour-Pulp-Königinnen vom Schlage Erika Remberg, Yvonne Romain und Vanda Hudson; Yvonne Monlaur betört kurz vor „The Brides of Dracula“ wie die anderen Damen als versierte Artistin dieser bemerkenswerten Zirkustruppe, die im Triumph durch halb Europa zieht.
Ein großes Thema des Menschseins ja auch die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben, die Rossiter mit seinen beiden Komplizen jedoch diabolisch zunichtemacht; wann immer eine der Schönen aus dem Käfig auszubrechen versucht, findet sie dortselbst ein herbeimanipuliertes, gar schröckliches Ende. Plakativ, geschmacklos, blutig und sexy. Und bei alldem seltsam atmosphärisch, um nicht zu sagen schön, ein echtes Juwel. Ganz großes Thema des Menschseins auch der bei den Darbietungen wiederkehrende Song „Look For A Star“, an „Blue Velvet“ erinnernd, bei dem David Lynch ja die Untertöne der Perversion herausgehört hat, ähnlich unheildräuend auch hier der schmeichelnde Wohlklang.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“]
The Devils aus Neapel sind Erica Toraldo a.k.a. Erika Switchblade, Schlagzeug und Gesang, und Gianni Vessella a.k.a. Gianni Blacula, Gitarre und Gesang. Benannt hat sich das Duo nach dem Psychohorrordrama „The Devils“ von Ken Russell aus dem Jahre 1971.
Der z.T. harsch zensierte und in Finnland bis 2001 komplett verbotene Film behandelt das Schicksal des Urbain Grandier (gespielt von Oliver Reed), Priester in Loudon, der 1632 der Hexerei beschuldigt und 1634 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Grandier ist ein charismatischer Mann, stolz und populär, der vielen den Kopf verdreht und sich mächtige Feinde macht. Eine der Nonnen von Loudun, Schwester Jeanne von den Engeln, ist besessen von ihm und verfällt in sexuelle Wahnvorstellungen; schließlich komplett deranged, löst sie die Anschuldigungen gegen Grandier aus, denen Massenhysterie folgt – Jeannes unerwiderte Obsession wandelt sich zu Hass und bringt Grandier zu Fall. Vanessa Redgrave ist Schwester Jeanne des Anges, und ein Bild von Vanessa Redgrave aus dem Film ziert die Bassdrum der Erika Switchblade.
The Devils glauben an die Hölle als Non-Stop Erotic Cabaret. Bislang gibt es 6 Alben: ihr Debut, „Sin, You Sinners!“ von 2016, ein knapp 18minütiger Wahnwitz, wollüstig, verkommen und dreckig, wird in 2 Tagen aufgenommen und produziert von Jim Diamond, der auch für The White Stripes gearbeitet hat. Ein Sound, der allen Ausschweifungen huldigt und die willigen Sünder in die Unterwelt peitscht. Ein Song heißt „Azazel“, und eben so klingt die Band: wie der Höllenfürst, dem man was in die Drogen getan hat.
Ein anderer Klassiker, „Coitus Interruptus (From A Priest“), fehlt auch heute abend nicht.
Ende 2017 erscheint „Iron Butt“, wiederum auf Voodoo Rhythm Records (Wohltäter der Menschheit) und wiederum produziert von Jim Diamond. „This is minimalistic, lunatic-level trash rock on amphetamines, the kind you hit it and quit it to […] minimalism yields maximum results here. Throughout the 10 tracks of Iron Butt, Toraldo and Vessella collude with the dark side by addressing topics of sin, sodomy, and other facets of man’s ruin and ecstasy with scuzzy punk/blues riffing and thrashing drums“, schreibt New Noise Magazine und verleiht entzückt 5 Sterne. Der Opener heißt „Put Your Devil Into My Ass“. Nur damit die Verhältnisse klar sind.
„Guts Is Enough“ klingt wie 2 Minuten besessene Reaktion auf die Exorzisten, die neben dem Bett stehen und mit den Armen fuchteln.
Im Herbst 2019 treten zwei Legenden auf den Plan: Erika und Gianni gewinnen Alain Johannes als Produzenten für „Beast Must Regret Nothing“. Und auf „Devil Whistle Don’t Sing“ ist Mark Lanegan als Sänger zu hören. („That was also a gift from Alain. But already when we wrote the song and realized our voice wasn’t right, we jokingly said, ‚This song needs Mark Lanegan’s voice,‘ but we never thought it would happen. Instead, while we were recording, Alain passed the recordings to Mark, and he liked us. When he returned to Los Angeles to mix the album, he was in the studio with Mark working on his audiobook, and he asked us, ‚Shall we have Mark do the song?‘ Could we possibly refuse?“) (*)
Ein Glücksfall für den Weltenlauf, daß Alain Johannes diese Band entdeckt, liebt, und sich ihrer annimmt. „Beast Must Regret Nothing“ wird wegen Pandemie-bedingter Verzögerungen erst im April 2021 veröffentlicht („Wir wollten nicht zu lange warten und riskieren, daß es ein posthumes Album wird.“) ICH BIN DER MADONNA ERSCHIENEN!
Mit Alain Johannes erschließen sich The Devils neue Dimensionen, beschäftigen sich intensiver mit den Arrangements, so sinistrer wie lasziver Groove wird eine weitere ihrer Stärken. Auf dem Song „Beast Must Regret Nothing“ ist Alain Johannes höchstselbst mit Gitarre und Gesang zu hören.
„Real Man“. Eins meiner 111 Lieblingsvideos, ein Jammer, daß Lux Interior The Devils nicht mehr erlebt.
Im Januar 2023 erscheint das Live-Album „Live at Maximum Festival“, Anfang 2024 dann „Let The World Burn Down“, aufgenommen in Padua, mixed and mastered by Alain Johannes.
You put on a blindfold And I tear it off Which of us is blind? It never helps to be kind We are just two fools And if you don’t And if you don’t want to see it You can break your own mirror
„Although we’ve never really played blues or soul music, we’ve spent years exploring and pursuing these genres. We’ve delved into their roots and absorbed countless musical influences. As we celebrate our 10th anniversary, it feels fitting to create this record as a tribute to the music that has become our steadfast inspiration and something we can truly rely on.“
Auch für das brillante Cover-Album „Devil’s Got It“ (März 2025), für das man bei Bandcamp wie für alle Werke der Band genau 6,66 € zahlt, sitzt Alain Johannes wieder am Mischpult. Daß immer mehr David Lynch in die Musik von The Devils Einzug hält, läßt sich auch im Video für „Lonely For You Baby“ erkennen, kurz nach dem Tod des Regisseurs veröffentlicht als „deeply-felt homage to David Lynch“ (so die Band), Video-Regisseur Rob Schmidt:
„David Lynch’s BLUE VELVET, specifically the ‚IN DREAMS/ROY ORBISON‘ sequence, was the specific aesthetic inspiration for our video. We even looked at stills from it on set. Now, a few days after the master’s death, I am realizing how much he has inspired our work with his dark retro style. Rest in peace good master, your voice echoes through time.“
Die Nonnen in „The Devils“ geraten in religiös-sexuelle Raserei, Urbain Grandier wird grausam gefoltert vor seinem Feuertod, am Ende masturbiert Schwester Jeanne mit einem phallisch geformten Knochen Grandiers. Obszönität, Blasphemie, Nunsploitation, The Devils – ein genuiner Nexus. Als sie in einem Interview gefragt werden, ob sie ein Paar seien, antwortet Gianni: Wir sind Geschwister, Kinder der gleichen Nonne, aber unterschiedlicher Priester. Frühe Auftritte absolvierten sie denn auch im Fetisch-Nonnen- bzw. Priester-Outfit, heute stöckelt Erika in glänzenden, hohen Lackstiefeln durch den Hafenklang-Club, lächelt ein hinreißendes „Hello“, als sie an uns vorbeigeht, und besteigt schließlich mit Gianni die Bühne zu den Klängen von Wojciech Kilar für Coppolas „Dracula“ (die ersten zweieinhalb Minuten davon).
Zwischen Songs erzählt Erika so süße Sachen wie: sie hätten mal für den Vatikan gearbeitet, aber man habe sie dann doch rausgeworfen. Wie sie mit diesen Stiefeln / diesen Absätzen das Schlagzeug bearbeitet, ist Kunst für sich. Der Rabatz dieser beiden Teufel, die so klingen, als wären sie vier, verhindert so zwingend jegliches Stillstehen, daß Filmen mir 2024 gänzlich unmöglich war, dieses Mal stehle ich mich bei „Devil Whistle Don’t Sing“, dem auf dem Album von Mark Lanegan gesungenen Song, an die Seite der Bühne, immerhin, for my bad smartphone snippet.
Gianni sitzt mit seiner Gitarre am Bühnenrand für eine wunderbare Version von „Everybody Loves A Winner“.
Für The Devils gilt jederzeit: sex is only dirty if you do it right, und das vermitteln sie in stellar performances, auf ihren Alben wie bei ihren Live-Shows. Die dunkle Seite der Gefühlswelt exponiert in der Kulisse eines Horror-Sex-Trash-B-Movies, und in dieser Welt sind sie Perfektionisten. In einem Interview zu „Beast Must Regret Nothing“-Zeiten erzählt Erika, sie sei immer enttäuscht, weil in einem fertigen Song immer nur 5% der Bilder auftauchen, die sie im Kopf hatte. Wenn Erika die anderen 95% aktiviert, gnade uns Gott. Oder der andere. Im Weltbild von The Devils ist der Teufel die Unfähigkeit des Menschen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. „We’re two people who, if they see a crowd, go the other way“ (*).
Neopuritanismus, Cancel Culture, Zensurmaßnahmen, jeder sanktioniert jeden, Kunstfreiheit ist keine Selbstverständlichkeit mehr und Abweichlertum lebt gefährlich: in solchen Zeiten bedeuten The Devils besondere Wohltat. Zwischen dem 28. Januar und dem 28. Februar spielen sie sage und schreibe 31 Konzerte in Italien, Deutschland, Österreich, der Niederlande, Belgien und der Schweiz: wir verneigen uns in Bewunderung und tiefer Dankbarkeit. Lächeln uns nochmal zu am Merch-Stand und nehmen ein von beiden dann signiertes Exemplar von „God’s Got It“ mit. Cut out the middleman, wie Jeordie White mal sagte.
„We wanna get rid of the obsession of reason.“ – Erika Switchblade
„The Devil, it seems, departed from the Mother Superior at 10:45 precisely.“ – The Devils, 1971
Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto veröffentlichte 1917 mit „Das Heilige“ ein Schlüsselwerk der Religionspsychologie, das als überholt gelten mag, sofern man dem Autor ein rein spekulatives, nicht-empirisches Verfahren zuschreibt und dies als Mangel ansieht. Für uns indes empfiehlt sich Rudolf Ottos Werk als bedeutend, weil es nachvollzieht, wie sich an jener ersten Grenze, die den Kosmos strukturiert, ein Psychodrama ereignet, das den Eindruck verstärkt: Weltordnung und Horror are born twins.
Für das ursprünglich Heilige, das eigentlich Innerste aller Religion, das sich in rationalen Aussagen und Begriffen nicht zu vollständiger Klarheit und Deutlichkeit bringen läßt, das zu erschließen ist nur über die Gefühlsreaktion, die es erregt, prägt Rudolf Otto den Begriff des Numinosen.
Für die Urform religiösen Erlebens, diese Begegnung mit einem Unaussprechlichen, sei das Gefühl der schlechthinnigen „Abhängigkeit“, von dem Schleiermacher sprach, eine zu sehr aus dem Subjekt heraus gedachte Bestimmung, die R. Otto durch das „Kreaturgefühl“ (RO 10) ersetzt, das Gefühl des Versinkens und der Nichtigkeit vor einem unsagbar Übermächtigen, als einer Wirkung des Numinosen. Übermacht und Unnahbarkeit des Numinosen, das als objektive Präsenz erfahren wird, bewirken im Erlebenden die Scheu. Scheu ist die primäre Gefühlsbestimmtheit, aus der das Kreaturgefühl resultiert; dasjenige am Numinosen, was mit sinnverwirrender Gewalt erregt, was Ursache und Gegenstand ehrfürchtigen Erschauerns oder verklärter Demut sein kann, wird von R. Otto bezeichnet als Mysterium tremendum (RO 13).
Tatsächlich kann dieses „Grausen und Schauder“ auslösen, tatsächlich geht es um das „Erzittern und Verstummen der Kreatur“ vor dem, „was im unsagbaren Geheimnis über aller Kreatur ist“ (RO 14); mit dem tremendum soll etwas der Furcht Analoges umschrieben sein, das doch „noch ganz etwas anderes ist als Sichfürchten“ (RO 15). Fällt auch der Begriff selbst nicht, geht es doch gerade hier um Horror: als einen durch die erlebte, ja verhängte Grenze zum Übernatürlichen, Heiligen, Numinosen inspirierten Affekt.
Das Mysterium tremendum, das Schauerliche, löst einen Schrecken aus, der genuin verschieden ist von „natürlicher“ Furcht. Bei dieser läßt sich angeben, was gefürchtet wird; was im numinosen Schrecken erschreckt, was in dieser Scheu gescheut wird, läßt sich nicht erfassen. Der erste, aus anderem nicht ableitbare Grundfaktor der Religion ist für R. Otto eben dieses durch nichts Geschöpfliches ausgelöste Grauen: als „erstes Sich-Erregen und Wittern des Mysteriösen“ (RO 17). Daß hier de facto die Rede ist von Horror, wird gerade auch deutlich in der Bemerkung, daß „diese eigentümliche Scheu vor dem ‚Unheimlichen‘ auch eine völlig eigentümliche, bei natürlicher Furcht und Schrecken niemals so vorkommende körperliche Rückwirkung hervorbringt: ‚Es lief ihm eiskalt durch die Glieder‘, ‚mir lief eine Gänsehaut über den Rücken‘. Die Gänsehaut ist etwas ‚Übernatürliches‘.“ (RO 18)
Für R. Otto ist der physiologische Horrorschauer Effekt der numinosen Erfahrung – und nur der numinosen Erfahrung. Der Zustand Horror, hier wird er religiöses Urerlebnis. Engländern sei er bekannt als „(…) ‚awe‘, das nach seinem tieferen und speziellsten Sinne ungefähr auf unseren Gegenstand geht.“ (RO 15) Im Deutschen gibt es Ausdrücke „für die roheren und niederen Entwicklungsstufen dieses Gefühles. Nämlich unser ‚Grausen‘, auch unser ‚Schauer‘ und ’schauervoll‘. Und ‚Erschauern‘ z.B. ‚Erschauern in Andacht‘ bringt uns doch auch das Höhere ziemlich rein zum Anklingen.“ (RO 16)
Nacktes Grauen und vornehmeres Erschauern werden also als Formen religiösen Horrors erkannt. Die „erhabene“ religiöse Scheu hat ihre Vorstufe im „panischen Schrecken“, in der dämonischen Scheu, „mit ihrem apokryfen Absenker, der ‚gespenstischen Scheu‘. Und in dem Gefühle für das ‚Unheimliche‘ hat sie ihre erste Regung.“ (RO 16) Von diesem Gefühl eines Unheimlichen, das in den Gemütern der Urmenschheit auftauchte, „ist alle religionsgeschichtliche Entwicklung ausgegangen.“ (RO 16).
Die Ehrfurcht vor dem Numinosen ist auf ihren höheren Stufen erheblich verschieden von der dämonischen Scheu, doch auch die Götter behalten als numina immer etwas Gespenstisches an sich, auch das Erhabene behält den eigentümlichen Charakter des Unheimlich-Furchtbaren, und dieses Moment verschwindet auch nicht auf der Stufe des Gottesglaubens: „Das ‚Grauen‘ kehrt hier wieder in der unendlich geadelten Form jenes tiefst innerlichen Erzitterns und Verstummens der Seele (…)“ (RO 19)
Auch im erhabenen Erschauern bleibt elementares Grauen. Horror ist schon religiöse Erfahrung, und in jeder religiösen Erfahrung ist noch Horror. Zum tremendum hinzu kommen das Gefühl schlechthinniger Übermacht oder Übergewalt (majestas), und das als „Wirken“ des Numinosen Empfundene, das Moment des „Energischen“, die Bewegtheit und Erregung dieser Übermacht, die z.B. als „Zorn“ gefühlt wird und wiederkehrt in den verschiedenen „Affekten“ mythologischer Gottheiten.
Das eigentliche Mysterium am mysterium tremendum aber, das nicht Tremor (Zittern, Beben, Erschütterung), sondern Stupor bewirke, das „starre Staunen, das ‚völlig auf den Mund geschlagen sein‘, das absolute Befremden“ (RO 29), ist schließlich „das Ganz andere, das aus der Sphäre des Gewohnten, Verstandenen und Vertrauten und darum ‚Heimlichen‘ schlechterdings Herausfallende und zu ihm in Gegensatz sich Setzende, das darum das Gemüt mit starrem Staunen Erfüllende.“ (RO 29)
Drei Symptome religiösen Horrors werden also benannt: der Schauer der „Gänsehaut“, der Tremor und der Stupor. Das vornehmlich Stupor Bewirkende weist menschliches Erkennen gänzlich in die Schranken: das Ganz andere, vor dem es nur das Zurückprallen in erstarrendem Staunen gibt, ist menschlichem Wesen inkommensurabel (vgl RO 31).
Genaugenommen hat dieses Ganz andere, nicht nur bei R. Otto, das Problem, daß seine „Inkommensurabilität“ die Metapher ist für letztmögliche Kommensurabilität. Es kann zu keinem Etwas ein Ganz anderes geben ohne ein letztmögliches gemeinsames Maß; ansonsten liefe es am Etwas schlicht vorbei, es gäbe keinen Bezug mehr zwischen dem Etwas und dem sogenannt Ganz anderen. Insofern ist ein Ganz anderes gar nicht denkbar. Nun behauptet R. Otto auch gar nichts anderes vom Ganz anderen: denkbar ist es nicht, doch es ist. Das Ganz andere ist „ein Etwas, das nicht hineingehört in den Kreis unserer Wirklichkeit“ (RO 32) – das sich aber doch in irgendeiner Form in dieser Wirklichkeit bemerkbar macht, sonst gäbe es keine Wahrnehmung davon und keine Rede von ihm.
Wie ganz anders das Ganz andere sein kann, bestimmt die jeweilige Wirklichkeit. R. Otto nennt das Übernatürliche als das Ganz andere der Natur, das Überweltliche als das Ganz andere von „Welt“; es sind Bezeichnungen „einer eigentümlichen, ‚ganz anderen‘ Realität und Qualität, von deren Eigenart wir etwas fühlen, ohne ihm begrifflich klaren Ausdruck geben zu können.“ (RO 34). Die Grenze, um die es geht, ist stets dieselbe: sie verläuft zwischen einer gewohnten und vertrauten „Wirklichkeit“ und dem, was diese Vertrautheit übersteigt.
Auf allen Stufen der Religion ist nach R. Otto also ein Grundelement vorfindbar, das er „das numinose Gefühl“ (RO 1932, 2) nennt, den sensus numinis (Zinzendorf hatte den Begriff im 18. Jahrhundert verwendet), der den geschichtlichen Ursprung der Religion darstellt. Charakteristisch am Begriff des numen ist das „Schwebende, Indefinibele, Übergreifende, Mysteriöse dieser Bezeichnung“ (RO 1932, 5). Der sensus numinis, als Entsetzen und Scheu, wird durch eine Sinneswahrnehmung aktiviert, ist aber nicht durch diese gegeben: etwas löst Furcht aus, etwas, von dem eine dunkle Vorstellung durch etwas Gegebenes angestoßen, angeregt, „aufgeweckt“, zur Ahnung gebracht wird; der sensus numinis ist Wahrnehmer (und Für-Wahr-Nehmer) der Dinge hinter den Dingen. Das Erschrecken und Erschauern hüllt sich erst nachträglich in Vorstellungen von Geistern und Dämonen und setzt diese nicht etwa voraus; das Erschrecken und Erschauern bricht spontan hervor, als Erlebnisart, die auch weit elementarer sei als jede „Seelen“- oder „Mana“-Vorstellung. Das heißt, auch R. Otto lehnt sowohl die Theorie des Animismus ab, nach der aus den Vorstellungen von „Seelen“ die Vorstellungen von Geistern, Dämonen und Göttern entstanden seien, als auch die Theorie des Präanimismus, nach der es vor allen Seelenvorstellungen die Annahme einer magischen Kraft (mana) gab, die zunächst an einzelnen Dingen, dann als eine einheitliche vorgestellt wurde. Das Unheimliche, das Übernatürliche, das mächtige „Ganz andere“: all dies provoziert nach R. Otto elementares Grauen, bevor es die Vorstellungen von „Beseeltheit“ oder magischer Kraftwirkung gibt; es ist Grauen vor einer ganz anderen Seinsweise schlechthin, ein dunkel gefühlter Vorstellungsinhalt, der sich erst später zu konkretisieren beginnt. Das numinose Gefühl spürt, mit einem Wort, „a presence“ (RO 1932, 68); eine fremde, seltsame Wesenheit, die ihm Entsetzen und Scheu einflößt, weil ihre Präsenz die Grenze des „Natürlichen“ überschritten hat.
An der Gespensterfurcht ist nicht so wichtig, daß man in ihr den „apokryfen Absenker“ und in der Gespenstergeschichte eine Art Abfallprodukt des numinosen Gefühls sehen muß, sondern daß sie den Reiz verdeutlicht, der vom Ganz anderen ausgeht. Was das Lustgefühl an der Gespenstergeschichte ausmache, sei nicht, das Gespenst am Ende wieder loszuwerden; der Reiz sei vielmehr das Gespenst selbst, als Mirum und Wunderding, als etwas, das es eigentlich gar nicht gibt, als Ganz anderes; der Reiz ist die Lust an der numinos aufgefaßten Macht selbst.
So gibt es neben dem tremendum als dem schreckenden und abdrängenden Moment des Numinosen auch ein anziehendes, gar zusichreißendes Moment, ein Faszinierendes, mit dem es in „seltsame Kontrastharmonie“ (RO 39) tritt: das fascinans des Numinosen. „Diese Kontrast-Harmonie, dieser Doppelcharakter des Numinosen ist es, für den die ganze Religionsgeschichte zeugt“ (RO 39). Das Dämonische, das Göttliche, das Numinose ist zugleich grauenvoll-furchtbar und lockend-reizvoll. Mit dieser „Kontrast-Harmonie“ – Erstarren, Zurückschrecken, Erschauern, in dem zugleich Hinwendung liegt – exponiert Rudolf Otto die dem Zustand Horror elementare Ambivalenz.
In dämonischer Scheu allein gebe es keine positive Hinwendung zum numen. Das Mysterium könne als beseligend erfahren werden, weil im fascinosum ein (religiöses) Sehnsuchtsgefühl zum Tragen kommt. Zum einen geht dies in die Richtung des von R. Otto dann proklamierten sensus numinis, eine in den irrationalen Sphären des Menschen erregbare Kapazität der Reaktion auf das sich offenbarende Ganz andere; zum anderen spräche dies aber auch dafür, daß ein Verlangen nach Ohnmacht vor dem Übermächtigen existiert, das Entzücken des Versinkens in die Nichtigkeit vor der majestas, eine Lust am Überwältigtwerden und Sichausliefern. Unterstrichen wird ausdrücklich „das Dionysische der Wirkungen des numen“ (RO 39). Dionysisch ist gerade das Zulassen der Überschreitung, in der die Grenzen der Identität sich lösen.
R. Otto zieht Parallelen zwischen dem Numinosen und dem im 18. Jhdt. entwickelten Begriff des Erhabenen: auch das Erhabene wirke abdrängend und anziehend zugleich, demütigend und zugleich erhebend, das Gemüt zugleich einschränkend und es über sich hinaus tragend, Schrecken wie Beglückung auslösend. Das Erhabene ist ein Reiz, den das ihm vorausgehende religiöse Gefühl ermöglicht; das aus keinem anderen Gefühl ableitbare religiöse Gefühl, der sensus numinis, hat den Sinn für das Erhabene entbunden. Dem Zustand Horror wird hier also, als Urgrund aller religiöser Erfahrung und als Symptom für das Erlebnis des Erhabenen (in der Tat sprach englische Philosophie vom Erhabenen als delightful horror), höchste Signifikanz sowohl für den Bereich der Religionswissenschaft als auch für den Bereich der philosophischen Ästhetik zugesprochen.
Twitchell erinnert an das von R. Otto Entwickelte wie folgt: „Otto (…) argued that it is from this shiver (‚daemonic dread‘) that the visionary and mystical experience (‚mysterium tremendum‘) emanates.“ (Twitchell 1985, 11). „Daemonic dread“ ist bei R. Otto zwar die erste Stufe im Erleben des Numinosen, doch emaniert das Gefühl für das Numinose nicht aus dem „shiver“. Twitchell biegt hier R. Ottos Gedankengang seiner eigenen Prämisse entsprechend um, nach der Horror primär eine physiologische und allenfalls sekundär eine numinose Erfahrung sei (vgl. Twitchell 1987, 43); R. Otto geht indes gerade vom objektiv gegebenen Numinosen aus; das einbrechende Ganz andere bewirkt den Schauer, keineswegs wird aus dem Schauer erst die religiöse Erfahrung abgeleitet. Twitchell macht die von R. Otto gegenüber Schleiermacher vorgenommene Umkehrung der Erlebnisrichtung also wieder rückgängig.
Das Numinose beugt und zwingt als äußere Macht das Innere des Menschen; sobald aus dem gefühlten Überwältigtwerden durch Übermächtiges die Anerkennung der äußeren Macht durch ein sich beugendes Inneres wird, entsteht das Heilige. So wie Horror noch im „erhabenen“ religiösen Gefühl präsent ist, so ist schon im „primitiven“ religiösen Gefühl das Heilige präsent: schon „primitive“ Götterbilder und -schilderungen vermögen durch den Ausdruck des Gräßlichen und entsetzlicher Fürchterlichkeit „echte Gefühle echter religiöser Scheu“ (RO 77) hervorzurufen und höchste Heiligkeit auszudrücken eben durch die Form der Fürchterlichen, die auf anderen Entwicklungsstufen dem Darstellungsmittel des Erhabenen weiche.
Es gibt also ein nur allmählich und nacheinander sich vollziehendes Auftauchen und Wachwerden der einzelnen Momente des Numinosen. Was unverständlich und schreckend hineinfuhr in den Bereich menschlichen Handelns, hat von jeher Dämonenfurcht geweckt; der daimon ist nach R. Otto ein „Vorgott“, eine niedere Stufe des numen, aus der allmählich der „Gott“ hervorgeht; parallel zum Übergang von daimon zu theos wird „Grauen (…) zum heiligen Erschauern“ (RO 132). Keine heilige Scheu ohne Horror zwar, aber je weniger Horror in der heiligen Scheu, um so mehr entsteht Andacht. In allem aber, woran Religion sich knüpft, bleibt ein Fremdes, Unnahbares, das Ganz andere.
R. Otto hält das Empfinden des Numinosen als seelisches Urelement fest. So wie nach Kant Erkenntnis mit Erfahrung anhebt, aber nicht aus ihr entspringt, so wird der sensus numinis durch Anregung aktiv, existiert jedoch nicht aus ihr; er ist apriori Angelegtes. Das Gefühl des Unheimlichen ist letztlich unableitbar, und durchaus mag die Gefühlsintensität dem eigentlichen Anlaß gegenüber unangemessen sein. Aber dämonische Scheu ist weder Autosuggestion noch völkerpsychologischer Alpdruck, sondern Erstregung aller religionsgeschichtlichen Entwicklung.
Nicht im Seelenglauben, sondern gerade auch im archaischen Ausgesetztsein des Menschen, der sich einem „natürlichen Lebensraum“ durch Bewußtwerdung entfremdet, sieht R. Otto den Ursprung der Tiefe des Grauens vor den numina: „Das numen, das im geheimnisvollen Grauen der Höhlen und Grotten, dieser weltweiten und allmenschlichen Anreger und Geburtsstätten der ‚Scheu‘, dämmert, das Numen der Einöden und grauenhaften Stätten, der Berge und Klüfte, der ‚haunted places‘, der wunderlichen und auffallenden Natur-erscheinungen wird nur mit Gewalt auf Seelen-vorstellungen, ja auf irgendeine klare Vorstellung überhaupt bezogen“(RO 1932, 39).
Wenn der biblische Jakob spricht: Wie schauerlich ist diese Stätte, dies ist Elohims Wohnsitz (1 Mose 28,17), dann enthalte der erste Teil dieses Satzes „den numinosen Urschauer selber“, der hinreichte, um heilige Stätten auszuzeichnen, sie zu Plätzen scheuer Verehrung und des Kultes zu machen, auch ohne „diesen Eindruck des Schauervollen aufzulösen in die Vorstellung eines numen, das dort hause, oder ohne daß das numen ein nomen ward“ (RO 151). Der zweite Satzteil ist dann die reflektierte, konkrete Deutung jenes Urerlebnisses. Ein Satz wie „Es spukt hier!“ hat auch noch „gar kein rechtes Subjekt“ (RO 151), ist vielmehr „nur rein ein Ausdruck des Gefühles des Unheimlichen selber“ (RO 151 ff,)
Der frühe Mensch findet das Heiligtum in der Natur vor: der heilige Wald, der heilige Berg usw. Das numinose Elementarerlebnis findet „schauervolle“, „heilige“, vom numen besessene Stätten auf. 1 Mose 28,17 oder 2 Mose 3 (der Dornbusch) berichtet von Stätten, die „haunted“ sind, an dem ein „Jenseitiges“, ein Schauerliches sich verdichtet zum numen loci – Stätten, „an denen ‚es nicht richtig ist'“ (RO 152). Und das Erschauern im Halbdunkel heutiger Heiligtümer habe „eine letzte Verwandtschaft mit der ‚Gänsehaut‘, deren numinosen Charakter wir früher erwogen haben“ (RO 153) – mit dem Horror also. Das Gebet ist die Fortsetzung von Grauen und Schrecken auf anderer Ebene.
Rudolf Otto schärft den Blick dafür, daß Horror zugleich Erschauern vor dem Untergang und lustvoller Schauer der Erwartung ist, Grauen und Faszination, das Zugleich von Zurückschrecken und unwiderstehlicher Anziehung. Der psychophysische Erregungszustand Horror bestätigt sich als Elementarerlebnis an einer Grenze: als Grenzerfahrung am Ganz anderen, Unheimlichen, an der erlebten Grenze zum Numinosen, Übernatürlichen, Überweltlichen oder der gezogenen Grenze zum heiligen Raum. Der ehrfürchtige Schrecken hält zurück, ist hemmend und restriktiv, doch zugleich auch „erhebend“, insofern der fasziniert Schaudernde über sich hinaus, an eine Grenze und über sie hinaus getragen wird.
Virulent wird der Zustand Horror demnach an der elementaren Grenze, die das „Übernatürliche“ als Erlebnis von der „natürlichen“ Lebenssphäre abtrennt; sie ist die „Rauheit“ in der Wahrnehmung, die zugleich stasis und ekstasis bewirkt, Erstarrung und Ekstase. Horror ist eine Variante von Plessners Deutung menschlicher Existenz als Exzentrischer Positionalität insofern, als sowohl die Positionalität, die Gesetztheit eines Körperlichen, das Gebanntsein in eine Existenz innerhalb dieser positionierenden Grenze, und die Exzentrizität, das Über-die-Grenze-des-Körpers-hinaus, extreme Potenzierung erfahren. Und diese Variante ist eine veritable Zerreißprobe: das fascinans saugt die Identität geradezu aus ihrer Positionalität, während das tremendum den Körper festnagelt.
Das Ganz andere, das Grauen auslöst, awe, Scheu, Gänsehaut, Horror, heiliges Erschauern, Ehrfurcht, wirkt wie ein aufgerichtetes Grenzzeichen mit der Inschrift: Von hier an Ende der „normalen“ und „natürlichen“ Wirklichkeit. Das solcherart, einer Aufrichtung gleich, Herausgehobene, „das absolut Inkommensurable des Heiligen“ (Van der Leeuw 1957, 195), diktiert sich als Grenze zum Außerordentlichen, diktiert einen permanenten Zusammenhang von Grenze und Horror, diktiert die unvergängliche schreckliche Lust am Ganz anderen. Das von R. Otto formulierte Zugleich von tremendum und fascinans verdeutlicht, welch extreme Dynamik dem Erstarren des Horrors innewohnt. Starrheit, in der keine Bewegung mehr ist, wird eher durch rigor angezeigt – rigor mortis, letzte Erstarrung. Horror ist heftigste Emotion bei blockierter Lokomotion, als „full-passioned fixity“ und als „static turbulence“ (Twitchell 1985, 10 u.11). Horror ist keine gewöhnliche Furcht, sondern ein potentiell ekstatischer Zustand, ein Ausnahmezustand nahe am Außersichsein. Das Zugleich von tremendum und fascinans bedeutet Kopräsenz von Erstarrung und Hinwendung, Schrecken und Lust, Panik und Genuß.
Durch die im Horror gesetzte Grenze wird das Jenseits der Grenze zur tatsächlichen oder zur drohenden Zufügung, wird das plötzliche Erscheinen des (Ganz) Anderen zum tatsächlichen oder drohenden Übergriff, und doch ist das Bedrohende, Abstoßende zugleich ein Anziehendes, ist an der Schwelle der ekstatische Wunsch des Über-sie-hinaus. Das von jenseits der Grenze her Übergreifende und Zufügende provoziert die „faszinierte Vermeidung“; die Grenze wird zur Schwelle und die Schwelle zum Zustand der Ambivalenz. Was jenseits der Schwelle liegt, entfernt, unvereinbar, fremd, im Widerspruch, verboten – der heilige Raum ist auch der verbotene Raum – und bedrohlich, ist doch zugleich durch die Schwelle nah, in Beziehung, unwiderstehlich und ersehnt. Der Zustand Horror als fasziniertes Grauen an einer elementaren ontologischen Rauheit, die zum Grenzerlebnis zwingt, erfährt in seiner Ambivalenz durch das Phänomen der Grenze selbst kaum Besänftigung; vielmehr ist die Grenze selbst ein paradoxer Ort, eine genuine Ambivalenz: jede Grenze leistet Abgrenzung, aber keine Grenze leistet nur Abgrenzung.
John Martin [1789 – 1854]: Trees
Literatur:
Otto, Rudolf: Das Heilige, 4. Auflage Breslau 1920 (Erstveröff. 1917). (= RO) Otto, Rudolf: Das Gefühl des Überweltlichen (Sensus numinis), München 1932. (= RO 1932) Rilke, Rainer Maria: Die Gedichte, Frankfurt am Main und Leipzig 2006. Twitchell, James B.: Dreadful Pleasures – An Anatomy of Modern Horror, New York/Oxford 1985. Twitchell, James B.: Forbidden Partners: The Incest Taboo in Modern Culture, New York 1987. Van der Leeuw, Gerard: Vom Heiligen in der Kunst, Gütersloh 1957.
How beautiful she was. Und wie traurig. Das Lied vom einsamen Mädchen: Estella Blain, geboren als Micheline Estellat am 30. März 1930, Tochter einer Familie baskischen Ursprungs, verbringt ihre Kindheit im Montmartre-Viertel, in der Nähe der Pathé-Studios in der rue Francoeur, sieht dort fasziniert die Künstler kommen und gehen, singt nach dem Krieg in Pariser Terrassencafés, nimmt Schauspielunterricht, aus dem Traum wird ernste Berufung, 1953 spielt sie im Théâtre du Grand-Guignol neben Michel Piccoli, dreht noch im selben Jahr ihren ersten Film, blondiert ihr Haar, heiratet den jungen Schauspieler Gérard Blain, das schüchterne Mädchen wird zum Star, orientiert sich in Kleidungsstil, Frisur und Make-up an den Hollywood-Schauspielerinnen der 1950er, der Glamour verdeckt das Trauma der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie aufwuchs. Scheidung von Blain 1956, doch sie behält den Namen. Sie heiratet ein zweites Mal, sie hat einen Sohn. Sie ist Madame de Montespan in „Angelique und der König“. Sie dreht über 20 Filme in 15 aufregenden Jahren. Und erlebt dann, wie andere Idole die Fantasie der Öffentlichkeit bewegen.
Als sich in den 1970ern Produzenten und Regisseure nicht mehr für sie interessieren, kehren die Dämonen der Kindheit zurück, ihre Zerbrechlichkeit, Empfindsamkeit und Melancholie wandeln sich in Depression. Als der Sohn sein eigenes Leben zu leben beginnt, fühlt sie sich allein, elend, nutzlos.
Am Neujahrstag 1982 findet man sie am Strand in der Nähe ihres Hauses in Port-Vendres im Département Pyrénées-Orientales. Sie hat sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Für ihre letzte Reise wird ihr Körper nach Toulouse gebracht, im Beisein zahlreicher Künstler und Filmschaffender wird ihr Leichnam im Krematorium Cornebarrieu eingeäschert.
1967 oder 1968, die tragische Schönheit singt die Einsamkeit.
„Miss Muerte“ / „The Diabolical Dr. Z“, 1965, einer der Hauptgründe für Orson Welles‘ Begeisterung für Jess Franco.
Originally titled Miss Muerte („Miss Death“), this is one of Franco’s best movies. It was supposedly based on a novel by „David Kuhne,“ but it owes its essential plot to Cornell Woolrich’s novel THE BRIDE WORE BLACK, which Francois Truffaut would film two years later. THE DIABOLICAL DR. Z opens with the death of Dr. Zimmer, another Orloff disciple whose disfigured daughter (Mabel Karr) seeks revenge on the Medical Board responsible for shaming him into a fatal coronary. As the instrument of her vengeance, she employs an exotic dancer named Miss Death (Estella Blain), whom she brainwashes with a sadistic acupuncture machine and sends out into the male world with a translucent danceskin and poisoned fingernails. Franco himself plays the rather large supporting role of a police inspector, unable to sleep since becoming a father; his partner in detection is played by Daniel White, who composed the scores for many of Franco’s films.
Franco co-wrote this kinky melodrama with Jean-Claude Carrière, an unsung specialist in fetishistic storytelling who also scripted several of Luis Bunuel’s last films, like DIARY OF A CHAMBERMAID (1969) and THAT OBSCURE OBJECT OF DESIRE (1977). As embodied by Blain (who committed suicide in 1981), Miss Death is one of the most lethal divinities of European horror. Beautiful black-and-white photography suffuses the visuals with an unnerving, silvery, surgical sheen.
Tim Lucas, Horrotica, The Sex Scream of Jess Franco
Jesús Franco’s The Diabolical Dr. Z (1966) is a heady, atmospheric venture that stands out among the director’s works as one of his most striking films. With its singularly captivating female antagonist and a plot thick with gothic flair, Dr. Z was groundbreaking in several ways. The film presents a unique departure from traditional horror tropes, challenging the norms with a woman leading the charge into villainy, a rarity for its time and an element that adds to its enduring fascination.
[surgeonsofhorror.com, 2024]
In einem Interview sagte Jess Franco einmal, wenn er nur drei Filme aus seinem Werk für die Nachwelt erhalten dürfte, würde er sich für Succubus, Venus in Furs und The Diabolical Dr. Z entscheiden.